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Full text of "Wörter und Sachen"

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WÖRTER  UND  Sachen 

KULTURHISTORISCHE   ZEITSCHRIFT 
FÜR  SPRACH-  UND  SACHFORSCHUNG 


HERAUSGEGEBEN  VON 


R.  MERINGER 


W.  MEYER-LUBKE 


R.  MUCH 


J.  J.  MIKKOLA 


M.  MURKO 


BAND   I 

MIT   175   ABBILDUNGEN    UND    2    KARTEN 


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15 

S 

„Sprachforschung,  der  ich  anhanffc  und 
VOM  der  ich  ausgehe,  hat  mich  doch  nie  in 
der  Weise  befriedigen  können,  daß  ich  nicht 
immer  ^ern  von  den  Wörtern  au  dem  Sachen 
gelangt  wäre." 

yakob  Grimm. 


HEIDELBERG  1909 
CARL   WINTER'S    UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 


Verllgs-Archiv  Nr.  303. 


Germany 


Inhaltsverzeichnis. 


Seite 

Vorwort 1 

R.  Meringer,    Die   Werkzeuge   der  /«wsere- Reihe    und    ihre    Namen    (Keule,    Stampfe, 

Hammer,  Anke).     Mit  35  Abbildungen 3 

W.  Meyer -Lübke,  Romaniscli  BAST- • 28 

R.  Much,  Holz  und   Menseli 39 

W.  Passier,  Ethno-geographiselie  Wellen  des  Sachsentums.     Ein  Beitrag  zur  deutschen 

Ethnologie.     Mit  Karte 49 

R.  M.  Meyer,  Isolierte  Wurzeln 58 

J.  Strzygowski,    Der   sigmaförmige  Tisch    und    der    älteste  Typus   des    Refektoriums. 

Mit  11   Abbildlangen 70 

Th.  Bloch,  Über  einige  altindische  Göttemamen 80 

L.  Wenger,  Sprachforschung  und  Rechtswissenschaft 84 

J.  Janko,    Über    Berührungen     der    alten    Slaven    mit    Turk<jtataren    luid    Germanen 

vom  sprachwissenschaftlichen  Standpunkte 94 

Etymologien 109 

siov.  suzenj  «Sklave',  muka  •Marter«  von  M.  Murko-     Tenuare  im  Rumiinisclien  von  S.  Puscariu.  Filis. 
batscMamia  «pigna-,  sopras.  guotta  •chiodo-,  vic.  vor.  pindola  «bietta'  von  C.  Salvioni. 

Literatur 115 

W.  O-  streng,  Haus  uml  Hof  im  Französischcu.    Angezeigt  von  W.  Meyer- Lübke. 

J.  R.  Bunker,  Das  Bauernliaus  der  Gegend  von  Köflaeli  in  Steiermark.     Mit  47  Text- 

.•ibliildungen 121 

R.  Meringer,  Sprachlich -sacliliclie  Probleme.     Mit   40  Abbildungen 164 

1.  Zu  den  Werkzeugen  der  pimere ■'ReWw 164 

2.  Zu  den  Werkzeugen  der  molere  YxvWw.        165 

3.  Die  Urbedeutung  von  got.  (janisan.  \io]xa\  usw 168 

4.  Zur  Duenos- Inschrift     .     .  ' 173 

5.  Die  l'rbedeutung  von  ffTTtvbai,  spondco 177 

6.  Zum  vertieften  Tische 181 

7.  Deutsch  Brücke ' 187 

8.  Lat.  pons  und  seine  Si])pe 192 

9.  Zum  verehrten  Pflock 199 

10.   Schlußwort 204 

R.  Meringer,  Prähistorische  Rinnensteine.     Mit  2  Ab))ildungen 210 

W.  Meyer-Lübke,  Zur  (lesehiihte  der   Dreschgeräte.     Mit  40  Abbildungen  und  Karte  211 

Wörterverzeichnis        245 

Sachverzeichnis 258 


Verzeichnis  der  Abbildungen. 


Nr.  Seite 

Melilbereilunp  bei  ilen  Ägyptern    ....  1  4 

Mehlbereitung  bei  den  Griechen    ....  2  5 

Ein  liölzerner  steirischer  Mörser     ....  3  7 

Ein    ungarischer  Holzniörser  samt  Stöläel  4  7 

Finnische  Holzmörser 5 — 8  7 

Ein  Stamperl S)  8 

Die  huzulische  Stupa 10  8 

Eine  wotjakische  Stampfe 11  9 

Eine  Kohlcnstampie   des  16.  Jahrhunderts  12  9 

.Stampfe  zum  Erzpochen.    10.  .lahrliundert  13  9 

Trockeni)och\verk.     19.  Jahrhundert  ...  14  10 

Naßpoclnverk.     19.  Jahrhundert       ....  15  10 

Eine  heutige  einfache  Lohstampfe     ...  16  11 

Koreanerin  beim  Reisstampfen 17  12 

Kaschubische  Graupenmühle 18  12 

Anke  und  Stofsel.     Steiermark 19  13 

Stampfen  des  Feldspats  für  Poizellanfabri- 

kation  in  China 20  13 

Ostasialische  Anke  zum  Schroten  ....  21  14 
Mühle    des    17./18.    Jahrhunderts.       Vorn 

eine  Anke 22  14 

Eine  huzulische  Anke 23  15 

Anke  bei  den  ungarischen  Slowenen     .    .  24  15 

Steirische  Anke      25  15 

Steirische  Anke     2(1  16 

Steirische  Hirsestampfc 27  16 

Kleine  .steirische  Anke  zum  Schroten  und 

Ölpressen 28  16 

Schmiede  mit  Eisenhammer.     16,  Jahrhun- 
dert    29  17 

Französischer  Eisenhammer.    18.  Jahrhun- 
dert    30  17 

Steirischer  Eisenhammer 31  ]8 

Steirischer  Eisenhammer 32  18 

Kon.slruktiüneinesmodernen  Eisenhammers  33  19 
Die  Mahlvorrichtungen  des  Plans  von  St. 

Gallen 34  23 

Rekonstruktion  der  Anken  des  Plans  von 

St.  Gallen 35  24 

Ethno- geographische  Wellen  des  Sachsen- 

tums  (Karte) 57 

Koptischer  Grabstein  in  Kairo 1  70 

Arabischer  Grabstein  in  Damaskus    ...  2  71 

Koptische  Altarplalten 3  72 

Reliefplatte  in  Agram 4  73 


Nr.  Seite 
Athos,   Kloster   Lawra:    Innenansicht   der 

Trapeza 5  74 

Athos,  Kloster  Lawra :  Grundrifs  der 'frapeza  6  75 
Kloster    Dau    in    Attika:    Die    hexagonale 
Kirche  und   das  Refektorium   mit    13 

Tischen 7  76 

Athen,  Kloster  Daphni :  Kirche  und  Refek- 
torium       8  77 

Ravenna,    S.  ApoUinare    nuovo:     Mosaik 

des  Abendmahls 9  78 

Bauriß  von  St.  Gallen:  Refektorium  ...  10  80 
Bauriß  von  St.  Gallen:  Schema  des  Refek- 
toriums bei   Weglassung   der  beweg- 
lichen Bänke 11  80 

Plan  der  Hofstätte  vom  Kliegl-Gute     .    .  1  122 

Das  Kliegl-Haus,   Vorderseite 2  123 

Das  Kliegl-Haus,  Rückseite 3  123 

Grundriß    des    Erdgeschosses    des    Kliegl- 

Hauses 4  124 

Grundriß  des  Dachraunies  des  Kliegl- Hauses  5  124 

Herd  im  Kliegl -Hause 6  126 

Stadel  beim  Kliegl-Haus 7  130 

Stadel  beim  Kliegl-Haus,  Erdgeschoß    .    .  8  130 

Stadel  beim  Kliegl-Haus,  Obergeschoß      .  9  131 

Stadel  beim  Kliegl-Haus,  Dachraum     .    .  10  132 

Knechtkammer  beim  Kliegl-Haus  ....  11  133 

Kliegl,  Knechlkanimer,  Erdgeschoß    ...  12  133 

Kliegl,  Knechtkammer,  Obergeschoß      .    .  13  134 

Das  Hübler- Haus 14  134 

Wohngeschoß  des  Hübler -Hauses  ....  15  135 

Das  Alpen  bauer- Haus 16  136 

Grundriß  des  Alpenbauer -Hauses  ....  17  136 

Das  Schriebt -Hau.^  .samt  Stadel IS  138 

Grundriß  des  Schriebt -Hauses 19  138 

Das  Jud-Haus 20  139 

Wohngeschoß  im  Jud-Hause 21  140 

Das  Engelbauer -Haus 22  141 

Grundriß  des  Engelbauer- Hauses  ....  23  142 

Das  Feilbauer- Haus 24  143 

Grundriß  des  Feilbauer- Hauses 25  143 

Das  Blüml-Jörgl-Haus 26  145 

Grundriß  des  BlOml-Jörgl-Hauses     ...  27  145 

Aufriß  der  Giebelseite  des  Ziri- Hauses     .  28  146 

Aufriß  der  Hauptfront  des  Ziri -Hauses    .  29  147 

Grundriß  des  Ziri- Hauses 30  147 


Verzeichnis  der  Abbildungen. 


Nr.  Seile 

Das  Lange  Wegger-Haus 31  149 

Grundrifj  des  Langen  Wegger- Hauses  .    .  3^  I  i'.J 

Das  Hofameser-Haus X)  löl 

(irundriß  des  Hofanieser- Hauses    ....  M  l^>-2 

Das  König- Wirtshaus  in  Köflaeh    ....  I!.5  ITA 

Das  König- Wirtshaus,  Erdgescholi     .    .    .  :!(j  1.5.5 

Das  König- Wirtshaus,  Obergeschoß  ...  37  1.5.5 

Das  Sleiner-Sclmeider-Haus 3S  157 

Das  Steiner- Schneider- Haus,     Erdgeschoß  3((  1.5s 

Das  .Steiner-Silnieider-Haus,  Obergeschoß  40  1.5.S 

Die  Hochbundschuli-Keusclie 41  159 

Grundriß  der  Hochbundschuh-Keusclie     .  42  lliO 

Die  Reinthaler- Keusche 43  lül 

Grundriß  der  Reintlialer  Keusdie      ...  44  101 

Die  Schriebl-Keusche 45  1(12 

Die  Schriebl-Keusche,  Erdgeschoß      ...  4ü  1G2 

Die  Schriebl-Keusclie.  01)eigcsch()ß    ...  47  \i'<i 

Lettische  Mörser 1  —  3  l(j4 

Lettische  Kornstampfe 4  105 

Polnische     Stampfe     zur     Bereitung     der 

Gerstengraupe 5  KiG 

l'ülnische  Handnudile (i  Kjlj 

Eine  lettisclie  Handniühle  samt  Jk'hlkasten  7  l(i7 

Indische  Reisanlie 8  KiS 

Handiuühle  im  Westergötland 9  109 

Agyptisclie   Dienerin    Korn    malilend.    um 

den  Toten  damit  zu  versorgen  .    .    .  10  170 

Getreideiuahlen  in  Südaliilia 11  171 

l'hallische  Gesichtsurne.     Vorderseite    .    .  12  175 

l'hallische  Gesichtsurne.     Rückseite   ...  13  175 

l'liallisclie  Gesichlsurne.     Seitenansicht     .  14  175 
Bruchstück   einer  römischen  Gesichtsurne 

mit  l'liallus 15  170 

Bretterverhindungen 10  179 

Der  lettische  Ptlug 17  ISO 

Eine  ägyplLsche  Altarplatto 18  183 

.Ägyptischer  Totentisch 19  184 

Ägyptischer  Totcntiscli i>0  185 

Bosnisches  Badegetaß 21  185 

Ägyptisches  Iklief.     Der  Tote  vor  dem  be- 
setzten Tisch 22  ISO 

Ägyptisches   ReUef.     Der   Tote    vor   dem 

Tisch  mit  Blumen-  und  Wasserget'äß  23  ISO 

Christus  auf  der  Kelter 24  187 

Ein  2'  2  Kilometer  langer  Prflgehveg  im  leh- 
migen Boden  bei  Lannach  in  Steiermark  25  188 
Ein  Priigclweg  in  Ingermannland    1015    .  20  189 

Ausseer  Haus  mit  «BriUki» 27  190 

Vogesenliolzprügelweg 28  191 

Gedeckte  Harte  aus  Nötsch  im  Gailtale     .  29  193 
Eine  Scheune  mit  einer  in  den  Dachraum 

führenden  Brücke 30  194 

Die  ol)ere  Brücke  von  vorn  gesehen     .    .  31  195 

Die  oliere  Brücke  von  der  Seite    ....  32  190 

Mykeniscbe  Gcnuije 33  197 


Kr.  i^'Ae 

Baetylischer  Oplertisch,  restauriert    ...  :J4  198 

Baetylischer  Altar .35  199 

iMykenischer  Goldsiegehing .30  2fK) 

Mykeni.scber  Goldsiegelring 37  2(J(J 

Mykenisclies  Siegel  aus  Speckstein     ...  38  201 
Versuch  der  Rekonstruktion   eines   myke- 

nischen  Pfahlheiliglums 39  202 

Versuch  der  Rekonstruktion    eines   niyke- 
nischen    Heiligtums    mit   Pflock    und 

Baum  ; 40  203 

Serbischer  Rinnenstein 1  210 

Bulgarischer  Rinnenstein 2  211 

Drescliende  Ochsen  aus  Alt-.Ä^ypten     .    .  I  213 

Ein  Dreschstein  aus  Lecce  (Apulien)     .    .  2  210 

Ein  Dreschstein  aus  Reggio-Emilia    ...  3  21t> 

Syrische  Dreschlafel  aus  Aleppo     ....  4  218 

Dreschstein  aus  S.  Marco  in  Lancis  ...  5  219 

Der  Grattacase  aus   S.  Giovanni  Rotondo  0  219 

Dreschtafel  aus  Braganza 7  220 

Drcschtafel  aus  (Zypern 8  220 

Der  Ixiltiloio  aus  Imola 9  223 

.Ägyptischer  Dreschwagen 10  223 

Dreschwagen  aus  Urdona  (Süditalien)    .    .  11  224 

Pieniontesischer  Dreschwagen 12  224 

Italienische  Drcschwalze 13  225 

l'roHl  des  piemontesischen  rübat    ....  14  225 

Dreschwalze  aus   Reggio-Emilia 15  22.5 

l'rolil  der  alessandrinischen  rabäta    ...  10  220 

Provenzalische  Dreschwalze 17  220 

Die  trihhietta  in  Luco  nei  Marsi     ....  18  227 

Chuaton  a  battre l'.t  229 

Maniement  du  chuaton 20  229 

Chuaton  aus  Leysin 21  229 

Die  Mazza  aus  Trapani 22  230 

Zillertaler  Bengel 23  231 

Der  engadinische  pd 24  231 

Trask  aus  Strona  (Novara) 25  231 

Engailinischer  Flegel 20  234 

Pieniontesischer  Flegel 27  234 

Walliser  Flegel 28  2.34 

Frustu-Flegel 29  234 

Frei  burger  Flegel 30  234 

Braunschweiger  Flegel 31  234 

Flegel  aus  S.  Pol  (Pikardie) 33  2;U 

Mecklenburger  Flegel 33  2;U 

Flegel  aus  Fondo  im  Xonstal 34  235 

Pieniontesischer  Flegel 3.5  2X» 

Genter  Flegel 36  235 

Die  .Mazzafrusta  aus  Luca  nei  Marsi     .    .  37  'iXt 

Russischer  Dreschflegel 38  ä:V> 

Mosaik  .1US  der  Kapelle  von  Prilz  bei  Laval 

(Mayenne) 39  2as 

Mosaik  aus  der  Kathe«lni  von  Aosla     .    .  44t  242 
Die  Verteilung   der  Ausdrücke   lür  Flegel 

iu  Frankreich 243 


Digitized  by  the  Internet  Archive 

in  2009  with  funding  from 

University  of  Toronto 


http://www.archive.org/details/wrterundsachen01heid 


Vorwort. 


Unsere  Zeitschrift  soll  mit  keinem  bereits  bestehenden  Unternehmen  in  Wettbewerb 
treten.  Wir  wollen  nur  den  Raum  und  die  richtigen  Existenzliedingungen  für  sprach- 
lich-sachliche Arbeiten,  wie  sie  in  den  letzten  Jahren  auf  verschiedenen  Gebieten  zutage 
getreten  sind,  schaffen. 

Nach  einer  Periode  heilsamer  Beschränkung  der  sprachlichen  Studien  auf  die  Er- 
forschung der  lautlichen  \^eränderungeu  scheint  die  Zeit  gekommen  zu  sein,  den  Wort- 
bedeutungen, den  „Sachen",  wieder  mehr  Aufmerksamkeit  zu  schenken.  Unter  Sachen 
verstehen  wir  nicht  nur  die  räumlichen  Gegenstände,  sondern  ebensowohl  Gedanken, 
Vorstellungen  und  Institutionen ,  die  in  irgendeinem  Worte  ihren  sprachlichen  Aus- 
druck finden. 

Jede  Philologie  kann  auf  einzelne  überzeugende  Etymologien  hinweisen,  die  aus 
der  Kenntnis  der  Sachen  entsprungen  sind.  Daß  man  trotzdem  nicht  schon  längst  für 
alle  Etymologie  überhaupt  das  Herbeiziehen  der  Geschichte  der  Sachen  verlangt  hat, 
ist  in  dem  fast  ausschließlicheu  Interesse  begründet,  das  die  letzten  Dezennien  den 
«Lautgesetzen»  zuwandten. 

Diese  Beschränkung  entspricht  nicht  den  Tatsachen:  Mit  vielen  Anderen  sind  wir 
überzeugt,  daß  Sprachwissenschaft  nur  ein  Teil  der  Kulturwissenschaft  ist, 
daß  die  Sprachgeschichte  zur  Worterkliirung  der  Sachgeschichte  brdarl',  sowie  die  Sach- 
geschichte, wenigstens  für  die  ältesten  Zeiten,  der  Sprachgeschichte  nicht  entraten  kann. 
Wir  glauben,  daß  in  der  Vereinigung  von  Sprachw^issenschaft  und  Sachwis- 
senschaft die  Zukunft  der  Kulturgeschichte  liegt. 

Aber  diese  Vereinigung  ist  vorläufig  ein  Ideal  und  ist  heute  noch  nicht  immer 
zu  erreichen.  Die  Geschichte  der  ,, Sachen"  ist  noch  durchaus  nicht  allseitig  ausgebaut. 
große  Gebiete  sind  noch  dunkel,  das  Material  schwer  erlangbar;  deswegen  werden  wir 
etymologische  Arbeiten  aufnehmen,  wenn  sie  das  Ziel  dieser  Vereinigung  wenigstens 
im  Auge  behalten,  und  werden  rein  sachgeschichtliche  Arbeiten  bringen,  auch 
wenn  die  Verwertung  für  ilie  Wortkunde  erst  der  Zukunft  angehört. 

Wir  wollen  die  Sachstudien  fördern,  aber  nicht  nur  die  Studien  der  gedruckten 
Quellen,  sondern  vornehmlich  die  Sachstudien  im  Volke,  und  wollen  dadurch  die 
Wissenschaft  wieder  mit  dem  Leben  in  nähere  Beziehung  bringen,  woraus  auch  die 
Sprachstudien  Nutzen  ziehen  werden. 

Wörter  uud  Sachen.    I. 


'o^ 


Vorwort. 

Mit  den  Veräuderuugen  der  Kultur  verändern  die  Wörter  ihren  Sinn.  AVir  ver- 
langen, daß  die  Erklärung  der  Bedeutungsveränderungen  nicht  auf  rein  spekulativem 
Wege  versucht  wird,  sondern  dieser  Tatsache  gerecht  wird. 

Wenn  wir,  von  verschiedenen  Forschungsgebieten  herkommend,  uns  zu  gemein- 
samer Arbeit  verbunden  haben,  so  möge  man  daraus  ersehen,  daß  wir  Material  zu 
einer  umfassenden  Kulturgeschichte  der  indogermanischen  Völker  herliei 
schatten  wollen.  Wir  wenden  unsere  Aufmerksamkeit  allen  indogermanischen  Völkern 
in  alter  und  neuer  Zeit  zu  und  ebenso  den  Berührungen  mit  anderen  Sprachstämmen 
und  setzen  unserem  Interesse  keine  zeitliche  Grenze,  weil  auch  die  späteren  Zeiten 
und  die  Gegenwart  reich  an  alten  Kulturelementen  sind  und  von  Urzeiten  bis  an  den 
heutigen  Tag  eine  stete,  nicht  unterbrochene  Entwicklung  zu  erkennen  ist  —  ganz  ab- 
gesehen von  dem  Licht,  das  von  den  klareren  historischen  Zeiten  und  der  Gegenwart  auf 
die  früheren  fällt. 

Bei  den  Arbeiten,  die  sich  mit  der  Geschichte  von  Gegenständen  befassen,  werden 
wir  Bilder  bringen.  Dabei  wird  unser  Ideal  sein,  zeitgenössische  Wörter  und  Gegen- 
stände zusammenzustellen.  Das  wird  allerdings  nicht  immer  zu  erreichen  sein,  sondern 
wir  werden  öfter  bloß  nach  Analogien  die  Form  des  Gegenstandes,  der  durch  eine  be- 
stimmte Wortform  bezeichnet  wurde,  erschließen  müssen. 

Die  Zeitschrift  wird  Abhandlungen,  Besprechungen  und  kleinere  Mitteilungen 
bringen.  Beiträge  bitten  wir  dem  fachlich  Nächststehenden  der  Herausgeber  zusenden 
zu  wollen. 

Die  Herausgeber. 


Die  Werkzeuge  der pinsere-Reihe  und  ihre  Namen. 

(Keule,  Stampfe,   Hammer,  Anke.) 
Von  Rudolf  Meringer. 


Schon  seit  uralter  Zeit  finden  wir  zwei  verschiedene  Techniiien  zur  Verwandlung 
der  Kornfrüchte  in  Mehl,  das  Zerstoßen  und  das  Zerreiben.  Ihren  sprachlichen  Aus- 
druck fiuden  diese  Techniken  in  zwei  Wortreihen,  die  ich  nach  den  lateinischen  Reprä- 
sentanten die  pinsere-  und  die  «w/ere- Reihe  nennen  will.'  Die  letztere  ist  auf  Europa 
beschränkt,  die  erstere  greift  nach  Asien  hinüber. 

Die  Werkzeuge  der  «(o/e/r- Reihe  sind  bekannt  und  untersucht  worden.  Aber  so 
gut  wie  unbekannt,  wenigstens  ihrer  Entwicklung  und  (leschichte  nach,  sind  die  In- 
strumente der  jjJHSoe- Reihe.  Wenn  ich  diese  hier  bespreche,  so  will  ich  damit  einen 
Beitrag  zur  Frage  der  indogermanischen  Wirtschaft  liefern.  Ich  verfolge  dabei  die 
Sachen  wie  die  Wtii'ter  bis  in  die  Gegenwart,  bis  zu  den  jetzt  noch  bestehenden  volks- 
tümlichen Maschinen  und  zu  deren  dialektischen  Bezeichnungen. 

Die  Kornfrüchte  werden,  wenn  sie  zur  menschlichen  Nahrung  dienen  sollen,  ent- 
hülst und  geschrotet  oder  noch  weiter  zu  Mehl  zerrieben.  Weim  das  auch  nicht  der 
älteste  Zustand  ist,  so  gehen  diese  Arten  der  Bearbeitung  doch  schon  in  sehr  frühe 
Kulturperioden  zurück. 

Will  man  Schrot  haben,  so  genügt  ein  Stampfen  der  Körner  und  die  Absonderung 
der  Hülsen.  Zur  Bereitung  des  Mehls  ist  ein  fortgesetztes  Verkleinern  notwendig  und 
das  Produkt  muß  durch  Siel)en  in  Mehl  und  Kleie  geteilt  worden.  Das  Mahlen  kann 
ganz  mit  Stoßen  bewirkt  werden,  oder  mit  einem  Stampfen  beginnen,  worauf  erst  die 
geschroteten  Körner  zwischen  Steinen  zu  Mehl  verwandelt  werden,  kann  aber  auch 
ganz  mit  Hilfe  der  Mahlsteine  vollbracht  werden. 

Am  leichtesten  ist  die  Arbeit  des  Schrotens  und  Mahlens  dann ,  wenn  die  Korn- 
frucht trocken  ist.  Es  ist  deshalb  unter  Umständen  gut,  oder  gemdezu  notwendig, 
das  Korn  zuerst  zu  darren,  bevor  es  weiter  verarbeitet  wird.  Auch  die  Hülsen  lösen 
sich  infolge  des  leichten  Röstens  besser  ab.  — 

'  0.  Schrader,  RL.  S.  .Ml. 


Rudolf  Meringer. 


Keule  und  Mörser. 
M.  Rühlmann  sagt':  «Zu  den  allerersten  Hilfsmitteln,  um  Getreide  in  Mehl  zu 
verwandeln,  scheinen  hölzerne,  steinerne  und  metallene  Mörser  mit  Keulen  (Pistillen) 
zu  gehören^  in  welchen  man  die  (vorher  wohl  auch  gerösteten)  Körner  zerstieß  und  so- 
dann durch  Trennen  der  gröberen  und  feineren  Teile  mittelst  Sieben  das  Mehl  zu  ge- 
winnen suchte».  Rühlmann  verweist  dann  auf  ein  ägyptisches  Wandgemälde  aus 
den  Ruinen  von  Theben  (vergl.  Abb.  1).^ 

Man  sieht  auf  dem  Bilde  zwei  Arbeiter,  mit  dem  Stoßen  beschäftigt.  Während 
der  eine  die  Keule  hebt,  stößt  der  andere  in  den  Mörser.  Die  Keulen  sind  in  der 
Mitte  verjüjigt  und  können  nach  beiden  Seiten  verwendet  werden.  Ein  anderer  Arbeiter 
trennt  mittelst  eines  Siebes  das  gewonnene  Mehl  von  der  Kleie. 

Die  Mörser  dieses  Gemäldes  besitzen  große  Standfestigkeit  dadurch,  daß  der  Fuß 
des  Gefäßes  sich  ausbreitet.  Besonders  tief,  wie  wolil  einige  Gelehrte  geglaubt  haben, 
sind  sie  aber  nicht,  sie  haben  nur  einen  sehr  starken  Boden,  wie  ja  leicht  begreiflich. 

Die  Tiefe  der  Mörser  ist 
geringer  als  die  halbe  Keu- 
lenlänge, was  sich  notwen- 
digerweise daraus  ergibt, 
daß  die  Hand  nicht  den 
Rand  berühren  darf,  wenn 
die  Keule  unten  ansehlägt 
und  viel  Getreide  darf  auch 
nicht  auf  einmal  in  den 
Mörser  geschüttet  werden. 
Zu  anderen  Zwecken 
hatte  man  verschieden  ge- 
staltete   Mörser   und   auch 


g      "     / 

Abbildung,'  1 


Melilbereiliing  bei  den  Ägyptern. 


verschiedene  Keulen.  Ein  ägyptisches  Bild  zeigt,  wie  zwei  Männer  mit  Stößeln  an 
einem  Mörser  arbeiten,  ohne  daß  aber  klar  wäre,  was  sie  schaffen.'  Auf  einem  dritten 
Bilde,  der  Darstellung  einer  Küche,  hebt  ein  Mann  eine  besonders  schwere  Keule  und 
stößt  damit  in  einen  großen  Mörser,  ebenfalls  unbekannt  zu  welchem  Zwecke.* 

Blümner  scheint  zu  glauben,  daß  das  Zerstoßen  älter  als  das  Mahlen  sei.  Er 
sagt'' :  «Obgleich  diejenigen  Vorrichtungen  zum  Verwandeln  der  Getreidekörner  in  Mehl, 
welche  wir  vorzugsweise  Mühlen  zu  nennen  gewöhnt  sind,  d.h.  also  diejenigen,  bei 
denen  die  Zerreibung  mittelst  zweier  Steine  geschieht,  .  .  .  schon  in  sehr  früher  Zeit 
erfunden  worden  sind,  so  ist  doch  nicht  zu  bezweifeln,  daß  es  eine  Zeit  gab,  wo  man 
keinen  anderen  Weg  kannte,  als  die  Körner  in  Mörsern  zu  zerstampfen».  Das  wäre 
an  und  für  sich  nicht  unmöglich,  und  es  spricht  wirklich  manches  dafür. 

Unsere  Abbildung  2  zeigt  uns  Mörser  und  Keule  (oX[jlo?,  qS-q,  I'yo'.?  —  uTrspo?)  in 
ihrer  Verwendung  bei  den  Griechen.''     Wie  auf  dem  ägyptischen  Bilde  zwei  Männer 

'  Moritz  Rülilniann,  Allgemeine  JMaschinenlelire  JI,  .S.  fi. 

'  Die  Abbilduii},'  1  ist  nach  J.  G.  Wilkinson,  Manners  and  customs  of  tlie  ancient  Egyptian.s  III, 
S.  181,  Nr.  3C7,  gemaclit.  —  *  Roselini,  Monumenli  eivili  LXVII.  —  *  Wil  kinson.  IVfanners  and  customs  11, 
S.  383,  Nr.  270.     Darnach  A.  Rieh  s.  v.  pilum.  —  '-  H.  Rllimner,  Technologie  usw.  I,  S.  15  f. 

'  Vergl.  Daremberg-Saglio,  Diclionnaire,  s.  v.  mortariiim.  —  Blümner  a.  a.  O.,  S.  22. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Re'ihe  und  ilirf  Namen. 


an  demselben  Mörser  arbeiteten,  so  sehen  wir  hier  —  dem  Volksbrauche  der  Zeit  ent- 
sprechend, zwei  Frauen  an  einem  Mörser  beschäftigt.  Ihre  Keulen  sind  mit  den  in 
Ägypten  verwendeten  gleichförmig,  von  derselben  Größe  und  werden  auch  in  derselben 
Weise  gehandhabt.  Die 
flache,  schalenartige  Ge- 
stalt des  Mörsers  ist  wohl 
vom  Material  bedingt. 
Für  den  Stein  empfiehlt 
sich  die.se  schalenartigc 
Form,  wie  für  Holz  die 
zylindrische.  Dem  Zer- 
stoßen und  Stampfen 
(;tTiaa=iv,  (f/c.'.jtv,  ),=-u='.v, 
Tpißsiv,  v-ÖK-iiv)  pflegte  ein 
Rösten  voraufzugehen 
('fpü^eiv,  iftüYsiv,  xoSoiis')- 
£iv).  Das  geschah  nament- 
lich bei  der  Gerste,  und 
zwar  dann,  wenn  poleufa 
bereitet  werden  sollte. 
«Dabei  wurde  die  Gerste 
erst  angefeuchtet,  dann 
getrocknet,  geröstet  und 
enthülst,  teils  durch  Zer- 
stampfen im  Mörser,  teils 
wohl  auch  durch  Müh- 
len, beide  jedenfalls  die- 
selben Geräte,  die  zur 
Verwandlung  der  Körner 
in  Mehl  angewandt  wur- 
den.» '  Auf  welche  Weise 
die  Körner  geröstet  wur- 
den, ist  nicht  mehr  zu 
sagen.  Sic  wird  nicht 
immer  und  überall  die 
gleiche  gewesen  sein. 
Von  den  zum  Rösten  ver- 
wandten Geräten ,  als 
welche  '^pü^ärpov,  xo^o- 
[isiov,    (fcÖYavov    genannt 

werden,  fehlt  uns  eine  genaue  Keiuitnis-  Waren  es  Get'äße  oder  Pfannen,  so  konnte 
innner  nur  eine  kleine  Menge  der  Ki>rner  geröstet  werden,  etwa  .-jo  viel,  als  zum  ein- 
maligen Füllen  des  Mörsers  hinreichte. 

l'linius^  berichtet   über  die  Beliandlung  der  tJerste  bei   den  Griechen  wie  folgt: 

■  II.  Hlümner  a.  a.  O.,  S.  11  f.  —   -  Kboiula  S.   l:f  f.  —   '  Pliniiis.  Hisl.  iiat.  .Will,  Ti. 


Abbilduiii! 


Mehlbereitung  bei  den  Griechen. 


Rudolf  Meringer. 

Aniiquissimum  /n  cibis  hordeimi .  .  .  Polentam  quoque  Graeci  non  aJiunde  praeferunt.  Phi- 
ribus  fit  haer  niodis.  (iraeci  perfustim  aqua  Itordinm  sircant  nocte  una  ac  ])osfrro  dir 
frigunt,  dein  molis  frangunt.  Sunt  qiti  vchemeiitii(s  to.^tum  riosHS  crigna  aqua  adspenjant 
et  siccent  prius  quam  molant.  Ali  rero  riretitihu>i  sj)icis  decussinii  hordenm  rcccns  purgant 
madidnmque  in  pila  tundunt  atqtie  in  corhihiis  elnnut  ac  siccatum  sole  rxrsns  tundunt  et 
purgatum  moJutit. 

Daun  fährt  er  fort:  Italia  sine  perfusionc  tostum  in  suhtilem  farinam  molit  .  .  In 
Italien  wäre  darnach  das  Anfeuchten  der  Gerste  vor  dem  Dörren,  Rösten,  das  in 
GrieclienUind  üblich  war,  nicht  im  Gebrauche  gewesen. 

Über  das  Zerkleinern  der  Körner  sagt  Plinius  folgendes':  Pistura  non  omnium 
facilis,  quippe  Etruria  spicam  ferris  tosti  pisente  pilo  praeferrato,  fisttila  scrrata  et  Stella 
intus  denticulata,  ut,  si  intenti  pisant,  concidantur  grana  fcrruiiique  frangatur.  Die  in 
Etrurien  zum  Zerstoßen  (pistura)  verwendete  Maschine  hatte  also  drei  wesentliche  Teile: 
piluiii  praefermtum,  einen  mit  Eisenschuh  versehenen  Stößel,  fistula  serrata,  eine  gesägte, 
das  heißt  wohl  geriefte  Röhre  und  Stella  intus  denticulata,  einen  inwendig  gezähnten 
Stern  (?).  AVie  man  sich  den  Api)arat  vorzustellen  hat,  ist  nicht  klar,  er  hat  sich  auch, 
wie  Plinius  selbst  andeutet,  nicht  bewährt  und  dürfte  deshalb  verschwunden  sein.  Mir 
ist  keine  Maschine  untergekommen,  auf  welche  die  Beschreibung  passen  würde,  nur  die 
Zähne,  aber  an  dem  Stößel  selbst  angebracht,  am  Eisenschuh,  findet  man  auf  der 
alten  Anke  in  Abb.  22  wieder. 

Maior  pars  Italiae  nudo  utitur  pilo,  berichtet  Plinius  weiter,  rotis  etiani  (/uas  aqua 
verset  obiter  et  niolat.  Der  größere  Teil  Italiens  benütze  den  einfachen  (nicht  eisenbe- 
schlageuen)  Stößel,  wohl  auch  die  Wassermühlen. 

De  ipsa  ratione  piscndi  Magonis  propionemus  sententiam:  triticuin  ante  per f und i  aqua 
multa  iubet,  postea  evalli,  dein  sole  siccatum  pila  repeti,  simili  modo  hordcutn.  Den  Weizen 
möge  man  reichlich  mit  Wasser  netzen,  dann  enthülsen,  an  der  Sonne  trocknen  und  mit 
dem  Stößel  bearbeiten;  ebenso  die  Gerste. 

Über  das  zeitliche  Verhältnis  vom  Zerstoßen  zum  Mahlen  haben  wir  ein  beachtens- 
wertes Zeugnis^:  Quia  apud  maiores  nostros  molarum  usus  non  erat,  frumenta  torrebant 
et  ea  in  inlas  missa  pinsebard,  et  hoc  erat  genus  inolendi  inide  et  pinsitores  dicti  sunt,  qni 
nunc  pistores  rocantur.  Auf  Grund  dieser  Nachricht  könnte  man  glauben,  daß  die  Römer 
die  Kenntnis  der  Mühle  einem  höher  kultivierten  Volke  verdanken,  wogegen  aber  spricht, 
daß  malere,  mola  echt  lateinische  Wörter  sind.  Ebenso  lateinisch  sind  die  Wörter  für 
die  Technik  des  Zerstoßens.  Der  Name  des  Mörsers  war  mortarium,  gewiß  ein  altes 
Wort,  das  im  Lateinischen  in  sehr  früher  Zeit  gebildet  worden  sein  muß,  da  imr  moretum 
dem  Sinne  nach  nahesteht,  marceo  und  morior  aber  weit  abliegen.  Die  Keule  heißt 
pilum  (pistilluni),  eine  klare  Bildung  zu  jyinserc  und  aus  *pmsloiH  entstanden.  Pilum 
«Stößel»  neben  ^n7a  «Mörser»  hat  Parallelen  bei  später  zu  erwähnenden  Doubletten. 

Das  romanische  Wort  mortarium  ist  im  Sinne  von  Mörser  bei  wenigen  Nordgermanen 
aufgenommen  worden.^  Die  anderen  haben  Bildungen  von  einer  W.  mnrs :  ahd.  morsari, 
mhd.  zermürsen,  wozu  morsch  gehört,  w'oraus  klar  wird,  daß  der  Mörser  den  Germanen 
nicht  erst  von  den  Römern  übermittelt  werden  mußte.  Lat.  mortarium  und  ahd.  morsari 
sind  aber  beide  von  derselben  W.  mer  gebildet,  also  insofern  urverwandt.    Was  zur  Auf- 

'  Plinius,  XVIII,  97.  —  ''  Serv.  ad  Aen.  I,  179. 

^  Ndl.  mortier,  ags.  martere  (Kluge,  Pauls  Grdr.  l'\  :i41j,  engl,  mortar.     M.  Heyne  DHA.  J,  »9. 


Die  Werkzeuge  der  ^/«»■«/•e-Rcilic  luul  ihre  Namen. 


Abbildung  3. 

Ein  bölzerner  stei- 

ri^cber  Mör^^er. 


Abbildung'  4. 

Ein  ungarischer 

Holzmörser  samt 

Stößel. 


Abbildung  5. 
Ein  finnischer  Holz- 
mörser. 


nähme    des    Fremdworts   Ijei    einigen    germanischen    Stämmen    Veranlassung    gab,   ist 

unbekannt. 

Abbildung  3  bringt   die  Darstellung   eines   modernen   deutschen  Holzmörsers  aus 

einem  Bauernhause  in    Eibiswald,   Steiermark. 

Er  ist  sehr  sorgfältig  gearbeitet  und  dient  zum 

Zerstoßen    von    Gewürzen;    er   ist    nicht   groß, 

abei'  von  typischer  Gestalt. 
Wie    Holzmörser    in 

alter  Zeit   hergestellt    wur- 
den, kann  mau  heute  noch 

in    Ungarn    lernen.^      Die 

Höhlung    wird    mit    Glut, 

Zündschwamm,  heißen  Stei- 
nen ,    bei   großen    Mörsern 

mittelst  glühend  gemachter 

Kugeln  hergestellt  uud  dann 

mit  Messern  ausgekratzt  und 

weiterhin    geglättet.     «Das 

Ausbrennen    dieser    Holz- 
mörser    ist     ein     überaus 

schwieriges  Verfahren  und 

dauert   wohl   auch   an   die 

3  Monate,  weshalb  derselbe 

zumeist  in  der  Winterzeit  verrichtet   wird.»     Die  Abb.  4  stellt   einen  primitiven  Mörser 

dar,  eine  Urform  des  Geräts,   bei  der  die  Gestalt  des  Baumstücks  noch  beibehalten  ist. 

Auch  die  Form  der  Keule 
ist  lehrreich.  Wir  sehen 
sie  sich  dort,  wo  sie  mit 
der  Hand  angefaßt  wird, 
verjüngen  und  begreifen 
nun  die  starke  Verenge- 
rung in  der  Mitte  der 
ägyptischen  und  griechi- 
schen Keulen,  die  eben- 
falls den  Zweck  bat,  ein 
volles  Umfassen,  ohne  das 
ein  kräftiger  Stoß  nicht 
geführt  werden  kann,  zu 
ermöglichen. 

Wegen   ihrer  Form 
bringen  wir  auch  die  Ab- 
bildungen einiger  hölzer- 
Die  Abb.  ;">  zeigt  die  einfachste   zylindrische  Urform.*     Die 

>  Ungar,  ethnogr.  Anzeiger,  11,  u.  III.  J.ihi-gang  (I<t07),  S.  36  f.  —  •  G.  Retzius.  Finnland,  übexs.  von 
Dr.  C.  Appel,  Berlin  ISSö,  S,  8-i,  Fig.  60.  Dieser  zylindrische  Klotz  von  Birkenholz,  der  nur  eine  geringe 
Vertiefung  hat,  dient  zum  Mahlen  von  Salz  und  Tabak. 


Abbildungen  6- 


Finnisclie  llülzuuirsfr.     Zum  .■^l.ii;;on   dient  ein 
Stein  oder  Holzstöfiel. 


ner  Mörser  aus  Finnland. 


8 


Rudolf  Meringer. 


Ahbilduni,'  '.>.     Ein 
Stamperl. 


unter  Abb.  6 — 8  vereinigten  Typen  zeigen  eine  weitere  Entwicklung  der  Mörser.    Das  Holz 

ist  entrindet  und  wir  erkennen  zwei  Teile,  einen  oberen,   der  die  Hiihlung  in  sich  hat, 

und  einen  unteren,  den  kräftigen  Fuß,  der  die  nötige  Standfestigkeit  gewilhrleisten  muß.^ 

Daß  die  Abb.  3 — 8  Urformen   von  Mörsern   darstellen,   ist  gewiß.     Eine  ähnliche 

Form  wie  Abb.  8  werden  wir  sj^äter  bei  den  Kaschuben  wiederfinden, 

und  zwar  in  der  Verwendung  als  Graupenmühle  (Abb.  18). 

Eine  älmliche  Form  findet  sich  auch  —  worauf  ich  im  Vor- 
beigehen aufmerksam  machen  möchte  —  bei  gewissen  Gläsern,  die 
einen  dicken  Boden  haben,  gewöhnlich  beim  Schnapstrinken  ver- 
wendet werden  und  Staiiipcrl  genannt  werden,  vergl.  Abb.  0.  Als 
Grundwort  dieses  Deminutivums  gilt  Stampcr-,  das  als  «kelchartiges 
Trinkglas»  erklärt  wird.  Im  DWB.  ist  auch  das  Femininum  Stampe 
belegt:  <^in  Schlesien  kleines  Trinkglas  mit  dickem  Fuß,  der  kräf- 
tiges Aufstampfen  verträgt».  Mit  dieser  Erklärung  kann  ich  mich 
nicht  befreunden.  Der  Brauch  mit  einem  solchen  Glase,  nachdem 
man  es  geleert,  heftig  auf  den  Tisch  zu  schlagen,  so  daß  eine  Kerbe 
entsteht  —  je  tiefer  desto  besser  — ,  ist  allerdings  vorhanden  und 
mir  speziell  aus  Südsteiermark  berichtet  worden,  aber  der  Zusammenhang  scheint  mir 
ein  ganz  anderer  zu  sein.  Das  Stamperl  iiat  alle  die  Formen  eines  kleinen  Mörsers, 
und  ein  altdeutsches  *.slanipa  muß  diese  Bedeutung  gehabt  haben,  weil  das  aus  dem 
Deutschen  entlehnte  aksl.  st(i2)a  «Morser»  heißt. 
Dieses  *dampa  lebt  im  schlesischen  Stawpe  «kleines 
Trinkglas»  fort.  Auch  das  Maskulinum  stampf  hat 
übrigens  gelegentlich  den  Sinn  «Mörser».-'  Von 
dem  Femininum  stampe  ist  nun  das  Verkleinerungs- 
wort Stamperl  abgeleitet,  was  also  ursprünglich  «klei- 
ner Mörser»  bedeutete.  Erst  daraus  scheint  mir 
stampcr  im  Sinne  von  ^Trinkglas»  (und  zwar 
größeren  Formats,  aber  von  der  Gestalt  des  stam- 
perh)  abgeleitet  zu  sein.  Der  dicke  Boden  spricht 
auch  für  die  Priorität  des  Stamperls,  denn  nur  bei 
einem  kleinen  Glas  hat  er  seinen  guten  Grund  — 
\'erleihung  einer  gewissen  Standfestigkeit.  Den 
Brauch,  mit  einem  solchen  Glase  zu  i stampfen^ ,  auf 
den  Tisch  zu  stoßen  oder  einzuhauen,  wird  mir 
verständlich,  wenn  ich  mir  ihn  als  Folge  des  Na- 
mens denke,  während  der  Brauch  als  das  prius  mir 
vollkommen  unerklärlich  erscheint. 

Die  Stampfe. 
Heute  versteht  mau  unter  Stampfe  eine  maschinell  zu  hebende  und  wieder  fallen 
zu  lassende  Keule  oder  die  Vereinigung  von  deren  mehreren.    Tn  dieser  Definition  liegt 

'  G.  Retziu.s,  ebenda  S.  81,  Fig.  57— .59.  Der  Mörser  links  dient  zum  Salzzerstoßen.  Der  Stöfsel 
ist  ein  ovaler,  glatter  Kieselstein.  In  der  Mitte  ein  Kaffeemörser,  rechts  ein  Mörser,  der  verschiedentlich 
verwendet  wird.  —  =  Unger-KhuU,  Steirischer  Wortschatz  sv.  —  DWB.  X.  2.  Sp.  67.5. 

'  J.  G.  Krünitz,  Encyklopädie,  169.  Teil,  S.  .520. 


AI)l)iliUuiK   10.     Die  lluzulische  Slupa. 


I)iij  Wurkzfiige  der  pinsere-Rcihe  und  ihre  Xameii. 


schon  die  Erklärung  der  Entstehung  der  Stampfen.  Kine  ganz  einfache  derartige  Vor- 
richtung ist  die  stu2xi  der  Huzulen,  vergl.  Abb.  10.'  Man  .sieht,  daß  eine  Keule  durch 
Treten  eines  Brettchens,  von  dem  eine  Schnur  ausgeht,  die  über  eine  Rolle  geleitet  und 
unten  an  der  Keule  befestigt  ist, 
gehoben  werden  kann. 

Beim  Anblicke  dieser  huzu- 
lischen stujia  fällt  jedermann  ge- 
wiß sofort  ein  anderes  uraltes  In- 
strument ein,  das  beim  Einram- 
men von  Pflöcken  heute  noch  in 
Verwendung  ist.  Hier  wie  dort 
wird  ein  Block  oder  Pflock  an 
einem  Seile  in  die  Höhe  gezogen 
und  fallen  gelassen. 

Eine  andere  Vorrichtung  sehen  wir  bei  den  Wotjaken,  vergl.  Abb.  11.*  Wie  mir 
J.  J.  Mikkola  mitteilt,  heißt  der  Mörser  wotjakisch  gjr  (finnisch  huhnari),  der  Stößel 
serekei  (finnisch  jx'tkek).     Die  Konstruktion,  die  an  einen  Ziehbrunnen   etwa   der  unga- 


Abbildung  11. 
Eine  Wotjakische  Stampfe. 


Abbildung  12.     Eine  Kohlenstauipfe  des 
l(i.  .lalirliuiiclci't.s. 


ä^^ca^ 


Abbildung  13.    Stampfe  zum  Erzpochen. 
16.  Jahrhundert. 


Tischen  Tiefebene  erinnert,  erklärt  sich   von  selbst.     Ganz  ähnliche  Ziehbrunnen    waren 
im  alten  Agj'pten  bekannt  und  finden  sich  auch  heute  noch  daselbst.^ 

Eine  ähnliche  Maschine  aus  dem  Aargau  wird  so  beschrieben^:   «ein  großer  Balken 

•  Szuchiewicz,  Huculszczyzna,  Leniberg  190:2,  S.  190. 

-  Ich  verdanke  die  Zeichnung  Herrn  Dr.  U.V.  Sirelius,  Dozent  an  der  Universität  Helsingfors. 
Man  beachte,  daß  der  beschwerte  Kndbalken  niclit  ferlipgezeichnet  ist. 

■""  ,1.  Ci.  Wilkinson,  Miiniiers  and  customs  of  Ihe  ancient  Egj-ptians  II,  S.  4.  Nr.  74,  73;  Vignette  auf  S.  1. 
—   K,  W.  I,ane,  Sitten  und  (Jebräudie  der  heutigen  Ägj'pter.     Übersetzt  von  Zenker.     Tafel  44. 

'  DWB.  s.v.  Stampfe  nadi  Hunz.iker. 

Wörter  und  Sachen     I.  i 


10 


Rudolf  Meringer. 


als  Stößel  hängt  an  einem  zweiten  als  Feder  dienenden,  wagrecbt  unter  dem  Dache  des 
Bauernhauses  befestigten  Balken  und  wird  mit  der  Hand  in  Bewegung  gesetzt».  Hier 
zieht  also  die  federnde  Kraft  des  horizontalen  Balkens  die  Keule  in  die  Höhe.  Ein 
Bild  dieser  Maschine  steht  mir  nicht  zur  Verfügung,  doch  ist  es  leicht,  sich  von  ihr  eine 
ungefähre  Vorstellung  zu  machen. 

Diese  Art  Stampfen  sind  so  primitiv,  daß  wir  ihnen  ein  hohes  Alter  zutrauen  dürfen 
und  bei  fortgesetzter  Aufmerksamkeit  werden  sich  wohl  die  Beweise  dafür  finden. 

Eine  Fortentwicklung  der  Stampfe  bestand  darin,  daß  man  mehrere  Keulen  neben- 
einander anordnete  und  sie  durch  eine  Daumenwclle  in  Bewegung  setzte.  Die  Welle  selbst 
kann  durch  ein  Rad  mitMenscheukraft  bewegt  werden.  Solche  Maschinen  bestehen  noch  heute. 

Die  -weitere  Entwicklung  wurde  durch  die  Verwendung  von  AVasserkraft  hervorge- 
rufen. Wann  diese  zuerst  herangezogen  wurde,  kann  man  nicht  sagen,  jedenfalls  wird 
die  Zeit  der  Wasserstampfe  nicht  viel  verschieden    sein   von  der  Zeit  der  Wassermühle. 


Abbildung  14.    Trockenpoilnveik.     19.  Jahibundert. 


Abbildung  1.").     Naßpochwerk.     19.  Jahrhundert. 


Das  Prinzip  der  Wasserstampfe  ist  das  bereits  angedeutete.  Ein  Wasserrad  dreht 
eine  Welle  und  diese  Welle  hat  kurze  Dornen,  «Daumen»,  welch«  eine  Anzahl  von  Keulen, 
«Stößel»,  «Stämpfel»,  «Schießer»  heben  und  niederfallen  lassen. 

Solche  Stampfen  haben  eine  weite  Verbreitung  erlangt.  In  ihnen  hatte  man  ein 
Mittel  gefunden,  die  Wasserkräfte  all  das  verkleinern  oder  zerschlagen  zu  lassen,  was 
man  bis  dahin  mit  einer  Keule  oder  einem  Hammer  bearbeiten  mußte.  Die  folgenden 
Abbildungen  zeigen  einige  Arten  der  Verwendung  solcher  Stampfen. 

Die  Abb.  12'  gibt  eine  Kohlenstampfe  wieder.  Ein  Arbeiter  schaufelt  Kohlen  (A) 
unter  die  «Stämpfel»  (C).  Diese  werden  von  den  Daumen  der  rückwärts  befind- 
lichen Welle  gehoben  und  wieder  fallen  gelassen.  Man  beachte  die  Form  der  eisernen 
Köpfe  der  Stempel.  Die  Art  des  Betriebs  dieser  Maschine  (Wasser-  oder  Menschenkraft) 
ist  auf  diesem  Bilde  nicht  ersichtlich  gemacht. 

Die  Abb.  13^  stellt  dar,  wie  das  Erz  gepocht  wird.  B  sind  «die  Säuleu»  C  Quer- 
hölzer, D  die  Pochstempel,  E  ihre  Köpfe,  F  ist  die  Welle,  G  sind  «die  Däumhnge»  der 
Stempel,  H  «die  Däumlinge»  der  Welle. 

Die  Abb.  14  und  15  sind  modernere  Pochwerke.^     Bevor  die  Erze  in  den  Scnmelz- 


'  AusG.  Agricola,  Vom  Bergkvverck,  verteütscht  durch  PhilippumBechiunn.  Basel  1.Ö57,  S.  CCCXIII. 
-  Agricola,  S.  CCXXVI.  -  '  Buch  der  Erfindungen  186tj,  IV,  S.  52. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Reihe  und  ihre  Namen. 


11 


ofen  kommen,  müssen  sie  in  manchen  Fällen  mehlartig  zerkleinert  werden.  «Dies  ge- 
schieht in  Pochwerken,  welche,  einer  Ol-  oder  Walkmühle  ähnlich  (!),  ineist  durch  ein 
Wasserrad  getrieben  werden.  Eine  mit  Hebedaumen  besetzte  Welle  hebt  die  etwa 
zentnerschweren,  mit  Eisen  beschuhten  Stampfen  und  läßt  sie  auf  eiserne  Platten,  welche 
den  Boden  eines  Trogs  bilden,  der  die  Erze  enthält,  niederfallen.  Durch  Sieben  wird 
das  gewonnene  Pochnielil  von  den  noch  groben  Teilen  abgesondert,  letztere  weiter  be- 
arbeitet und  schließlich  alles  zur  Hütte  geschafft.  Dies  sind  die  Trockenpochwerke,  so 
genannt  zum  Unterschiede  von  den  gleich  zu  erwähnenden  nassen  Pochwerken,  die  zur 
Aufbereitung  armer  Erze  dienen.  In  den  Fällen  nämlich,  wo  die  Erzteilchen  rail  der 
Gangart  inniger  gemischt,  oft  nur  punktweise  eingesprengt  sind,  wird  die  Handscheidung 
untunlich,  und  es  tritt  an  ihre  Stelle  die  nasse  oder  künstliche  Aufbereitung.»  Das 
ist  nun  das  Schlämmen,  welches  uns  hier  nicht  weiter  berührt.  Bei  Fig.  l.ö  fallen  besonders 
die  Daumen  der  Welle  ins  Auge  und  machen  diesen 
Punkt  der  Konstruktion  klar,  wenn  die  bisher  gegebenen 
Bilder  noch  jemand  im  Zweifel  gelassen  haben  sollten. 

Abbildung  16  stellt  eine  primitive  Lohstampfe  aus 
Steiermark  dar. 

Über  das  Vorkommen  des  Wortes  Stampfe  und 
seiner  Verwandten  bei  den  technischen  Betrieben  ver- 
gleiche man  Krünitz. '  Die  Wörter  bedeuten  nicht 
immer  dasselbe.  Was  Stümpel,  Stantpfel,  Stamper , 
Stampfer,  Stampf  heißt,  wird  auch  Stampfe  genannt. 
Die  Kfautiitampfe  ist  ein  sförmiges  Eisen  an  einem 
Stiele,  mit  dem  das  Viehfutter  (ivraut,  Kartoffel)  stamp- 
fend zerschnitten  wird.  Auch  die  Stümpel  oder  StöcJce 
in  den  Loh-,  Walk-,  Papier- und  Ölmühlen  heißen 
«■Stampfens  «In  den  Mühleu  sind  es  12 — 14  Fuß  lange 
und  5  oder  6  Zoll  breite  Hölzer  von  hartem  Holze,  unten 
mit  einem  eisernen  Schuhe  beschlagen,  fr.  pilons  de 
mouliu.»  «Auch  die  Form,  worin  etwas  gestampft  wird,  heißt  zuweilen  die  Stampfe», 
also  der  Mörser  oder  raörserartige  Teil,  wovon  schon  ol)en  die  Rede  war. 

Stampfen  heißen  aber  auch  die  schweren  Hämmer  in  den  Papiermühlen,  womit 
das  Papier  geschlagen  wird.  Diese  Übertragung  des  Worts  Stampfe  auf  den  Hammer 
wird  uns  noch  später  entgegentreten.  Auch  in  den  Pnivermühlen  wird  ein  starker 
hölzerner  Hammer  Stampfe  genannt. 

Gewöhnlich  heißt  der  tätige  Teil  der  Maschine  Stämprt,  Stampfel  usw.,  wie  ange- 
geben. Sie  leisten  im  Zerstampfen,  Zerstoßen,  Zerschlagen,  Zerdrücken  besseres  als  die 
Hämmer,  meint  Krünitz*,  weil  sie  schwer  sind  und  mit  vollem  Gewicht  autfalleu.  Krüuitz 
beschreibt  die  Hand-  und  Maschinenstampfeu  au  der  in  der  Anmerkung  angegebeneu  Stelle, 
und  erläutert  ihre  speziellen  Einrichtungen  für  die  einzelnen  besonderen  Aufgaben  und 
Betriebe,  was  ims  hier  nicht  näher  interessiert. 

Auch  die  Bcdeiitungsentwicklung  dos  Wortes  Stümpel  bis  zu  dem,  was  wir  heute  ge- 
wöhnlich  unter  Ste»ipel  verstehen,   bedarf  keines   weiteren  Wortes,   deun    sie  ist   ohne 

■  J.  (i.  Krünitz,  Knoyklop;ulie.   Iti«.  Teil  (IS-'^S),  S.  384  ff.,  öH)\X. 

-'  Kriinitz,  a.  ;i.  O.,  S.  Ti-Ji  ff. 


AbbilJunp  16.    Eine  heutige  einfache 
Lohstampfe. 


12 


Rudolf  Meringer. 


Aliliililuntr  17.     Koreanerin  beim  Reisstampfeii. 


weitres  klar ;  zuerst  werden  gewisse  Zeichen  mittelst  eines  StämpeJs  eingedrückt,  dann 
heißen  diese  selbst  so  und  schließlich  wird  ein  Papier  mit  gewissen  Zeichen,  das  erst 
aufgeklebt  wird,  so  benannt. 

Der  Stämpel  heißt  in   der  Steiermark   auch   Schießrr.     Bei   Unger-KhuU'   liest 

maus.  V. :  «Balken  bei  einem  Stampfwerke, 
der  durch  eine  mit  Zapfen  versehene  Walze 
(Grindel)  emporgehoben  werden  kann».  Der 
Balken,  in  dem  die  mörserähnliohen  Ver- 
tiefungen angebracht  sind  (in  welche  die 
Schießer  stoßen),  heißt  bei  uns  unkrnhloch.- 
Die  Welle  wird  auch  Wahc  genannt. 

Über  die  Verwendung  der  Stampfe  zur 
Erzeugung  von  Grütze  möge  man  beson- 
ders Rühlmann  einsehen.^  Unter  Grütze 
versteht  man  mehr  oder  weniger  grob  ge- 
schrotete Körner  von  Gerste,  Hafer,  Buch- 
weizen, Hirse.  Man  kann  die  Körner  zwar 
auch  in  der  gewöhnlichen  Mühle  enthülsen 
und  schroten,  bedient  sich  aber  doch  auch 
oft  dazu  der  Stampfe.  Rühlmann  benennt  die  einzelnen  Teile:  Stempel  oder  Stampfen, 
an  denen  die  Hebhdten  oder  Zungen  augebracht  sind ;  Welle ;  Daumen.  Den  Eichen- 
holzblock, in  dessen  Höhlung  der  Stämpel  hineinschlägt, 
nennt  er  Stampf  oder  Gruhensfocl;. 

Das  Ergebnis  dieser  kurzen  Betrachtung  wird  wohl 
sein,  daß  die  Stampfe  in  ihrer  einfachsten  Gestalt  m-aU 
ist  und  ich  möchte  glauben,  daß  man  den  Urindogermanen 
ihre  Kenntnis  wohl  zutrauen  darf.  Wie  anders  stünde 
das  Leben  vergangener  Zeiten  vor  uns  da,  wenn  das  wich- 
tigste Kulturmaterial  des  Menschen,  das  Holz,  nicht  so 
vergänglich  wäre ! 

Der  Hammer. 
Ich  stelle  die  sc/(/a(/r')!f?m  Werkzeuge  zu  den  stoßenden, 
trotzdem  die  Sprache  einen   Unterschied   macht,    weil  sie 
gleiches  bewirken. 

a.  Der  Handhammer. 
In  Korea  wird  der  Reis  mittelst  eines  Hammers  ge- 
stampft, wie  Abb.  17*  zeigt.  Der  Hammer  hat  eine  breite 
Schlagfläclie.  Der  Mörser  ist  breit  und  niedrig,  was  schon 
deshalb  so  sein  muß,  weil  der  Hammer  nicht  so  tief  wie  ein  Stämpel  in  eine  Höhlung 
hineinschlagen  kann.  Jedenfalls  ist  ein  besonderer  Schlag  notwendig,  wenn  nicht  ein 
Teil   der   zu   stoßenden   Körner   aus   dem   pfannenartigen    Mörser   herausspringen   soll. 


Abbildung  18.     Kaschubisehe 
Graupenmühle. 


'  Unfrei-,  Steirischer  Wurtsebatz,  herausgegeben  von  F.  KhuU,  S.  5:58. 

2  Mitteilung  aus   Pettau   von    stud.    phil.   Fr.    Pogatscher.    —    Wegen    block   neben  block:  Noreen, 
L:iullehre,  S.  löG.   -   '  M.  Rühlmann,  Allgemeine  Maschinenlehre,  2.  Bd..  S.  208. 

'  Aus  Rud.  Zabel,  Meine  llothzeitsreise  durch  Korea.     Allenburg,  Stephan  Geibel.   HtlHl. 


Die  Weikzeuge  der  pinsere-Heihti  und  ihre  Namen. 


13 


Aliliildini';  19. 


stAnko»  und  Slöüel.     Sleierin.irk. 


Eine  ähnliche  Maschine  kommt  heute  noch   bei    den  Kaschubcn  vor,   Abb.  18.* 
Der  Hammer  ist  breit,  doppelseitig  zu  brauchen,  der  Mörser  seicht. 

Dieselbe  Vorrichtung  findet  sich 
aber  auch  in  der  Steiermark.  Die 
Al)b.  19^  zeigt  einen  primitiven  Mör- 
ser und  verschiedene  Formen  des 
Stößels:  Dieeinfache  Keule, die  Keule 
mit  einer  Handhabe,  den  Hammer 
Die  Objekte  wurden  in  Bucliegg  bei 
Arnfels  aufgenommen.  Das  Stoß- 
oder Schlagwerkzeug  heißt  steassl, 
der  Mörser  ihilcii.  Hirse  (Jiirsch),  ver- 
schiedene Getreide,  F'enchel,  werden 
mit  diesen  Apparaten  <h/ii(iiiif,  ent- 
hülst und  geschrotet.  An/ni  hat  hier 
eine  unursprüngliche  Bedeutung  wie 
in  änhihJorJi. 

b.  Der  Fußhammer. 
Der  Handhammer  wurde  chuch 
einen  größeren  ersetzt,    der  mit  Zuhilfenahme  des    Körpergewichts  durch  Treten  in  Be- 
wegung gesetzt  wird  und  den  ich   deshalb    Fußhammer    nenne.     Sein    uralter,    bei   uus 

noch  gebräuchricher  Name  ist  AnJcc,  dial.  (hikchii. 

Schon  L.  Lindet^  hat  in  den  ethnographischen  Samm- 
lungen des  Trocadero  gesehen,  daß  man  in  China,  Korea, 
Indien,  Cambodja  zum  Enthülsen  des  Reises  einen  Mörser 
verwendet,  nni  mortier  creuse  dans  un  tronc  d'arbre,  dans 
lequel,  actionne  par  un  grand  levier.  se  meut  un  pilon 
de  bois». 

Ganz  trefflich  wird  die  Anke  durch  eine  chinesische 
Dar.stellung  illustriert,  die  ich  in  Abb.  20  wiedergebe.'' 
Die  dargestellte  Anke  dient  in  diesem  Falle  zum  Stampfen 
des  Feldspats  bei  der  Porzeilanbereitung.  Andere  Anken 
aus  Ciiina  und  Indien  habe  ich  bei  einer  früheren  Gelegen- 
heit abgebildet.''  Man  bemerke,  daß  die  Maschinen  in 
Gliina  und  Indien  identisch  sind.  Beide  stimmen  auch  darin 
überein,  daß  der  stampfende  Mann  vor  sieh  einen  Holzgalgen 
bat,  an  dem  er  sich  anhält,  weil  er  durch  das  Treten  leicht 
aus  der  Gleichgewichtsstellung  kommen  kann.  Vergl.  auch 
das  Bild  aus  Japan  (Abb.  21),  dessen  Instrument  Ähnlich- 
keit mit  dem  huzulischen  (Abb.  23)  hat. 

Man  hat  die  Anke  schon  bei  Hesiod  finden  wollen: 
öX|j.ov  [isv  Tf.'.;rö57)v  täpstv.  r)n=pov  ^k  tpi-Tj/uv, 


Abliildunf?  !20.      Stampfen   des 
Keldspals  für  die  Porzellan- 
fabrikation in  t'.liinn. 


'  Ernst  Seefried,  In  der  Kascliuliei.  liier  lianil  und  Meer.  1907.  Nr.  44,  i^.  lO'.t?  ff.  —  '  Zeichnung 
und  Mitteilungen  von  Professor  Kr.  Kerk.  —  '  Rev.  aroli.  XXXV  (lS'l'.t\  S,  4il?.  —  '  Bueh  der  Ertindunpen, 
IV  [ISm],  S.  ;2S1.  Al.li.   114,  —   ■■  Indopenn.  Forschunjron.  XXI  (1907),  .<  äS:l  und  Taf.  11,  Abb.  r>. 


u 


Rudolf  Mei'inger. 


Ahliiklung-  "21.     Ostasiatische  Anke  zum  Stliroten. 
(Aus  Reclams  Universum  XXIV.   1160.) 


a|ova  S'  l^ttotiröSYjV  [j.ä),a  ';ä[j  vü  toi  af>[j.£vov  ootw. 
si  Se  V.BV  öxta;rö5-irjv,  a^ö  xal  cj'füpäv  xs  täjAOto.         Hesiod  423 — 425. 
«Creuse  uti  trou  de  trois  pieds;  il  sera  ton  niortier;  que  le  pilon  ait  trois  coud^es; 

qu'  une  plaiiehe  de 
sept  pieds  servant  de 
levier  s'y  emboite.» 
Diese  Erklärung 
\j.  Lindets'  liat  l)ei 
Andre  Baudrillart "^ 
Zustimmung  gefunden. 
Lindet  berief  sich  auf 
eine  Anke,  die  er  bei 
(j.  A.  Böckler ä  fand. 
Ich  reproduziere  sie 
liier  in  Abb.  22,  weil 
Ijindets  Wiedergabe 
nicht  gut  ist.  Nach 
Lindet  und  ßaudril- 
lart  wäre  öX[j.o?  der 
Mörser,  u^tspoc  die 

Keule,  aswv  der  horizontale  Teil  des  Hammers.  Das  wäre  schon  denkbar,  aber  mir 
wollen  die  Maße  zu  einer  Anke  nicht  stimmen.  Ich  halte  es  nicht  für  ausgeschlossen, 
daß  Hesiod  eine  Stampfe  meint,  deren  Keule  drei  Ellen 
lang  und  an  einem  sieben  Fuß  langen  federnden,  ho 
rizontalen  Balken  (a^wv)  aufgehängt  war. 

Schwierig  ist  auch  die  letzte  Zeile:  Sagt  Hesiod, 
wenn  du  einen  zu  langen  Balken  (von  S  Fuß)  hast,  so 
schneide  einen  Fuß  davon  ab,  wodurch  du  auch  eine 
^ifOf^a,  einen  Handhammer,  einen  Schlägel*,  erhältst? 
Also  einen  Handhammer  zum  Fußhammer  (oder  dei- 
Stampfe)? 

Die  Abb.  23  stellt  eine  huzulische  Anke,  dort 
notinä  stüpa  genannt,  vor.  ^  Die  Zeichnung  ist  nicht 
befriedigend.  Auffallend  ist  der  Galgen,  an  dem  sich  der 
Stampfende  ebenso  wie  in  China  und  Indien  festhält. 
Abbildung  24  vergegenwärtigt  eine  Anke  aus  Un- 
garn «und  heißt  bei  den  Wenden  des  an  den  Göcsej 
anreihenden  (sie !)  Gebietes  Stopa*.''   Die  Verantwortung        Abbildung;  2^2.    Mölile  des  l7./l,s. 

'  Rev.  arch.,  a.  a.  0.  —  -  Daremberg-Safrlio,  Dictionnaire,  Jahrhunderts.   Vom  eine  Anke. 

s.  V.  moitarium.  —   ^  G.  A.  Böckler,   Theatrum   macbiiiaium  no- 

vum,  Nürnber};  1703,  Taf.  10.  —  *  Das  Wort  bedeutet  auch  einen  Schmiedehammer,  Od.  :i,  434,  den  man 
sich  wohl  aus  Eisen  hergestellt  denken  muß.  0.  Schrader,  Sprachvergleichung  und  Urgeschichte,  ^  11, 
S.  1(>.  Ich  möchte  aber  darauf  aufmerksam  machen,  daß  Holzhämmer  auch  beim  Schmieden  verwendet 
werden;  ich  habe  zu  meinem  Erstaunen  in  Varei  (Bosnien)  gesehen,  daß  die  eisernen  Brotbackdeckel  mit 
hölzernen  Schlägeln  geformt  wurden.  —  ^  Szuchiewicz,  Huculszczyzna,  S.  100,  Abb.  104. 
'■  Ungar,  etlinogr.  Anzeiger,  II.  u.  III.  Jahrgang  (U)07),  S.  36  f. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Reihe  und  ihre  Namen. 


15 


Abbildung  23.     Eine  huzuliscbe  Anlce. 


Abbildung'  'ü-    Anke  bei  den  ungarischen 
Slowenen. 


für  das  Verhältnis  der  beiden  Hebelarme  dieser  Anke  muß  ich  dem  Zeichner  überlassen. 
Ich  erlaube  mir  daran  zu  zweifeln,  daß  der  kürzere  Hebelarm  wirklich  gar  so  kurz  ist. 
Diese  sfoi)a  dient  hauptsächlich  zum  Zerstoßen  von  Buchweizen,  «dem  wichtigsten 
Nahrungsmittel  der  Wenden»,  d.  h.  der  Slowenen.  Der  Mann,  welcher  die  stopa  bedient, 
hält  sich  an  einem  Stock  an,  der  in  der  Haus- 
wand in  entsprechender  Höhe  befestigt  ist. 
Überall,  auch  bei  den  Deutschen,  steht  die 
Anke  neben  einer  Wand  des  Hauses,  natür- 
lich außerhalb  desselben,  und  überall  fand 
ich  wie  die  anderen  diesen  Stock,  der  das 
freie  Gerüst  der  indischen,  chinesischen  und 
huzulischen  Maschine  vertritt.  Daß  die  un- 
garische Paprikastampfe  ebenfalls  eine  Anke 
ist,  habe  ich  an  einem  anderen  Orte  schon  er- 
wähnt. ^  Im  ethnographischen  Museum  in 
Budapest  dürfte  eine  solche  —  die  ich  vor 
2  Jahren  zerlegt  sah  —  unterdessen  aufgestellt 
worden  sein. 

Auch  das  Museum  in  Salzburg  enthält 
eine  Anke,  wie  mir  Professor  R.  Hoemes 
mitgeteilt  hat. 

Die  schematische  Zeichnung  Abb.  25 
bringe   ich   wegen   der    genauen    Maße.      Sie 

stellt  eine  Anke  aus  Eibiswald  (Steiermark)  dar.    Die  Doppelheit  der  Löcher  erklärt  sich 
daraus,  daß  das  eine  Mörserloch  durch  vieles  ncincn  (wir  kommen  auf  das  Wort  zurück) 

ansgencint.  d.  h. 
unbrauchbar  ge- 
macht wurde. 
Weil  die  Möglich- 
keit vorhanden 
war,  wurde  ein 
zweites  Loch  ge- 
bohrt. - 

Abbildung  26 
ist     eine    Skizze 
einer    Anke    aus 
Schwanberg 

(Steiermark). ä    Die  Keule  mit  Eiscnbeschlag  ist  interessant.   Sie  ist.  soweit  meine  Kenntnis 
reicht,  von  untypischer  Form. 

Abb.  27    ist   etwas    verzeichnet.     Der   linke   Arm    dürfte  etwas  länger  sein,  deun_ 
sonst  würde  er  beim  Horunterfallcn  gar  keine  Kraft  entwickeln.    Dargestellt  ist  eine  Hirse- 
stampfe vom  Kadolbergpaß  zwischen  Eii>iswald  und  Mahrenberg.     Die  Anke  steht  nicht 
längs  der  Hauswand,   sondern  senkrecht  auf  diese,   was  eine  kompliziertere  Anlage  des 

'  Indogerm.  Foi-scliunjien,    XXI  (1907).  S.  2S4.  —  -  MilteiUnijjen  des  Herrn  Lehrers  Fr.  Einfall  in 

Eibiswal.l.  —    '  Mii-  l'ioumlliilisl   von  riofcssor  Fr.  Krank  zur  Verfüsunjr  sreslellt. 


.\l)hilihing  2.5.     Sfeiriscbe  Anke. 


IC. 


Rudolf  Meringer. 


ildung 


Steirische  Anke. 


Stocks  zum  Allhalten  bedingt.    Auch  die  Art,  wie  der  Knopf  Cder  hier  statt  einer  Keule 
ersclieint)    mittelst    eines    Eisenbands    befestigt   ist,    ist    uiitvpisch. 

Die  Abbildung  2S  liat 
Dr.  V.  Geramb  aufgenomnieii. 
Die  Anke  steht  ebenfalls  in 
Eibiswald  längs  eines  Hauses. 
Das  Bild  deutet  die  Fußhal- 
tung des  Stampfenden,  wie 
sie  mir  demonstriert  wurde, 
an.  Bei  so  kleinen  Maschi- 
nen mag  diese  Haltung  mög- 
lich sein,  bei  größeren  ist  sie 
nicht  gut  denkbar  und  ge- 
wiß nicht  gebräuchlich.  Bei 
der  Bäuerin  dieses  Hauses 
konstatierte  ich  mit  Sicherheit  das  Parti- 
zipium gnoant  v<geneint»,  was  also  ein  Ver- 
bum  neinen  voraussetzt. 

Zu  dem  Namen  Anhe  ist  noch  folgen- 
des zu  sagen.     Gewöhnlich  heißt  die  ganze 
Maschine  so.    Gelegentlich  aber  hört  man, 
daß  Anke  eigentlich  der  Mörser  sei,  und  so 
heißt  auch  der  Holzblock  anlnhJoch.    Anhe 
heißt  deshalb  auch  die  Hohlform  der  Knopf- 
macher^  und  Anhe  heißt  auch  «eine  dicke 
eiserne  Platte  mit  verschiedenen  halbrunden 
Vertiefungen,  die  der  Goldschmied  zur  Anfertigung  von  hohlen  Kugeln  braucht  (Dresden)».^ 
Hier  liegt  eine  Übertragung  vor.     Die  ursprüngliche  Bedeutung  ist  «einfache  tret- 
bare Stampfe  in  Bauernhöfen,    wo  mau 
Hirse  und  Heiden  stampft»,^ 

Die  weitere  Entwicklung  des  Fuß- 
hammers, der  Anke,  bestand  in  der  Ver- 
wendung der  Wasserkraft.  Das  Prinzip 
dieser  Maschinen  ist  dasselbe  wie  bei  den 
Wasserstampfen.  Ein  Wasserrad  dreht 
eine  Welle  und  diese  erfaßt  mittelst  eines 
Daumens  den  kürzeren  Hebelarm  der 
Anke  und  drückt  ihn  nieder,  wodurch 
der  vordere  gehoben    wird.     Gerät   der 


Abbildung  27.     Sleirische  Hirsestampfe. 


AbbilduiiK  28. 


Kleine  steirische  Anke  zum  Scliruteu 
und  Ölpressen. 


'  Sanders,  DWB.,  S.  35.  —  ^  K.  Mülle r- 
Krauheim,  Wörterbuch  der  obersächsischen  und 
erzgebirgischeii  Mundarten,  s.  v. 

"  Unger-KhuU,  s.  v.  Hier  wird  als  weitere  Bedeutunfe'  angegeben  «Stampfe  überhaupt  (auch  für 
Schießpulverj»,  womit  wohl  eine  stehende  Stampfe  gemeint  ist.  —  Bei  Schmeller- Fromm  ann  I,  Sp.  111, 
wird  gesagt,  daß  in  der  Schweiz  anken  «pumpen»  bedeutet.  Dann  stammt  der  Ausdruck  vielleicht  von 
slampfenähnlichen  Pumpen.     Vergl.  Böckler,  Theatrum  mach.,  Platte  9.5. 


Die  Werkzeuge  der  j^insere-Reihe  und  ihre  Namen. 


17 


Daumen  der  "Welle  bei  der  weiteren  Drehung  unter  den  kürzeren  Hebelarm,  so  schnellt 
dieser   empor,   der   längere   senkt   sich   und   die  Keule   fällt  mit  Wucht  nach   abwärts. 
Natürlich  kann  dieselbe  Welle  —  ähnüch  wie  wir  es  bei  der 
Stampfe  gesehen  haben   —   auch  mehrere   Hämmer  neben- 
einander in  Tätigkeit  setzen. 

Diese  Art  Hämmer  lieißen  Schwanzhämmer.  Ist  die 
Maschine  so  angeordnet,  daß  die  Welle  den  Hammer  vorne 
bei  Kopfe  packt,  hebt  und  fallen  läßt,  so  spricht  man  von 
einem  Stirnhammer. 

Die  Anke  ist  also  ein  mit  dem  Fuß  betriebener  Schwanz- 
hammer. Mit  Wasser  betrieben  werden  die  schweren  Häm- 
mer, die  eine  weit  größere  Gewalt  ausüben,  als  man  zu  wirt- 
schaftlichen Zwecken,  zum  Enthülsen  und  Schroten,  benötigt. 
Ein  Schwanzhammer  ist  der  typische  Eisenhammer. 
Ich  habe  schon  früher  einige  Bilder  von  ihm  aus  älterer  und 
neuerer  Zeit  gebracht.^ 

Die  Abb.  29  stellt  eine  Schmiede  mit  einem  wasser- 
getriebenen Hammer  dar,  dessen  Kopf  (D)  sichtbar  wird.^ 
Dieser  Hammer  ist  aber  kein  Schwanzliammer,  denn  die 
Daumen  der  dicken  Welle  fassen  ihn  vorne  und  heben  ihn. 
Auch  diese  Konstruktion  hat  ihre  Geschichte,  denn  nach 
200  Jahren   finde  ich    wieder    einen   solchen   Seiteuhammer 

dargestellt  ^   aus  dessen  Erklärung  ersichtlich  ist,   daß    wirklich   gelegentlich   die  Welle 

parallel  zum  Hammer 
gestellt  war  und  mit 
ihren  weit  vorstehen- 
den Daumen  ihn  hob 
(Abb.  30).  Ungläubig 
bin  ich  bloß  gegen  die 
Anzahl  von  sechs  Dau- 
men bei  Agricola.  Der 
Ilammervou  de  Feiice 
hat  deren  bloß  vier. 
L.Beck,  Geschichtedes 
Eisens  II-,  S.  47i),  481 
nennt  diese  Maschinen 
- Aufwerriiäuimer».  Ich 
will     im     Vorbeigehen 

darauf  aufmerksam 
macheu,   daß   die  Am- 
bosse     unserer     heute 


Abbildung  29.     Schmiede 

mit  Eisenhammer. 

16.  Jahrhundert. 


Abbildun!,'  30.    Französischer  Eisenhammer.     IS.  Jahrhundert. 


•  Indogerm.  Forschungen.  X.\l  (l'.tOT).  S. -J^  f.  —  -'  .-Vus  G.  Agricola,  Vom  Bei^kwerk  . 
leütscht  durch  Philipinim    Becliium.     Basel   1557,  S.  CCCLIl. 

''  de  Feiice.  Kncycloiiedie  oü  dictiotniaire  univei-sel.  l'lanchos.  Tome  V.  Yverdon  1777. 
Forge.s,  4.  Section,  Tat'el  6,  Fig.  38  und  Tafel  7,  Fig.  -V;?.     Die  Besclireibung  findet  sich  S.  76  f. 

Wörter  uud  Sachen.    I.  3 


Yorvl. 


18 


Rudolf  Meringer. 


Abbildung  31.     Steirischer  Eisenhammer. 


noch  bestehenden,  volkstüinlicl)en  Eisenhämmer  genau  so  sind  wie  der  von  Agricohi 
dargestellte:  Der  Eiserne  Kopf  des  Hammers  sehlägt  auf  einen  eisernen  Amboß  und 
dieser  steckt  in  einem  Baumstrunk,    der  von   einem    dicken  eiserneu  Reif  umklammert 

ist.'  Beachte,  daß  die  Blasebälge  schon  mit 
Wasserkraft  —  wie  heute  —  betrieben  werden. 
Auch  die  Esse  hat  die  Gestalt  der  heutigen. 

Einen  Schwanzhammer,  der  in  den  Papier- 
mühlen in  \'erweudung  steht,  bildet  Krünitz 
ab  —  aber  sehr  schleclit.^  Auch  in  den  Loden- 
stampfen sind  Schwanzhäramer  im  Betriebe, 
wie  noch  sonst  oft. 

Die  Abb.  31  stellt  einen  Eisenhammer  aus 
Schwanberg  (Steiermark)  dar^,  ebenso  Abb.  32. 
Abb.  33  ist  ein  technisch  vervollkommneter 
Schwanzhammer.* 

Wie  wenig  Aufmerksamkeit  den  besproche- 
nen Sachen  bis  jetzt  gewidmet  wurde,  möge 
man  daraus  ersehen,  daß  M.  Heyne  wohl  von  den  Mühlen,  aber  nichts  von  Stampfen 
oder  Anken  zu  be- 
richten weiß.^  Nur 
in  seinem  nachge- 
lassenen Werke 
über  das  altdeut- 
sche Handwerk'' 
macht  er  die  Be- 
merkung, daß  das 
Wort  Milhlc  für  jede 
Maschinegebraucht 
wurde  und  daß  man 
deshalb  von  Loh- 
mühleu, Holzmüh- 
len ,     Sägemühlen, 

Kalkmühlen 
sprach.  Dann  fährt 
er  fort:  «älter  mö- 
gen die  Walkmüh- 
len sein,  die  das 
nach    römischer 


Abbildung  3ä.     Steirischer  Eisenhammer. 


'  Der  estnische  Held  Kalevipoeg  spaltet  mit  dem  Schwerte  den  «schweren  Amboß  —  Nebst  dem 
dichtberingten  Klotze,  —  Der  ihn  trug,  bis  in  den  Boden».  Vergl.  O.  Schrader,  Sprachvergleichung  und 
Urge.schi eilte,  '  II,  S.  27,  Anm.  2.  —  -  Krünitz,  Encyklopädie,  21.  Teil  (1780),  S.  337,  dann  Taf.  II,  Fig.  1215. 

^  Mit  den  Kugeln  auf  den  Säulen  hat  es  folgende  Bewandtnis.  Sie  werden  in  zienüich  rohem  Zu- 
stande frei  auf  die  Ständer  gelegt.  Durch  die  Erschütterung  der  Schläge  werden  sie  immer  ein  Stückchen 
gedreht,  wodurch  sie  allmählich  ganz  kugelig  und  glatt  poliert  werden.  —  ''  Buch  der  Erfindungen  (1866), 
IV.  Bd.,  S.  77,  Abb.  30.  —  ^  Vergl.  M.  Heyne,  Deutsche  Hausaltertümer,  2.  Bd.,  S.  257  ff.,  1.  Bd.,  S.  43  f. 

"  Das  altdeutsche  Handwerk.     Aus  dem  Nachlasse  von  M.  Heyne  (1908),  S.  45  f. 


Die  Werkzeuge  der  jiinsere-Tieihe  und  ihre  Namen. 


19 


Technik  angewendete  Treten  der  Stoffe  mit  den  Füßen  durch  ein  vom  Wasser  getriebenes 
Stampfwerk  ersetzt  haben».  In  der  Anmerkung  zu  dieser  Stelle  bemerkt  er,  daß  stampf- 
miil  1343  belegt  ist,  und  daß  schon  bei  Seifr.  Helbling  im  13.  Jahrhundert  stampfhart 
ein  grobes  gewalktes  Tuch  bedeute. 

Zum  Sprachlichen,     a.  Stampfe. 

Mit  den  beschriebenen  Maschinen  hängen  drei  Wortsippen  zusammen:  Stampfe 
[stampfen),  Anlce  und  ein  Zeitwort,  das  in  schriftdeutscher  Gestalt   neuen   heißen  müßte. 

Über  Stampfe  und  seine  Verwandten  ist  nicht  vjel  Neues  mehr  zu  sagen.'  Die 
Wortindividualitäten  sind  folgende: 

Stampf  Masc.  bedeutet  ursprünglich  die  Keule.  Vergl.  ahd.  siamfe  farnuuuanaz 
pilo  tunsum  (Steinmeyer,  ahd.  Glossen  I  287,  35).  Sonst  wird  sowohl  pllum  wie  pila 
durch  stampf  übersetzt.  Vergl.  pilo  stampf  (a.  a.  0.  I  229,  2),  pilo  stampf  (I  337,  23),  pilo 
stampf  siamp  (I  338,  19),  pilus  stamph  (I  538,  36),  pilo  stampf  (I  543,  50),  pilo  stamplio 
(?  II  r)34,  33)  —  in  pvla  In  stamfe  (I  542,  45),  pila 
stanph  (I  590,  3),  pila  stamph  (I  tJOr),  \h],  pUc  stamph 
(I  683,  23).  Eine  abschließende  Antwort  gibt  die 
Glosse  (III  300,  3) :  pilum  vel  pila  lignum  in  quo 
milium  et  fruraentum  exuitur  stanphf. 

Nach  dem  DW'B.  Ijedeutet  der  Stampf  ein 
Gerät  zum  Bereiten  des  Schweinefutters,  was  wohl 
das  s-förmige  Eisen  sein  wird,  von  dem  unter 
Stampf  Fem.  die  Rede  ist.  Dann  bedeutet  das 
Wort  «Keule  und  Mörser»  und  «Mörser»  allein. 
Vergl.  mnd.  stamp  Älse  it  in  einem  stampc  gestoten 
teere  (quasi  pilo  tusum).-  Im  Dialekt  der  VII. 
und  XIII.  Comuni  in  den  venetiauischen  Alpen 
bedeutet  stampf  m.  «Mörser»,  mortajo,  pila;  da- 
gegen stemfel  «Stämpfel»,  pestello.^  In  der  Sprache  der  Technik  ist  Stampf  ein  ver- 
tieftes Werkzeug  von  Eisen,   um  Gegenstände  aus  Blei  oder  Blech  darin  zu  bilden  (DWB.). 

Ob  das  steirische  stampf  im  Sinne  von  «Getreidemaß  (Unger-KhuU),  von  der  Mürser- 
form,  oder  —  wie  das  DAVB.  meint  —  davon  seinen  Namen  hat,  daß  es  die 
Menge  des  zugleich  unter  den  Stampf  gebrachten  Getreides  angibt,  möchte  ich  nicht 
entscheiden.  [Vergl.  «aisl.  stampr  Kübel  (eigentlich  ausgehöhlter  Baumstumpf?) 
Torp  a.  a.  0.  484.] 

Stampfe  B^'em.  Für  die  ursprünglichste  Bedeutung  halte  ich  «Mörser».  Zwischen 
der  stampf  und  die  stampf-  ist  ein  ähnliclies  \'erhaltnis  wie  zwischen  pilum  «Stößel« 
und  2>ilit  ■'  Mörser».  Ein  starker  (irund  iiu'  die  Richtigkeit  dieser  Annahme  liegt  in 
dem  altsl.  stnpa  «Mörser»,  das  einem  ahd.  *stampfa  entlehnt  ist. 

Aber  wieder  haben  Verschiebungen  stattgefunden.  Auch  Stampfe  wurde  auf  die 
ganze  Maschine  übertragen,  dann  auf  den  <^StämptVl».  So  heißt  ein  sformiges  Eisen 
an  langem  Stiele  je  nach  der  Verwendung  Kraittstampfe,  Erdiipfehiamjyfc.     In   der  vom 

'  Vergl.  DWB.,  .•^.  v.;  I'alk-To  rp.  Etym.  Onlbo?.  190«,  s.  v.  Stampe;  J.  Fr.iiik.  EtymoloFiscli 
Woordenliock,  .*.  v.  Stainpon  usw.     [Tnip  F:ilk,  Fick  III'  kiiniile  iili  erst  bei  der  Korreklur  einsehen.] 

-Si'lii  IltM-T.üliliiMi,  MillolnioiliM-d.  Wöllerb.,  s.  v.  —  ^.I.  .A.  Soli  niiM  1er,  ripiilui^i-hesWiiilerbuch,  S.  173. 


Abbildung  :?.■?.     Konstruktion  eines 
moderneren  Eisenhammers. 


20  Rudolf  Meringer. 

DWB.  angezogenen  Stelle  in  Tieck  Don  Quixote:  es  ivaren  secJis  Stampfen  einer 
WaUiuiihle,  die  mit  ihren  abwechselnden  ScMügen  jenes  Lärmen  hervorlracliten,  ist  kläi'licli 
von  den  Stämpfeln  die  Rede.  Ebenso  heißt  der  Stößel  der  Aargauer  Maschine,  die  wir 
schon  oben  besprochen  haben  (S.  9  f.),  Stampfe. 

Stampfen  Ztw.  Das  ahd.  stamfün  (nur  einmal  belegt)  ist  ein  Denominativnm 
von  *stamfa,  *stampfa  und  betieutet  «etwas  in  der  Stampfe  bearbeiten». 

Stümpfel,  Stempel  bedeutet  den  aktiven  Teil  der  Stampfe  und  scheint  eine  jüngere 
Bildung  zu  sein,  die  notwendig  war,  als  der  stampf  dw\'d\  Übertragungen  unklar  geworden 
war.  Die  Bildung  sehließt  sich  an  die  zahlreichen  auf  germ.  -ila-  an,  die  J.  Grimm 
zusammengestellt  hat  \  von  denen  ich  nur  auf  die  verbreitetsten  hinweisen  möchte:  Bleuel, 
Flegel,  Griffel,  Hebel,  Henkel,  Kegel,  Kneuel,  Knüttel,  Kiibd,  Löffel,  Meißel,  Prügel,  Riegel, 
Schlägel,  Schlüssel,  Schwengel,    Wedel,   Wirtel  (der  Spinnerin),  Zügel. 

Aus  dem  Althochdeutschen  ist  uns  noch  eine  merkwürdige  Glosse  erhalten :  Pila  sianif 
est  uas  concanum  aptum  ad  frumenta  tundxnda  superius  (lutem  lignum  cum  quo  tunditur 
pilum  dicitur.  i.  stamfi  strcmphil  nbirstemfe.  Steinraej'er,  Ahd.  Glossen  I,  802  z.  34  ff. 
Der  Herausgeber  bemerkt  hierzu,  daß  stamf  und  stremphil  zum  Zeichen,  daß  sie  getilgt 
sein  sollen,  unterstrichen  sind.  Es  scheint  also,  daß  keine  Sicherheit  herrscht.  Einmal 
soll  bloß  pila  mit  stamf  übersetzt  werden,  und  pilum  mit  ubirstempfe,  das  übergeschrieben 
ist.  Ursprünglich  war  aber  pila  mit  stamf  ebenso  übersetzt  wie  pilum  und  bei  letzterem 
noch  hinzugefügt  stremphil.  Dieses  letztere  Wort  wird  wohl  identisch  mit  * stemphil  sein, 
wie  strampfen  mit  stampfen.     Woher  das  r  stammt,  ist  nicht  zu  sagen. 

Stumpf  Masc.  und  stumpf  Adj.  stehen  im  Ablaute  zu  den  bis  jetzt  genannten 
Wörtern.  Da  nach  meiner  Meinung  an  so  einfachen  Sachen  am  ehesten  die  älteste 
Bedeutung  der  Wurzel  haftet,  muß  ich  annehmen,  daß  man  die  germanische  Bedeutung 
aus  dem  Substautivum  Stumpf  erschheßen  muß.  Stumpf,  ags.  stump,  holl.  stomp,  hat  die 
Grundbedeutung  «Klotz»  gehabt  und  i.st  die  suffixbetonte  Nebenform  zu  stampf, 
mit  dem  es  möglicherweise  einmal  im  selben  Deklinationsparadigma  vereint  war  (idg. 
*stömbo-,  stmbe-).  Das  Verbum  stampfen  muß  also  einstens  bedeutet  haben  «mit  einem 
Klotz  arbeiten»,  und  die  weitverbreitete  Bedeutung  schwer  auftreten»  kann  daraus  her- 
stammen, daß  das  Treten  des  Fußes  das  Heben  eines  Klotzes  (oder  eines  Hammers), 
kurz  ein  Stampfen  bewirkte,  oder  aber  ein  schwerer  Gang  ist  bildlich  mit  dem  Nieder- 
fallen eines  Klotzes  (oder  Hammers)  verglichen  worden.  * 

Eine  alte  Nebenform  *stmhh  steckt  in  Stummel,  (ver) stammeln  (mhd.  stumbel  «Stumpf», 
stümheln). 

Auffallend  ist,  wie  mächtig  die  germanischen  Wörter  zu  Slawen  und  Romanen  vor- 
gedrungen sind.  Gewiß  war  es  die  Sache,  die  Nachahmung  fand,  die  Stampfmühle, 
die  darnach  wohl  von  Deutschland  aus  sich  weiter  verbreitet  haben  muß.  Wieder 
sehen  wir,  wie  bei  der  Geschichte  des  Pflugs,  die  Germanen  als  Lehrmeister  der  anderen 
Völker. 

Die  slawische  Sippe  findet  man  bei  Miklosich.  ^  Aksl.  stapa  «Mörser»  ist  erwähnt. 
Nsl.  stöpa  «Stampfe»,  Plural  stope  «Stampfmühle,  Pochmühle»,  stöpati  «stampfen». 
Tschech. stoupa  «Stampfe,  Stampftrog,  Stämpfel»  kroat.  sfupa  «hölzerner Mörser»  «Stampfe»  '*, 

'  J.  Grimm,  Deutsche  Grammatik,  III,  S.  470.  —  ■  Indogerm.  Forschungen,  XXI  (1907),  S.  286 f. 

'  Fr.  Miklijsich,  Etymol.  Wöiterb.,  S.  334,  s.  v.  stompa.  —  ■*  V.  St.  Karadsc  hitsch  s.v.,  gibt 
auch  an  «eine  Maschine  zum  Hanf  brechen».  Wie  sieht  sie  aus?  Man  sieht  aus  solchen  Fällen,  wie  wertlos 
ein  Wörterbuch  ohne  Bilder  ist. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Re'ihe  und  ihre  Namen.  21 

stupati   «stampfen»;  poln.    st^pa    «Stampfe»,   stqpor,    stepor    "StämpfeU,    rassisch  stupa 
«Mörser»,   «eine  Erdstampfe»,   «ein  Klotz»,   «ein  plumpes  Frauenzimmer». 

Ital.  sfampare,  span.  port.  cstanipar,  franz.  cstamper,  «stempeln,  prägen,  abdrucken». 
Ital.  stompa  «Prägung,  Buchdruck  ,  franz.  etampc  «Stahlstempel»,  es<am/)e  «Kupferstich, 
ytahlstich». 

Die  auswärtigen  Verwandten.  Im  ai.  findet  sich  stambä  «Pfosten,  an  den  ein 
Elefant  gebunden  wird»,  a  pillar;  stamhaghand  «ein  Werkzeug  zum  Hauen  des  Grases». 
Daneben  eine  Wurzel  mit  aspiriertem  Auslaut  stamhJia  «Pfosten,  Pfeiler,  Säule--,  stahhuiti, 
stahhnoti  «befestigen,  festhalten»  (U\'.). 

Diesem  Nebeneinander  von  ai.  sfamh  und  stamhh  solieint  der  von  Stumpf  und 
Stummel  (mhd.  stumM)  genau  zu  entsprechen. 

Den  e-Ablaut  finden  wir  in  aTS[j.ßHV  «mit  den  Füßen  stampfen,  mißhandeln, 
schmähen»,  wozu  wohl  auch  lat.  temno  (==*  tembnn)  gehört.^ 

Aus  dem  lit.  gehören  hieher  stambas  (Nesselmann)  «Strunk,  dicker  Stengel  von 
Kohl»  u.  a.,  stamhras  «Stengel,  Halm»,  stamhns  «grob,  grobkörnig-  (vom  Mehl,  Brot, 
Tuch).  Man  sagt  auch  tal  stamhtis  tmogns  «das  ist  ein  grober  Mensch-,  stimherys 
«Schwanzstummel,  -stumpf». 

Zu  *stemb{li)  gibt  es  auch  eine  un nasalierte  Wurzel  *st('h{fi),  *sfab(h).  Vergl.  gr.  atoßico, 
oToßäCtö  «schelten,  schimpfen».  Neben  lit.  stemhti,  iszstemhi>s  «strunkig.  holzig-  finden 
wir  stebctis  «staunen»,  stab/jli  «aufhalten».  Dem  ai.  stamh/ia  entspricht  Ht.  stabas  tGötzen- 
bild»^  got.  stafs  usw.'  Zu  dem  apreuß.  mahmastabis,  das  «Mühlstein»  bedeuten  soll, 
will  ich,  meine  früheren  Worte  ergänzend*,  noch  sagen,  daß  es  auch  «Mühlenstößel» 
bedeuten  könnte,  denn  es  wäre  sehr  denkbar,  daß  die  Preußen  Mörser  und  Keule  ver- 
wendeten. Jedenfalls  glaube  ich  noch  immer  nicht,  daß  sfabis  «Stein»  heißt.  Die 
nasalierte  Wurzel  in  gr.  aatsjKpvji;  «unerschütterlich,  fest,  grausam?,  '3ts[j.so).ov  «ausgepreßte 
Oliven,  Steinbeeren».  Die  unnasalierte  Wurzel  wieder  in  der  Sippe  von  stapfen  (gerra. 
*stabn-,    stapn-),   engl.  step.      [Torp-Falk,  Fick  HI',  S.  4^2.1 

Unsere  Ausführungen  haben  ergeben,  daß  stc(in)b(h)  den  Shm  « Klotz ».  «mit  einem 
Klotz  hantieren»  u.  ä.  bedeutete.  Neben  dieser  Wurzel  bestand  noch  ein  *stap.  vergl. 
Staffel,  Stufe,  aksl.  sfqpiti,  stapad,  bei  dem  nur  eine  Bedeutung  «treten,  gehen?  nach- 
weisbar ist. 

Ein  ganz  merkwürdiges  Nachtgespenst  ist  mhd.  diu  Stempel  Sie  macht  ihrem 
Namen  (germ.  '''■  stanipjö  «Stämpferin»)  Ehre,  denn  sie  tritt  im  Schlafe  die.  welche  ihr 
Essen  nicht  säuberlich  verzehrt  haben,  hat  also  eine  weitschichtige  X'erwandtschaft 
in  den  Geistern,  welche  sich  dem  Schlafenden  auf  die  Brust  legen  (Alp,  Trud.  Mahr, 
Schratt). 

Zur  Frage,  ob  bei  der  Bedeutungsverschiedenheit  von  < schwer  auftreten»  und  mit 
einem  Stößel  stoßen»  schon  irgendeine,  wenn  auch  einfache  Maschine  mitwirkt  oder 
nicht,  vergleiche  qStc,  das  auch  einen  Tanz  bedeutet,  was  ja  eine  ganz  begreifliche 
Metapher   wäre.     Die  Ähnlichkeit   des  Klangs   eines   taktmäßig    «stranipfenden^  Tanzes 


'  A.  Walde,  Lat.  elymol.  Wörter!).,  s.  v.  —  »  liidoperm.  Forschungen,  XVUI  (1905).  S.  ä79. 

»  Uhlenbeck,  Et.  Wörterb.  .1.  ai.  Sprache,  S.  MX    [Torp-Falk,  Fick  IIP,  S.  483.] 

*  Iiuloserm.  Forsoliungcn,  XVIII  (lilofi).  S.  276. 

'•>  Grimm.   Deutsche   Mythologie.   .*!.    -255  f.     Haupts  Alldeutsche  Rlrdler,  I,  UK>.  v.  d.  Ha^en.  G^ 

sammtabou teuer.  111.  :>;!. 


22  Rudolf  Meringer. 

mit  dem  Klange  von  stoßenden  Keulen  ist  allerdings  groß.  Aber  ein  gewöhnlicher 
schwerer  Gang  ist  einem  Stampfen  doch  nicht  so  ähnlich.  Allerding.s  kann  man  anderer- 
seits wieder  geltend  machen,  daß  solche  Übertreibungen  in  den  sprachlichen  Metaphern 
keineswegs  unerhört  sind.  Sicher  ist  nur,  daß  in  *ste(m)h(Ji)  der  Sinn  Klotz»  ent- 
halten war. 

b.    Anke. 

Über  die  Etymologie  dieses  Wortes  könnte  man  sich  verschiedene  Gedanken  machen. 
Man  könnte  an  Entlehnung  au.s  lat.  ancus  «gekrümmt»  denken.  Belegt  ist  beiFestus: 
AncKS  appellatur,  qui  aduncum  bracchium  habet,  et  exporrigi  non  potest.'  Das  Wort 
scheint  dem  ital.  aticino  zugrunde  zu  liegen.-  Aber  gegen  ein  Lehnwort  spricht  vor  allem 
das  feminine  Geschlecht  von  Anke,  ganz  abgesehen  davon,  daß  wir  von  einer  römischen 
Anke  dieses  Namens  nichts  wissen  und  daß  die  Anke  kein  Haken  ist.  Auch  scheint 
das  Wort  ancHS  schon  frühzeitig  geschwunden  zu  sein. 

Dann  könnte  Anke  urverwandt  mit  ancus  sein,  was  bei  der  Annahme  einer  -nd- 
Ableitung  lautlich  möglich  wäre.  Aber  wieder  erhebt  die  Sache  Einspruch,  denn  die 
Anhc  ist  kein  Ilaken,  ist  nicht  gekrümmt  (ai.  ahids  'gebogen>). 

Und  so  bleibt  denn  bloß  die  Möglichkeit  der  Identifikation  mit  ahd.  ancJia  Fem. 
«Genick«,  mhd.  anlcc  «Fußgelenk,  Genick«^,  ahd.  eiichil,  anchal,  nhd.  E»M  «^Fußknöchel». 
Dieses  gehört  zu  ai.  ailj  (RV.)  «sich  drehen  s  üüga  <Ghed».*    [Torp-Falk  a.  a.  0.,  S.  11.] 

Wenn  ich  sage,  die  beiden  Wörter  sind  identisch,  so  meine  ich  aber  keineswegs, 
daß  das  Wort,  welches  «Genick»  oder  «Fußgelenk»  bezeichnet,  auf  die  Maschine  über- 
tragen wurde,  sondern  ich  glaube,  daß  die  Anke  so  bezeichnet  wurde,  als  das  Wort 
noch  «Glied»,  «Gelenk»  bedeutete.  Die  Übertragung  lag  nah  genug,  denn  die  Anke 
bewegt  sich  wie  ein  Glied  im  Gelenke. 

c.    Neuen;   die   Neue;    nennen. 
Das  was   man   mit   der  Anke  macht,   wird   neuen  genannt.     Es   entspricht   mhd. 
mmverv';    aus  dem  ahd.  ist  die  Glosse  farnnimanaz   innsum   schon   erwähnt    und    nimvil 
retundit  noch  nachzutragen.    Weder  Graff  noch  Zarncke  sind     dem  Worte  gerecht  ge- 
worden, sondern  erst  das  DWß.  und  Lexer.     Ich  gebe  nur  wenige  Belege. 
ht  dem  (Bauer)  miiost  du  lünwen 
dehsen,  sicingoi.  hliuwen 
und  darzuo  die  riioben  graben  Helmb.  1359 
das  geschah  hi  einem  stampfe,  dd  lue  innr  hne. 
Do  hiez  ich  niuwen  sie.     ÜWH.  334. 
In  der  nuU  neuef  man.  —  Die  miiller  neuen:  die  gersfrn,  dm  hirs  neuicen  Hans  Sachs. 
Im  bairisch-österreichischen  Dialekt  ist  das  Wort  noch  weit  verbreitet.''    Steirisch 
nain,  tirol.  nujen,  nojen,  kärtn.  noin,  näun,  bair.  noicn,  nnien. 


*  Festus,  ed.  Tljewrewk  de  Ponor,  S.  l."i. 

=>  Körting,  Lat.  Rom.  Wiirterb.,  s.  v.  ancus.  —  Walde,  Lat.  Et.  Wörterb.,  s.  v. 

•'  Weigand,  D.  Wörterb.,  5.  Aufl.,  ed.  H.  Hirt,  s.v.  —  Falk-Torp,  Norw.  dän.  et.  Wörterbuch, 
deutsch  von  H.  Davidsen,  s.  v.  Ankel.  —  •*  Uhlenbeck,  Et.  Wörterb.  der  ai.  Spraclie,  s.  v. 

•^  Graff,  Ahd.  Sprachschatz  IV,  1125.  —  Zarncke  im  Mhd.  Wörterb.  11,1,  S.  418.  —  Le.xer,  Mhd. 
Wörterb.,  s.  v.  —  D.  Wörterb.,  s.  v.     [Torp-Falk,  Fick  III*,  S.  298.] 

'^  Vergl.  das  D.  Wörterb.  —  Schmeller-Frommann,  I,  1711,  Schmeller,  Cimbrisclies  Wörlerb., 
149.  —  Schöpf,  Tir.  Id  ,  470.  —  Lexer,  Kämt.  Wörterb.,  196.  —  Überfelder,  Kämt.  Idiot.,  l'.io.  — 
Unger-Khull,  Steirischer  Wortschatz.  47fi. 


Diu  Werkzeuge  der  pitisere-Ueihe  und  ihre  Namen. 


23 


Abbildung  34. 


Das  Verbum  war  ein  starkes,  ist  aber  schwach  f^ewoiden.  Es  ist  der  Rest  einer 
sehr  merkwürdigen  lang(hi)hthongischen  Wurzel,  die  .1.  Schmidt  eingehend  behandelt 
hat*,  zu  der  got.  bnaiian,  ahd.  nmn,  aisl.  gni<a  «kratze-,  aschwed.  gnugga  «schaben, 
reiben»  gehört.  Im  aschwed.  finden  wir  das  schwache  Präteritum  gnöpe.-  Ich  habe 
dann  ai.  nnm,  lat.  navis  zu  dieser  Wurzel  gestellt.^ 

Im  Dialekt  hat  sich  schon  seit  .Jalu-huuderten  eine  um  ein  n  erweiterte  Form  ein- 
gestellt, vergl. gnaund  (neben  geneut)  Lexer,  Mhd.  WB.  a.a.O.,  kämt,  gnorter  brein.  Überfelder 
a.  a.  0.  und  das  oben  zitierte  gnonnt^  Man  sagte  mir  auch,  daß  in  Eibiswald  die  Anke  Nein 
genannt  wird,  was  ahd.  ^niinva,  mhd.  *ninwe,  (nhd.  *ncue)  zur  Voraussetzung  hätte  und 
eine  begreifliche  Bildung  wäre,  aus  der  das  Verbum  *  nennen  entstanden  sein  könnte. 
Ich  habe  aber  das  W^ort  nicht  selbst  gehört  und  es  kann  nicht  weit  verbreitet  sein,  wenn 
es  existiert,  denn  das  Instrument  heißt  Anl;e  und  das,  was  man  damit  tut,  wird 
nain  genannt. 

Ich  habe  der  W.  *naK,   nn    die  Urbedeutung   «schaben»,   «kratzen»   zugesprochen. 
Hier  finden  wir  sie  in  der  Bedeutung  «stoßen».    Es  muß  eine  schon  uralte  Übertragung 
vorliegen.     *W(7h  *na  paßt  bloß   auf  das  Ur- 
instrument  der  »woZere-Reihe,  auf  das  Schaben 
und  Kratzen  eines  mit  der  Hand  über  einen 
anderen    'größeren'   Stein   hin-   und   herbe- 
wegten  kleineren   Steins.     Der   schabt   und 
kratzt  wirklich  zuerst  die  Hülsen  der  unter- 
gelegten Körner  weg  und  zerschabt,  zerkratzt 
sie   dann  selbst.     Man  sieht  hier  den  Aus- 
druck einer  höheren  Kulturerscheinung  auf 
eine  niedrigere  übertragen,  was  aber  oft  vor- 
kommt.    Vergl.  die  «Rauchstube»,  die  wirklich  keine  Stube  ist,   sondern  ihr  bloß  an- 
geähnlicht  wurde. 

Die   Mab  1  vo  r  ri  c  h  t  u  nge  n    des   Plans   von    St.    Gallen. 

])er  Plan  von  St.  Gallen  zeigt  an  seiner  Südseite  drei  kleine  Gebäude  (vergl. 
Abb.  34).  Alle  drei  sind  zweiteilig  und  enthalten  in  den  ^'orräumen  cubUja  fawulonini. 
Lagerstätten  für  Knechte.  Das  erste  Häuschen  ist  der  locus  ad  torrcinhis  (ninonas,  dient 
also  zum  Dörren  (Rösten)  der  Feldfrüchte.  Dazu  ist  er  mit  einem  großen  Ofen  aus- 
gestattet und  mit  einem  horizontalen  Flechtwerk,  worauf  das  zu  trocknende  Getreide  zu 
liegen  kommt.  Es  ist  auch  iiKiglich,  daß  mehrere  derartige  Flechlwerksgitter  über- 
einander angebracht  waren.'  Am  meisten  Ähnlichkeit  hat  dieser  Ort  mit  den  heute 
noch  bestehenden  «Badstuben»  d.  h.  Stuben,  in  denen  einst  Dampfbäder  gebraucht 
wurden,  die  aber  heute  nur  mehr  als  Flachsbrechelstuben  verwendet  oder  bewohnt 
werden.  Dasselbe  Schicksal  hat  die  norwegische  badsdic  durchgemacht.  Es  bedeutet 
jetzt  ein  Haus,  in  dem  Korn  durch  Feuer  getrocknet  wird,  während  früher  aucli  Dampf- 
bäder darinnen  bereitet  wurden." 

Stephani  sieht   in  dem  Häuschen   eine  «Malzdarre»",  wogegen   aber   die  Inschrift 

'  Kuhns  Zts.  für  vertrlciclioiulo  Sprachf.,  21),   10.  —  '  A.  Noreen.  Laullelire.  S.  iO.  35. 

'  liulogermaniscbe  F.uschuiipon,  XYII  (I91H),  S.  Itilff.  —  *  Verfasser,  Das  deulsdic  Haus,  S.  St. 

'^  Falk-Torp,  Xorw.-ilän.  elymnl.  Wfirtorb.     Doutsch  von  Davidson,  s.  v.  BadMiie. 

6  K.  G.  Stephani,  Der  ähesto  deutsche  Wohuhau.  II.  S.Ol. 


Die  Mahlvorrichtungen  des  Plans 
von  St.  Gallen. 
.Nach  Henne  am  Hhvn,  Deutsche  Kulturgeschichte.) 


u 


Rudolf  Meringer. 


allein  schon  genügend  deutlich  spricht.    Richtiger  hat  schon  Keller  von  einer  «Frucht- 
darre» gesprochen.^ 

Das  zweite  Häuschen  enthält  die  jnlae;  «Stampfmörser»  übersetzt  Keller.  Stephani 
(a.  a.  0.,  K.  62)  sieht  hierin  eine  «Stampfmühle  mit  ihren  Stößern  (piktc)^.  Beides  ist  nicht 
richtig,  püa  wird  zwar  ahd.  mit  stamph  übersetzt,  aber  um  eine  «Stampfe»  in  unserem 
Sinne  kann  es  sich  hier  nicht  handeln.  Ich  habe  schon  früher  bewiesen-,  daß  die 
Zeichnung  nur  auf  einen  Fußhammer,  eine  Anke,  wie  ich  jetzt  sage,  paßt,  und  zwar 
auf  eine  wassergetriebene,  worauf  die  Welle  hindeutet,  die  am  Ende  der  Hämmer  er- 
scheint. Ich  gebe  in  Abbildung  35  eine  Rekonstruktion  dieser  St.  Gallener  Wasseranken. 
Möglicherweise  kommt  aber  jemand  noch  auf  eine   andere  Erklärung:     Man  könnte  in 


Anken  > 


Plans 


der  Zeichnung  auch  bloß  zwei  Hämmer  und  zwei  Mörser  sehen  wollen,  also  eine  \ov- 
richtung,  die  sich  heute  noch  findet  und  oben  aus  Arnfels  (Steiermark)  abgebildet  ist 
(Abb.  19).  Ich  halte  aber  diese  Deutung  für  unmöglich,  denn  für  einen  Handhammer 
sind  die  gezeichneten  Hämmer  um  ein  Vielfaches  zu  groß,  ganz  abgesehen  davon,  daß 
der  Zeichner  sie  wohl  mit  dem  Kopfe  zu  den  Mörsern,  wenn  das  eben  Mörser  wären, 
geneigt  hätte  und  nicht  mit  dem  Stielende! 

Das  letzte  Häuschen  enthält  die  molac,  nach  Stefani  die  Handmühle  mit  den 
Mahlsteinen».  Auch  das  ist  unrichtig.  Für  Handinühlen  sind  die  Steine  zu  groß  und 
sonderbar  wäre  es,  wenn  ein  Musterkloster  Handmühlen  gehabt  hätte.    Die  den  Römern 


'  F.  Keller,  Bauriß  des  Klosters  St.  Gallen,  S.  31. 
^  Indogermanische  Forschungen,  XXI  (1907),  S.  28.5. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Reihe  und  ihre  Namen.  25 

schon  bekannten  Wassermühlen'  können  wir  mit  Bestimmtheit  einem  «Großbetrieb», 
wie  ihn  unser  Kloster  in  vielfacher  lliusicht  darstellt,  zutrauen. 

Zu  allen  anderen  Argumenten  für  den  Wasserbelrieb  der  Anken  und  der  Mühlen 
spricht  noch  die  Lage  am  Rande  der  Klosteranlage,  wo  der  Zeichner  einen  Flußlauf 
annahm. 

Wenn  wir  die  drei  Häuschen  nebeneinander  betrachten,  so  sehen  wir  die  Vor- 
richtungen für  das  Rösten  (oder  Dörren),  das  Stampfen  und  das  Mahlen  vor  uns,  die 
drei  Stadien  der  Behandlung  der  Getreidekörner  bei  ihrer  Umwandlung  in  Mehl.  Die 
Stampfe  steht  hier  so  neben  der  Mühle  wie  die  Wörter  in  der  Verbindung  siamfon  undc 
malcn^  comminuere  fruges.  Auch  heute  noch  findet  man  (z.  B.  in  Eibiswald)  an  Mühlen 
Anken  angebracht !   So  zeigt  auch  die  Abb.  22  eine  alte  Mühle  und  daneben  eine  Anke. 

Wie  hat  der  Zeichner  des  Plans  in  seiner  Sprache  die  pilae  genannt?  Wenn  er 
ein  Deutscher  war  —  wie  ich  glaube  — ,  kann  er  stampf  gesagt  haljen  (wie  die  ungarischen 
Slowenen  ihre  Anke  stupa  nennen,  was  natürlich  aus  dem  Deutschen  entlehnt  ist; 
oben  Abb.  24),  er  kann  aber  auch  *ankha,  vielleicht  sogar  *nhma  gesagt  haben. 

Daß  es  im  9.  Jahrhundert  in  St.  Gallen  noch  nötig  war,  einen  locus  ad  tonendas 
atmonas  zu  haben,  mag  damit  zusammenhängen,  daß  das  Klima  damals  noch  feuchter 
war  als  heutzutage,  wohl  deshalb,  weil  die  Wälder  noch  einen  weitaus  größeren  Raum 
einnahmen.  Heute  muß  man  schon  erheblich  weiter  nördlich  gehen,  um  ähnliche  Ein- 
richtungen zum  Darren  des  Getreides  zu  linden.  Aus  dem  17.  Jahrhundert  wird  uns 
noch  bezeugt,  daß  die  Litauer  das  Getreide  durch  Ofenwärme  dörrten'  und  Nessel- 
mann* erklärt  jäuja  als  1)  eine  Scheune  mit  einem  Ofen,  worin  das  noch  am  Stroh 
befindliche  Getreide  getrocknet  wird,  so  im  zemaitischen  und  2)  eine  Brachstube,  in 
welcher  Flachs  getrocknet  und  gebrochen  wird.  Die  Südiitauer  benützen  noch  heute 
die  Badstube  pirfis  als  Darrhaus  für  das  Getreide. 

Ein  eigenes  Häuschen  zu  diesem  Zwecke  finden  wir  bei  den  Letten^,  worüber 
Bielenstein  S.  81tt'.,  DStt".  zu  vergleichen  ist.  Dieses  Haus  heißt  lija,  Biege  (a.a.O. 
S.  105).  Gewiß  ist,  daß  die  Riege  nur  wegen  des  Klimas  sich  im  Norden  erhalten  hat 
(a.  a.  0.  S.  97),  aber  die  Möglichkeit,  daß  sie  einst  auch  im  Süden  notwendig  war,  ist  nicht 
abzuleugnen.  Diese  Riege  wurde  bei  den  Letten  vielfiich  bewohnt.  «In  der  kalten 
Winterzeit  hauste  Mann  und  Weib,  Groß  und  Klein  in  der  Hitzriege  in  der  Nähe  des 
mächtigen  Ofens,  gleichviel  ob  noch  Getreide  in  der  oberen  Hälfte  der  Riege  gedörrt 
wurde  oder  nicht  . 

Auch  die  Finnen  kennen  die  Darre,  ria'':  «In  einer  Ecke,  zur  Seite  der  Eingangs- 
tür,  steht  ein  Ofen  .  .  .  J)ie  Darre  soll  zum  Trocknen  des  Getreides  dienen.  Aller  finni- 
scher Roggen  wird  auf  diese  Art  getrocknet;  man  ist  dadurch  in  Finnland  unabhängig 
von  den  Regenschauern  der  Erntezeit  .  .  .  Aber  es  ist  auch  erforderlich,  daß  es  in 
Gegenden,  wo  die  Darre  gebraucht  wird,  Brennholz  in  Überfluß  gibt?. 


'  Yitruv,  X,  5.  —  Davembcrft-Saplio,  Dk-tionnaire,  s.  v.  mola.—  M.  Heyne,  D  H  A.  H.  S.  ifil 
—  M.  Heyne,  Das   alldeulsclie  Handwerk,   S.  7.").  —  0.  Schrader,   Reallexikon,  s.v.  mahlen,  S.  511.  — 
Blümner,  Technologie,  I,  S.  45. 

-  Graff,  VI.  6S4.  —   ■'  .A.  Uiclenstcin.  Die  Holzhaiiten  und  Holzgeräte  der  Letten.  I,  S.  !09. 

■*  G.  H.  F.  Nessel  man  11 .  Wöitorbuch  der  Liltauischcn  Sprache,   IS.M,  s.  \.  jaiija. 

''  Vorf,'l.  meine  Anzeige  dos  Bioloiisteiirschen  Werks  in  den  Mitteil,  der  AnUimpol.  Ges.  Wien,  XXXVUI 
(1908),  !271f.  -   «  G.  Retzius,  Kinnlaiid.    Dcut.sch  von  A|>pel.  S.  95. 

Wörter  und  Siidicn.    I.  * 


26  Rudolf  Merlnget*. 

Die  »HoZere-Gleiobung  erstreckt  sich,  wie  bekannt  und  schon  erwähnt,  nicht  auf 
das  ganze  indogermanische  Gebiet  (got.  ahd.  malan;  ahd.  muljan  «zermalmen» ;  got.  malma 
«Sand»;  ahd.  niclo  «Mehl»;  got.  gamahvjan  «zerstoßen»;  gr.  jj-oXt],  [löXo?  «Mühle»;  alb. 
miel  «Mehl»;  armen,  malcm  «zerstoße»  usw.  Sieh  Walde  s.  v.  molo).  Die  Grundbe- 
deutung ist  zweifellos  «zerreiben».  Dies  geschah  durch  zwei  Steine.  Der  Name  dieser 
ältesten  Maschine  liegt  in  got.  qairnus,  lit.  y'irna  (ßrnos,  altsl.  zriAiy,  air.  hvö,  armen. 
erkan,  ai.  grdvan-  «Preßsteiu  des  Somas»  vor',  geht  also  über  die  Grenzen  Europas 
hinaus.  Ein  Zerreiben  zwischen  Steinen  wird  ja  überall  nachzuweisen  sein.  Die  älteste 
Art  dieses  Zerreibens  besteht  darin,  daß  ein  Stein  auf  einem  andern  hin-  und  hergeschoben 
wird.  Auf  der  nächsthöheren  Kulturstufe  lernte  man  einen  Stein  auf  einem  anderen 
konzentrisch  zu  drehen  —  es  entstand  die  erste  «Mühle»  in  unserem  Sinne. 

Auffallend  ist,  daß  das  Wort  für  die  Urmühle  (got.  qairnus  usw.)  nicht  mit  dem 
Verbum  molerc  zusammenhängt.  Vielleicht  kommt  das  daher,  daß  die  Wurzel  (j^^erä 
garnicht  «malen»,  sondern  zuerst  nur  «zermalmen,  Früchte  mit  einem  Stein  aufschlagen, 
um  den  eßbaren  Kern  herauszunehmen»  bedeutete  und  dann  auf  das  Mahlen  übertragen 
wurde.  Jedenfalls  möchte  ich  mich  den  Gelehrten  anschließen,  die  in  *(ßera  den  Sinn 
«zermalmen,  zerschlagen»  —  ich  füge  hinzu:  «uzw.  mit  einem  Steine  —  suchen.'^  Der 
Begriff  «Stein»  muß  meiner  Meinung  in'  der  Urbedeutung  enthalten  gewesen  sein. 

Weiter  verbreitet  als  die  molere-GleichMug  ist  die  pinserc-GXGichwng  (ai.  pinästi, 
«zerstampft»,  piitum  «Mehl»,  altsl.  pbchati  «stoßen»,  pbkno  «Mehl»,  Tribow  «stampfe, 
schrote»,  ahd.  fcsa  «Hülse  des  Getreides,  Spreu»,  nhd.  Fese,  mnd.  viscl  «Mörser»  usw. 
Sieh  Walde,  s.  v.  pinso).  Die  Urbedeutung  dieser  Wurzel  ist,  wie  man  richtig  gesehen 
hat,  «zerstampfen  mittelst  Keule  und  Mörser».  Aus  der  weiteren  Verbreitung  der 
pinsere-G\%\Qh\xng  und  aus  der  leichteren  Herstellung  der  Werkzeuge  kann  man  wohl 
—  mit  0.  Schrader  —  schließen,  daß  wir  hier  eine  primitivere  Kulturstufe  der  Bear- 
beitung der  Halmfrüchte  vor  uns  haben  als  bei  der  j;?o/ere  Gleichung. 

Die  Instrumente  der  pinsere-ReWie  sind  aus  Holz.  Ein  ganz  seltener  Fall  ist  die 
von  Schliemann  in  Troja  ausgegrabene  Steinschale  mit  dem  zugehörigen  Steinstößel.* 
Schon  der  Umstand,  daß  das  Material  der  Werkzeuge  der^/«sp/T-Reihe  das  Holz  ist,  macht 
es  plausibel,  daß  das  Stoßen  älter  ist  als  das  Mahlen.  Wir  haben  übrigens  ein  Zeugnis 
dafür  noch  in  historischeu  Zeiten  gefunden. 

Die  Instrumente  der  pinsere-^eihe,  Keule  und  Mörser,  sind  wohl  auf  der  ganzen 
Erde  verbreitet.  Aber  nicht  ebenso  scheint  es. sich  mit  der  J«/,p  und  ihrem  Geschlecht 
zu  verhalten.  Wenn  wir  diese  in  geographischem  Zusammenhange  vom  Osten  Asiens 
bis  nach  Europa  finden,  so  wird  wohl  der  kulturelle,  prähistorische  Zusammenhang 
wahrscheinlicher  sein  als  die  Annahme  vielfacher  besonderer  Erfindung. 

Im  großen  und  ganzen  ist  uns  die  Entwicklung  klar  geworden.  Wir  haben  zwei 
Urwerkzeuge,  von  denen  auszugehen  ist.  Das  eine  ist  die  Keule,  aus  der  sich  die 
Stampfen  entwickelten.  Das  andere  ist  der  Hammer,  aus  dem  sich  die  großen  Maschinen 
entwickelten,  die  noch  immer  seinen  Namen  führen.  Die  Keule  wurde  zur  Stampfe, 
als  sie  durch  Rolle  und  Strick  gehoben  wurde,  der  Hammer  zur  Anke,  als  man  lernte, 
ihn  mit  dem  Fuß  in  Bewegung  zu  setzen.     Für  das  hohe  Alter  der  Anke  spricht  ihre 

'  0.  Sehrader,  R.  L.,  S.  512.  —  Uhlcii  betk,  Et.  Wörlerb.  d.  ai.  Sprache,  s.  v.  grdcä. 

'  A.  Walde,  s.  v.  glärca.  —  Th.  v.  Grienlieit;cr,  Untersucliunfreii  zur  got.  Wortkunde,  s.  v.  gakrölOn. 

'  Daremberg-Saglio,  Dictionnaire,  s.  v.  mortariuni,  Abb.  5150. 


Die  Werkzeuge  der  pinsere-Reihe  und  ihre  Namen.  27 

weite  Verbreitung.  In  China  und  Indien,  sowie  in  Ungarn,  Polen,  Steiermark,  Kärnten, 
Krain,  Salzburg  und  in  Italien'  findet  sie  sich,  und  wird  sich  noch  in  weiterem  Umfange 
nachweisen  lassen.     Auch  das  Wort  Anke  ist  ein  isoliertes,  uraltes. 

Die  Germanen  haben  von  der  pinscreSippe  nur  spärliche  Reste  erhalten.  Aber 
gerade  sie  scheinen  die  Stampfe  und  die  Anlcc  weiter  entwickelt  zu  haben  und  von 
ihnen  haben  andere  Völker  zugleich  mit  der  verbesserten  Sache  das  Wort  Stampfe  über- 
nommen. Die  uralten  Worter  Stampfe,  Anke,  neuen  schließen  den  Gedanken,  daß  die 
Germanen  die  entsprechenden  primitiven  Werkzeuge  noch  nicht  gehabt  hätten,  aus. 
Nur  in  der  Verwendung  der  Wasserkraft  waren  sie  Schüler  der  Römer. 

Gegen  das  urindogermanische  Alter  der  Stampfe  und  der  Anke  spricht  aber  vor 
allem,  daß  wir  für  sie  keine  Wortgleichungen  von  größerer  Verbreitung  finden.  Aber 
das  wäre  noch  kein  durchschlagender  Grund.  Es  kommt  darauf  an,  wie  hoch  wir  uns 
die  Kultur  der  Urindogermanen  inbezug  auf  Ackerbau  und  Bearbeitung  des  Metalls 
(ai.  ayas,  lat.  acs,  got.  atz)  vorstellen,  kurz  ob  sie  im  Besitze  einer  Kultur  waren,  die 
ohne  diese  einfachen  Maschinen  denkbar  war.  Und  von  diesem  Standpunkt  aus  möchte 
ich  es  allerdings  für  wahrscheinlicher  halten,  daß  sie  solche  Maschinen  besaßen,  als  daß 
sie  mit  Keule  und  Hammer  das  Auslangen  gefunden  haben.  Man  denke  daran,  daß  sie 
nicht  nur  den  Schlitten,  sondern  auch  den  primitiven  Wagen  gekannt  haben  und  wohl 
auch  einen  Hakenpflug.  Für  gewöhnlich  wird  den  Indogermanen  nur  der  Wagen  zuge- 
schrieben. Ist  es  aber  denkbar,  daß  ein  Volk,  das  diesen  kennt,  sonst  gar  keine 
Maschine  hat?     Ich  halte  eine  solche  Annahme  für  sehr  unwahrscheinlich. 

Übrigens  scheint  es  mir  ziemlich  gleichgiltig  zu  sein,  ob  die  besprochenen  Ma- 
schinen in  ihrer  einfachsten  Gestalt  schon  «urindogermauisch>  sind  oder  nicht.  Sie  sind, 
namentlich  in  ihrer  Entwicklung  betrachtet,  wichtig  genug,  und  an  ihrem  hohen  Alter 
ist  mir  ein  Zweifel  undenkbar.  Ich  glaube,  wir  müssen  es  aufgeben,  als  einziges  Ziel 
der  indogermanischen  Altertumskunde  die  Rekonstruktion  der  gemeinsamen  urindogerma- 
nischen Kultur  anzusehen.^  Vielleicht  kommen  wir  aber  auch  diesem  Ziele  näher,  wenn 
wir  nicht  immer  direkt  darauf  hinsteuern.  Ich  habe  schon  bei  anderer  Gelegenheit  ge- 
sagt, daß  ich  den  Pessimismus  inbezug  auf  die  indogermanische  Altertumskunde  nicht 
zu  teilen  vermag,  obwohl  ich  die  Schwierigkeiten  der  Erschließung  der  urindogermani- 
schen Kultur  nicht  unterschätze.  Was  bei  dieser  Rekonstruktion  uns  vor  größereu 
Fehlern  bewahren  wird,  das  ist  die  große  kulturelle  Stabilität,  die  man  bei  primitiven 
Zuständen  wahrnehmen  kann.  Das  Urvolk  mag  eine  stattliche  Reihe  von  Jahrhunderten 
in  ganz  gleichen  oder  doch  kaum  verschiedenen  Verhältnissen  gelebt  haben.  Wem 
aber  trotz  dieser  Erwägung  die  Ausmalung  des  Bildes  der  uriudogermanischen  Kultur 
zu  problematisch  erscheint,  der  kann  die  Einzelfrage  studieren  und  sie  vom  Ende  in 
der  Gegenwart  bis  zum  vermutlichen  Ausgangspunkte  in  der  Urzeit  zurück  verfolgen. 
Eine  indogermanische  Altertumskunde,  welche  die  Einzelfragen,  gruppenweise  geordnet, 
nach  diesem  Gesichtspunkte  behandelte  und  dabei  ganz  darauf  verzichtete,  ein  zusammen- 
hängendes Bild  der  Urzeit  zu  zeichnen,  wäre  methodisch  unanfechtbar  und  unanfecht- 
bar auch    in  ihren  Ergebnissen,   wenn  sie  es  unterließe,    alle   die  letzten  Zustände,   zu 


'  Ihr  Name  ist  frantojo  (MiUeilung  von  A.  Ive). 

'  So  denkt  auch  0.  Schraaer  und  hat  das  in  trelTenilen  Worten  pe^agt :  vergl.  Reallexikon,  S.  XX XVI 
und  Sprachw.  und  Urgeschichte'  I,  S.  2;2'.t.  —  Weiter  P.  Kretschmer,  Einleitung,  S.  75,  der  auch  eine 
entsprechende  Äufierung  E.  Meyers  zitiert. 

4» 


28  '  W.  Meyer-Lübke. 

denen  sie  bei  den  verschiedenen  Detailfragen  gelangle,  als  gleichzeitige  hinzustellen. 
Schon  im  Interesse  der  gleichmäßigen  Durcharbeitung  des  Stoffs  wäre  es  gelegen,  daß 
solche  Detailuntersuchungen  in  größerer  Zahl  unternommen  würden  und  in  diesem  Sinne 
habe  ich  einmal  gesagt,  jeder  Artikel  von  0.  Schraders  Reallexikou  ist  eine  Aufforde- 
rung, die  Sache  besser  zu  machen. 

Die  Instrumente  der  ^j/Hso-e-Reihe  haben  vielfach  andere  Verwendung  gefunden, 
wie  wir  schon  gesehen  haben.  Sie  spielen  eine  ungeheure  Rolle  in  der  Kultur  der  indo- 
germanischen Völker.  Mit  ihnen  wurden  nicht  nur  die  Feldfrüchte  bearbeitet  und  die 
Steine  gepocht,  sonrlern  auch  Öl  gepreßt,  das  Tuch  gewalkt  und  verfilzt  und  das  Eisen 
dem  Menschen  dienstbar  gemacht.  Von  Urzeiten  bis  in  unsere  Tage  herein  haben  sie 
dem  Menschen  unendliche  Dienste  geleistet  und  es  ist  eine  bezeichnende  Einzelheit,  daß 
vor  kaum  mehr  als  einem  Menschenalter  Krupp  in  Essen  noch  einen  großen  Eisen- 
hammer aus  dem  Geschlechte  der  Anken  besaß. 

Mir  kam  es  hier  nur  darauf  an,  das  große  und  wichtige  Hauptstück  aus  der  Ge- 
schichte der  indogermanischen  Kultur:  Uralte  Maschinen  zu  beginnen  und  einige 
Grundlinien  zu  ziehen. 


Romanisch  BAST-. 

Von  W.  Meyer-Lübke. 

Auf  Gebieten  wie  dem  Romanischen,  wo  die  Gegenden,  aus  denen  der  Wortvorrat 
geflossen  ist,  bekannt  sind,  kann  es  als  letzte  Aufgabe  der  etymologischen  Forschung 
bezeichnet  werden,  jedes  Wort  bis  auf  seine  Quelle  zu  verfolgen.  Aber  häufig  genug 
sind  die  Quellen,  namentlich  wenn  sie  in  gallischem  oder  germanischem  Gebiete  liegen, 
derartig  verschüttet,  daß  es  ein  Ding  der  Unmöglichkeit  ist,  bis  zu  ihnen  zu  gelangen, 
man  muß  sich  vielmehr  begnügen,  den  Flußlauf  wenigstens  so.  lange  zu  verfolgen,  daß 
man  das  Quellgebiet  angeben  kann.  Das  heißt  also  zur  Wortgeschichte  kommt  als  er- 
gänzend, unter  Umständen  erweiternd,  die  AVortgeographie  hinzu,  auf  beide  zusammen 
kann  die  prähistorische  Forschung  aufbauen,  bald  mit  Erfolg,  bald  auch  ohne.  Für  die 
kulturgeschichtlichen  Fragen,  die  sich  an  die  Wortgeschichte  knüpfen,  ist  es  in  sehr 
vielen  Fällen  genügend,  die  Richtung  der  Entwicklung  anzugeben,  bleibt  es  sich  ziem- 
lich gleichgültig ,  ob  die  genaue  Grundlage ,  ob ,  um  im  Bilde  zu  bleiben ,  die  Quelle 
selber  gefunden  ist,  um  so  mehr  als  es  oft  ein  bloßer  Zufall  ist,  ob  man  diese  Quelle 
noch  trifft.  Ein  lehrreiches  Beispiel  gibt  uns  die  Wortsippe,  die  im  folgenden  besprochen 
werden  soll. 

Es  sind  im  ganzen  sieben  begrifflich  von  einander  mehr  oder  weniger  scharf  ge- 
trennte Gruppen,  die  den  Stamm  hast-  enthalten. 

1.  frz.  hdtir,  it.  hastire,  span.,  portg.  basf/r  «Heftnähte  machen». 

2.  frz.  hätir,  prov.  hastir  «bauen». 

3.  it.  hasfarc,  prov.,  span.,  portg.  basfor  «genügen». 

4.  it.  husto,  frz.  bat,  prov.  basf.  span.  basfo  «Saumsattel  . 

5.  it.  bastardo,  frz.  bätard,  prov.  bastarf,  span.,  portg.  bastardo  « Bastard >^ 


Romanisch  BAST-.  29 

6.  it.  basfoiic,  frz.  haton,  prov.  hastön,     spau.  haston,  portg.  hastäo  «Stock». 

7.  it.  basfagio,  prov.  bastai,  kat.  basfax  «Lastträger». 

Wie  man  sieht,  hat  das  Rumänische  keinen  Anteil,  baston  «Stock»  ist  eine  junge 
Entlehnung  aus  dem  ItaHenischen. 

Diez  hat  als  Ausgangspunkt  für  sämtliche  Wörter  griecli.  ßa'jtäCsiv  «stützen», 
ßäatal  «Lastträger»  angesetzt,  also  ein  basf-,  an  welchen  Stamm  auch  das  spät- 
lateinische bastcrna  «Sänfte»  gemahne,  und  er  scheint  darin  noch  heute  zumeist  Bei- 
fall zu  finden,  wenigstens  ist  in  dem  besten  und  neuesten  französischen  etymologischen 
Wörterbuche,  im  Dictionnaire  g(^'neral  von  Darmestetep,  Hatzfeld,  Thomas  nur  für  bätir 
«heften«  eine  abweichende  Deutung  gegeben.  Daß  auch  bätir  «bauen»  anders  erklärt 
werden  müsse,  habe  ich  in  meiner  Rektoratsrede  «Die  Ziele  der  romanischen  Sprach- 
wissenschaft» S.  33  (1906)  ausgesprochen;  die  nähere  Erklärung  sollen  die  folgenden 
Seiten  bringen. 

Zunächst  ist  ßaataJisiv  für  bätir  abzulehnen.  Ganz  abgesehen  von  der  morpho- 
logischen Schwierigkeit,  von  *bastassarc  oder  *bastadiare,  wie  ßa-JiiCs'.v  im  Lateinischen 
lauten  würde,  zu  bätir  zu  gelangen,  paßt  auch,  wie  wir  unten  sehen  werden,  die  Geo- 
graphie und  paßt  die  Bedeutung  ganz  und  gar  nicht.  Einmal  ist  « bauen >  nicht 
«stützen«  vind  dann  bedeutet  das  griechische  Wort  gar  nicht  «stützen»,  wie  Diez 
übersetzt,  sondern  «aufheben,  wegtragen,  berühren»,  entsprechend  ngriech.  ßa^-äCw 
«porter,  empörter,  ti-ansporter,  supporter,  souffrir»,  ßa-Jicö  «tenir,  soutenir,  porter,  durer, 
patienter».  Auch  1  bastire,  3  bastarc,  5  bastardo  liegen  begritl'lich  zu  weit  ab,  nur  bast- 
erna  und  4  basto,  1  bastagio  zeigen  Bedeutungen,  die  so  stark  an  ßa-JtiCi'-v  anklingen, 
daß  man  von  vornherein  schon  geneigt  ist,  an  Zusammenhang  zu  denken  und,  wenn 
Geographie  und  Geschichte  es  erlauben,  versuchen  darf,  einen  Zusammenhang  zu  kon- 
struieren. 

1.  bätir  «Heftnähte  machen»  ist  im  Französischen  zwar  erst  im  X\'L  Jahrhundert 
in  dem  Wörterbuch  von  Oudin  belegt,  aber  natürlich  älter.  Daß  Belege  aus  früherer 
Zeit  fehlen,  ist  aus  dem  Charakter  unserer  altfranzösischen  Literatur  ohne  weiteres  er- 
klärlich. Dem  Provenzalischen  scheint  es  zu  fehlen,  in  Norditalien  ist  basti  dagegen 
z.  B.  in  Val  Sesia,  im  Trentino,  in  Pavia,  hastir  in  Engadiu  zu  treffen,  während  die 
übliche  italienische  Form  imbaslirc  ist.  Im  Spanischen  und  Portugiesischen  findet  sich 
das  Verbum  in  dieser  Bedeutung  nicht,  wohl  aber  span.,  portg.  bastidor  «Stickrahmen», 
Span.  «Fensterrahmen,  Blendrahmen  eines  Gemäldes»,  span.,  portg.  «Kulisse»,  dazu  portg. 
bastido  «im  Rahmen  gestickt,  gesteppt»  und  «wattiert»,  letzteres  vielleicht  nur  eine 
Ungenauigkeit  der  Wörterbücher,  die  in  solchen  Dingen  es  ja  häufig  genug  nicht  allzu 
streng  nehmen,  vielleicht  aber  eine  Verschiebung,  die  sich  bei  wattierten  Steppdecken 
leicht  erklärt.  Auch  ein  \'erbuni  kennt  das  Portugiesische:  bastir  «die  Hutforni  machen, 
den  Hut  formen,  filzen»,  geht  wohl  zurück  auf  bastir  »Heftnähte  macheu-.  Alle  diese 
Verba  passen  formell  und  begrirt'lich  so  genau  zu  einem  germ.  *t>astjaii.  ahd.  bcstan 
«sarcire»,  schwäb.  tirstn  «zusammennähen»,  daß  man  an  einen  Zusammenhang  zu 
zweifeln  keinen  triftigen  Grund  hat,  besonders  wenn  man  bedenkt,  daß  auch  frz.  broder 
prov.  tiroidar  aspau.,  portg.  broslar  «sticken»  auf  einem  germ.  *bro::da».  it.  brustare 
auf  langob.  brustdii  beruhen. 

Auch  das  Altspanische  kennt  bastir,  aber  in  der  allgemeinen  Bedeutung  »herrichten, 
einrichten».     Wir  haben    also   hier  ein  Beispiel  für  die  Erscheinung,   daß  Verbn  unbe- 


30  W.  Meyer- Liibke. 

stimmten,  dehnbaren  Begriffes,  von  einer  ganz  bestimmten  Manipulation  ausgehen,  die 
Umkehrung  dessen,  was  nhd.  «gerben»,  gleichbedeutend  ital.  acconciarc  u.  a.  zeigen, 
vgl.  con  vucstro  conseio  hastir  quicro  dos  a)xhas  Cid  85  «ich  will  zwei  Truhen  herrichten»; 
basfir  e  adobar  heißt  es  im  Alexander  1439,  dann  hadir  cäsanücntos  «Heiraten  schließen», 
basfir  1a  traycion  Berceo  Sacrif.  71  «Verrat  schmieden»,  d  conseio  de  salud  rn  cielo  fu 
bastido  Berceo  Loores  19  «der  heilbringende  Plan  wurde  im  Himmel  entworfen»;  los 
qtie  lo  bastecieron  ya  eran  rcpcntidos  S.  Dom.  104,  «die,  die  das  angestiftet  hatten,  bereuten 
es  schon»  usw. 

Mau  kann  zu  dieser  Verwendung  leicht  von  der  des  afrz.  batir  gelangen.  Es 
muß  aber  doch  darauf  hingewiesen  werden,  daß  prov.  basti  auch  «Sessel  flechten»  be- 
deutet, und  das  steht  dem  ursprünglichen  Sinn  von  bastjan,  der  ja  eigentlich  «mit 
Bast  arbeiten»  ist,  sehr  nah.  Freilich  wird  man  nicht  annehmen  wollen,  daß  Technik 
und  Bezeichnung  des  «Sesselflechtens»  den  Galloromanen  von  den  Goten  übermittelt 
worden  sei,  wohl  aber  darf  man  vielleicht  aus  dem  Provenzalischen.  und  Spanischen 
ein  westgot.  bastjan  «flechten»  erschließen.  Wie  nprov.  basti  «uicher,  en  parlant  de 
certains  oiseaux»  zu  fassen  sei,  läßt  sich  nicht  mit  Genauigkeit  sagen,  solange  man 
nicht  erfährt,  wer  diese  «certains  oiseaux»  sind.  Daß  es  in  diesen  Zusammenhang 
gehört,  nicht  zu  2  bätir,  ist  ziemlich  sicher. 

Auf  dem  ganzen  Gebiete  findet  sich  endlich  ein  Wort  it.  basta ,  florent.  auch 
bastia,  afrz.  bastc,  nprov.  basto,  span.,  portg.  basta  «Heftnaht,  Einschlag,  Saum», 
davon  span.,  portg.  bastear,  vielleicht  auch  aprov.  bastar,  nach  dem  bastare  zu 
schließen,  das  Du  Gange  in  einer  Urkunde  aus  Arles  nachweist.  Postverbale  Bildung 
von  rom.  bastirc  wäre  denkbar.  Allerdings  zeigen  gerade  die  Inchoativ-Verba  keine 
Neigung  zu  Postverbalien  (Rom.  Gramm.  II  §  398),  allein  man  muß  im  Auge  behalten, 
daß  die  germanischen  Verba  ursprünglich  nicht  zur  Inchoativklasse  gehören.  In  der  Tat 
haben  wir,  auch  wenn  man  frz.  het  auf  germ.  Jtatis  zurückführen,  nicht  als  romanische 
Bildung  von  ha-ir  betrachten  will,  z.  B.  choix  von  choisir,  afr.  hon  von  honir.  Daß 
baste  ein  Femininum  ist,  braucht  nicht  zu  überraschen,  da  namentlich  postverbale  Sach- 
und  Werkzeugnamen  mit  Vorliebe  weibliche  Form  annehmen.  Begrifflich  deckt  sich 
mit  rom.  basta  allerdings  ahd.,  mhd.  bast  «Saum»,  aber  formell  ist  eine  Verknüpfung 
der  zwei  Wörter  nicht  möglich,  da  die  germanischen  Maskulina  und  Neutra  im  Roma- 
nischen MaskuHna  sind,  ein  rom.  basta,  also  ein  germ.  «basta»  voraussetzen  würde,  dem 
germ.  bast  ein  rom.  basto  entsprechen  müßte.  Übrigens  wäre  auch  ein  germ.  bastä 
nicht  unmöglich,  vgl.  got.  Uta  «Verstellung»  neben  litjan  «sich  verstellen»,  *nasä  (ahd. 
nasa)  und  nasjan,  ags.  satid  neben  sendian,  ahd.  wanta  «Wendung»  neben  *ivanfjan  tcenten 
usw.  Oder  es  könnte  dieses  germ.  bastä  ein  ursprünglich  kollektives  Neutrum  Pluralis 
sein,  das  zum  Femininum  Singularis  geworden  ist,  sich  aber  nicht  gehalten  hat,  man 
vergleiche  die  große  Liste  solcher  Doppelformen  bei  Zimmer,  Die  Nominal-Suffixe  a 
und  ä  in  den  germanischen  Sprachen,  S.  212. 

2.  Frz.  bätir,  prov.,  kat.  bastir  «bauen»,  daraus  entlehnt  aital.  bastirc,  agaliz. 
baster.  Den  anderen  romanischen  Sprachen  fehlt  das  Wort,  nur  Norditalien  scheint 
eine  indirekte  Spur  zu  besitzen,  wovon  sofort.  It.  bastia  ist,  wie  man  längst  weiß, 
aus  afrz.  bastie  entlehnt,  zeigt  dann  allerdings  in  hastionc  einen  selbständigen  Trieb, 
der  eine  starke  Ausdehnungsfähigkeit  besitzt;  auch  bastita  «Bollwerk»  wird  eine  Tos- 
kanisieruug    des    prov.    bustida    sein;    aspan.    bastida    «Belagerungsmaschine,    die    aus 


Romanisch  BAST-.  31 

einem  hölzernen  Turme  auf  Rädern  und  einem  Sturmdache  bestand»,  ist  wiederum 
prov.  Insiirla  «ein  Belagerungswerk-,  endlich  it.  Instimcnfo  stammt  aus  frz.  büfi- 
ment,  prov.  hastimm.  Bei  Wörtern,  die  nur  in  Frankreich,  namentlich  in  Nord- 
frankreieh  vorkommen,  ist  germanischer  Ursprung  von  vornherein  wahrscheinlicher  als 
griechischer.  Nun  stammt  eine  ganze  Reihe  von  auf  den  Hausbau  bezüglichen 
Ausdrücken  im  Französisclien  aus  dem  Fränkischen,  vor  allem  maron  (Meringer, 
Idg.  Forsch.  XVII,  149)',  dann  hourdcr  « berappen >,  ^aus  Brocken  aufführen c,  Itour- 
dage  «Spritzwurf,  rauhes  Feldstein-Mauerwerk»,  hourdis  «Lattenwerk».  Ich  habe  an- 
genommen, daß  der  maron  der  ist,  der  den  Lehm  -knetet  für  Lehmhäuser  und  ge- 
flochtene Hütten,  wogegen  der  murafor  der  ist,  der  die  römischen  Steinhäuser  baut». 
Mit  dieser  Annahme  sind  auch  die  anderen  eben  angeführten  Worte  ohne  weiteres  ver- 
einbar, nur  zeigt  hourdage  heute  eine  übrigens  leicht  verständliche  Verschiebung  zum 
Steinhaus.  Trefflich  paßt  nun  häfir  in  diesen  Zusammenhang.  Es  bedeutet  «mit  Bast 
arbeiten,  verbinden,  flechten»,  ist  also  ein  weiterer  Zeuge  für  das  geflochtene  Haus, 
fügt  sich  auch  in  die  bisher  für  hastir  ermittelten  Bedeutungen  ein. 

Auch  Norditalien  dürfte  das  Wort  besessen  haben,  und  zwar  auch  zur  Bezeichnung 
des  Baues  von  Holz-  oder  Riegelbauten.  In  Pavia  und  Piacenza  nämlich  benennt 
hasta  jenen  Balkenverschlag,  in  welchen  der  Hufschmied  die  zu  beschlagenden 
Pferde  stellt,  wofür  man  sonst  travaglio  von  trabs  (wohl  zu  unterscheiden  von  ttavaglio 
«Arbeit»,  frz.  irarail,  das  ganz  anderer  Herkunft  ist)  sagt,  in  Pavia  auch  einen  Stall, 
in  dem  Schweine  gemästet  werden,  was  sonst  arla,  lat.  handa  heißt.  Daß  hastare 
«genügen»  und  Jxistire  «nähen»  hier  nicht  zugrunde  liegen  können,  ist  klar,  auch  eine 
morphologisch  nicht  wahrscheinliche  Rückbildung  von  bastia  oder  bastone  ist  begrifflich 
unannehmbar.  Wenn  aber  hustirc  vom  Verbinden  der  einzelnen  Pfähle  durch  Fachwerk 
gesagt  worden  ist,  dann  kann  basta,  dessen  formales  Verhältnis  zu  hastirr  schon  dar- 
gelegt ist,  das  Geflecht,  in  weiterer  Übertragung  auch  ein  Gerippe  aus  Balken,  eben 
einen  solchen  Verschlag  bezeichnen,  der  noch  keine  Wände  hat. 

Endlich  sei  der  Vollständigkeit  wegen  hier  noch  zweier  Bedeutungen  von  bastirc 
gedacht,  die  einzureihen  nicht  recht  gelingen  will.  Prov.  basli  heißt  auch  «lancer  avec 
force,  plaquer,  frapper»  und  dazu  stimmt  astur,  basti ,  das  Rato  y  Hevia  Vocabulario 
de  las  palabres  y  frases  bables  mit  «derribar,  cchar  al  suelo»  übersetzt.  Die  geographi- 
schen Mittelglieder  zwischen  Asturien  und  Südfrankreich  werden  sich  vielleicht  noch 
finden  lassen,  die  begrifflichen,  die  von  basfjati  zu  «schmeißen s-  führen,  sind  schwer  zu 
erschließen,  besonders,  da  es  sich  wohl  ursprünglich  um  einen  scherzhaften  Ausdruck 
handelt.  Ziemlich  nahe  liegt  der  Gedanke  an  die  Verwechslung  zweier  Techniken. 
Wie  Imirdcr  zunächst  Hürden  errichten,  also  doch  wohl  flechten  bedeutet,  dann  aber 
«das  Bewerfen  der  Fachwerke  mit  Mörtel»,  so  könnt«  hastir  auch  dazu  kommen,  das 
«bewerfen,  berappen»  zu  bezeichnen,  wonach  dann  die  weitere  Entwicklung  dieselbe 
wäre  wie  bei  nhd.  «schmeißen»    gegenüber  got.  gasinitan    «schmieren,   streichen?.     Nur 

•  Nur  daß  das  Wort  wcslgot.  sei,  kann  ich  Meringer,  der  offenbar  durch  sein  Vorkommen  bei  Isidor 
EU  einer  solchen  Annahme  vcileitet  wurde,  nicht  zugeben.  Isidor  hat  seine  Gelehrsamkeit  .-»us  so  vielerlei  Quellen 
geschflpft,  daß,  wo  wir  diese  Quellen  nicht  kennen,  er  für  Lokalisierungen  nicht  verwendbar  isL  Er  kennt 
ja  auch  mcdus.  was  natürlich  nicht,  wie  Georges  tut,  mediis.  sondern  meilus  zu  schreiben  ist,  got.  aber  midtu 
lauten  würde  und  das  auch  gerade  in  Nordfrankreich  als  mic:  weiterlebt.  Zudem  würde  ein  got.  mai^ja 
bei  Isidor  niacin  macianis  tleklicrl  sein,  wie  die  zahlreichen  gotischen  -i7a-Xamen  im  Mittelalter  in  Sivanien 
■ilanis  llokticreii  und  honte  cnisprechende  Formen  zeigen,  vergl.  z.  B.  porig.  JtfdSo  aus  Biquila. 


32  W.  Meyer -Lübke. 

fehlt  uns  leider  vorläufig    ein  Anhaltspunkt   für    die    Existenz    der   vermittelnden  Ver- 
wendung von  hasftr. 

Im  Mailäudisehen  wird  hasti  von  Pflanzen  gebraucht,  die  gedeihen,  von  Fleisch 
und  Früchten,  die  sich  lauge  halten,  vergl.  Cherubini:  basfi  «parlandosi  di  carne,  frutta 
o  simili,  vale  conservarsi,  mantenersi,  durar  lungamente»  und  <far  piede;  dicesi  delle 
piante  quando  iugrossano».  Letzteres  kann  von  hantirc  «flechten,  sich  verbinden»,  aus- 
gehen und  ein  «sich  befestigen»  ausdrücken,  wobei  an  Spaliere,  Weinlauben  u.  dgl.  zu 
denken  wäre;  für  ersteres  weiß  ich  keine  Erklärung.  — 

3.  Bastare  «genügen»  ist  süd-  und  westromanisch:  it.  hafifare.  prov.,  span.,  portg. 
httstar.  Nordfraukreich  kennt  das  Wort  nicht.  Wohl  trifft  mau  iu  dem  von  Mayer 
Lambert  und  Louis  Brandin  herausgegebenen  hebräisch-französischen  Glossar  aus  dem 
XIIL  Jahrhundert  mehrfach  ahäta,  abäte  «genug»  und  das  Verstummen  des  s  vor  t 
scheint  auf  ein  echt  französisches  Wort  zu  weisen.  Aber  aul^erhalb  des  Jüdisch-Fran- 
zösischen findet  sich  keine  Spur  davon  und  es  liegt  auf  der  Hand,  ist  historisch  ja  auch 
ohne  weiteres  verständlich,  daß  bei  den  Juden  ein  Wort  aus  dem  Süden  (Provence 
oder  Iberische  Halbinsel)  sehr  leicht  nach  Nordfrankreich  verschleppt  und  da  dem 
übrigen  Lautbestaud  angeglichen  werden  konnte,  das  der  eingeborenen  Bevölkerung 
völlig  fremd  blieb.  In  der  Tat  zeigt  das  betreffende  Glossar  noch  eine  ganze  Keihe  anderer 
Worte,  die  wir  sonst  auch  nur  aus  dem  Süden  kennen,  so  arcy  «Widder»,  das  mit 
seinem  ci  statt  oi  die  fremde  Herkunft  deutlicher  an  der  Stirne  trägt. 

Die  ausgedehnteste  Verwendung  zeigt  hastar  im  Spanischen.  Hier  ist  es  nämlich 
nicht  nur  subjektiv  wie  in  den  anderen  Sprachen,  sondern  auch  objektiv:  mit  dem  Er- 
forderlichen versorgen,  etwas  leisten,  li  gaJarchin  qiie  los  homhres  nnn  hasfaii,  serd  re- 
mioicrado  por  Dios  «der  Lohn,  den  die  Menschen  nicht  leisten,  wird  von  Gott  gegeben» 
zitiert  Cuervo,  Dicc.  de  Construccion  y  Regimen  I,  856  b  und  die  Akademie  gibt  als  Be- 
deutung auch  an  «dar  6  suministrar  lo  que  necesita«.  Dazu  nun  ein  Adjektivum  span. 
basfo  «mit  Lebensmitteln  versehen»,  das  die  Akademie  mit  einer,  wie  Cuervo  hervor- 
hebt, nicht  ganz  verläßlichen  Stelle  belegt,  das  aber  durch  ein  einer  spanischen  Chronik 
entnommenes  mlat.  Iiastus  bei  Du  Gänge  iu  dieser  Bedeutung  gesichert  ist,  portg.  basto 
«reichlich,  dicht  ,  cabclhs  la.stos  «dichtes  Haar,  gedrängt,  dick»,  dann  mit  weiterer  Be- 
deutungsverschiebung span.  «grob,  wollig  von  Schafen,  plump,  tölpisch,  grob».  Daraus 
bask.  hnsfo  «coraun,  de  qualite  iuferieure,  hnst-orratz  Sattlernadel  [orrats  Nadel),  Fisch- 
flosse, Bienenstachel».  Daß  bastar  und  basto  zusammengehören,  hat  Diez  gewiß  mit 
Recht  angenommen,  die  Frage  ist  nur,  ob  das  Verbum  oder  das  Adjektivum  älter  sei. 
Geht  letzteres  voran,  so  muß  man,  da  es  Südfrankreich  und  Italien  fehlt,  annehmen, 
daß  sich  bastar  von  der  Iberischen  Halljinsel  aus  verbreitet  habe,  und  zwar  sehr 
früh,  da  es  in  den  andern  Gegenden  schon  iu  den  ältesten  Sprachdenkmälern  be- 
begnet.  Ein  Beweis  für  diese  Annahme  ist  nicht  mehr  zu  erbringen ,  aber  da  das 
AVort  nicht  lateinisch  ist,  so  muß  es  an  irgend  einer  Stelle  eingedrungen  und  rasch 
weiter  gewandert  sein.  Dabei  wird  vermutlich  die  3.  Singular  den  Ausgangspunkt  gebildet 
haben,  die,  wie  wir  eben  gesehen  haben,  ja  auch  im  Jüdisch -Französischen  ihr  Gebiet 
überschritten  hat,  die  später  von  Italien  aus  als  bastf  ins  Mittelfranzösische,  als  basta 
ins  Deutsche  gedrungen  ist.  Diez  stellt  basto  zu  ßaaiäCstv,  ohne  sich  über  die  Bedcutungs- 
entwicklung  zu  äußern,  Cuervo  sagt  «el  seutido  de  suficiente  no  sc  deja  enlazar 
facilmente    con    ninguno    de    estos    dos    grupos»     (nämlich    Jiastir    «bauen»    und    basto 


Romanisch  BASt-.  33 

«Saumsattel»)  und  man  wird  ilim  darin  voll  Recht  geben  und  jeden  Zusammenhang 
in  Abrede  stellen  dürfen.  Wohl  aber  kann  man,  immer  unter  der  Voraussetzung,  daß 
Spanien  Ausgangspunkt  ist,  Ixi^to  zu  hastir  «herrichten^  in  Beziehung  bringen.  Schon 
im  Cid  liest  man 

68  de  todo  conducho  hien  los  ovo  basfidos 
«mit  allen  Vorräten  hatte  er  sie  wohl  versehen»,  oder  im  Alexander 

3[a)id(j  labrar  Antioco  navcs  de  fucrtc  inanera 

Bastirlas  de  poderes,  de  armas,  de  civera 
«ausrüsten  mit  Geld,  Waffen,  Getreide».  Darin  liegt -deutlich  der  Weg  zu  einer  neuen 
Entwicklung  vorgezeichnet.  Basfir,  hasfrcer  «einen  mit  etwas  versehen»,  zieht  has^fo 
«versehen,  ausgerüstet,  vollgepfropft»  nach  sich,  dazu  tritt  ein  neues  Verbura  haMar 
«versorgen,  genügen»,  objektiv  und  noch  gewöhnlicher  subjektiv.  Keine  weitere 
Schwierigkeiten  machen  die  ueuprovenzalischeu  Bedeutungen  von  abasfä  «erreichen, 
mit  Mühe  erlangen»  imd  umgekehrt  «reichlich  vorhanden  sein».  Auch  wenn  man  in 
der  Guyeune  von  einem  Flug  Vögel  sagt  s'abasta  «er  setzt  sich  nieder>  heißt  das  eigent- 
hch  «er  hat  genug». 

4.  *ha.'^fi(iii  «Saumsattel».  Das  Wort  findet  sich  außer  in  Portugal  überall:  frz.  ki^  prov. 
bast,  it.,  span.  hisfa,  ist  auch  in  den  Romanen  benachbarte  Gegenden  gedrungen,  basf 
«Pack-,  Sauiusattel,  ein  dachförmiger,  hölzerner  Sattel  für  Wagenlasten,  im  Gegensatz 
zum  Reitsattel»  erklärt  das  Schweizerische  Idiotikon  IV  1778  und  gibt  als  Verbreitung 
Wallis,  Bern,  Freiburg,  Uri,  Obwaldeu,  Scluvyz,  Zug,  also  die  Gegenden,  die  von 
starkem  Verkehr  mit  Italien  den  Saumtierverkehr  kennen,  dann  lothringisch,  ferner  bre- 
tonisch bas  aus  afrz.  basf;  bask.  basto,  basta  «Saumsattel,  Pferdegeschirr»  und  zwar  ist 
nach  de  Azkue  die  alte  Bedeutung  «Saumsattel»  in  NiederXavarra,  also  bei  den  fran- 
zösischen Basken,  die  neue  weitere  hauptsächlich  in  Biskaya  und  Ober-Xavarra  zu  Hause, 
ohne  daß  das  Spanische  nach  Ausweis  der  mir  zur  Verfügung  stehenden  Quellen  da- 
für verantwortlich  gemacht  werden  könnte.  Im  Valencianischen  bezeichnet  basf  das 
Sattelkissen,  «Kissen  an  der  unteren  Seite  des  Reitsattels  und  des  Saurasattels,  um  das 
Reittier  zu  schonen»  nach  Escrig  y  Martinez,  während  Labernia  kat.  basf  mit  basto. 
basfe,  basta  übersetzt  und  als  eine  Art  kurzen  Saumsattel,  dessen  untere  Seite  mit  Wolle 
ausgestopft  ist,  erklärt.  Man  begegnet  hier  also  auch  der  Form  basta.  die  dem  Bas* 
kischen  zugrunde  liegt.  Sie  wird  kaum  mit  dem  gleich  zu  besprechenden  it.  bnsta 
zusammenhängen ,  sondern  neu  gebildet  sein.  Als  aragouesisch  wird  nämlich  hoste 
angegeben,  das  wohl  aus  kat.  bast  entlehnt  ist.  Vom  Plural  basfcs  ist  im  Aragouesi- 
schen  ein  Singular  basfa  möglich,  da  hier  -ns  zu  -rs  wird,  der  Singular  zu  roscs  also  rosa 
lautet.  Die  falsche  Form  erklärt  sich  im  Munde  Fremder  um  so  leichter,  als  baste.'^, 
soweit  es  «Sattelkisseu»  bezeichnet,  im  Plural  (genauer  Dual)  viel  häufiger  ist  als  im 
Singular.  Auffällig  stimmt  dazu  «Kissen,  das  dem  Zugvieh  zum  Schutze  der  Haut 
auf  den  Rücken  gelegt  wird,  samt  dem  es  festhaltenden  oder  daran  befestigten  Riemen- 
zeug», Schwyz,  Zug  (Schweiz.  Idiot,  a.  a.  O.). 

Für  «Saumsattel»  hatten  die  Römer  das  griech.  aa.-j\iy.  übernommen,  nicht  allzu 
früh  nach  den  Beiegon,  die  bei  Vegctius  und  Servius  zu  Virgil  lioginnen.  Das  Wort 
findet  sich  auf  dem  gesamten  romanischen  Gebiete  außer  Rumänien,  aber  nur  in  der 
Bedeutung  «Last,  Lasttier»  und  anderen,  davon  abgeleiteten,  einer  Bedeutung,  die  ^ifu.» 
auch   hat,   ja    doch    wohl    zunächst  hatte,    da    es    zu  oittto  gehörig  ja  eigentlich  «Be- 

Wurtri  und  Sftolun.     I.  * 


34  W.  Meyer- Lübke. 

packuDg»  bedeutet.  Man  "wird  kaum  fehlgehen  mit  der  Annahme,  daß  die  römische 
Volkssprache  die  beiden  Verwendungen  von  sagma  kannte  und  daß  uns  nur  zufällig 
die  eine  in  der  Literatur  niclit  überliefert  ist.  Die  andere,  die  überlieferte,  hat  in  Italien, 
Gallien  und  im  Osten  der  Iberischen  Halbinsel  *hastu  übernommen,  während  sie  in 
span.  jalma  «Art  Saurasattelzeug  für  Maultiere»  geblieben  ist,  nur  daß  der  Anlaut,/ 
statt  s,  wie  in  vielen  anderen  Fällen,  arabischen  Einfluß  zeigt. 

Wollte  man  von  der  katalanisch-valencianischen  Bedeutung  ausgehen,  so  läge  ein 
Zusammenhang  mit  dem  unter  hastare  besprocheneu  Adjektivum  hasfo  nahe  und  der 
Vergleich  mit  oaYjta  zu  aätTw  scheint  das  noch  näherzulegen.  Allein  bei  näherem 
Zusehen  geht  es  doch  nicht.  Auf  der  einen  Seite  steht  ein  deverbales  Substantivum 
von  der  allgemeinen  Bedeutung  «Bepackung»,  auf  der  anderen  ein  Adjektivum  «dicht, 
gestopft»,  das  ohne  jede  formale  Änderung  eine  ganz  andere  Bedeutung  bekommen  soll. 
Außerdem  aber  gehört  das  Adjektivum  nur  der  Iberischen  Halbinsel  an,  und  zwar  dem 
Zentrum  und  Westen,  wogegen  bastum  «Saumsattel»  gerade  im  Westen  der  Iberischen 
Halbinsel  fehlt,  im  Zentrum  nicht  eigentlich  bodenständig  ist.  So  bleibt  die  alte  Zu- 
sammenstellung mit  ßaatdCstv,  hasfoiia  übrig,  die  begrifflich  ja  paßt,  die  formell  aber 
noch  der  genaueren  Begründung  bedarf 

Neben  hasto  findet  sich  in  italienischen  Mundarten  auch  basfa.  Boerio  stellt 
in  seinem  venezianischen  Wörterbuche  hasfa  sogar  voran,  erklärt  es  übrigens  als  «specie 
di  sella  con  piccolo  arcione  dinanzi,  della  quäle  si  servono  i  poveri  uomini  per  cavalcare 
sui  muli  o  sugli  asini»,  dazu  hasfa  oder  basthi  da  fachini  «cercine,  ravvolto  a  foggia  di 
cerchio  usato  da'  facchini  per  salvar  il  capo  dalL'  offesa  de'  pesi» ;  ebenso  gebraucht 
das  Bolognesische  baMa  neben  //«.sf,  sagt  aber  schon  bast  da  fachini.  Man  wird  in 
diesem  letztern  Worte  nicht  an  «Bast»  denken  wollen,  da  die  Reifen,  um  die  es  sich 
handelt,  zumeist  aus  Lumpen  oder  Stroh  bestehen,  man  wird  vielmehr  auch  hier  wie 
im  Valencianischeu  und  Schwyzerischen  die  Hervorhebung  der  Polsterung  sehen. 

Auch  das  Provenzalische  kennt  basta.  Es  bezeichnet  zunächst  den  «großen 
Korb,  den  man  am  Packsattel  befestigt»,  dann  ein  Gefäß  zum  Weintransport  und  nun 
ähnlich  wie  «Saum»'  im  Deutschen  ein  «Flüssigkeitsmaß».  Weitere  Übertragungen  wie 
«Waschkorb»,  «zweiräderiger  Karren»  (zunächst  «Korbkarren»)  brauchen  hier  nicht 
weiter  begründet  zu  werden ;  «Plache  um  die  Karre  zuzudecken»  wird  erst  vom  Verbum 
embasta  «packen»  gebildet  sein,  vergl.  portg.  enxalmo  S.  37.  Darf  man  danach  von 
basta  ausgehen,  so  ist  die  Vermittlung  mit  ßa'jtdCeiv  auf  zweierlei  Art  möglich.  Wie 
SixT)  StxdCw,  3ö^a  So^äCw,  im  späteren  Griechisch  Xtjia  )a[j.dCio,  aräXa  ataXäCw  neben- 
eiuanderstehen  (Verf.  zu  Simon  Portius  191,  Chatzidakis,  Einleitung  in  die  neugriech. 
Gramm.  94  f.),  so  ist  auch  ein  ßä^Ta  zu  ßaatäCw  möglich,  ja  wenn  man  spYov  ipYäCo[j,ai 
zusammenhält,  auch  ein  ßäatov.  Die  Bedeutung  wäre  «Trage».  Man  kann  dagegen 
nur  das  eine  Bedenken  geltend  machen,  daß  im  Griechischen  bis  jetzt  keine  Spur 
einer  solchen  Bildung  nachgewiesen  ist,  auch  nicht,  wie  es  scheint,  in  der  späteren 
oder  der  heutigen  Sprache.  Vielleicht  ist  dieses  Bedenken  nicht  allzu  schwer,  wenn 
man  erwägt,  daß  'fävtaY|J.a,  das  ich  für  prov.  fa)ifau))ia,  frz.  fautdme  vermutet  habe 
(Rom.  Gramm.  I,  274),  von  Kretschmer  in  lesb.  <päda[j.a  nachgewiesen  worden  ist  (Neugr. 

'  Ein  hübsches  Spiel  der  Laune!  Deutsches  «Saum  am  Kleide»  und  «Saum»,  Flüssi^'keitsmaß,  lauten 
beide  prov.  basta.  Und  doch  hängen  weder  die  beiden  «Saum»  noch  die  beiden  basta  untereinander 
irgendwie  zusammen. 


Romanisch  BAST-.  35 

Dialektstud.  I,  461).  Will  man  sich  aber  au  das  Überlieferte  halten,  so  bietet  sich 
hastaga  «Frohulast».  Die  lautlichen  Verhältnisse  wären  dieselben  wie  bei  it.  como  aus 
qitoinodo,  bei  afrz.  viaidrc  aus  vcrtraijus.  Die  Umgestaltung  von  *bas(a  zu  *  bastum  ent- 
spricht der  von  medulla  zu  *  meduUnm  (it.  midollo,  prov.  mezul,  gask.  medut,  span.  meoUo, 
portg.  miolo)  und  zahlreichen  anderen  (Rom.  Gramm.  II,  §  387),  d.  h.  hasia  ist  kollektiv- 
plurahsch  «Last,  Packung»,  namentlich  wohl  auch  dualisch  «die  links  und  rechts  auf- 
gepackten Säcke»,  *hastum  singularisch  «der  einzelne  Packsattel».  Der  Übergang  von 
Ladung,  Packung  zu  Packsattel  liegt  auch  in  sa(jma  vor.  Welche  von  den  beiden  Mög- 
liclikeiten  vorzuziehen  sei,  ist  vorläufig  nicht  zu  sagen,  aber  für  griechischen  Ursprung, 
d.  h.  also  für  Zusammenhang  mit  ßaaiäCo)  spricht  vor  allem,  daß  auch  das  mit  *hasta  -um 
aufs  engste  zusammenhängende  scujma  griechisch  ist.  Gegen  eine  Ableitung  von  hastire 
dagegen  ,  der  ja  morphologisch  kein  Bedenken  begegnet,  spricht  die  Geographie.  Wir 
haben  gesehen,  daß  hdsfire  Frankreich,  Spanien,  Norditalien  angehört,  hasfo  dagegen 
Frankreich  und  ganz  Italien.  Man  müßte  also  eine  Wanderung  von  Norden  nach  Süden 
annehmen,  die  wiederum  sachlich  unwahrscheinlich  ist.  Vollends  eine  Entlehnung 
direkt  aus  dem  Germanischen  ist  ausgeschlossen,  da  ja  «Maultier»  wie  «Saum»  für  die 
Germanen  römischen  Ursprungs  sind. 

Zu  diesem  hastnm  oder  hasta  fügt  sich  begritflich  hasterna.  nicht  zu  bastiim  cStock>, 
denn  daß  die  bastema  auf  zwei  amites  getragen  wird,  unterscheidet  sie  nicht  von  der 
Icdica,  aber  die  Anwendung  des  Suffixes  -cnia  ist  hier  ebenso  dunkel  wie  in  den 
meisten  anderen  Fällen.  Auch  das  wissen  wir  nicht,  wie  sich  die  bastema  zur 
leetica  verhält.  Das  Wort  (mit  der  speziellen  Form  der  Sache?)  ist  bald  wieder  ver- 
schwunden, denn  während  it.  Icüiga,  span.  Icrhiga  das  lat.  leetica  in  volkstümlicher 
Form  fortsetzen,  ist  hastmia  nicht  erbwörtlich  romanisch,  vielmehr  sind  span.,  portg. 
bastema  deutliche  Buchwürter. 

In  diesen  Zusammenhang  scheint  noch  ein  anderes  Wort  zu  gehören.  Aret. 
hästrega  bezeichnet  das  um  den  Leib  des  Saumtiers  gebundene  Seil,  das  die  Last  fest- 
hält; dazu  kommen  zwei  Verba:  imbattrigare  «festbinden»,  sbastrigare  «losbinden». 
Caix,  der  in  seinen  Studi  di  etimol.  it.  e  romanza  158,  diese  Formen  anführt,  erwähnt 
noch  altperug.  bastrece  «ein  Teil  des  Saumsattels»,  weiter  südHch  versagen  es  die  Wörter- 
bücher der  Abruzzen,  weiter  nördlich  bringt  Pieri  aus  der  Versilia  bästrica  «corda  o 
fune  per  vari  usi»  ([»er  legare  alla  grcppia  il  cavallo,  per  le  reti  del  fieno  ecc).  Caix  denkt 
an  ßä^ta^  mit  dem  üblichen  Übergang  von  Nomen  actoris  zum  Nomen  instrumenta 
Aber  ein  Seil  ist  kein  Träger,  die  bastraga  auch  kein  «Tragseih^  Den  Weg  zur  Deu- 
tung scheint  mir  das  Verbum  iiubasfrigarc  zu  weisen.  Wäre  die  Grundbedeutung  von 
bastriga  «Seil»,  so  wäre  wohl  eine  Bildung  mit  a-,  nicht  aber  eine  mit  in-  versländlich. 
Liegt  aber  bastaga  «Last»  zugrunde,  so  verhält  sich  * imbustagare  «packen»  dazu  wie 
span.  enjalmar  zu  saJma.  In  Anlehnung  an  die  zahlreichen  ->ro>-e -Verba  ist  dann 
*hnbastigare  an  Stelle  von  *imbastagare  getreten,  dazu  nun  shastigare  «abladen»  und  da 
bei  der  Packung  der  Saumtiere  die  erste  bezw.  letzte  und  damit  wichtigste  Arbeit  das 
Abseilen  bezw.  Festseilen  ist,  konnten  die  beiden  Verben  sich  darauf  beziehen.  Dann 
aber  ergab  sich  ein  Substantiv  *bastiga  «Seil»  ohne  Schwierigkeit.  Der  Zutritt _des  r 
nach  st  ist  etwas  im  Komanischen  so  Häufiges,  daß  man  ihn  unbedenklich  annehmen 
darf,  auch  wenn  man  ihn  vor  der  Hand  nicht  so  erklären  kann,  wie  dies  Baist  für 
eine  Reihe  der  bekannten  frauzösicheu  Fälle  getan  hat  (Zeitschr.  d.  rom.  Phil.  XXIV. 
4  5  ff.).  —  o' 


36  W.  Meyer-T;iil)ke. 

5.  Tt.  hasfardo,  frz.  latard,  prov.,  kat.  hasfart,  spaii.,  portg.  hastardo  Dazu 
noch  afr.  ßls  de  hast,  entstellt  zu  fils  de  bas  und  daraus  raittelengl.  basie  «ungesetz- 
liche Ehe».  Daß  bastard  in  der  südlichen  sForra  weiter  gewandert  ist,  ist  bekannt. 
Namentlich  die  Ausdrucksweise  fih  de  bast  hat  den  Gedanken  nahegelegt,  daß  es  sich 
um  eine  Ableitung  von  ■*ias/«)«  handle.  ,, Auf  welche  Anschauung  sich  aber  dieser  Aus- 
druck «Kind  des  Saumsattels»  bezieht,  ist  nicht  so  leicht  ins  Klare  zu  bringen",  sagt 
Diez  in  der  ersten  Auflage.  Später  hat  er  Mahns  Erklärung  als  «ansprechend»  dazu- 
gesetzt.  ,,Das  deutsche  «Baukert»  kommt  bekanntlich  von  Bank  und  heißt  eigentlich 
der  auf  der  Bank,  im  Gegensatz  zum  Bett,  erzeugte.  Der  romanische  Ausdruck 
«Kind  des  Saumsattels»  ging  dagegen  im  Süden,  in  der  Provence  oder  Spanien,  aus  den 
Sitten  der  Maultiertreiber  hervor,  die  sich  in  den  Wirtshäusern  ihre  Betten  von  Saum- 
sätteln machten  und  dort  mit  den  Mägden  Verkehr  hatten.  Ein  Beispiel  dieses  Verkehrs 
findet  sich  im  Don  Quijote  I.  16." 

Obschon  diese  Ausführungen  ziemlich  allgemein  Beifall  gefunden  haben  und 
in  Frankreich  vom  Dictionnaire  general,  in  Deutschland  von  Kluge  verbreitet  werden, 
sind  sie  doch  vollständig  unhaltbar.  Zunächst  ist  zu  bemerken,  daß  es  sich  keineswegs 
um  eine  in  Südfrankreich  und  Spanien  allgemein  verbreitete  Sitte,  sondern  lediglich  um 
eine  Erzählung  aus  dem  Don  Quijote  handelt,  die  ja  vielleicht  einer  gelegentlichen  Übung 
entspricht.  An  dieser  Stelle  ist  nun  aber  gar  nicht  das  Wort  basto  gebraucht.  Es 
wird  da  berichtet,  das  Lager  des  Maultiertreibers  sei  viel  besser  gewesen  als  das  Don 
Quijotes  «aunque  era  de  las  enjalmas  y  mantos  de  sus  machos».  Also  «aus  den  Sätteln 
und  Decken  seiner  Maultiere»  hat  er  sich  eine  Lagerstätte  zurechtgemacht.  Dabei  ist 
enjalma  zunächst  ein  Wort  allgemeiner  Bedeutung.  Von  enjalmar  «die  jahna  auf- 
legen» gebildet,  bedeutet  es  ursprünglich  «Sattelzeug»,  ja  portg.  en.ralmo  ist  geradezu 
«die  Decke,  die  man  über  die  Ladung  der  Saumtiere  legt».  Das  ist  doch  wenig  ge- 
eignet, die  Grundlage  für  ein  Wort  «auf  dem  Saumsattel  erzeugt»  zu  geben.  Dazu 
kommt  nun  aber  weiter,  daß  hastardo  nicht  in  Spanien  geprägt  sein  kann,  weil  die 
eigen tHche  Heimat  des  Suffixes  -ardo  Frankreich  und  Italien  ist,  während  die  Ibe- 
rische Halbinsel  es  kaum  kennt  (vgl.  Rom.  Gramm  IL,  §  .519).  Endlich  spricht  auch 
die  Bedeutung  dagegen.  In  ältester  Zeit  ist  der  Bastard  nicht  ein  uneheliches  Kind 
im  heutigen  Sinne,  ein  Kind,  dessen  Vater  nicht  bekannt  ist,  dessen  Aufziehung  der 
Mutter  überlassen  bleibt,  nicht  ein  «Bankert»,  sondern  es  ist  das  nicht  mit  der  recht- 
mäßigen Gattin  erzeugte  Kind  von  Fürsten,  von  vornehmen  Herren,  ein  Kind,  dessen 
Vater  wohl  bekannt  ist,  das  von  ihm  auch  nicht  verleugnet  wird,  das  bestimmte  ge- 
setzlich geregelte  Rechte  in  Bezug  auf  Erbe  u.  dgl.  hat.  Man  sehe  die  Belege  bei  Du 
Gange  nach  oder  man  erinnere  sich  der  in  der  Literaturgeschichte  berühmten  Bastarde 
wie  Hainfroit  und  Heudri,  die  Söhne  Pipins  mit  der  Magd,  oder  des  Bastards  von 
Bouillon  usw.  Damit  ist  vollends  die  Mahnsche  Deutung  ausgeschlossen,  denn  so  un- 
bequeme Gelegenheiten  zur  Befriedigung  ihrer  außerehelichen  Wünsche  werden  sich  auch 
im  frühesten  Mittelalter  die  Fürsten  kaum  gesucht  haben.  Daher  kann  auch  der  von 
G.  Paris,  Histoire  poelique  de  Charlemagne  241  gebrachte  französische  Ausdruck  Enfant  de 
Ja  halle  nicht  als  Parallele  verwendet  werden.^ 


'  Wie  alt  und  wie  verbreitet  ist  übrigens  dieser  Ausdruclc,  den  weder  Liltre  nocli  Dict.  gen.  bieten? 
G.  Paris  stellt  weiter  die  Vermutung  auf,  daß  die  Sage,  wonacli  Karl  der  Große  auf  einem  Karren  erzeugt 
worden  sei,  sieb  vielleicbt  daraus  erkläre,   daß  der  Karren  wie   die  Bank,  der  Saumsattel,   dsr  Ballen   im 


Romauisch  BAST-.  37 

Die  Verbindung  mit  Jasf  «Saumsattel»  wäre  auf  anderem  Wege  möglicli.  Wie  das 
Maultier  dem  Pferde  nachsteht,  so  ist  auch  der  hast  weniger  vornehm  als  die  seile. 
Wenn  also  ein  enfant  de  seile  das  auf  dem  Sattel  sitzende,  das  vollwertige,  auf  alle 
Ehren  Anspruch  habende  Kind  bedeuten  würde,  so  könnte  enfatit  de  hast  das  minder- 
M'ertige  sein;  oder  wenn  bete  de  hast  ein  ständiger  Ausdruck  für  «Maultier»  wäre,  so 
könnte  auch  hastart  «Maultier»,  dann  «Mischling»  bedeuten,  wobei  «MischUng»  nicht 
wie  in  «Mulatte»  sich  auf  das  Resultat  der  Kreuzung  zweier  Rassen,  sondern  auf  das 
zwei  verschiedenen  sozialen  Schichten  angehörender  Individuen  bezöge.  Allein  die  Über- 
lieferung, die  nicht  so  spärlich  fließt,  daß  man  sie  nach  Gutdünken  durch  Vermutungen 
ausfüllen  dürfte,  versagte  für  die  eine  wie  für  die  andere  Auffassung  die  Gewähr. 

Da  die  ursprünglichste  Bedeutung  des  Wortes  in  Nordfrankreich  zu  Hause  ist,  so 
liegt  der  Gedanke  nahe,  daß  hier  der  Ausgangspunkt  zu  suchen  sei,  und  dazu  stimmt, 
daß  nur  hier  die  zwei  Formen  fds  de  hast  und  hastard  vorkommen  und  daß  die  ganz 
eigentliche  Heimat  des  Suffixes  -anl  auch  wieder  Nordfrankreich  ist.  Das  fühlt  auf  germa- 
nischen Ursprung,  führt  um  so  mehr  dahin,  als  die  Kreise,  in  denen  der  Begriff  zunächst 
rechtlich  fixiert  wurde,  die  der  gotischen  oder  fränkischen  Eroberer,  nicht  der  angesessenen 
Gallorömer  sind.  Bekanntlich  ist  in  England  im  Mittelalter  das  Wappen  der  Bastarde 
durch  einen  Stock  gequert  und  das  könnte  darauf  führen,  daß  bastard  mit  baston 
zusammenhängt.  Aber  solche  Schlüsse  aus  der  Heraldik  sind  trügerisch,  die  Sache  kann 
sich  umgekehrt  verhalten,  daß  nämlich  in  fds  de  hast  der  Stamm  von  baslon  empfunden 
und  danach  das  Wappen  gestaltet  wurde.  R.  Much  hat  einmal  die  Müghchkeit  ausge- 
sprochen, das  Bastenia  eigentlich  Blendling  bedeute.  ,, Welchen  Sinn  dieses  Wort  hast 
ursprünglich  gehabt  hat,  ist  nicht  von  Belang,  denn  ein  aus  dem  Lateinischen  stammender 
Bestandteil  des  Romanischen  ist  es  gewiß  nicht,  und  wenn  eine  junge  Ableitung  davon 
«Kebskind»  bedeutet,  kann  dies  auch  bei  einer  anderen,  älteren  der  Fall  sein.  Und 
nichts  ist  der  Deutung  des  Namens  Bastamae  Basternae  als  Blendlinge  so  günstig  als 
gerade  sein  Suffix"  (PBB.  XVII.  37).  Das  hat  vielleicht  etwas  für  sich  und  würde  wiederum 
darauf  führen,  daß  das  Wort  germaniscli  ist.  Aber  weiter  kommen  wir  vorläufig  nicht. 
Möglich  ist  auch  natürlich  Zusammenhang  mit  bastum  «Stock»,  wobei  dann  eine  uns  nicht 
bekannte  und  wohl  auch  nicht  zu  erratende  oder  erschließende  rechtssymbolische  Handlung 
zugrunde  liegen  würde. 

6.  Lat.  hdstus  oder  -um,  ital.  Ixistoiie,  frz.  bätoii,  span.  baston,  portg.  basfäo  «Stock». 
Die  einfache  Form  findet  sieli  nur  einmal  bei  Lampridius  im  Ablativ  Singularis,  so 
daß  man  ebensogut  ein  Maskulinum  wie  ein  Neutrum  ansetzen  kann.     Walde  schreibt 

Gejj:ensalz  zum  Ehebett  .stellen.  Dann  müßte  man  aber  doch  Spuren  dieses  Gebrauchs  hezw.  der  Redensart 
fils  de  cliiir  im  sjiätern  Latein  odei'  im  älteren  l'VanzOsisch  antreflen,  wenn  auch  sachlich  natürlich  weniger 
einzuwenden  ist,  iiainentlich  nach  der  a.  a.  0.,  S.  225  abg'cdruckten  Schilderung  «/i  reis  li  pi'M  qiie  il  la 
li  pretdsl  la  niiU  (i  cochier  ot  lai,  eil  l'otrea  si  li  fit  lit  sor  iin  char  qui  estoit  davant  Piis,  chargii  de  fougiere». 
Da  sich  jedoch  diese  Karrengeschichte  ausschlielilich  auf  Karl  (Martell  oder  Karl  den  Großen)  bexiehl.  so 
drängt  sich  unwiUküilich  der  Gedanke  auf,  dafi  eine  nicht  allzu  alte  (denn  die  ältesten  Quellen  kennen  sie 
nicht)  etymologische  Deutung  von  Caiotus  vorliege,  die  nicht  besser  und  nicht  schlechter  ist  als  die  noch 
heute  weit  verbreitete  Verbindung  mit  canis.  Daß  man  gerade  an  dem  Namen  Karl  henimdeutelte,  reigt 
auch  die  Woltersdie  Chronik.  Als  eins!  Tipin  mit  der  falschen  Bcrtha  bei  Tisch  saß,  kam  der  .Müller  mit 
Bogen  imd  Pfeil,  was  nach  der  mit  Pipin  getrofTenen  Verabredung  das  Zeichen  war,  daß  die  richtige  Bertha 
einen  Sohn  geboren  hatte.  Kr  traf  mit  dem  Pfeil  den  Becher  der  Königin,  so  daß  dieser  umstürzte,  worauf 
die  Königin  rief:  weg  mit  dem  Kerl  (Karl),  er  ist  zu  grob!  Aber  Pipin  bcgrilT  sofort  und  sagte:  «Er  wird 
Karl  lieißen»  (G.  Paris  a.  a.  ().,  2-.>i>). 


38  W.  Meyei-Liibko. 

«sehr  zweifelhaft  ob  als  Viacsfom  zu  haoilnni.  Nicht  zu  haffnpre.»  Wie  morphologisch 
eiu  solches  *bacstom  zu  erklären  wäre,  lileibt  mir  freilich  dunkel,  aber  unter  den 
bisher  besprochenen  Wörtern  ist  dieses  bastum  dasjenige,  dem  ich  am  wenigsten  beizu- 
kommen vermag.  Zunächst  fällt  auf,  daß  das  Romanische  nur  *lci!i(-o)ii\  nicht  hasfum 
kennt.  Neben  den  A'ertretern  von  sabido,  ponto  und  dem  zu  erschließenden  *pla)ifo 
(Rom.  Gramm.  II,  §  457)  bleiben  sdbulum,  pons,  planta.  Anderseits  scheint  span.  bästiga, 
idstago  «Schößling»,  dessen  Herleitung  aus  got.  wahstus  (Rom.  V,  187)  einer  Wider- 
legung nicht  bedarf,  nicht  von  bastone  getrennt  werden  zu  dürfen,  ist  aber  damit 
nur  unter  Voraussetzung  eines  bastum  vereinbar.  Morphologisch  wäre  gegen  ein  ßäatov 
von  ßaatäC")  nichts  einzuwenden,  s.  S.  34.  Auch  dafür,  daß  ein  spätgriechisches  Wort 
für  «Stock»  nach  Italien  usw.  wanderte,  läßt  sich  nicht  nur  x^p^xiov,  tess.,  veltl.  Mras, 
niail.  skaras,  afr.  cscharas,  nfr.  khalas  «Weinpfahl»  anführen,  sondern  begrifflich  noch 
nälier  liegend,  ital.  camato  «Gerte,  dünner  Kuotenstock»  scaniato,  «Stock  zum  Ausklopfen 
der  Wolle».  Die  Wegweisung  für  die  Deutung  dieses  Wortes  gibt  senes.  camaitare,  das 
mit  seinem  /  deutlich  auf  Zusammenhang  mit  prov.  gamach,  aven.  gamaito  weist  und 
ein  cht  als  Stammauslaut  verlangt,  d.  h.  ein  griechisches  Wort.  Die  Bedeutung  führt 
auf  xä[j.ai,  der  Form  genügt  ein  *xa[j.äxTov,  später  *7.ci.\i.ä-/xov,  das  sich  zu  7.a\L'xi,  ver- 
hält wie  ßaaräxTV]?  zu  ßäoTai  Und  doch  bleibt  ein  Bedenken.  Ein  ßdatov  von  ßaatäCsiv 
würde  den  Steck  als  Stütze  bezeichnen,  wogegen  das  Charakteristische  bei  bastum  bastone 
zunächst  das  Schlagen  ist,  wie  denn  auch  das  älteste  rumänische  Beispiel  des  aus  dem 
Italienischen  entlehnten  baston  es  in  Verbindung  mit  bäte  «schlagen»  zeigt.  Auch  hier 
wäre  freilich  der  Weg  ein  oft  betretener,  vergl.  ital.  baccJüo  «Stock,  Stab,  Stange»,  al 
bacchio  «blindlings,  unbesonnen».  Das  sind  alles  Schwierigkeiten,  deren  jede  einzelne  gering 
ist,  die  zusammengenommen  aber  doch  bedenklich  macheu  können.  Ich  sehe  vorläufig 
auch  keine  Möglichkeit,  bastum  so  zu  lokalisieren,  daß  dadurch  ein  Anhaltspunkt  für  die 
Entstehung  gegeben  wäre.  Västago  neben  bastoue  könnte  nach  Spanien  weisen,  doch 
ist  die  Spur  unsicher. 

7.  Ital.  bastagio  «Packträger»,  ven.  bastazo  «facchino  impiegato  al  servizio  delle 
dogane  e  dei  lazzaretti»,  neap.  vastaso,  kal.,  siz.,  tar.  vastasu,  abruzz.  rastase,  auch  neu- 
griech.  ßaardcCoc,  dann  aprov.  bastais,  belegt  aus  Marseille,  heute  von  Mistral  nicht  ver- 
zeichnet, aber  kat.  bastax,  mallork.  bastats  «Pflock  zum  Aufspreizen  des  Deckels»,  aragon., 
valenc.  bastage.  Also  deutlich  ein  Mittelmeerwort,  das,  nach  den  Wörterbüchern  zu  ur- 
teilen, nirgends  tief  ins  Binnenland  hineingedrungen  ist.  Sard.  basta.viu  hat  zwar  neben 
seiner  ursprünghchen  Bedeutung  noch  die  von  «Dachbalken»,  ist  aber  trotzdem  nach 
Maßgabe  der  Laute  aus  dem  Katalanischen  entlehnt.  Es  handelt  sich  also  zunächst 
darum,  Ausgangspunkt  und  Wanderung  zu  bestimmen.  Ngr.  ßaaräCo?  ist  schon  nach 
seinem  Akzente  romanisches  Lehnwort,  als  solches  auch  von  G.  Meyer,  Neugr.  Stud.  IV,  16, 
ganz  richtig  von  venez.  bastazo  hergeleitet  worden,  mit  dem  allerdings  etwas  unver- 
ständlichen Zusatz  «der  romanische  Stamm  bast  kommt  auch  im  Griechischen  vor,  agr. 
ßaotäCw  usw.».  Es  scheint  mir  ziemlich  wahrscheinlich,  daß  die  süditalienischen  Formen 
aus  dem  Neugriechischen  stammen,  da  mit  einer  solchen  Annahme  das  v  gegenüber 
dem  nördlichen  b  erklärt  wäre  und  da  das  s  mit  dem  s,  gi  nicht  vereinbar  ist.  Sodann 
kann  unbedenklich  tosk.  bastagio  als  Entlehnung  aus  ven.  bastaso  bezeichnet  werden,  da 
die  Entsprechung  von  ven.  z  bei  Erbwörtern  im  Toskanischen  gg  lauten  würde,  g  bei 
Entlehnungen  aus  Norditalien  sehr  gewöhnlich  ist.    Für  das  Venezianische  wird  </,  j,  dy,  gy, 


Holz  und  Mensch.  39 

als  Grundlage  gefordert,  vergl.  /)c^o  aus  pejus,  ra^o  aus  radius.  Dazu  passen  auch  die 
katalanischen  Formen  und  die  altprovenzalische,  wenn  wir  nur  das  s  nicht  als  starnm- 
haft,  sondern  als  Flexionszeichen  auffassen,  also  das  Wort  als  fcc/s/ai ansetzen.  Wir  gelangen 
somit  zu  einem  den  nördlichen  und  westlichen  Mittelmeerländern  angehürigen  hmta^u, 
das  von  Venedig  nach  Toskana  und  Griechenland,  von  da  nach  Süditalien  gewandert 
ist.  Schon  Diez  hat  ßäata^  zugrunde  gelegt.  Allerdings  ist  die  Bedeutung  dieses  ßä-iTas 
in  dem  einen  Beleg  bei  Theopli.  Protos.  oiovjl  Ss  ßä^ta^  t/^?  v.s'fa/.f^?  ü-äpysi  ö  Tpa-/T,>.o; 
nicht  ganz  durchsichtig,  aber  ganz  unmißverständlich  ist  Vixpoßa-Jtä;  -a-fo;  «Tote  tragend». 
Da  ßdoT0(4  «Träger»  sich  an  ßaotäCo)  anschließt,  kann  .man  das  Wort  unbedenklich  als 
griechisch  bezeichnen.  Es  muß  ins  Lateinische  gedrungen  bastax  bastäge  flektiert  worden 
sein  und  im  Venezianischen  von  Plur.  bastagi  einen  neuen  Singular  bastazo  bekommen 
oder  schon  früher,  aber  als  g  schon  gl  lautete,  den  indifferenten  Ausgang  e  oder  sogar  den 
griechisclien  Akkusativ  Ausgang  a  durch  das  den  Sexus  scharf  kennzeichnende  o  ersetzt 
haben.  Darüber,  ob  man  vExpoßäoTai  oder  vsv.ooßa'STä;  betonen  soll,  gehen  die  Ansichten 
auseinander.     Die  romanischen  Formen  sprechen  für  das  letztere. 

Von  Griechenland  einerseits ,  von  Germanien  anderseits  treiben  zwei  voneinander 
ganz  unabhängige  Wurzeln  hast  ihre  Schößlinge  hinein  in  romanische  Gebiete,  aber 
nirgends  verschlingen  sich  diese  Schößlinge;  man  siebt  nicht,  daß  die  Bedeutung 
der  einen  Gruppe  durch  einen  Vertreter  der  andern  gleichklingenden  beeinflußt  worden 
wäre,  kaum  daß  man  einen  geringen  Anfang  dazu  in  der  speziellen  Einschränkung,  die 
lasiii  «Saumsattel»  in  Valencia  erfahren  hat  (Seite  33),  sehen  darf.  Man  könnte  nämlich 
dabei  an  basto  «gestopft»  denken,  aber  der  Umstand,  daß  dieselbe  Bedeutungseinschrän- 
kung auf  ganz  anderem  Gebiete  sich  findet,  wo  ein  solcher  Einfluß  nicht  besteht,  läßt 
auch  diesen  Gedanken  ablehnen. 


Holz  und  Mensch. 

Von  Rudolf  Much. 


Goethe  sagt: 

«Kleid  eine  Säule, 

Sie  sieht  wie  eine  Fräule.» 
Das  stimmt  auffallend  zu  den  beiden  trfmemi,  denen  nach  Hävamäl  48  (B  V-S)  der  Fah- 
rende seine  abgetragenen  Kleider  umhängt  und  von  denen  es  heißt: 

rrkkiir  ßaf  pottus,  er  ßeir  riß  hgfpo. 
«In  den  Lumpen  glichen  sie  leibhaften  Menschen ^^  übersetzt  Gering  die  Stelle.  Au 
diesen  trrmoni  dürfte  kaum  mehr  als  der  Kopf  notdürftig  geschnitzt  gewesen  sein  ;  und 
auch  zu  dieser  Arbeit  sah  man  sich  wohl  erst  veranlaßt,  weil  schon  der  aufrecht  stehende 
Pfahl  selbst  an  einen  Menschen  gemahnte.  So  entwickelt  sich  aus  der  Siiitlr  die  Bild- 
si'ndc.  Vgl.  dän.  stoüt\  hUlcdsiottc,  schwed.  hildstod  mit  gleichem  Bedeutuugsübergang. 
Daß  im  besonderen  das  Götterl)ild  vom  verehrten  Ptiock  ausgeht,  hat  Meringer 
.IF.  16,  151  ff.,  17,  ir)9.  165  f.,  IS,  277  tt'.,  21,  296  ff.  gesehen  und  ist  dabei  auf  eine 
Erzader  gestoßen,  die  noch  lange  den  Abbau  lohnen  wird. 


40  Rudolf  Much. 

Bei  den  Germanen  begegnen  uns  für  diese  Entwicklung  verschiedene  Belege.  Ob 
neben  dem  wohl  aus  dem  Germanischen  herübergenoramenen  litauischen  stufpns  «Säule^ 
Götzenbild»  auch  im  Germanischen  selbst  schon  ein  Wort  mit  diesen  beiden  Bedeu- 
tungen vorhanden  war,  bleibt  ungewiß.  Aber  dem  lit.  stähas  «Götze»  entspricht  genau 
ein  alter  nordischer  Ausdruck.  Wenn  es  in  Den  ivldre  Eidsivathings  Kristenrett  (Norges 
gamle  Love  I)  1,24'  heißt:  engt  madr  slal  hafa  i  hnsi  sUin  staf  cffa  sialla  «Niemand  soll 
in  seinem  Haus  einen  stafr  oder  (und?)  Altar  haben»  —  man  beachte  die  stabreimende 
Verbindung  von  stafr  und  stalU  — ,  so  kann  hier  stafr,  das  sonst  «Stock,  Pfosten, 
Pfahl»  bedeutet,  nicht  gut  etwas  anderes  sein  als  ein  Götterbild  oder  ein  Pfahl,  der 
einen  fJott  vorstellte.  Das  ist  auch  Fritzuer  entgangen,  obwohl  schon  Maurer,  Bekehrung 
418  bemerkt:  «Stafr  muß  hier  wohl  die  Säulen  mit  eiugeschuitzten  Götterbildern  be- 
deuten, wie  sie  das  Heidentum  liebte»  und  damit  annähernd  das  richtige  traf.  Hätte  er 
von  jenem  lit.  stähas  gewußt,  so  hätte  er  erkannt,  daß  dieser  stafr  als  ein  ganz  selb- 
ständiges Schnitzwerk  angesehen  werden  kann,  das  nicht  etwas  getragen  zu  haben  braucht. 

Die  heiliggehaltenen  pnäcef/issülur  mit  den  eingeschnitzten  Thorsbildern  allerdings 
sind  zugleich  Götterbilder  und  konstruktive  Teile  des  Hauses,  beziehungsweise  des 
Tempels.  In  ganz  überraschender  Weise  eriimert  an  sie  die  ungarische  bödog-anya 
<Mutter  Gottes»,  ein  senkrecht  stehender  viereckiger  oder  runder  Eichenpfosten,  der  mitten 
im  Zimmer  stehend  den  Tram  stützt,  der  die  Zimmerdecke  trägt,  ein  Seitenstück,  auf 
das  Meriuger  JF.  21,  301  aufmerksam  gemacht  hat. 

Sehr  nahe  steht  hier  auch  die  sächsische  Irminsül.  Wie  das  Haus  vielfach  eine 
Mittelsäule  hatte,  firstsfd  in  der  lex  Baiuuariorura  X,  6,  7,  bei  Notker  Boethius  5 
magansnl  genannt,  —  in  der  eben  erwähnten  lödog-anija  setzt  sie  sieh  fort  — ,  so  stellte 
man  sich  auch  inmitten  des  Weltgebäudes,  den  Himmel  stützend,  der  aisl.  auch  fagra- 
rxfr  «schönes  Dach»  und  salpah  «Dach  der  Erde,  des  Bodens»  heißt,  eine  solche  Säule 
vor.  Die  im  Freien  aufgerichtete  Irminsül  'ist  das  Symbol  und  Abbild  dieser  den  Himmel 
tragenden  Säule. 

Als  nordisches  Gegenstück  zur  sächsischen  Vorstellung  von  der  Irminsül  inmitten 
der  Welt  und  ihrer  Verehrung  darf  der  aslcr  Yggdrasils  gelten.  Beide  verhalten  sich 
zu  einander  gerade  so  wie  die  firstsül  des  alten  bairischen  Hauses  zu  dem  lebenden 
Baum  —  er  wird  als  apaJdr  bezeichnet,  was  aber  nach  nordischem  Sprachgebraucli 
auch  einen  andern  fruchttragenden  Baum,  besonders  auch  eine  Eiche  bedeuten  kann,  — 
um  den  nach  einer  offenbar  sehr  altertümlichen  Sitte  Vi^lsungs  Saal  herumgebaut  war. 
An  diesen  hat  zur  Erklärung  der  Vorstellung  von  der  Weltesche  schon  F.  Jöusson, 
Arkiv  21,  399  erinnert  und  damit  schon  mindestens  ihren  Kern  richtig  gedeutet,  um 
den  sich  später  ja  wohl  auch  anderes  angesetzt  hat. 

In  der  Egilssaga  c.  68  begegnet  uns  ein  merkwürdiges  Sprichwort:  pä  verdr  eiJc 
at  fdga,  er  uiulir  shil  hiia  «die  Eiche  muß  man  verehren,  unter  der  man  wohnt».  Daß 
hier  fdga  auf  religiösen  Kult  zu  beziehen  ist,  kann  angesichts  einer  Reihe  von  Belegen 
für  diese  Bedeutung  des  Wortes  wie  eigl  skuli  per  ]>d  Iduti  (nämlich  slairgod)  rcgsama 
oh  fdga  oder  cigi  sJcaltu  goä  ßrirra  ggfga  ne  fdga  nicht  bezweifelt  werden:  s.  Fritzner  1,  365, 
Cleasby  Vigfussou  146.  F.  Jönsson  macht  in  seiner  Ausgabe  der  Egilssaga,  Altnord. 
Sagabibl.  3,  225  zu  der  Stelle  die  Bemerkung:  «ein  uraltes  Sprichwort,  aus  uer  Zeit 
herstammend,  als  die  Wohnungen  (Hütten)  noch  uuter  einem  großen  Baume  oder  rings 
um  ihn  herum  aufgeführt  waren;  vgl.  ^'olsungas.  c.  3.»     Das  ist  gewiß  zutreffend.    Für 


Holz  und  Mensch.  41 

uns  ist  aber  jenes  Sprichwort  um  so  wertvoller,  als  es  auch  ein  Zeugnis  ist  für  die 
Verehrung  solcher  Bäume.  Man  kann  bei  ihr  auch  an  den  merkwürdigen  Bericht  des 
Herodot  5,  23  über  die  Argippaier  erinnern.  Jeder  von  diesen  wohnt  nach  ihm  unter 
einem  Baum  (üttö  öevöpeLu);  über  diesen  deckt  er  im  Winter  einen  dichten,  weißen  Filz; 
im  Sommer  läßt  er  ihn  ohne  Filz.  Wilhelm  Tomaschek,  Kritik  der  ältesten  Nachrichten 
über  den  skytliischen  Norden,  WSB.  117,  bemerkt  S.  60  zur  Stelle:  -Die  alte  Wohnart 
hat  sich  vielleicht  in  einer  Opferzeremonie  der  Altai-Türken  (Jys-ki.si,  Tuba)  erhalten : 
wenn  diese  dem  Tengri  opfern,  so  stellen  sie  in  einem  abgelegenen  Birkenwäldchen  am 
Rand  einer  Lichtung  eine  Jurte  auf,  in  deren  Mitte  eine  grünbelaubte  Birke  mit  ihrem 
Wipfel  durch  das  Kauchloch  herausschaut ;  das  Dach  wird  mit  Filzlagen  bedeckt  (Radioff, 
Aus  Sibirien  11,  19  fg.)».     Spielt  auch  hier  der  Baum  selbst  als  Kultobjekt  eine  Rolle? 

Wenn  die  hier  für  die  Irminsül  gegebene  Erklärung  richtig  ist,  so  darf  man  aus 
den  Zeugnissen  für  sie  schließen,  daß  bei  den  Sachsen  auch  in  den  Häusern  die  Mittel- 
säule für  heilig  galt  und  Verehrung  genoß.  Bei  dieser  und  l^ei  der  Irminsül  an  einge- 
schnitzte Bilder  nach  Art  derer  an  den  ondvegissülur  zu  denken,  nötigt  uns  nichts, 
hindert  uns  aber  auch  nichts.  Und  wenn  uns  bei  diesen  von  einem  Bilde  Thors  erzählt 
wird,  mag  man  immerhin  auch  die  Irminsül  auf  einen  Gott  beziehen,  der  dann  zwar 
nicht  wegen  ihres  mit  irmiti  zusammengesetzten  Namens,  aber  wegen  ihrer  Bedeutung 
als  universalis  columna,  quasi  susünens  omnia  (MG.  2,  676)  niemand  anderer  als  der 
regnator  o»ini)tni  clnis  des  Tacitus,  Germ.  39,  das  ist  der  Himmelsgott,  sein  kann. 

In  einigen  Punkten  weicht  meine  Ansicht  von  der  Meriugers  ab.  So  glaube  ich 
nicht  an  ein  ags.  eodor,  eodur  im  Sinn  von  «verehrter  Balken»,  wozu  übrigens  Meringer 
selbst  jetzt  JF.  21,  301  ein  Fragezeichen  setzt.  Auch  die  Bedeutung  «Fürst»  hat  eodor 
nicht  für  sich  allein,  denn  nur  Verbindungen  wie  eodor  Säldhuja,  Ingwina  sind  belegt, 
und  diese  sind  wirklich  ganz  so  zu  verstehen  wie  tpKoq  'AxaiiDv,  aus  dem  man  doch 
auch  nicht  ein  griech.  epKO?  «Fürst»  erschließen  darf.  Ebenso  begegnet  heim  und  MeO, 
hlcow  in  Verbindung  mit  Genetiven  wie  corla,  icigendra,  ^ycdra  u.  dgl.  als  Bezeichnung 
des  Fürsten,  ohne  dabei  selbst  etwas  anderes  als  «Schutz,  Schirm»  zu  bedeuten.  Auch 
die  Bedeutung  «einzelner  Pfahl»  ist  für  ags.  eodor  nicht  erweislich.  Das  in  undcr  eoderas 
Beowulf  1038 :  (Hchf  pä  eorla  hleo  cahta  nirnras 

fxtedläeorc  on  fJet  fron) 
in  linder  eoderas 
übersetzte  ich  gleich  Heyne:  «hinein  in  das  Haus».  Dabei  darf  man  das  flet  1037 
nicht  auf  eine  bestimmte  Stelle  des  Hallenbodens  beziehen,  vielmehr  heißt  hier  on  fiet 
ganz  formelhaft  «in  den  Innenraum»  oder  auch  einfach  «hinein».  Und  iiiider  eoderas 
an  unserer  Stelle  ist  von  dem  laidar  ederös,  Heiland  4944  unmöglich  zu  trennen,  und 
in  beiden  Fällen  haben  wir  es  ebenfalls  nur  mit  einem  formelhaften  Ausdruck  zu 
tun.  Nicht  einmal  die  Pluralform  läßt  sich  mit  Bestimmtheit  auf  die  Mehrheit  der 
Zaunpfähle  zurückführen.  Da  sonst  eodor  im  Singular  schon  «Zaun,  Gehege»  bedeutet, 
wird  man  eher  an  das  gleichfalls  pluralische  in  geardiim  für  «at  home»  und  die  aisl. 
Plurale  gardar,  hi'is,  tun  im  Sinn  von  «Gehöft»  anzuknüpfen  haben.  Mit  Recht  übersetzt 
Holthausen,  Beowulf  II,  130  den  Plural  von  eodor  einfach  mit  «Haus».  Gegen  die  Eiu- 
wendung,  wenn  die  Rosse  schon  im  Saale  sind,  sei  ein  weiterer  Zusatz  in  iindar  coderas 
im  Sinne  von  «ins  Haus  hinein  überflüssig,  ist  auf  die  stilistische  Eigentümliclikeit 
der  altgermanischen  Poesie  zu  verweisen,  die  Appositionen  liebt  und  dabei  oftmals  den- 

Woilcr  iiiul  SiKbon,     l.  C 


42  Rudolf  Much. 

selben  Gedanken  mit  wechselndem  Ausdruck  wiederholt.  Ein  neues  Moment  braucht 
also  durch  das  in  ttndcr  eoderas  nicht  hinzuzutreten. 

An  jene  tremenn  der  Hdvamiil,  von  denen  eingangs  die  Rede  war,  erinnert  es, 
wenn  in  der  nordischen  Mythologie  die  ersten  Menschen,  Ashr  und  Emhla,  aus  Bäumen 
oder  Hölzern  —  in  Snorris  Gvlfaginning  ist  von  tic  tvau  die  Rede  —  geschaffen  werden. 
Es  setzt  das  eigentlich  auch  schon  voraus,  daß  mau  sich  durch  Bäume,  Baumstrünke 
oder  Stämme  an  menschliche  Gestalt  erinnert  fühlte.  Das  leitet  uns  aber  hinüber  zum 
Gegenstück,  zur  V  e  r  g  1  e  i  c  h  u  n  g  d  e  s  M  e  n  s  c  h  e  n  mit  e  i  n  e  m  B  a  u  m  oder 
einem  Stück  Holz. 

Dahin  gehört  es,  wenn  in  der  nordischen  Poesie  der  Begriff  Mann  durch  den 
Namen  eines  beliebigen  Baumes  oder  ein  Wort  für  Säule,  Pfosten,  Stock  ausgedrückt 
werden  kann,  sofern  nur  durch  Zusammensetzung  oder  einen  beigefügten  Genetiv 
Beziehung  zu  einer  Sache  angedeutet  wird,  mit  welcher  der  Mann  zu  schaffen  hat.  So 
entstehen  kenningar  wie  rögs  apaJdr,  nteiär  hriiH/s,  uudstafr,  vighJynr,  almr  eggpings,  sfafr 
valfreyjuy  sverävi&r  usw.  Auch  der  Begriff  «Weib»  wird  in  ähnlicher  Weise  durch  Um- 
schreibung ausgedrückt,  z.  B.  durch  ouüp^U.  lind  lins,  gäit  haiiga.  Es  versteht  sich  von 
selbst,  daß  dabei  besonders  weibliche  Baumnamen  Verwendung  finden. 

Nach  Art  solcher  kenningar  möchte  man  auch  wohl  den  Namen  Gustaf,  aschwed. 
Götstaver,  Go(t)stnver,  beurteilen.  Er  lautet  altwestnordisch  Gautsfafr,  und  so  hieß  ein 
Pferd  des  Herzog  Sküli,  «vistnok  fordi  den  var  fra  Gautland»,  wie  Bugge,  Om  runeskrif- 
ten  paa  Rök-stenen  21  bemerkt,  der  dabei  auch  schon  an  unser  «Araber»  erinnert. 
Gautstafr  scheint  darnach  zunächst  zu  bedeuten  «ein  Mann  aus  Gautland».  Oder  ist 
das  Umdeutung?  Und  wie  verhält  sich  der  Name  zu  ags.  Sigcstef,  ahd.  Sigistab,  dem 
Sigestap  der  deutschen  Heldensage? 

Verschiedentlichen  anderen  sprachlichen  Ausdruck  auch  dieses  Vergleiches  von 
Menschen  mit  Holz  irgendwelcher  Art  findet  man  bei  Meringer,  JF.  18,  277  f. 
zusammengestellt,  darunter  russisch  2*««^  «Klotz>  und  «plumper  Mensch»  und  l&i.  slipes. 
Eine  Fülle  von  Belegen  bringt  0.  v.  Friesens  Arbeit  Om  de  germanska  mediogemi- 
natorna,  besonders  S.  58  f. ;  ebenso  Jöhannsson,  K.  Z.  36,.  373  f. 

Das  tertium  comparationis  ist  in  solchen  Fällen  nicht  immer  etwas  ausschließlich 
Körperliches.  Wir  sprechen  ja  von  einem  ungeliohelfcn,  einem  verstoclicn  oder  einem 
störrigen  (zu  ahd.  sforro  «Baumstumpf»)  Menschen.  Es  kann  einer  auch  haumstiU,  stocktaub 
oder  ein  StocldiUlnH  sein.  Got.  baups  «taub,  stumm»  wird  von  Meringer,  JF.  16,  155.  159 
als  «klotzig»  gedeutetS  und  so  kann  auch  kelt.  *bodaro-  aus  *bodhro-  und  aind.  badhird 
«taub»  mit  mlat.  bodina  (Thurneysen,   Keltoromanisches  91)   «Pfahl»   zusammenhängen. 

In  andern  Fällen  hat  man  das  rein  Körperliche  im  Auge.  So  wenn  wir  von  einem 
baumlangen  oder  baiinistarlcn  Kerl,  einem  saun-  oder  spindddiirren  IVIenschen,  einer 
Hopfenstange  —  österreichisch  auch  Heugeig'n  —  redeu.  Mundartl.  itempfl  bedeutet 
«kurzer,  dicker  Mensch»,  Lenz,  Der  Handschuchsh.  Dial.  I,  46.  Und  hierher  gehört  eine 
große  Anzahl  von  Namen  und  Beinamen.  Ein  sehr  bekannter  Beiname  dieser  Art  ist 
der  des  berühmten  dänischen  Sagenkönigs  Hrölfr  kraki.  Das  Wort  hraki  bedeutet 
«Stange»,  hat  aber  schon  in  alter  Zeit  auch  den  Sinn  «unentwickelte,  hagere  Person» 
im  allgemeinen.  Von  deutschen  Namen,  die  sich  hier  anschließen,  bietet  jedes  Adreß- 
buch  eine    reiche   Auswahl.     Die    altisländischen    sind   jetzt  in   F.  Jönssons   wichtiger 

'  Veii;l.  H.  Petersson,  JK.  XXIII,  S.  395.  C.  N. 


Holz  und  Mensch.  43 

Schrift  Tilnavne  i  den  islandske  Oldlitteratur,  Aarboger  1907  leicht  zu  finden.  Als  die 
ältesten  germanischen  Beispiele  solcher  Namen  dürfen  wohl  wandalisch  *Eaus  und 
*Iiafts  gelten,  über  die  ich  ZfdA.  36,  47  gehandelt  habe. 

Oder  das  Körperliche  ist  wenigstens  mit  im  Spiele.  Wenn  wir  jemanden  einen 
grohcn  Klotz  nennen,  so  denken  wir  dabei  leicht  nicht  nur  an  unfeines  Benehmen  und 
Bildungsmangel,  sondern  zugleich  auch  an  plumpe,  vierschrötige,  klobige  Körperformen ; 
und  noch  mehr  werden  sich  die  Begriffe  körperlicher  und  geistig-sittlicher  Unfeinheit 
miteinander  verbunden  haben  in  einer  Zeit,  in  welcher  der  Rassenunterschied  zwischen 
den  sozialen  Schichten  ein  augenfälligerer  war. 

In  diesem  doppelten  Sinn  möchte  ich  daher  bestimmt  die  Namen  von  Knechten 
und  Dirnen  in  der  Rigsjiula  Drumbr,  Drumha  und  Kumba  auffassen.  Als  Appellativnam 
bedeutet  tredrumhr  «Holzklotz»  und  zu  Kumba  stellt  sich  tnkumbr,  ablautend  mit  griech. 
YÖnqpoq  «Pflock,  Zahn».  Ahnlich  wird  man  mhd.  Inno;  T;niilz,  k)iochs,  bürenknorf ,  solch, 
holl.  Iiiioef  zu  beurteilen  haben.  Hierher  gehört  ferner  Benrjcl,  Flegel,  bair.  Zoch,  Zochen 
«von  Zweigen  gesäuberter  Ast,  Knüttel»  und  «grober  Mensch,  Bursch,  Knecht»,  dän. 
trunte  «Baumstumpf,  Block»  und  «kleiner  untersetzter  Mensch»,  älter  auch  «Tölpel», 
ebenso  dän.  Idods  «tölpischer  Mensch»  u.  a.  m.  Auch  unser  Schwung  und  Klachel  sind 
verwandte  Ausdrücke,  nur  daß  beide,  unbildlich  gebraucht,  Gegenstände  aus  Metall 
bezeichnen.  Verschiedenen  der  besprochenen  Gruppen  reihen  sich  ein  dän.  udd.  knast, 
norw.  dial.  Icult,  hmii  l-ncrta  loiarte,  knott,  nubb,  bikse  bjakse,  lurk,  brand,  kause,  bagge 
bdggji:  und  schwed.  dial.  phjgg,  spinke  spink  und  knagg,  über  die  in  den  Wörterbüchern 
von  Aasen,  Ross  und  Rietz  Aufschluß  zu  finden  ist.  Auch  auf  die  Zusammenstellungen 
bei  V.  Friesen  und  Johansson  ist  hier  neuerdings  zu  verweisen.  Aber  das  Material 
ist  damit  auf  keinem  Gebiet  erschöpft. 

Zutreffend  bemerkt  Johansson,  K.  Z.  36,  373,  daß  die  Benennungen  lebender  Wesen 
nach  toten  Gegenständen  —  sie  sind  auch  unter  Tiernamen  stark  vertreten  —  besonders 
häufig  sind  in  etwas  niedrigerer  Sprache,  in  der  gemeinen  Umgangssprache.  Es  fallt 
in  der  Tat  auf,  wieviel  derartiges  etwa  die  heutigen  nordischen  Dialekte  bieten  im 
Vergleich  zur  aisl.  Literatursprache.  Aber  zu  allen  Zeiten  steigen  doch  einzelne  Worte 
dieser  Art  auf  eine  höhere  Stufe  empor.  Als  ein  solches  wird  man  asl.  skati  «Mann, 
hervorragender  Mann,  Häuptling»  ansprechen  dürfen.  Bugge  hat  es  Ant.  Tidskr.  f. 
Sverige  5,  146  im  Anschluß  an  P.  J.  Luudal  und  Vigfussön  mit  schwed.  dial.  skate  «etwas 
empor-  oder  hervorschießendes,  Baumwipfel,  Landspitze  u.  dgl.»,  norw.  dial.  skat  n. 
«Wipfelende  eines  Baumes»,  skata  «in  eine  Spitze  auslaufen»,  skate  m.  in  Telcmarken 
«Baumstamm  ohne  Aste»  zusammengebracht.  Ich  denke  auch  hier  nicht  an  eine  all- 
dem zugrund  liegende  «allgemeinere  Bedeutung»,  sondern  an  unmittelbaren  Vergleich  des 
Mannes  mit  dem  Baum.  Hierher  gehören  auch  Tiernameu :  aisl.  skata,  norw.  skate 
«raja  batis»  und  schwed.  skata,  norw.  dial.  skata.  dän.  skade  «corvus  pica»;  s.  Falk-Torp. 
E.  Ob.  2,   174.   167. 

Besonders  zahlreich  sind  die  Worte  für  «Knabe»  und  «Mädchen ?,  die  ursprüngUch 
Pflock,  Stift  oder  ähnliches  bedeuten.  Auch  Stift  selbst  oder  Stöpsel  nennen  wir  wohl 
einen  kleinen  Jungen  und  sind  uns  dabei  der  Bildlichkeit  des  Ausdruckes  noch  ganr 
bewußt.  Schmeller''  2,  771  verzeichnet  Stiiigel  «Mannsperson,  insonderheit  noch  lediger 
Bursche»  —  daneben  Jleniedstiiigel,  was  trotz  Sthigel  «penis»  nicht  phallisch  verstanden 
zu  werden  braucht.    Viiu.  pige,  spät  aisl. /xA«  «Mädchen»  gehört  nach  Johansson,  K.  Z. 

0» 


44  Rudolf  Mucli. 

36,381  mit  däti.  pig,  aisl.  p'il-  «Spitze»  zusammen.  Ebeuso  ist  dän.  7/«*/ «kleiner  Knabe», 
schwed.  dial.  luil;  «Junge»,  norw.  dial.  pauJ;  «kleine  schwache  Person,  kleiner  Junge»,  ndd. 
pöÄ-  «schwacher  Mensch,  Kind,  kleiner  Bursch»  dasselbe  Wort  wie  älter  dän.  poij,  norw.^aaÄ:, 
schwed.  päk  «Stock»,  mndd.  pol:  «Dolch» ;  s.  Falk-Torj),  E.  Ob.  2,  45,  68.  Auch  aisl.  drcngr 
«tüchtiger  junger  Mann»,  dän.  dreng,  schwed.  dräng  «Knabe»  hat  Tamm,  E.  Sv.  Ob.  103 f. 
als  identisch  mit  aisl.  und  anorw.  drcngr  «dicker  Stock,  Säule»,  aslov.  drqg^  «Stange, 
Baum»  erkannt;  s.  auch  Falk-Torp,  E.  Ob.  1,  Ulf.  Vgl.  den  langobardischen  Beinamen 
dra)ui(S,  Brückner,  Spr.  d.  Lgbd.  13,  und  bair.  Tn'uiggiii  «uubescheideue  Weibsperson», 
Schmeller-  1,  667.  Auch  die  im  Neuisländischen  gebräuchlichsten  Ausdrücke  für  Knabe 
und  Mädchen,  piltur  und  stülka,  erklären  sich  so;  ersteres,  &is\.  piltr,  piUungr,  steht  zu 
schwed.  dial.  pidt  «Pflock»  in  Ablautverhältnis ;  letzteres  gleich  aisl.  und  schwed.  dial. 
sfidla  gehört  zu  schwed.  dial.  stidk  stoJk  «Stiel»  ;  s.  Johansson.  K.  Z.  36,  377,  381. 

In  diesem  Zusammenhang  wird  man  an  die  alte  Deutung  von  lat.  rirgo  aus  virga 
erinnern  dürfen;  ferner  an  die  von  Bezzenberger  und  Fick,  Beitr.  6,  238  vertretene 
Beziehung  von  rciXiq  zu  lat.  taJea  «Setzhng,  Reis»,  aslov.  falij.  «ramus  virens»  und  die 
Zusammenstellung  von  TTäpaevoq  mit  Triöpöo?  durch  Düntzer,  K.  Z.  16,  29. 

Dieses  Material  wäre  leicht  zu  vermehren.  Aber  die  semasiologische  Regel  läßt 
sich  jetzt  schon  aufstellen,  und  damit  ist  uns  ein  Schlüssel  zur  Erklärung  noch  einiger 
anderer  Appellativa  gegeben.  Wir  müssen  uns  dabei  vor  Augen  halten,  daß  bei  Knaben 
und  Mädchen  die  Kleinheit  und  Schlankheit  das  tertium  comparationis  mit  Gegen- 
ständen aus  der  Pflanzenwelt  sein  kann,  bei  jungen  Männern  auch  die  Kraft  und  «Stäm- 
migkeit .  Von  «Knabe»  führt  aber  sehr  oft  die  Bedeutungsentwicklung  zu  «Diener, 
Knecht»  Mnüber.  Ausdrücke  für  diesen  Begriff  können  also  hier  mittelbar  entstehen; 
aber  auch  unmittelbar,  wenn  die  äußere  oder  innere  Unfeinheit  oder  Stumpfheit  zum 
Vergleich  und  zur  Übertragung  der  Bezeichnung  des  Holzstückes  auf  den  Menschen 
Anlaß  gibt. 

Vor  allem  wird  man  sich  jetzt  gegenüber  der  Fülle  der  Seitenstücke  nicht  mehr 
wie  noch  Falk-Torp,  E.  Ob.  1,  386  dagegen  sträuben  dürfen,  Jcnahe  «puer»  mit  hess. 
Knabe  «Stift  oder  Bolze»,  Herrn,  v.  Pfister,  Nachträge  zu.Vilmars  Idiotikon  von  Hessen 
136,  gleichzustellen.  Vielleicht  ist  es  nicht  ganz  ausgemacht,  wie  sich  ahd.  l:naho,  ags. 
cnafa  zu  ahd.  hiappo  und  vor  allem  zu  ags.  cnapa,  as.  huqw,  aisl.  l-napi  «Knappe, 
Junker»  verhält,  eine  Frage,  die  v.  Friesen,  Mediogeminatorna  57  ff.  behandelt.  Aber 
auch  zu  diesen  Nebenformen  stellen  sich  gleichlautende  Worte,  die  sich  sämtlich  in 
ihrer  Bedeutung  an  jenes  hessische  Knabe  anschließen ;  s.  v.  Friesen  a.  a.  0. 

Knabe  «Stift,  Bolze»  wird  gewiß  mit  Recht  zu  Knebel  und  zu  griech.  YÖnqpoi;  «Pflock» 
gestellt.  Und  auch  Knebel  bezeichnet  im  Jütischen  einen  Menschen  von  kleinem  Wuchs 
nach  Falk-Torp,  E.  Ob.  1,  388f.  —  Fejlberg  liegt  mir  nicht  vor  — ;  mhd.  kommt  es 
vor  in  der  Bedeutung  «grober  Gesell,  Bengel». 

Genau  entspricht  dem  griech.  Toncpoi;  «Pflock»  das  ahd.  mhd.  ehump,  kanip  «compes» 
und  lampc  «Holz,  das  man  dem  Schweine  um  den  Hals  tut,  damit  es  nicht  durch  die 
Zäune  kriecht»,  Lexer,  Mhd.  Wb.  1,  1505f.;  vgl.  Schmeller-  1,  1251,  Unger-Khull,  Steir. 
Wortsch.  375.  Auch  durch  das  Mmmen,  hämpen  der  Zimmermannssprache,  das  «durch 
Pflöcke  verbinden»  bedeutet,  wird  ein  Kamm  in  der  Bedeutung  «Pflock»  vorausgesetzt. 

Neben  cliamp  steht  ahd.  chembil  «columban.  Aus  diesem  Worte  erklärt  sich  wohl 
eis,  Kambel  «großer  Mann»,  Martin  und  Lienhart  1,  443,  in  den  Lauten  sich  deckend 


Holz  und  Mensch.  45 

mit  Kambel  «großer  zweiteiliger  Kamm»,  und  bair.  ösieri:  Käntpl  (mit  hellem  «)  cGeselle, 
Kumpan»  —  das  Wort  hat  auszeichnende  Bedeutung  — ,  lautlich  ebenfalls  zusammen- 
fallend mit  Kämpl  «Kamm». 

Wir  sind  hier  auf  einem  Wege,  der  sogar  zur  Erklärung  des  von  Ptolemäus  über- 
lieferten Volksnamens  der  Kä|i7Toi  aus  dem  Germanischen  führen  könnte.  Gewiß  haben 
wir  es  dabei  mit  einer  durch  Volksetymologie  und  den  spätgriechischen  lautlichen 
Zusaramenfall  von  \m  mit  |uß  bewirkten  verkehrten  Schreibung  statt  Kdjißoi  zu  tun,  und 
das  könnten  ganz  gut  «die  Kampeln,  die  starken,  stämmigen  Kerle»  oder  auch  herab- 
setzend «die  Klötze»  sein.  Aber  ich  verkenne  nicht,  daß  anderes  für  keltischen  Ursprung 
des  Namens  schwer  ins  Gewicht  fällt,  nämlich  die  Verljindung  mit  den  ungermanisch 
aussehenden  Sondernamen  "Abpaßai  und  TTdpiaai  und  die  Nachbarschaft  des  Flusses 
Kamp,  Camhiis  bei  Einhart,  der  sicher  so  auf  keltisch  als  «der  Krumme»  bezeichnet 
wird,  wie  schon  Glück,  Die  kelt.  Nam.  34  gesehen  hat.  Aber  ist  nicht  im  Munde 
germanischer  Nachbarn  keltisch  *Kamhi)i  notwendigerweise  umgedeutet  worden  nach 
dem  so  naheliegenden  germanischen  Worte? 

Ähnliche  Umdeutung  und  in  diesem  Fall  auch  Umgestaltung  nehme  ich  an  bei 
einem  anderen  fremden  Volksnamen,  dem  der  Hunnen,  dessen  germ.  Form  ahd.  Hüni, 
ags.  Hinxis,  aisl.  Hibiar,  Hihiir  von  dem  lat.  griech.  Ouvvoi,  Hitinii,  Clnoiiii  und  dem 
chinesischen  Hhnuj-uu  (das  aber  selbst  volksetymologisch  umgeformt  ist)  auffallend  und 
durchgehend  abweicht.  Die  germanischen  Worte,  an  die  der  Anschluß  erfolgt  ist,  habe 
ich  aber  in  meiner  Schrift  über  den  germ.  Himmelsgott  (.\bhandl.  zur  germ.  Philol., 
Festgabe  für  Richard  Heinzel)  22  kaum  in  den  rechten  Zusammenhang  gebracht.  Vgl. 
jetzt  über  diese  Johansson,  K.  Z.,  36,  374.  Es  stellen  sich  mit  ursprünglicherer  Bedeu- 
tung als  Bezeichnungen  lebloser  Gegenstände  zur  Verfügung :  aisl.  ht'om  c  Würfel»  und 
«ein  klotzartiges  Stück»  als  Teil  des  Mastes,  vielleicht  «Pflock,  Nageh^  oder  ^Zapfen», 
adän.  hund  «Türriegel, Querholz»,  aschwed.  hun  «Schlagbaum,  Riegel»,  gutn. Imn  «Dachfirst». 
Danach  scheint  mir  der  Volksname  als  «die  Klötze»  verstanden  worden  zu  sein  im 
Hinblick  auf  körperliche  Eigentümlichkeiten.  Man  beachte  die  Schilderung  der  Hunnen 
bei  Ammiauus  Marcelinus  31,  2,  der  sie  ebenfalls  mit  Pflöcken  vergleicht,  die  —  nach 
Art  der  noi'dischen  fn'menn?  —  roh  geschnitzt  sind:  snicsciint  iniberhes  ahsque  uUa 
ueniixfate,  spado)übus  si»iilrs,  rompnctia  omnes  firmisfjiie  niembrifi  et  opiniis  ceruicibus, 
prodigiosac  formao  sct  parui,  ut  bipcdes  existimes  bestias  ud  quäl  es  in  com  mar  gi- 
nandis  pontibus  effiglatl  stipitcs  dolantur  incompte.  Geht  diese  Beschrei- 
bung auf  germanische  Gewährsmänner  zurück?  J.  Hoops  hat  in  den  Germanist.  Ab- 
handlungen, Hermann  Paul  dargebracht,  Strnßl)nrg  1902,  167 ff.  den  Namen  der  Hunnen 
unter  Berufung  auf  einen  ags.  Pflanzenuanjcn  hünc  und  griech.  Kuavog  als  -die  dunkeln, 
schwarzen»  zu  deuten  versucht,  hält  ihn  also  ebenfalls  für  germanisch. 

Daß  man  Kegd  «unehelicher  Sohn»  von  Kegel  «Kegel  im  Kegelspiel»,  mhd.  auch 
«Knüppel,  Stock»,  nicht  trennen  darf,  wird  nun  auch  nicht  mehr  bezweifelt  werden. 
Vgl.  ein  grober,  ein  fauler  Kegel  «Schlingel,  Taugenichts'.  Martin  und  Lienhart  1,  428. 
Kegel  wird  zunächst  wie  Bengel  eine  verächtliche  Bezeichnung  für  Kind  sein,  woraus 
eine  für  uneheliches  Kind  leicht  hervorging.  Umgekehrt  [ist  Bankert  örtlich  zu  einem 
Scheltwort  für  ein  unartiges  Kind  geworden,  das  hier  in  Wien  —  in  der  Gestalt  Bdnggal 
—  sehr  oft  Mütter  aus  den  unteren  \'olksschichten  ihren  eigenen  Kindern  zurufen. 

Wahrscheinlich  gehört  in  diese  Gruppe  auch  Knecht,  dessen  ältere  Bedeutung  noch 


46  Rudolf  Mucli 

vorliegen  wird  in  schweizerisch  J^T««/;/ «Rebschößling».  Besonders  heißt,  wie  es  scheint, 
Knecht  ein  Schößling  am  Weinstock  unmittelbar  über  dem  Boden,  den  man  stehen  läßt, 
um  für  den  alten  Stamm  Ersatz  zu  haben,  wenn  es  nötig  wird,  diesen  zurückzuschneiden ; 
s.  Staub-Tobler  3,  722.  Auch  Gert  und  ClineheJ  werden  als  Synonyma  genannt.  Zu 
erwägen  ist  allerdings,  ob  das  Wort  hier  nicht  bildlich  zu  verstehen  ist.  Aber  sonst 
wird  Knecht  übertragen  nur  von  Vorrichtungen  gebraucht,  die  etwas  halten,  einen  Diener 
oder  dienstbaren  Geist  ersetzen. 

Was  die  Möglichkeit  einer  solchen  Etymologie  von  Knecht  betrifft,  sei  darauf 
verwiesen,  daß  bei  Falk-Torp,  E.  Ob.  1,  3<S0  wegen  dän.  norw.  huuj,  hunje  «Kleiderriegel, 
Zahn  eines  Rades,  Handhabe  an  der  Sense»,  schwed.  Icnagg  «Knast,  Knorren»,  dial.  auch 
«Sensengriff»  und  «untersetzter  starker  Kerl»  usw.  eine  idg.  Wurzel  *gnngh,  verwandt 
mit  *gnabh,  angesetzt  wird.  Man  beachte  auch  mhd.  hiochc  «Astknorren»,  knochs  «grober 
Mensch»,  Lexer,  Mhd.  Wb.  1,  1650,  bair.  Kuiichtel  «Knüttel»,  auch  Knicll,  Schmeller^ 
1,  1347.  Es  wird  übrigens  schwer  halten,  die  vielen  mit  In  anlautenden  germ.  Wort- 
bildungen reinlich  in  verschiedene  Gruppen  zu  sondern  und  Grundformen  für  sie 
festzustellen.  Schon  dieser  Anlaut  lai  aber  bringt  das  Wort  Knecht  in  den  Verdacht, 
der  Gesellschaft  von  Knabe,  Imtst,  knatf,  hiag,  hiart  usw.  anzugehören. 

Diese  Erklärung  deckt  sich  wesentlich  mit  der  von  Lewy,  Beitr.  z.  G.  d.  d.  Spr. 
32,  145  f  gegebenen,  wo  auch  noch  etliche  andere  Analogien  der  Bedeutungsentwicklung 
angeführt  werden.  So  Dicustlcnochen,  [kleiner]  Knapp,  F(f)(ninestielche  <^ungetauftes  Kind», 
Hintner  bei  Nagl,  Deutsche  Mundarten  1,  228.  Nur  schießt  Lewy  gewaltig  übers  Ziel, 
wenn  er  bemerkt:  «Man  darf  sogar  erwägen,  ob  Ausdrücke  wie  Stiefel-,  EechenhiecM 
ohne  weiteres  als  secundär  betrachtet  werden  dürfen».  Führt  er  doch  selbst  als  Seiten- 
stücke an  poln.  imehole^  «Kuäblein»:  paeholeh  «Bursche,  Stiefelknecht»,  russ.  mäl'cik 
«Knabe»:   «Stiefelknecht».     Schmeller^  1,  1138  hat  ein  Stifel-Halnz  «Stiefel zieher». 

Ans  dem  bisher  Erörterten  fällt  auch  volleres  Licht  auf  das  Element  *gardiö- 
in  germ.  Namen  wie  anord.  Gerdr,  Porgerär,  Hrimgerdr,  Frögertha  —  sämtlich  mytho- 
logische Namen,  und  ein  solcher  ist  im  Grunde  auch  Asger&r  —  deutsch  Irmingart, 
HUdigart,  älter  -gardi(s).  Es  gibt  für  diesen  Namenbestandteil  keine  andere  passende 
Erklärung  als  die  aus  dem  lautlich  völlig  mit  ihm  sich  deckenden  deutschen  Gerte,  germ. 
*(jardiü-,  mit  dem  es  auch  schon  von  Edward  Schröder  bei  Bechtel,  Die  attischen  Frauen- 
namen 100  und  Die  deutschen  Personennamen,  Festrede  zur  akad.  Preisverteilung, 
Göttingen  1907,  S.  6  zusammengestellt  worden  ist.  Das  Wort  scheint  mir  in  den  Namen 
bereits  «Mädchen,  Jungfrau»  zu  bedeuten.  Dabei  ist  daran  zu  erinnern,  daß  auch  franz. 
gars,  garce,  gargon  von  Vising  in  Le  Moyen  Age  2,  31  ff.  aus  ahd.  gartea  gedeutet  wird. 
Darf  man  auch  Schweiz.  Gertel  «böser  Junge,  Schlingel»,  Staub-Tobler  2,  443,  hierher 
stellen? 

In  seinem  eben  genannten  Vortrag  vermutet  Schröder  auch  für  den  Frauennamen 
Gisüa  ähnliche  Bedeutung  wie  für  Garda  (aisl.  Gerür)  und  faßt  beide  nicht  als  Ver- 
kürzungen von  Kompositis  auf.  Aber  daß  Gisila  doch  sicher  nichts  als  eine  Kurzform 
von  Gebilden  wie  Gisilberga  ist,  geht  schon  daraus  bestimmt  hervor,  daß  g^sil  massenhaft 
in  männlichen,  nie  aber,  was  schon  Förstemann  aufgefallen  ist,  in  weiblichen  Namen 
als  zweites  Kompositionsglied  auftritt.  Auch  im  Keltischen  begegnet  gall.  -geistlos,  -jestlus, 
corn.  -guistel  nur  in  männlichen.  Au  Schröders  Deutung  des  Wortes  aber  möchte  ich 
festhalten;  nur  handelt  es  sich  um  ein   altes  Maskulinum,  das   deshalb  nicht  gut  un- 


Holz  und  Mensch.  47 

mittelbar  für  ein  Mädchen  oder  für  «Mädchen»  oder  als  zweiter  Teil  weiblicher  Namen 
gebraucht  werden  konnte,  vielmehr  ein  Wort  für  «Knabe,  Jüngling»  war.  Es  ist  nicht 
ein  Seitenstück,  sondern  das  Gegenstück  von  *(jardi  »Gerte;  in  Namen,  mit  dem  es  auch 
durch  den  Stabreim  verbunden  ist.  Germanisch  etwa  gisloz  jah  gardiöz,  ursprünglich 
«Stecken  und  Gerten»,  wird  für  «Knaben  und  Mädchen»  gebraucht  worden  sein.  Die 
hier  vorliegende  Ablautform,  von  der  in  Ger  aus  *(;aiza-  und  Geisel  «Peitsche»,  ahd. 
(/(lisahi,  verschieden,  ist  durch  Igbd.  i/isil  «Pfeilschaft»  und  air  giaUaim  «peitsche»  belegt 
und  ist  idg.  ei,  das  auch  für  das  somit  völlig  gleichlautende  ahd.  gisal,  ags.  gisel,  aisl. 
(ßsl,  air.  giaU,  cymr.  gwysfgl,  corn.  guisH  «Bürgschaftsg,efangener»  anzunehmen  ist.  Daß 
es  sich  überhaupt  bei  diesem  um  kein  von  Haus  aus  verschiedenes  Wort  handelt,  hat 
Schröder  ZfdA.  42,  65  gesehen  und  bemerkt  mit  Recht,  bei  g'isal  liege  der  Bedeutung 
«obses»  die  Bedeutung  «adolescens  liber»  voraus.  In  einer  Anmerkung  heißt  es:  «vgl. 
hierzu  auch  die  lehrreiche  Glosse  'pignora'  chi)i(l  ahd.  gll.  I  228,  37  (R)».  Diese  erklärt 
sich  aus  dem  umgekehrten  ßedeutungsübergang,  der  im  jüngeren  Latein  vorhegt,  wo 
pignora  auch  außerhalb  der  Poesie  für  die  nächsten  Verwandten,  Weib  und  Kinder  und 
Eltern  gebraucht  wird,  so  z.  B.  Germ.  7  und  öfters  noch  von  Tacitus.  Immerhin  darf 
man  sicli  auch  auf  dieses  Gegenstück  berufen.  Nur  in  einem  Punkte  weiche  ich  von 
Schröder  hier  ab,  der  annimmt,  daß  der  Speerschaft,  die  Rute  und  der  vornehme  Jüngling 
alle  drei  die  «Emporgeschossenen»,  die  «Schößlinge»  oder  «Sprößlinge»  heißen.  Ich 
stelle  mir  vor,  daß  auch  in  diesem  Falle  der  Zusammenhang  ein  engerer  ist.  Gerade 
wie  das  Mädchen  unmittelbar  mit  der  Gerte  verglichen  und  danach  benannt  wird,  so 
der  Knabe  oder  Jüngling  nach  dem  gtsil,  dem  Schaft  oder  Stecken.  Diese  Etj-mologie 
des  germanischen  und  keltischen  Wortes  für  «obses»  vermittelt  uns  auch  das  Ver- 
ständnis des  bisher  unerklärten  aksl.  tah  «obses»,  das  sich  zu  dem  früher  erwähnten 
griech.  xäXiq  und  lat.  talca,  aslov.  talij  «ramus  virens     stellt. 

Endlich  gehört  hierher  got.  skallcs  «Diener,  Knecht»,  aisl.  slallr,  ags.  scealc  «Dienst- 
mann>,  as.  ahd.  scak  «Knecht,  Diener>.  Geraeiugerm.  ^slallnz  «Knecht»  ist  nach  dem 
Vorgang  von  v.  Friesen,  Mediogeminatorna  59  für  dasselbe  Wort  zu  nehmen  wie  norw. 
dial.  shalk  m.  «Stumpf,  Endstück  von  Brot»,  färöisch  shUkiir  «Stück  Holz,  das  in  das 
unterste  Ende  eines  Dachsparrens  eingeschlagen  wird,  auf  dem  rntnhord  und  tonhald 
{=  Seitenbretter  auf  dem  Dach,  die  den  Grastorf  am  Herabgleiten  hindern)  ruhen,  Endstück 
von  Brot>,  schwed.  sJcalk  m.  «Brot-  und  Käseanschnitt>,  schwed.  dial.  skdik  und  skulk 
«abgesägter  Stummel  von  Balken,  Planken  oder  Brettern»,  dän.  skalk  «Stück  Zimmerholz 
oder  kürzerer  Sparreu,  Endstück  von  Brot»,  mndd.  schaJk  «die  kleine  Stütze,  worauf  ein 
Balken  ruht».  Schmeller^  2,  412  hat  schdJkoi  (HhE.)  «in  Schalken  (Scheite)  hauen» 
und  sich  Schalken  «in  Schalken  springen,  entzweigehen»,  das  ebenfalls  hierhergehört. 

Was  die  Beziehung  von  Schalk  «Knecht»  zu  Schalk  «Klotz,  Balkeustummel»  betriflft, 
ist  freilich  auch  die  Möglichkeit  eines  umgekehrten  Verhältnisses  zu  erwägen.  Man  konnte 
hier  an  ein  Seitenstück  zu  dem  oben  gestreiften  Knecht  im  Sinne  von  «Träger»  oder 
«Halter»  denken,  wobei  unter  anderem  an  den  Henhainz  oder  die  Heithahue  «aufrecht- 
stehender Pflock  mit  Aststummeln  zum  Trocknen  des  Heues»,  Schmeller*  1,  1138. 
Grimm  DWb.  5,  1396,  an  Hansel  in  ähnlichem  Sinn,  Schmeller*  1,  1134  und  vor  tülem 
an  aisl.  drergar  zu  erinnern  wäre,  wie  die  kurzen  auf  anderen  Balken  aufstehendea 
Ständer  heißen,  die  einen  Dachbalken  tragen.  Das  geschieht,  wie  Fritzner  I,  275 
bemerkt,  i  Lighed  med  de  d vergär,  som  Aserue  satte  til  at  bivre  Himmelen,  eu  undcr 


48  Rudolf  Mucli. 

hvert  af  dens  Hjörner  SE.  I,  50'.  Audi  aisl.  drcrgr  «fibula»  scheint  mir,  beiläufig 
bemerkt,  als  Hälter  des  Gewandes  so  beuaunt  zu  sein.  Wirklich  weiß  Schmeller^  2, 
410  zu  melden,  daß  in  Schwaben  der  Pfannenkuecht  oder  der  Feuerhund  Schalk  genannt 
wird,  und  pfannenschak  für  das  eiserne  Gestelle,  auf  dem  die  Pfanne  über  dem  Feuer 
steht,  den  «Pfannenkuecht»,  kommt  schon  bei  Neidhart  vor.  DWb.  8,  2075  bringt  noch 
mehr  Belege  für  die  mundartliche  A'erwcndung  von  Schalk  «von  einem  dienenden,  helfenden 
Geräte,  Träger,  Gestell,  auf  dem  etwas  ruht». 

Aber  das  skalk  als  Bezeichnung  für  den  Klotz,  auf  dem  Sparren  oder  Balken 
aufliegen,  wird  mit  Recht  nicht  getrennt  von  ostfries.  skalk  «kleiner  Klotz  unter  einem 
Spikerkopf,  angebracht,  um  diesen  zu  hindern,  zu  tief  einzudringen»  und  hierzu  gibt 
es  auch  ein  synonymes  dän.  skahn,  ndd.  holl.  schahti.  Alle  diese  Worte  gelten  daher 
mit  Recht  als  Bildungen  aus  der  Wurzel  xkrJ  «spalten»,  zu  der  unter  anderm  auch  got. 
skalja  «Ziegel»,  aisl.  sk/lja  «trennen,  schneiden»,  deutsch  Sdialc,  Srhihi,  ScIioUr  gehören: 
s.  Persson,  K.  Z.  33,  290,  Zupitza,  Die  germ.  Gutt.  95,  v.  Friesen,  Mediogeminatorna  59, 
Falk-Torp,  E.Ob.  2,  169 f. 

In  oberdeutschen  Mundarten  verbreitet  ist  auch  ein  Schalk  «Wamms,  Mieder,  Jacke», 
DWb.  8,  2075.  Dazu  bemerkt  dieses  (Heyne):  «möglicherweise  ist  das  Wort  eine 
besondere  Gebrauchsart  des  Subst.  Schalk  1.  Hintner  vergleicht  Ha)is,  Hansel,  das 
mundartlich  Unterrock  oder  Hemd  bedeutet».  Aber  Hansl  könnte  ein  Kleidungsstück 
doch  nur  gleichsam  als  Vertrauter,  Freund,  Geliebter  heißen,  insofern  es  einen  umfängt, 
schützt,  erwärmt,  nicht  aber  als  «Diener».  Schalk  wird  also  auf  diesem  Wege  kaum 
erklärt.  Auch  kann  ich  mir  nicht  wohl  denken,  daß  der  Schalk  so  benannt  sei,  weil 
er  etwa  einmal  für  den  Knecht  eigentümlich  war.  Wenn  wir  dagegen  die  Bezeichnung 
des  Kleidungsstückes,  das  ein  kurzes  ist,  —  «ein  kurzes  Kamisol»  nennt  es  Schmeller  ^ 
2,  412  —  von  Schalk  in  dem  älteren  Sinn  des  abgeschnittenen  Stückes  herleiten,  können 
wir  uns  auf  zahlreiche  Analogien  berufen.  Ich  nenne  ags.  ci/rfcl,  aisl.  kyrfill  «Rock», 
eigentlich  «Kurzkleid»;  unser  Schurz,  Scltiirzc  und  engl.  .s7//r/,  Sdsl.  shjrla  «Hemd»,  zu 
ahd.  scurz,  ags.  sceori,  lat.  *excurtus  gehörig;  ferner  schwed.  stuhh  «Unterrock  der  Frauen» 
neben  aisl.  stuhbr,  stuhhi.  stohhi,  stüfr  «Stumpf»,  und  aisl.  stakkr  «Stak,  Kufte,  kort 
Klasdningstykke  til  Overkroppens  Bedsekning»  (Fritzner^  3,  517),  das  sich  aus  dän. 
stakaandet  «kurzatmig»,  slakkrt  «kurz»,  stakkc  «kürzen»  usw.  einfach  als  «das  kurze» 
erklären  läßt,  allerdings  aber  auch  mit  Falk-Torp,  E.  Ob.  2,  283  zu  aisl.  staka  stakka 
«FelL.  gestellt  werden  kann.  Selbst  &\s\.  pih  «Frauenunterrock»  deutet  Johansson,  K.  Z. 
36,  377  ähnlich.  Strumpf,  Stutzen,  stocking  liegen  hier  nur  insofern  weiter  ab,  als  sie 
bloß  zur  Bekleidung  von  Gliedmaßen  dienen.  Auch  Schalk  als  Name  für  ein  Kleidungs- 
stück scheint  mir  also  ein  skalk  «Abschnitt,  Stutz,  Stummel>  vorauszusetzen. 

Vielleicht  tragen  diese  Ausführungen  dazu  bei,  v.  Friesens  Etymologie  von  Schalk 
die  Wörterbücher  zu  öffnen. 

Gerade  dieses  Wort  ist  übrigens  von  besonderem  Interes.se,  weil  es  in  der  Bedeu- 
tung «Diener»  schon  gemein-  und  urgermanisch  ist.  Bereits  in  einer  Zeit  mit  sehr 
einfachen  und  gleichartigen  Lebensverhältnissen  und  geringen  Bildungsunterschieden  in 
der  Bevölkerung  ist  der  Knecht  dem  Herrn  als  «Klotz»  erschienen.  Dabei  werden,  wie 
wir  schon  angedeutet  haben,  Rassemmterschiede  mit  im  Spiele  sein. 


Ethno-geographische  Wellen  des  Sachsentums.  4-Ö 

Ethno-geographische  Wellen    des  Sachsentums. 

Ein  Beitrag  zur  deutschen  Ethnologie. 
Von  Willi  Pessler, 

wissenschaftlichem  Hilfsarbeiter  am  Museum  für  Völkerkunde  zu  Hamburg. 

, Systeme  sind  Nester;,  sie  haben  keinen  Wert  mehr,  wenn  die 
Wahrheiten,  die  in  ihnen  lagen,  flügge  geworden  sind." 

Adolf  Harnack  in  mein  Stammbuch. 

Unter  Ethno-Geograpliie  verstehe  ich  die  Wissenschaft  von  der  Verbreitung  des 
Volkstums  hinsichtüch  seiner  sämtlichen  Äußerungen.  Dabei  ist  Geographie  in  dem 
engeren  Sinne  =  Verbreitung,  Ethnos  in  der  erweiterten  Bedeutung  der  modernen  Völker- 
kunde als  Gesamtbegriff  aller  Volksmerkmale  gefaßt.  Ihre  Methode  ist  die  geographische, 
die  in  der  Kartendarstellung  ihren  vorzüglichsten  Ausdruck  findet.  Die  Landkarte  ist 
ihr  wichtigstes  Hilfsmittel,  denn  diese  bringt  die  Ergebnisse  schneller  und  sicherer  zur 
Anschauung  und  Einprägung  als  seitenlange  Ausführungen  (ähnlich  der  geographischen 
Methode),  abgesehen  von  dem  schnellen  und  erfolgreichen  Vergleichen,  das  erst  durch 
die  Karte  möglich  wird.  Diese  räumliche  Betrachtung  des  Volkes  wird  durch  die  zeit- 
liche, entwicklungsgeschichtliche,  ethno-historische  ergänzt,  erst  beide  zusammen  bilden 
die  Ethnologie.  Ihnen  allen  zugrunde  liegt  die  Ethnographie,  die  Sammlung  und  Be- 
schreibung des  Materials. 

Die  Äußerungen  oder  Merkmale  des  Volkstums  sind:  Körper,  Geist  und  Sprache, 
Sache.  Ihr  Vorkommen  muß  im  Zusammenhang  und  mit  Zielbewußtsein  erforscht 
werden.'  Die  Ergebnisse  für  unser  deutsches  Volkstum,  soweit  sie  kartographisch  ab- 
geschlossen sind,  habe  ich  anderweitig^  zusammengestellt.  Die  mächtig  aufblühende 
Wissenschaft,  der  von  selten  der  Anthropologie,  Psychologie  mit  Sprachforschung  und 
der  Sachforschung  begeisterte  Hilfskräfte  zuwachsen,  hat  sowohl  die  Grenzen  nach  außen 
wie  die  Unterschiede  im  Innern  des  ^'olkskörpers  zu  erforschen.  Dabei  sind  die  Außen- 
grenzen jeder  Volksgemeinschaft  gleichzeitig  Innenscheidelinien  hinsichtlich  des  zunächst 
übergeordneten  Begriffes ;  so  bezeichnen  die  Grenzen  der  Rieser  Volksart  für  den 
schwäbischen  Volksstaram,  dessen  Grenzen  für  das  Alemannentum,  dessen  Grenzen  für 
das  oberdeutsche  Volkstum  und  endlich  dessen  Grenzen  für  das  gesamte  Deutschtum 
innere  Verschiedenheiten.  .Tedes  Volkstumsmerkmal  hat  ein  bestimmtes  Ausbreitungs- 
gebiet, eine  Tatsache,  für  die  man  nicht  unpassend  die  Bezeichnung  «Welle»  gewählt 
hat,  damit  zugleich  die  Entsteliungsart  einer  solchen  Verbreitung  andeutend.  Die 
äußersten  geschlossenen  Grenzen  wären  dann  die  Wellenränder,  über  welche  hinaus  noch 
manche  Woge,  noch  mancher  Wellenschaum  vorgeflutet  ist,  um  auf  fremdem  Boden 
sich  abgesondert  zu  erhalten  oder  zu  versickern.  Will  man  Fremdwörter  dafür  wählen, 
ohne  die  wir  auf  die  Dauer  vielleicht  doch  nicht  auskommen,  so  könnte  mau  nach  dem 
Vorbild  der  Physiogeographie  (Isohypsen  usw.)  die  Linien,  welche  die  äußersten  Punkte 
gleicher  Volksart  verbinden,  «Is-ethnen»  nennen,  die  dann  in  Iso-somaten  (Linien  gleicher 

'  «rian  einer  grolien  deulsrlieii  Eihno-Geograpliie.»     Kölnische  Zeitung  S.  VI.  1907. 

'  «üeutsche  Ethno  Geographie  und  ihre  Ergebnisse»  mit  Karte.     Deutsche  Erde  1909.     Heft   1. 

Wörter  und  Sachen.    I.  ' 


50  ^Villi  Pessler. 

Köperbeschaffenheit),  Iso-psycheu  nebst  Iso-glossen  und  Is-ergen  (Gleichheit  der  Sachen) 
zerfallen  würden. 

Für  ethno-geographische  Betrachtung  besonders  geeignet  ist  unter  den  deutschen 
Landschaften  Altsachsenland,  weil  hier  in  vielen  Beziehungen  ein  relativ  einheitliches 
Gepräge  herrscht.  Eine  gleichartige  Rasse  bildet  hier  die  Bevölkerung  nicht,  namentlich 
nicht  in  der  Schädelform ;  doch  herrschen  in  der  Koiuplexion  so  große  Übereiustitn- 
mungen,  daß  man  den  blonden  Typus  des  Nordwestens  dem  braunen  des  Südens  gegenüber- 
stellen kann.'  Die  Iso-somate,  welche  die  40 — 54''/o  rein  Blonden  umschließt^  umfaßt 
in  Holland  einen  sehr  breiten  Küstenstreifen  vom  Haag  au  bis  zur  Unterems  und  im 
Deutschen  Reich  ungefähr  das  ganze  Land  östlich  von  Ems  und  Haase  nördlich  des 
Tieflandrandes  von  Osnabrück  bis  Magdeburg,  von  hier  folgt  sie  der  Elbe  bis  zur  Havel- 
mündung und  wendet  sich  zur  Odermüüdung,  hinter  der  sie  in  Hinterpommern  sehr 
weit,  in  West-  und  Ostpreußen  mit  Unterbrechungen  ins  Binnenland  hineingreift.  Schon 
jetzt  fällt  auf,  daß  das  alte  Sachsengebiet  zwischen  Weser  und  Eider  vollständig  inner- 
halb dieser  Linie  liegt,  und  daß  diese  Iso-somate  selbst  ganz  innerhalb  des  niederdeutschen 
Sprachgebiets  verläuft,  aber  mannigfsich  über  die  Sachsenhausgrenze  hinausgreift,  ohne 
Beziehungen  zu  ihr  zu  verleugnen.  Einsprengungen  des  braunen  Typus',  d.  h.  Gebiete, 
in  denen  ein  klein  wenig  mehr  Brünette  wohnen  (11 — 15"/o),  sind  nur  vereinzelt  bei 
Hameln,  Schwerin,  Greifswald.  Weiter  verwerten  lassen  sich  diese  Tatsachen  einstweilen 
nicht,  denn  der  helle  Menschentypus  ist  den  Sachsen  mit  Friesen  und  Nordgermanen  ge- 
mein, also  nichts  eigentlich  Sächsisches,  und  anderseits  sind  überhaupt  die  nach  Hundert- 
sätzen aufgestellten  Umgrenzungen  recht  fließend.  Aus  letzterem  Grunde  sind  alle  Iso- 
somaten  bei  der  Erforschung  alter  Volksgemeinschaften  nur  mit  großer  Vorsicht  zu 
benutzen. 

Isopsychen  oder  Linien  gleicher  geistiger  Veranlagung  sind  bislang  noch  für  kein 
Volk  unserer  Erde  gezogen  worden;  auch  sind  sie  um  so  schwerer  zu  ermitteln,  je 
weniger  «faßbar»  der  betreffende  Begriff  ist,  z.  ß.  Treue.  Doch  kann  die  Volkerpsycho- 
logie ihre  Aufgabe  nicht  als  gelöst  betrachten,  so  lange  sie  nicht  wenigstens  den  Versuch 
gemacht  hat,  die  Verbreitung  der  psychischen  Merkmale  eines  Volkstums  zu  erforschen 
und  zu  kartieren.  Praktisch  würde  diese  Darstellung  außerordentlich  schwierig  sein,  denn 
musikalische  und  zeichnerische  Begabung  müßten  natürlich  getrennt  werden,  ebenso 
Neigung  zum  Diebstahl  und  Roheit  usw.  Erst  all  diese  Isopsychen  zusammen  würden 
ein  vollständiges  Bild  von  der  «Welle»  der  völkischen  Geistesart  geben.  Theoretisch 
aber  muß  durchaus  an  der  Forderung  einer  Psycho-Geographie  für  die  Menschheit,  zu- 
nächst für  das  Deutschtum,  festgehalten  werden.  Einen  Notbehelf  bilden  einstweilen 
nur  die  wenigen  Karten  über  Verbreitung  der  Kriminalität.  Hinsichtlich  des  Sachsen- 
tums  läßt  sich  a  priori  vermuten,  daß  sich  mit  Angelsachsen  und  Friesen  große  Gemein- 
samkeiten ergeben  werden,  welche  gegen  das  Franken-  und  Dänenland  hin  sich  nach 
und  nach  abschwächen. 

Die  Ergebnisse  der  Sprachforschung  hat  man  schon  seit  einem  halben  Jahrhundert 
in   Karten   niedergelegt;    für    die   Linien    gleicher   Spracherscheinungen   ist   der   Name 


••     '   '  '  Vergl.  Vii-chow,  Gesamtbericht,  Archiv  für  Anthropologie  XVI,  3,  S.  275.    Karte  1  :  Blonder  Typus 
und  Karle  2:  Brauner  Typus,  1  :  3000000. 

-  Vergl.  «Verbreitung  der  Deutschen»,  1  :  6000000,  Meyers  Konv.-Lex.     6.  Aufl. 

^  Vergl.  die  Karle  «Verbreitung  des  braunen  Typus»,  1  :  5800000,  in  Joh.  Bänke,  Der  Mensch  II,  S.  260. 


Ethno-geographische  Wellen  des  Sachsentums. 

Isoglossen  im  Gebrauch.  Diese  bezeichnen  bis  jetzt  fast  ausnalitnslos  nur  lautliche  Über- 
einstimmungen, sind  also  genauer  Isophonen,  während  die  Verbreitung  der  Wörter  mit 
ihren  Grenzen,  den  Isolexen,  auft'äliig  vernachlässigt  worden  ist.  Das  größte  Unternehmen 
der  deutschen  Sprachforschung  ist  der  Wenker-Wredesche  Sprachatlas  des  Deutschen 
Reichs,  der  mir  durch  die  Güte  der  Verfasser  in  Marburg  wiederholt  zugänglich  war. 
Der  Lautforschung  gewidmet,  werden  seine  schönen  Karten  (l  :  1000000)  auch  der  Wort- 
Geographie  große  Dienste  leisten.  Kleinere  Lautkarten  über  das  ganze  deutsche  Sprach- 
gebiet sind  nicht  selten ;  mehrfach  begegnet  man  auf  ihnen  der  Uugenauigkeit,  daß 
ganz  Ostelbien  mit  Altsachsenland  zusammen  die  Bezeichnung  «Niedersächsisch»  oder 
«Sachsen»  trägt;  zum  mindesten  müßte  es  heißen :  sächsisch-gemischt,  noch  besser:  ost- 
elbisches  Niederdeutsch.  Mit  Recht  teilt  Maurmann'  dieses  in  zahlreiche  Untergruppen, 
denen  im  Westen  eine  noch  größere  Mannigfaltigkeit  entspricht.  Noch  mehr  ins  Ein- 
zelne geht  Bremer^  mit  den  Scheidelinien  kleinerer  Unterdialekte;  als  Hauptgruppen 
des  Nieder.sächsischen  zwischen  Zuider  See  und  Odermündung  gibt  er  Westfälisch, 
Engrisch,  Ostfälisch  und  Nordniedersächsisch  an,  in  der  Farbenwahl  seiner  Karte  sehr 
geschickt.  Die  «thüringische  Tönung»  (wenn  ich  so  sagen  darf)  der  ostfälischen  Mund- 
art auf  der  Karte  kann  als  ein  Meisterstück  der  Sprach-Geographie  bezeichnet  werden. 
Das  Nordniedersächsische,  auf  der  holsteinischen  Mundart  beruhend*,  ist  offenbar  reiner 
sächsisch  als  die  drei  anderen  Dialekte,  die  ich  demgegenüber  vielleicht  als  «unsächsisch 
gefärbt»  unter  dem  Namen  «Südniedersächsisch»  zusammenfassen  darf.  Für  die  ältere 
Zeit  haben  Piper*  und  TümpeP  Mundartkarten  gezeichnet.  Daß  die  große  niederdeutsche 
Sprachscheide  von  Belgien  bis  Littauen  mit  der  Sachsengrenze  nicht  identisch  ist,  ist 
ja  längst  bekannt;  denn  die  Niederrheiner  im  Westen,  die  Märker  und  Preußen  im 
Osten  wird  niemand  als  Sachsen  bezeichnen  wollen.  Dagegen  hat  in  Ostelbien  eine 
mehr  oder  minder  starke  Mischung  mit  Siedlern  stattgefunden,  die  aus  dem  nordnieder- 
sächsisclieri  oder  südniedersächsischen  Sprachgebiet  kamen  und  auch  der  Mundart  ein 
mehr  oder  minder  starkes  sächsisches  Gepräge  gegeben  haben ;  am  deutlichsten  ist  das 
in  einem  breiten  Streifen  an  der  nordniedersächsischen  Sprachgrenze  entlang  von  der 
Elbe  bis  zur  Leba.  Gegen  Südosten  hin  ninnnt  dieser  sächsische  Einfluß  nach  und 
nach  ab.  Es  ist  eine  Hauptaufgabe  der  Karte,  Maß  und  Ausdehnung  solcher  Mischungen 
mit  allen  ihr  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  zur  Anschauung  zu  bringen. 

Isolexen  oder  Linien,  welche  das  Vorkommen  gleicher  Worte  bezeichnen,  sind  mit 
einer  einzigen  Ausnahme''  für  den  deutschen  Sprachboden  noch  nicht  gezogen.  Vor- 
bildlich für  die  Wort-Geographie  ist  da  das  große  französische  Werk  von  Gilli^ron.^ 
Anläßlich  meiner  Hausforschungen  habe  ich  neben  der  Verbreitung  der  Hausteile  die 
dafür  vorhandenen  Volksbezeichnungen  verfolgt  und  so,  wie  Meringer  es  wünscht,  die  Ver- 
breitung der  Sachwelle  mit  der  Wortwelle  in  Beziehung  zu  bringen  versucht.  Für  jeden 
Ausdruck  habe  ich  eine  Karte  gezeichnet,  im  ganzen  M  Karten,  deren  Ergebnis  ich  ge- 
legentlich zu  veröffentlichen  hoffe.   Hier  sei  daraus  mitgeteilt,  daß  manche  dieser  Iso-Iexeu 

'  Karte  der  deutschen  Mundarten  in  Meyers  Konvereationslexikon,  5.  Aufl. 

-  Karte  der  deut^icllen  Mundarten  1  :  öS.WOlX)  in  Brockhaus  Konversationslexikon,   14.  Aufl.,  Bd.  5. 
'  Bremer,  Ethiioirraplüe  der  germanischen  Stämme,  tJ.  Aufl.,  Straläburp  190-1,  S.  13S. 
*  Dialektkarte  von  Deutschland  bis  1300,  1:4700000,  Kettlers  Zeitschritt  I,  Tafel  4. 
=■  Die  Mundarten  des  alten  niedersächsischen  Gebiets,  l:37tX)000,  Paul  und  Braune,  Beiträge  YII,   1. 
^  Wilh.  Schwartz,  Havelland,  Zone  der  Worte  mu^rpel  und  pierlock.  Zeitschrift  des  Vereins  für  Volks- 
kunde 18i).5,  Tale]  4,  —  '  Atlas  linguisti(]ue  de  la  France.     Preis  etwa  1000  Fr. 


52  Willi  Pessler. 

nur  Holstein,  Laueuburg  und  Nordhanuover  umfassen,  daß  manche  anderen  südlicher 
reichen,  aber  mit  der  Linie  Ems-Haase-Nordrand  des  Bcrglandes  scharf  abschneiden,  und 
daß  nur  eine  beschrankte  Zahl  der  Worte  im  ganzen  Sachsenhausgebiete  gemeinsam  ist. 
Vielleicht  deuten  auch  diese  Wortwellen,  wie  schon  so  manches  andere,  auf  eine  Süd- 
wanderung der  Sachsen,  deren  Volkstum  sich  um  so  weniger  durchsetzen  konnte,  je 
mehr  sie  südwärts  in  schon  besetzte  Landschaften  gelangten.  —  Ethno-geographisch  am 
wichtigsten  von  den  Wörtern  sind,  weil  lokal  gebunden,  die  Ortsnamen.  Die  darüber  un- 
bedingt notwendigen  Karten  sind  leider  für  Altsachen  spärlich  genügt  manche  Endungen 
sind  Sachsen  und  Dänen  gemeinsam,  manche  nur  sächsische  verlieren  sich  allmählich 
nach  Süden  bis  zur  Ems-Oker-Liuie.  Im  Osten  lassen  slavische  Orts-  und  Familien- 
namen auf  starke,  ethnisch  sich  durchsetzende  Bevölkerungsreste  der  Wenden  schließen. - 
Eine  zusammenfassende  Namen-Geographie  von  Deutschland  wäre  zu  wünschen. 

Die  Wortwellen  bedürfen  der  Sach wellen  zur  Ergänzung.^  Volkstümliche  Sachen 
sind  Siedlungsform,  Hausform,  Gerätform.  Die  Hauptdorfformen  sind  Einzelhof,  Haufen- 
oder Gewanndorf,  Reihendorf,  Weiler,  Straßendorf  und  Rundling,  deren  Verbreitung* 
größtenteils  national  bedingt  ist.  Die  beiden  letzten  stehen  unter  slavischera,  der  Weiler 
unter  römischem  Einfluß,  während  der  Einzelhof  eine  sehr  alte,  nicht  nur  keltische 
Einrichtung  ist.  Während  also  die  Ausbreitung  der  Rundlinge  östlich  der  alten  Wenden- 
grenze Schwentine,  Recknitz,  Ilmenau,  Saale  den  unmittelbaren  Rückschluß  auf  großen- 
teils unsächsische  Bevülkerungsteile  erlaubt,  geht  dies  beim  Einzelhof  westlich  der  Weser 
nicht  an.  Sicher  rein  germanisch  sind  die  Gewanndörfer,  da  sie  aber  allen  Germanen 
gemeinsam  sind,  lassen  sie  sich  für  die  Sachsenfrage  nicht  speziell  verwerten.  Deutsch 
sind  auch  die  Reihendörfer,  im  Mittelgebirge  mit  Waldhufen,  an  Fluß-  und  Seeküsten 
mit  Marschhufen  verbunden;  letztere  deuten  an  L'nterweser  und  Unterelbe  auf  hollän- 
dische Kolonisation.  So  wird  das  Gebiet  der  Gewanndörfer,  die  in  Holstein  und  Nord- 
hannover nur  sächsischen  Ursprungs  sein  können,  im  Osten  von  den  Runddörfern  der 
Wenden  begrenzt  und  an  der  Elblinie  durch  den  schmalen  Streifen  holländischer  Marsch- 
hufendörfer, der  bis  zur  Sorbengrenze  vordringt,  fast  völlig  zerschnitten.  Ethnisch  besteht 
der  Unterschied  gegen  Osten  noch  heute  fort,  während  er. in  den  Marschen  durch  Nach- 
wanderu  der  Niedersachsen  großenteils,  zum  Teil  völlig  verwischt  ist. 

Das  wichtigste  Volkstunismerkmal,  häufig  nächst  der  Sprache,  bei  den  Sachsen  über- 
haupt, ist  der  Typus  des  Bauernhauses.  Wo  die  Sachsen  nie  hingekommen  sind,  fehlt 
auch  ihr  Mittellängsdielenhaus  völlig,  so  an  den  Küsten  des  alten  Friesland,  auf  der 
Halbinsel  Eiderstedt  in  Nordschleswig,  am  Mittelrhein,  im  hochdeutsch  sprechenden 
Hessen.  Wo  die  Sachsen  hinkamen,  brachten  sie  auch  ihr  Haus  mit:  ganz  Westfalen, 
später  Ostholstein,  Mecklenburg,  Pommern;  daß  sie  es  in  Ostfalen  nicht  durchsetzten, 
kann  nur  durch  eine  stark  unsächsische  Grundbevölkerung  erklärt  werden,  die  ja  auch 
durch  die  Mundart  bewiesen  wird.  Wo  sonst  das  Längsdielenhaus  herrscht,  ist  Sachsen- 
einwanderung (vergl.  oben)  belegt,  so  am  Niederrhein,  wo  die  Franken  im  dritten  nach- 
christlichen  Jahrhundert   von   den   Sachsen   zurückgedrängt  wurden.^     Wo  schließlich 


'  Reimer  Hansen,  Ortsnamen  der  Cimbern  halbin  sei,  1:5000000,  Deutsche  Erde,  1902,  S.  7"2,  und 
A.  Gloy,  Ortsformen  und  -namen  in  Ostholstein,  Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde,  VIF,  3. 

?  Hans  Witte,  Karte  von  Mecklenburg,  Deutsche  Eide,  19Ü5,  Karte  ]. 

'  Rudolf  Meringer,  ,Wörterund  Sachen".  Indogermanische  Forschungen  XV'I,  S  101,  und  XVII,  S.  100.  — 
*  Au^st  Meitzen,  Siedelung  und  Agrarwesen,  Berlin  1895,  Atlas,  Übersichtskarte.  —  '"  ßrenier,  a.  a.  0.,  S.  157, 


Ethno-geogra))hisehe  Wellen  des  Sachsenlums.  53 

ihr  Haus  fehlt,  haben  sich  Saehsen  überliaupt  nicht  niedergelassen  (Süd-  und  Nord- 
holland) oder  nur  ganz  vereinzelt  (Litus  Saxonicum)  oder  unter  fremdem  Volk  in  er- 
obertem Land  (Ostfalen).  Alles  in  allem  spricht  das  Dielenhaus  für  starkes,  mindestens 
maßgebendes  Sachsentum  (vergi.  weiter  unten  die  Ausführungen  über  die  Abarten  des 
Haustypus).  Die  Grenzen  des  Sachsenhauses  habe  ich  auf  eigenen  Wanderungen  durch 
ganz  Niederdeutschland  über  tausende  von  Ortschaften  verfolgt.'  Im  Süden  fällt  sie  von 
Wupper  bis  Weser  im  Berglande  haarscharf  mit  der  niederdeutschen  Sprachscheide 
zusammen,  während  sie  gegen  den  Rhein  hin  hinter  ihr  zurückbleibt  und  sich  der 
Nordgrenze  der  niederfränkischen  Mundarten  anschließt  })is  zur  Maas ;  an  dieser  und 
am  Niederrhein  hinab  reicht  das  Sachsenhaus  bis  Utrecht,  bis  zu  den  alten  Grenzen 
der  Friesen*,  die  es  auch  bei  der  Zuider  See,  Unterems  und  Jade  nicht  oder  nur  un- 
bedeutend (in  Ostfriesland)  überschreitet.  Die  Südgrenze  bleibt  von  der  Weser  ab  er- 
heblich hinter  der  niederdeutschen  Iso-phone  zurück,  folgt  dem  Lcinetal  nordwärts 
und  geht  über  Alfeld,  Braunschweig,  Wittenberge  und  Neubrandenburg  zur  Oder- 
mündung, hinter  der  sie  noch  den  hinterpommerschen  Küstenstreifen  umfaßt;  in  der 
Altmark  ist  sie  mit  der  Grenze  des  Bistums  Verden  und  der  Grenze  der  wendischen 
Flurnamen  (nicht  Ortsnamen)  identisch  und  umschließt  in  Ostelbien  alle  Landschaften, 
die  nachweislich  eine  starke  niedersäehsische  Besiedlung  zusammenhängender  Art  er- 
fahren haben.  Auf  der  Cimbernhalbinsel  geht  die  Sachsendiele  bis  Norderdithmarschen 
und  über  Eider  und  Schlei,  hinter  der  siegreicheren  Sprache  der  Niederdeutschen  um 
einen  Streifen  zurückbleibend.  Das  ist  das  Gebiet  des  reinen  altsächsischen  Stils,  bestiuunt 
nach  dem  Vorkommen  der  hohen  Mitteldiele  in  Längsrichtung.  Weit  darüber  hinaus 
greifen  Übergangs-  und  Mischformen,  die  ich  auf  einer  Haustypenkarte  des  Deutschen 
Reichs"  mit  eingetragen  habe.  Es  sind  vorgelagerte  Zonen,  im  Westen  die  bergische 
Mischform,  wenig  umfangreich,  im  Osten  die  ostelbische  Übergangsform  und  die  alt- 
sächsisch-rnitteldeutsche  Mischform,  alle  drei  im  Giebelflur  sächsische  Überlieferung  be- 
wahrend, alle  drei  noch  innerhalb  iler  niederdeutschen  Sprachscheide,  aber  nahe  an  sie 
heranreichend.  Die  beiden  östlichen  Formen  erfüllen  in  Brandenburg  und  Pommern 
Gebiete,  wo  die  Sachsen  nicht  als  Volk,  sondern  als  einzelne  gemischt  mit  Fremden, 
mit  andern  Deutschen,  kolonisiert  haben,  wie  die  Geschichte  berichtet  und  auch  der 
Dialekt  bestätigt.  Die  Is  oike  der  Mitteliängsdiele  (ostelbische  Übergangsform  und  alt- 
sächsisch-mitteldeutsche Mischform)  bezeichnet  die  äußersten  Vorposten  sächsischer  Art 
in  deutschen  Landen. 

Ebenso  überraschend  und  ethnologisch  ebenso  wertvoll  sind  die  Wellen,  welche  die 
Abarten  des  altsächsischen  Bauernhauses  begrenzen ;  in  zwei  großen  Karten  habe  ich  sie 
niedergelegt.*  Nach  Meringers  Vorschlag**  habe  ich  dort  getrennt,  und  zwar  so,  daß  die 
Konstruktion  und  der  Grundriß  auf  je  eine  besondere  Karte  kam.  Wie  sicli  dabei 
herausstellte,  lassen  sich  nach  der  Konstruktion  (Karte  I)  zwei  Hauptabarten  des  Sachsen- 
hauses unterscheiden,  je  nachdem  die  sparrentragenden  Balken  nur  auf  den  Dielen- 
ständern  ruhen    oder    über    diese    hinaus    auch    auf  die  Außenwände    aufgelegt  sind. 

'  Das  altsiuhsisihe  Bauernliaus  in  seiner  geoprapliisclien  Veibreitinifr,  Prannschweip  1906. 

-  Roderich  von  Eickcrt,  Wanderungen  und  Siedlungen  der  germanischen  Stämme,  Atlas,  Berlin  1901. 
Karte  12.  —  '  Die  Haustypengebiele  im  Deutschen  Reich,  Deutsche  Erde,  1908,  Heft  i  und  3,  mit  Karte  3 
im  Maßstab  1  : -iT.'iOOO«.  —  *  Die  Abarten  des  altsächsischen  HaH>typus,  mit  :J;?  Abbildungen  und  2  K.irten, 
Archiv  für  Antluopologie,  lOO'.t,  Heft  1.  —  •'  Banc.alari  und  die  Methode  der  Hausforschung,  Mitteilungen 
der  anthropologischen  Gesellschalt,  Wien  1903, 


5t  Willi  Pessler. 

Während  dabei  das  Mittelschiff,  die  Diele,  stets  gleich  bleibt,  sind  die  Seitenschiffe  im 
ersten  Falle  niedriger  als  diese,  liegen  unter  angesetzten  Verlängerungssparren  und 
somit  unter  der  Dachschräge  und  werden  dann  Kübbung  genannt.  Im  zweiten  Falle 
ist  die  Höhe  der  drei  Schiffe  gleich,  so  daß  die  Querbalken  im  Innern  auf  den  Dielen- 
ständern, außen  auf  der  Wand  und  somit  auf  deren  Ständern  ruhen,  M-ofür  das  Volk 
die  Bezeichnung  Yierständerhaus  gewählt  hat.  Eine  schmale  Kontaktzone  zwischen 
Zweiständer-  oder  Kübbungshaus  und  Vierständerhaus  weist  ein  Dreiständerhaus  auf 
und  reicht  von  Limburg  über  die  Ruhrmündung,  Mittelwestfalen,  Lippe  und  Braun- 
schweig zur  Altmark.  Die  Kübbungskonstruktion  findet  sich  unter  allen  Haustypen 
der  Erde  imr  beim  nördlichen  Sachsenhause  (und  in  dem  verschwindend  kleinen  Ge- 
biete des'  benachbarten  Nordfriesenbauses)  und  ist  als  spezifisch  sächsisch  anzusprechen. 
Das  Vierständerhaus  erfüllt  Südwestfalen,  Lippe  und  das  Weserbergland,  hier  vom 
mitteldeutschen  Haustypus  noch  teilweise  oder  völlige  Zweistöckigkeit  übernehmend, 
und  reicht  in  einem  schmalen  Streifen  ostwärts  nach  Mecklenburg  und  Pommern.  Das 
Kübbungshaus  umfaßt  das  ganze  übrige  große  Gebiet  des  Sachsenhauses,  im  Lande 
der  Niederfranken  durch  Erhöhung  der  Diele  etwas  abgewandelt,  wozu  noch  links  des 
Rheins  Zweistöekigkeit  tritt,  beides  Avahrscheinlich  unter  friesiscliem  und  fränkischem, 
jedenfalls  unsächsischem  ßaueinfluß.  Das  Vierständerhaus  ist  auch  aus  dem  Kübbungs- 
haus hervorgegangen  und  zwar  durch  Hineintragen  des  mitteldeutschen  ßaugedankens, 
wahrscheinlich  macht  sich  darin  noch  heute  in  Westfalen  die  vorsächsische  Bevölkerung 
(Brukterer)  geltend.  Nach  Ausscheidung  der  fremdtümlich  beeinflußten  Abarten  ver- 
bleibt als  das  Gebiet  des  unerhöhten,  rein  sächsischen  Kübbungshauses :  Ostholland, 
Nord  Westfalen,  Niedersachsen,  Holstein,  Mecklenburg  und  Vorpommern.  —  Dem  Grund- 
riß nach  zerfällt  das  Sachsenhaus  in  die  Abarten  der  Flettdiele  (Längsdiele  mit  quer- 
gerichteter Wohndiele,  dahinter  Wohnteil),  der  Durchgangsdiele  (von  Giebel  zu  Giebel 
durchgehend)  und  des  T-Hauses  (Wohnteil  mit  eigenem  Querdach),  welches  im  nieder- 
fränkischen Gebiet  herrscht.  Wiederum  kommt  die  eine  AV>art,  die  Durchgangsdiele, 
nur  in  den  fremdvölkisch  beeinflußten  Landschaften  vor,  in  Südwestfalen  (Brukterer), 
in  Ostholstein,  Mecklenburg  und  Pommern  (Wenden)  und  den  holsteinischen  Elbmarschen 
(Holländer).  Das  übrige  Gebiet  fällt  der  Flettdiele  zu,  die  sicherlich  reiner  sächsisch 
ist.  —  Baulich  am  reinsten  sächsisch  ist  das  Gebiet,  wo  Kübbungshaus  und  Flettdiele 
im  Hause  vereinigt  vorkommen,  also  Mittel-  und  Südholstein,  Niedersachseu,  Nordwest- 
falen, Hollands  Ostrand. 

Der  Hausrat  des  Sachsenhauses  ist  einigermaßen  bekannt,  doch  nicht  annähernd 
so  genau  erforscht  wie  der  des  oberdeutschen  Hauses  durch  Meringer\  seine  geogra- 
phische Abgrenzung,  die  Voraussetzung  seiner  ethnologischen  Verwertung,  dürfte  auf 
außerordentliche  Schwierigkeiten  stoßen.  Die  Grenze  der  Giebelzierden  hat  Karl  Brandi^ 
für  das  W^eserland  kartiert;  es  scheint  danach,  als  ob  die  Pferdeköpfe  stärkeres  Sachsen- 
tum  andeuten  als  die  Giebelsäulen. 

Das  Gesamtergebnis  unserer  Untersuchung  wird  durch  beifolgende  Karte  darge- 
stellt. Es  lautet:  Die  Grenzen  des  sächsischen,  wie  jeden  Volkstums  sind  nach  der 
Verbreitung  sämtlicher  ethnischen  Merkmale  festzustellen,  die  nach  ihrer  Zugehörigkeit 
(Körper,  Geist  und  Sprache,  Sache)  eine  Dreiteilung  zulassen.    Die  allerletzten  Ausläufer 

'  Mitteilungen  der  Anthropologischen  Gesellschaft,  Wien. 

'^  Mitteilungen  des  historischen  Vereins  zu  Osnabrück,  XVIU,  Tafel  1  und  2, 


Ethno-geographische  Wellen  des  Sachsenlums.  So 

sächsischer   Art   liegen    überall    noch  innerhalb  der  niederdeutschen    Sprachgrenze,   die 
aber  noch  viel  anderes  (Niederfranken,  Oslfriesen,  Ostniederdeutsche)  umfaßt.    Die  nach 
Prozenten,  also  nur  annähernd,  feststellbare  Iso-somate,  welche  die  Xordgrenze  der  Be- 
völkerung mit  mehr  als  10"  o  braunem  Menschentypus  bildet,  greift  am  Khein,  an  der 
Weser  und  breit  an  der  Oder  bis  tief  nach  Mecklenburg  weit   über  die  niederdeutsche 
Iso-phone  herein  und  deutet,   in  Übereinstimmung  mit   anderen  Merkmalen,   fremderes 
Volkstum  an.     Ganz   innerhalb   der  niederdeutschen  Iso-phone,   vona  Rhein  bis  Weser 
mit  ihr  gleich,  verläuft  die  niederdeutsche  Is-oike,  welche  den  altsächsisclien  Haustypus 
und  seine  Verwandten,  die  bergische,  ostelbische  und  -mitteldeutsch-altsächsische  Misch- 
form umfaßt;   sie   bezeichnet  am  besten  die  Ausdehnung  reinsächsischer  und  sächsisch 
beeinflußter  Art.     Die  niedersächsische  Mundartgrenze  bleibt  am  Niederrhein  liinter  ihr 
zurück,    durch   das  Niederfränkische   aufgehalten,    und    ebenso  sehr  stark  im  Osten  an 
Elbe,    Ucker  und  Swine,    vor  sich  ein  Mischgebiet  von  Dialekten  lassend.     Die  Grenze 
des  altsächsischen  Längsdielenhauses  deckt  sich   mit  ihr  zwischen  Wupper  und  Weser, 
greift  bis  Maas  und  Lek  und  in  Ilinterpommern  darüber  hinaus,   bleibt  aber  in  Fries- 
land und   Schleswig   begreiflicherweise  hinter   ihrer   siegreich  vordringenden  Schwester 
zurück,    ebenso    in  Ostfalen,    wo    diese    Abweichung    auffallend  ist,    doch   in    Überein- 
stimmung mit  der  stark  thüringisch  gefärbten  Mundart  ein  Sichdurchsetzen  des  Volks- 
tums dieser  von  Sachsen  eroberten  Landschaft  andeutet.  Einen  engeren,  reiner  sächsischen 
Bezirk  umschreibt  das  unerhöhte  Kübbungshaus,  das  den  Niederrhein,  Südwestfalen  und 
das  Weserbergland  ausschließt;  ähnlich  das  Flettdielenhaus,  dessen  Welle  zwar  bis  Rhein 
und  Lenne  darüber  vorschwingt,  aber  Ostholstein,  Mecklenburg  und  Pommern  und  die 
rechtselbischen  Marschen  ausschließt.     Die   Grenze   der   nordniedersächsischen   Dialekte 
bleibt  an  Hunte,  Weser  und  Aller  weit  hinter  der  Flettdiele  zurück,   greift  dagegen  iu 
Ostelbien  gleich  dem  Kübbungshaus  weit  darüber  hinaus,  von  der  Ilmenau  an  mit  der 
Linie   der   niedersächsischen   Mundarten   überhaupt   gleich.     Das  so   eingeengte  Gebiet 
zwischen  Schlei,   Hunte  und  Eide   wird  nun  im  Osten  durch   die  Westgrenze  der  sla- 
wischen Rundlinge  und  die  etwas  darüber  vorgreifende  Westgrenze  der  slawischen  Orts- 
namen noch  mehr   beschränkt,   ähnlich  im  Nordwesten    durch   die   äußerste   Linie   der 
friesischen  Orts-  und  Personennamen,  die  noch  genauer  erforscht  werden  muß.     So  er- 
halten wir  endlich  durch  fortgesetztes  Abtreunen  fremder  .Volkslumsmerkmale  ein  Ge- 
biet,   wo   alles   zusammentrifft:    brauner  Menschentypus   unter    10"/o   der   Bevölkerung, 
nordniedersächsische  Mundart,    Bauernhaus   mit  Flettdiele   und  Kübbuugen   und   ohne 
fremde  Einflüsse  (Altland),  Fehlen  der  wendischen  Ortsformen  und  Namen,  Fehleu  der 
friesischen  Namen.    Dies  ist  das  Gebiet  des  reinsten  Sachsentums,  soweit  es  sich  ethno- 
geographisch  feststellen  läßt.     Es  ist  das:  Holstein  von  Schlei  bis  Elbe  mit  Ausnahme 
des  Ostens  und  der  Westmarschen,  forner  Nordhannover  und  Oldenburg  mit  Ausschluß 
der  Marschen  und  südlich  bis  zu  einer  Linie  Saterland,  Kloppenburg,  Visbeck,  Wietings- 
nioor,  Diepenau,  Steinhuder  Meer,  Leinemündung,  nördliche  Orlze  und  südliche  Ilmenau, 
wo  die  Oslgrenze  beginnt,  die  von  hier  bis  zur  Kieler  Bucht  läuft,  ^'on  diesem  engen  Gebiet 
aus,  das  bezeugt  die  deutliche  Sprache  der  Isethnen,  hat  sich  das  Sachsentum  dann  weiter 
ausgebreitet,  am  reinsten  gegen  die  Ems  hin,  überall  sonst  bald  auf  fremdes  Volkstum 
stoßend  und  diesem  bald  das  eine,  bald  das  andere  Merkmal  seines  Volkstums  opfernd. 
Dieses  auf  rein  ethno-geograpbischem  Woge  gewonnene  Ergebnis  stimmt  durchaus 
zu  aller  historischen  Übcrlicfcruug,  welche  eiu  Wandern  der  Saxoues  von  Holstein  süd- 


56  Willi  Pessler. 

wärts  und  ihre  spätere  Ausbreitung  über  Thüringer  und  ßrukterer,  ihr  Vordringen  ge- 
gen die  Niederfrankeu,  ihre  Kolonisation  des  Wendenlandes  und  ihre  Beteiligung  an  der 
übrigen  ostelbischeu  Besiedlung  belegt. 

Einen  glänzenden  Beweis  für  die  Wichtigkeit  der  Eihno-Geographie  und  die  Rich- 
tigkeit ihrer  Folgerungen  liefert  ein  Vergleich  mit  den  rein  archäologisch  gewonnenen 
Ergebnissen  hinsichtlich  der  tSachsengrenze,  die  Carl  Schuchhardt'  in  übersichtlicher 
Knappheit  zusammengestellt.  Der  große  Archäologe  bestimmt  hier  das  Gebiet,  das  die 
wirklichen,  echten  Sachsen  der  Zeit  des  3.  bis  8.  Jahrhunderts  innehatten,  nach  der 
Verbreitung  dreier  Gegenstände:  der  Buckelurnen,  der  kleinen  Rundwälle  und  der  rö- 
mischen Bronzeeimer,  an  sich  schon  ein  bedeutsames  Zeugnis  für  den  immer  mehr  er- 
kannten Wert  der  Sach-Geographie.  Die  Welle  der  Buckelurnen,  an  Frisias  Küste  vor- 
greifend, verbleibt  im  Binneniande  von  Wehden  und  Loxstedt  überBlumental  bis  Nienburg 
ganz  innerhalb  der  ethno-geographischeu  Grenze  des  sächsischen  Kernlandes,  die  sie 
mit  Limmer  bei  Hannover  südwärts  in  Übereinstimmung  mit  der  Kübbungshauswelle 
ein  wenig  überschreitet,  während  sie  mit  Bergstedt  bei  Rendsburg  wieder  innerhalb 
bleibt.  Der  Linie  der  sächsischen  Urnenfriedhöfe  ähnlich  ist  die  Grenze  der  kleinen 
Rundwälle,  die  im  Süden  von  Damme  (beim  Dümmer)  bis  Rehburg  die  ethnische 
Grenze  begleitet  und  bis  Celle  und  Gifhorn  darüber  hinausgreift,  hier  mit  der  Küb- 
bungshauswelle deutlich  parallel,  sowie  auch  der  weit  vorschwingenden  Grenze  der  Be- 
völkerung mit  über  40"/o  des  rein  blonden  Typus.  Die  (römischen)  Bronzeeimer,  «von 
den  Sachsen  selbst  geholt  und  in  deren  Handel-  und  Interessensphäre  verbreitet»  und 
auf  diese  einen  Rückschluß  erlaubend,  reichen  südwestlich  bis  Barnstorf  und  Stolzenau, 
also  genau  bis  zur  ethno-geographischen  Grenze,  und  greifen  südlich  bis  Börrie  bei 
Hameln,  wo  auch  das  Flettdielenhaus  aufhört,  darüber  hinaus,  und  westlich  bis  Leer, 
einem  Orte,  der  in  großer  Nähe  und  genau  in  der  Richtung  des  westlichen  Vorsprungs 
des  ethno-geographischen  Sachsenlandes  Hegt.  Vergleicht  mau  die  archäologischen 
Sachwellen  ^  untereinander,  so  bezeichnen  die  Urnen  den  engsten,  die  Rundwälle  den 
mittleren  und  die  Bronzeeimer  den  weitesten  Begriff  des  Kernlandes,  in  ihren  Grenzen 
mehrfach  voneinander  abweichend,  doch  in  deutlicher  Beziehung  zueinander  und  zu 
den  ethnischen  Grenzen.  Daß  der  Sachsenstamm  seit  Urzeiten  im  Vordringen  war, 
ist  bekannt,  ebenso,  daß  ethnische  Grenzen  nicht  unverrückbar  sind,  hierdurch  lassen 
sich  also  kleinere  Abweichungen  leicht  erklären.  Alles  in  allem  ist  Übereinstimmung 
in  den  Ergebnissen  der  archäologischen  und  der  ethno-geographischen  Wissenschaft  ganz 
überraschend  groß  und  sicherlich  von  nicht  abzuschätzender  Tragweite  für  beide. 

Wie  hier  für  das  Sachsentum,  so  ist  überhaupt  für  jedes  Volkstum  dieser  Men- 
schenerde die  EthnoGeographie  das  wichtigste  und  sicherste  Mittel,  um  Fremdes  und 
Eigenes  zu  scheiden.  Sie  hat  noch  viel  zu  leisten,  und  sie  wird  erst  überflüssig  sein, 
wenn  wir  genau  wissen,  was  deutsch  und  undeutsch,  was  germanisch  und  ungermaniscb, 
was  arisch  und  unarisch  ist,  und  jedes  Volk  nach  Art  und  Maß  seiner  Verbreitung 
kennen,  dann  erst  ist  ihr  System  gleich  einem  Neste,  das  keinen  Wert  mehr  hat,  denn 
dann  sind  die  Wahrheiten,  die  in  ihm  lagen,  flügge  geworden. 

'  Archäologisches  zur  Sachsenfrage,  Zeitschrift  des  historischen  Vereins  für  Niedersachsen,  1908,  ein 
hochwichtiger  Aufsatz,  der  durch  die  Güte  des  Verfassers  als  Sonderabdruck  in  meinen  Händen  ist;  ich 
folge  hier  seinen  Angaben. 

-  Die  ich,  wie  auch  stets  alle  ethno-geographischen  Erscheinungen,  sofort  in  Karlen  eingetragen  habe. 


nio-geographisdie  Wollen  des  Sachsenlums. 


57 


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r>.  M.  Meyer. 

Isolierte  Wurzeln. 

Von  R.  M.  Meyer. 


Für  die  «quantitative  Analyse»  der  Sprache  bildet  die  «Wurzel»  die  Einheit;  wir 
verstehen  unter  diesem  althergebrachten  Terminus  das  Residuum,  das  nach  Abzug 
aller  durch  Flexion  oder  Wortbildung  bewirkten  Lautvarietäten  in  verwandten  Wort- 
formen unveränderlich  übrig  bleibt.  Scheinbar  bewegen  wir  uns  dabei  in  einem  circulus 
vitiosus,  indem  einerseits  die  Verwandtschaft  dieser  Wortformen  eben  bereits  auf  dem 
gemeinsamen  Besitz  dieser  «Wurzel»  beruht,  die  dann  doch  erst  aus  ihrer  Vergleichung 
abgeleitet  wird;  in  der  Praxis  jedoch  bietet  der  Gebrauch  dieses  Begriffs  keinerlei  ernste 
Schwierigkeiten. 

Wenn  die  Wurzel  der  engste  hierhergehörige  Begrift'  ist,  so  stellt  sich  an  die  an- 
dere Grenze  als  der  weiteste  Begriff  der  des  Wortkreises.  Dieser  Kunstausdruck  ist 
mir  in  der  Wissenschaft  zwar  noch  kaum  begegnet  und  ich  weiß  kaum,  ob  er  über- 
haupt von  andern  schon  verwandt  worden  ist;  mir  scheint  er  aber  für  die  bestimmte 
Art,  das  sprachliche  Material  zu  übersehen,  um  die  es  sich  hier  handelt,  schlechterdings 
unentbehrlich.  Ich  verstehe  also  unter  einem  «Wortkreis»  die  Gesamtheit  der  aus  ein 
und  derselben  Wurzel  «abgeleiteten»  Wörter,  also  etwa  das,  was  Bruno  Liebich  in 
seinen  «Wortfamilien  der  lebenden  hochdeutschen  Sprache»  (Breslau  1899;  vgl.  meine 
Rec.  Zs.  f.  d.  Phil.  32,  413)  als  «Wortfamilie»  bezeichnet.  Dieser  Terminus  scheint  mir 
aber  weniger  zu  empfehlen,  weil  zu  dem  Begriff  des  «Wortkreises»  sich  ergänzend  der 
(gleich  näher  zu  erläuternde)  des  «.Formeukreises»  stellt,  während  man  von  «Formen- 
familien» nicht  gut  reden  könnte.  Auch  spricht  die  Analogie  von  Kunstausdrücken  wie 
«Sagenkreis»  und  «Vorstellungskreis»  für  unsern  Ausdruck;  denn  es  handelt  sich  auch 
hier  um  ganz  dasselbe:  die  Gesamtheit  der  von  einer  bestimmten  Wurzel  ausstrahlenden 
Sagen  oder  Vorstellungen  —  eine  geschlossene  Gruppe,  die  wir  uns  eben  in  dem  Bild 
eines  Kreises  am  besten  veranschaulichen. 

Der  Wortkreis  ist  jedoch  keineswegs  mit  der  Gesamtheit  der  ein  und  derselben 
Wurzel  entstanimenden  Wortformen  identisch.  Vielmehr  ist  jedes  «Wort»  seinerseits 
Mittelpunkt  eines  geschlossenen  Formenkreises,  zu  dessen  Varietäten  es  in  dem  gleichen 
Verhältnis  steht  wie  die  Wurzel  zu  den  Worten.  Das  Wort  «Vater»  ist  sozusagen  die 
Wurzel  aller  Flexionsformen,  die  zu  diesem  Nom.  Sg.  gehören;  nur  daß  wir  hier  nicht  eine 
Abstraktion,  sondern  eine  bestimmte  Einzelform  zur  Überschrift  wählen:  den  Nom.  Sg. 
bei  einem  nominalen,  die  1.  Sg.  Ind.  Präs.  Act.  bei  einem  verbalen  Formeukreis.  Alle 
Formen  also,  die  in  Kasus,  Numerus,  Genus  oder  in  Personalendung,  Modus,  Tempus, 
Genus  verbi  unterschieden  zueinander  in  flexivischeu  Beziehungen  stehen,  bilden  einen 
geschlosseneu  Formenkreis. 

Der  Formenkreis  bezeichnet  also  begrifflich  die  weitere  wie  der  Wortkreis  die 
engere  Abstammungsgemeinschaft  einer  Wurzel.  Übrigens  sind  die  gegenseitigen  Be- 
ziehungen der  Glieder  innerhalb  beider  Gruppen  nicht  völlig  gleichartig.  Vor  allem  ist 
der  Umfang  des  Wortkreises  von  vornherein  nicht  bestimmbar.  Selbst  das  Allgemeinste, 
daß  zu  jeder  Wurzel  ein  verbaler  und  ein  nominaler  Wortkreis  gehört,  läßt  sich  nicht 
unbedingt  behaupten:  es  gibt  rein  nominale  Wurzeln  wie  die  der  Pronomina  und  Zahl- 
worte (worüber  unten  mehr),  wenn  es  auch  wahrscheinlich  keine  einzige  rein  verbale  Wurzel 


gibt,  d.  h.  keine,  aus  deren  Stamm  nicht  Nomina  agentis  oder  actionis  entsproßt  wären. 
Dagegen  ist  der  Umfang  des  Fornienkreises  von  vornherein  bestimmbar  und  wir  wissen, 
welche  Kasusformen  usw.  zu  einem  Nomen,  welche  Tempusformen  usw.  zu  einem  Yerbum 
gehören.  Ausnahmen  gibt  es  auch  hier:  Singularia  oder  Pluralia  tantum,  Deponentia 
u.  a.  m. ;  aber  das  ändert  nichts  an  dem  prinzipiellen  Unterschied,  daß  die  «Ableitungen» 
innerhalb  der  Wortbildung  fakultativ,  innerhalb  der  Flexion  obligatorisch  sind.  Gerade 
dies  bildet  eben  den  wesentlichen  ßegriffsunterschied  von  Wortbildung  und  Flexion, 
der  allerdings  durch  vermittelnde  Formen  abgeschwächt  wird.  (Hierüber  habe  ich  aus- 
führlicher in  dem  Aufsatz  «Klassensuffixe»,  P.  B.  B.  22,  548,  gehandelt.)  Ganz  im  groben 
können  wir  sagen,  daß  es  nur  zweierlei  Formenkreise  gibt:  nominale  und  verbale; 
wissen  wir  von  einem  «Wort»  nur,  ob  es  Nomen  oder  Verbum  ist,  so  ist  sein  Formen- 
kreis der  Quantität  nach  bestimmt.  Nicht  der  Qualität  nach:  die  Endungen  können 
die  der  starken  oder  schwachen  Deklination,  der  bindevokalischen  oder  biadevokallosen 
Konjugation  usw.  sein;  aber  daß  wir  einen  Gen.  Plur.,  eine  3.  Plur.  Perf.  usw.  zu  er- 
warten haben,  wissen  wir.  (Ich  wiederhole  meine  Einschränkung:  «ganz  im  groben»; 
denn  möghch  ist  es  ja,  daß  Kasus  wie  der  Instrumental  oder  der  Ablativ  oder  Locativ 
von  vornherein  nur  bei  bestimmten  Deklinationen  obligatorisch  waren.) 

Dagegen  läßt  sich  über  die  Wortkreise  von  vornherein  auch  nicht  entfernt  das 
behaupten,  was  von  den  Formenkreiseu  mit  einiger  Bestimmtheit  ausgesprochen  werden 
kann.  Von  keinem  einzigen  Suffix  kann  ohne  empirische  P^eststellung  ausgesagt  werden, 
daß  es  an  irgend  eine  Wurzel  herantritt;  auch  nicht  von  Zinimers  Suffix  -a,  das  doch 
so  ungeheuer  häufig  ist,  daß  man  an  seinem  .Suffixcharakter  irre  werden  und  zu  der 
älteren  Auffassung  des  «Bindevokals»  zurückkehren  möchte.  Von  keiner  Wurzel  können 
wir  von  vornherein  wissen,  ob  sie  Nomina  agentis  oder  actionis  einer  bestimmten  Kate- 
gorie bildet.  Es  ist  z.  B.  von  allen  Wiu-zeln,  die  eine  manuelle  Tätigkeit  ausdrücken, 
von  vornherein  sehr  wahrscheinlich,  daß  sie  Werkzeugnamen  vom  T^'pus  unserer  nhd. 
Bohrer,  Träger  oder  Scliiissd,  Schlüssel  oder  Deche,  Sehrank  bilden;  aber  sicher  ist  es 
nie.  Wer  würde  z.  B.  nicht  erwarten,  daß  es  zu  unserem  so  häufigen  Verbum  fliehen 
ein  Nomen  agentis  gäbe,  sogut  wie  zu  hämpfen  oder  morden  ?  Aber  wir  müssen  den, 
der  eben  jetzt  flieht,  mit  dem  Verbaluomen  bezeichnen:  dem  Fliehenden  sollst  du  goldene 
Brüchen  hauen;  den,  der  gewohnheitsmäßig  flieht,  mit  einem  stammfremden  Appellativ 
von  moralischer  Prägung:  als  Feigling  oder  Ausreißer;  und  nur  für  denjenigen,  der 
sich  infolge  einer  Flucht  in  bestimmter  eigentümlicher  Lage  befindet,  haben  wir  die 
sekundäre  Ableitung  Flüchtling.  —  Ebensowenig  besitzen  wir  z.  B.  nhd.  eigentliche 
Nomina  agentis  zu  ziehen,  stürben,  fallen,  was  bei  den  beiden  letzten  vielleicht,  gewiß 
aber  nicht  bei  dem  ersten  aus  inhaltlichen  Gründen  erklärt  werden  könnte. 

Es  scheint  mir  nun  eine  der  dringendsten  Aufgaben  der  Linguistik,  eine  voll- 
ständige Aufnahme  der  idg.  Wortkreise  (mit  besonderer  Hervorhebung  ihrer 
Lücken !)  vorzuneinnen.  Über  die  ursprünglichen  Beziehungen  zwischen  Wurzel  imd 
Suffix,  über  den  Gang  der  Bedeutungsdififerenzierung,  über  die  Wortschichten  unseres 
Sprachmaterials  können  wir  auf  keinem  andern  Wege  zu  irgend  welcher  Klarheit  ge- 
langen. Freilich  wäre  es  eine  Arbeit  von  größter  Schwierigkeit,  da  es  mit  einem 
bloßen  Excerpieren  der  Wörterbücher  nicht  abgetan  wäre;  aber  bedarf  nicht  gerade 
die  Linguistik  neuer  Wege,  neuer  Methoden,  schon  um  aus  der  Skepsis  herauszu- 
kommen, die  immer  bedrohlicher  und  lähmender  ihre  Vertreter  ergreift? 

s» 


60  H.  M.  Muyer. 

Auf  einiges  nun,  was  sich  bei  solchen  Untersuchungen  ergeben  dürfte,  sei  es 
erlaubt,  mit  vorausgreifenden  Verniutung,'en  hinzuweisen. 

Wir  pflegen  in  den  historischen  Disziplinen  gern  von  Längs-  und  Querschnitten 
gleichnisweise  zu  reden ;  es  liegt  aber  im  Wesen  der  geschichtlichen  Forschung  selbst, 
daß  sie  die  ersteren  bevorzugt.  So  vergißt  auch  die  Sprachwissenschaft  über  ihrer 
Hauptaufgabe:  die  Entwicklung  der  Sprache  darzustellen,  gern  die  zweitwichtigste  Auf- 
gabe: den  Zustand  der  Sprache  in  bestimmten  Entwicklungsphasen  zu  beschreiben.  Sie 
schiebt  das  ganz  der  Philologie  zu ;  nun  gut,  so  müsseij  wir  ebeii  neben  den  idg. 
Sprachvergleichem  idg.  Philologen  haben!  Von  der  Rekonstruktion  des  «Uriudo- 
germanischen»  will  man  nichts  mehr  wissen,  und  Hermanus  scharfsiuniger  Aufsatz 
(K.  Z.  41,  1)  schiebt  die  Erschließung  der  idg.  Ursprache  beinahe  soweit  zurück,  wie 
Fincks  geistreiche  Rezension  von  Trombettis  Werk  (Gott.  Gel.  Anz.  1908,  S.  689)  die 
der  menschlichen  Ursprache.  Bei  den  methodologischen  Kämpfen  um  die  «linguistische 
Paläontologie»,  etwa  zwischen  O.  Schrader  und  Kretschmer,  spielt  diese  Skepsis 
eine  Hauptrolle.  Dabei  ist  aber  auf  eine  merkwürdige  Tatsache  hinzu-weisen :  Der  Stand- 
punkt der  Zweifelnden  hat  sich  von  Grund  aus  geändert.  Als  man  von  Schleichers 
fröhlicher  Zuversicht ,  ein  Handbuch  der  Konversation  mit  den  Indogermanen  zu 
schreiben,  zurückkam,  hielt  mau  die  Erschließung  der  «Urworte»  für  zu  schwer;  heut 
hält  man  sie  für  zu  leicht.  Aus  zwei,  drei  Übereinstimmungen  werden  urarische 
Wörter  hergestellt;  und  man  hat  anfangen  müssen  (worauf  z.  B.  Hermann  auch 
hinweist),  innerhalb  dieses  rasch  anwachsenden  indogermanischen  Sprachstotts  Perioden 
zu  unterscheiden.  Da  nun  aber  fehlt  es  eben  an  Kriterien  1  Ich  glaube,  nur  jene 
\'ergleichuug  der  Wortkreise  kann  helfen. 

Greifen  wir  zu  einer  nhd.  Analogie,  «Kraft»  und  «Brüderlichkeit»  sind  beides  ger- 
manische Worte,  beides  deutsche  Worte,  beides  reindeutsche  Worte.  (Auf  eine  etwaige 
inhaltliche  Beeinflussung  der  zweiten  Bildung  durch  das  «fraicmite-»  der  französischen 
Revolution  brauchen  wir  uns  hier  nicht  einzulassen.)  Aber  sie  gehören  ganz  verschie- 
denen Sprachschichten  an.  Das  Wort  «Kraft»  ist  jahrtausendelang  von  den  Germanen 
(oder  ihren  Vorfahren)  gebraucht  worden,  ehe  das  Wort- «Brüderlichkeit»  existierte.  — 
Ahnliche  Verhältnisse  mögen  zwischen  idg.  «Kulturwörtern»  herrschen.  Der  Begriff  der 
«Schlacht»  kann  seit  Jahrtausenden  Männern  klar  gewesen  sein,  deren  Urenkel  mit 
dem  Begriff  «Ehe»  noch  nichts  aufzufangen  gewußt  hätten;  und  dabei  kann  der  jüngere 
Begriff  noch  sehr  gut  in  die  proethnische  Periode  fallen. 

Nun  denke  man  sich  jenes  «Sprachgeschichtliche  Wörterbuch»  hergestellt.  Es  Avürde 
in  drei  Teile  zerfallen:  1.  eine  Zusammenstellung  sämtlicher  idg.  Wurzeln  oder  Basen, 
2.  eine  vollständige  Sammlung  derjenigen  zu  jeder  Wurzel  gehörigen  Worte,  die  als  idg. 
anzusehen  sind,  3.  eine  summarische  Darstellung  der  späteren  Entwicklung  jedes  Wort- 
kreises. Es  würden  also  die  linguistischen  Wörterbücher  von  Fick  und  Liebich  von 
neuen  Gesichtspunkten  aus  geordnet,  in  eins  zu  arbeiten  und  reichlich  zu  ergänzen  sein. 
Wir  würden  dann  für  zweifelhafte  Fälle  mit  ziemlicher  Wahrscheinlichkeit  feststellen 
können,  welche  Worte  der  Lh-sprache,  der  ältesten  oder  mittleren  urgermanischen,  ur- 
griechischen, urarischen  Sprache  augehören  —  und  würden  auch,  was  für  die  linguistische 
Paläontologie  fundamental  ist,  über  die  Bedeutungen  wenigstens  AnhaltspunKte  ge- 
winnen. Weiter  müßte  man  dann,  von  der  Analogie  der  Entwicklungstendenz  geleitet, 
zu  den  Schichten  innerhalb  der  uridg.  Lagerung  konnnen.    Hierbei  müßte  man  dann  dei:) 


Isolierte  Wurzeln.  61 

umgekehrten  Weg  einschlagen:  ist  mau  zuerst  von  der  Wurzel  zu  den  Worten  vorge- 
schritten, so  gih  es  nun  von  den  Worten  zu  der  Wurzel  zurückzugehen:  zu  ermessen, 
welche  als  gemeinsamer  Besitz  der  ungetrennten  Indogermanen  bezeugte  Wortf)rägungen 
der  ursprünglichen  Anschauung  am  nächsten  stehen.  (Der  Grundanschauung,  nicht 
der  «(hundbedeutung» ;  vgl.  auch  Edw.  Schroeder,  Zs.  f.  d.  Alt.  37,  241  f.)  Wobei  es  auf 
sich  beruhen  mag,  welcher  Gang  der  historischen  Evolution  entspricht,  ob  aus  nebenein- 
anderstehenden Formen  sich  erst  allmählich  eine  Grundform  gebildet  hat,  oder  ob  sie  wirk- 
lich ursprünglich  vorhanden  war.  Denn  so  undenkbar,  wie  man  es  heut  übereinstimmend 
glaubt,  ist  die  einstmalige  wirkliche  Existenz  gesprochener  Wurzeln  denn  doch  nicht: 
daß  die  Menschen  einmal  ausschließlich  nur  «in  Wurzeln>  gesprochen  hätten,  läßt 
sich  nicht  nur  denken,  sondern  vom  Boden  einer  bestimmten  Sprachschöpfungstheorie 
aus  sogar  wahrscheinlich  machen.  Wenn  nämlich  die  menschliche  Rede  ihrem 
Hauptstamm  nach  aus  unwillkürlichen  Begleitlauten  instinktiver  Gebärden  entstanden 
ist  —  eine  Theorie,  die  sich  auf  Darwins  «Ausdruck  der  Gemütsbewegungen > 
gründet  — ,  so  dürften  die  Urworte  wohl  unsern  nicht  vokalisierten  Wurzeln  recht 
ähnlich  gesehen  haben. 

Doch  «glottogouische  Phantasien»  sind  verpönt.  Kehren  wir  lieber  wieder  auf 
den  Boden  der  Tatsachen  zurück,  den  wir  für  hypothetische  Luftschlösser  einen  Augen- 
blick lang  leichtsinnig  verlassen  haben  I 

Betrachtet  man,  um  von  den  idg.  Wortkreisen  eine  deutlichere  "\^)rstellung  zu  er- 
halten, wieder  die  neuhochdeutschen  an  der  Hand  von  Liebichs  Buch,  so  fällt  ihr  ver- 
schiedener Umfang  in  die  Augen.  Es  gibt  Wurzeln,  die  beinahe  alle  überhaupt  mög- 
lichen Ableitungen  auch  wirklich  besitzen,  neben  solchen,  deren  Sproßkraft  auf  ein 
Minimum  beschränkt  ist.  Man  vergleiche  etwa  ^-Scldag^  (Liebich  X.  2003,  mit  223  Worten) 
und  «Knopf»  (N.  1071,  mit  zwei  Worten).  Natürlich  wird  man  gleich  mit  der  Er- 
klärung bei  der  Hand  sein,  das  liege  au  der  Bedeutung.  Im  letzten  Sinn  wird  das 
auch  richtig  sein;  nur  hegt  die  Sache  durchaus  nicht  so  einfach.  Ich  erinnere  an  mein 
obiges  Beispiel:  warum  hat  ißiehcn»  wohl  ein  «Flucht^  entwickelt  wie  ((schlaf/cn»  ein 
tScJdacht»,  aber  (vergl.  Liebich  N.  530)  kein  <Flicher»,  wie  dies  ein  *Schl(iger»? 

Man  sagt  nur  eine  Tautologie,  wenn  man  antwortet,  es  gebe  eben  produktive  und 
nichtproduktive  Wurzeln.  Sicher;  aber  weshalb?  Weshalb  ist  bei  einer  Wurzel  wie 
idg.  hh((r  der  Wortkreis  beinahe  so  vollständig,  wie  bei  den  Worten  der  Formkreis  zu 
sein  pflegt,  während  wir  andere  Wurzeln  nur  aus  zwei,  drei  Worten  erschließen  ?  Seltene 
oder  nur  hier  und  da  durchdringende  Worte  werden  natürlich  unproduktiver  sein; 
aber  bei  den  meisten  Wurzeln  ist  innerhalb  ganz  üblicher  Synonyma  die  Verschiedenheit 
des  Umfangs  deutlich. 

Worauf  sie  beruhen  kann,  wird  uns  vielleicht  ersichtlich,  wenn  wir  bis  zu  den 
extremsten  Fällen  gehen.  Es  gibt  nämlich,  was  im  Zusammenhang  noch  nirgends  er- 
örtert zu  sein  scheint,  ganze  Gruppen  isolierter  Wurzeln.  Mit  anderen  Worten: 
wenn  es  sich  im  allgemeinen  von  selbst  versteht,  daß  einer  Wurzel  eine  größere  Anzahl 
von  Nominal-  und  Verbalstämniou  entspringen,  gibt  es  bestimmte  Kategorien  von  Worten, 
die  sich  im  Alleinbesitz  ihrer  Wurzel  bclindcu.  Wie  schon  bemerkt,  ist  ihnen  vor  allem 
der  Mangel  verbaler  Ableitungen  gemein. 

Ich  gehe  bei  der  Aufzählung  dieser  Gruppen  von  denjenigen  Worten  aus,  dereu 
Isolierung  am  stärksten  ausgeprägt  ist,  und  endige  mit  denen,  die  sich  scheinbar  ganz 
in  dem  übrigen  Sprachstolf  verlieren. 


62  R.  M.  Meyer. 

1)  Die  am  deutlichsten  in  der  Sonderstellung  charakterisierte  Gruppe  bilden  die 
Zahhvorte.     (Vergl.  auch  Osthoft",  Suppletivwesen,  S.  31  f.) 

Ich  habe  über  die  flexivische  Eigenart  der  Kardinalia  (P.  B.  B.  22,  554  f.)  früher 
gehandelt  und  zu  zeigen  versucht,  daß  sie  als  Gesamtheit  eine  fremde  Gemeinschaft 
bilden,  iu  ihrer  Ausbildung  vermutlich  jünger  als  die  Masse  des  sonstigen  Sprachstoffs. 
Hier  handelt  es  sich  um  eine  andere  Sonderstellung.  Mit  Ausnahme  der  Wurzel  für 
die  Zweizahl  zeigt  kein  Zahlwort  ursprüngliche  etymologische  Verwandtschaft.  Mit  seinen 
eigenen  Sproßformen  —  Ordinalzahlen,  Distribution  usw.  —  steht  auch  in  diesem  Sinn  jedes 
Zahlwort  wie  eine  importierte  Kulturpflanze  in  dem  einheimischen  Wörterwald;  denn 
Bildungen  wie  «(leci»tarc>\  «drifhln^  sind  ja  ganz  späte  Neologismen  und  nicht  aus 
den  ursprünglichen  Wurzeln  oder  Stämmen,  sondern  erst  aus  den  sekundären  Ordinal- 
zahlen abgeleitet.  —  Eine  Ausnahme  aber  bildet  die  Wurzel  dra  (Fick,  4.  Aufl.  1,  242), 
aus  der  sehr  früh  ein  eigentümlicher  Verbalstamm  mit  der  Bedeutung  «zwischen  zwei 
Meinungen  stehen»  oder  besser:  «zwischen  zwei  Parteien  stehen»  entwickelt  scheint 
(vgl.  Kluge,  5.  Aufl.,  S.  413;  ähnhch  dubifare  zu  diw?).  Dafür  läßt  aber  auch  die 
flexivische  Natur  dieses  Zahlwortes  vermuten,  daß  es  mit  den  anderen  Kardinalien  nicht 
gleichartig  ist.  Auch  die  Achtzahl  mag  appellativische  Grundlage  besitzen:  hierauf 
deutet  ihre  dualische  Form,  wenn  die  Dualform  nicht  überhaupt  erst  nachträglich  aus 
den  Zahl  Worten  entsprungen  ist!  Das  Zahlwort  der  Einzahl  aber  vollends,  das  allerdings 
nicht  von  Prouominibus  mit  der  Bedeutung  «allein»  zu  trennen  ist  (vgl.  Fick,  aao, 
S.  13),  ist  gar  kein  echtes  altes  Zahlwort,  sondern  erst  spät  zur  Vervollständigung  der 
Reihe  eingefügt,  ursprünglich  genügte  eben  zum  Ausdruck  der  Einzahl  die  Setzung  des 
Appellativs  im  Singular:  rex,  ein  König  —  trcs  rrgcs  drei  Könige  (vgl.  Osthoff,  Sup- 
pletivwesen, S.  47). 

Die  Zahlworte  also  haben  jedes  seineu  eigenen  isolierten  Stamm.  Verba  werden 
aus  ihnen  nicht  unmittelbar  und  nicht  in  der  Urzeit  gebildet;  Appellativa  irgend  welcher 
Art  ebensowenig.  Abstrakta  («die  Dreiheit»  und  dergleichen,  besonders  die  rasch  zu 
Suffixen  herabgedrückten  «Zehnheitem^)  sind  wie  die  anderen  Zahl  Wortklassen,  fakul- 
tativ oder  obligatorisch,  vorhanden,  aber  sekundär  und  durchaus  auf  den  numeralen 
Sinn  beschränkt. 

A  priori  notwendig  wäre  das  nicht,  so  begreiflich  es  auch  scheint.  Kluge  bat 
z.  B.  «Zweig»  mit  «zwei»  in  Zusammenhang  gebracht  und  weshalb  hätte  nicht  etwa 
das  Kind  in  seinem  Verhältnis  zum  Vater  mit  einem  Appellativum  aus  der  Zweizahl, 
das  Kind  im  Verhältnis  zu  den  Eltern  mit  einem  solchen  aus  der  Wurzel  der  dritten 
Zahl  bezeichnet  werden  können?  Weshalb  hätte  man  den  Begriff,  «sich  in  viele  Teile 
auflösen»  in  der  Epoche,  die  nach  Usener  «drei»  noch  als  allgemeine  Bezeichnung  der 
Vielheit  verwandte,  nicht  mit  einem  Verbum  aus  der  Wurzel  treiirs  (Fick,  S.  449)  aus- 
drücken können? 

2)  Isoliert  stehen  ferner  (wie  schon  Bopp  bemerkt  hat;  vgl.  Delbrück  ,  Einleitung 
in  das  Sprachstudium,  S.  77)  die  echten  Pronominalstämme.  (Osthoff  aao.  S.  37  f.) 
Zu  einer  Wurzel  wie  /ca  (Fick  1,  180),  to  (ebd.,  S.  445),  /  (ebd.,  S.  6),  ya  (S.  290)  gibt 
es  keinerlei  verbale  Ableitungen  und  keine  nominale,  die  nicht  zu  ihrem  engsten  Formen- 
kreis gehörte.  Ebenso  steht  es  mit  germ.  Wurzeln  wie  der  von  jener  oder  uroialek- 
tischen  wie  der  von  (dl. 

Möglicherweise   geht  die  Isolierung   der   ältesten   Pronominalstämme   noch  weiter. 


Isolierte  Wurzeln.  63 

«Von  einer  Anzalil  der  geschlechtigen  Pronominalstämme  gab  es  schon  in  uridg.  Zeit 
nicht  alle  Kasus,  sondern  Kasusformen  verschiedener  Stämme  ergänzten  sich  zu  einem 
vollständigen  Paradigma»  (Brugmann,  Grundriß  2,  7G6).  Haben  wir  ein  Recht  anzu- 
nehmen, daß  sich  erst  allmählich  ein  solches  Mischparadigma  gebildet  habe?  dürfen 
wir  nicht  mit  Brugmann  vermuten,  daß  jeder  Stamm  nur  einen  beschränkten 
Formenkreis  besaß?  Melleicht  tun  wir  hier  gar  einen  Blick  in  die  Vorzeit  der  eigent- 
lichen Deklination;  in  eine  Periode,  die  die  Kasus  durch  verschiedene  indeklinable  En- 
klitika bezeichnete,  die  dann  später  teils  zu  Endungen  der  nominalen  Deklination,  teils 
zu  diesen  angeähnlich ten  Bestandteilen  der  pronominalen  Flexion  wurden. 

Jedenfalls  liegt  eine  Verwandtschaft  dieser  beiden  Gruppen  auf  der  Hand.  Beide 
stehen  wie  erratische  Blöcke  innerhalb  des  sonstigen  Sprachstoffs  —  wenn  auch  vielleicht 
aus  verschiedenen  Ursachen :  die  Pronomina  mögen  älter,  die  Zahlwörter  jünger  sein 
als  die  Appellativa.  Beiden  ist  aber  innerlich  eine  wesentliche  Eigenart  gemein:  sie 
benennen  nicht,  sie  sind  keine  «Nomina».  Wir  fassen  aus  unserem  Gebrauch  heraus 
die  «Pronomina»  als  Stellvertreter  der  Nomina  auf:  natürlich  sind  sie  das  von  vorn- 
herein nicht,  sondern  ganz  was  anders  als  die  Nomina.  Diese  «benennen»,  d.  h.  sie 
geben  ein  Kennzeichen,  reihen  in  eine  dadurch  charakterisierte  Kategorie  ein:  «ein 
Mann!»,  «ein  Baum!»,  «eine  Eichel».  Die  Pronomina  lehnen  das  ab,  geben  nur  eine 
Gebärde:  «dieser  hat  es  getan»  —  dieser  bestimmte,  auf  den  ich  mit  dem  Finger  weise 
ohne  mich  mit  seiner  Rubrizierung  unter  die  Männer  oder  Dämonen,  Greise  oder  Jüng- 
linge, Freunde  oder  Feinde  aufzuzählen.  (Vgl.  allg.  Brugmann,  Die  Demonstrativpro- 
nomina der  idg.  Sprachen,  S.  3  f.)  —  Infolge  dieser  Bedeutung  kann  das  Pronomen 
auch  dienend  zu  einem  Nomen  treten,  was  eine  nur  «stellvertretende»  Form  offenbar 
nicht  könnte:  «dieser  Mann!». 

Genau  so  steht  es  mit  den  Zahlworten.  Auch  sie  lehnen  alle  Benennung  ab  und 
werden  dadurch  dienstbar,  sobald  die  unbenannte  Zahl  benannt  wird:  «drei  Speere». 
Sie  stehen  allerdings  dem  Nomen  näher  und  besonders  dem  Substantivum,  mit  dem 
die  meisten  die  Eingeschlechtigkeit  teilen;  aber  die  Fähigkeit,  ohne  Kennzeichnung 
auszusagen,  haben  sie  bis  zu  Goethes  Faust  bewahrt:  «Vier  sah  ich  kommen,  drei 
nur  gehn». 

3)  Isoliert  stehen  die  Wurzeln  zahlreicher  alter  Eigennamen.  Daß  es  sich  für 
uns  fast  imr  um  Götternamen  handelt,  braucht  nicht  notwendig  deren  besondere  Eigen- 
art zu  beweisen,  da  offenbar  menschliche  Namen  leichter  systematisiert  werden  als  die 
heiligen  archaischen  Bezeichnungen;  man  denke  noch  an  heutige  Ausdrücke  wie  «Heiland» 
oder  «Weihnachten».  Wahrscheinlich  ist  es  aber  doch,  daß  die  Götternamen  gewisser- 
maßen in  noch  höherem  Grad  als  andere  Personennamen  «nicht  appellativ»  waren. 
Welche  Mühe  haben  die  meisten  alten  indischen,  griechischen,  germanischen  Götter- 
namen den  Etymologen  bereitet!  wie  unsicher  blieb  die  Erklärung  z.  B.  von  Xrj>tumis 
(Wissowa,  Religion  u.  Kultus  der  Römer,  S.  250,  Anm.  6)  oder  Lar.  Lares  (ebd.. 
S.  151,  Anm.  2),  von  Ing  oder  Nerthus-Njprd'  (vgl.  Mogk  in  Pauls  Grundriß,  2.  Aufl.. 
1,  320)!  Es  wäre  wohl  möglich,  daß  solche  isolierte  Namen  einfach  deshalb  allem 
Etymologisieren  Widerstand  leisten,  weil  sie  keine  Etymologie  haben:  weil  der  Stamm 
sein  eigenes  Etymon  ist  wie  in  Onomatopöien.  -Hums»  ist  ein  sprachliches  Atora,  lug 
oder  Las  vielleicht  auch,  mag  es  nun  laut^ym bolischen  Ursprungs  sein  oder  ein  fest- 
gehaltener Ausruf  verzückter  Priester  oder  was  sonst. 


64  R.  M.  Meyer 

Diese  echten  alten  Eigennamen  —  es  konnte  ancli  solche  Ortsnamen  geben  I  — 
teilen  wiederum  mit  Zalilworten  und  Pronominibus  jene  Eigenschaft,  daß  sie  nicht 
appcllativ  sind.  Spätere  Götternamen  sind  appellativ  Frcyr  «der  Herrscher»  oder  Apollo, 
fder  Abwehrer;  (oder  was  es  sonst  heißt);  oder  sie  sind,  wie  alle  nichtrömischen  Personen- 
namen der  Indogermanen,  aus  Appellativstämmen  zusammengesetzt  wie  Heimdall  oder 
Brhas})ati,  wenn  sie  nicht  schon  als  movierte  Feminina  wie  Frci^ja  {zu  Frei/r)  und  Juno 
(zu  Jovis)  ihren  sekundären  Ursprung  an  der  Stirn  tragen.  Aber  die  ältesten  Götter- 
nanien  scheinen  überall  isoliert  und  deshalb  notwendig  nichtappellativ  (denn  wie  könnte 
ein  einzelstehendes  Wort  in  eine  Kategorie  einreihen?).  Sie  bezeichnen  eben  Individua, 
nicht  T3'pen.  Nach  langer,  langer  Entwicklung  mögen  sie  auch  typisch  gebraucht 
werden,  Shakespeare  mag  den  Herodes  überheroden  lassen  und  wir  mögen  Worte  wie 
heinein  (in  Heines  Art  dichten)  oder  '^michelangelcsk»  bilden,  man  mag  auch  Verba  an 
sie  angelehnt  haben  wie  hoijl:otl irren  an  einen  Eigennamen  —  der  Urzeit  war  natürlich 
jeder  Gott  ein  einzig  dastehendes  Wesen. 

4)  Viel  merkwürdiger  ist  es  nun  aber,  daß  auch  einzelne  Appellativa  isolierten 
Wurzeln  anzugehören  scheinen  (vgl.  Misteli-Steinthal,  Charakteristik,  S.  499).  Westidg. 
niari  Meer  ist  (Fick  1,  507)  in  die  seltsamsten  Verbindungen  gebracht  worden;  hätte 
man  es  gar  zu  der  idg.  Wurzel  mar  (vgl.  Kluge,  S.  252)  gestellt,  wenn  nicht  auf  jeden 
Preis  eine  Etymologie  hätte  gegeben  werden  müssen?  Das  Meer,  das  ewig  bewegte  Meer, 
die  Heimat  der  Fische,  das  Bad  der  Schiffe  als  «tote  Fläche» !  Aber  auch  nordeurop. 
haid  (vgl.  Kluge,  S.  225)  scheint  isoliert  (landen  ist  eine  ganz  junge  Neubildung  aus 
dem  niederländischen  Und  niederdeutschen  Seewesen,  vgl.  DWß.  6,  101).  Wie  steht  es 
drittens  mit  Sw  (vgl.  Kluge,  S.  344)?  Wie  unsicher  ist  der  Zusammenhang  mit  saevus 
oder  mit  idg.  sik  sinlicn  und  wie  wenig  bezeichnend  wären  diese  Etyma  für  den  See, 
dessen  Kennzeichen  eine  breite  Wasserfläche  ist  und  nicht  das  gelegentliche  Aufbäumen 
oder  gar  der  Umstand,  daß  man  in  ilim,  wie  im  Moor,  versinken  kann!  —  Erde  wird 
wohl  zu  ar  2>tli(f/en  gehören  (doch  vgl.  Fick-Torp  3,  26);  aber  ^m/ (vgl.  Kluge,  S.  30) 
scheint  ohne  V'erbindung  mit  der  Wurzel  berg  rerhrrgen  (ebd.,  S.  37;  vgl.  Fick-Torp, 
S.  265)  eine  isolierte  Nominalgruppe  (mit  sekundären  verbalen  Ableitungen  wie  ags.  hehyrgan) 
zu  beherrschen.  TJial  ist  wieder  nicht  isoliert,  ebensowenig  wie  Strom,  Fluß  u.  a.  (Strom 
ist  nachträglich  isoliert  worden,  weil  das  Germanische  die  idg.  Wurzel  aufgab  und  ihren 
Verbalbegriff  durch  ein  sekundäres  «strömen»  ersetzte).  Aber  das  germ.  Uarh  (Kluge, 
S.  23,  Fick-Torp  3,  257)  und  das  nd.  Deich  samt  dem  hd.  Teich  (ebd.,  S.  374,  Fick- 
Torp  3,  205)  scheinen  isolierte  Nominal  wurzeln  zu  sein.  Denn  daß  man  aus  doktri- 
nären Gründen  der  Wurzel  ohne  weiteres  irgend  eine  schwierige  oder  nichtssagende 
Verbalbedeutung  gibt,  beweist  natürlich  gar  nichts;  und  daß  z.  B.  wieder  Welle,  Woge 
inmitten  eines  großen  Wortkreises  stehen,  beweist,  daß  es  eben  Wurzeln  von  verschiedener 
Triebkraft  auch  unter  diesen  «geographischen  Worten»  gibt.  Aber  Meer,  See,  Land, 
Berg,  Bach.  Teich  —  das  ist  doch  eine  interessante  Gruppe;  sollte  es  nur  Zufall  sein, 
daß  bei  allen  die  Etymologie  unsicher  ist,  bei  allen  primäre  Verba  fehlen?  Es  mögen 
auch  noch  andere  wie   Ufer  (Kluge,  S.  355)  hierher  gehören. 

Eine  andere  Gruppe:  die  der  Jahreszeiten.  Fwgen,  Schnee.  Wind  stehen  regelrecht  in 
vollständigen  Wortkreisen  (d.  h.  solchen,  die  nominale  und  verbale  Ableitungen  enthalten). 
Aber  idg.  Sommer  (Fick-Torp  3,  445)  und  germ.  Winter  (vgl.  Kluge,  S.  351,  408;  nach 
Torp  aao.  384  zu  der  germ.  Wurzel  vet  «netzen»)  und  Lenz  (S.  235)  haben  isolierte  Stämme. 


Isolierte  Wurzeln.  G5 

Ich  nenne  noch  ein  paar  Appellativa,  die  eigentlich  keine  sind,  weil  sie  kein  be- 
zeichnendes Etymon  zu  besitzen  scheinen:  gerni.  Hird  (Kluge,  S.  165;  Verbindung 
mit  lat.  creware  problematisch;  vgl.  ßerneker  Wb.  s.  cerm  S.  146);  germ.  Hof  (S.  170; 
doch  vgl.  Fick-Torp  3,  94);  germ.  Wald  (S.  395,  Fick-Torp  3,  403);  germ.  hanw, 
(üd.  lion/r  (Fick-Torp  3,  77),  germ,  tdlis  (doch  vgl.  Fick-Torp  3,  21),  ahn.  seidrr. 
All  diesen  Begriffen,  von  denen  kein  einziger  eine  sichere  etymologische  Basis  besitzt, 
ist  gemein,  daß  sie  begrifflich  (nicht  grammatisch!)  Singularia  tantum  sind:  es  gibt  in 
jedem  Haus  nur  einen  Herd;  es  gibt  für  Bauer  und  Knecht  nur  einen  Hof,  den,  wo  sie 
arbeiten;  aller  Wald  gehört  zusanunen  wie  alles  Land  und  alles  Meer  eine  Einheit  bildet, 
oder  wie  alle  Arten  der  Magie  nur  die  eine  Zauberei  ausmachen.  Von  See,  Berg,  Bach 
gilt  das  freilich  nicht;  dagegen  wieder  von  den  Jahreszeiten:  es  gibt  nur  einen  Sommer, 
der  immer  wiederkehrt.  (Die  Verwendung  des  Wortes  zur  Zeitmessung,  wie  im  Hilde- 
brandslied, ist  jünger.) 

Man  könnte  also  sagen:  es  handelt  sich  hier  auch  um  eine  Art  Eigennamen. 
Land,  Meer,  Wald  werden  als  eine  nur  einmal  existierende  Einheit  gefaßt;  Herd,  Hof 
werden  mit  Ignorierung  aller  ihresgleichen  so  benannt,  wie  wir  «Vater»  oder  «Mutter» 
zur  Bezeichnung  bestimmter  Einzelpersonen  verwenden. 

So  ist  denn  in  diesem  Zusammenhang  noch  auf  eine  andere  wichtige  Gruppe  zu 
verweisen:  die  der  Verwandtschaftsnamen  (vergl.  auch  Osthoff,  S.  41).  Ihre  Iso- 
lierung ist  ja  längst  anerkannt  und  muß  sehr  alt  sein,  da  sie  sich  sogar  in  flexivischer 
Sonderstellung  abspiegelt.  Mit  der  Etymologie  hat  man  sich  hier  reichlich  so  viel  ab- 
geplagt wie  bei  den  Götternamen;  und  ebenso  fruchtlos.  Denn  von  dem  <Beschützer2 
und  der  «Bildnerin»  und  vollends  der  «Melkerin»  ist  man  wohl  längst  abgekommen. 
Hat  man  denn  überhaupt  ein  Recht,  hier  Nomina  agentis  mit  dem  Suffix  fer  —  tor  zu 
sehen?  Kann  dies  Suffix,  das  ja  nur  bei  Ariern,  Römern  und  Hellenen  produktiv 
wucherte,  bfei  den  Germanen  aber  kaum  eine  Rolle  spielt  (Kluge,  Nominale  Stammbldg. 
der  altgerm.  Dialekte,  2.  Aufl.,  §  30  aE.),  nicht  aus  den  \'er\vandtschaftsnamen  erst 
erwachsen  sein? 

Jedenfalls  bilden  hier  fünf  bis  sechs  Worte  eine  eng  zusammengehörige  und  gegen 
die  Außenwelt  abgeschlossene  «Wortfamilie'.  (Ich  würde  Liebichs  Terminus  lieber 
so,  auf  begrifflich  verwandte  Worte,  anwenden.)  Man  ninnnt  jetzt  überwiegend  für 
«Vater»  und  «Mutter»  Ursprung  aus  Kinderworten  an  (so  auch  Finck.  a.  a.  O.);  für 
«Bruder»  und  «Schwester»  würde  auch  das  nicht  weiter  helfen.  Sollen  nicht  auch  hier 
«unetymologische  Worte»  vorliegen,  Eigennamen  im  weitereu  Sinne,  d.  h.  Appellativa 
für  bestimmte  Einzelpersonen,  wie  wir  eben  noch  heute  «der  Vater»,  «der  König',  im 
Silin  von  «unser  Vater»,  «unser  König»  schlechtweg  gebrauchen?  Worte  jedenfalls, 
die  aus  keinen  Verbalwurzcln  entsprungen  sind  und  keine  erzeugt  haben  —  mag  selbst 
nachtraglich  im  Sanski'it  oder  im  Ciriechisirhen  eine  Anlehninig   an  Verba  erfolgt  sein! 

Aber  ich  muß  hier  doch  auf  die  Möglichkeit  phonetischer  Bedingungen  aufmerksam 
machen.  Wie  Land  scheint  Strand  isoliert  (Kluge,  S.  365),  wie  landen  ist  stranden  ein 
Neologismus.  Und  hier  ist  daran  zu  erinnern,  daß  wir  so  wenig  das  Nomen  agentis  der 
Ziclivr  zu  ^ielirn  besitzen  wie  der  Flichrr  zu  /liehen.  Das  können  zufhUige  Koinzidenzen 
sein.  Aber  weshalb  ist  der  Herhsf,  die  Zeit  des  Ptlückens  und  Erutens,  appellativisch 
benannt?  Es  mag  jünger  sein  als  die  Beneniumg  der  ursi^rüngliohen  drei  Jahreszeiten. 
Gut;  aber  weshalb  ist  der  Jxieh    nach    einem   anderen  Prinzip    benannt   als   der   Fluß.'' 

Wörlci-  uud  Sachen.    I.  9 


6G  R.  M.  Meyer. 

Das  beweist  am  Ende  doch,  daß  die  inhaltlichen  Gründe  nicht  ausreichen  —  oder  aber 
es  liegt  eben  eine  uralte  Begriffsverschiedenheit  fundamentaler  Art  vor. 

Die  isolierten  Substantiva  bilden  jedenfalls  die  merkwürdigste  Gruppe,  mit  der 
wir  uns  zu  beschäftigen  haben.  Natürlich  mag  eins  oder  das  andere  doch  mit  Yerbal- 
wurzeln  zu  verbinden  sein;  dafür  wird  eine  ungleich  größere  Zahl  reiner  Nominal- 
wurzeln noch  aufgedeckt  werden  können.  Ich  verspreche  mir  von  der  Untersuchung 
gerade  dieses  Phänomens  viel  für  die  Chronologie  der  idg.  Wortgeschiclite.  Denn  im 
letzten  Sinn  war  ja  jedes  tnomen^  einmal  ein  Eigenname,  und  es  ward  dann  erst 
verallgemeinert,  wie  unsere  appellativischeu  Eigennamen:  «der  Müller»  ist  zunächst 
einfach  der  Müller  in  unserm  Dorf  und  «der  Zerreißer»  ist  zunächst  nur  dieser  Wolf, 
den  wir  erschlagen  haben,  nachdem  er  das  Schaf  zerrissen  hatte.  Sonach  wäre  die 
Isolierung  der  Stämme  als  ein  Atavismus  anzusehen  und  die  betreffenden  Wurzeln  selbst 
als  besonders  altes  Sprachgut.  Rein  theoretisch  liegt  ja  auch  die  Möglichkeit  vor,  daß 
ihnen  alle  Verwandtschaft  abgestorben  wäre;  wo  sich  das  aber  nicht,  etwa  aus  laut- 
geschichtlichen Gründen,  motivieren  läßt,  hat  es  geringe  Wahrscheinlichkeit. 

ö)  Von  der  Betrachtung  der  Substantiva  wenden  wir  uns  zu  der  der  Adjektiva 
und  nähern  uns  damit  wieder  unserm  Ausgangspunkt.  Denn  das  Adjektiv  ist  zwar  im 
eigenthchen  Sinne  ein  «Appellativum»: 'es  gibt  ein  Kennzeichen,  wodurch  der  Mann, 
der  Baum,  die  Speise  in  die  Kategorie  der  alten  Personen,  der  grünen  oder  süßen  Dinge 
eingereiht  werden;  aber  es  teilt  mit  Zahlwort  und  Pronomen  die  Fähigkeit,  dienend 
neben  dem  Substantiv  stehen  zu  können.  Auch  das  Adjektiv  «benennt»  nicht  in  dem 
Sinn  wie  das  Substantiv:  diesem  überläßt  es  die  Hauptcharakteristik,  die  es  nur  er- 
gänzt. Daher  stellt  .syntaktisch  das  Substantiv  das  Subjekt,  während  das  Eigenschafts- 
wort (in  Verbindung  mit  der  Kopula)  das  Prädikat  liefert.  Insofern  also  steht  das  Ad- 
jektiv, auf  seine  syntaktische  Leistung  hin  geprüft,  dem  Verbum,  das  immer  prädiziert, 
eisentlich  näher  als  dem  Substantiv. 

Ich  habe  nun  früher,  auf  diese  syntaktischen  Erwägungen  gestützt,  den  Unter- 
schied von  Substantiv  und  Adjektiv  für  durchaus  sekundär  gehalten  und  den  Satz  for- 
muliert: «Diejenigen  Nominalstämme,  die  gewohnheitsmäßig  zur  Herstellung  des  Prä- 
dikats verwandt  wurden,  bilden  allmählich  die  besondere  Klasse  der  Adjektiva;  zu  ihren 
besonderen  Kennzeichen  gehört  namentlich,  daß  sie  im  Interesse  der  Kongruenz  statt 
der  normalen  Eingeschlechtigkeit  der  Substantiva  sich  zur  Dreigeschlechtigkeit  ent- 
wickeln y. 

Aber  ich  bin  durch  die  hierhergehörigen  etymologischen  Tatsachen  an  dieser 
Meinung  irre  geworden  und  neige  nun  doch  dazu,  die  herkömmliche  Anschauung,  daß 
Substantiva  und  Adjektiva  von  der  Wiege  an  unterschieden  sind,  mindestens  für  die 
große  Masse  für  richtiger  zu  halten. 

Denn  ist  es  nicht  auffallend,  wieviel  häufiger  Adjektiva  keinen  Verbalstamm 
neben  sich  haben  als  Substantiva?  was  eben  hieraus  zu  erklären  wäre:  die  kenn- 
zeichnende Note  gewinnt  das  Appellati vum  fast  durchweg  aus  einem  Verbaibegriff. 
Ich  weise  vor  allem  auf  die  Tiernamen  hin:  die  «zitternde»  Biene,  die  «brummende» 
Bremse,  der  «glänzende»  Brassen,  die  «dröhnende»  Drohne,  die  «tauchende»  Ente,  die 
«spinnende:.  Spinne  (daß  unser  Verb  sich  an  die  Nominalform  anlehnt,  ist  ja  sekun- 
där), den  'ergreifenden»  Habicht,  den  «singenden»  Hahn,  das  «springende»  Roß,  die 
«krähende»  Krähe,  den  (mit  den  Augen)  «leuchtenden»  Luchs,  den  «Erde  aufwerfenden» 


Isolierte  Wurzeln.  07 

Maulwurf,  den  «ein  mürrisches  Gesicht»  machenden  Mops,  die  «8tehlende>  Maus,  die 
«schleichende»  Blindschleiche,  die  «sich  drehend  bewegende»  Schlange,  die  < schnap- 
pende» Schnepfe;  um  nur  Klugesche  Erklärungen  herauszuziehen.  Oder  die  Kleidung: 
den  «bergenden»  Helm,  den  «gesponnenen s.  Rock;  oder  die  Körperteile:  die  «leckende» 
Lippe,  den  «geschwollenen»  Daumen,  den  «aufwühlenden»  Rüssel;  oder  gar  die  Werk- 
zeuge, die  ja  fast  durchweg  primäre  sachliche  Nomina  agentis  sind.  Für  das  Appella- 
tivum  ist  also  ein  verbales  Etymon  beinahe  selbstverständlich.  Wie  viele  Namen  von 
Sachen  sind  uns  gerade  auf  diese  Weise  durch  Meringer  aufgeklärt  worden!  Wie  viele 
wird  die  archäologische  Etymologie  noch  deuten  (vgl.,  0.  Sehr  ad  er,  Geschichte  und 
Methode  der  linguistisch-historischen  Forschung,  S.  213)! 

Adjektiva  können  natürlich  gleichfalls  zu  Verbalwurzeln  gehören  wie  «süß»  zu 
«fließen»  (Bechtel,  Bezeichnungen  der  sinnlichen  Wahrnehmungen  in  den  idg.  Sprachen, 
S.  132;  die  Gruudanschauung  wird  die  des  klebrigen  Fließens  sein,  wie  es  dem  Honig 
oder  Sirup  eigen  ist)  oder  «weiß»  zu  «glänzen». 

Aber  dreierlei  Tatsachen  geben  den  Eigenschaftsworten  eine  Sonderstellung  in 
etymologischer  Hinsicht:  a)  wie  bei  den  Pronominalstämmeu  finden  wir  auch  hier  eine 
ganz  eigentümliche  Kombination  verschiedener  Wurzeln  in  der  großenteils  gemeinindo- 
germanischen, «unregelmäßigen»  Komparation,  b)  eine  auffallend  große  Zahl  von  Ad- 
jektivstämmen bleibt  etymologisch  vereinzelt,  c)  es  zeigt  sich  mindestens  im  Deutscheu 
eine  entschiedene  Tendenz,  Verbalnomina,  die  adjektivische  Funktionen  übernommen 
haben,  von  den  Verbalstämmen  zu  lösen. 

a)  Das  Phänomen  der  «unregelmäßigen  Steigerung»  gehört  zu  den  merkwürdigsten 
in  unserm  Sprachleben  und  ich  habe  mich  immer  darüber  gewundert,  daß  man  sich  so 
wenig  darüber  verwundert.  Man  bedenke  doch :  gerade  eine  Reihe  von  Eigenschafts- 
worten, bei  denen  eine  Vergleichung,  ein  Abmessen  besonders  nahe  liegt  und  besonders 
häufig  sein  mußte,  entzieht  sich  der  Steigerimg.  Zu  «gut»  gibt  es  weder  griechisch 
noch  lateinisch  noch  deutsch  einen  rechten  Steigerungsgrad;  etwa  ebenso  steht  es  mit 
«klein»  und  «groß»,  «alt»  und  «viel».  Oder  zu  einem  Adjektiv  im  Komparativ  gehört 
im  Positiv  nur  ein  Adverb  (Kluge  bei  Paul,  2.  Aufl.  1,  483).  —  Dabei  ist  aber  ursprach- 
lich nur  eben  dies  Mosaik  selbst,  nicht  aber  die  Steine,  aus  denen  es  zusammengesetzt 
ist;  ein  idg.  Paradigma,  das  sich  bei  den  Pronominibus  zum  Teil  noch  aufbauen  läßt, 
ist  hier  schlechterdings  unmöglich.    (Vgl.  Osthoff,  Suppletivwesen,  S.  3f.,  S.  20f.,  S.  42.) 

Man  kann  sich  ja  den  Gang  der  Entwicklung  etwa  denken.  Für  die  häufigsten 
«Verglcichungen»  gab  es  zunächst  «Adjektive  mit  Komparationsbedeutung»  (Brugmann. 
Grundriß  2,  420),  deren  Wesen  wir  uns  durch  deutsche  Positive  wie  «nah»  und  «fern> 
und  ähnliche  Adjektiva  von  relativer  Bedeutung  veranschaulichen  können.  Was  «nab»- 
ist,  ist  «weniger  fern»,  was  *fern»  ist,  ist  «weniger  nah-;  die  Gegensätze  rücken  zu 
einer  Komparationsleiter  zusammen.  Diese  «Adjektive  mit  Komparationsbedeutung>  be- 
saßen gewisse  Suffixe,  die  die  Relativität  ausdrückten:  sie  entsprechen  dem  Numerus 
beim  Nomen,  indem  der  Komparativ  den  Wortinhalt  auf  zwei,  der  Superlativ  auf  viele 
verglichene  Gegenstände  bezieht.  Der  bessere  Mann>-  ist  unter  zweien  der  gute; 
«der  älteste  Mann»  ist  der  Alte  unter  Vielen.  —  Allmählich  wäre  dann  dies  Schema 
auf  alle  Adjektiva  übertragen  worden  und  somit  wäre,  wie  so  oft,  die  «unregelmäßige 
Steigerung  ein  l'bcrblcibsel  älterer  Art,  die  «regelmäßige»  aber  würde  einer  jüngeren, 
nivellierenden,    systematisierenden   Epoche   angehören.      Ursprünglich    steht    die   Koni- 


68  ri.  M.  Meyer. 

paration  venimtlich  fakultativ  neben  ähnlichen  Atljektivumfoimnngen:  der  Modifikation, 
Negation,  Verstärkung,  Klage,  vor  allem  der  Minderung  (vgl.  meinen  Autsatz  P.  B.  B. 
22,  559  f.);  allmähhch  ist  sie  allen  obligatorisch  geworden. 

So  also  (vergl.  Ost  ho  ff,  S.  42  f )  würde  sich  das  Paradoxon  erklären,  daß  gerade 
diejenigen  Adjektiva,  die  der  Steigerungsfähigkeit  am  entschiedensten  bedürfen,  keine 
echte  Komparation  haben,  sondern  sich  durch  fremdes  Blut  auffrischen  lassen.  (Die 
Häufigkeit  allein  kann,  wie  bei  dem  Verbum  substantivum,  nur  der  oberflächlichsten 
Betrachtung  ein  genügender  Grund  für  den  Synkretismus  sein.)  Nur  bleibt  dabei  noch 
unerklärt,  weshalb  nur  ausnahmsweise  (wie  bei  ttoXlk;  und  nXelojv  TrXeicTTOi;,  vielleicht 
auch  bei  nüMJa-maizan-  und  meista)  jene  Steigerungsadjektiva  der  gleichen  Wurzel  ent- 
stammen -wie  die  Positive?  und  weshalb  sie  so  selten  Verbalstämme  neben  sich  haben? 
(Auch  für  nühils  Fick  1,279  ist  es  fraglich.) 

Wir  werden  doch  wohl  ähnliche  Zustände  wie  bei  den  Pronominibus  anzunehmen 
haben.  Auch  diese  Worte  sind  besonders  leicht  durch  Gebärden  zu  «ersetzen»:  «klein», 
«groß?,  «alt»,  «gut»,  «böse».  Sie  mögen  irgendwie  aus  diesen  Gesten  unmittelbar  oder 
mittelbar  (lautsymbolisch)  herausgewachsen  sein,  ohne  je  einer  produktiven  «Wurzel» 
anzugehören. 

b)  So  sind  wir  schon  dazu  übergeglit'ten,  daß  viele  Adjektiva  etymologische  Isolierung 
zeigen.  Ich  füge  zu  den  eben  angeführten  «gut»  und  «übel»  zwei  andere  spezifisch 
germ.  Wortpaare  (Kluge,  S.  15):  «mild»  und  «argx,  «hold»  und  «treu»^  von  denen  nur 
«hold»  (ebd.,  S.  171)  vielleicht  verbale  Verwandtschaft  hat;  dagegen  steht  der  Begriff 
«treu»  schon  idg.  oft  in  eigentümlichen  nominalen  Beziehungen  (vgl.  Osthoff, 
Etymologische  Parerga  1,99  f.).  Auch  «arm»,  «schlecht»,  «eitel»  und  viele  andere  germ. 
Adjektiva  stehen  isoliert,  wogegen  z.  ß.  «schön»,  «reich»,  «krank»  zu  vollständigen  Wort- 
kreisen gehören. 

c)  Eine  stattliche  Zahl  alter  Partizipia  sind  im  Deutschen  isolierte  Adjektiva  ge- 
worden: aJf,  halt,  laut,  tot,  kranl;,  scui  [K\\\gQ,  S.  182)  —  eigen.  Die  Verbalstämme,  die 
in  anderen  idg.  Sprachen  noch  leben,  sind  bei  uns  abgestorben,  zum  Teil  (wie  bei  alau) 
erst  in  historischer  Zeit. 

Man  wird  den  Zusammenhang  der  beiden  Erscheinungen  bestreiten  wollen:  hat 
das  Absterben  des  Verbums  alan  mit  der  Adjektivierung  des  Partizips  alt  irgend  etwas 
zu  tun?  —  Die  gewöhnliche  Erklärung:  das  Partizip  sei  erst  nach  dem  Absterben  des  zu- 
gehörigen Verbs  ganz  zum  Adjektiv  geworden,  scheint  gegenüber  modernen  Beispielen  nicht 
zu  verfangen:  ein  Partizip  wie  «gelungen»  existiert  ruhig  in  adjektivischer  Funktion  neben 
dem  lebenden  Zeitwort  «gelingen».  Aber  eine  Tendenz  der  Spi'ache,  die  Adjektivierung 
des  Partizips  durch  Aufgeben  des  Verbs  zu  erleichtern,  kann  man  sich  doch  auch 
schwer  vorstellen! 

6.  Zum  Schluß  ist  auf  die  allerumfangreichste  Gruppe  isolierter  Wurzeln  nur  kurz 
hinzuweisen:  auf  die  Partikeln  der  verschiedensten  Art.  So  etwa  die  proethnischen 
Präpositionen  (Delbrück.  Vergleichende  Syntax  1,  666  f.)  und  viele  ihrer  einzelsprachlichen 
Nachfolger  (ebd.,  S.  754  f);  so  Konjunktionen  wie  me  (Fick  1,518),  ea-it-h  (Delbrück 
2,511),  griech.  ye,  |uev  (ebd.,  S.  498,  506);  diejenigen  Adverbia,  die  nach  Brugmanns 
Ausdruck  (2,  524)  «von  Anfang  an  nicht  Glieder  eines  ganzen  Kasusparadigmas,  sondern 
isolierte  Satzwörter»  waren.  Auch  von  den  Partikeln  mögen  überdies  manche  erst  nach- 
träglich  zu  Pronominibus  oder  andern  Stämmen   in  Beziehung  gebracht  worden  sein. 


Isolierte  Wurzeln.  69 

Jedenfalls  blieben  eine  selir  große  Zalil  dieser  Indeklinabeln  auch  sonst  außerhalb  der 
Masse  des  Sprachstofls  und  verraten  damit  jene  Ursprünglichkeit,  die  bei  Einer  Gruppe 
von  Partikeln  mit  so  zweifelloser  Deutlichkeit  hervorspringt:  bei  den  Interjektionen. 
Daß  diese  (von  verschwindenden  späteren  Ausnahmen  wie  Herrgottl  u.  dgl.  aljgesehen) 
niemals  eigentliche  «Wurzeln»  hatten,  zu  keinem  Formen-  oder  Wortkreis  gehören,  auch 
nicht  einmal  gegenseitig  in  geregelten  Beziehungen  stehen  (wie  etwa  die  ortsbezeichnenden 
Adverbia  und  andere  «Correlativa»),  hat  man  nie  in  Frage  stellen  können.  Sie  mögen 
eine  vokalische  Skala  darstellen,  so  daß  wir  uns  «durchs  ganze  Alphabet  verwundern» 
können,  wie  Goethes  Jansen  im  «Egmont»  (Weim.  Ausg.  8,  249)  höhnt;  eine  syste- 
matische begriffliche  Skala  bilden  die  ah!  und  <ih!  nicht.  Sie  gehören  der  Zeit  vor  der 
logischen  Durchbildung  des  Sprachstoffes  an,  vor  jener  großartigen  unbewußten  Tätigkeit 
instruktiver  Grammatiker,  der  wir  die  Kategorien  unserer  Wort-  und  Formenbildung 
verdanken.  Denn  Steinthal  ging  doch  zu  weit,  wenn  er  die  Logik  ganz  aus  der 
Sprachbildung  heraus  verweisen  wollte:  der  Stoflf  ward  gewiß  von  der  Psychologie  ge- 
reicht, aber  von  der  Logik  bearbeitet.  Oder  sind  die  Tempora,  die  Genera  verbi,  die 
Unterscheidung  von  Casus  rectus  und  obliquus  nicht  auf  logische  Formeln  zu  bringen? 

Bei  den  Partikeln  liegt  nun  die  Ablehnung  alles  «Benennens>  auf  der  Hand: 
«Gefühl  ist  alles;  Name  ist  Schall  und  Rauch».  Und  so  schließt  sich  der  Kreis:  von 
den  optischen  Gebärden,  die  sich  zu  Pronominibus  umsetzen,  sind  wir  zu  den  akustischen 
gelaugt,  die  wir  als  Interjektionen  transkribieren.  — 

Wir  glauben  also  gezeigt  zu  haben,  daß  den  verschiedenen  Gruppen  ganz  oder 
teilweise  (durch  Fehlen  verbaler  P^ormen)  isolierter  Wurzeln  überwiegend  eine  gemein- 
same Eigenschaft  anhaftet:  die  individualisierende  Bezeichnung.  Das  Zahlwort  gibt 
nur  die  bestimmte  Zahl,  das  Pronomen  nur  den  Hinweis  auf  die  bestimmte  Person, 
der  Eigenname  nur  deren  Bezeichnung  und  die  geographischen  Termini,  die  Ver- 
wandtschaftsnamen, die  Appellative  fiir  gewisse  «usuelle  Singularia  lantuni»  geben 
kaum  etwas  anderes;  die  Partikeln  wieder  bedeuten  nur  bestimmte  Hinweise  oder  Ver- 
bindungen. Bei  den  Adjektiven  steht  es  allerdings  etwas  anders;  aber  auch  das  Eigen- 
schaftswort (was  die  Syntax  nur  zu  oft  verkennt)  individualisiert  das  typisierende  Appel- 
lativum:  «König»  ist  ein  Begriff,  dieser  aber  ist  «der  blinde  König»  —  als  gäbe  es 
unter  allen  Königen  nur  einen,  der  des  Augenlichts  entbehrt. 

Für  Worte  also,  die  einen  singulären  oder  doch  isoliert  gedachten  Begriff  aus- 
drücken, scheinen  oft  auch  singulare  oder  doch  isolierte  Wurzeln  vorhanden :  man  hat 
ihnen  einen  Namen  gegeben,  sie  aber  nicht  zu  andern  (iegcnständen  in  Beziehung  gesetzt. 

Ist  das  richtig,  so  würden  sich  zwei  wichtige  praktische  Folgerungen  ergeben. 
Erstens  für  die  Etymologie:  daß  es  eben  -Stämme  ohne  Etymon»  gibt,  an  denen  sie 
sich  nicht  länger  die  Zähne  auszubcißcn  braucht  —  ohne  Etymon,  das  heißt  auch  ohne 
ein  onomatopoetisch  nachgeahmtos  Klangbilil  als  Grundlage.  Zweitens  für  die  Sprach- 
geschichte: daß  sich  zusammenhängende  Gruppen  von  solchen  isolierten  Worten  finden, 
die  wir  dann  als  besonders  altertümlich  ansprechen  dürfen,  und  die  uns  hei  der  Chrono- 
logie besonders  auch  der  ursj)rachlichou  Wurzeln  und  Worte  gute  Dienste  leisten  können. 

Denn  das  ist  ja  klar,  daß  eine  «alleinstehende  isolierte  Wurzel?  (mau  verzeihe  die 
nur  scheinbare  Tautologie!)  gar  nichts  beweist.  Ihre  Sonderstellung  kann  ja  selbst- 
verständlich sekundär  sein,  wie  wir  das  bei  nhd.  Adjektiven  vom  Typus  alt  oder  ^<?/^ 
so  deutlich  vor  Augen  haben.     Aber   es   gilt   hier,  was  Schrader  gegen  Kretschmer 


70 


Josef  Slrzygowski. 


vortrefflich  ausgeführt  liat:    wo  ganze  Reihen   vorHegen,   beweist  jedenfalls   schon   die 
Existenz  dieser  Reihen  eine  sprachgeschichtliche  Tatsache. 

,  Leider  mußten  meine  eigenen  Betrachtungen  isoliert,  aphoristisch  bleiben ;  aber  sie 
sollen  ja  auch  nur  für  eine  umfassende  systematische  Aufnahme  und  Vergleichung  der 
idg.  Wortkreise  Stimmung  machen! 


Der  sigmaförmige  Tisch  und  der  älteste  Typus 

des  Refektoriums. 

Von  Josef  Strzygowski. 


Bei  meinen  Arbeiten  über  christliche  und  islamische  Kunst  in  Ägypten,  Winter 
1894/5  und  1901,  fielen  mir  Steinplatten  von  halbrunder  Form  mit  eigenartig  unter- 
brochener Randleiste  auf, 
die  in  den  Jahrhunder- 
ten vor  und  nach  dem 
Jahre  1000  unserer  Zeit- 
rechnung von  Christen 
und  Muhammedanern  als 
Grabsteine  benutzt  wor- 
den waren.  Da  der  Typus 
völlig  abwich  von  den 
sonst  von  Kopten  und 
Arabern  stereotyp  zur 
Anwendung  gebrachten 
Grabstelen ,  so  entstand 
für  mich  die  Frage,  wie 
das  Aufkommen  dieser 
sonderbaren  Abart  wohl 
zu  erklären  sei.  Ich  legte 
das  Material  schon  vor 
Jahren  in  einer  Zeitschrift 
niederS  die  leider  wenig 
beachtet  ist.  Es  wird  da- 
her erwünscht  sein,  wenn 
ich  hier  einleitend  noch- 
mals in  Kürze  darauf 
eingehe.  Die  halbrunde 
Form  schien  mir  damals  verständlich  aus  der  Verwendung  der  gleichen  halbrunden 
Platten  für  den  christlichen  Altar  in  den  halbkreisförmigen  Kirchenapsiden.  Was  ich 
nicht  verstand,  war  die  hartnäckig  wiederkehrende  Bildung  des  Randes.  Doch  auch 
dafür  ergab  sich  inzwischen,  allerdings  bei  ganz  unerwarteter  Gelegenheit,  die  Erklärung. 

'  Le  relazioiic   i\\    Salonn   coli'   Ei;itto.     Hulk-tliiio  di  archeologia  e  strn-ja  flaliuata.     l'JOl.    p.  ."jS— 05, 
Taf.  11 -IV. 


Abbildung  1.    Koptischer  Grah.slein  in  Kairo. 


Der  sigmaföiniige  Tisch  und  der  älteste  Typus  des  Refektoriums. 


71 


Dies  geschah,  als  icli  mit  oiucm  der  Herausgeber  dieser  Zeitschrift,  Rudolf  Meringer, 
gemeinsam  ein  Kolleg  über  den  Bauplan  von  St.  Gallen  las  und  das  mir  bekannte 
Material  über  die  Entwicklung  des  Refektoriums  im  Oriente  zusammenstellte.  Im  vor- 
liegenden Aufsatze  möchte  ich  über  diese  interessante  Reihe  von  Beobachtungen  be- 
richten und  zwar  in  dersell)en  Aufeinanderfolge,  in  der  mir  das  Material  selbst  seiner- 
zeit entgegentrat  und  mir  allmählich  das  Verständnis  des  Zusammenhanges  aufging. 
Ich  deute  das  Resultat  gleich  in  den 
Überschriften  der  einzelnen  .\l) 
schnitte  an. 

1.  DerTisch  als  christlicher 
Grabstein.  Im  ägyptischen  Mu 
seum  zu  Kairo  l)efindet  sich  ein 
Grabstein  (Abb.  1)  (Crum  8706)i  in 
Alabaster  (Crum  Marmor),  0,9U  m 
breit,  1  m  hoch.  Die  oben  halb- 
runde Platte  wird  von  einem  breiten 
Rande  umzogen,  der  unten  in  der 
Mitte  zwischen  den  abgerundeten 
Enden  eine  Unterbrechung  zeigt,  die 
dem  Niveau  des  tiefer  liegenden 
Mittelfeldes  entspricht.  Dieses  Mit- 
telfeld ist  eng  beschrieben  mit  einer 
koptischen  In.schrift,  die  außer  Zweifel 
stellt,  daß  es  sich  um  den  Grabstein 
eines  CoYÖ?  Kosmas  aus  dem  Jahre 
786  n.  Chr.-  handelt.  ^  Auf  die  wild 
entartete    Palmettenraukc,    die   den 


Abbildung  -2.    Arabischer  Grabstein  in  Damaskus. 


'  Coplic  monumeuts.  (latalogue  gcii. 
des  antiquites  egyptiennes  au  nuisee  du  Caire. 
Le  Caire  1902.  p.  144,  i.l.  LV.  Dort  auoli 
weitere  Literatur. 

'-'  k'h  teile  die  liiscliril'l  in  der  tVeuiid- 
licli  von  Clarl  Scbniidt  l)esiirgten  Übersetzung 
mit :  Wenn  vorhanden  ist  ein  heiliger  Prophet 
(itpo'ffiTYi?),  welcher  «Klagelieder»  zu  schrei- 
ben verstellt,  so  möge  er  sich  stellen  mit  mir  (?  uns)  an  diesem  Teile  ((ispoc).  Wenn  Jemand  vorhanden. 
der  zu  weinen  versteht  mit  den  Weinenden,  auch  dieser  möge  zu  uns  sich  rechnen.  Wenn  Jemand  vor- 
handen, der  den  Verlust  (V)  seines  eigenen  Hauptes  empfindet  (ahtt-ävscfl-ai),  s<i  möge  er  sich  zu  uns  pe^Uen. 

Wer  wird  geben  Wasser  auf  mein  Haupt  und  Thntnenquelle  (-riY-f|)  auf  meine  Augen  (cf.  Jerem.l. 
auch  daß  ich  weine  über  die  Rotrübnis,  welche  uns  deinetwegen  ergriflen  hat.  O  der  süße  und  in  seinen 
Worten  gütige  i^angenehme)  Kosnui,  der  C'J'fö?  (Bezeichnung  des  Handwerkes  resp.  des  Amtes),  welcher  liegt 
in  diesem  Grabe  (xäfo?),  der  Verständige  (-lü-^poiv)  und  in  seinem  Geschlechte  (vsvoct  Glänzende,  der  be- 
riilimt  ist  unter  denen,  welche  (öffentlich)  bekannt  sind,  und  der  blühend  wie  eine  Rose,  indem  er  ergütil 
(tepitetv)  in  seinem  Hause  und  man  sich  freut  über  sein  gute^  Wesen. 

Plötzlich  ein  Moment  (äfviS-.ov)  erfafite  ihn  auf  Refehl  (xsXsaai?)  Gottes:  er  vollendete  (starb)  durch 
die  Baruiherzigkeit  Gottes  ohne  irgend  welche  Unruhe  (Bestürzung).  Seine  kurze  F^bensdnuer  erlosch  ge- 
schwind, er  wurde  wie  das  Gras  ()(öpTo;),  welches  verdorret  und  dessen  Bhnne  abteilt  (cf.  Jes.  40,7\  Er 
ließ  in  großer  Betrübnis  zurück  seine  Brüder  und  ging  hinauf  zu  Gott  mit  dem  Siegel  (jipiTi;!  des  Christen- 


72 


Josef  Strzyguwski. 


Rand   schmückt,   gehe   ich    hier   nicht   weiter  ein;    sie  läßt  sich   ähnlich   auch  in  kop- 
tischen Handschriften  nachweisen. 

Ein  zweiter  Grabstein  gleicher  Art  in  grauem  Stein,  0,93  X  0,94  ra  groß,  findet 
sich,  aus  vier  Fragmenten  zusammengesetzt,  im  griechisch  römischen  Museum  zu  Alexan- 
dria.^  Form  und  Rand  genau  gleich  dem  vorhergehenden,  die  Palmettenranke  ist  noch 
barbarischer  eingeritzt.  Das  Mittelfeld  füllt  eine  ähnliche  Inschrift,  datiert  in  das 
Jahr  796.^ 

Einen  dritten  (irabstcin  dieser  Art  fand  ich  als  Altarplatte  im  Kloster  Abu  Hennis 
beim  alten  Antinoe  verwendet.  Er  nennt  eine  gewisse  Febronia  und  ist  75U  n.  Chr. 
datiert. ä  Ein  verwandter  Grabstein  im  Berliner  Museum  ist  viereckig;  die  Inschrift  ist 
veröffentlicht  von  Steindorff  (Ägyptische  Zeitschrift  XXXVIII,  57).  Für  einen  Grabstein 
sehe  ich  auch  eine  halbrunde  Platte  aus  Kalkstein  im  Museum  zu  Kairo  (Inventar 
No.  35184)  an,  in  deren  vertieftem  Mittelfelde  zwei  Oranten,  die  größere  Gestalt  weib- 
lich, dargestellt  sind, 
überihnen  das  Kreuz.'* 
2.  Der  Tisch  als 
arabischer  Grab- 
stein. Ich  kenne  in 
Ägypten  drei  Grab- 
stelen von  der  typi- 
schen Form  mit  ara- 
bischen Inschriften. 
Einen  vom  Jahre  1027 
in  Derr  in  Nubien, 
85  X  85  cm  groß.  Es 
ist  der  Grabstein  einer 
gewissen    Fatima.^ 

Einen  zweiten  in  derselben  Moschee  in  Derr  vom  Jahre  113G,7.    Er  gehört  dem  Scherif 
Abul  Hassan  Muhammad.    Einen  dritten  vom  Jahre  1259  in  der  Qaräfah  bei  Kairo,  dessen 


A.J.B 


SCALE    OF  FEET 

AbbilJun 


Koptische  Altarplatten. 


tums  (/f.sTLavöc).  —  Ein  .ledt'i-  aber  PA),  welcher  stehen  wird  bei  ihm,  bete  für  ihn,  damit  er  erlange  die 
Gnade  Chiisti. 

Er  entschlief  aber  (oi)  am  7.  des  Monats  Phamenoth  der  '.).  Indiction  im  .1.  502  von  Dioclelian. 

'  Abbildung  im  Bullettino.     Dort  auch  weitere  Literatur. 

2  Die  Inschrift  lautet  in  der  Übersetzung,  die  Carl  Schmidt  freundlich  für  mich  angefertigt  hat:  O, 
was  ist  das  für  eine  Trennung!  O  Gang  in  die  Fremde,  weil  über  (n'/pd)  alle  Maßen!  0  Fahrt  (jtXeEv), 
beschwerlich  um  zum  Ufer  zu  gelangen!  Das  Meer  (a-äXaGocf.)  ist  breit  und  seine  Wogen  sind  wild  (ä-fpioO, 
klein  aber  (?s)  ist  mein  Nachen  {zv-ifoi;),  d.  i.  die  Tugend  meines  Korpers  (aü)|xa)  und  meine  kurze  Leben.sdauer. 

'  Die  koptische  Inschrift  lautet  nach  Carl  Schmidt:  «Das  ganze  Leben  (^to;)  des  Menschen  gleicht 
einem  Rauche  (xäicvo;)  und  alle  Sorgen  dieses  Lebens  (ßio?)  sind  wie  ein  Schatten,  der  sich  senkt.  Alle 
Werke  Gottes  sind  uncrforschlich  und  in  gerechtem  Gericht  sind  die,  welche  vor  ihm  (sc.  Gott)  sich  befinden. 
Indem  nun  (ouv)  die  Zeit  eintraf,  daß  ich  den  Körper  (3iü|j.a)  ablegte,  kam  über  mich  seine  (sc.  des  Körpers?) 
Furcht,  da  ich  mich  zur  Erde  gewandt  nach  ''-/.'/.to.)  Art  meiner  Eltern.  Gedenke  nun  (oyv)  meiner,  der  un- 
glückUchen  (taXaliiujpos)  Febronia,  möge  Gott  Erbarmen  mit  mir  haben,  die  ich  entschlief  am  il.  des  Monats 
Epiphi  des  Jahres  466  ab  (aitö)  Diokletian.» 

■*  Abb.  in  meinem  Teil  des  Catalogue  gen.  »Koptische  Kunst»,  S.  102. 

^  Die  Inschrift  lautet  in  der  Übersetzung  von  C.  H.  Becker:  Deine  geringe  Magd  Fatima,  die  Tochter 
des  Husain  b.  Muhammed  b.  Ali  b,  Harun  b.  Abdallah,  verzeihe  ihr  und  sei  ihr  gnädig.  Sie  starb  in  der 
Nacht  des  22.  Ramadan  im  Jahre  vierhundertundachtzehn  (418). 


Der  sigmaförmige  Tisch  und  der  älteste  Typus  des  l'iefektoriums. 


73 


Inschrift  den  Coraischiten  Abd-ar-Rahmäu  nennt. ^  Ich  habe  alle  drei  Stelen  auf 
Tafel  IV  meines  Aufsatzes  im  BoUettino  dalmato  abgebildet.  Hier  sei  nur  eine  Photo 
grapliif  reproduziert  (Abb.  2),  die  ich  dem  Legationsrate  Freiherrn  Max  von  Oppenheim 
verdanke.  Die  Stela  hat  besonderen  Wert,  weil  sie  nicht  aus  Ägypten,  sondern  aus 
Syrien  stammt.  Sie  befindet  sich  in  der  Derwischije  Moschee  in  Damaskus.  Mau 
sieht  den  Außenrand  mit  der  Inschrift  und  den  halbrunden  Enden  unten  in  der  Mitte. 
Darin  einen  zweiten  unten  jedoch  verschlossenen  Rahmen,  ebenfalls  mit  einer  Inschrift. 
Nach  Mitteilungen  von  Max  van  ßerchem, 
dem  Bearbeiter  der  Oppenheimschen  Auf- 
nahmen, geben  diese  Inschriften  nur  Koran- 
sprüche. Zur  Datierung  muß  daher  die 
zweite  Platte  der  Derwischije  herangezogen 
werden,  deren  Inschrift  leider  sehr  zerstört 
ist.  Der  Eigenname  ist  nicht  mehr  zu 
lesen,  doch  sind  die  Steine  nach  den  Titeln 
471-488  d.  H.  (1070—1095  n.  Chr.)  zu 
datieren.  Die  Moschee,  in  der  sie  sich 
heute  befinden,  ist  viel  jünger.  Auch  die 
Ornamente,  die  in  Abb.  2  die  Platte  um- 
geben, haben  natürlich  ursprünglich  mit 
dem  Tisch,  bezw.  dem  Grabstein  nichts 
zu  tun. 

3.  Der  Tisch  als  christliche 
Altarplatte.  Es  war  oben  davon  die 
Rede,  daß  der  Grabstein  der  Febronia  sich 
heute  als  Altarplatte  in  ^'erwendung  fin- 
det. Das  ist  nicht  Zufall.  Schon  Butler'-' 
hat  festgestellt,  daß  solche  halbrunde  Stein- 
platten mit  dem  unten  durchbrochenen 
Rande  in  koptischen  Kirchen  ganz  all- 
gemein als  Altarplatten  \'erwondung  linden. 
Ich  gebe  nebenstehend  seine  Aufnahme 
(Abb.  3).  Links  der  Typus,  wie  er  auch 
unter  den  Grabsteinen  vorherrschend  ist, 
rechts  die  seltenere  Form,  wie  sie  in  dem 

Berliner  Grabstein  vorliegt,  wo  das  Halbrund  nach  außen  ins  Rechteck  überführt  ist. 
Bezeichnend  der  Querschnitt:  das  tiefer  ausgebettete  Mittelfeld  mit  der  im  gleichen 
Niveau  liegenden  Otl'nung  unten.  Ich  sah  selbst  drei  oder  vier  solcher  Altäre  in  Kairo, 
einen  im  Deir  Moharag.  einen  in  schwarzer  Breccia  in  der  el-IIadrakirche  des  Deir 
Surjani  an  den  Natronseen  u.  a.  0.  Im  allgemeinen  kann  gelten,  daß  die  Altarplatte 
entgegen  dem  Grabstein  ohne  Inschrift  ist.  Ich  habe  daher  eine  solche  Marmorplatte, 
die  ich  im  Bestände  des  ägyptischen  Museums  in  Kairo  fand  (Cataloguo  No.  8700)' 
0,71  X0,71in  groß,  0,10  m  dick,  mit  einem  0,ti05  m  tiefen  Mittelfelde  aus  Aschmuuein 

'  Bercliem,  Corpus  inscr.  aral)..  p.  117.  —  -  The  ancicnt  coptic  churchos  of  Egypt  11.  p.  S. 
'  Slrzygowski,  Koptische  Kunst,  .S.  W-2. 
Wörter  und  Siicbou.    J.  1** 


Abbildung  i.     Reliel'platte  iu  A^rr.i; 


74 


JüSL'l'  Strzygüwski. 


Stammend,  als  Altarplatte  katalogisiert.  Das  interessanteste  Stück  dieser  Gattung  wurde 
in  Salona  gefunden  und  befindet  sich  heute  im  Museum  zu  Agram  (Abb.  4).  Aus  Frag- 
menten ließ  sich  dort  die  Hälfte  einer  halbrunden  Marmortafel  zusammensetzen,  die  als 
Ganzes  1,28  m  im  Quadrat  gemessen  haben  dürfte,  der  Rand  ist  0,1;')  m  breit.  Auf  ihm 
sieht  man  in  Relief  dargestellt  acht  Arkaden,  die  wohl  auf  siebzehn  zu  ergänzen  sind. 
Zu  erwarten  wäre  oben  in  der  Mitte  Christus.  Links  von  ihm  ist  noch  erhalten  Petrus 
mit  dem  Kreuz,  rechts  dürfte  die  traditio  legis  mit  Paulus  dargestellt  gewesen  sein.  Es 
bleiben  dann  noch  vierzehn  Bogen.    Die  Figur  hinter  Petrus  hat  im  Gegensatz  zu  allen 


Abliilduny  .").     Atlio.s.  Kl(].ster  Laura;  Innenansicht  der  Trapeza. 

übrigen  keine  Rolle  in  den  Händen ;  nach  der  Bewegung  der  Rechten  ist  es  die  typische 
Figur  des  «Zeugen»,  wie  er  so  häufig  auf  P^'xiden  vorkommt.^  Mau  möchte  also  glau- 
ben, daß  da  die  zwölf  Apostel  mit  dem  Stifter  oder  dergleichen  dargestellt  waren.  Dazu 
kommt  die  in  der  Deutung  sichere  Jonasszene  am  unteren  Rande:  der  Walfisch,  der  den 
Jonas  ausspeit.  Dieser  trägt  den  Ölzweig  als  Zeichen  der  Erlösung  in  der  Hand.  In 
der  Ecke  ein  Kopf;  will  man  ihn  deuten,  das  heißt  nicht  einfach  wie  die  Akroterien 
auf  Sarkophagen  rein  dekorativ  nehmen,  so  ließe  sich  im  Zusammenhang  mit  der  vor- 
auszusetzenden Situation,  dem  Schwimmen  ans  Ufer,  an  einen  "Windgott  denken,  der 
die  Gruppe  ans  Ufer  treibt.  Die  Platte  vertritt  dieselbe  Kunstrichtung  wie  etwa  die 
ravennatischen  Sarkophage  oder  die  Elfenbeinpyxiden,  d.  h.  sie  stammt  wohl  aus  der 
antiochenisch-alexandrinischen  Kunstsphäre  und  gehört  etwa  dem  IV. — VI.  Jahrliundert 


'  Vergl.  die  Zusammenstellung  bei  Garrucci,  Storia  dell'arle  cristiana,  Bd.  VI. 


Der  siginaföimige  Tisnli  und  der  älteste  Typus  des  Refektoriums. 


I.J 


an.  Ich  sehe  sie  wegen  ihrer  Form  und  der  Ähnlichkeit  des  Zyklus  mit  deu  Pyxiden 
für  eine  Altarplatte  an.  Sie  M-äre  dann  wohl  die  älteste  Platte  dieser  Art,  die  uns  er- 
halten ist. 

4.  Der  Klostertisch.  .Ms  ich  im  Jahre  1888  den  Athos  bereiste,  war  mir  das 
bisher  vorgelegte  Material  noch  nicht  bekannt.  Ich  übersah  daher  in  meinem  Aufsatze 
im  Bullettino  dalmato,  daß  die  Trapeza  der  Lavra  Marmortafeln,  wie  ich  sie  oben  als 
Grabsteine  und  Altarplatten  vorgeführt  habe,  als  Speisetische  nebeneinandergereiht  zeigt. 
Erst  als  ich   dem  Typus   des   ältesten 

Refektoriums    nachging,   kam   ich   auf  -         .-'''' 

dieses  entscheidende  Glied  in  der  vor- 
geführten Tatsachenkette.  Man  ver- 
gleiche die  zahlreichen  Innenansichten 
der  Trapeza  von  Lawra  in  der  ras- 
sischen Monographie  über  den  Athos 
von  Kondakov.  Ich  gebe  hier  (Abb.  5) 
nur  eine  Aufnahme  der  Eingangsseite, 
in  der  die  Tischform  selbst  vielleicht 
nicht  so  deutlich  ist,  wie  in  den  übri- 
gen Photographien;  doch  kommt  gerade 
hier  die  Anordnung  am  deutlichsten 
heraus.  Man  sieht,  wie  unsere  halb- 
runden Platten  mit  dem  Bogen  nach 
der  Wand  zu  auf  Untermauerungen 
gelegt  und  durch  Bänke  getrennt  sind, 
die  immer  für  zwei  Tische  zugleich 
gelten.  A^bb.  6  zeigt  eine  Grundriß- 
skizze des  ganzen  Gebäudes,  die  Barsky 
(zwischen  1728—1744)  angefertigt  hat.' 
Die  Tische  sind  ganz  richtig  in  der 
Form  angegeben ;  auch  ist  bei  keinem 
der  nach  dem  Mittelgange  geoll'uete 
Rand  vergessen.  Es  stehen  diese  ge- 
drängt in  acht  Paaren,  im  ganzen  also 
It)  Tisclie  in  zwei  Reihen,  der  17.  er- 
scheint allein  in  der  Apsis.  Merkwürdig  ist  die  Analogie  ihrer  Anzahl  mit  der  Platte 
in  Agram,  Außerdem  aber  sind  noch  einfache  Längstische  vorhanden  in  den  Ecken 
neben  der  Apsis  imd  von  verschiedener  Gestalt  in  den  beiden  Querschitfen. 


Alitiililung  0. 


Athos,  Kloster  Lawnx:  Grundriß  der 
Trapeza  nach  Barsky. 


an  der  linken  Längswand  das  Pult  des  Vorlesers  und  in  der  Mitte 


Man  sieht 
die  unter  Vorantritt 


des  Ilegumenos  abziehenden  Mönche. 

f).  Das  Refektorium  der  dreizehn  Tische.  Nachdem  die  Beobachtungen  ein- 
mal soweit  gediehen  waren,  ließ  sich  erwarten,  daß  man  bei  Erbauung  der  Speisesale 
von  Klöstern  direkt  auf  die  Form  der  Tische  Rücksicht  nahm.  Das  scheint  tatsächlich 
der  Fall  gewesen  zu  sein  bei  einer  Trapeza,  die  sich  in  dem  in  Ruinen  liegenden  Kloster 

'  Nacli  de  Beyli«!',  L'habitation  liyzanlino.  p.  CC,.  Vord.  .Ion  liculifren  Zustand  Iwi  Brockhau«.  l>io 
Kunst  in  don  Allioskliislorn,  S.  I!t. 


76 


Josef  Strzygowski. 


von  Dan  bei  Mendeli  in  Attika  erhalten  hat.  Ich  gebe  (Abb.  7)  eine  Aufnahme  nach 
dem  Auniial  of  the  British  school  of  Athens  IX  (1902/3),  pl.  XV.  Man  sieht  einen 
außen  rechteckigen  Saal,  in  dessen  Wände  dreizehn  gleich  große  Nischen,  abgesehen 
von  kleineren,  eingeschnitten  sind.  Eine  befindet  sich  in  der  Mitte  der  östlichen 
Schmalwand  dem  Eingänge  gegenüber,  die  andern  sind  einander  paarweise  entsprechend 
zu  je  sechs  in  die  Längswände  gelegt.  Denkt  man  sich  die  Tische  in  die  Buchten,  so 
wird  der  Platz  zwar  unbequem  und  eng,  aber  gerade  diese  Rücksichtslosigkeit  würde 
belegen,   daß  hier  wohl  ein  gewisser  traditioneller  Zwang   am  Werke  war.     Ein  zweites 

Beispiel  findet  sich  ebenfalls  in  Attika  vor 


den  Toren  Athens.  Es  ist  die  nur  im 
Grundriß  feststellbare  Trapeza  im  Kloster 
Daphni  (Abb.  8).'  Wir  sehen  wieder  den 
langen  Saal,  der  (auch  außen)  mit  einer 
Apsis  schließt.  In  den  Längswänden  sind 
wie  in  Dau  je  sechs  Nischen  ausgespart, 
nur  sind  es  Flachnischen  von  eckigem 
Grundriß.  Das  Halbrunde  der  Tische  ist 
also  viereckig  ergänzt  zu  denken,  wie  das 
ja  in  den  Grabsteinen  und  Altarplatten  nacli- 
gewiesen  wurde.  Die  Trapeza  von  Daphni 
gehört  dem  XI.  Jahrhundert  an,  diejenige 
von  Dau  dürfte  eher  älter  sein.  Die  mit 
Daphni  etwa  gleichzeitige  Trapeza  des 
Klosters  Hosios  Lukas  in  Phokis  scheint 
nach  der  Aufnahme  von  Rodeck  keinen 
Bezug  auf  das  Abendmahl  aufzuweisen 
(Schultz  and  Barnsley,  The  monastery  of 
Saint  Luke,  p.  13).  Der  Grundriß  von 
Daphni  kommt  leicht  zustande  bei  ein- 
schiffigen Kirchen  mit  Pfeilervorlagen  im 
Innern,  so  z.  B.  auf  Kreta  (Gerola,  Monu- 
ment! veneti  nell'  isola  di  Greta  II,  p.  54). 
Es  bedarf  wohl  keines  Beweises,  daß 
diese  typische,  offenbar  schon  im  Bauplan 
vorgesehene  Beschränkung  auf  12  Tische 
mit  dem  13.  für  den  Vorsitzenden  in  der  Apsis  sj'm bolischen  Bezug  auf  das  Abend- 
mahl Christi  hat.  Diese  Wendung  führt  auf  den  wahrscheinlichen  Ursprung  der  Tisch- 
form überhaupt. 

6.  Der  sigmaformige  Abendmahlstisch.  Im  ersten  Jahrtausend  unserer  Zeit- 
rechnung galt  der  Tisch,  an  dem  Christus  mit  den  Jüngern  das  Abendmahl  nahm,  für 
halbrund.  Man  dachte  sich  die  Jünger  auf  dem  Sigma,  d.  h.  den  halbrund  angeord- 
neten Gestellen  gelagert,  mit  einem  den  Tischrand  umziehenden  Polster,  auf  das  sich 
die  Apostel  mit  einem  Arm  stützten,  während  sie  mit  dem  andern  aßen.  Beweis  für 
diese  Auffassung  sind  die  Darstellungen  des  Abendmahls,   soweit  sie  der  Zeit  vor  dem 

'  Nach  Millet,  Le  raonastere  de  Daphni,  pl.  11. 


■  sm-Ha;;  cr-MCfSöTERy: 


jo«.;4-*- 


—4 — - 


Abhilduiig  7.    Kloster  Dau  in  Attika:  Die  he.xa- 

gonalc  Kirche  und  das  Refektorium  mit 

13  Tischen. 


Der  sigmaförmige  Tisch  und  der  älteste  Typus  des  Refektoriums. 

Jahre  1000  etwa  angehören,  also  z.  B.  in  einem  Mosaik  von  8.  Apollinare  nuovo  in 
Ravenua,  auf  einer  Elfenbeintafel  im  Dom  zu  Mailand,  im  Codex  Rossanensis  in  Ka- 
labrien,  in  dem  Petersburger  Evangeliar  No.  21,  in  einem  Mosaik,  das  sich  einst  im 
Oratorium  Johannes  VII.  in  Rom  befand  u.  s.  f.'  Ich  will  dem  I^eser  hier  nur  das 
Mosaik  aus  S.  Apollinare  nuovo  vorführen,  weil  es  uns  gleich  eine  weitere  Schluß- 
folgerung gestattet.  In  Abb.  9  sieht  man  in  der  Mitte  den  halbrunden  Tisch,  um- 
geben von  der  sigmaförmigeu  Kline.  Darauf  liegt  links  Christus,  erkennbar  an  der 
Gewandfarbe  und  dem  großen  Kreuzuimbus;  an  ihn  anschließend  um  den  Tisch  herum 


Ih^ 


PLAN  DU  MONASTERC 


Abbildung  8.     .Vtlioii.  Kld^ler  Oa]ihni:  Kinhe  uiiil  Refektoriuni. 

die  Apostel.  Der  Tisch  ist  durch  die  beiden  großen,  auf  einer  Schüssel  liegenden  Fische 
und  die  Brote  ringsum  als  Speisetiscli  gekennzeichnet.  Doch  leitet  er  gleichzeitig  auf 
den  Altar  über,  weil  über  ihn  die  typische  Altardecke  jener  Zeit  (Antaug  des  VI  Jahr- 
hunderts) gebreitet  ist.* 

Nachdem  ich  das  Material  in  dem  Umfange,  als  es  mir  für  die  Lösung  der  Frage 
nach  dem  ältesten  Typ\is  des  Refektoriums  nötig  erscheint,  vor  dem  Leser  ausgebreitet 
habe,   gehe   ich  nun  über   zur  systematischen  ^■o^f(du■uug   der   gauzen  Entwicklujig  — 

'  Das  Material  findet  sich  trefflich  zusaniniengcstelll  von  Dobberl  im  Repcrtorium  fUr  KunMwi-sscn- 
Schaft  XIV,  1751".  —  -  Verjjl.  z.B.  das  Mosaik  von  .Abel  und  Melchisedek  Iwim  Opfer  in  S.  Vitale  in  Ba- 
venna   (.Vbb.  bei  Garrucci  a.  a.  0.  IV). 


78 


Josef  Strzygowski. 


soweit  sie  mir  klar  zu  liegen  scheint.  Archäologen  und  Philologen,  Sach-  und  Sprach- 
forscher werden  im  einzelnen  wie  im  ganzen  manches  anders  zu  stellen  haben.  Der 
Kunsthistoriker  sucht  im  gegebenen  Falle  lediglich  den  Anstoß  zu  geben,  wie  er 
sonst  so  oft  von  Anregungen  anderer  Wissensgebiete  ausgeht.  Wenn  ich  recht  verstehe, 
will  ja  die  vorliegende,  neubegründete  Zeitschrift  gerade  diesem  gesunden  Austausche 
ilienen. 

Ausgangspunkt  der  Entwicklung  scheint  mir  der  sigmaförmige  Tisch.  J)a  man 
glaubte,  Christus  halje  ihn  beim  Abendmahl  benützt,  so  begreift  sich  leicht,  daß  die 
Gestalt  dieses  Tisches  auch  auf  den  Altar  überging.  Es  hat  übrigens  möglicherweise 
nicht  einmal  des  Vorbildes  Christi  bedurft.    Da  man  noch  im  4.,  5.  und  ß.  Jalirhundert 

auf  dem  Sigma  zu  Tische 
lag  —  man  lese  den  Be- 
richt über  ein  Gastmahl  bei 
Kaiser  Maximus  in  Trier 
3S6',  ein  Mahl,  das  4öl 
Kaiser  Majorianus  in  Arles 
gab'-  oder  eine  ßeschrei- 
I  lung  des  Gregor  von  Tours* 
—  so  muß  die  zugehörige 
Tischform  auch  damals 
noch  im  Gebrauch  gewesen 
sein.  Liutprand  «lag»  noch 
im  Jahre  949  bei  einem 
Festmahle  in  Konstanti- 
nopel zu  Tische.*  Da  der 
christliche  Gottesdienst  ur- 
sprünglich nichts  anderes 
war  als  ein  Mahl  zum  Ge- 
dächtnis an  die  gleiche 
Feier  Christi  mit  seinen 
Jüngern*,  so  mag  die  Tisch- 
form sich  von  vornherein  als  selbstverständlich  eingebürgert  haben  und  so  aus  dem 
Tisch  allmählich  zwanglos  der  Altar  geworden  sein.  Es  ist  daher  begreiflich,  daß  man 
auf  die  Idee  kommen  konnte,  anzunehmen,  der  Altar  in  halbkreisförmiger  Gestalt  sei 
das  primäre  und  die  Urheber  der  eben  genannten  Abendmahlsbilder  hätten  eben  diese 
Form  der  Altäre  nachgeahmt.''  Dabei  wurde  auf  einen  halbkreisförmigen  Altar  im 
Museum  zu  Clermont  hingewiesen.  Wie  dem  auch  immer  sei,  jedeufaüs  kann,  wie  ich 
ursprünglich  annahm,  bei  der  bis  auf  den  heutigen  Tag  anhaltenden  Behebtheit  für 
die  halbrunde  Altarplatte  in  Ägypten  auch  mitgesprochen  haben,  daß  der  sigmaförmige 
Tisch  sich  vorzüglich  für  die  übliche  Aufstellung  in  einer  halbrunden  Apsis  eignete. 


Abbildung  0.    Raveiiiw,  S.  ApoUiiiare  nuovo:  Mosaik  des  Abeiidmald' 


'  Sulp.  Sev.  de  vita  beati  Martius,  c.  i23.  —   -  Sidon.  A))oll.  epist.  I,  11. 

'  Miraculoram  lib.  I,  80,  Maxima  biblioth.  patrum  Lugd.  1077,  Vol.  XI,  p.  852.     Vergl.  Doljbert,  Reper- 
torium  für  Kunstwiss.  XIV,  S.  186  f;  —  *  Liutprand,  Avtapodosis  VI,  8. 

■'■  Die  Religion  in  Gesibiphte  und  Gegenwart,  S.  .51  f.     Witting,  Die  Anfänge  christl.  Arcbiteklur.  S.  74. 
<=  Roliault  de  Fleury,  La  Messe,  Rd.  I,  S.  164  f. 


Der  sigmaförmigc  Tiscli  und  der  älteste  Typus  des  Refektoriums.  79 

Wie  ist  nun  rlie  Verwendung  solcher  Platten  als  Grabstein  zu  verstehen?  Es  \nrd 
(laljei  vielleicht  auszugehen  sein  von  der  Tatsache,  daß  in  der  linken  Seitenapsis  des 
Deir  Abu  Hennis  als  Altarplatte  die  Grabstela  der  Febronia  verwendet  ist.  Ursprüng- 
lich mögen  auf  Altären,  die  über  den  Gräbern  oder  Reliquien  von  Märtyrern  errichtet 
wurden*,  ähnliclie  Inschriften  angebracht  worden  sein,  wie  auf  Grabsteinen,  d.  h.  die 
Altarplattc  selbst  zum  Grabstein  gemacht  worden  sein.  Es  mag  daher  in  manchen 
Gegenden  von  Ägypten  und  Syrien  Sitte  geworden  sein,  Grabsteinen  nach  Art  der  Mär- 
tyrergräber die  Form  einer  Altarplatte  zu  geben.  Man  mochte  glauben,  den  Verstor- 
benen damit  ähnlich  pietätvoll  zu  ehren,  wie  einen  -Märtyrer.  Die  Muhammedaner 
werden  zu  dem  Brauche  kaum  anders  als  durch  Nachahmung  oder  Verwendung  christ- 
licher, vom  Lager  weggekaufter  Grabsteine  gekommen  sein. 

Konnte  ich  bisher  nur  Meinungen  äußern,  so  komme  ich  auf  etwas  festeren  Boden, 
sobald  wir  vom  Altar  und  Grabstein  weg  auf  das  Refektorium  übergehen.  Hier  handelt 
es  sich  zunächst  einmal  um  den  richtigen,  rein  materiellen  «Speisetiscb.  Ich  glaube  nun. 
daß  einige  auffallende  Merkmale  der  oben  publizierten  Steinplatten  sich  ausschließlich 
aus  dieser  Bestimmung,  d.  h.  als  i'ein  praktische  Vorkehrungen  erklären  lassen.  Ich  meine 
damit  den  Rand  und  die  eigentümliche  Art,  in  der  er  unten  geöffnet  ist.  Es  wird  ja 
vielleicht  auf  den  ersten  Blick  scheinen  können,  als  wenn  damit  die  ursprünglich  um 
den  Tiscli  herumlaui'ende  Polsterung  in  Stein  nachgeahmt  wäre.  Und  tatsächlich  mag 
die  Breite  des  Randes  und  seine  sanfte  Rundung  aus  diesem  Ersatz  zu  erklären  sein. 
Aber  im  allgemeinen  handelt  es  sich  doch  vor  allem  um  einen  Rand  für  das  tiefer- 
liegende Innenfeld,  auf  das  die  Speisen  gestellt  und  auf  dem  sie  geteilt  und  verzehrt 
wurden.  Der  Rand  sollte  verhindern,  daß  die  Reste  nach  allen  Seiten  verworfen  würden. 
Beweis  dafür  eben  die  «untere»  Öffnung.  Ich  nahm  diese  Orientierung  von  den  ver- 
tikal aufgestellten  Grabsteinen.  In  Wirklichkeit  liegen  die  Speiseplatten  horizontal, 
die  gerade  Seite  ist  vorn,  die  gekrümmte  Seite  hinten  zu  denken.  War  die  Mahlzeit 
beendet,  dann  kehrte  der  Diener  das  Innere  jeder  Tischplatte  ab  und  fegte  die  ge- 
sammelten Reste  durch  die  vordere  Öffnung  in  einen  Korb  oder  dergleichen.  Die  Eigen- 
art der  Platte  ist  also  rein  aus  Zweckmäßigkeitsgründen  unter  Voraussetzung  freilich 
der  signiMlVh'migen  Gestalt  des  Tisches  zu  erklären. 

Man  blicke  nun  nochmals  zurück  auf  die  .Vbli.  5  und  U,  die  Trapeza  in  der 
athonischen  Lawra:  die  Tische  liegen  so  auf  den  Untermauerungen,  daß  die  halb- 
runde Seite  stets  nach  der  Mauer,  die  gerade  mit  der  Öffnung  des  Randes  nach  dem 
Mittelgange  zu  gerichtet  ist.  Der  scheuernde  Diener  brauchte  also  nur  von  diesem 
Mittelgange  aus  an  jeden  Tisch  heranzutreten,  um  ihn  reinigen  zu  können.  Mau  sieht, 
wie  praktisch  die  Refektorien  eingerichtet  waren.  Die  tj-pische  Grundform  wird  die 
sein,  daß  die  Breite  des  Saales  und  seine  Länge  Rücksicht  auf  die  erforderliche  Menge 
solcher  Tischplatten  mit  der  zugehörigen,  nach  zwei  Seiten  zu  benutzenden  Bank  nimmt. 
Ich  verstehe  jetzt,  warum  die  alten  Refektorien  immer  so  auffallend  schmal,  dafür  aber 
überaus  lang  gebildet  sind.  Ich  führe  als  Beispiel  den  endlos  laugen  Saal  im  Schenute- 
kloster  bei  Sohag  an,  das  wohl  noch  aus  dem  Anfange  des  V.  Jahrhunderts  stammt-, 
oder  den  Saal  des  Kaiolingischcn  Klosters  zu  Münster  in  Graubüuden',   der  in  beiden 

'  Vergl.  Lucius,  Die  Anfiiiifre  des  Heiligenkultes,  S.  ü'i. 

-  firundiiß  bei  de  Bock.  Materiaux  pour  servire  a  l'arch^olopie  de  l'Egj-pte  cliretienno.  p.  4'.». 

'■'  Zeiiip,  t)as  Kloster  Sl.  Johann  zu  Münster,  S.  17,  Kunsldenkm'der  der  Schweiz.  XK..  V  VI. 


80 


Th.  Bloch-Kalkulta. 


Fällen  sich  die  ganze  Länge  der  danebenliegendeu  Kirche  entlang  zieht  und  wie  ein 
langer  Gang  aussieht.  Im  Schenutekloster  ist  der  Saal  auf  ca.  57  m  nur  8  m  breit, 
in  Münster  auf  19,60  m  (ohne  Apsis)  nur  4  m  breit. 

Eine  feste  Gestalt  in  Länge  und  Breite  gewann  der  Speisesaal  nur  dann,  wenn 
er  —  was  als  Ideal  angestrebt  worden  sein  dürfte  —  symbolisch  Bezug  nahm  auf  das 
Abendmahl  Cliristi,  also  zwölf  Tische  in  Paaren  zu  je  sechs  an  den  Längswänden, 
den  dreizehnten  für  den  Vorsitzenden  für  sich  in  der  Apsis  anordnete.  Die  beiden 
Trapezen   der   griechischen  Klöster   in    Dan    und  Daphni    geben    dafür  Belege.     Es    lag 


=05 


-^^ 


R 


i> 


Alihililuni,'  10.     Baurili  von  Sl.  (iallcii: 
Refektorium. 


Alihilduiig  II.    Baunß  von  St.  Gallen:   Schema  des  Refek- 
toriums beiWeKlassung  der  beweglichen  Bänke  nach  Meringer. 


nahe,  zu  suchen,  ob  nicht  auch  im  Bauplan  von  St.  Gallen  ein  Bezug  auf  diesen  Ideal- 
plan vorliegt,  bezw.  ob  er  sich  überliaupt  in  die  vorgeführte  Entwicklungsweise  ein- 
ordnen läßt.  Obenstehende  Abbildung  10  gibt  seinen  Grundriß.  Gleich  das  Verhältnis 
von  Länge  und  Breite  zeigt,  daß  der  Entwurf  abweicht,  obwohl  das  Kloster  Münster 
den  Bestand  der  alten  orientalischen  Tradition  für  die  karolingische  Zeit  zu  verbürgen 
scheint. 

Auch  die  Dreizehnzahl  der  Tische  scheint  im  St.  Gallener  Refektorium  nicht  mehr 
gewahrt  zu  sein.  Aber  wir  konunen  sofort  auf  diese  Zahl,  wenn  wir  —  wie  R.  Meringer 
meint  ~  die  auf  dem  Plane  gezeichneten  U-  und  F-förmigen  Tische  für  zusammen- 
gerückte Komplexe  erklären  und  sie  auflösen,  wie  Abbildung  11  zeigt. 


■  ■ 

Über  einige  altindische  Götternamen. 

Von  Th.  Bloch -Kalkutta. 


I.  Visnu,  der  Sonnengott. 

Wie  andere  Völker  des  Altertums,  stellten  sich  die  Inder  die  Sonne  unter  dem 
Bilde  eines  Vogels  vor,  der  am  Himmel  dahinfliegt.  Suparno  amjä  Savitiir  garittmcm 
pih-vo  jatäh:  «der  schön  befiederte  Vogel  ist  der  ältere  Bruder  der  Sonne»,  lieißt  es  im 
Rig-Veda  X,  143,  3  (siehe  P.  W.  unter  ganUmant).  Wir  werden  daher  kaum  fehlgehen, 
wenn  wir  dem  Namen  Vmin  von  einer  aus  vi  «Vogel»  zu  erschließenden  Wurzel  vi 
«fliegen»  ableiten,  gebildet  mit  dem  Suffix  -.s»//,  das  hier,  wie  in  jisnü  «siegreich», 
olqJcarisnü  «putzsüchtig»  usw.  den  Verbalbegriff  verstärkt.  Visiiti,  der  Sonn->nvogel, 
ist  der  schnell  dahinfliegende,  der  in  einem  Tage  das  weite  Himmelsrund  durcheilt. 
Die  Verschiebung  des  Akzents  auf  die  erste  Silbe    des  Namens  zeigt,   daß   man   schon 


über  einige  altindische  Götlernamen.  Hl 

in  vedischer  Zeit  den  Sinn  des  Wortes  vergessen  hatte;  nach  der  Analogie  von  ji.ynii 
usw.  müßten  wir  *visn/'(  erwarten. 

Die  eben  angezogene  Stelle  des  Rig-Veda  lehrt  uns  noch  mehr.  Der  «schön  be- 
fiederte Vogel»  ist  ja  nicht  mehr  die  Sonne  selbst;  er  ist  nur  ihr  «älterer  Bruder»  {pürvo 
jiitäh).  So  ist  in  der  indischen  Kunst  gleicherweise  aus  dem  Sonnenvogel  Vihm  ein 
Mensch  geworden,  anderen  Menschen  ähnlicli,  bis  auf  die  vier  Arme,  mit  denen  er 
meistens  dargestellt  wird.  Seine  ältere  ^'oge]gestalt  dient  ihm  jetzt  nur  als  Reittier: 
der  Vogel  Garuda,  auf  dem  Vihin  dahineilt,  ist  in  Wirklichkeit  ein  älteres  Bild  des  Gottes 
sel})st,  das  Bild  des  Sonnenvogels  Visnn.  Wir  können,  die  Anthromorphisierung  dieses 
Bildes  noch  deutlich  verfolgen.  Gariida  wird  bekanntlich  als  Vogel  mit  einem  Menschen- 
kopf dargestellt.  Woher  dies?  Ich  denke,  die  Erklärung  bietet  sich  von  selbst  dar; 
man  braucht  nur  an  die  zahlreichen  Analogien  bei  anderen  Völkern  zu  denken,  auf  die 
z.  B.  Meringer  neulich  hingewiesen  hat,  um  sofort  alles  zu  verstehen.  Das  S3'mbol 
der  Gottheit,  in  diesem  Falle  das  Bild  eines  Vogels,  erhält  zunächst  einen  menschlichen 
Kopf,  und  dieses  Bild  bleibt  auch  dann  noch  erhalten,  als  man  den  Gott  in  mensch- 
licher Gestalt  abzubilden  sich  gewöhnt  hatte.  Der  Inder  ist  jedoch  konservativer,  als 
andere  Völker  in  ähnlichen  Fällen  waren,  und  so  kommt  es,  daß  schließlich  der  Mensch 
gewordene  Gott  Vtinn  auf  dem  Tierbilde  reitend  dargestellt  wird,  unter  dem  man  ihn 
früher  abzubilden  pflegte.  Die  gleiche  Erscheinung  werden  wir  weiter  unten  bei  Sita 
wiederfinden. 

Wir  verstehen  nun  auch  den  .Mythus  von  der  Feindschaft  Garudas  gegen  die 
Schlangen.  Es  ist  die  alte  Sage  von  dem  Kampf  des  Lichts  gegen  die  Dämonen  der 
Finsternis ;  denn,  wie  ich  eben  zu  zeigen  versucht  habe,  war  ja  Ganidn  ursprünglich 
Vii)iu  selbst,  also  die  Sonne.  Schwieriger  dagegen  scheint  mir  die  Ilerleitung  des  Namens. 
Das  Nirukta  erklärt  das  Wort  gdrudit  aus  garana  «verschlingen»,  und  diese  Deutung 
will  mir  iinmerhin  die  ansprechendste  scheinen,  weil  sie  sich  mit  den  mythologischen 
N'orstellungen  am  besten  vereinen  läßt.  .Allerdings  ist  Yus/.k,  der  Verfasser  des  Nirukta, 
einer  der  gefährlichsten  unter  jenen  etymologisierenden  Mythologen,  deren  Künste  heut- 
zutage kaum  Beifall  finden  werden.  Das  indische  Wort  garuf  «Flügel»  dürfte  wolil,  wie 
das  P.  W.  schon  bemerkt,  fälschlich  aus  gunifiiKuii  erschlossen  sein.  Daher  hat  eine 
spätere  indische  Etyniologie  des  Wortes  garndn.  nämlich:  «der  mit  den  Flügeln  fliegt» 
{ganidbliir  dayaf{\  von  dl  «fliegen»),  kaum  etwas  Überzeugendes  an  sich,  während  bei 
der  Herleitung  aus  g'iräti  «verschlingen»  nur  das  Suffix  -iidu  befremdet.  Ähnliche  Suffixe 
finden  sich  jedoch  schon  früh  in  Wörtern  aus  der  Volkssprache,  und  von  daher  mag 
auch  das  Wort  mit  der  Vorstellung  des  den  Dämon  der  Finsternis  verschlingenden 
Sonnenvogels  sell)st  in  das  Sanskrit  eingedrungen  sein. 

Wir  kennen  nun  weiterhin  noch  eine  Anzahl  anderer  Namen  J'/Vhm'.n-,  die  seine 
Sonnen -Natur  deutlich  verraten.  Ich  sehe  dabei  von  Wörtern,  \\\c  trivikra  ab;  hier  ist 
die  zugrunde  liegende,  mythologische  Vorstellung  wohl  zur  Genüge  bekannt.  Interessanter 
sind  jedoch  Namen  wie  hai/ahrali,  liayuiiiukha  «mit  einem  Pferdekopf  versehen»,  auch 
liar/lnii/ii,  «falbe  Rosse  habend»,  ein  Name,  der,  wie  es  scjieint.  oi-st  von  Indra  auf  VisHii 
übertragen  wurde.  Hier  liegt  das  Bild  des  Sonnenrosses  zugrunde,  das  man  in  Indien 
ebenso  wie  in  europäischen  Ländern  verehrte  und  als  Opfergabe  aufzustellen  pflegte.* 
Diese  Sitte  hat  sich  in  Indien    bis   auf  den    heuligen  Tag   erhalten,   um!    ist   von    den 

'  Siehe  Soiiliu.-;  Miilloi-,  l' rsiescliichto  Kiuop.TS,  p.   IUI. 
Wörter  und  Sachou.    1.  n 


82  Tl).  Bloch -Kalkutla. 

Hindus  auf  die  Muliamniedaner  übergegangen.  Bei  jedem  Grabe  eines  nmhaninu'da- 
uisclien  Heiligen  in  Indien  kann  man  eine  An/.abl  kleiner,  tunerner  Pferde  aufgestellt 
finden,  über  deren  Bedeutung  die  Leute  selbst  sich  kaum  klar  zu  sein  scheinen.  Sie 
sagen,  die  Tierclien  sollten  dem  Heiligen  als  Reittiere  dienen  (J'ir  hl  sawurj,  nennen  sie 
es).  Die  tönernen  Pferde  erinnern  in  ihrer  Form  auffallend  an  das  von  Sophus  Müller 
(1.  c.  Fig.  97)  abgebildete  ^"ütivpferd  aus  Bronze,  «wie  solche  in  Olympia,  wo  man  sie 
im  heiligen  Haine  als  Opfergabe  aufhängte,  massenhaft  gefunden  worden  sind».  Daß 
wir  in  Indien  diese  Sitte  gerade  bei  den  Muhammedanern,  besonders  im  östlichen 
Bengalen  und  auch  sonst,  so  stark  verbreitet  linden,  erklärt  sich  daraus,  daß  jene 
Muhammedaner  Konvertiten  sind,  aus  den  unteren  Schichten  iler  Bevölkerung  Indiens. 
Hier  waren  volkstümliche  Sitte  und  volkstümliche  Religion  zu  Hause,  und  blieben  uns 
erhalten  auch  späterhin,  als  jene  einfache  F'ischer  und  Ackerbauer  sich  zu  Allali  und 
seinem  Profeten  bekannten. 

Außer  dem  Pferdekopf  ist  es  auch  sein  langes,  strupj)iges  Haar,  das  Msiin  von 
seiner  Abstammung  als  Sonnengott  lier  beibehalten  hat.  Jetzt  verstehen  wir  es  daher, 
warum  er  /{cMra  «behaart»  und  Jniikeh  «mit  struppigen  Haaren»  heißt.  Die  Haare 
sind  der  Strahlenkranz,  der  dem  indischen  Helios  verblieben  ist.  Auch  die  Sage  von 
dem  Aufenthalt  Vimu's  im  Meere  wird 'nun  klar.  Im  Mahabhnrata,  Siintiparva»,  339, 
59,  60  sagt  Visnu  von  sich:  aJiq  Juiyastra  hhütvu  samudre  paieinioüare  pihoiti  siihutq 
havyq  kavyq  ca' Sroddhay-  nncifam.  «Als  der  Gott  mit  dem  Pferdekopf  verzehre  ich  im 
nordwestlichen  Meere  richtig  geopferte,  mit  frommem  Sinne  dargebrachte  Opferspeisen 
für  Götter  und  Manen.»  Im  nordwestlichen  Meere  taucht  die  Sonne  des  Abends  unter; 
hier  bleibt  sie  während  der  Nacht,  und  in  der  Nacht  erhalten  (he  Fürs,  die  Geister 
der  Verstorbenen,  ihr  Jcavya,  ihre  Opferspeise.  In  unmittelbarer  Nähe  des  Meeres  steht 
noch  heutzutage  einer  der  heiligsten  Tempel  Visnu's:  es  ist  der  bekannte  Tempel  des 
Gottes  Jaijunnath,  des  «Herrn  der  Welt»,  in  Puri,  in  Orissa.  Die  Inschriften,  die  sich 
auf  seine  Erbauung  beziehen,  lassen  keinen  Zweifel  darüber,  daß  dieser  Tempel  von 
Anfang  an  als  ein  Aufenthaltsort  für  den  «Meerbewohner»  Vi^mi  gedacht  wurde,  und 
samuäfüdli'nasa  bleibt  einer  der  vielen  Beinamen  dieses  Gottes. 

Auch  die  Abzeichen,  ciliua,  che  Visnu.  in  der  bildenden  Kunst  trägt,  erklären  sich 
ohne  weiteres  aus  seiner  Sonnennnatur.  Da  ist  zunächst  das  Rad  (caJcra),  jenes  uralte 
Symbol  der  Sonne.  Ferner  die  Lotusblume  (padnio),  das  Symbol  der  lebenerweckenden 
Kraft  des  Himraelslichts  ;  bekanntlich  wird  in  der  indischen  Kunst  der  Sonnengott  selbst, 
Sarya,  mit  zwei  Lotusblumen  dargestellt,  die  er,  in  jeder  Hand  eine,  hält.  Auch  die 
Keule  (gada),  statt  der  Viiiui  in  älterer  Zeit,  wie  es  scheint,  gelegentlich  ein  Schwert 
trug,  wird  nun  verständlich:  es  ist  die  Waffe,  mit  der  der  Sonnengott  Visnu  den  Dämon 
der  Finsternis  tötet.  Das  Gewand  Visiju's  ist  von  heller,  strahlender  Farbe;  er  heißt 
intamhara  «mit  gelbem  Gewände».  Aber  seine  Hautfarbe  ist  ja  dunkel,  schwarz;  wie 
paßt  das  für  einen  Sonnengott?!  Ich  glaube,  daß  hier  die  enge  Verschmelzung  Visnu  s 
mit  den  beiden  indischen  Nationalhelden,  wenn  man  sie  so  nennen  darf,  Brnna  und 
Krsiia,  zur  Erklärung  herangezogen  werden  darf;  diese  zwei  Lieblinge  des  indischen  Volks 
haben  den  Sonnengott  Visnu  schwarz  gefärbt,  wenn  ich  uiich  so  ausdrücken  darf.  Sie 
brachten  die  dunkle  Hautfarbe  von  Haus  aus  mit  sich,  und  so  verlor  die  indische  Sonne 
«  Visnuy>  ihren  Schein. 

Dies  bringt  mich  schließlich  noch  auf  die  Lehre  von  den  uratäriis,  den  Inkarnationen 


über  einige  altindische  Götternamen.  83 

Viiuit's.  Ich  gebe  gern  zu,  daß  man  eine  Reihe  indisclier  Lokalgottheiten  dadurch 
populär  zu  machen  suchte,  daß  man  sie  als  antffuas  Visint's  auffaßte.  Eine  der  letzten 
Adaptionen  dieser  Art  ist  vielieiclit  der  bei<annte  indische  Reformator  Caitnuya,  der  im 
15.  Jahrhundert  unsrer  Zeitrechnung  im  nordüsthchen  Indien  lelirte.  Er  wird  heutigentags 
vielfacli  in  Bengalen  als  eine  Verkörperung  oder  Menschwerdung  Vimus  verehrt.  Die  all- 
gemeine Idee  des  Wiedergeborenwerdens,  die  den  uvulnras  Viinu's  zugrunde  liegt,  paßt 
jedoch  nur  für  einen  Sonnengott.  Sie  ist  dem  Bilde  der  Sonne  entlehnt,  wie  .«ieTag  für  Tag 
neu  erscheint,  um  das  Dunkel  der  Nacht  zu  versche.-.chen  :  ebenso  ist  Viinn  zu  neun  Malen  ' 
—  nach  der  orthodoxen  Auffassung  —  auf  die  Erde  herabgekommen,  um  die  Dämonen 
zu  vernichten,  die  dem  Dunkel  der  Nacht  entstannnen. 

2.  Rudra-Siva. 

Wenn  Visnu,  der  Sonnengott,  zuen^t  unter  dem  Bilde  eines  Vogels  dargestellt  wurde, 
so  begegnet  uns  Bndm,  der  Gewiltergott,  in  der  indischen  Kunst  zunächst  unter  dem 
Bilde  eines  Stieres.  Wir  gewinnen  damit  zugleich  die  richtige  Erklärung  des  Wortes 
rudrä.  Es  ist  von  rud,  rodHi  «jammern,  heulen,  weinen»  herzuleiten.  Der  Donner 
der  Gewitterwolken  wurde  von  den  Indern  als  das  Brüllen  des  himmlischen  Stieres 
gedeutet,  und  so  kommt  Rudra-Siva  zu  dem  Bilde  eines  Stieres.  Wir  kennen  dieses 
Bild  schon  aus  alter  Zeit,  wo  es  uns  neben  anderen  Tierbildern  indischer  Gottheiten 
begegnet.  Ich  möchte  hier  nur  darauf  aufmerksam  machen,  daß  man  auf  der  Rückseite 
der  Münzen  einiger  Arsakiden-Küuige  des  rartherreiclies  das  Bild  eines  indischen  Stieres 
mit  dem  charakteristischen  Höcker  findet.  Diese  Münzen  waren  entweder  in  Indien 
selbst  oder  in  angrenzenden  Ländern  geprägt,  und  das  Bild  des  indischen  Höcker-Stieres 
«EMdraSiva»  sollte  ihnen  auf  dem  indischen  Markt  Eingang  verschaffen.  Liegt  doch 
der  Sitte,  Götterbilder  auf  der  Rückseite  der  Münzen  zu  prägen,  in  Indien  wohl  auch, 
wie  anderswo,  der  Glaube  zugrunde,  daß  die  Gottheit  für  die  Echtheit  und  Güte  der 
Münze  Gewähr  leistet,  auf  deren  Rückseite  man  ihr  Bild  geprägt  hat. 

Wie  ]'iini(  sein  altes  Bild  als  niJntna,  oder  Vehikel,  beibeliält,  auch  in  späterer  Zeit, 
als  man  ihn  selbst  als  Menschen  darstellte,  so  reitet  bekanntlich  Biidrn-Siva  auf  seinem  Stiere, 
Na)idin  genannt.  Wir  verstehen  von  seiner  Gewitternatur  her  auch  am  besten  die 
doppelte  Natur  seines  Wesens,  die  sonst  so  widerspruchsvoll  erscheint.  Wie  konmit  es, 
daß  der  Gott  der  Zerstörung,  Biidra-Siva,  unter  dorn  Symbol  der  Fruchtbarkeit,  dem 
Imya,  oder  Phallus,  verehrt  wird?  In  Indien  ist  es  die  Gewitterwolke,  die  alljährlich 
das  befruchtende  Naß  dem  verdorrenden  Lande  spendet.  Wie  der  griechische  Poseidon, 
trägt  Sird  den  Dreizack,  trisida,  das  Symbol  ties  wolkenzerreißenden  Blitzes.  Seine  Farbe 
ist  weiß,  und  auf  den  Bergen,  hocli  oben  im  Himalaya,  ist  seine  Heimat,  denn  von 
dort  kommen  die  Gewitterstürme  auf  die  nordindische  Ebene  herab.  Wir  verstehen 
es  nun  auch,  warum  Biidni-Siva  sich  mit  dem  anderen  indischen  Gewittergott,  Indra, 
nie  gut  vertragen  zuhaben  seheint.  !'/>//«,  der  Sonnengott,  war  Indra. ■<  älterer  Bruder; 
er  heißt  daher  l'jiemlra.  Ihtdra-Sira  dagegen  war /»rf/a's  Konkurrent.  Die  Buddhisten 
fanden  liidra  und  Visiiii  im  ^'olksglauben  friedlich  vereint  und  gesellten  beide  Buddha 
als  stänilige  Begleiter  zu;  Sira  dagegen  adoptierten  sie  erst  viel  später,  und  machten 
aus  ihm  LoJcisvara  oder  ArnlokUc-^rara,  den  Herrn  der  Welt. 


'  Der  zehnte  Avatara    l'i.j(iMs  al.s  Kalkin  steht  bekannüicli  noch  auü. 

II« 


84'  Leopold  Wciigcr. 

Ich  entsinne  mich  einmal,  als  ich  im  Winter  auf  einer  Reise  von  einem  anhaltenden 
liegen  überrasclit  wurde,  wie  er  im  nördlichen  Indien  im  Januar  mehrere  Ta2;e  hindurch 
regelmäßig  anzudauern  pflegt.  Als  sich  des  Abends  meine  Leiden  Zeltwiichtcr  vor  dem 
Eingang  meines  Zeltes  niederkauerten,  hörte  ich,  wie  der  eine  zum  andern  sagte:  äj 
JSfaiuhh'v  In  harn  diu  hui  «heute  feiert  JSIahniJcr  (Siva)  sein  großes  Fest».  So  begegnet 
man  der  alten  Vorstellung  von  liiidraSird,  dem  indischen  Gewittergott,  der  den  Regen 
spendet,  noch  heutigentages  im  Glauben  der  einfachen  Bewolnier  des  nordindischen 
Flachlandes. 

Wenn  für  Bnära,  den  indischen  Gewittergott,  späterhin  der  Name  Siva  «der 
Freundliche»  aufkoamit  und  dann  bald  allgemein  wird,  so  haben  wir  darin  eine  sehr 
bezeichnende  und  interessante  Analogie  zu  solchen  Redewendungen,  wie  sie  Meringer 
neulich  aus  den  österreichischen  Alpen  belegte:  «wenn  doch  der  liebe  Wind  aufhören 
möchte»  u.  ä.  Man  will  dem  Gewittergott  liudra  schmeicheln,  indem  man  ihn  6iva 
«den  Fi-eundlichen»  nennt.  Aber  nur  der  Name  verändert  sich;  sein  Wesen  bleibt  auch 
als   Siva  das  eines  blutdiu'stigen  Zerstörers. 


Sprachforschung  und  Rechtswissenschaft. 

Von  Leopold  Wenger. 

Wem  die  Bedeutung  der  Sprachforschung  für  die  Rechtswissenschaft  ein  selbst- 
verständlich Ding  ist,  für  den  ist  dieser  Aufsatz,  der  ihm  nichts  Neues  bringt,  nicht 
geschrieben.  Ich  sollte  mich  freuen,  wenn  es  recht  vielen  Gelehrten  in  beiden  Lagei'u 
so  ginge.  Aber  sie  mögen  dann  ein  gutes  Wort  an  gutem  Orte  verzeiben:  ein  Wort, 
mit  dem  ich  am  ehesten  den  Tendenzen  der  Redaktion  dieser  neuen  Zeitschrift  gerecht 
zu  werden  glaube,  die  auch  den  Juristen  zur  Mitarbeit  freundlich  auffordert;  und  dies 
Wort  ist  denn  wieder  einmal:  Weg  mit  den  Fakultätsschranken!  Nicht  daß  jeder  dort 
hineinpfuschen  soll,  wo  er  nichts  zu  sagen  hat,  weil  er  nicht  auf  dem  Gebiete  gearbeitet, 
aber  nicht  fremd  oder  gar  feindselig  und  geringschätzend,  nicht  einmal  irgendwo  gleich- 
gültig soll  er  der  Arbeit  des  Kollegen  zusehen ,  weil  dessen  Amtstalar  andere  Farben 
hat.  Ich  will  aber  kein  Klagelied  anstimmen ,  sondern  auf  positive  Arbeit  verweisen, 
die  Sprach-  und  Sach-,  diesmal  rechtshistorische  Forschungen  fruchtbar  vereinigt. 

In  der  letzten  Zeit  hat  namentlich  Meringer  verschiedene  Anregungen  gegeben. 
Wieviel  Material  steckt  in  der  Aufsatzreihe:  Wörter  und  Sachen.'  Mit  Vergnügen  er- 
innere ich  mich  aus  der  schönen  Grazer  gemeinsamen  Arbeitszeit,  wie  er  mir  einmal 
lex  als  die  Legung,  Festlegung,  Bindung^  auseinandersetzte  und  wie  er  sich  freute, 
da  ich  ihn  auf  Moramsen,  Staatsrecht  III,  .SOS,  Anm.  3  und  4,  hinweisen  konnte,  wo  die 
auf  sprachforschendem  Wege  gefundene  Bedeutung  von  /('./•  =  «Bindung  im  privaten 
Vertragsrecht  und  im  öffentlichen  Rechte»  vorgetragen  ist,  eine  Bedeutung,  die  jetzt  von 
den  Juristen  wohl  ziemlich  allgemein  angenommen  wird.  In  solchen  Fällen  gilt  nicht 
bloß,  daß  doppelt  genäht  besser  hält,  sondern  da  ist  von  verschiedenen  Wegen  her  das- 
selbe Ziel  gefunden:    es  ist  das,  was  man  die  mathematische  Gegenprobe  nennt.     Wer 

'  Indog.  Forschungen,  in  Bd.  XVI— XIX  und  XXI.  —   -  ].  F.  XVII,  S.  144. 


Sprachforsclmiig  iiiid  Rechtswissenschaft.  85 

den  Artikel  Reclit  in  Schraders  Reallexikon  der  indogermanischen  Altertumskunde 
durchliest,  der  sieht  sowohl,  wieviel  du  schon  erarbeitet  ist,  als  auch,  was  da  nocli 
alles  aussteht:  bei  /'a.s  und  j«s ,  bei  lex  und  jus,  bei  i>£[n?,  oiy.q,  vö(j.o;  —  um  bei  deu 
Römern  und  Griechen,  wie  es  mir  ziemt,  stehen  /u  bleiben.  Kann  der  Jurist  nicht 
olnie  Sprachforscher  erkliireii,  so  auch  dieser  nicht  ohne  jenen. 

Für  Jks  stellt  ScJirader  unter  Heranziehung  \onjiirarr  die  Bedeutungsentwicklung 
auf:  «Reinheit  von  Schuld  (aw.  i/aos),  Mittel  zur  Reinheit  von  Schuld  zu  gelangen, 
Reinigungseid  (lat.  jus  in  jiiriirc),  Ueinigungseid  im  Rechtsgang,  Rechtsgang  überhaupt, 
Recht»  (S.  657).  Ähnlich  denkt  auch  J.  Schmidt  (bei  Mommsen,  a.  a.  O.  310). 
Einen  ganz  anderen  Weg  schlägt  Meringer  ein,  der  ^'«.s-  zur  Wurzel  *jii  cbinden,  an- 
jochen»  stellt,  zu  jüngere,  Ceü^vd]!!.  Vom  rechtshistorischen  Standpunkt  aus  betrachtet, 
leuchtet  mir  Meringers  Erklärung  viel  besser  ein.  Vollends  die  Bedeutungsreihe  bei 
Schrader  widerspricht  der  Auffassung,  die  wir  uns  vom  Recht  machen.  Wollte  man 
Schraders  Reihe  akzeptieren,  so  müßte  man  das  Recht  einseitig  vom  Gesichtspunkt 
des  Beklagten  im  Zivil-,  des  Angeklagten  im  Strafverfahren  aus  besehen.  Gerade  so 
wie  Reinheit  von  Schuld  kann  auch  Vorhandensein  der  Schuld  Recht  sein.  Ja, 
denken  wir  nicht  bei  «Recht  des  X»  in  erster  Linie  an  eine  Berechtigung,  nicht  aber 
an  seine  Freiheit  von  Schuld?  Der  Berechtigung  des  X  steht  aber  die  Verptiichtung 
des  Y  entgegen,  nicht  dessen  «Reinheit».  Auf  dem  von  Schrader  gewiesenen  Wege 
der  «Reinheit  von  Schuld»  kommen  wir  nicht  zum  Rechtsbegritte.  Daß  dagegen  aw. 
yaos  «rein»  nicht  aus  der  Kombination  ausgeschaltet  zu  werden  braucht,  da  der  sprach- 
liehe Zusammenhang  wohl  gegeben  ist,  hat  Meringer  schon  beobachtet.  Daß  die  her- 
kömmliche Bindung  als  rein  gilt,  das  begreift  sich  viel  leichter.  Das  Reine  muß  vor 
Verfäl.schung  bewaiirt  bleiben,  ganz  gleichgültig,  ob  der  (Gläubiger  das  Recht  hat  nder 
der  Schuldner,  der  Verletzte  oder  der  Verletzer.  Das  stimmt  dann  aber  auch  vortreff- 
lich zum  sachlichen  X'crhältnis  von  le.r  und  ;'/(.s-.  Lr.r  die  Bindung,  jus  der  durch 
Bindung  (Gesetz  oder  Gewohnheit)  erzeugte  Zustand  des  Gebundenseins.  Uralt  ist  die 
Trennung  von  göttlichem  und  weltlichem  Recht,  von  fas  und  jus.  Bei  jenem  liegt  der 
Hauptton  auf  der  Heiligkeit  und  Reiidieit,  bei  diesem  aber  auf  dem  Zwange  aller  zur 
Rechtsgemeinschaft  A'erbundencn.  Wie  das  cnnjiKjiuni  die  Ehegalten,  so  bindet  das  jus 
die  Rechtsgenossen  aneinander.  Aber  hier  wie  dort  steht  hinter  der  Bindung  auch  der 
Zwang  gegen  den,  der  sich  davon  lösen  will.  Beides,  Bindung  und  Zwang,  vermittelt 
das  Joch.  Meringer'  fragt,  ob  das  Joch  ein  Symbol  der  Ehe  gewesen.  Die  Frage 
ist  bei  den  Rechtshistorikern  schon  viel  verhandelt.  Mir  scheint  es  sehr  naheliegend, 
an  diese  Etymologie  von  conjuijiKin  zu  denken.  Lei  st*  nennt  sie  freilich  mißverständ- 
lich mul  führt  fo)iju(/iiiiii  und  ouCuvia  auf  den  alten  griikoitaliischen  Brauch  des  Sitzeus 
dos  Braut|iaarcs  auf  zwei  durch  ein  Tierfell  verbundenen  Sesseln  (,s<7/(7s  duas  juijofas 
orili  pelle  bei  Serv.  ad  Aen.  1\',  374)  zurück.  Dies  oder  die  Vereinigung  der  Hände 
scheinen  mir  aber  doch  eher  als  spätere  symbolische  Akte  zum  Zeichen  der  Vereinigung. 
Sinnlicher  und  darum  ursprünglicher  scheint  mir  die  Jochgemeinschaft  als  Recht  so- 
wohl als  auch  als  Ehe.  Jus  und  eniijugiuw  zusammenzustellen,  gemahnt  an  eine  anders- 
sprachlichc  Parallele  zwischen  Recht  und  Ehe.   t'Aca  (ahd.)  ist  beides:  Gesetz  und  Ehe.* 

«Recht»  ist  der  aufgerichtete  Bau  {erigere.  op^^stv,  «senkrecht  stellen»).*    Die  Balken 

'  I.  F.  XVllI,  S.  -IW.  AniM.   I.  —  -  Altarischcs  Jus  Uentium,  S.  158  f. 

»  Meringer,  I.  F.  .Will,  S.  Ü'.».j.  —  *  Meringer,  I.  K.  XVll,  S.  143;  XVllI,  :>.  i'M. 


S(j  Leopold  Weuger. 

siud  zunäclist  roh  und  uiibehaueu.  Diese  Uiibilde  (Unbill)  mag  den  Bau  nicht  gerade 
verscliunen.  sie  mag  den  Bau  liäßHcii  machen,  aber  sie  niaclit  ilm  nicht  unrecht.  Un- 
recht aber  ist  der  Bau,  auch  wenn  ein  geglätteter  Baiken  die  Bicbtlinie  verläßt.  So 
treten  Unrecht  und  Unliill  einander  gegenüber,  inJHStuui  und  ii/iijnutii.  Die  entsprechen- 
den positiven  Gegensät/.e  sind  aber  Recht  und  Billigkeit,  jus  und  aeqnitas,  das  Auf- 
rechte und  das  sich  Fügende.  Saclilich  steht  es  nicht  anders.  Starr  aufrecht  steht  das 
strenge  Keclit,  die  Billigkeit  glättet  seine  Härten.  Fug  ist  das  Ineinanderfügen  der 
Balken  —  ein  Bild  vom  Bauhandwerk.*  Ich  kann  auch  hier  wiederum  Meringer  nur 
Recht  geben. 

Für  die  griechischen  Wörter  ist  nunmehr  viel  Material  und  noch  mehr  neue  Arbeit 
liinzugekommen  mit  Hirzels  Buch:  Themis ,  Dike  und  Verwandtes  (Leipzig  1907). 
Fangen  wir  gleich  mit  der  Themis  an  i;nd  sehen  wir,  wie  da  energische  Sacharbeit  die 
Sprachforschung  befruchtet.  Wir  alle^  glaubten,  daß  dqiic  kaum  etwas  anderes  als 
«Satzung»  bedeuten,  sprachlich  kaum  anders  als  mit  T[&Y);xt  zusammenstehen  könne. 
Die  Wurzel  9-s  ist  vom  Altertum  her  für  äi[j.i?  in  Anspruch  genommen  worden.  Folgen 
wir  dementgegen  zuerst  Hirzels  Sachforschung.  «Guter  Rat  war  die  Bedeutung  des 
Wortes  deij.'.?,  als  die  Göttin  anfing,  aus  ihr  im  Geiste  der  Griechen  emporzusteigen, 
und  diese  Bedeutung,  da  sie  an  dem  Worte  haftete  zu  einer  Zeit,  die  über  alle  litera- 
rische Überlieferung  zurückreicht,  hat  uns  y.unächst  als  die  erste  und  ursprüngliche  zu 
gelten. 5  So  Hirzel  zusammenfassend  (S.  19).  Der  Rat  wird  leicht  zur  zugreifenden 
Tat.  Rat  und  Tat  gehören  nicht  bloß  in  der  Sprache  zusammen  (S.  14,  28  f.).  Aber 
wenn  der  Rat  auftritt  im  Namen  der  Götter,  so  bewegt  er  den  Beratenen  stärker  als 
irdischer  Rat.  Die  Autoiität  des  Ratenden  kann  den  Rat  für  den  Beratenen  zum  (je- 
setze  machen.  CinisiliKin  und  lex  sind  zu  Unreclit  als  Gegensätze  zugespitzt  worden, 
jener  geht  unschwer  in  dieses  über  (S.  37^).  Ist  d-s\i.<.<;  der  Rat,  der  den  Willen  der 
Gottheit  zum  Ausdruck  bringt,  so  ist  die  Nähe  von  «Gesetz»  ohne  weiteres  gegeben 
(vergl.  S.  41).  Die  öejj.t?  ist  der  Rat  für  eine  bestimmte  Situation,  aber  wenn  sich  diese 
Situation  wiederholt,  wenn  aus  der  Besonderheit  des  einzelnen  Falls  und  über  dieser 
die  allgemeine  von  Zeiten  und  Individuen  abstrahierende  Regel  erscheint,  dann  wird 
leicht  aus  dem  von  göttlicher  Autorität  gedeckten  Rate  ein  für  alle  Fälle  dieser  Art 
geltendes  «Gesetz»:  ein  ungeschriebenes  Gesetz,  der  Jurist  würde  lieber  von  Gewohn- 
heitsrecht sprechen  —  aber  wir  wissen  ja,  daß  auf  primitiven  Stufen  beide  ineinander 
übergehen.  Die  opinio  necessitatis  erkennen  die  .Juristen  als  das  Movens,  das  die  lange 
tatsächliche  Übung  zum  Recht  verdichtet  Aber  wer  erinnert  sich,  wenn  er  einmal 
römische  Quellengeschichte  gehört  hat,  bei  der  Entwicklung  der  ddfitc  aus  dem  ein- 
maligen, dann  in  gleicher  Situation  wiederholten  göttlichen  Rat  zum  allgemeinen  Gesetz 
nicht  der  ganz  gleichartigen  Entwicklung,  die  vor  unserem  Auge  sich  vollzieht,  da  aus 
dem  Rate  des  Princeps  auf  Anfragen  von  Partei  oder  Richter,  gegeben  für  den  einzelnen 
Fall  zur  Darnachachtung  beim  Urteil,  sich  das  allgemein  gültige  Gesetz  herausbildet  — 
m.  a.  W.,  wer  gedenkt  nicht  der  responsa  als  Abart  kaiserlicher  Konstitutionen?  Der 
parallele,  so  viel  spätere  Entwicklungsgang  des  rein  weltlichen  Rechts  vermag  jene  Hypo- 
these über  die  Tliemis  nur  zu  stärken.     Wie   reimt   sich  nun  aber  zu  &s\ii(;  =  «guter 

'  I.  F.  XVIII,  S.  285  und  295. 

^  Vergl.  etwa  Meringer,  1.  F.  XVII,  S.  l-i5.  J.  Sclnnidl,  hei  Momnisen,  a.  a.  0.  308  f.*. 
Seil  rader,  Reallexikon,  6.j6. 


Spracliforacliuiig  und  Keclitswissenschaft.  87 

Rat»  die  sprachliche  Frage?  Geht  ä-e[i.t?  vom  Rate  aus,  so  kjinn  das  Wort  sprachlich 
nicht  zu  v.&ho.i  gehören.  Tlirzel  weiß  Rat.  Auch  sprachlich  soll  alles  klappen. 
ÖEjj.;?  ist  nicht  auf  die  Wurzel  ds-,  sondern  auf  i>=[j-  zurückzuführen.  In  leisem  Drange 
drängt  die  Welle  das  Schitt'  des  Odysseus:  €-s^.o>^£  (Od.  IX,  486).  Der  Rat,  das  leise 
oder  stärkere  Drängen,  im  einen  oder  anderen  Sinne  zu  handeln,  das  ist  die  di|i'.?. 
Dieser  Drang  personifiziert  sich  zur  Ciottheit.  Und  wirklich:  Hat,  consUiiim .  ßooXvj  ist 
auch  Bezeichnung  geworden  für  die  Körperschaften,  die  zunächst  den  Rat  erteilen,  so 
zu  handeln,  wie  sie  es  für  gut  halten  (S.  56),  die  dann  aber  auch  die  Möglichkeit 
haben,  ihrem  Rate  Nachdruck  zu  verleihen,  so  wie  dies  ehedem  Zeus  konnte,  wenn  er 
dem  Sterblichen  etwas  anriet.  Hirzels  Deduktionen  kann  die  rechtswisseuschaftliche 
Sachforschung,  wie  ich  glaube,  akzeptieren.  Wird  die  Linguistik  die  neue  Wurzel  für 
i>s'(ii?  gelten  lassen?  Mit  ihr  steht  und  fällt  freilich  die  ganze  Ausführung.  Aber 
Hirzels  sachliche  Position  ist,  soweit  ich'  prüfte,  stark  genug. 

Und  nun  von  der  ö-sij.;?  zur  0'l/.-/j.  Seh  rader''  sieht  in  ihr  wie  herkömmlich  die 
Weisung  (Sstxvojit,  dico).  Aber  auch  hier  führt  Hirzels  Sachforschung  in  andere  Rich- 
tung. Dike  ist  danach  die  strengere  Tochter  der  Themis.  Sie  ist  Recht,  und  zwar 
strenges  Recht  und  kommt  erst  auf  Umwegeu  zur  Bedeutung  ^Sitte».  Wenn  die  Dike 
aber  nicht  aus  der  Sitte  herausgewachsen  ist,  so  kann  die  Etymologie  nur  anderwärts 
gesucht  werden,  als  dies  eben  geschah.  Die  sachlichen  Bedenken  lassen  eben  an  der 
Richtigkeit  der  sprachhchen  Erklärung  zweifeln,  und  diese  Zweifel  führten  Hirzel  zu 
einer  anderen  Etymologie.  Der  Stüli  des  Richters  weist  auch  uns  hier  zu,  wie  ich 
glaube,  richtigerer  Deutung.  Nicht  zu  Sj-.xvüva!  stellt  sich  SixTrj,  sondern  zu  o:/.=:v  —  wie 
Träa-Tj  zu  r7.i>£iv,  iii^Ti  zu  |j.a&etv  —  als  Wurf  oder  Schlag  oder  auch  ein  Ausstrecken  des 
Stabes.  Und  da  sind  wir  wiederum  bei  der  sinnfälligen  Handlung.  Der  Stab  dient 
dem  Richter,  dem  Kampf-  wie  dem  Friedensrichter,  um  die  Streitenden  zu  trennen 
(xfAVitv),  die  beiden  zunächst  körperlich  auseinanderzuhalten,  mit  dem  Stab  zwischen  sie 
zu  treten,  und  wenn  es  nottut,  damit  dreinzuschlagen  (S.  91  ff.,  93).  Das  ist  5tx=?v,  und 
das  Recht,  das  dreinfährt,  ist  die  oty.Tj. 

Am  sichersten  sind  wir  beiui  vö[io?.  Das  Wort  gehört  zu  vsjis'.v  «zuteilen».  Wie 
vo[iö?  der  Weideplatz,  Wohnsitz,  weiterhin  Gau,  so  ist  vöiio;  die  Zuteilung  von  Grund 
und  Boden,  Bezirk,  in  dem  das  viu.='.v  staltgefunden,  der  Gesetzesspreugel,  das  Gesetz. 
So  Meringer^.  Das  wird  durch  Hirzel  nur  bekräftigt.  Bezeichnend  ist  da  besonders 
die  Beobachtung,  daß  der  Grieche  bei  vö;j.oc  die  Nebenvorstellung  eines  Gebotes  hat. 
«das  unmittelbar  nicht  dem  gesamten  Staatskörper,  .sondern  einzelnen  Gliedern  desselben 
galt»  (S.  l'J'J).  An  den  vö[j.oc  ist  von  Anfang  an  die  seinem  \\'esen  entsprechende  Vor- 
stellung geknüpft,  «daß  die  betreffende  Satzung  oder  Sitte  einer  bestimmten  Klasse  von 
Wesen  als  eigentümlich  zugeteilt  war»  (S.  200,  N.  2  ex  199  a.  E.).  Wir  erinnern  uns 
da  sofort  an  das  Smnn  cui(iur.  Es  ist  die  justitiit  distribiitira,  deren  Walten  wir  erkennen 
(vgl.  Hirzel,  S.  U)5).  So  wie  das  Justinian  seine  Institutionisten  lehrt  und  wie  es  seit 
ihm  dem  jungen  Juristen  in  den  ersten  Lehrstundeu  immer  rezitiert  wird:  JustUia  est 
consfdiis  rt  jurjH'f/ia  rnlKiitas  jus  sintiii  ciiiqiif  frihitciis  (Inst.  Just.  I.  1.  pr.K  Der  ganze 
Satz  liegt  im  Worte  voaoc,  <las  den  Lateinern  und  uns  fehlt. 

'  Zustimmeiul,  wie    ich  mit   Verimügon  konstaticifii  kann,  jrtnjTslens  audi  Ral>el  in  seinem  schönen 
Referate  über  Hirzel  in  der  D.  Lit.  Zeitschrift  vom  U.  XI.   190S,  2933— ö, 
-  Reallexikon,  S.  Oöti.  —  »  J.  K.  XVIII,  S.  ^SS  f. 


88  Leopold  Weiiger. 

Ich  will  bei  diesen  Proben  aus  Hirzels  Buch  stehen  bleiben,  wieviel  auch  da 
noch  Erörterung  und  Besprechung  verdiente.  Wo  und  wie  der  Jurist  noch  weiterbauen 
muß,  hat  Kabel  in  seinem  jienannten  Referate  gezeigt.  Wie  weit  die  Philologen  ein- 
verstanden sein  werden,  weiß  ich  nicht  abzuschätzen.  Aber  mag  auch  noch  hie  und 
da  ein  Mißverständnis  aufzuklären  sein,  ehe  wir  voll  und  ganz  einer  des  anderen  Arbeit 
nützen  und  werten  können  —  Juristen  und  Philologen  sind  da  wieder  einmal  bei 
genteinsamer  Arbeit,  und  diese  Tatsache  begrüße  ich  speziell  an  Hirzels  Buch.  Es  zu 
studieren,  ist  ein  Vergnügen,  auf  Schritt  und  Tritt  gibt  es  uns  neues. 

Aber  der  Rechtshistoriker  braucht  nicht  bloß  zu  nehmen.  Da  möchte  ich  die 
iSpracbforscher  einladen,  in  eines  unserer  neuesten  Büclier  Einblick  zu  nehmen : 
Mittefs,  Römisches  Privatrecht  bis  auf  die  Zeit  Diokletians,  I.  Bd.  (Leipzig  1908).  Ich 
will  auch  aus  diesem  Buche  an  einigen  Stichproben  den  Beweis  erbringen,  daß  nur 
durch  gemeinsame  Arbeit  weiter  zu  kommen  ist.  Da  bieten  gleich  die  Grundwörter 
des  Personen-  und  Vermögensrechts  einen  fruchtbaren  Boden,  Wörter  und  Sachen  ge- 
meinsam zu  behandelu.  Manus  ist  die  Gewalt  über  die  Ehefrau,  aber  die  Bedeutung 
des  Wortes  muß  ursprünglich  eine  weitere  gewesen  sein,  heißt  doch  der  feierliche  Eigen- 
tumserwerbsakt an  gewissen  Sachen  nmnripatio,  vom  Symbol  des  Handgriffs  beim  Erwerb, 
und  hieß  die  Entlassung  des  aus  dein  väterlichen  Gewaltsverhältnis  Scheidenden 
emancipatio,  die  Entlassung  des  Sklaven  aus  der  Sklaverei  DiiDiitniissio.  An  einer  Reihe 
von  Belegstellen  läßt  sich  Mamis  als  Gewalt  ülier  Söhne  und  Sklaven  für  den  nicht- 
juristischen Sprachgebrauch  des  täglichen  Lebens  nachweisen  (S.  75).  Die  Mamimisi/o 
wird  mit  Mornmsen,  dem  Wlassak  und  Mitteis  zustinnnen,  nicht  geradezu  als 
«Freilassung  aus  der  Manus»,  wohl  aber  entsprechend  wieder  der  symbolischen  Handlung 
als  Freigeben  mit  der  Hand»  ■  zu  bezeichnen  sein.  So  weist  auch  diese  Vorstellung 
auf  einen  erweiterten  Manusbegriff  zurück  (Mitteis,  a.  a.  O.).  An  «Bindung»  Binden  der 
Hände  ^  möchte  ich  dabei  nicht  denken.  Das  paßte  wohl  für  die  Sklavenbeherrschung, 
nicht  aber  für  die  Gewalt  über  Weib  und  Kind.  Aber  in  der  klassischen  Rechtssprache 
ist  manus  nur  die  Gewalt  über  die  Ehefrau,  für  alle  anderen  Gewalten  behauptet  das 
Wort  2>otcst(is  das  Feld.  Es  ist  dies'  die  Gewalt  des  Herrn  über  Sklaven  und  Kinder,  des 
Vormunds  über  den  Pflegling,  des  Magistrats  über  den  Bürger.  Auch  hier  klärt  die 
Etymologie  gut  auf.  Idg.  *poti-  hegt  in  potestus,  aber  auch  im  griechischen  0Bzzövfi(; 
finden  wir  dieselbe  Wurzel.  Es  ist  der  Hausherr,  idg.  *<Jem-s-poti-;  idg.  *dem-  =  skr. 
dam,  8ö|j.oc,  domu.s.  Und  wir  dürfen  mit  Schrader^  aus  dieser  sprachlichen  Gleichung 
gewiß  den  sachlichen  Schluß  wagen,  daß  auch  der  Hausherr  in  Hellas  einmal  die  un- 
umschränkte Gewalt  gehabt,  sowie  in  historischer  Zeit  die  römischen  Träger  der  potestas, 
mit  der  wir  also  wiederum  «auf  uraltem  indogermanischen  Rechtsboden»  stünden.  Das 
zu  konstatieren  ist  aber  wertvoll,  haben  doch  die  Römer  schon  selbst  auf  die  ganz 
exzeptionelle  Stellung  ihrer  patriu  potestas  gepocht  und  hat  eine  weitverbreitete  Meinung, 
auf  dieses  und  andere  Scheinargumente  gestützt,  den  ludogermanen  die  patria  potrstas 
absprechen  und  den  Römern  auch  hierin  eine  ganz  spezifische  Rechtsentwicklung  zuer- 
kennen zu  müssen  geglaubt.  Daß  die  strenge  Gewalt  des  Vaters  über  Leben  und  Tod 
des  Kindes  sich  beim  einen  Volk  erhält,  beim  anderen  verloren  geht,  begreift  sich  gewiß 
leicht  —  unerklärlich  aber  wäre  es  fast,  wenn  ein  Volk,  das  eine  so  einschneidende 
Frage  bereits  im  vorgeschrittenen  Sinne  beantwortet  hätte,   wieder  ins   frühere  Stadium 

'  Darauf  deutet  Merin^rer  hin  I.  F.  XVII.  S.  114.  —  -  Reallexikoii,  S.  ^17. 


Sprachforschung  und  Rechtswissenschaft.  89 

zurückkehrte.  Nicht  minder  wichtig  ist  die  Erkenntnis  der  Tatsache,  daß  schon  die 
indogermanische  Verwandtsciiaft  auf  Agnation  beruhte,  die  Kognation  aber  nur  «Freund- 
schaft» war  (Schrader,  S.  213  f.).  Zu  diesem  Ergebnis  ist  der  Rechtshistoriker 
Beruh  oft  ^  auch  schon  gekoinmen,  aber  der  Nachweis  fehlte,  diesen  hat  erst  die  Sprach- 
vergleichung liefern  können. 

Fcnnilia  wissen  die  Sprach  forscher,  wenngleich  nicht  mit  voller  Sicherheit,  über 
die  italischen  Sprachen  zurück  bis  ins  Sanskrit  zu  verfolgen.  Es  bedeutet  die  «Haus- 
bewohnerschaft» (Schrader,  S.  222).  Auch  die  sprachliche  Erklärung  von  Pecunia  macht 
keine  Schwierigkeit.  Aber  wie  sich  beide  Begriffe  säclilich  zueinander  verhalten,  und 
wie  sie  voneinander  abzugrenzen  sind,  darüber  mit  größerer  oder  geringerer  Sicherheit 
zu  urteilen,  ist  Sache  des  Rechtshistorikers.  Familia  umfaßt  die  Hausbewohner,  die 
der  Gewalt  des  Hausherrn  unterstehen,  daneben  aber  auch  das  Hausvermögen.  Familia 
begreift,  wenigstens  zu  wiederholten  Malen,  die  pecxiiia  in  sich,  aber  nichi  umgekehrt 
die  iwcunia  auch  die  familia.  Und  doch  ist  das  Verhältnis  nicht  das  reiner  Unterordnung. 
Denn  warum  sagte  man  dann  häufig  familia  pecimiaque?  Mitteis  hat  unter  Heran- 
ziehung eines  großen  Quellenapparates  die  plausible  Hypothese  geäußert,  daß  unter  der 
pecunia  die  res  nee  manripi  gemeint  seien  (S.  81).  Der  Großteil  des  Viehstandes  war 
in  der  Tat  nicht  manzipabel,  und  es  ließe  sich  wohl  begreifen,  daß  man  unter  familia 
bald  die  Hausangehörigen  und  alles  Vermögen  {res  mancipi  und  res  nee  manclpi),  bald 
aber  die  Hausangehörigen  und  vom  Vermögen  nur  die  res  mancipi  zusammenfaßte. 
Sklaven  werden  jedenfalls  zur  Familia  gerechnet  —  sie  sind  ja  auch  manzipabel  — ,  ja 
zuweilen  begegnet  familia  für  die  Sklaven  eines  Herrn  xat'  iio-/r^'j.  Wie  denn  auch 
griechisch  cIxetttj?  von  ovmq  gebildet  ist  (S.  83  -").  Bona  ist  einmal  von  philologischer 
Seite  auf  *(lii-ona,  was  man  durch  dare  übertragen  könne,  zurückgeführt  worden.  Das 
wären  Vermögensstücke,  bei  denen  die  feierliche  Form  des  mancipare  entbehrlich  wäre. 
Aber  ein  derartiger  Erklärungsversuch  scheiterte  an  der  Tatsache,  daß  die  bonorum 
possessi.o  sowohl,  als  auch  das  honis  intcrdicerc  gegenül)er  dem  \'erschwender  das  man- 
zipable  Gut  mitumfassen  und  beide  Institutionen  in  sehr  frühe  Zeit  zurückreichen 
(Mitteis,  S.  84).  So  behütet  auch  gelegentlich  die  Sachforschung  die  Sprachforschung 
vor  irrigen  Resultaten. 

Welches  ist  die  Etymologie  von  hercs  «der  Erbe»?  Schrader-  stellt  heres  zu  "/f^poc, 
verwaist,  und  sieht  im  heres  den,  der  verwaistes  Gut  antritt.  Aber  die  Unterstützung, 
die  er  seiner  Etymologie  zu  geben  sucht,  ist  vom  rechtshistorischen  Standpunkt  sehr 
bedenklich.  Auch  das  griechische  yr^oc  habe  «in  der  homerischen  Ableitung  /tj^wstt;? 
eine  Beziehung  zur  Erbschaft  angenommen»,  da  die  Ilias  V,  158  unter  -/Tjpcüstai  solche 
(Verwandte)  verstehe,  «die  in  Ermanglung  von  Söhnen  den  Besitz  eines  Verstorbeneu 
teilen».  Aber  wer  den  römischen  Heres-Begrifl'  kennt,  wird  dem  nicht  zustimmen  köimen. 
Die  Eri)schaft  ist  nicht  verwaist,  die  vermögensrechtliche  Pei-söulichkeit  des  Erblassers 
lebt  fort,  bis  der  Erbe  die  Erbschaft  antritt.  Und  wenn  wir  von  dieser  klassischen 
Auffassung  rückwärts  blicken,  so  sehen  wir  erst  recht  kein  «verwaistes»  Vermögen,  in 
das  die  Verwandten  eintreten  und  späterhin  auch  Fremde  eintreten  können,  sondern 
wir  müssen  in  der  hcreditas  ein  rechtlich  gebundenes  \'ermögen  sehen,  ein  Vermögen, 
das  allen  Familienangehörigen  gehört  und  über  das  der  Verstorbene  nur  die  Disposition 

'  Staat  unil  Rcolil   in  iler  nMiiis.hiii  Königszeit  (188-2),  S.  iOi. 
-  Realle.xikon.  S.  181. 

Wörter  uud  Snchcu.     I.  li 


90  Leopold  Wenger. 

—  und  auch  diese  keineswegs  unbeschränkt  —  hatte,  eine  Disposition,  die  nunmehr 
auf  den  oder  die  Erben  übergeht.  Sachlich  wäre  darum  die  Zurückführung  von  licrcs 
auf  herns,  den  Herrn,  ja  durcliaus  erfreulich;  wie  jene  Etymologie  Bedenken  wachruft, 
müßte  diese  nur  Zustimmung  erfahren.  Aber  ist  diese  Etymologie  wegen  der  Quantitäts- 
verschiedeuheit  des  c  auch  möglich?  Audi  Mitteis  äußert  diesen  Zweifel  (S.  96  *). 
Andere  Schwierigkeiten  gibt  es  beim  griechischen  xXrjfjovö[j.o<;:  xXfjfjo?  «Ackerlos»  und 
ve[jL5tv  liegen  zugrunde.  Aber  welchen  Sinn  hat  hier  das  Verbum?  Sehr  ad  er  (S.  184) 
denkt  an  «regieren,  verwalten»,  läßt  aber  auch  «nehmen»  zu.  Ist  der  5CA7jpovö[ioc  also 
der  «LosverwaUer»  oder  der  «Losnehmer»?  An  letzteres  denkt  Meringer^  und  mir 
scheint  eine  sachliche  Erwägung  dafür  zu  sprechen.  Auf  den  Moment  kommt  es  nämlich 
an,  da  der  xX^ipovöiAo?  das  ihm  zugefallene  Los  —  noch  nicht  als  Erbe  —  in  erbhchen 
Besitz  nimmt,  dieser  Moment  fällt  deutlich  in  die  Augen,  ganz  anders  als  das  spätere 
Verwalten,  das  der  Losnehmer  mit  jedem  anderen  gemein  hat,  der  auch  nur  fremdes 
Gut  z.  B.  als  Pächter  bewirtschaftet. 

Commercium  ist  erst  durch  sachlich  korrekte  Erklärung  (Mitteis  116  f.)  auch 
sprachlich  zu  seinem  Reclite  gekommen.  Es  ist  dies  nicht,  wüe  herkömmhch  gelehrt  wird, 
die  Teilnahme  am  römischen  Vermögensrecht,  sondern  die  Teilnahme  am  rechtsge- 
schäftlichen Verkehr  unter  Lebenden,  eine  Riciitigstellung,  auf  die  schon  Ulpians  Defini- 
tion als  cmendi  vendendique  invicem  ius  (Ulp.  19,  5)  hätte  führen  sollen.  Was  im  einzelnen 
zum  Commercium  gehört,  das  zu  bestimmen  wird  nach  dieser  begrifflich  prinzipiellen 
Richtigstellung  der  Philologe  gern  dem  Rechtshistoriker  überlassen.  Der  Ausgangspunkt 
aber  ist  für  beide  von  gleichem  Interesse. 

Vielverhandelt,  ja  fast  vielgequält  ist  das  Ne.vnm.  Die  Etymologie,  die  ncxum  auf 
?jec<f>T  zurückführt,  auf  rechtsgeschäftliche  «Bindung»  (Mitteis,  S.  142)  läßt  den  Juristen 
im  Nexum  «das  bindende  Rechtsgeschäft  des  alten  Rechts»  sehen,  also  Manzipatiou  und 
Darlehen.  Eine  schöne  sprachliche  Analogie  findet  Mitteis  im  pecioviam  aUif/are  bei 
Varro,  de  1.  1.  5,  182.  Aber  die  Stelle  bei  Plaut.,  Pseudol.  2,  2,  34—35  (Pseud.:  Dum 
tu  sfrenuas,  res  erit  soluta.  Harpax :  Vinctam  poiuis  sie  servavero)  muß  nicht  in  diesem 
übertragenen  Sinne  auf  «gebundenes  (=  geschuldet  bleibendes)  Geld»  gedeutet  werden. 
Es  wäre  auch  möglich,  bloß  an  den  gebundenen  Geldbeutel  zu  denken  (S.  142"). 

Dunkel  wie  die  Anfänge  des  Nexums  sind  die  der  Sponsio.  Auch  sie  ist  in  neuester 
Zeit  wieder  in  den  Mittelpunkt  rechtshistorischer  Diskussion  gerückt  und  auch  bei  ihrer 
Erklärung  spielen  sprachliche  Argumente  eine  erste  Rolle.  Über  diese  Fragen  auch 
nur  einigermaßen  eingehend  zu  orientieren,  würde  im  Rahmen  dieser  Skizze  unmöglich 
sein,  so  sehr  verflechten  sich  hier  alle  möglichen  Prol)leme  verschiedener  Rechtsmaterien. 
Aber  das  eine  mag  das  Interesse  besonders  des  Sprachvergleichers  auf  diese  Fragen 
lenken,  daß  hier  die  römische  Rechtsgeschichte  in  ausgedehntem  Maße  mit  Reclitsver- 
gleichuug  operiert.  Die  griechische  l-('l''^  und  s-f/ürpt?,  die  germanische  Wadiatioii  leisten 
wertvolle  Dienste  (vergl.  Mitteis,  S.  271  f.).  Aus  der  sprachlichen  Gleichsetzung  der 
familien-  und  vermögensrechtlichen  Verlobung  kann  auch  der  Rechtshistoriker  seine 
Schlüsse  ziehen.  Die  römische  Sjmisio  galt  nur  für  den  römischen  Bürger,  aber  der 
Latiuer  und  weiter  wohl  auch  der  Italiker  werden  durch  Handschlag  verpflichtet  —  der 
Handschlag    verdient    vollauf    die    wiederholte    Darstellung    auf    weitester    lechtsver- 


>  I.  F.  XVIII,  S.  240. 


Sprachforsrliuni;  und  Rechtswissenschaft.  91 

gleichender  Basis.*  Auch  die  Pap3'ri  bringen  da  schon  Beispiele.  Promissio  erklärt 
sich  sinnlich  aus  promittere  seil,  manuni  (S.  270'^). 

Im  Bürgschaftsrecht,  sowohl  im  prozessualen  als  im  materiell-rechtlichen,  gibt  es 
noch  zu  forscheu  genug.  Da  sind  pracs,  vas,  vindex  Wörter,  die  philologische  und  juri- 
stische Arbeit  erheischen.  Mommsen,  Lenel,  Schloßmann  haben  in  letzter  Zeit^ 
darüber  gehandelt,  ohne  zu  übereinstimmenden  Ergebnissen  zu  gelangen.  Viard^  hat 
kürzlich  in  einer  über  das  normale  Maß  hinausreicheuden  Doktorsdissertation  die  Sache 
des  praes  ex  pro fcsso  zur  seinigen  gemacht.  Stets  nimmt  die  sprachliche  Seite  der  Sache 
einen  breiten  Rahmen  ein. 

Der  Begrift'  des  Ohlif/atio  selbst  kann  nicht  ohne  sprachliche  Untersuchung  sieher- 
gestellt werden.  Damit  sind  grundlegende  Fragen,  wie  Schuld  und  Haftung,  auf- 
gerollt, die  nicht  bloß  für  das  römische  und  germanische,  sondern  für  die  Erkenntnis 
jedes  Obligationenrechts  unentbehrlich  sind.  Wie  alt  ist  der  klassische  Begriff  der  obli- 
gatio? Plautus  verwendet,  wie  Mitteis  beobachtet  (S.  86^*),  das  Wort  nur  an  einer 
Stelle  im  juristischen  Sinne,  dort  aber  heißt  es  «verpfänden»,  geht  also  auf  Haftung, 
nicht  auf  Schuld.  Daß  auch  die  Geschichte  des  Praes,  so  dunkel  sie  noch  sein  mag. 
die  Haftungstheorie  für  das  römische  Obligationsrecht  stärkt,  sei  auch  hier  betont.* 

Eine  andere  Frage:  Läßt  sich  die  sachlich  postulierte  Grundbedeutung  von  dolus 
=  «List»  etymologisch  mit  SsXsap  «Köder»  stärken?  Mitteis  setzt  zur  sprachlichen 
Bemerkung  ein  Fragezeichen  (S.  316).  Aber  soviel  wissen  wir,  daß  die  Laiensprachc  im 
Dolus  nicht  moralische  Verwerflichkeit  sieht,  wogegen  allerdings  die  Rechtssprache  in 
den  uns  zugänglichen  Quellen  damit  einen  tadelnden  Nebenbegriff  verbindet.  Und  so 
gibt  es  in  Mitteis'  Buch  noch  Dinge  genug,  die  über  den  Kreis  der  Rechtsbistoriker 
hinaus  Interesse  erregen  müssen. 

Rabeis  Untersuchung  über  die  nachgeformten  Rechtsgeschäfte-''  muß  die  Verbindung 
dicis  causa  behandeln.  Da  ist  (27,  307)  die  Etymologie  geprüft,  die  das  notwendige 
Korrelat  zur  Sachforschung  bildet. 

Ins  Prozeßrecht  spielt  die  Lehre  vom  praes,  vas  und  ri)idex,  deren  wir  schon  ge- 
dachten. Besonderes  Interesse  hat  da  in  neuester  Zeit  der  testis  gefunden.  Verschiedene 
Forscher  haben  unabhängig  voneinander  im  Worte  (cstis  «die  Dreizahh  gesucht.''  «Die 
idg.  Bildung  für  Dritter  war  *tritös,  vielleicht  auch  */W//os.»  Zeuge  ist  nach  Meringer, 
der  an  dritter  Stelle  steht,  also  *tri-sfo-.''  Sachlich  ist  der  Zeuge  der  natürliche  Schieds- 
richter, wenn  über  den  Handel  Streit  entsteht.  Aber  fcsfis  hat  sich  nicht  in  dieser 
Richtung  entwickelt.  Schiedsrichter  ist  in  Rom  der  arbiter,  aber  ebenso  ist,  wie  wir 
aus  Whissaks  Prozeßforschungen  wissen,  dov  judex,  an  den  jeder  in  erster  Linie  denkt, 


'  Die  bekannten  Forscliungon :  v.  Amira,  Nonlgenu.  Obl.  R.,  Puntscharl,  Schuldvertrap  und  Trcn- 
gelöbnis,  zu  denen  nun  die  rechts-  und  s|)rachvcrgleiclienden  Untersuchungen  von  Partsch,  Griecli.  Büiv- 
schaftsr.  S.  33^  4ü  ff.,  h-2  f.  treten.     Veigl.  aucli  Meringer,  I.  F.  XVI,  S.   170  f. 

*  Vergl.  Ztschr.  d.  Savigny-Stittg.  Rom.  Abt..  Bd.  -2X  -U,  -26. 

'  Paul  Viard,  Le  praes,  Dijon  1907.  Sehr  verständig  urteilt  darüber  F.  Schulz,  Ztschr.  d.  Sav.- 
St.  Rom.  Al)t,  18,  470ff.  Ich  freue  mich  .1.  Partsch'  soeben  (I90!i)  erschienenes  bedeutendes  und  vor 
allem  auch  rechtvergleichend  aibeilendcs  Buch  tiriechiscbes  Bfu-gsohaftsrecht  in  der  Korrektur  wenigslens 
noch  nennen  zu  können. 

*  Vergl.  Schulz,  a.  a.  O.  474.  •-  '  Ztschr.  d.  Sav.-Sl.  Rom.  Abt.,  Bd.  -^7  u.  iS. 

'■  Skutsch,  Solmsen,  Meringer.  Näheres,  auch  die  Literatur  bei  lelitercm  I.  F.  XVI,  S.  l6".>fT.:  XVIII, 
S.  ailOff.:  XIX,  8.   151  ff.   -    •  I.  V.  XVIll,  S.  '»»3. 


92  Leopold  Wenger. 

dem  das  Wort  in  den  juristischen  Quellen  begegnet,  Schiedsrichter.  Es  ist  für  den  Roma- 
nisten von  besonderem  Interesse  zu  hören,  wie  sich  der  an  den  rechtshistorischen  Streit- 
fragen über  beide  «Richter»  unbeteiligte  Sprachforscher  zu  arbiter  und  judex  stellt. 
Arbiter  erklärt  Meringer  als  Fremdwort,  das  die  Römer  von  den  viehzüchtenden  indo- 
germanischen Mitbewohnern  Italiens,  des  Rinderlandes,  entlehnten  (S.  291  f.).  Wlassak 
aber  hat  in  den  inhaltsreichen  Artikeln  Arbiter  und  Arbitriiaii  bei  Pauly-Wissowa 
für  Arbiter  die  Etymologie  von  ad  und  beterc,  also  «der  Hinzukommende»,  nicht  ab- 
gelehnt. Das  bietet  sachhch  nichts  Unvereinbares.  Gerade  der  Schiedsrichter  kommt 
als  Dritter  hinzu.  Aber  *jo)(S(lics,  judex  ist  ein  gelehrtes  Wort  «der  höheren  Stellung 
des  beamteten  Richters  entsprechend».^  Da  wird  der  Rechtshistoriker  auf  den  ersten 
Blick  eine  Korrektur  vornehmen  wollen.  Wir  wissen  sicher,  daß  auch  der  judex,  soweit 
er  neben  dem  arhiter  begegnet,  ein  Laienrichter  war  wie  dieser,  aber  allerdings  ein  be- 
hördUch  autorisierter  Laienrichter,  ein  Geschworener,  der  sein  Amt  weder  bloß  den  Par- 
teien, die  sich  auf  ihn  einigten,  noch  bloß  dem  Magistrat,  der  ihn  ernannte,  sondern 
der  Kombination  von  Bestellung  durch  die  Parteien  und  Ernennung  durch  den  Be- 
amten verdankte.  Des  Judex  LMeil  ist  darum  stärker  als  das  des  Arbiters,  es  ist 
staatlicher  Exekution  fähig,  während  die  Parteien  den  Spruch  des  Arbiters  erst  durch 
gegenseitige  Versprechungen  für  den  Fall  der  Nichtannahme  sichern  müssen.  Neben 
diesem  privaten  Arbiter  (1),  den  wohl  Meringer  im  Auge  hat,  gibt  es  noch  einen 
Namensvetter,  der  unter  obrigkeitlicher  Autorität  bestellt  wird  und  judex  arbiter ce  heißt  (2), 
endlich  —  freilich  erst  in  der  Spätzeit,  als  sich  die  Begriffe  nicht  mehr  strenge  scheiden 
—  noch  einen  Arbiter,  der  vom  Oberbeamten  als  richtender  Unterbeamter  bestellt 
wird  (3).  Der  ist  Beamter,  kein  Schiedsmann  mehr,  den  die  Parteien  erkiesen.  Immer 
urteilt  der  Arbiter  nach  billigem  Ermessen,  er  ist  in  seinem  Spruche  freier  als  der  Judex. 
Sicher  unterscheidet  sich  der  erstangeführte  Arbiter  (1),  der  dem  Parteienkompromiß 
allein  sein  Amt  verdankt,  vom  magistratisch  ernannten  geschworenen  Judex.  Aber  an 
der  sicheren  Abgrenzung  des  ebenfalls  geschworenen  Arbiters  (2)  vom  geschworenen 
Judex  felilt  es,  soweit  wir  sehen  können.  Hier  werden  zurzeit  die  sachlichen  Hypo- 
thesen und  Kontroversen  auch  von  der  Linguistik  nicht  entschieden.  Aber  Meringers 
Antithese  vom  arbiter  und  judex  führt  mich  auf  eine  andere  Idee,  die  dieser  Gelehrte 
vielleicht  selljst  seinen  Worten  zugrunde  legte.  Über  das  Alter  des  Arbiters  (sowohl  im 
Sinne  1  als  auch  2)  wissen  wir  nichts.  Aber  Aev  judex  als  Geschworener  ist  eine  gewiß 
republikanische  Einführung.  Daß  die  römische  Sage  das  Institut  auf  Servius  TuUius 
zurückführt,  stimmt  nur  dazu.  Judex  war  in  der  absoluten  Küuigszeit  der  König  selber 
(Mommsen,  Staatsr.  IP,  5).  Dann  aber  hieß,  wofür  sich  noch  Spuren  in  den  Quellen 
finden  (Mommsen,  S.  76 f.),  auch  der  Konsul  judex,  ein  Name,  der  freilich  gegenüber 
praetor  und  besonders  consid  ganz  zurücktritt.  Daß  der  arbiter  älter  ist  als  der  judex- 
Geschworene,  dürfen  wir  wohl  als  sicher  annehmen.  Ebenso  ist  der  Beamteu-judex, 
mindestens  der  König  älter  als  der  Geschworene.  So  bliebe  für  die  «alte  Zeit»  tatsäch- 
lich der  Gegensatz:  staatlicher  Richter  Judex,  von  den  Parteien  gewählter  Schiedsrichter 
Arbiter.  Verwirrt  wird  das  Verhältnis  erst,  als  ein  judex  begegnet,  der  als  Geschworener 
urteilt,  und  anderseits  ein  arbiter,  der  wie  der  judex  vom  Gerichtsherrn  ernannt  wird. 
Außerdem  muß  ich,  um  nochmals  auf  den  Zeugen-Schiedsmann  zurückzukcmmen, 
Meringers  Polemik  gegen  Schloßmann,   einen   im   besonderen  Maße  mit  Wörtern   und 

>  Meringer,  I.  F.  XVIII,  S.  292. 


Spi-acliforscliuiig  und  F><-i'lil-wis«on?rliaft.  93 

Sachen  arbeitenden  Gelehrten,  akzeptieren,  wenn  er  Zeugnis  und  Schiedsamt  im  bürger- 
lichen Rechtsstreit  für  mindestens  ebenso  alt  schätzt  wie  im  Strafverfahren.  Und  was 
Meringer  über  [J-s^o?  und  [j.=atr/j?  als  Zeuge  und  Schiedsrichter  sagt,  läßt  kaum  eine 
andere  Deutung  zu  (I.  F.  XIX,  S.  453). 

Ich  muß  schon  zu  Ende  und  habe  bisher  noch  gar  nicht  der  neuen  Wissenszweige 
gedacht,  die  uns  die  Papyrusforschung  gebracht  hat.  Wie  viele  Termini  kann  da  nur 
gemeinsam  mit  dem  Philologen  der  Jurist  erklären.  Das  gilt  für  alle  Gebiete  des  Pri- 
vatrechts, des  öffentlichen  Rechts  und  der  Prozesse.  Lebendige  Anschauung,  gewonnen 
aus  dem  Studium  entsprechender  modernrechtlicher  Institute,  verhalf  zur  Deutung  des 
ägyptischen  Gruudbuchsrechts.  Wer  die  Sache  kennt,  wird  sich  auch  bei  Wörtern  zu- 
rechtfinden, die  ihm  das  erstemal  begegueu.  Die  Schrift  von  Lewald,  Beitr.  z.  Kennt, 
d.  röm.-ägypt.  Grundbuchsrechts,  klärt  über  den  neuesten  Stand  der  Forschung  vor- 
trefflich auf.  Freilich  nicht  immer  liegt  die  Sache  so  klar,  daß  die  Bedeutung  des 
neuen  Wortes  sofort  gegeben  ist.  Auch  hier  fehlt  es  nicht  an  Irrgängen  der  Forschung 
und  an  Zweifeln.  Nur  zwei  Beispiele.  Das  in  verschiedenen  Verträgen,  aber  beson- 
ders Pachtverträgen  vorfindliche  avujiöXoY&v  xavTÖ?  0:10X0700  hat  Braßloff'  auf  Aus- 
schluß der  Kompensation  zu  deuten,  also  mit  «inkompensabel»  wiederzugeben  gesucht, 
aber  Waszynski^  erklärt  das  Wort  ohne  prägnante  juristische  Bedeutung  als  «durch 
keinen  Abzug  gemindert,  durchaus  ungemindert».  Neue,  Braßloff  noch  nicht  be- 
kannte Funde  entschieden  m.  E.  für  Waszynski.  Dann,  was  hat  es  für  eine  Be- 
wandtnis mit  der  typischen  Haftungsübernahme  des  Verkäufers  von  Sklaven  für  Ufji 
vöao?  und  ejratpv]?  Über  die  tspä  vöao;  als  Epilepsie  haben  sich  Übersetzer  und  Erklärer 
geeinigt.  Aber  iz^-f-ij  ist  schon  ganz  verschieden  erklärt  worden.^  Kubier  hat  die 
herrschend  gewordene  Deutung  auf  «Aussatz»  neuestens  energisch  bekämpft  und  ist 
mit  eingehender  Begründung  für  Gradenwitz'  ursprüngliche  Deutung  auf  «Herren- 
rechtsreservation» eingetreten  (Ztschr.  d.  Sav.-St.  29,  474  ff.). 

Am  Anfang  und  am  Ende  der  römischen  Rechtsgeschichte  muß  der  Jurist  philo- 
logischen Rat  holen.  Die  Zwölftafeln  können  nur  beide  gemeinsam  erklären,  nicht 
anders  steht  es  mit  den  bedeutsamen  Problemen  der  luterpolationenforschuug  im  Ge- 
setzbuche des  Kaisers  Justinian.  Doch  das  sind  bekanntere  Dinge.  Aber  wenn  wir  über 
die  römische  Rechtsgeschichto  zur  griechischen  und  hellenistischen  und  von  dieser,  was 
ja  unserer  Zukunft  sichere  Aufgabe  ist,  zur  antiken  llechtsgeschiehte  vorschreiten  wollen. 
da  wissen  wir  erst  recht,  wie  notwendig  wir  die  Philologie  brauchen. 

Die  vorliegenden  Zeilen  sind  fast  zu  einer  Apologie  der  Jurisprudenz  geworden, 
daß  sie  die  Bedeutung  der  \\'örtcr  für  die  Sachen  nicht  übersehen  habe.  Wer  Apo- 
logien nötig  hat,  braucht  gewiß  nicht  ein  schlechtes  Gewissen  zu  liaben,  wohl  aber 
wird  er  Grund  haben,  sich  gegen  Vorwürfe  zu  verteidigen.  Die  Jurisprudenz  mag  zu 
zelten  sich  eingeschlossen  und  abgeschlossen  haben,  aber  die  gegenwärtige  rechts- 
hislorische  Richtung  ist  gewiß  von  solchem  Vorwmf  frei,  wird  sie  ja  doch  gelegentlich 
als  «philologische»  Richtung  bezeichnet.  Der  bequeme  Standpunkt:  tgrana  sutit  non 
legiintur»  ist  ernstlich  aufgegeben.     Dankbar  nehmen  wir,    wo    immer  in  philologischer 


'  Zl.>;ohi-.  li.  Sav.St.  '21,  ■M\-2  ff.     Zwciloliid  tür  BralHoff  jetzt  Kühler  -29.  197. 

-  Die  Bodenpaclü  (1".)().5},  S.  127  IT.,   1-lü  f. 

'  Vergl.   die  von  mir  schon  vor  Jahren  gegebene   Zusammenstellung  in   den   Götl.  Gel.  Aiiz.  190:!, 

S.  .V2'.>  f.      n;ii:i  icli  mi.li  <lurl  zu  bostimnil  iieaußoil.  tadoll  Kühler  mit  Recht  (S.  475'). 


94  Josef  Janko. 

Arbeit  rechtsgeschichtlicher  Dinge  gedaclit  wird.  Dankbar  und  freudig  nehmen  wir  die 
Einladung  an,  bei  spracldicher  Forschung  sacliliche  Anflviärung  zu  geben.  Und  wenn  wir 
etwas  al.s  besondere  Gegengabe  heischen,  so  ist  es  philologisclicr  Einbliclv  in  juristische 
Bücher.     Es  gibt  deren  genug,  in  denen  keine  ominösen  Paragraphen  stehen. 


Über  Berührungen  der  alten  Slaven  mit  Turko- 
tataren  und  Germanen  vom  sprachwissenschaft- 
lichen Standpunkt. 

Von  Josef  Janko. 


Unter  diesem  Titel  habe  ich  im  «Vestnik  Ceske  Akademie»  XVII  (Prag  190S), 
S.  100 — 131  und  139  —  192  eine  eingehende  Kritik  der  Aufstellungen  und  Schlußfolge- 
rungen J.  Peiskers  veröflentlicht,  insofern  nämlich  der  bekannte  Sozialhistoriker  die 
Grundthese  seiner  Schrift  <^I)ic  älteren  Beziehungen  der  Slawen  zu  Turhotataren  und 
Germanin  und  ihre  sozialgeschichtUclie  Bedeutung»  (Vierteljahrschr.  f.  Sozial-  u.  Wirtschafts- 
gesch.  in,  S.  187 — 533,  auch  als  S.-A.  bei  W.  Kohlhammer,  Stuttgart  1905)  auf  Sprach- 
und  damit  aufs  engste  zusammenhängende  Sachforschung  stützt.  Obgleich  ich  nun  vor 
kurzem  eine  Besprechung  von  Peiskers  Buch  als  Ganzem  für  den  AfdA.  geliefert  habe, 
so  stehe  ich  bei  der  Wichtigkeit  des  Gegenstandes  doch  nicht  an,  der  Aufforderung 
der  Redaktion  unserer  neuen,  auch  mir  höchst  sympathischen  Zeitschrift  Folge  zu 
leisten  und  meine  sprachlich-sachliche  Nachprüfung  in  entsprechendem  deutschem  Aus- 
zuge den  Fachkollegen  im  weitesten  Sinne  des  Wortes  zu  unterbreiten. 

Vom  Inlialt  der  Peiskerschen  Schrift  will  ich  hier  nur  anführen,  was  zum  Ver- 
ständnis meiner  Auseinandersetzung  unumgänglich  notwendig  ist;  es  leuchtet  ein,  daß 
eine  Ablehnung  der  Grundthese  die- Annullierung  oder  wenigstens  Berichtigung  aller 
weiteren  Deduktionen  und  Erklärungen  Peiskers  unabweislich  zur  Folge  haben  muß. 

Peisker  nimmt  vor  allem  für  die  slavische  Urzeit,  also  für  die  vorhistorische  und 
speziell  vorchristliche  Periode,  eine  doppelte,  miteinander  abwechselnde  Beherrschung  und 
Knechtung  der  Slaven  an,  eine  geradezu  bestialische  von  Seite  der  Turkotataren  (genauer 
der  von  ihm  für  iranisierte  Türken  gehaltenen  Skythen)  und  eine  minder  grausame, 
menschlichere  von  Seite  der  Germanen  (genauer  Westgermanen).  Die  turkotatarische 
Knechtschaft  begründet  er  neben  späten  Nachrichten  und  soziologischen  Analogien,  die 
keinen  Ausschlag  geben,  im  letzten  Grunde  bloß  mit  der  bestimmt  behaupteten  Ent- 
lehnung des  slav.  tvarogi,  «geronnene  Milch,  Topfen»  aus  türk.-dzag.  turak  «Käse»:  die 
Türken  als  Reiternomaden  hätten  den  Slaven  jegliche  Viehzucht  verwehrt  und  alle 
Weide  für  sich  beansprucht,  wären  also  zu  alleinigen  Zuj)anen  «Weidegenossen»,  die 
Slaven  zu  ausschließlich  ackerbauenden  «stinkenden»  Smerdcn,  aus  Slari  zu  Sclari  ge- 
worden; da  sie  selbst  kein  Vieh  und  keine  Milch  hatten,  bei  ihren  Peinigern  aber  nur 
geronnene  Milch,  Topfen,  Käse  sahen,  vergaßen  sie  nach  Peisker  sogar  das  idg.  Erb- 
wort für  «Milch»  oder  vielmehr,  sie  schränkten  es  (*ml('Zh,  mleziro)  lediglich  auf  mensch- 
liche  und   tierische    «Biestmilch»    ein   und   übernahmen   dafür  den  Namen   derjenigen 


über  Berührungen  der  alten  Slaven  mit  Turkotataren  und  Germanen.  95 

Milch,   welche   ihre   Nomadenherrea    in    Lederschläuchen    gerinnen    und    zu    «Topfen» 
(tvaro(J^)  werden  ließen. 

Als  die  Slaven  das  harte  türkische  Joch  al)schüttelten,  harrte  ihrer  nicht  die 
Freiheit,  sondern  von  Westen  her  die  mildere  germanische  Knechtschaft.  Auch  diese 
äußerte  sich  nach  Peisker  durch  einen  wirtschaftlichen  und  zugleich  sprachlichen,  zu- 
vörderst die  Milehnomeuklatur  betreffenden  Umschwung.  Die  Slaven  sahen  jetzt  bei 
ilu-en  milchesseuden  Herren  wieder  «süße  Milch»  und  durften  auch  selbst  wieder  teil- 
weise «Vieh»  halten:  diese  ihnen  neuen  Ausdrücke  (mleJco;  ntita  und  skotb)  nahmen  sie 
demgemäß  aus  dem  Germ.,  speziell  ^Vgm.  auf.  Es  ist  gerade  die  Beeinflussung  der  Ur- 
slaven durch  Westgernianen,  auf  die  es  Peisker  ankommt:  sie  wird  nach  ilim  noch 
durch  das  entlehnte  plugh  'Pflug»,  ferner  durch  den  als  NembCb  «Deutscher»  generali- 
sierten Namen  der  wgm.  (urspr.  vielleicht  kellischen)  Xemeics  erhärtet,  während  die 
politische  und  kulturelle  Abhängigkeit  von  Germanen  überhaupt  durch  den  gesamten  germ. 
Lehnwörterschatz  im  Slav.  und  die  altnordische  Beherrschung  im  besonderen  durch  das 
entlehnte  vitfzb  =  an.  VihiiKjr  dargetan  wird.  Zu  allen  diesen  Thesen  hatte  ich  im 
bewußten  Aufsatz  in  drei  mehr  allgemeinen  und  \\ev  speziellen  Kapiteln  Stellung  ge- 
nommen; die  Keihenfolge  derselben  soll  auch  hier  beibehalten,  ihr  Inhalt  namentlich 
in    kulturgeschichtlicher  Beziehung  wiedergegeben  werden. 

1.  Jedem  Sprachforscher  ist  es  klar,  eine  wie  labile,  subjektive  Wissenschaft  die 
Etymologie  ist,  zumal  wenn  sie  sich  auf  die  unbedingte  Ausnahmslosigkeit  der  Laut- 
gesetze verläßt,  dabei  aber  die  Lücken  in  unserer  sprachlichen  Tradition  und  die  un- 
erläßliche vergleichende  Sachforschung,  wozu  selbst  die  geringsten  historischen  An- 
deutungen gehören,  nicht  in  Rechnung  zieht.  Daraus  folgt,  daß  die  an  und  für  sich 
mehrdeutigen  Ergebnisse  der  ausschließlichen  Sprachforschung  nur  einen  bedingten 
noetischen  Wert,  nämlich  nur  den  von  Wahrscheinlichkeitsrechnungen,  haben  und  daß 
sie  uns  in  der  Kulturgeschichte  die  direkten  Quellen  und  Dokumente  nimmermehr 
ersetzen  können. 

2.  Was  die  Lehnwörter  üljcrbaupt  anbelangt,  so  steigern  sich  die  Schwierig- 
keiten durch  die  Unsicherheit,  ob  wir  im  gegebenen  Falle  nicht  etwa  doch  ein  alter- 
erbtes oder  aber  ein  völlig  entlehntes  oder  ein  zwar  einheimisches,  jedoch  mit  einem 
fremden  nur  kontaminiertes  Wort  (vergl.  neben  regelrechtem  lett.  mesa  «Fleisch»  aus  idg. 
*mcms-[u]  =  apr.  niciisci,  -o,  slav.  nicso  das  nach  Zubaty  mit  russ.  mmo  kontaminierte 
lit.  nu'nä,  oder  das  aus  halt,  sürfijs  und  {loln.  scr  vermengte  lett.  sers  «Käse»)  vor  uns 
haben.  Der  noetisclie  Wert  der  Lehnwörter  ist  sehr  ungleich  und  in  jedem  Einzelfalle 
eigens  zu  bestimmen;  im  allgemeinen  kann  man  sagen,  daß  die  Wertschätzung  der 
Lehnwörter  nur  dann  unzweifelhaft  ist,  wenn  zugleich  mit  dem  Namen  eine  neue,  für 
uns  erforschbare  Sache  gewonnen  wurde.  Wemi  aber  ein  fremdes  Wort  für  eine  schou 
bekannte  oder  ganz  alitägliche  Sache  Eingang  findet,  ist  die  Entscheidung  schou 
schwieriger:  entwetler  hat  da  eine  geringe  Abweichung  des  Fremden  vom  Hergebrachten 
bestanden  (wie  z.  B.  bei  slav.  rhlebh,  wenn  dies  wirklich  entlehnt  ist),  oder  die  Sache 
war  auf  beiden  Seiton  ganz  gleich  und  ihre  Bezeichnung  ist  nur  im  Gefolge  der  übrigen 
zahlreichen  Lehnwörter  von  der  kulturell  weniger  entwickelten,  doppeK<prachigen  und 
daher  über  das  Maß  des  unbedingt  Erforderlichen  aufnehmenden  Bevölkerung  entliehen 
worden  (vergl.  slav.  (Wo  «Kind»  oder  ttih'lo  <Miloh»,  wenn  anders  diese  Wörter  entlehnt 
sind;  das  von  den  Lappen  dem  An.  ontuommene  micikicc,  melke,  »i»7/r  könnte  schließlich 


96  Jubcf  Jauko. 

eine  wirtschaftliche  Neuerung,  das  Melken  der  Renntiere,  zur  Voraussetzung  haben, 
wenn  das  Finnische  nicht  sein  eigenes  Wort  für  »Milch»  hätte;  dagegen  ist  eine  £0»jhe 
Möglichkeit  völlig  ausgeschlossen  bei  dem  aus  dem  Lat.  stammenden  ir.  laclit,  körn. 
lait  und  kymr.  Uath  und  bei  dem  aus  lat.  lad-  und  ir.  mlicht,  Nicht  m.  E.  kontaminierten 
ir.  nilaclif.  hlacht).  Vollends  unicuverJässig  sind  die  aus  Lehnwörtern  gezogenen  sozial- 
politischen Schlüsse;  man  kann  behaupten,  daß  bis  auf  einige  untrüglich  «politische» 
und  «kriegerische»  Lehnwörter  (wie  slav.  Jnnc^b  «Fürst»  oder  die  germ.-slav.  Waffen- 
namen) die  große  Masse  derselben  ganz  unpolitischen  Charakters  ist,  daher  Rück- 
schlüsse dieser  Art  von  vornherein  anfechtbar  und  ohne  sachlich-historische  Stützpunkte 
zu  vermeiden  sind.  Der  Beweis  dafür  wird  sich  auf  den  folgenden  Seiten  ergeben. 
Und  nicht  einmal  die  bedeutende  Zahl  der  irgendwo  aufgenommenen  Lehnwörter  zeugt 
inuuer  gleich  von  politischer  Abhängigkeit,  sondern  nur  von  intensiver  und  langdauernder 
Berührung  der  einen  Völkerschaft  mit  einer  anderen  gebildeteren,  wie  wir  dies  deutlich 
an  den  kulturellen  Lehrern  der  Germanen,  den  ihnen  unterliegenden  Kelten,  und 
andrerseits  an  den  siegreichen,  von  den  unterworfenen  Slaven  fast  alle  europäische 
Bildung  erst  erlernenden  Magyaren  sehen. 

Grundsätze  wie  die  vorerwähnten,  haben  also  auch  bei  Beurteilung  der  slavo- 
ger manischen  Berührungen  Platz  zu  greifen.  In  sprachlicher  Hinsicht  ist  weder 
H.  Huts  (PBrB.  XXIII,  330  f.)  noch  7?.  Löires  (KZ.  XXXIX,  313  f.)  Verfahren  zu  billigen, 
wenn  nämlich  jener  auch  dort,  wo  keine  Anzeichen  einer  Entlehnung  vorliegen,  dennoch 
eine  solche  der  Wahrscheinlichkeitsrechnung  nach  (die  aber  z.  B.  bei  keltogermanischen 
Beziehungen  nicht  angerufen  wird)  statuiert  —  und  wenn  dieser  dort,  wo  die  uns  be- 
kannten germanischen  Dialekte  versagen,  also  Ausgangspunkt  einer  vermuteten  Ent- 
lehnung ins  Slavische  das  mehr  oder  weniger  imaginäre  Balkangermanische  voraussetzt. 
Im  Hinblick  auf  die  vorchristliche  slavische  L^rzeit  kann  von  bestimmten  altgermanischen 
Schattierungen  in  der  Regel  keine  Rede  sein :  man  kann  höchstens  Lehnwörter  aus  der 
Zeit  vor  der  Lautverschiebung  (Mach)  und  nach  ihr  unterscheiden;  bestimmtere  Dialekt- 
grenzen lassen  sich  erst  gegebenenfalls  mit  dem  Auftreten  der  Goten  im  3.  Jahrhundert 
n.  Chr.  ziehen,  wobei  aber  von  einer  Scheidung  zwischen  Hoch-  und  Niederdeutscheu, 
zwischen  -westlichen  und  östlichen  Westgermanen,  wie  sie  Peisker  betont,  aus  Mangel 
an  Kriterien  abzusehen  ist. 

3.  Bei  Beurteilung  des  slav.  tvarog-h  ist  von  Seite  des  Indogermanischen  folgende 
Grundlage  leicht  erreichbar:  Die  Indogermaneu  als  Milchesser  hatten  von  Anfang  an 
Gelegenheit,  den  ganz  natürlichen  Übergang  von  flüssiger  zu  dicht  gewordener,  ge- 
standener Milch  und  zu  Topfen  zu  beobachten ;  die  Veränderung  des  Äußeren  fiel  wohl 
dem  primitiven  Menschen  zuerst  in  die  Augen  und  erst  dann  belehrte  ihn  der  Ge- 
schmack von  dem  inneren  Wandel.  Mit  der  Zeit  begann  man  den  Topfen  mit  den 
Händen  zu  Kugeln  zu  gestalten  oder  gebrauchte  eigene  hölzerne  oder  geflochtene 
Formen  dazu,  es  entstand  zuerst  weicher,  dann  durch  Pressen  fest  gewordener  Form- 
käse, der  in  kleinere  Stücke  geschnitten  werden  konnte.  Zur  Beschleunigung  des 
Gerinnens  der  Milch  wurde  mit  der  Zeit  ein  Lab  angewendet  und  das  Ganze  mit  einem 
Stock  oder  dergl.  umgerührt. 

Allen  diesen  Stadien  entsprechen  im  Indogermanischen  eigene,  ihrem  Alter  nach 
genauer  bestimmbare  Bezeichnungen.  Av.  tüiri  «käsig  geronnene  Milch,  Molke»  (Adj. 
tüinja    «käsig,  verkäst»)   und   gr.  Töfjo?    "Käse»  sind  beide  urspr.  «lac  coagulatum»,   ge- 


über  Beriiliiungeii  der  allen  Slaven  mit  Türkctalaren  und  Germanen.  97 

bildet  aus  der  Tiefstufe  der  Wz.  tuer-  «coercere»,  die  aber  mit  der  gleichlautendeu, 
ein  «Drehen,  Mischen»  bedeutenden  (s.  weiter  unten)  nichts  zu  tun  hat,  also  «zusainnieu- 
gefaßte,  gebähte,  kompakt  gewordene  Milch,  Topfen*.  xMit  der  Zeit  werden  (und  das 
kann  mau  auch  sonst  beobachten)  die  Ausdrücke  für  «Topfen»,  infolge  des  Fortschrittes 
der  Technik  zu  wirklicher  Käsebercitung,  auch  auf  tFormkäse»  übertragen,  wie  z.  B. 
im  Griechischen';  doüh  schimmert  die  Urbedeutung  noch  in  dem  echt  griechischen 
ßo6-töpoy  «Kuhquark,  von  der  Kuh  herkommende  Masse,  Butter»  durch.  Die  Her- 
leitung beider  obiger,  sicher  uralter,  ja  ursprachlicher  Wörter  von  der  andern  Wz.  tuer-, 
also  von  der  Manipulation  des  Umrührens,  ist  für  die  ältesten  Zeiten  aus  psychologischen 
Gründon  abzulehnen,  später  und  speziell  bei  der  Butterbereitung  (vergl.  ae.  üicxre  «Butter- 
faß», huter-gedifcor  «uuguentum  butyri»)  aus  technischen  Gründen  ohne  weiteres  zuzugeben. 

Nicht  mehr  äußerliche,  sondern  eine  Geschmacksbezeichnung  ist  das  bekannte 
lat.  cäsciis,  das,  verwandt  mit  asiav.  Irash  «fermentum»,  rus.«.  aeaa,  «säuerlicher  Ge- 
schmack, ebensolches  Getränk»  usw.  (idg.  St.  Infits-).  urspr.  auch  nichts  anderes  als 
«Topfen»  war,  aber  zum  «Formkäse>  geworden  ist  (schriftsprachlich  ist  Topfen  =  lac 
concretum);  und  als  Formkäsc  ist  es  zu  Kelten,  Romanen  und  Westgermanen  (ins  Nord, 
als  hxsir  «Lab»,  das  dabei  wohl  eine  Rolle  spielte)  übergegangen.  Die  Germanen 
besaßen  freilich  ihr,  mit  Recht  als  urgermanisch  angesetztes  ^jasta^  ( =  finn.  juusto 
«Käse»),  welches  gewöhnlich  zu  ai.  tjui-  «Suppe,  Brühe»,  gr.  Jüjiyj  «Sauerteig»,  \aX.  jus 
«Brühe»  usw.  gestellt  und  von  der  Wz.  ijii-  «umrühren»  abgeleitet  wird.  Es  war  also 
ein  schon  durch  Mischen  bereiteter,  mehr  oder  weniger  flüssiger  «Quarkkäse»;  er  wurde 
aber  im  Westgermanischen  von  dem  römischen  Formkäse  (*I,-nsjus)  verdrängt  und  nahm 
im  Nord,  {ostr  usw.)  selbst  diese  Bedeutung  au:  die  Skandinavier  kennen  heute  weder 
wirtschaftliche  Verwendung  noch  Namen  des  eigentlichen  Topfens. 

Auf  die  Aggregatsveränderung,  aber  noch  mehr  auf  das  künstliche  Formen  des 
Topfens  iind  des  daraus  entstehenden  Käses  weist  der  zwar  alte,  doch  im  Vergleich 
mit  cüscus  jüngere  und  von  forma  sekundär  abgeleitete  vulgärlat.  Ausdruck  fonnaiicus, 
-lim  hin,  der  sich  noch  mlat.  als  formadius  «ein  quarck>,  -Quarkkäse»  Hndet.  Freilieb, 
die  vorherrschende  Bedeutung,  welche  die  Grundlage  für  das  Rom.  (it.  formaggio,  frz. 
fromage  usw.)  abgegeben  hat,  ist  «Käse»  in  einer  Form,  einem  geflochtenen  Geföße 
bereitet.  Hierzu  trat  noch  vulgärlat.  ioma,  das  im  Mlat.  {fomdiitnia  u.  ä.)  und  Rom. 
(nprov.  ttiiiio  «frischer,  salziger  Käse»  u.  ä.)  weiterlebt  und  wohl  aus  gr.  tofiij  «etwas  in 
Formen  Abgeteiltes»  stannnt,  ein  lehrreiches  Fremdwort  dort,  wo  die  heimische  Technik 
so  vorgeschritten  war. 

Im  Slav.  ist  ein  dem  gr.  tOpö?  entsprechendes  *///(t,  nicht  vorhanden,  dafür  aber 
das  bezeichnende,  von  Peisker  völlig  übersehene,  von  baltoslavischer  Urzeit  bis  heute 
gebräuchliche  .fi/n,  «Käse»,  im  Südrussischen  noch  in  der  ursprünglichen  Bedeutung 
«Quark».  Es  steht  auf  tler  zweiten  Stufe  der  oben  aufgestellten  Benennungsskala 
(=  lit.usw.  siiris  «großer  runder,  gepreßter  Käse»,  alb.  hife  «Molken»  neben  lit.  süras  «ge- 
salzen», gcrm.  sür-  «sauer»)  und  stimmt  mit  lat.  cäseiis  auch  in  der  Entwicklung  zu  «Form- 
käse» überein.  Und  wie  von  forma  vulgärlat.  /(in)m?/c«s,  so  wurde  von  darb  «opus,  Schöpfung» 
hzw.^tvnrT,  (idg.  tiuiros  =  gv.  atopö?  «Haufen»)  das  substantivierte  Adj.  tvnrogh  «res  formnm 
habcns»  (idg.  fnüroghoa,  event.  tiiörjglios,  mit  verwandtem  Suffi.x  gr.  *T/{i)paxoj  =  owpsxo, 

«Kiste,  Korb»)  gebildet,  was  um  so  annehmbarer  ist,  je  deutlichere  Derivate  der  ersten 

• 

'  «Quark»  ist  dann  tpotpaXi;  von  -{iXiL  rpsstiv  «-kilnsllich  perinnen  machen». 

Wörter  und  Snclu'n.    1.  18 


98  Josef  Jaiiko. 

Wz.  tuer-  m  lit.  treriü,  tvert'i  "fassen,  einfassen,  zäunen,  in  eine  Form  fassen,  formen 
(auch  Käse)»  usw.  und  in  slav.  tvoriti  «formare,  creare,  fingere  (poln.  seib.  auch 
Käse)»,  slov.  serbokr.  tiorilo,  pohi.  fworzi/dto,  c.  tvontko,  tvofidlo  «Käseform,  Käsenapf» 
vorliegen.  Deshalb  kann  auch  ti-arogv,  obwohl  es  im  Südslavischen  ,<ianz  zu  felilen 
scheint,  uns  für  nrsiavisch  gelten,  mindestens  ebenso  wie  *jüstaz  für  urgermanisch;  die 
selteneren  Nebenformen  mit  -o-  (z.  B.  nordruss.  irorörjh)  erklären  sich  leicht  durch  Analogie 
nach  iniriti,  der  Akzentwechsel  [tvnröfjh,  seltener  tvärog-b)  nach  ursprachlichen  Typen 
wie  ai.  ärhhar/as :  arhhakäs,  lit.  'iszeiga:  is£('i(i('i  (Brugmnnn,  (Jrundr.  IP,  S.  2öl).  Eine 
Stütze  meiner  Etymologie,  welclie  suchlich  namentlich  auf  das  Formen  in  hölzernen 
oder  geflochtenen  Gefäßen  (vergl.  oben  gr.  awpaxo?)  hinweist,  l)ildet  sprachlich  das  nach 
Berneker-ebenfalls  aus  dehnstufigem  iterativem  Stamm  abzuleitende  slav.  pirogv  «gepreßte, 
gefüllte  Mehlspeise»  (zu  pirati  «schlagen,  stoßen»). 

Das  so  aus  idg.  Erbgut  erklärte  Wort  ist  von  den  ^?laven  auch  gewandert,  einmal 
zu  den  Magyaren  (taröh,  farhö,  farha.  fark  übernommen  aus  dem  Slovak.,  f/irö  viel- 
leicht kontaminiert  aus  taröfhj  und  magy.  *^o■-  nach  \'äml>ery  «Salz»)  und  im  14., 
15.  Jahrhundert  zu  den  Ostdeutschen  {fwarr.  quarJc.  „-(wot?  usw.  aus  poln.  oder  kasch. 
twarogy'fwarfajg;  die  besonders  von  Heyne  verteidigte,  an  und  für  sich  mögliche  Ver- 
bindung mit  der  —  meiner  Meinung  nach  ersten  —  idg.  Wz.  fuer-  ist  aus  topogra- 
phisch-chronologischen Gründen  abzulehnen).  Einen  politischen  Hintergrund  haben 
jene  Entlehnungen  nicht,  höchstens  einen  wirtschaftlichen,  daß  nämlich  Topfen  von 
den  genannten  Slaven  reichlich  verwendet  wurde.  — 

Gegenüber  dem  von  mir  soeben  dargelegten  idg.  Ursjn'ung  von  ^varog^  steht  Vam- 
berys  und  Peiskers  Annahme  einer  Entlehnung  aus  dem  Turkotatarischeu.  Dies  führt 
uns  auf  den  Gegensatz  zwischen  nomadisch-asiatischer  und  idg.  Milchwirtschaft,  welcher 
darauf  beruht ,  daß  der  Türke  die  süße  Milch  überhaupt  verschmäht  und  nur  die  auf 
besondere  Weise  zum  Gerinnen  gebrachte,  «vermischte>  saure  Milch,  Aqu  jogurt  (von 
jogurmak  «mischen»)  oder  (Uiignif  liebt,  daraus  auch  eine  Art  getrockneten  Käses  in 
Form  von  Kügelchen  (knruf  von  Ävov(  «trocken»)  bereitet.  Diese  Wörter  und  besonders 
das  alltürkische  jo^;(;•^  das  ins  Persische  und  Arabische. übergegangen,  hätte  bei  nach- 
haltig türkischem  EinHuß  auf  die  slavisehe  Milchwirtschaft  vor  allem  von  den  Slaven 
übernommen  werden  müssen.  Das  ist  nicht  geschehen,  statt  dessen  führt  Peisker  das 
nur  osttürk.  (dzag.)  forak  ins  Feld,  welches  Vämb^ry  mit  tuz-  «Salz,  sauer»  in  Ver- 
bindung bringt,  das  aber  R.  Dvorak  wegen  des  nicht  nachgewiesenen  Überganges  von 
2  in  r,  ferner  wegen  des  nicht  beweiskräftigen  osmauischen,  weil  eigentlich  persischen 
Adjektivs  furus  «gesäuert»  auf  das  nur  die  rein  äußerliche  Seite  betreffende  fitrak,  darak 
«das  Stehen,  Stehenbleiben,  Gerinnen;  das  Geronnene»  (zu  iunnak.  diiniiak  «stehen») 
als  psychologisch  primitiver  zurückführt.  Und  da  tiirak  nicht  alltürkisch  ist,  so  müßte 
erst  der  Nachweis  geliefert  werden,  daß  gerade  Osttürkeu  die  Nachbarn  der  Urslaven 
waren.  Heute  wissen  wir  nur,  daß  letzteren  in  ihrer  jenseits  der  Karpatheu  verlegten, 
überdies  durch  Urwälder  geschützten  Heimat  im  Südosten  die  iranisch  sprechenden 
Skythen,  im  Nordosten  die  Finnen,  welche  selbst  für  Käse  und  auch  für  «lac  coagu- 
latum»  (piimä  aus  lit.  jimas  »Milch»)  Fremdwörter  entlehnten,  benachbart  waren. 

Doch  bisher  hatten  wir  lediglich  das  Verliältnis  von  slav.  ttarogo  zu  türk.  fiirak 
im  Auge;  wenn  wir  alle  drei  wurzelähnlichen  Wörter  (av.  tftiri,  gr.  tOpö?,  slav.  frarogh), 
wie  es  nur  billig  ist,  vereinigen,  'so  wird  das  Problem  noch  komplizierter  und  es  handelt  sich 


über  Berührungen  der  allen  Slaven  mit  Turkotalaren  und  Germanen.  99 

dauu  um  Entlelmung  jeuer  drei  Wörter  aus  dem  Osttürkischen,  d.  h.  um  Beeinflussung  der 
entsprechenden  idg.  Stämme  bzw.  (auf  Grund  von  ursprachUchem ,  aus  dem  ir.  und  gr. 
Reflex  erschlossenen  *titri,  -o.s)  der  noch  in  Europa,  etwa  in  Ostdeutschland  oder  West- 
rußland ,  vereinigten  Indogermanen  durch  Turkotatarcn.  In  diesem  Falle  können  wir 
aber  erst  recht  nichts  Greifbares  ausflndig  machen,  höchstens  das,  daß  lautlich  zwischen 
idg.  tar-  und  dem  von  ^'ambery  zitierten  jakutischen  für  «gesäuerte  Milch»  eine  Inkon- 
gruenz der  vokalischen  Quantität  besteht,  welche  die  vor  allem  örtlich  schwierige  Her- 
übernahme nicht  wahrscheinlicher  macht. 

Am  ehesten  noch  hätten  die  Iranier,  doch  nur  sie  allein  und  von  den  anderen 
Stämmen  getrennt,  ein  solches  Wort  aufzunehmen  vermocht,  wie  überhaupt  das  Beispiel 
der  türkisch-iranischen  Beziehungen  in  alter  Zeit  wenigstens  negativ  zur  Aufhellung  der 
turkoslavischen  herangezogen  werden  kann.  Die  Iranier,  ein  ebenso  emsig  ackerbauendes 
Volk  wie  die  Slaven,  waren  schon  ihrer  geographischen  Lage  nach  den  Anstürmen 
der  turkotatarischen  Nomaden  des  Nordens  ausgesetzt;  ihre  \'olksreligion,  der  Zoroastris- 
mus,  findet  sich  mit  dieser  traurigen  Tatsache  auch  wirklich  ab,  erhöht  den  Ackerbau 
zu  einer  göttlichen  Beschäftigung  und  sieht  den  Zweck  des  Lebens  in  Wachsamkeit 
und  Tätigkeit,  in  stetem  Kampfe  mit  den  bösen  Dämonen,  der  Hölle,  welche  er 
bezeichnenderweise  nach  Norden  verlegt.  Und  einen  solchen  Nachhall  müßteu  wir, 
wenn  bei  den  Urslaven  ähnliche  Verhältnisse  bestanden  hätten ,  auch  hier  erwarten, 
entweder  in  der  slavischen  oder  selbst  germanischen  Tradition  oder  in  den  Nachricliten 
der  Schriftsteller,  die  uns  das  erste  Auftreten  der  Slaven  in  der  Geschichte  vom  4.  bis 
7.  Jahrhundert  n.  Chr.  schildern,  was  durchaus  nicht  der  Fall  ist.  — 

Ergebnis:  Das  eiiiügr  von  Peisker  angeführte  sprachliche  Dokument  einer  turko- 
tatarischen Beeinflussung  der  Urslaven,  slav.  tcarotp,.  kann  sehr  wohl  idg.  sein;  sollte  es 
aber  allen  obigen  Schwierigkeiten  und  Unsicherheiten  zum  Trotz  dennocli  aus  dem  Tür- 
kischen stammen,  so  müßte  dieser  Umstand  ganz  anders  gedeutet  werden  als  bei  Peisker. 
Es  wäre  dann  keine  urslavische,  sondern  eine  spätere,  vielleicht  erst  ins  8.  Jahrhundert 
fallende  Entlehnung  zuvörderst  ins  Kussische  und  von  da  weiter;  die  Entlehnung  wäre 
ferner  eher  eine  Kontamination,  eine  volkstümliche  Umbildung  eines  *torok  nach  tvarb. 
troriti,  was  bei  einem  Volke,  das  von  alters  her  seinen  sgrh  hatte,  nur  zu  begreiflich  ist. 
Politische  Bedeutinig  hätte  die  Entlehnung  —  ebenso  wie  die  von  rasnis  u.  dgl.  —  keine 
gehabt  (höchstens  daß  Abgaben  von  slavischem  Topfen  und  Käse  mit  fremdem  Namen 
gefordert  worden  wären?)  und  eine  wirtschaftliche  nur  insofern,  als  die  Russen  die  Milch 
in  Schläuchen  hätten  gerinnen,  die  Kügelchen  des  lunif  trocknen  gesehen;  doch  wäre 
dabei  auffallend,  daß  die  Slaven  trotzdem  die  nomadische  Bereitung  des  Topfens  nicht 
angenounnen,  sondern  die  altererbte  in  Gefäßeu  beibehalten  hätten.  Lauter  Warnungs- 
zeichen dafür,  daß  wir  sogar  aus  der  konzedierten  Aufnahme  des  Wortes  aus  dem  Tür- 
kischen alle  weitausgreifcndeii ,  von  Peisker  und  teilweise  auch  von  Schrader  (Sprach- 
vergl.  u.  Urgesch.'  2,  S.  14ti  u.  i()2)  leider  gezogenen  Konsequenzen  zu  vermeiden  haben. 

4.  Bei  Beurteilung  von  slav.  wleko.  recte  *»)rlkö  kommt  es  vor  allem  auf  die  sprach- 
psycliologische  Frage  an.  ob  man  das  Vergessen  eines  Gegenstandes  und  Namens  (nach 
Peisker  der  süßen  Milch)  annehmen  darf,  wenn  das  Korrelat  dazu  (die  sauere  Milch) 
dem  Sprechenden  seit  jeher  und  auch  in  der  kritischen  Zeit  bekannt  und  vertraut  ge- 
wesen ist.  Um  aber  diese  Seite  besser  beleuchten  zu  köiuien,  seien  zuerst  die  sprach- 
lichen Verhältnisse  des  Wortes  untersucht  und  vorabgenommen. 


100  Josef  Janko. 

Vrslaw  * mcllcö,  die  einzige  notwendige  Grundform  mit  ursprünglich  geschleifter  In- 
tonation (sinkendem  Akzent)  auf  der  ersten  Silbe,  kaini  man  als  idg.  Erbwort  be- 
trachten; man  wird  da  natürlich  nicht  direkt  von  Wurzel  nidäfi-  oder  nirkfi-  «melken, 
eigentlich  abstreifen,  wischen»  (vergl.  ai.  iiirj''ifi,  Diarsfi,  warjati  «wischt,  reilit  ab;  reinigt, 
putzt»  usw.)  ausgehen,  sondern  alle  ähnlichen,  nur  in  der  Liquida  bzw.  im  palatalen 
oder  labiovelaren ,  stimmhaften  oder  stimmlosen  Wurzelauslaut  variierenden,  sonst  aber 
der  Struktur  und  Bedeutung  nach  verwandten  Formationen  heranziehen ,  welche  sich 
kurz  durch  folgende  Äquivalente  zusammenfassen  lassen:  ai.  mrjäti  «wischt«  =  gr.  äij-eXYM 
«melke»  =  lat.  miäcco  «streich(l)e»  =  ai.  mrsäti  «berührt»  =  gr.  ßf^azsiv  "  auvtevai  = 
gr.  [xdpJtTW  «fasse».  Zu  der  Annahme  eines  so  schwankenden  Lautstandes  berechtigt 
uns  eben  'die  Grundbedeutung  «fassen,  streichen»,  also  gewissermaßen  eine  Sehall-  und 
Tastgefüldsnaehahmung  (vergl.  Liden,  Afsl.  Ph.  XXVIII,  37):  wir  können  uns  also  ent- 
weder mit  J.  Kirste  auf  gr.  [iapTrrü)  oder  auf  poln.  osmoryac  «Blätter  abstreifen»,  nach 
E.  Zuspitza  ein  Beispiel  ursprachlichcr  Reaktion  der  Centura-  auf  die  Satjmgruppe, 
stützen  und  so  statt  des  von  äfi^X-cw,  aksl.  mhzq,  rnlesti  «melken»  geforderten  palatalen 
einen  labiovelaren  bzw.  rein  velaren  Wurzelau.'^gang  (iiiclel"  -,  event.  nicJch)  eben  für  slav. 
*  wellö  als  nicht  unwahrscheinlich  proponieren. 

Die  Annahme  velaren  Auslauts  wird  noch  wahrscheinlicher,  wenn  wir  nach  dem 
Vorbilde  Hirts  «D.  idg.  Ablaut»  §  274  u.  838  (S.  197)  annehmen,  daß  eine  Konta- 
mination der  beiden  laut-  und  bedeutungsverwandten  Wurzeln  idg.  (eui'.j  mdaß-  «melken» 
(gr.  aiJLsXY«)  usw.)  und  gdäg-  event.  (idah-  «Milch»  (gr.  -/äXa  usw.)  schon  in  der  Ursprache 
vorbereitet  und  in  den  bereits  differenzierten  Dialekten  mit  folgendem  Ergebnis  durch- 
geführt worden  ist:  leichte  Wurzel  mcicg-,  event.  luclc!:-  im  Keltisclien  und  Slavischen, 
schwere  Wurzel  iiieläg-  (got.  viHkJc-s  u.sw.)  im  Germanischen,  während  fürs  Gr.  Lat.  Alb. 
unkontamiuierte  Grundformen  zu  gelten  haben.  Das  slav.  *  inclkö  wäre  demnach  auf 
der  L  Stufe  der  v'clar  auslautenden  Wurzel  iiiclrk-  ganz  analog  wie  das  air.  iiidg  ii-  (aus 
*melgom)  als  primäres  o-Ntr.  gebildet,  oder  es  gliche  als  Sekundärbildung  der  Wurzel 
meleg-  im  Suffix  dem  mir.  mlicld  usw.  (aus  *nillc-t-),  ergäbe  also  im  urspr.  konsonantisch 
auslautenden  N.  Sg.  *m('JJc(t).  ferner  so  wie  slav.  m^.s-o  u.  a.  in  die  o-Deklination  über- 
führt und  durchdekliniert  "mfik-ö  mit  Akzenterscheinungen  und  einzeldialektischcn 
Reflexen,  wie  sie  eben  in  Erbwörtern  gang  und  gäbe  sind.  — 

Von  Seite  des  Germauischen  läßt  sich  der  Nachweis  führen,  daß  alle  altgerma- 
nischen Dialekte  eine  Grundform  * mduk-,  einige  (das  Ae.  und  m.  E.  auch  das  Ahd.) 
eine  zweite  * »lelik-,  niilik-  verlangen,  wobei  die  Synkope  des  Mittelvokals  -i-  oder  -u- 
selbst  lange  Jahrhunderte  n.  Chr.  unterbleibt;  sie  ist  am  frühesten  im  An.  und  Ae. 
(hier  für  -i-  im  7.  Jahrhundert  und  für  -u-  um  900)  nachgewiesen,  im  Deutschen  tritt 
sie  allgemein  erst  mit  dem  Übergang  zur  mittleren  Periode  (mnd.,  mnl.  iiidk  mit  zwischen 
i  und  e  schwankendem  Vokal)  ein.  Was  die  Erschließung  jener  Grundformen  anbelangt, 
so  verweise  ich  fürs  Ae.  auf  Wej-he  PBrB.  XXXt,  8.  43£f. ,  der  im  Urengl.  oder 
Urwgm.  eine  phonetische  Erhöhung  des  wurzelhaften  c  in  Formen  wie  D.  Sg.  *  lutinki 
zu  *milikCO,  woraus  durch  Synkope  angl.  Dille,  voraussetzt;  dabeiist  Wey  he  gezwungen, 
den  unbedingten  Abfall  des  urgerra.  -i  in  dreisilbigen  Wörtern  anzuzweifeln,  ohne  natür- 
lich das  Gegenteil  strikte  beweisen  zu  können.  Nun  gibt  mir  aber  die  Betrachtung 
z.  B.  von  G.  Sg.  milichi  (bei  Steinmeyer -Sievers  «Die  ahd.  Glossen^  II,  083,  51,  wenn 
anders   solche  Formen    wirklich  aus  dem  8. —  9.  Jahrhundert   stammen)    einerseits    und 


über  BeiiihruiigL'ii  der  alten  Slaven  mil  Turkolalaren  und  Germanen.  101 

späterer  identischer,  nicht  notwendig  Svarabhakti  enthaltender  Formen  (z.  B.  noch  im 
11.  Jahrhundert  bei  Wiüiram,  der  auch  sonst  keine  Synkope  zeigt,  D.  Sg.  milirlii.  milichf. 
■inilcclic  neben  N.  A.  Sg.  niihih)  andererseits  die  Mögliclikeit,  ein  bereits  urgerm.  (bzw. 
urwgm.)  '^■tiicUk-,  milik-  gleich  neben  * iiichil,-  anzusetzen,  ohne  wie  Weyhe  mich  mit 
dem  urgerm.  Abfall  des  -i  in  S.Silbe  auseinandensetzen  zu  müssen:  und  jenes  *melik- 
wäre  entweder  in  palataler  Umgebung  aus  * nicl/J:-  (dieses  sonst  =  *)iieJi(k)  phonetisch 
entstanden  oder  zu  fertigem  *  inrluli-  nach  dem  Muster  von  \\gva.*ahtp- :  alip-  tBier» 
u.  ä.  analogisch  hinzugebildet  worden. 

Aus  alledem  folgt,  daß  aus  urgerm.  (altgerm.)  -Mchtl--,  melih-  und  weiter  milik-, 
miluk-  ein  urslav.  iiidkü  nicht  hergeleitet  wei'den  kann,  da  —  abgesehen  von  dem 
Oxytonon  und  den  mit  altertümlichem,  später  nicht  mehr  prdduktivem  jo-Suffix  gebil- 
deten Ableitungen  wie  urslav.  *nifh'h  (c.  inlev,  mlic  «Milchsaft,  Mik-hschwamm,  Gänse- 
distel, Wolfsmilch»  u.  dgl.)  —  namentlich  auf  die  erhebliche,  gegenüber  dem  Türkischen 
eine  genaue  Sprachkenntnis  der  Slaven  voraussetzende  Lauttreue  der  Lehnwörter  aus 
dem  Germanischen  Gewicht  zu  legen  und  lediglich  folgende  Vertretungs reihe  zuzulassen 
wäre:  iiiehk-,  mehk-,  nnhk-  oder  mhhk-,  aber  kein  »iflkö.  Dieser  Uiielstand  wird  nicht 
behoben  durch  Lowes  Hinweis  auf  ein  imaginäres  Balkangermanisch  oder  auch  nur 
Herulisch,  wo  ein  *melnk  zu  erweisen  gesucht  wird;  der  springende  Punkt  bleibt  doch 
immer  die  Frage  nach  der  Möglichkeit  einer  altgermanischen  Synkope,  welche  durch 
krimgot.  mcnns  «Fleisch»  (wenn  richtig  überliefert)  oder  scrrnc  «7»  (beides  aus  dem 
IG.  Jahrhundert)  erst  recht  illusorisch  wird  —  ohne  daß  Jordanes'  Worte  von  der  Milch- 
nahrung der  Gothi  minores  etwas  daran  änderten:  auch  Caesar  berichtet  von  den  West- 
germanen, aber  freilich  auch  von  den  keltischen  ßritannen  dasselbe  (BG.  VI,  22  und 
V,  14),  und  über  slavischen  N'iehi-eichtum  sind  wir  durch  den  sogenannten  Maurikios 
genügend  unterrichtet. 

In  dieser  Notlage  versucht  Peisker  unter  Zustimmung  Uhlenbecks  (S.  264  u.  282  ff.) 
einen  anderen  Ausweg,  er  faßt  nach  dem  Vorbilde  der  Germanisten  seit  Müllenhoff  das 
zuerst  bei  Galenos  (2.  Jahrhundert  n.  Chr.)  überlieferte  lat. -gr.  miica,  den  Namen  einer 
erfrischenden,  gewöhnlich  mit  Gewürz  versetzten  saueren  Milchspeise,  als  westgermanisch 
(«vorahd.»)  und  erklärt  es  für  die  längst  gesuchte  Quelle  des  slav.  "^iiirlkü.  Ich  habe 
über  dieses  Prol)lem,  ob  nämlich  mrlra  für  germanisch  oder  lateinisch  anzusehen  ist,  in 
«Glotta»  I  (noch  nicht  erschienen)  gehandelt  und  glaube  dort  aus  philologischen  und  kultur- 
geschichtlichen Gründen  nachgewiesen  zu  haben,  daß  das  Wort  gar  nicht  germanisch,  son- 
dern hüchstwahrscheiidich  altitalisch  (umbrisch)  war;  mcica,  verwandt  mit  »iidcco  (oder 
maJai?),  war  «gestrichene,  geriebene  Speise>\  Indem  ich  auf  jenen  Aufsatz  verweise, 
will  ich  hier  nur  die  Konsecjuenz  meines  Nachweises  ziehen,  daß  also  melca  als  zu- 
mindest zweifelhaft  aus  Peiskers  Deduktionen  ganz  auszuschalten  wäre.  Doch  will  ich 
diesmal  Ilyperskeptikcr  sein  und  mich  bedingungslos  auf  Peiskers  Standpunkt  stellen, 
daß  nämlich  in  der  Tat  ein  wgm.  mclca  ins  Lateinische  und  Slavische  übergegangen: 
was  folgt  daraus  sprachlich  und  was  sachlich? 

In  sprachlicher  Hinsicht  wäre  auch  Entlehnung  eines  germ.  *meJica  ins  Lateinische, 
aber  ninunermehr  ins  Slavische  möglich;  verbleibt  man  aber  bei  einem  mutmaßlichen 
germanischen  Neutrum  *mdka("\  so  widerspricht  im  Slavischen  der  Akzent  und  iiu  Ger- 
manischen der  Umstand,  daß  ein  solches  wgermanisches  Neutrum  des  Adjektivs  von 
der  Wurzel  ludcfi-   in    der    Bedeutung   «Milch    gebend,    dial.  «ic//.»    (ac.  »ii<7f,    ahd.  usw. 


102  Joscl  Jaukü. 

melch)  bereits  existierte,  womit  aber  unser  melca  desbalb  nichts  zu  schaffen  hatte,  weil 
es  «sauere  Milch'  bedeutete.  Und  auch  Anthinius,  welcher  die  altdeutschen  Küclien- 
tenniui  des  G.  Jahrhunderts  kannte,  spricht  bloß  von  dem  ausdrücklich  als  römisch  be- 
zeichneten Ausdruck  indca  (=  gr.  6i''y(aka.). 

Wirtschaftlich  sind  die  Widersprüche  noch  größer. '  Die  Urslaven  sollen  doch  nach 
Peisker  den  Namen  für  «süße  Milch»  durch  fvanxjh  ersetzt  und  jenen  erst  später  eben 
von  den  (iermanen  entlehnt  haben;  was  aber  bedeutet  melca?  Das  gerade  Gegenteil, 
nämlich  «geronnene  Milch»,  die  die  Slaven  doch  schon  bei  den  Turkotataren  gesehen 
hatten!  Aber  gesetzt  den  Fall,  daß  mdca  trotzdem  zu  den  Slaven  gewandert  sei,  so  ist 
daraus  doch  nur  das  zu  folgern,  daß  auch  jenes  erfrischende  Milchgetränk  zu  ihnen  (wohl 
nur  auf  kurze  Zeit)  gekommen,  sein  Name  jedoch  allmählich  auf  alle  «Milch»  über- 
tragen worden  sei;  also  ein  iiberflüssigerweise  umständlicher  Bedeutungswandel!  In 
keinem  Fall  hätte  aber  die  Herüberuahme  des  melca  seitens  der  Slaven  in  sozial-poli- 
tischer Hinsicht  etwas  bedeuten  können,  ebensowenig  wie  bei  den  dasselbe  Wort  emp- 
fangenden Römern,  also  keine  härtere  oder  mildere  Knechtschaft;  melca  wäre  gerade  so 
wenig  wie  tvarog-b  ein  Lehnwort  politischer,  sondern  rein  wirtschaftlicher  Natur  gewesen 
und  seine  Übernahme  von  den  alltäglichen  Geleisen  der  \'ölkerberührungen  nicht  ab- 
gewichen. 

Ergebnis:  Da  meines  Erachtens  *melki'>  noch  immer  besser  als  slavisch  und  nur 
bei  Annahme  einer  problematischen  Synkope  des  Mittelvokals  als  germanisch  zu  deuten 
ist,  so  eignet  es  sich  nicht  als  Stütze  der  Argumentation  Peiskers,  der  übrigens  noch 
folgende  Mängel  anhaften:  Daß  *mclzico  (event.  mclsb)  ehemals  «Milch  überhaupt»  und 
erst  dann,  unter  turkotatarischem  Einfluß,  «Biestmilch»  bezeichnet  hätte,  ist  durch 
nichts  erwiesen;  im  Gegenteil,  das  Suffix -/ro  deutet  auf  eine  von  Anfang  an  prägnante 
Bedeutung  «was  gemolken,  selbst  abgeflossen,  ausgeschieden  ist»,  also  auf  die  kollek- 
tive Beschaffenheit  der  ersten  trüben,  dichteren,  molkenartigen  Muttermilch,  eine  Eigen- 
schaft, welche  sichtlich  die  CJrundlage  des  kymr.  cyn-flitli  und  ae.  dicce  meolc  (neben 
hifstntg)  bildete. 

Wollte  man  dennoch  an  Entlehnung  des  *mcJlv  aus  dem  Germanischen  festhalten, 
so  müßte  ein  *mclzö  «Milch»  von  Uranfang  vorausgesetzt  und  dieses  in  der  P'olge  mit 
irgendeinem  germ.  (unbelegten)  ^niclh--  kontaminieit  werden.  Da  wären  aber  die  kultur- 
historischen Folgerungen  ganz  andere.  Denn  daß  die  Slaven  in  der  ersten  türkischen 
Knechtschaft  (wie  war  es  notabene  in  der  zweiten?)  Begriff  und  Ausdruck  «süße  Milch» 
vergessen,  zeitweilig  nur  «Topfen»  gekannt  und  «süße  Milch»  erst  wieder  bei  den  Ger- 
manen kennen  gelernt  hätten,  ist  eine  philologisch  und  psychologisch  völlig  unzu- 
lässige Anschauungsweise:  man  kann  eben  nicht  einen  Gegenstand,  einen  Begriff  aus 
dem  Bewußtsein  verlieren,  solange  das  Korrelat,  der  Ergänzungsbegriff  dem  Sprechenden 
vor  Augen,  in  steter  Vorstellung  schwebt.  Und  die  Slaven  haben  mindestens  nach 
Ausweis  von  syri  die  «sauere,  geronnene»  Milch  seit  jeher  gekannt,  und  nicht  nur  dies, 
sie  besaßen  auch  zu  allen  Zeiten  in  hinreichender  Menge  und  verschiedener  V'erwendung 
«süße,  gemolkene  Milch».  Das  beweist  vor  allem  ihre  überaus  reich  entwickelte,  alter- 
tümliche, fast  insgesamt  von  der  Wurzel  mel//-  =  slav.  melz-  abgeleitete  Milchnomen- 
klatur, von  der  ich  nur  anführe:  mlesti  «melken»,  bulg.  mldziiica,  slov.  smohnka 
«melke  Kuh  oder  melkes  Schaf»,  c.  mlznice  «sus  nutriens»,  serbkr.  mlnz.  -a  «mulctum, 
Ausspritzung  beim  Melken»,  zamlaz  «oxygala  quaedam»,  zamldziti  (za»iuztij  «anmelken, 


über  Berührungen  der  allen  Slaven  mit  Turkolalaren  und  Germanen.  103 

lac  inspergere  alicui»  usw.  Das  Slavische  war  und  ist  bis  heute  von  dem  Wortelement 
«melken»  so  durelisetzt,  daß  man  die  zugehörige  Terminologie  und  die  damit  un- 
trennl)ar  ver))undene  Sachkenntnis  den  Slaven  auch  nur  für  einen  Augenblick  nicht 
absprechen  diirf,  nicht  einmal  in  der  Weise,  daß  sie  etwa  Biestmilch  und  sauere  Milch, 
niclit  aber  die  durch  die  Sprache  verbürutc  und  als  vermittelndes  Korrelat  einfach  un- 
entbehrliche süße  Milch  gekannt  hätten.  Freilich,  die  Sprache  kann  gegebenenfalls 
eines  einfachen  Ausdrucks  für  einen  ihr  notwendigen  Begriff  entbehren,  doch  deshalb 
liört  der  Begriff,  die  Vorstellung  und  Anschauung  nicht  auf  zu  existieren;  es  tritt  dann 
nach  Art  von  ae.  äicce  meolc  «Biestmilch»,  lat.  hir  rcHiorfmn  «Topfen»  u.  ä.  eben  eine 
zusammengesetzte  Ausdrucksweise  ein. 

Die  Entlehnung  des  Wortes  »ili-ko  aus  dem  (iermauischen,  sollte  sie  konzediert 
werden,  betrifft  jedenfalls  ein  unpolitisches,  ganz  alltägliches  Wort,  welches  keinen  Vor- 
zug der  Germanen  in  der  Milchwirtschaft  involviert;  die  Indoeuropäer  waren  ja  alle 
neben  dem  Ackerbau  zur  Viehzucht  von  Anfang  an  befähigt,  und  wenn  die  Italer  im 
Milchwesen  bekannterweise  hervorragten,  warum  hätten  es  die  den  syn  bereitenden,  in 
ihrer  Urheimat  in  jener  Beziehung  recht  günstig  situierten  Slaven  nicht  auch  sollen? 
Dann  aber  wäre  der  kulturhistorische  Wert  eines  Lehnwortes  für  «Milch  erst  recht  ge- 
ring gewesen  —  es  wäre  mit  den  übrigen  ur-  und  altslavischen  (etwa  170)  Lehnwörtern 
aus  dem  Germanischen  mitübergegangen  und  bewiese  lediglich  sehr  enge  Berührungen 
mit  Germanen,  welche  nicht  einmal  als  Herren  Ackerbau  und  Viehzucht  der  Unter- 
gebenen in  empfindlichem  Maße,    trotz   gewisser  geforderter  Abgaben,    beeinträchtigten. 

5a.  Das  schwierige  slav.  sJcofi,  «Vieh»  (nur  aruss.  auch  «Vermögen,  Geld»,  aruss. 
klruss.  slcothnic'i  u.  ä.  «Schatzkanuner; )  halte  ich  zwar  für  ein  Lehnwort  aus  germ. 
*shdtaz  (got.  .s7,y///s  usw.)  =  idg.  * shod-n-6i  zu  Wz.  sk(lik'(l-  «spalten»  (vergl.  gr.  T/.=5ivvj[j.'. 
«zerteile,  zerstreue?,  axiSva^tat  «zerteile  mich»,  ayeSirj  «Brett,  Blatt»,  ai.  skhndaff:  «spaltet» 
usw.),  sehe  aber  nach  der  eben  vorgebrachten  Etymologie  Müllenhoffs,  Curtius',  Heynes 
u.  a.  als  Grundbedeutung  nicht  «Meh»,  sondern  abgespaltenes  Stück  Edelmetall,  primi- 
tive kleine  Münze»  an.  Dies  klingt  ja  auch  in  den  meisten  altgerm.  Dialekten 
(Bedeutungen  hierselbst:  Münze  —  Geldsumme  —  Abgabe  —  Reichtum,  Vermögen)  nach, 
während  das  altfriesische,  erst  aus  dem  XL— XIII.  .Tahhundert  belegte  sket,  schrt.  srhaf 
seine  gewöhnliche  Bedeutung  «Vieh»  sehr  wohl  erst  sekundär  erlangt  haben  kann.  Dabei 
ist  zu  betonen,  daß  nicht  nur  die  Entwicklung  des  abstrakteren  pciioua  aus  pccu  in 
den  Sprachen  belegbar  ist,  sondern  auch  die  umgekehrte  in  Fällen  wie  aksl. 
dohiflhkh  «facultates  —  pccus»,  an.  gripr  «res  pretiosa  —  armeutum»,  got.  inaij'ms  «Ge- 
schenk», as.  iiii(hiiii  «Wertsache,  Kleinod»  — mhd.  inrldciti  männliches,  besondei-s  verschnit- 
tenes Pferd».  Und  ganz  dieselbe  Bedeutungsentwicklung  wie  im  Friesischen  hat  wohl  selb- 
ständig auch  im  Altslavischen  platzgcgritien,  so  daß  das  Nebeneinander  von  Geld»  und 
«Vieh  gerade  im  Russischen  nicht  auffallen  kann;  freilich,  die  Aufhellung  von  klruss.  </.•.>/, 
skof,  altpoln.  sl-ocicc  usw.  aus  *  skot- Mb  «s^coius»,  lit.  usw.  sl:at)J:as  «poln.  Groschen-,  ostpreuß. 
sJcoft,  sjiotrr  bleibt  schwierig,  nicht  semasiologisch,  sondern  chronologisch:  m.  E.  liegen  hier 
alte,  vielleicht  wiederholte  Entlehnungen  aus  dem  Ndd.  vor.  wobei  aber  der  Terminus 
von  den  Baltoslavcn  wieder  zurückgewandert  ist  und  auf  ehemals  slavischem.  im  vor- 
geschrittenen .Mittelalter  bereits  germanisiertem  Boden  mit  ndd.  *scot,  achot  «direkte 
Steuer"  (vnii  as.  sceolan  =  nM.  scliirfcn  «schießen,  zusammenschießen>)  sich  kontaminiert, 
überdies  ins  Lateinische  und  vereinzelt  ins  Französische  ver[>tlanzt  hat. 


lO't  Josef  Janko. 

Von  näheren  Umständen  seiner  Herübernahme  verrät  uns  das  als  germ.  gedeutete 
altslav.  sl-oh  gar  nichts,  vermag  somit  die  ilun  von  Peisl<er  zugemutete  Aufgabe  eines 
kulturhistorischen  Dokuments  nur  sehr  unvollkommen  zu  erfüllen.  Schon  das  ist  ein- 
fach unbeweisbar,  daß  das  Wort  gerade  von  Westgermanen,  nämlich  einem  den  Friesen 
nahen  Stamme,  geliehen  sei;  es  könnte  ebensogut  aus  dem  Urgermanischen  oder  (was 
am  glaublichsten)  aus  dem  Gotischen  oder  überhaupt  Ostgermanischen  stammen. 
Sachlich  fällt  bei  der  heute  einzig  plausibeln  Etymologie  ins  Gewicht,  daß  die  Urbedeutung 
mit  der  Viehzucht  gar  nichts  zu  schaffen  hat,  sondern  erst  dadurch  in  diesen  Zusammen- 
hang gerückt  wurde,  daß  «Vieh»  das  wichtigste  Zahl-  und  Schätzungsmittel  beim 
Tauschhandel  war;  es  kann  daher  von  einem  Zeugnis  für  zeitlich  vorau.«gegangene 
urslavische  Knechtschaft  und  speziell  dafür,  daß  die  Slaven  damals  keine  Viehzucht 
treiben  durften,  daß  sie  zu  ausschließlichen  Ackerbauern  und  erst  unter  den  Germanen 
wieder  mit  der  Viehwirtschaft  vertraut  wurden,  keine  Rede  sein.  Allerdings,  sollte  den 
Slaven  schon  die  Bedeutung  «Vieh»  von  den  Germauen  überliefert  worden  sein,  stünde 
die  Sache  etwas  anders,  man  könnte  an  bestimmte  Abgaben  von  Vieh  denken,  welche 
die  Slaven  zu  leisten  hatten,  wie  ja  solche  bei  den  Germanen  selbst  bestanden  (M.  Heyne, 
Fünf  Bücher  deutscher  Hausaltertümer  H,  S.  1(36);  doch  die  nächste  Konsequenz  wäre 
der  Peiskerschen  These  wieder  entgegengesetzt,  nämlich  die  unbedingte  Existenz  einer 
entwickelten  altslav.  Viehzucht,  welche  noch  dazu  in  untrüglicher  Weise  durch  die 
reiche,  sprachlich  zu  keiner  Zeit  gestörte,  von  Peisker  selbst  (S.  287)  anerkannte  Nomen- 
klatur für  Groß-  und  Schmalvieh  als  direktes  idg.  Ei-bgut  erwiesen  wird.  Vielleicht 
lassen  sich  in  dem  oben  ins  Auge  gefaßten  Falle  die  Nachrichten  Caesars  und  Tacitus' 
von  dem  Viehreichtum  der  Germanen  und  ihrem  Streben  danach  mit  dem  Viehreichtum 
der  Slaven  derart  kombinieren,  daß  letztere  den  ersteren  Vieh  verkauften  und  dafür  von 
ihnen  Gold,  Silber,  Metallstücke  eintauschten  (sJcoh  also  =  eingetauschtes  «Geld»  und 
zugleich  ausgetauschtes  «Vieh»). 

b.  Peiskers  Hauptthese  kann  ebensowenig  auf  Unterstützung  des  sicher  germ. 
Lehnworts  nuia  «bos,  boves»,  das  noch  dazu  nicht  gemeinslavisch  ist,  rechnen;  denn 
mit  demselben  Rechte  müßte  sie  dann  für  Finnen  und  .Lappen  auf  Grund  ihrer  Lehn- 
wörter (nautd  «Vieh: ,  bzw.  iiavvdr  «Tier»)  geltend  gemacht  werden.  Außerdem  ist  eine 
ähnliche  Entlehnung  oder  wenigstens  Kontamination  für  das  ursprachliche  Baltisch  (lit. 
pekus,  apr.  iwclcn,  welche  beide  im  Velar  mit  palatal  auslautendem  ai.  päsu,  av.  pasu  nicht 
übereinstimmen)  von  einer  Centumsprache  her,  natürlich  ohne  jeden  politischen  Hinter- 
gedanken, vorauszusetzen.  Plausible  Etymologie  des  germ.  *nauta  (aisl.  »uint,  ae.  iicaf, 
ahd.  nö2,  as.  uoti})  bei  Meringer  IF.  XVÜI,  234  f. ;  sonst  läßt  sich  nichts  Bestimmtes 
ermitteln,  aus  welchem  Dialekt  es  von  den  Slaven  entlehnt  worden :  es  könnte  ebenso 
urgerm.  PI.  Ntr.  *naufti  wie  späteres  (bis  zam  3. — 4.  Jahrhundert  ungefähr)  *nautö  «Stücke 
Vieh,  selbstredend  wieder  im  Tauschhandel»  in  Betracht  kommen,  wobei  den  Slaven  (ihr 
(loliifh,h,  dürfte  jünger  sein)  wohl  die  kollektive  Bedeutung  —  so  etwa  wie  die  persönliche 
bei  miniSficH»  —  besonders  gelegen  kam.  So  könnte  iinfa  das  ältere  von  den  beiden  Lehn- 
wörtern für  «Vieh»  gewesen  und  in  der  Folge  von  slcoto  meistenteils  verdrängt  worden  sein. 

Ergebnis:  Die  Hypothese  Peiskers  von  dem  zeitweiligen  ausschließlichen  Ackerbau 
und  \'egetariertuni  der  Ur.-^laven  ist  vom  sprachwissenschaftlichen  Standpunkt  abzu- 
lehnen.   — 

c.  Über  slav.  ph<H^'  liat  Meringer  IF.  XVI,   184 f.,  XVII,  lOOf.,  XVIII,  244f.   ge- 


über  Beiülirungeii  iler  alten  Slavoii  mit  Turkotataren  und  Germanen.  105 

handelt  und  es  ausdrücklich  als  Lehnwort  aus  dem  (iermanischeu  bezeichnet,  was  zu 
billigen  ist;  dadurch  aber,  daß  er  es  zugleich  als  germanisches  Erbwort  zu  labiovelarer  idg. 
Wurzel  hlelc,-  (in  lat.  hn-hulcus  «Viehhirt»,  eigentlich  »Treiber  des  Viehes  mit  dem  Stachel» 
und  in  xxrwgxn. pUgan  «pflegen»,  ursprünglich  «ackern,  ackern  müssen: )  zu  erweisen  sucht, 
hat  er  indirekt  Peisker  Veranlassung  gegeben,  das  slavische  Wort  als  westgermanisches 
Lehnwort  zu  einem  «soziologisch  allergewichtigsten»  (8.  282)  zu  stempeln  und  es  zum 
Ausgangspunkt  einer  seiner  künftigen  Arbeiten  über  altslavischen  Ackerbau  machen  zu 
wollen.  Das  Folgende  soll  nun  ein  aufrichtig  gemeinter  Warnungsruf  für  alle  Kultur- 
historiker sein,  daß  sie  auf  den  sprachlichen,  selbst  heute  noch  nicht  völlig  geklärten 
Verhältnissen  ja  nicht  zu  bauen  und  etwas  Positives  oder  gar  Weittragendes  daraus  zu 
erschließen  versuchen.  Ich  dehne  diesmal  meine  kritischen  Bemerkungen  auch  auf  N. 
van  Wijks  neueste  Erklärung  des  germanischen  Wortes  in  IF.  XXIII,  36(5 f.  aus. 

In  plugü  sehe  ich  zuvörderst  mit  Heyne  nur  eine  neue  Erfindung  (Räderpflug 
mit  eigentümlicher  Form  des  Pflugeisens  und  außerdem  wohl  mit  Anbringung  des  Sechs 
vor  der  Schar),  welche  ihren  Weg  von  Westen  nach  Osten,  also  über  das  Slaventum 
als  Vermittler  der  osteuropäischen  Kultur,  noch  weiter  zu  Balten,  Rumänen,  Albanesen 
(auch  deren  iil'ug,  pVnar  halte  ich  für  Lehngut  aus  dem  Südslavischen,  das  erstere  aus 
dem  Nominativ,  das  letztere  aus  dem  Genitiv  Singularis  oder  aus  unverstandenem  plugitr 
«Pflugmacher»),  Rumänen  und  Griechen  genommen  hat.  Daß  die  Germanen,  welche 
nach  Tacitus  auf  den  Ackerbau  keinen  Wert  legten  (siehe  Hoops'  richtige  Interpretation 
bei  Peisker,  S.  341  A.),  gerade  diese  epochale  Erfindung  gemacht  hätten,  dünkt  mich 
schon  deshalb  weniger  glaublich,  weil  dabei  Phnius'  Nachricht  (Hist.  nat.  XVIII.  172) 
über  die  rhätischen  Gallier  als  eigentliche  Erfinder  des  Räderpfluges  «in  unlängst  ver- 
gangener Zeit»  unbeachtet  bleibt,  trotzdem  die  Kelten  auch  sonst  im  Wagenbau  und 
speziell  in  der  Eisenkultur  als  bahnbrechend  zu  gelten  haben.  Übrigens  weist  bereits 
das  von  Meringer  angeführte  lat.  currus  «Räderpflug>  bei  Vergil  auf  das  cisalpinische 
Gallien  hin;  und  so  könnte  als  rhätisch-gallische  Form  plonum,  die  Quelle  des  lad.  ^Z«/' 
und  lomb.  pih,  während  der  äußerst  engen  kelto  germanischeu  Beziehungen  ins  Ger- 
manische gekommen  und  dort  die  anderen  von  Meringer  statuierten  Grundformen 
*pJö,j(iz  und  (nicht  unbedingt  nötig)  *plo-foz  durch  analogische  Nachbildung  von  Erb- 
doppelformen hinzugeschart'en  haben. ^ 

Was  Meringers  Etymon  angeht,  so  ist  außer  der  jetzt  auch  von  Wijk  angezweifelten 
Bedeutungsentwicklung  von  *pJcjan  «ackern»  aus  noch  das  bedenklich,  daß  lat.  hu- 
hidcKs,  sii-l/ulcii.<  «Schweinehirt»  u.  ä.  wegen  it.  Jn-folcor  von  der  Mehrzahl  der  Forscher 
zu  Wurzel  hlndlc-  (gr.  <fSkri.%rjc.  «Wächter»  usw.)  gestellt  wird,  so  daß  die  Wurzel 
hJcku-  «antreiben,  ackern»  illusorisch  scheint;  Meringer  verschiebt  übrigens  in  W.  XXI, 


*  Da  vom  Shuulpunkl  dos  (ionnanischen  ein  i(-St.  *plo sie  strikte  niclit  nachweisbar  ist.  mQIJte  man 
nacti  der  Gultiir.ilthenric  Zii|iitz.Ts  seihst  bei  rein  germ.  Ureprung  des  Wortes  im  N.  Sg.  ein  *ploua:  und  ein 
erst  analogiscli  binziig(-l)ildetes  "plojiaz  annehmen. 

-  Mit  diesem  Worte  oder  vielmehr  seinem  vulg.-lat.  Vorgänger  könnte  man  vielleicht  die  angeblich 
avarische  Benennung  der  bOlnnischen  Vinider  bcfiilei  verbinden,  die  Fredegar  (s.  bei  Teisker,  S.  ät1(>  f.1  kaum 
riclitig  mit  hin  «dop|iell>  und  ftilrire  «stützen»  in  Zusammenbang  bringt:  doch  hätte  jene  von  mir  angeregte 
Etymologie  keine  üewoisknift  für  die  slavische  Urzeit,  sondern  nur  für  die  Dauer  der  avarischen  Beherrschung, 
und  zwar  insofern,  als  den  mit  den  Avaren  (z.  B.  auf  dem  Balkan)  zugleich  aufiretenden  und  d;us  gemeii\same 
Vieh  besorgenden,  also  damit  wohl  vertraulon  Slaveii  elien  deshalb  von  den  Lnteineni  der  Name  «Vieh- 
hirten» gegeben  wurilo. 

Würlor  uiiii  Siiclicn.    I.  H 


lOG  Josef  Janko. 

309  die  Basis  seiner  Etymologie  dadurch,  daß  er  Kluges  Erklärung  von  wgm.  plejan 
aus  *(a)f-Iig(m  zustimmt  und  das  Pflügen  für  «ein  gosclilcchtlich  gedachtes  Aufliegen» 
erklärt:  hiermit  hat  er  aber  eine  nicht  weniger  schwankende  Grundlage  gewonnen  und 
sich  überdies  der  Möglichkeit  beraubt,  ein  unzweifelhaft  urgerm.  ^plo.jaz  anzusetzen, 
welchem  lautlich  unversehrt  bewahrtes  got.  (if-lanjaii  widerspricht. 

Durch  ein  wirkliches,  vielleicht  nur  westgermanisch-nordisches  Lautgesetz  (idg.  dl- 
wird  zu  germ.  tl-  und  weiter  zu  pl-)  sucht  jetzt  v.  Wijk  a.  a.  0.  die  einzige  von  ihm 
statuierte  Grundform  *plösaz  unter  Lostrennung  von  *jilejan  mit  idg.  *dlögho-,  ir.  dlnifjim 
«scindo»  in  Beziehung  zu  setzen  und  von  der  «aufritzenden»  Wirkung  des  Pfluges  an- 
zugehen: als  vorläufige  Kritik  seiner  neuen  Etymologien  will  ich  jetzt  nur  anführen, 
daß  sein'  phonetisch  jedenfalls  mögliches  Lautgesetz  sich  erst  bewähren  muß  und  daß 
er  speziell  in  unserem  Falle  mit  den  nachweisbar  ältesten  phnjFonnen  (bei  Plinius, 
welchem  er  ebenfalls  keine  Beachtung  schenkt,  pJaninorati  und  im  Langobardisch-La- 
teinischen  pJovian  u.  ä.)  sich  offenbar  nicht  auseinandergesetzt  hat. 

Was  folgt  aus  der  Sprache  für  den  slavischen  Ackerbau?  Abgesehen  von  der 
späteren,  nicht  streng  urslavischen  Übernahme  des  Räderpfluges  von  Seite  der  praktisch- 
fortschrittlielien  Slaven  ist  es  von  großer  Bedeutung,  daß  letztere  aus  idg.  Zeiten  den 
ganz  einfachen  Pflug  *r(idlo  (vergl.  rfniius  «Ast»)  und  dann  aus  urslavischer  Zeit  den 
«Haken pflüg»  socJia  (noch  heute  russ.  poln.  so)  überkommen  haben.  Prof.  Zubaty  nimmt 
zwar  hier  wegen  lit.  szalä  «Ast»  skythisch-iranische  Entlehnung  an,  ich  selbst  trete  aber  mit 
Strekelj  {soclia  =  idg.  *S9Jcm  «das  Schneidende»  zu  lat.  saxum  «kantiger  Fels»,  an.  sax 
usw.  «Messer»)  für  einheimischen  LTrsprung  ein.  Ja,  die  Zoche  ist  aus  dem  Slavischen 
ins  Deutsche  *,  von  da  ins  Italienische  {-oco),  von  dort  erst  m.  E.  ins  Französische  (soc, 
souclie)  und  ins  Griechische  (tCoxo?)  gewandert  —  also  ein  zweiter  wichtiger  und  nach 
Meringer  gar  nicht  so  einfaclier  Kulturbegrifl'.  Auch  das  spezifisch  russ.  losiilja  «Haken- 
pflug» (vergl.  Ivsa  «Sense»)  deutet  auf  eiidieimische  Entwicklung  der  zugehörigen  Ety- 
mologie und  (wenn  wir  daraus,  gegenüber  den  sonst  ini  Slavischen  beliebten  Fremd- 
wörtern, einen  Schluß  ziehen  dürfen)  auch  der  zugehörigen  Technik.  Dazu  gesellen  sich 
dann  noch  andere,  die  Altertümlichkeit,  ja  Eigenart  des  slavischen  Ackerbaues  m.  E. 
ziemlich  deutlich  bekundende  heimische  Termini,  wie  z.  B.  f/reda  «Balken»  und  dazu 
südsl.  grcdi'lj  und  russ.    (jrjadilh  «Pflugschar»   u.  ä. 

Ergebnis:  Die  slavischen  Ackerbauverhältnisse  können  unmöglich  unter  dem 
Gesichtspunkte  einer  urzeitlichen  turkotatarischen  oder  germanischen  Knechtschaft  be- 
trachtet werden,  im  Gegenteil:  das  Los  der  fleißig  und  selbständig  arbeitenden  Urslaven 
ist  ohne  Zweifel  besser  gewesen  als  das  der  ebenso  eifrig  ackerbauenden,  aber  den  Ein- 
fällen der  Nomaden  tatsächlich  ausgesetzten,  wenn  auch  nicht  in  stetiger  brutaler  oder  gar 
bestialer  Kneclitschaft  schmachtenden  Iranier. 

6.  Von  den  linguistischen  Nebenstützen  der  Peiskerschen  Hauptthese  seien  noch 
zupa{m),  Snierdi,  Sclavus,  NnnbCb,  vitfzr.  einer  kurzen  Prüfung  unterworfen. 

a)  Die  uns  nicht  ganz  klaren  Wörter  slav.  injm,  iupam  faßt  Peisker  zwar  mit 
Brugmann  als  Erbgut,  sie  sollen  aber  von  den  turkotatarischen,  allein  viehzüchtenden 
Herren  der  Urslaven  nur  für  sie  als  die  einzigen  «compastores»  in  Anspruch  genommen 


'  Unter   phonetiseber   Vertretung   der   sLiv.   Tenuis   (s)   nirlit    durch    deutsche  Tenuis    leni.s,   .sondern 
AlVricat.i  forlis  (ts  =  z). 


über  Berührungeu  der  altuu  Slaveii  mit  Turkülalaren  und  Ciermanen.  107 

und  so  zur  Benennung  der  fremden  Herren-  und  Hirtenschicht,  zum  Zeugen  jeuer  ur- 
zeitlicheu  Kueclitung  geworden  sein. 

Hier  hat  aber  wiedei-  eine  mißverstandene  Et\auologie  den  i<oustruierenden  Sozial- 
historiiier  irregeleitet.  Wenn  wir  uns  nämlich  so  wie  Peisker  S.  288  auf  den  Standpunkt 
Brugmanns  (iiipa  =  idg.  *geupa  «die  Pflege,  die  Hut»  zu  gr.  yötttj  «Vertiefung  in  der  Erde, 
Nest»  usw.)  und  0.  Hujers  (neben  zupmn  =  *geiq>aii7,  liege  ein  *g7,pam  =  acech.  Iipän, 
dann  2>üii)  stellen,  so  müssen  wir  entschieden  gegen  die  von  Peisker  als  urslavisch  er- 
schlossene Grundbedeutung  der  zujm  als  «Weiderevier»,  iupdui  «Weidegenossen»  als 
unerwiesen  Stellung  nehmen.  Dasselbe  tut  übrigens  auch  A.  Brückner,  der  jetzt 
(IF.  XXIII,  S.  217  f.)  die  Brugmann-IIujersche  Erklärung  in  ziemlich  scharfer  Weise  ab- 
lehnt, selbst  das  Wort  hipai)  «Beamter  als  Verwalter  von  Regalien»  (dazu  iupa  \äelleicht 
erst  neugebildet)  für  fremd,  vielleicht  avarisch  hält  und  das  cech.-poln.  j)(in  aus  gekürztem 
*zpa)i  {=  magy.  ispaii)  erläutert.  Ohne  in  dieser  Frage  ein  endgültiges  Wort  sprechen 
zu  wollen,  möchte  ich  nur  zu  bedenken  geben,  ob  wirklich  aus  *zpaii  ein  acech.  (Jt)pdii 
und  nicht  vielmehr  *spdn  erwachsen  wäre.  Ich  will  also  vorläufig  das  sonst  so  fein- 
fühlige Kriterium  der  Jersilbe  in  aöech.  sc  hpänem  (=  s^  ghpammh)  unangezweifelt  lassen 
und  neben  hipanh  ein  [/{lOpanh,  durch  Kürzung  oder  Kontamination  auch  z(b)pauo  an- 
erkennen ;  aus  letzterem  wäre  südslav.  spaii,  nriagy.  ispan,  aus  ersterem  cech.  (h)p(in,  poln. 
jjaw  (lit.pö«as)  hervorgegangen.  Was  ferner  das  Avarische  als  Urquelle  des  Wortes  ^»jwn 
betrifft,  so  ist  es  angesichts  unserer  Unkenntnis  dieses  Idioms  schwer,  darüber  zu  rechten; 
dagegen  kann  die  Stellung  des  mit  dem  Avarischen  verwandten  Türkischen  zu  sla- 
visch  zupan  —  nach  folgenden,  mir  neuerdings  von  Rud.  Dvorak  mitgeteilten  Argu- 
menten —  kaum  zweifelhaft  sein.  Im  Türk.-Osmanischen  haben  wir  zwar  ein  cohan 
«Hirt,  pastor  ovium  et  equorum»,  das  alter  selbst  von  türkischen  Lexikographen  als 
entlehnt  angesehen  wird;  in  der  Tat  ist  es  ein  persisches  Lehnwort,  welches  zu  lat. 
pecu,  ai.  ^;a,s«-«Vieh»,  speziell  zu  altiranisch  pasuman,  jungavestisch  fsniiid  «Herden- 
besitzer» zu  stellen  und  direkt  auf  neupersisch  mhän  «Hirt»  zurückzuführen  ist.  Das 
einzige  türkische  Wort  also,  welches  an  slavisch  iiipaii  anklingt,  ist  nichts  weniger  als 
turkotatarisch:  während  es  auf  persischem  Boden,  wo  Ackerbau  und  Viehzucht  gleicher- 
weise gedieh,  sachlich  und  ebenso  etymologisch  wohl  begriffen  wird,  ist  es  vor  allem 
kein  all  türkisches  Wort,  und  auch  das  von  Vämliery  (siehe  bei  Peisker  S.  290  A.)  an- 
gpfidute,  aber  eigentlich  mit  einem  Sternchen  zu  versehene  Jiojhan  (wobei  Zusammen- 
bang mit  alltürk.  koj  «Schaf»  vermutet  wird)  ist  nichts  als  eine  hypothetische  Projektion 
ins  Alttürkische,  die  jedoch  von  keinem  Wörterbuch  verzeichnet  wird.  Es  ist  somit 
ganz  unwahrscheinlich,  daß  überhaupt  aus  dem  allgemein  türkischen  Wortschatze  ein 
das  slavische  'zupan  bedingendes  Cirundwort  zu  den  Slaven  übergegangen  wäre;  daß 
aber  auch  jenes  persische  Lehn-  oder  gar  Originalwort  nicht  die  gesuchte  Quelle  von 
htpaii  gewesen  ist,  geht  aus  zwei  Umständen  deutlich  hervor:  einerseits  ist  die  türkische 
Bedeutungsentwicklung  des  Wortes  cobaii  der  des  slavischen  htpanh  gerade  entgegen- 
gesetzt, nämlich  von  «Hirt,  Beschützer»  sogar  zu  «bäurischer  Mensch,  Tölpel»  herab- 
gesunken, andererseits  linden  sich  in  der  orientalischen  Transskription  der  arabisch- 
persischen  Reiseschriftsteller  die  beiden  Wörter,  das  slavische  cnpun  und  das  heimische, 
den  Autoren  geläufige  rohun,  genau  ditVeren ziert,  nämlich  ersteres  als  r^c-j-  =  siiliand^. 
letzteres  als  o*;^?  =  roban  geschrieben  (vergleiche  A  magyar  honfoglaläs  kütfoi,  1V»0(>. 


108  Jürifl'  Jaiiko. 

S.  178  f.);  und  diese,  der  neugriechischen  Unterscheidung  des  slav.  iiqmm  als  ^ouJcävo? 
«praefectus  proviuciae  vcl  civitatis»  von  T^o[j,;rävYjC,  xaoTrävrj?,  T^oTiävoc  «Hirt»  =  türkisch 
roban  ganz  parallele  sprachliche  Distiiiktion  erweist  zur  Genüge,  daß  auch  von  einer  hegriff'- 
hchen  Identität  der  beiden  Wörter  keine  Rede  sein  kann,  daß  also  dem  slavischen 
supam  vor  allem  andern  der  Grundliegritt'  «Hirt,  compastor»  abzusprechen  ist.  — 
Dies  alles  hat  uns  in  sachlicher  Beziehung  erst  wenige  Schritte  weiter  gefördert;  doch 
soviel  ist  klar  geworden,  daß  Peisker  in  diesem  Worte  vergeblich  einen  Anhalt  für  seine 
urzeitHche  Grundlhese  gesucht  hat. 

b)  Desgleichen  ist  Smcnli,  der  Name  der  aruss.  und  polab.  (daleminzischen)  Bauern- 
schicht, also  einer  der  in  etymologischer  Hinsicht  so  heiklen  Eigennamen,  ein  für  Peiskers 
Zwecke  nichtssagender  Zeuge.  Treten  wir  nämlich  an  urslav.  smndi  «plebei»  mit  ge- 
bührender A'orsicht  heran,  so  können  wir  Ortsnamen  wie  c.  Smrdor,  Snirddkov,  Smrddly 
(alle  ohne  Schwefelquellen)  nicht  übersehen,  obgleich  letztere  nichts  weniger  als  klar 
sind;  verbleiben  wir  aber  bei  dem  naheliegenden  Zusammenhang  mit  swy-M?*'/«  «stinken», 
so  leuchtet  ein,  daß  ein  derart  primäres  Wort  in  keinem  Fall  von  den  «rasch  slavi- 
sierten»  Türkenherren  erst  geprägt  werden  konnte  (S.  305),  nein,  diese  hätten  nur  einen 
fertigen,  altertümlichen  Ausdruck,  höchstwahrscheinlich  einen  Spitznamen  der  schwer 
arbeitenden  Ackerbauer,  aus  dem  Munde  der  Urslaven  aufnehmen  können.  Die  von 
Peisker  angenommene  Zweischichtung  (Viehzüchter  und  Ackerbauer)  wäre  also,  wenn 
anders  sie  überhaupt  in  der  Urzeit  bestanden  hat,  älter  als  die  vermeintliche  turko- 
tatarische  Knechtung. 

c)  Mißglückt  ist  ferner  Peiskers  Berufung  auf  den  Bedeutungswandel  von  Slavus 
zu  Sdarus,  welch  letzteres,  ein  erst  spät  nachchristliches  Wort,  zuerst  nur  einen  Teil 
der  Südslaven  in  byzantinischem  Mund  bezeichnete  und  seine  Verböserung  zu  «Sklave» 
erst  im  lateinisch -italienischen  Milieu,  im  8.  oder  9.  Jahrhundert ,  höchstwahrscheinlich 
als  Erinnerung  an  die  avarische  Knechtschaft  und  den  damit  verbundenen  Sklaven- 
handel —  auf  uns  im  Detail  unbekanntem  Wege  —  erfahren  hat.  Einen  retronoe- 
tischen  Wert  für  die  Urzeit  hat  das  Wort  natürlich  nicht. 

d)  Bei  NeiiibCh  halte  ich  aus  sprachlichen  Gründen  an  der  Zeußschen  Herleitung 
aus  nhm  «fremd»  (bei  Nestor)  fest.  Die  regelrechte  Ableitung  aus  Neimics.  dem  Namen 
einer  wgm.,  ehedem  wohl  keltischen,  später  ganz  westlich  wohnenden  Völkerschaft,  würde 
eher  altbulg.  *NemeHe  mit  den  entsprechenden  Einzelreflexen  ergeben.  Die  umgekehrte 
Bedeutungsentwicklung  wie  bei  nemo  findet  sich  übrigens  in  got.  pindu  «Volk»,  dann 
*Tjiidi  «Germanen  (Goten)»,  endlich  altbulg.  usw.  stiizdi,  <fremd».  Daß  Kemhcb  hier- 
nach keine,  wenn  auch  a  priori  noch  so  wahrscheinliche  urzeitliche  Berührungen  mit 
Westgermanen,  gar  den  «später  westlichsten»  (S.  285),  z.  B.  den  Friesen,  erhärten  kann, 
zumal  da  schon  früher  nürkv,  slvh,  nuta,  pliigi  ^ede  Auskunft  darüber  verweigert  haben, 
ist  selbstverständlich. 

e)  Durch  das  spät  auftretende  allslav.  rife.-b  «heros,  miles»  (erhalten  in  polab. 
*ricaisi  =  daleminz.  Withasii,  Witsezen  «in  equis  servientes;  rustici»)  will  Peisker  den 
Beweis  erbringen,  daß  \\'ikinger  bis  nach  Meißen  gekommen  und  als  Beherrscher  der 
Polaben  eine  neue  Herrenschicht,  die  späteren  Withasen,  begründet  hätten.  Auch  ich 
entscheide  mich  für  nordische  Herkunft  des  Wortes,  da  Safanks  Erklärung  aus  goti- 
schen Vitti)i(jui  (Vithiingi:  .S.Jahrhundert  n.  Chr.)  wegen  der  zeitlichen  Entfernung  und 
der  doppelgestaltigen  Endung  weniger  wahrscheinlich,  rein  slavischer  Ursprung  au  den 


Etymologien.  100 

Nachweis  gebunden  ist,  daß  -m  nicht  fremdes  Suffix  (wie  in  Tchn-^zh  u.  a.)  sei.  Doch 
folgere  ich  aus  der  an.  Grundlage  (r!l:inf/r)  noch  nicht  das  Vordringen  der  Wikinger 
auf  der  Elbe  bis  ins  Meißener  ].,and ;  das  Wort  wurde  von  den  baUischen  Slaven  (Adam 
Bremensis  bezeugt  es  als  n-ifliingi  mit  durch  -f-  substituiertem  palatalen  -Zr- im  11.  .Jahr- 
hundert) und  ferner  von  den  Balten  übernommen,  bei  denen  es  vom  1.3.  .Jahrhundert  an 
«die  vornehmsten  eingeborenen  Edlen  des  Samlande.«.  die  Freien  und  Dienstleute  des 
Deutschen  Ordens  in  I^reußen»  (Miklosich ,  Fremdw.  i.  d.  slav.  Spr. ,  S.  136)  bezeichnet. 
Es  wurde  also  im  Norden  aufgenommen  und  ist  bereits  dort  zum  Appellativum  «eques» 
gestempelt  und  als  solches  zu  den  übrigen  Slaven  noch  während  der  sprachlich -kultu- 
rellen Einheitsperiode  (8. — 10.  Jahrhundert)  verbreitet  worden.  Auf  diese  Weise  brauchen 
die  dalemiuzischen  *rit'azi  weder  irgend  welche  nordischen  und  auch  nicht  notwendig 
die  deutschen,  historisch  bezeugten  Eroberer  ihres  Landes  gewesen  sein,  sondern  sehr 
wohl  berittene  einheimische  Krieger,  nach  Peisker  selbst  eine  Art  «milites  agrarii».  Mit 
den  Supanen  und  Zraurden  (S.  320  f)  würden  eben  die  Wilhasii  den  Grundstock  der 
echt  slavischen  Bevölkerung  in  Meißen  ausgemacht  haben.  Die  oben  berührte  baltische 
Parallele  ermöglicht  uns.  hier  ihr  Gegenhild  zu  suchen. 

7.  Schluftergebnis:  Die  von  Peisker  zu  Zeugen  aufgerufenen  sprachlichen  «Tat- 
sachen» vermögen  seine  Ilauptthese  nichts  weniger  als  zu  stützen;  die  von  einem  her- 
voi'ragenden  Sozialhistoriker  diesmal  geübte  Überschätzung  und  gläubige  Verwendung 
selbst  des  unsichersten  linguistischen  Materials  wird  in  der  Folge  vermieden,  die  Auf- 
hellung der  slavischen  Urzeit  mit  anderen  Mitteln  und  (was  die  Hauptsache  bleibt)  mit 
anderer  Methode  in  Angriff  genommen  werden  müssen.  Auch  Peiskers  ziemlich  eigen- 
mächtige Quellenerklärung  und  die  Heranziehung  von  nicht  immer  gleicherweise  be- 
dingten geschichtlichen  und  soziologischen  Analogien  konnten  seine  These  von  der  ur- 
zeitlichen Doppelknechtschaft  der  Slaven  nicht  vor  dem  Fall  erretten,  der  natürlich  den 
Zusammenbruch  so  mancher  weiteren  Konsequenz  (z.  B.  der  Annahme  slavischer  Pro- 
venienz bei  den  sirrl  des  Tacitus  u.  dgl.)  nach  sich  ziehen  mußte.  Es  hat  eben  den 
goldenen  Schlüssel  zur  slavischen  Vorzeit  selbst  Peiskers  Fleiß  und  Begabung  noch 
nicht  gehoben,  ihn  soll  die  Zukunft  erst  schmieden  oder  durch  einen  glücklichen  Fund 
entdecken. 


Etymologien. 


dazu    Daniele,    Rjei-nik    iz    knjizevnih    starina 
srpskili :    snibm  caplivtis).      Sonst   heißt   der  Ge- 

Slov.  suzenj  '^Sklave»,  muka  ^""^^  •"  1'r  S"'"u  ''^'•^-'"'V ""?  ''''■''"'' 

•'  ein  Beweis,   dau  Doppelformen,   wie  slov.  /tilgen f 

« Marter ^>.  ,]„(}  s„-,„_   sehr    alt    sind,    obgleich    es    keinem 

Im  Slovenischen  lieil.il  der  Sklave  i^zeiij,  .'<itze>i  Zweite)  unterliegt,  daß  von  einem  Suffixe  -h/i/o' 

(diese  Form   schon   bei    Dalmatin).  siUnW.     Das  auszugehen  ist.    was   namentlich    aksl.  «irrjn»*. 

^Vort  mit  seinen  Ahleilungen  ist  seil  dem  l(i.  Jahr-  ,..  ,-,;^,.;,.  p.  ,r/V--i>ii,  klnruss.  rjmeiih  beweisen.  Doch 

liundert   in    verschiedenen  Ouellen    und  aus  ver-  der  .\uslaul  und  seine  Weilerentwieklung  kommt 

sehiedenen    Gebieten     belegt     (s.  Pleter.snik.  lijer  niclit  in  Betracht.     Für  uns  ist  wichtig  der 

Slovar)  und  gehört  zu  der  von  Miklosich  EWh.  Umstand,   daß  wir  im  Siovenisclien   für  <i  regcl- 

uiiter  -en:  zusammengestellten   Sippe:  ve:ati  bin-  leiiit    o   (als«    «),»,-»;)    erwarten    würden,   das  In 
den.     lazh,    qzu,    rqza,    .fhrq:a     Band    USW.      Ein 

ganz  entsprechendes  aksl.  sqHnh  captivus  stammt  1  Vondrak,  \  "1.  lir.  I.  »:!7. 

nur   aus   seihischcn  Quellen  (Mlkloslcii.    Lex.;  -'  Miklosich,  Vgl.  t?r.  11.  l'Vi. 


110 


Etymoiügiun. 


voza  Band,  Kerker,  speziell  der  des  Kriegsgelhii- 
genen  ',  voznik-  Gefangener  wirklich  vorkommt. 

Aus  einem  Dialekt  kann  dieses  it  nicht 
stammen.  Im  Görzischen  wird  allerdings  q  regel- 
mäßig durch  «  vertreten  ^,  teilweise  auch  im 
Resianischen  in  Italien,  doch  in  die  Schriftsprache 
ist  das  Wort  in  Krain,  speziell  in  Unterkrain 
(Dalmatin)  geraten  und  ehenso  weisen  die  älteren 
und  jüngeren  Belege  auf  Steiermark  liin.  Bei 
Trüber,  dem  Begründer  der  slovenischen  Schrift- 
sprache, finden  wir  neben  regelmäßigem  o  (auch 
vosa^)  zwar  suseb,  zuper^,  doch  erblicke  ich  in 
diesem  u  nur  eine  unbeholfene  Wiedergabe  eines 
dumpfen  Lautes,  während  wir  es  in  suzenj  mit 
einem  deutliehen  und  alten  u  zu  tun  haben,  das 
in  Unterkrain,  der  Heimat  der  slovenischen  Schrift- 
sprache, zu  ä  geworden  ist.^  Dementsprechend 
ist  auch  an  einen  allmälilicheii  Übergang  zum 
serbo-kroatischen  u  oder  an  eine  Entlehnung  des 
Wortes  aus  dem  Provinzialkroatischen  niclit  zu 
denken,  denn  in  letzlerem  Dialekt  verdrängt  ja 
II  erst  allmählich  o. 

Eine  Entlehnung  aus  weiteren  serbo-kroati- 
schen Gebieten  ist  auf  den  ersten  Blick  wenig 
wahrscheinlich,  doch  eine  sachliche  Betrachtung 
löst  sofort  alle  Schwierigkeiten.  Alle  älteren  serbo- 
kroatischen Wörterbücher  führen  nebst  der  Be- 
deutung Sklave  auch  Gefangener,  Kriegsgefangener 
an  (vergl.  Jambresic  captivus,  sodann  ruznik 
prodan  v  hojic  s.  v.  mancipium,  Habdelic  und 
Belostenec  s.  v.  suzenj),  die  neueren  Viik 
Karadzic  und  Broz-Ivekovic  kennen  nur  die 
letztere  Bedeutung  von  suzanj,  die  offenbar  die 
ursprüngliche  ist,  und  bringen  die  volkstümlichen 
Belege  aus  den  nordwestlichen  Gebieten.  Eben- 
dahin werden  wir  namentlich  durch  zahlreiche 
epische  Volkslieder  der  bosnischen  Mohamme- 
daner® geführt,  wo  die  in  den  Grenzkämpfen  ge- 
fangenen  Christen    oder   Mohammedaner    siiznji. 

'  Veigl.  K.  SIrekelj,  Slovenske  narodne  pesmi  I, 
21).  31. 

■'  Miklosich,  Vfl.  Gr.  I-,  317. 

•■'  Fr.  Levec,  Die  Sprache  in  Truhers  Matthäus, 
Laibach  (Gymnasial-Programm  1878),  42. 

■*  Miklosich  o.  c.  318. 

"  Fr.  Levec  o.  c.  5. 

"  S.  Hrvatske  narodne  pjesuie,  Bd.  111  und  I\', 
hg.  von  L.  Marjanovic,  Agram  IS'.lS,  1899.  Vergl. 
z.  B.  III,  S.  öO,  ,öl,  52,  146,  160  u.  o„  186,  192, 
212,  296  usw. 


(häufig  acc.  suznja  nevoljnikxi,  siiinje  nevoljnike) 
genannt  werden.  Die  Slovenen  waren  ein  Volk 
ohne  staatliche  Vergangenheit  und  hatten  daher 
keine  Gelegenheit ,  Kriegsgefangene  zu  machen 
und  sie  als  Sklaven  zu  halten ;  dagegen  wurden 
sie  in  den  Türkenkriegen  seil  13!16  durch  Jahr- 
hunderte nur  allzuoft  gefangen  genommen  oder 
einfach  aus  der  Heimat  davongeschleppt,  meist 
von  den  slavischen  «Türken»  in  Kroatien  und 
Bosnien,  von  denen  sie  als  Sklaven  gehalten  oder 
verkauft  wurden.  Von  dieser  gegenseitigen  un- 
freundlichen Bekanntschaft  liefern  den  besten  Be- 
weis die  Volkslieder  der  bosnischen  Mohamme- 
daner, in  denen  alle  Christen  oliue  Unterschied 
des  Landes,  des  Glaubens  und  der  Nationalität 
häufig  «Krainer»  (kranjci,  kranjad,  kranjadija') 
heißen,  was  der  wichtigen  Rolle,  die  Krain  tat- 
sächlich in  den  Türkenkriegen  spielte,  entspricht. 
Durch  diese  serbo-kroatischen  «Tür'ken»  kam  be- 
greiflicherweise suzenj  zu  den  Slovenen. 

Ebenso  befremdend  sind  im  Slovenischen 
iiiuka  Marter,  mucenik  Märtyrer,  muriti  martern, 
während  gerade  aus  den  nordöstlichen  Gebieten 
moka  aus  Ungarn  und  Steiermark  an  der  kroa- 
tischen Grenze,  mociti  aus  Ungarn  belegt  wird; 
moka  steht  schon  in  Dalmatins  Bibel  (1584),  aber 
nur  im  «Register»  der  dialektischen  Worte  als 
provinzialkroatisch  für  «krainisches»  martra,  wel- 
ches deutsche  Wort  überhaupt  bis  auf  den  heu- 
tigen Tag  im  Volke  stark  verbreitet  ist.  Da  alle 
Formen  mit  u  erst  aus  dem  19.  Jahrhundert  (zu- 
erst mu'cenec  bei  Ravnikar)  belegt  sind,  so  ist 
dieses  kirchliche  Wort  wahrscheinlich  erst  um 
diese  Zeit  aus  serbo-kroatischen  Büchern  ent- 
lehnt worden;  falls  jedoch  die  Entlehnung  älter 
und  auch  volkstümlich  sein  sollte,  so  wäre  sie 
durch  die  zahlreichen  kroatischen,  selbst  aus  Dal- 
matien  stammenden  Geistlichen  zu  erklären,  die 
im  16.  und  17.  Jahrhundert  nicht  bloß  südlich 
der  Drau  (Patriarchat  Aquileja),  sondern  auch 
zwischen  der  Mur  und  Drau  (Salzburg)  wirkten.* 

Ein  drittes  derartiges  Wort  nuja  Not ,  Be- 
drängnis hat  bereits  K.  Strekelj^  als  Konta- 
mination aus  noja  (aksl.  nqida)  und  dem  fremden 
muja  (d.  Mühe)  nachgewiesen. 

'  L.  Marjanovic  o.  c.  III,  S.  XL. 

-  Vergl.  Fr.  Kovacic.  Trubarjev  Zborn''i,  S.  97: 
Kopitar,  Grammatik,  S.  4Ü.")  (Zeugnis  Trubers). 

•'  Zur  slavischen  Lehnwöiterkunde,  Denkschriften 
der  Wiener  Akademie,  Bd.  L,  S.  4(1. 


Etymologien. 


111 


Durch  diese  Erklärungen  werden  alle  Aus- 
nahmen von  einem  slovenischen  Lautgesetz  be- 
seitigt. Der  Fall  bietet  also  ein  prinzipielles  In- 
teresse, obgleich  ihm  keine  übertriebene  Bedeu- 
tung zugeschrieben  werden  soll. 

(!  raz.  M.  Miirko. 

Tenuare  im  Rumänischen. 

Wenn  man  als  Lexikograph  über  ein  ziem- 
lich reichhaltiges  Zeltelmaterial  verfügt,  kommt 
man  oft  vor  eine  etymologisch  noch  unaufgeklärte 
Wortsi])pe  zu  stehen,  welche  zwei  oder  mehrere 
Bedeutungen  aufweist,  die  sich  eine  aus  der  an- 
deren ohne  Zwang  nicht  herleiten  lassen.  In 
solchen  P'ällen  stehen  dem  Autor  eines  Wörter- 
buches zwei  Wege  offen:  entweder  hört  man  den 
Rat  der  Vorsicht  und,  selbst  auf  die  Gefahr  hin. 
Zusammenhängendes  gewaltsam  zu  trennen,  ver- 
zeichnet das  Wort  an  zwei  verschiedenen  Stellen, 
als  ob  es  sich  um  Homonymen  handelte  —  ein 
Verfahren,  welches,  man  möchte  sagen,  leider  so 
oft  von  den  Verfassern  des  französischen  Diction- 
naire  giniral  befolgt  wurde,  —  oder,  da  keine 
noch  so  verschiedenartige  Begriffe  existieren,  die 
sich  nicht  in  irgendeinen  Zusammenhang  bringen 
ließen,  man  sucht  ein  Bindeglied  und  stellt  das 
Wort  als  Ganzes  dar,  mit  dem  Risiko,  Unzu- 
sammengehöriges künstlich  aneinandei'  zu  leimen. 
Beide  Wege  haben  iiire  Vor-  und  Nachteile,  und 
es  ist  lediglich  Sache  der  Auffassung  eines  jeden 
einzelnen  Forschers,  welche  Ai't  er  befolgen  wird. 

Vor  einen  solchen  Fall  wurde  ich  neulich 
gestellt,  als  ich  für  das  Wörterbuch  der  rumä- 
nischen Akademie  die  Wortgruppe  h>{inä,  mit 
dem  als  Adjektiv  gebiauchten  Partizip  in{iiiut, 
mit  einem  anderen  Präfix  a(iiiat,  auszuarbeiten 
hatte.  Die  Wortsippe  weist  zum  mindesten  zwei 
ganz  verschiedene  Bedeutungen  auf: 

1.  von  Sachen:  angelehnt,  lose  angefügt,  ohne 
feste  Gnuidlage: 

2.  von    Menschen;    bockbeinig,    störrisch,    un- 
wirsch, stolz,  zurückweisend,  drohend. 

Es  ist  vielleicht  keine  unnütze  Arbeit,  den 
Lesern  dieser  Zeitschrift  zu  zeigen  —  da  es  sich 
herausstellen  wird,  daß  die  Lösung  des  Rätsels 
von  der  Kenntnis  der  «Sache»  selbst  abhängt  — . 
wie  sich  für  mich  allmählich  der  Pfad  zum 
Lichte  ergab. 

Zunächst  nnilite  das  Material  uesichlel  werden. 


denn  das.  was  die  bisherigen  Wörterbücher  liefern, 
ist  keinesfalls  geeignet,  Klarheit  zu  verschaffen.' 
Bei  dieser  Gelegenheil  konnte  ich  nicht  nur  in 
Hinblick  auf  die  Bedeutung  die  zwei  obenan- 
geführten Gruppen  feststellen,  sondern  es  stellte 
sich  auch  die  Talsache  heraus,  daß  die  Woil- 
giu|ipe  territorial  begrenzt  ist:  sie  erscheint  in 
der  Moldau  und  in  den  daran  angrenzenden 
Gegenden  der  Bukowina  und  in  Siebenbürgen. 
Nun  mußte  ich  nach  dem  Ursprung  suchen,  da 
die  Kenntnis  der  Etymologie  in  der  überwiegen- 
den Zahl  der  Fälle  tien  Ausgangspunkt  jeder 
semasiologischen  Erklärung  liefert.  Was  bisher 
vorgeschlagen  winde,  war  sicherlich  verfehlt^  und 
eine  Umschau,  die  zunächst  sich  auf  die  Be- 
deutung bauen  mußte,  im  Lateinischen,  Roma- 
nischen und  in  den  Nachbarsprachen  blieb  eben- 
falls erfolglos.  Da  das  Wort  aber  allem  Anscheine 
nach  lateinisch  ist  —  schon  die  -are-Konjugalion 
weist  daiauf  — ,  so  wählte  ich  noch  den  letzten 
Weg,  den  der  Rekonstruktion.  Wenn  man  vor- 
derhand von  der  Bedeutung  absieht  und  ein  la- 
teinisches Wort  rekonstruiert,  welches  dem  ru- 
mänischen -fin,  -are  in  der  Form  entsprechen 
soll,  so  gelangt  man  zu  ten(it)o,  -are.    Dieses  be- 


'  Die  er^;te  Erwähnung  des  Wortes  findet  sich 
bei  Anonymus  Caransehesiensis  XVII.  .lahihunderl), 
wo  jedoch  die  angeführten  Formen  eiicin,  encinnt  un- 
iiberselzt  bleiben,  im  Budaer  Lexikon  {lSiT>)  wird 
intin,  -are  durch  «aliquid  leviter  adligo  erklärt. 
Dann  fehlt  das  Wort  liei  I'olizu,  Pontbriant.  Cosli- 
nesru,  Cihac  und  in  den  älteren  Auflagen  auch  hei 
Harcianu.  wo  erst  später  hilinat  angeführt  und,  des- 
gleichen wie  bei  ^äineanu,  durch  «lockers  und  «dumm- 
stolz» übersetzt  wird,  auläerdem  beim  ersteren  auch 
ein  afiiiat  «hänf;enda  erscheint.  Dies  wird  auch  bei 
Hasdeu  ausgeführt  und  in  einem  Volkslied  aus  Siel>en- 
bürgen  belegt;  es  fehlt  aber  bei  Tiktin  und  DamtS 
welch  letzterer  inliiiat  durch  «qui  tient  h  peinev  und 
übcrllüssigerwelse  noch  durch  «chanceUnt,  tremblant, 
vacillant»  übersetzt. 

-  Von  teuere,  mit  Konjugationswechsel  (Budaer 
Lexikon),  sreht  es  selbstverständlich  nicht.  .\ber 
aucli  was  Hasdeu  in  seinem  Eiymologicum  vorge- 
schlagen hat,  ist  zu  verwerfen.  Er  geht  von  der 
Bedeutung  «hängen»  aus  und  meint,  daß  wir  es  mit 
einer  Aldcitung  von  tfiiH.--:  -orig  zu  tun  hätten.  Aber 
selbst  wenn  man  (ür  dieses  Wort  die  Bedeutung 
«Bändohen»  (statt  «Kallslrick»^  mit  Hasdeu  nnnimml. 
so  ist  eine  Bildung  *<illeiinre  morphologisch  unmög- 
lich, da  sie  docli  nur  *ntlfii»rnre  beiUen  könnte. 


112 


Elyiuologien. 


deutet  «etwas  tenuis,  tl.  h.  diiiin  oder  schwach 
machen»,  im  eifjentlicheii  und  im  bildlichen  Sinne. 
Aus  der  Natur  der  Sache  selbst  l'ülgt,  daß  der 
Ausdruck  vorzüglich  in  den  Fällen  gebraucht 
wurde,  wo  von  einer  umwandelnden  Hand- 
lung die  Rede  war:  einen  dicken,  kräftigen  Gegen- 
stand verdünnen  oder  schwächen.  Es  mußte  also 
untersucht  werden,  oh  der  Sinn  des  rumänischen 
Wortes  sicii  irgendwie  mit  demjenigen  des  latei- 
nischen in  Zusanmienhang  bringen  liefs. 

Nun  fiel  mir  gleich  eine  ganz  spezielle  Be- 
deutung des  rumänischen  ln{inä  auf,  die  ich  oben 
noch  nicht  angeführt  liabe.  Wenn  man  einen 
Baum  (oder  einen  Ast)  nur  soweit  absägt  oder 
abhaut,  daß  er  noch  nicht  umstürzt,  sondern  ge- 
rade noch  an  dem  Stamm  sieb  hält,  so  wird 
dies  im  Ituuuinischen  durch  a  hifiin)  na  copac, 
nn  copac  '/nfinat  wiedergegeben.  Dies  würde 
nun  zu  der  Etymologie  passen  und  zugleicJi  als 
Bindeglied  von  der  Bedeutung  1  zu  i  dienen  können. 

Nimmt  man  an,  dafä  das  Wort  Tn(inä  ur- 
s|)rünglich  die  allgemeine  Bedeutung  «dünn  oder 
schwach  machen»  hatte,  so  steht  zunächst  nichts 
im  Wege  zu  vermuten,  daß  sie  auch  auf  den  be- 
sonderen Fall  angevi'endet  werden  konnte,  wo 
ein  Baum  durch  Absägen  oder  Abhauen  zugleich 
an  der  betreffenden  Stelle  dünn  und  überhaupt 
hinfällig  gemacht  wurde.  Das  Bild  eines  der- 
artigen Baumes  konnte  nun  nach  zwei  Richtungen 
hin  für  die  Sinnesentwicklung  des  Wortes  wirk- 
sam werden: 

1.  Zugrunde  lag  das  konkrete-  Bild,  und 
hitiiiat  (atlnat)  wurde  mit  demselben  Rechte  bei- 
spielsweise flu'  eine  aus  den  Angeln  heraus- 
gehobene Tür,  die  dann  nur  angelehnt  wird',  ge- 
braucht, ferner  für  einen  Steinblock,  welchen 
der  angeschwollene  Bergfhiß  untergraben  hat.  so 
daß  er  sieb  luu'  noch  schwach  auf  seinem  Platze 
hält  und  in  jedem  Augenblick  wankend  gemai'lit 
werden  kann^,  weiter  für  ein  schwach  zusammt'u- 


'  Bagä  de  seamä  cä  u^a  e  nuniai  hiliiia/a  i-\ 
are  se  cadä  pe  tine!  (geliiirt  in  der  Bukowina)  = 
«gib  acht,  denn  die  Tür  ist  nur  angeleimt,  und 
sie  wird  auf  dich  fallen!» 

'  Cum  curgeau  päraile  grozav  . .  .  urnim  o  staiicä 
din  locul  ei,  care  era  numai  infinatä;  §i  unde  nu 
porne^te  sfanea  la  vale  .  .  .  Creangä,  Ämintiri,  ÜS  = 
<:V\'rdirend  die  Bäche  wütend  flössen  .  .  .,  bewegten 
wir  einen  Felsen,  welcher  untergraben  war,  von 
seiner  Stelle;  da  rollte  der  Stein  liergab  .... 


gestelltes  Flechtwerk,  welches  über  eine  Grube 
gelegt  wird,  mit  der  Absicht,  dadurch  einem  Tier 
eine  Falle  zu  bereiten^,  dann  auch  für  eine  Brücke, 
die  ebenfalls  so  gebaut  winde,  daß  sie  nur  locker 
auf  den  Pfeilern  ruht,  damit  der  ahnungslose 
Feind  bei  ihrer  Benützung  ins  Wasser  stürze", 
endlich  für  Kinderspielzeuge,  die  nur  schwach 
gebaut  sind,  oder,  im  figürlichen  Sinne,  für  die 
unfreiwillig  geleistete  Arbeit  der  Diener,  welche 
gerade  nur  den  Schein  wahren  wollen,  daß  sie 
den  Befehlen  nachkommen,  olme  daß  es  ihnen 
daran  läge,  eine  gründliche  Arbeit  zu  verrichten.' 
2.  Das  Bild  des  durchgesägten  Baumes  wird 
in  mehr  abstrakter  Weise  auf  den  Menschen 
übertragen,  und  es  wird  zunächst  die  «drohende» 
Haltung  beider  hervorgehoben,  indem  durch  hi- 
(inat  ein  Mensch  bezeichnet  wird,  der  jeden 
Augenblick  bereit  ist,  sich  auf  einen  loszustürzen.'' 


'  Fmple  groapa  cu  jaratec  .  .  .,  dupa  asta  a^aza 
o  leasä  de  nuiele  numai  lnj,iiiaiä  §i  ni^te  frunzari 
peste  dinsa;  peste  frunzari  toarnä  Jernä  §1  peste  ^ernä 
ablerne  o  rogojinä.  Creangä,  I'ovesti,  29  :=  Sie  lülll 
die  Grube  niil  glühender  Kohle  .  .  .,  gibt  darauf  ein 
aus  jungen  Zweigen  lose  berge.slellles  Geflecht  und, 
über  diese,  Beisig;  darüber  schüttet  sie  Erde  und 
breitet  darauf  eine  Matte  aus. 

-  Gätarä  pod  viclean,  iii(i)iat  slab,  pre  apa  Rä- 
nudui.  Dosofteiu,  fiola  sfiiililoi;  17  verso  =  «sie 
bereiteten  eine  Brücke  in  hinterlistiger  Absicht,  welche 
sie  nur  lose  und  schwach  über  den  Fluß  Rom 
bauten». 

'■'  Dar  §tiji  D-voasträ,  cum  e  lucrul  ce-1  faci  silit 
§1  farii  voie:  numai  atiiinf,  ca  jucäriile  copiilor  §i  ca 
lucrul  ce  |i-l  fac  slugile.  Mera,  Diu  liiiiiea  hnsntelor. 
2.")9  =  «aber  Ihr  wißt  doch  alle,  wie  eine  Arbeit. 
die  man  mit  Widerwillen  und  auf  Befehl  macht,  aus- 
sieht: sie  ist  nichts  weniger  als  gründlich,  nach 
Art  der  Kinderspielzeuge  oder  wie  die  Arbeit,  die  von 
den  Dienern  verrichtet  wird». 

■•  In  einem  Volkslied  aus  der  Moldau  (Sezälüare«, 
II,  138)  lesen  wir:  .  .  .  Strig  la  puTca,  nu  m'audi.  — 
Ba  ti-aud,  puiuli,  bghini,  Da  nu  pociü  vin'i  la  tini,  Ci-i 
dujmanu  lingi  mini,  -^i  du§manu-i  mort  di  hat,  |edi 
cu  pu^ca'ncärcat',  Cu  pchistoaU  di-a  pchicioarl,  In- 
fiiiat  sl  mä  omoari  =  «.  .  .  Ich  rufe  die  Geliebte, 
aber  sie  hört  mich  nicht.  —  Doch,  ich  bore  Dich 
wohl,  Geliebter,  ich  kann  indessen  nicht  zuDir  kommen, 
denn  der  Feind  (=  mein  Mann)  sitzt  neben  mir,  und 
der  Feind  ist  betrunken,  ist  mit  geladenem  Gewehre,  • 
mit  Pistolen  an  seinen  Füßen,  in  jedem  Augen- 
blicke bereit,  mich  zu  tiiten.»  Der  Herausgeber 
hat  sich  verpflichtet  gefühlt,  das  Wort  inlinnt  zu  er- 


Etymologien. 


113 


Wenn  dies  nicht  als  eine  gelegenlliclie  Haltung 
ik's  Menschen,  sondern  als  eine  ihn  charakteri- 
sierende Eigenschaft  gedacht  ist,  gelangen  wir  zu 
den  Bedeutungen  «leicht  in  Aufwallung  geratend, 
streitsüchtig,  störrisch,  unwirsch,  bockbeinig, eigen- 
sinnig und  stolz».' 

Die  hier  angenommenen  Bedeutungsentwick- 
limgen  sind  wohl  möglich;  damit  sie  aber 
wahrscheinlich  erscheinen,  müßte  gezeigt  wer- 
den, dafs  im  Leben  der  Rumänen,  speziell  in 
dem  oben  als  begrenzt  gezeigten  Gebiete,  die 
Bäume,  die  man  in(inaii  nennt,  tatsächlich  eine 
so  bedeutende  Rolle  gespielt  haben,  daß  erstens 
der  weite  Sinn  des  lat.  fenuare  sich  auf  einen 
ganz  spezifischen  P'all  einschränken  und  daß 
dann  diese  Bäume  als  geeignetes  Mittel  zu  einer 
bildlichen  Ausdrucksweise  gebraucht  werden 
konnten. 

Während  die  walachischen  Geschichtschreiber 
nichts  Ähnliches  überliefern,  wissen  uns  die  mol- 
dauischen Chronisten  über  eine  ganz  besondere 
Art  der  Kriegsführung  ihrer  Vorfahren  in  alter 
Zeit  zu  berichten.  Sie  bestand  darin,  daß  der 
Feind  in  den  über  fast  das  ganze  Land  aus- 
gebreiteten Urwäldern  abgewartet,  oder  geradezu 
in  sie  hineingeluckt  wurde,  nachdem  vorerst  die 
Bäume  hifiiiafi  wurden.  Der  ahnungslose  Feind 
kam   in   den  Wald    hinein.    —    und   auf  einmal 


klären,  und  er  tat  es  in  folgender,  nicht  besonders 
geschickter  Weise :  Gata,  pregätit,  pujin  trebue  iiital, 
ca  sä  saie  ars  (ihid.)  =  «fertig,  bereit,  es  ist  nur 
ein  geringer  Anlaß  notwendig,  damil  er  aufbrauseml 
emporspringe». 

'  In  der  Bukowina  in  diesen  Bedeutungen  oft 
zu  liöroii.  Aus  der  Literatur  führe  icli  an,  ohne  zu 
übersetzen:  Deacii  cunc-jcänd  Aron-Yodä  cä  nu  va  fi 
bine  pänä  in  sfar§it,  ji  ^eara  scär§cä,  pribegii  sta  i/i- 
(inn^i,  au  socolit  .  .  .  Gr.  Ureche,  Letopi.itfe,  I ',  20!>. 
Doamna,  incäpfi^inalä  ^i  tnfinntä  cum  erii,  nu  voi 
sä-1  asculte.  Marian,  Tradifii,  67.  Daoä  mirele 
voe§ie  ca  .  .  .  sä  nu  i  se  Inlämjjle  nimica.  plätejte 
.  .  .  färä  .  .  .  imiiolrivire  .  .  .  Daca  insu  mirele  e  un 
om  hilixnt  |i  cärpänos,  dacä  se  pune  de  pricina  ^i 
nu  voe^te  de  fei  sä  pläte.iscä  .  .  .  Marian.  Xiinln,  G()3. 
Mama,  penlru  ce  se  Jine  Sandu-a§ä  de  inlinati'  Sliu 
ca  nu-i  de  Impärat!  Tojbue,  SdmäniHonil,  vol.  II. 
:28.  De  la  sfänl-Väsiu  a  treia  duminecä,  l§i  jucä  Iclea 
Solomie  nora  .  .  .  Solica  jiä^eä  niändrä  ji  alinatä, 
soacrä-sa  o  Jineä  de  dupä  lap.  V.  R.  Butioescu,  Xoiia 
revistä  ronntiiti,  I,  Siipl.  II,  pag.  30.  Mä  uil  iiithint 
(=  aspru).     Pamfile.  Jocitri.  II  ((Jlossar). 

Würicr  mirt  Snclieii.    I. 


krachte  es  rings  um  ihn  herum,  auf  ihn  fielen 
uralte  Stämme  herab,  die  zugleich  den  Weg  nach 
rückwärts  und  nach  vorne  versperrten,  und  auf 
den  dem  Tode  Geweihten  flogen  nun  die  wohl- 
gezielten Pfeile  der  bis  dahin  gut  versleckten 
«arca§i».  Die  ersle  Schlacht,  die  überhaupt  von 
der  ältesten  rumänisch  geschriebenen  Chronik 
überliefert  wird,  war  eine  derartige.  Nur  wenige 
Jahre  nach  der  Gründung  des  selbständigen  mol- 
dauischen Fürstentums,  in  der  zweiten  Hälfte  des 
XIV.  Jahrhunderts,  entstand  zwischen  den  Brüdern 
pETur  und  §tef.ax  ein  Kampf  um  den  Thron : 
«Da  Kasimir,  der  Polenkönig,  das  Land  erobern 
und  §telan  einen  Dienst  erweisen  wollte,  gab  er 
ihm  ein  Heer,  mit  dem  dieser  am  ersten  Juh  ins 
Land  einbrach.  Und  anfangs  war  das  Glück  auf 
ihrer  Seite;  später  aber  wurden  sie  von  den 
Unsrigen  überlistet  und  in  den  Urwald  binein- 
gelockt.  Da  die  Bäume  längst  des  Weges  iiitinafi 
waren,  stürzten  sie  diese  auf  den  Feind,  und  die- 
jenigen, die  nicht  daran  zugrunde  gingen,  wurden 
lebend  gefangen.»'  Etwa  um  ein  Jahrhundert 
später  (1497)  gebraucht  der  Fürst  §lefan  der 
Große  gegen  die  Reiter  des  Polen  .Albrecht  die- 
selbe Kriegslist,  die  ihm  den  berühmten  Sieg  im 
Kosmincrwalde  sicherte:  §tefan,  welcher  erfahren 
hatte,  daß  Albrecht  durch  den  Kosmincrwald 
ziehen  wird,  «bat  Leute  vorausgeschickt,  daß  sie 
den  Wald  Uifineze,  damit  er  ihn  auf  das  Heer 
herabstürzen  könne,  wenn  die  Polen  in  den  Wald 
eingetreter.  sein  werden.  Er  selbst  verfolgte  sie 
mit  dem  ganzen  Heere  und  mit  zweitausend 
Türken.  Und  am  vierten  Tag  holte  er  sie  ein. 
im  Augenblicke,  wo  die  Polen  in  den  Wald  ein- 
getreten waren,  Donnerstag,  am  iO.  Oktober,  und 
mit  Gottes  Hilfe  .  .  .  schlug  er  von  allen  Seilen 
auf  sie  los  und,  da  er  die  copacii  iiitina{i  auf 
sie  herabstürzte,  wurden  viele  polnische  Soldaten 
getötet,  einige  durch  die  [rumänischen]  Soldaten, 
andere  durch  die  sie  wie  in  einem  Netze  um- 
zingelnden Bauern,  und  wieder  andere  durch  die 
coparii  iii(inati.**  Bald,  mit  dem  Aufkommen 
der  Feuer  wallen,  wurde  diese,  jedenfalls  sehr  ;dle 
Kampfesweise  aufgegeben    und.   soviel   ich    weiß. 


»  Gr.Ureche.  Lrfopi'.'«'/*,!«,  100.  Auf  der  nSdulen 
Seile  ist  dieselbe  Besclireiliung  bei  X.  Cosün,  mit 
vielen  Einzellioiteii  abpcdiuckt.  Kl>onso  bei  Sinoai. 
Jhoiiiciil.  I>.  iU. 

2  Ebenda.  I:N. 


114 


Etymologien. 


wird  sie  nach  flcm  XVI.  .laiiihunclcrt  nicht  mein- 
angewendet.  Sie  mnl'i  jedenfalls  selir  alt  sein 
und  sie  entspricht  den  Terrainverhiiltnissen  dieser 
von  Urwäldern  bedeckten  Gegenden.  Leider  fehlen 
uns  alle  Mittel,  diese  Kriegslist  geschichtlich  fih- 
alle  Zeiten  zu  belegen;  doch  berichtet  die  itn 
Volke  lebende  Tradition  bis  auf  den  heutigen 
Tag  darüber.'  Wahrscheinlich  wurde  sie  aber 
gerade  zur  Zeit  der  Vülkerwandernng  ]iraktiziert : 
die  Wälder  mufaten  den  Einwohnern  der  Kar- 
pathenländer  nicht  nur  die  natürliche  Zuflucht  vor 
den  plündernden  Scharen  liefern,  sondern  sie  ver- 
wandelten sich,  wenn  sich  der  Feind  in  diese  hinein-- 
wagte,  zum  Verbündeten  des  rumänischen  Volkes. 
Ist  die  Annahme  richtig,  daß  die  mittelst 
copaci  m{ina}i  durchgeführte  Verteidigungsart  der 
allen  Rumänen  auf  die  Bedeutungsenlwicklung 
des  Wortes  mafsgebend  war,  so  erscheint  es  nur 
natürlich,  daß  das  Bild  des  «drohenden»  Baumes 
auf  den  Menschen  übertragen  w^erden  konnte. 
Fast  alle  Beispiele,  die  oben  angeführt  wurden, 
auch  wenn  sich  das  Wort  auf  Sachen  bezog, 
enthalten  diesen  NebenbegrilT  der  «Drohung»  und 
der  «gegen  einen  Feind  gebrauchten  Hinterlist». 
Es  ist  nun  auch  nicht  mehr  schwer  zu  begreifen, 
dafä  das  Wort  in{inä,  welches  in  seiner  allgemei- 
nen Bedeutung  mit  dem  alten  suhtiä  (<  snbtiliare) 
«dünn  machen,  verdünnen»  und  mit  dem  neueren 
släbl  (aus  dem  Slavischen)  «schwächen»  zu- 
sammentraf, mehr  oder  weniger  überflüssig  wurde, 
und  sich  nur  in  einem  speziellen  Sinn,  für  den 
der  oftmalige  Gebrauch  einen  Ausdiuck  erheischte, 
erhielt.  Sextil  Pu§cariu. 


Filis.  batschlauna  ^'pigna». 

Questa  voce  diFilisur  e  .-^tata  ultiniamente  citata 
dal  Guarnerio,  Appunti  bregagliotti  num.  90. 
Jo  non  potrei  non  mandarla  insieme  a  bisiddna 
pannocchia,  una  voce  che  ho  udita  a  Sorico  (Lago 
di  Como)   e   che   ancora   non   conoscevo  quando 

'  Marian,  Trculilii,  24:  Über  den  Tatarenein- 
bruch erzählt  das  Volk,  daß  die  Siebenbürger  und  Mar- 
marrscheo  Rumänen  «als  sie  erfuhren  .  .  .,  daß  eine 
Tatarenhorde  über  sie  kommt,  sich  versammelten 
und  einen  Teil  des  Waldes  auf  den  Bergen  Opcioara 
und  Täiarco,  wo  sie  vermuteten,  daß  die  Tataren 
vorbeiziehen  werden,  abzuhauen  begannen,  jedoch 
hauten  sie  den  Wald  nicht  gänzlich  ab,  ci  nnmui  o 
hilinarn'. 


ebb!  a  parlare  (Dialetto  di  Poschiav.  tiO.")  n)  di 
batschlaiina.  Ambedue  le  forme  sono  poi,  salvo, 
il  genere,  gli  esatti  e(|uivalenti  di  bresc.  horolä, 
mant.  bocoldh,  \')avm.  bozzilaii ,  lomb. ,  piem.  i/- 
{'•ulän  ',  buccellato,  ciambella,  dei  quali  v.  iMussalia, 
Beitrag  40.  Se  questa  voce  poi  sia  un  diretto 
derivato  da  buccella  (Post.  s.  «buccella»  :  engad. 
biitsckella,  e,  con  suffisso  sostituito  com.  bisci- 
oeida,  ccc),  o  rappresenti,  con  altra  uscita,  il 
pure  lat.  buccellatü  (Post.,  s.  v. ;  engad.  bil-  bi- 
tsrhalö,  ven.  bozzolao,  passato  nel  Voc.,  sie.  gtic- 
ciddatu,  cal.  muccellato  ^,  ecc.),  e  cosa  ch'io  non 
so  decidere,  e  clie  del  resto  qui  poco  importa. 

Per  il  p-  di  certe  forme  cisalpine  e  trans- 
alpine, venute  al  valore  di  «pigna»  (Guarnerio  ib., 
Poschiav.  ib.),  io  giä  invocava  l'enigmatico  engad. 
piischa  pigna. ^  Ma  non  parmi  superfluo  di  ri- 
cordare  che  nel  mezzogiorno  occorron  per 
«buccellato»  delle  forme  come  l'agnon.  piccil- 
leäte,  l'irp.  piccilatieddii.  alle  quali  tien  burdone 
il  lomb. -sie.  puzzuddät,  ecc.^  (Note  lomb.- sie, 
num.  45  n.)  II  p-  potrebbe  avere  la  stessa  ragione, 
a  me  per  ora  ignota,    a  sud  e  a  nord.'' 

'  II  c  lombardo-piemontese  non  puu  pero  essere 
il  normale  rappresentante  di  ec,  per  cui  in  Lombardia 
vorremmo  z  (s)  o  s,  nel  Piemonte  q.  Ann  voglio 
insistere  nella  possibihtä  d'  un  *bucc(u)la,  e  suUa 
ulteriore  possibilitä  che  -cd-  avesse  un  diverso  trat- 
tamento  di  -d-,  Meglio  sovviene  che  e  in  Lom- 
bardia e  nel  Piemonte  biciUlk  significa  anehe  «bag- 
geo,  sciocco»,  e  che  in  tal  ufficio  ha  per  sinonirao 
cQla  dümb.  anclie  (.'uldn) .  di  cui  v.  Arch.  glott.  XVI, 
237. 

-  M'immagino  che  a  muccelJata  si  venga  atlra- 
verso  'mm-  'mb-,  secondo  quanto  s'espone  in  Appunti 
merid,  (St.  rom.  VI),  num.  47. 

'  L'incertezza  circa  alla  natura  sorda  o  sonora 
del  seh  ci  toglie  di  ragionare  inlorno  a  cpiesla  forma. 
Se  si  tratta  di  i,  si  potrebbe  pensare  a  una  estra- 
zione  da  un  qualclie  derivato  di  pice.  Ma  anehe 
potrebbe  essere  l'estratto  di  un  *'pusella;  dove  e  da 
ricordare  bucella  all.  a  bcccella  (cfr.  l'it.  bocell-  ac- 
canto  a  boccell-). 

^  Nell'Abruzzo,  v'ha  pezzelle  cialda,  ciambella, 
per  cui  potremmo  invocare  bcccella,  quando  non 
insorgessero  difficoltä  dal  zz  (cfr.  invece  cal. ,  nap. 
azzettare  accettare,  ecc. ;  voci  in  fondo  letterarie). 

^  Naluralmente  per  il  nord,  dati  i  significali,  vi 
sarebbe  una  spiegazione  non  valida  per  il  sud :  la 
intrusione  di  iiesa,  ecc,  pino. :  il  campodolc.  pis- 
olpta  parrebbe  addirittura  un  *piceolana;  ma  il 
breg.  pashitm,   non    ])otrebbe   esserlo   in  causa  del  .v 


Literatur. 


lü 


Quanto  ai  signifieati  di  hatschlauna,  ecc. ,  si 
sappia  die  il  «buccellato»,  sc  i"  una  ciambclla, 
puü  anche  designare  dei  dulci  di  forma  allungata 
o  baculare,  cosi  un  «biscottino»,  ecc,  e  dei  «bis- 
cottini»  sono  appuiito  i  famosi  bicioMh  di  Ver- 
celli.'  Da  ciö  si  capisce  che  ne  sia  venuto  il 
significalo  milanese  di  «fuseragnolo» ,  e  anche 
quello  gergale  di  «dito  indice»,  a  tacere  di  quello 
di  «pene»,  a  cui  ci  preparava  dei  resto  una  delle 
precedenti  uote.  Ma  un  confetto  di  forma  rotonda 
e  oblunga  ben  poteva  prestare  il  suo  nome  e  alla 
«pigna»  e  alla  «pannocchia». 

Sopras.  guoiia  -chiodo». 

Non  si  puö  veramente  dire  clie  soddisfi  molto 
la  dieliiarazione  ehe  di  questa  voce  tentava  l'As- 
coli  (Arch.  glott.  it.  VII,  531).  La  parola  doveva 
venire  accolta  non  nella  1*,  ma  nella  3*  sezione  delle 
Annotazioni  lessicali,  quella  che  considera  la 
rüde  materia  tedesca.  Poiche  in  guotta  non 
potremo  ravvisare  altra  cosa  che  un  derivato  da 
guva  spillone  (engad.  ('(/ua)  che  si  radduce  al 
ted.  Giife,  e  per  cui  son  da  vedere  Brands tetter. 
Das  schweizerdeutsche  Lehngut  im  Romontschen, 
46,  e  Walberg,  Fonetica  di  Celerina,  §  53. 
Si  rivede  la  base  di  qua  dall'Alpi,  come  si  ap- 
prende  dal  Guernerio,  Appunti  bregagliotti, 
num.  76.    • 

Vic,   veron.    pendola   "bietta, 
zeppa,  cuneo  deH'accia». 

La  voce  compare  a  Ycnezia  c  Belluno  sotto 
la  specie  di  penoh,  e  nel  Friuli  sotto  (pielle  di 
plniile  e  prgntdp ;  il  w  della  quäl  forma  tanto 
meno  ci  disturborä,  in  quanto  il  Friuli  abbia 
anche  pii/narölc  (allato  a  penarole)  astuccio  per 
le  penne.  Sara  da  vedervi  un  derivato  mediante 
/.  Quanto  alla  forma  vicentino-veronese,  essa  va 
con  prnola ,  con  quo.-;ta  difTerenza  che  qui  ab- 
bianio  nn  scompiato,  mentre  lä  e  stato  distratto 
in  ml  come  in  altri  sdruccioli  degli  stessi  dia- 
letti:    a.    ver.    cendamo    cinnamomo    (cixnamv.m; 

che  andni  t'orse  col  sdi  dell'engad.  ^iwc/ia.  Sempre 
che  dl  non  dia  sl,  come  allrove  in  Lombardia  c+cons. 
da  s  (Zsphr.  f.  r.  Tliil..  XXII.  4S0n,  Poschiav.  509,  dove 
i'  allegalo  Tepiif). 

'  Del  resto  anclie  la  «ciambella»  puu  designare 
uu  confetto  di  forma  oblunga.  Qui  in  Milano  al- 
ineno,  vedo  nelle  bacheche  dei  confcltieri  dei  piccoli 
biscollini  indioati  conio  «cianibelline  di  Bolognas. 


v.  Postille  al  Vocab.  lat.-rom.  s.  w),  ver.  cdndeco 
canape  ca.\.v\bis,  che  ho  dal  Dizionario  botanico 
veronese  di  Lorenzo  Monti.  —  Quanto  alla  eti- 
mologia  (pi.vs.\  o  penna),  v.  D'Ovidio,  Zeitschr. 
f.  rom.  Phil.  XXVIII,  537.' 

Mailand.  C.  Salvioni. 


Literatur. 


Walter  O.  Streng.  Haus  und  Hof  im  Fran- 
zösischen. Mit  besonderer  Berücksichtigung  der 
Mundarten.  Versuch  einer  onomasiologischen 
Studie.  Helsingfors  1907.  Druckerei  der  Finni- 
schen Literaturgesellschaft.     168  S.    8°. 

Nach  Art  der  Arbeiten  von  E.  Tappelet, 
'Die  romanischen  Verwandtschaftsnamen'  und  na- 
mentlich A.  Zaun  er,  'Die  romanischen  Namen 
der  Körperteile",  gibt  der  Verfasser,  mit  Beschrän- 
kung auf  Frankreich,  die  Bezeichnungen  von  'Haus 
und  Hof.  Das  Material  hat  er  namentlich  aus 
Dialektwörterbüchern  und  natürlich  aus  dem  .Atlas 
Linguistique  geschöpft,  das,  was  die  älteren  Texte 
in  Vulgärs])rache  oder  in  Latein  geben,  aber  nur 
beiläufig  namentlich  nach  Godefroy  und  Du  Gange 
herangezogen.  In  der  .\ulage  folgt  er  seinen 
Vorbildern,  teilt  also  bei  jedem  Begriffe  ein  in 
I.  Lateinische  Tradition,  II.  Galloromanisclie  Neu- 
schöpfungen, A.  Verschiebung,  B.  Spezialisierung 
einer  allgemeineren  Bedeutung,  C.  Merkmal, 
D.  Entlehnungen,  E.  Dunklen  Ursprungs.  Der 
Stoff  ist  rrit  Fleiß  und  Gewissenhaftigkeit  ge- 
sammelt, die  Beurteilung  im  ganzen  und  großen 
eine  gute.  Der  Verfasser  kennt  die  Lautverhält- 
nisse der  Mundarten,  die  er  heranzieht,  zumeist 
so  weit,  daß  ihm  allzu  grobe  Mißverständnisse 
nicht  begegnen,  wenn  auch  freilich  bei  noch  etwas 
größerer  Vertrautheit  gar  manches,  was  als  dunk- 
len Ursprungs  bezeichnet  wird,  sich  ohne  weiteres 
aufklärt.  So  ist  Schweiz,  esro  'Dreschtenne'  die 
Entsprechung  des  noch  zu  erwähnenden  afrz. 
estre;  afßage  'Baumschule"  gehört  zu  aflier  'pfrop- 
fen' von  *aptificare,  worüber  A.  Thomas,  M^langes 
d'elymologie  franQaise  ö,  gehandelt  hat.  Wallis. 
Ulla  Gartenbeet,  kleiner  Garten"  ist  tabula,  champ. 

'  Circa  airaffemiazione  dei  D'Ovidio  (ib.  536» 
che  non  esista  «pino»  per  «albero  della  nave>.  mi 
acconsenia  l'iUustre  uomo  di  ricordargli  il  maggior 
pino  dei  Sepoleri  di  l'go  Fiwcolo.  Si  trafta.  i  vero. 
di  Ulla  figura  poetica. 

15» 


Uf) 


Literatur. 


li/ü,  lotr.  ti/ozi  'geschlossener  rieiiiiisegarten" 
daiisiim  hezw.  eine  Ahleitiiiig  davon,  hing,  oi/otte 
'Zainr  würde  in  der  Reidisspraclie  hayelte  lau- 
ten usw. 

Wenig  glütklich  ist  die  Art  und  Weise  wie 
Oll  Gange  benutzt  wird.  Man  sollte,  wenn  man 
das  in  seiner  Art  ja  unvergleichliche  Werk  her- 
anzieht, stets  die  Provenienz  der  Stellen  berück- 
sichtigen und  danach  sie  beurteilen,  sonst  kommt 
man  zu  falschen  Auffassungen.  Das  gilt  nicht 
nur  von  dem  Verfasser,  das  trifft  man  auch  sonst, 
namentlich  iiei  Nichtromanisten,  daher  hier  ein- 
mal darauf  hingewiesen  werden  soll.  S.  14  Anni. 
figurieren  zahlreiche  als  pnediuni  nisticum  be- 
zeichnete mittellateinische  Ausdrücke,  von  denen 
die  meisten  in  einer  Arbeit,  die  sich  auf  Frank- 
reich bezieht,  gar  nichts  zu  tun  haben,  so  worlh, 
wozu  der  Verfasser  sehr  unglücklich  hortus,  prov. 
wort  vergleicht.  Sclilägt  man  die  Stelle  nacli, 
so  findet  man  ein  Zitat  aus  den  Weslminster- 
annalen :  vilhi  rq/ia,  qiiae  lingiia  Anglontm  Beo- 
dericheswurth,  latine  cero  Beodriri  corfis  sive  Iiabi- 
talio  nominatur.  Oder  ein  mwjeria  einer  aus 
Deutschland  stammenden  Urkunde  ist  eine 'Meierei'. 
Andererseits  hat  es  natürlich  gar  keinen  Sinn, 
Latinisierungen  überlieferter  französischer  Wörter 
etwa  aus  Urkunden  des  XIIL  Jahrhunderts  anzu- 
führen, da  sie  uns  ja  nichts  besagen,  was  wir  nicht 
schon  wüfaten.  Und  endlich  darf  man  bei  aller 
Bewunderung  für  das  Interpretationstalent  Du 
Ganges  doch  nicht  vergessen,  da&  wir  seit  dem 
XVIIL  Jahrhundert  doch  einiges  zugelernt  haben 
und  ihn  gelegentlich  zu  verbessern  in  der  Lage 
sind.  So  ist  das  minagium,  das  er  ah  pfiedium 
übersetzt,  vielmehr  identisch  mit  minagium  cni- 
porium,  hat  also  an  der  Stelle,  wo  es  Streng 
verzeichnet,  nichts  zu  suchen. 

Etwas  mehr  Kritik  wäre  überhaupt  ange- 
bracht gewesen.  Im  Jahre  lüOl  b.at  ein  gewisser 
Durrieux  ein  'Dictionnaire  elymologifjue  de  la 
langue  gasconne'  erscheinen  lassen.  Die  Ety- 
mologien, die  er  gibt,  sind  fürchterlich,  so  soll 
hahre  'grande  maison  en  mauvais  etat'  von  einem 
bei  Pape  nicht  verzeichneten  griech.  ößT,p  'großes 
Haus'  stammen,  hakcrat  'KuhstalP,  das  natürlich 
zu  vacca  gehört,  von  ßwv.o;  'Ochsenhirt",  jouke 
'Hühnerslair  von  Yjauyia  'Ruhe',  arrume  'sorte 
de.  muraille  seche,  cloture  grossierement  faite  avec 
des  pierres  superposees  Sans  aucun    ciment'  von 


f,(i)|i-r]  'Stärke,  Kraft'.  Solchen  Unsinn  soll  man 
doch  einfach  totschweigen  oder  energisch  zuiück- 
weisen,  nicht  ilim  mit  einem  schüchternen  ?  noch 
den  Schein  einer  Möglichkeit  geben. 

Nicht  hesser  steht  es  mit  den  Herleitungen 
aus  dem  Kehischcn.  Der  alte  Favre,  dei'  von 
wissenschaftlicher  Etymologie  im  allgemeinen  und 
vom  Keltischen  im  besonderen  gar  keine  Ahnung 
hatte,  stellt  poitev.  cliilos  'Haus'  zu  kelt.  chil  und 
auch  das  schreibt  unser  Verfasser  nach  und  setzt 
nur  ein  V  dazu.  Was  bedeutet  dieses  kelt.  ddl, 
welcher  keltischen  Mundart  gehört  es  an,  wie 
hätte  es  im  Gallischen  gelautet,  ist  sein  Anlaut 
derartig,  dafs  er  im  Poitev.  zu  cU  würde?  Dar- 
aus, daß  zwei  Wörter  in  zwei  ganz  verschie- 
denen Sprachen  mit  denselben  Buchstaben  ge- 
schrieben werden,  folgt,  auch  wenn  sie  dasselbe 
bedeuten,   doch   noch  nicht   ihr  Zusammenhang. 

Nun  aber  das  Wesentliche.  Die  Aufgabe  einer 
Arbeit,  wie  der  vorliegenden,  liegt  in  der  Be- 
stimmung der  Bedeutungsentwickelung  und  gerade 
hier  fehlt  es  an  der  nötigen  Genauigkeit.  Die 
Schuld  dafür  liegt  z.  T.  an  den  Quellen.  Nament- 
lich die  Dialektwörlerbücher  lassen  es  häufig  genug 
bei  allgemeinen  Angaben  bewenden,  so  wird  man 
z.  B.  oft  nicht  erkennen  können,  ob  es  sich  ge- 
gebenen Falls  um  ein  Landgut  oder  um  ein  Land- 
haus handelt;  ob  ein  Stall  nur  für  Kühe  oder 
nur  für  Pferde  oder  für  beides  dient.  Die  Schuld 
liegt  aber  auch  an  dem  Verfasser,  er  hat  sich 
den  Weg,  zu  erspriefalichen  Ergebnissen  zu  ge- 
langen, selber  versperrt,  weil  er  von  einer  ganz 
falschen  Seite  an  die  Arbeit  herangetreten  ist. 
Er  hat  das  wohl  selber  empfunden,  denn  er  sagt 
in  der  Einleitung:  'man  würde  vielleicht  erwarten, 
spezielle  Untersuchungen  in  kulturgeschichtlicher 
Hinsicht  zu  finden.  So  wünschenswert  es  auch 
gewesen  wäre,  etwas  kulturgeschichtlich  Wert- 
volles zu  bieten,  habe  ich,  um  meine  Hauptauf- 
gabe, eine  linguistische  und,  wenn  man  so 
will,  psychologische  Vorarbeit  im  Sinne  Zau- 
ners zu  geben,  nicht  aus  dem  Gesichte  zu  ver- 
lieren, mich  damit  begnügen  müssen,  nur  hie 
ur}d  da  auf  Parallelen  zwischen  den  Ergebnissen 
meiner  Untersuchungen  und  denen  der  Kultur- 
geschichte hinzuweisen'. 

Ziel  jeder  wissenschaftlichen  Arbeit  ist  zu- 
nächst, möglichst  gesicherte  Resultate  zu  ge- 
winnen;   erst  dann  wird  es  sich   fragen,  ob  und 


Literatur. 


117 


wie  diese  Resultate  ;;ur  Erreichung  neuer,  wei- 
lerer Ziele  verweiulbai-  sind.  Indem  der  Ver- 
fasser Zauners  Arbeit  zum  Vorbild  gencnimen 
lial,  hat  er  sich  der  Möglichkeit,  das  erste  Ziel 
zu  erreichen,  begeben.  Er  hat  nicht  erkannt, 
dafs  der  StoÜ',  den  er  bearbeiten  wollte,  seinem 
innersten  Wesen  nach  ein  ganz  anderer  ist,  in- 
folgedessen auch  eine  ganz  andere  Behandlung 
erheischt.  Eine  Nase  bleibt  immer  eine  Nase, 
ob  sie  nun  grade  oder  krumm,  r(jt  oder  blau  sei ; 
sie  sitzt  immer  in  der  Mitte  des  Gesichts:  sie 
dient  immer  und  nur  zum  Riechen,  höchstens  in 
gewissen  Kulturkreisen  noch  zum  Schnupfen.  Es 
handelt  sich  also  bei  den  Körperteilen  um  Gegen- 
stände, die  durch  alle  menschlichen  Generationen 
hindurch  nacli  Gestalt,  Lage  und  Funktion  un- 
verändert und  unveränderlich  sind.  Wenn  nun 
trotzdem  die  Benennungen  wechseln,  so  liegen  rein 
psychologische  Vorgänge  zugrunde,  die  auf  Me- 
taphern und  unter  Umständen  auf  vermindertem 
oder  gesteigertem  Unterscheidungsvermögen  be- 
ruhen. Ebenso  bei  Verwandtschafisnamen: 
Schwester  ist  die  Bezeichnung  eines  Mädchens 
im  Verhältnis  zu  den  andern  von  ihren  Eltern 
erzeugten  Geschwistern  usw.  Ganz  anders  bei 
'Haus  und  Hof.  Ein  Stall  kann  seine  Form  wie 
seine  Bestimmung  wechseln ;  der  Ort,  wo  das 
Heu  aufbewahrt  wird,  kann  sich  neben  dem 
Hause  befinden  oder  im  Hause  oder  er  kann 
völlig  unabhängig  davon  sein.  Danach  kann 
dann  auch  die  Benennung  eine  ganz  verschiedene 
sein.  Tritt  ein  Wechsel  der  Form  oder  der  Be- 
slimmuiig  oder  der  Lage  ein,  so  kann  trotzdem 
die  alte  Benennung  lileiben;  es  kann  aber  aucli 
die  Änderung  durch  eine  veränderte  Benennung 
zum  Ausdrucke  kommen.  Daneben  können  nun 
natürlich  die  bedeulungsgeschich.iruhen  Vorgänge, 
die  sich  bei  den  Rezoichnnngen  der  Körperteile 
zeigen,  auch  eine  Rolle  s|)ielon.  Es  wird  sich 
also  vor  allem  darum  handeln,  in  jedem  ein- 
zelnen Falle  festzustellen,  was  der  Bedeutungs- 
änderung zugrunde  liegt,  sonst  läuft  man  Ge- 
fahr, dem  Psychologen  falsche  Münze  in  die 
Hände  zu  geben.  Diese  Gefahr  zu  vermeiden  ist 
aber  nur  möglich,  wenn  man  von  der  Kenntnis 
der  Sachen  ausgelit.  Denn  die  denkbaren  Be- 
deulungsänderungen  sind  gar  mannigfiiltig,  um 
nicht  zu  sagen  unendlich,  positive  Wissenscliall 
aber  kann  nur  verwenden,  was  wirklich  ist  oder 


doch  wenigstens  mit  unseren  bescheidenen  Mit- 
teln sich  als  wirklich  darstellen  läßt. 

Das  fehlt  luin  völlig.  Der  Verfasser  operiert 
mit  unbestimmten  Ausdrücken  statt  mit  kon- 
kreten Tatsachen.  Man  lese  z.  B.,  was  S.  67  über 
ecurie  gesagt  ist,  das  an  sich  richtig  zu  erii  ge- 
stellt wird.  'Man  hätte  es  hier  also  wohl  ur- 
sprünglich mit  einem  Raum  für  die  Schilde,  mit 
einer  Schilderhalle  zu  tun.  Eine  Verschiebung 
von  einer  Halle,  wo  die  Wände  mit  Schilden, 
Wappen  geschmückt  waren,  zu  einer  solchen,  wo 
die  Streitrosse  standen  und  wo  es  wohl  kaum 
an  Rüstungen  fehlte,  dann  zu  einem  Pferdestall 
überhaupt,  läßt  sich  auch  gut  denken.'  Ich  ge- 
stehe offen,  dafä  ich  mir  das  eigentlich  nicht 
denken  kann :  daß  Schilderhalle,  Standort  der 
Streitrcsse  und  Rüstkammern  drei  zu  verschie- 
dene Räumlichkeiten  sind,  als  daß  gewohnheits- 
mäßig die  eine  für  die  andere  gedient  hätte.  Auf 
die  Schicksale  des  Refektoriums  im  ehemaligen 
Kloster  S.  Maria  delle  grazie  in  Mailand,  das 
Leonardo  da  Vincis  Abendmahl  enthält,  oder  auf 
die  Franziskaner- Kirche  in  Ragusa,  die  heute 
z.  T.  als  Tisch lerwerkstätte  dient,  und  auf  ja 
allerdings  recht  zahlreiche  verwandte  Falle  in 
Italien  wird  man  sich  nicht  berufen  wollen,  da 
einmal  diese  Fälle  doch  exzeptionell  sind  und  da 
sie  vor  allem  aus  einer  Kulturumwälzung  hervor- 
gegangen sind,  wie  sie  in  der  Zeit,  wo  Ecurie 
entstanden  ist,  nicht  vorkommt.  Man  braucht 
sich  übrigens  nur  irgendeine  der  mittelalter- 
lichen Burgen,  an  denen  ja  kein  Mangel  ist,  an- 
zusehen, um  sich  von  der  Unmöglichkeit  einer 
solchen  Bedeutungsverschiebung  zu  überzeugen. 
Sie  geht  zudem  sprachlich  nicht.  Afrz.  esaierie 
ist  nicht  der  Ort,  wo  die  escu,  sondern  der,  wo 
die  escuier  sich  aufhallen,  die  Knappen,  die  bei 
den  Pferden  sind,  und  damit  ist  die  Sache  erklärt. 
Oder  ein  anderer  Fall.  Mehrfach  findet  man 
iecfuin  für  'Rinderstall.  Pferdestall.  Sehweineslalf. 
nur  selten  und  nicht  ganz  zweifellos  für  'Schaf- 
slair.  Mit  der  Bemerkung,  es  stehe  hier  'pars 
pro  toto",  ist,  wie  gewöhnlich  mit  solchen  Schl;»g- 
wörtern,  gar  nichts  erklärt.  Warum  sagt  man 
nicht  ebenso  Dach"  für  Haus  ?  Soll  man  an 
eine  Redensart  'unter  Dach  bringen"  denken";* 
Oder  liegt  nicht  etwas  ganz  anderes  zugrunde':- 
In  den  -Vlpen,  z.  R.  im  Fkims-  und  im  Cismone- 
lal.  gibt  es  Schulzvorrichtungen  für  Pfonle.  Esel 


118 


Literatur. 


iiiiil  Kindvieh,  die  tatsächlich  nur  aus  einem  auf 
einer  eiits[)rechenden  Anzahl  von  Stangen  auf- 
gebauten Dach  bestehen,  denen  das,  was  das 
Cliarakteristische  für  ein  Haus  ist,  die  geschlosse- 
nen Wände  oder  Mauern  völlig  fehlen.  Ich  habe, 
da  ich  mir  der  möglichen  Wichtigkeit  der  Sache 
nicht  bewufst  war,  versäumt,  mich  nach  der  Be- 
zeichnung zu  erkundigen,  aber  'Dach'  wäre  hier 
sehr  passend  und  würde  den  Übergang  zum  'Stall' 
erklären.  Kür  die  Schafe,  die  offenbar  weniger 
emphndlich  sind,  habe  ich  solche  'Dachställe' 
nicht  gesehen;  die  Scliweine  haben  auf  den  Alpen 
vielfach  ihre  Lagerslellen  unter  dem  weit  vor- 
springenden Dache  der  Sennhütte.' 

Wenn  also  der  Weg,  auf  dem  die  Bedeutungs- 
entwickelung zu  ermitteln  unternommen  wird, 
nicht  der  richtige  ist,  so  liegt  es  auf  der  Hand, 
daß  auch  die  Zuweisung  zu  den  verschiedenen 
Kategorien  nicht  immer  richtig  sein  kann.  Mansio 
'Haus"  wird  der  lateinischen  Tradition  zugeteilt, 
ustel  in  derselben  Bedeutung  als  galloromanische 
Neuschöpfung,  und  zwar  als  'Verschiebung"  be- 
zeichnet. Aber  die  Trennung  ist  unbegründet. 
Lat.  iiifinsio  bedeutet  'der  Ort,  wo  man  bleibt  auf 
Reisen,  das  Nacht([uartier ,  Nachtlager',  berührt 
sich  also  darin  sehr  nahe  mit  hoxpitale,  so  dalä 
man  auch  Ijier  von  'Verschiebung'  sprechen 
könnte  und  zwar  von  einer  galloromanischen, 
denn  Italien,  Rumänien  und  die  Iberische  Halb- 
insel kennen  sie  in  diesem  Sinne  nicht.  Es  be- 
deutet dann  einen  'Aufenthaltsort  für  Tiere',  sub 
diu  retibits  inclnsa  pecorum  mcnisioiie  heißt  es  bei 
Plinius  18,  23,  vgl.  dazu  altdahnatinisch  »iitsun 
'Schafstair,  südsard.  masoni  'Schafstall,  Schweine- 


'  In  Verona,  Mantua,  Parma  sagt  man  dalür 
barkessa,  dessen  nähere  Zusammenhänge  icli  jetzt 
nicht  darlegen  will,  von  dessen  ferneren  ich  zentralfrz. 
barz  'Schuppen  aus  Stroh  oder  Binsen  zur  Auf- 
liewalirung  des  Heus  und  der  Keldgeräte'  nur  des- 
tialb  nenne,  weil  es  der  Verf.  S.  ll'.t  anführt,  ohne 
es  zu  deuten.  Ziigeliörigkeit  zu  barea  'Barke'  ist  aus 
mancherlei  (irflnden  ausgeschlossen.  F'tacenl.pemdaiia 
übersetzt  Foi'esti  mit  teltoia  und  erklärt  es  'por- 
ticone  ruslico  sotto  il  quäle  tiensi  il  bestiame  bovino 
nella  stagione  estiva'.  Also  teltoia,  eine  Ableitung 
von  tectum,  tritt  uns  hier  wieder  entgegen,  vergl. 
die  Erklärung  von  tettoia  bei  Petrocchi  'un  semi^lice 
tetto  retfo  da  muri  o  colonne  o  altro  per  riparu 
dalla  pioggia'. 


stall,  Ziegenstall',  in  Brescia,  Bergamo  und  sonst 
in  Oberitalien  und  ebenso  in  Bari  'Hühnerstall". 
.\uch  die  mansiones  aestivae,  hibenitie,  vernae 
und  aatuniiialfü  sind  noch  keine  in.  »iiiisons.  Es 
gehört  als  maison  genau  in  dieselbe  Klasse  wie 
hütel,  und  die  Sache  wäre  im  Sinne  des  Ver- 
fassers erledigt,  wenn  man  sich  mit  solchen 
äußerhchen  Klassifikationen  begnügen  will.  Aber 
es  ist  eine  Selbsttäuscliung,  wenn  man  meint, 
damit  eine  Erklärung  zu  geben.  Gesagt  ist  mit 
dieser  Einreihung  nichts  und  geholfen  auch  der 
Psychologie  nicht.  Der  Verl'asser  zeigt  recht  gut, 
daß  maison  das  eigentliche  Wort  für  'Haus'  in 
Nordfrankreich,  hutel  bezw.  dessen  Vertreter  das 
für  Süd-  und  Südostfrankreich  ist,  daß  hotel  aber 
auch  in  Nordfrankreich  neben  maison  steht.  Zwei 
Fragen  waren  in  einer  bedeutungsgeschichllichen 
Untersuchung  zu  beantworten:  wie  verhalten  sich 
maison  und  hötel  zueinander  und  weshalb  die 
merkwürdige  geographische  Scheidung?  Von  der 
dritten,  oder  wenn  man  will,  ersten  Frage,  warum 
casa  schon  vorhistorisch  so  stark  eingeschränkt 
worden  sei,  sehe  ich  hier  ab.  Ich  vermute  fol- 
gendes. Maison  bezeichnet  ursprünglich  das 
Stuben-  bezw.  Stubenküchenhaus,  d.  h.  ein  Haus, 
das  eben  nur  als  'mansio'  für  den  Besitzer  diente, 
osfel  dagegen  ist  ein  Haus  auch  für  Gäste,  also 
ein  großes,  mehrere  Zimmer  enthaltendes.  Natür- 
lich ist  dann  maison  auf  letzteres  übertragen 
worden:  im  afrz.  Alexius  ist  maison  auch  das 
Haus  des  Königs,  wogegen  ostel  nur  die  allge- 
meine Bedeutung  'Unterkunft'  hat  an  der  einen 
Stelle  45 e  tout  fe  diirrai:  lit  et  ostel  e  pain  e 
carn  e  vin.  Mansio  'Haus'  bezeichnet  also  einen 
ganz  anderen  Typus  als  hospitale  'Haus',  beide 
stehen  ursprünglich  wohl  in  einem  Gegensatz  zu- 
einander, wogegen  casa  der  übergeordnete  allge- 
meine Begriff  ist.  Als  nun  aus  Gründen ,  die 
ich  vorläufig  nicht  anzugeben  vermag,  mansio  zu- 
nächst da,  wii  es  sachlich  berechtigt  war,  casa 
verdrängte,  konnte  es,  da  ja  eine  Zeitlang  casa 
und  mansio  annähernd  gleichwertig  nebeneinander 
standen,  auch  an  die  Stelle  der  casa  treten ,  die 
eigentlich  ein  hospitale  war.  Das  Verhältnis  bei- 
der Wörter  müßte  auch  im  Gaskognischen  unter- 
sucht werden.  Nach  dem  Atlas  Linguistique 
herrscht  hier  allein  mansio,  aber  man  .jraucht 
nicht  einmal  viel  alte  Texte  zu  lesen,  es  genügt, 
das    Wörterbuch     von     Lespy  -  Raynaud     aufzu- 


Literatur. 


119 


schlagen,  um  sich  zu  überzeugen,  ihii  oii.slriii 
früher  gebriUichhch  war. 

Besonders  stark  lassen  die  Kapitel  über  'Stall" 
und  'Scheune',  dank  der  Einteilung  nach  den  mit  der 
Sache  in  keinem  Zusammenhang  stehenden  Ka- 
tegorien, jede  Übersichtlichkeit  vermissen  und 
dadurch  schwer  zum  Verständnis  durchdringen. 
Worauf  es  ankommt,  ist  1.  sind  Scheune  und 
Stall  in  enger  räumlicher  Verbindung;  2.  wie 
weit  werden  namentlich  Pferdestall  und  Kuhstall 
auseinandergehallen?  Von  diesem  Gesichtspunkte 
aus  müßte  die  Gruppierung  der  verschiedenen 
Verschiebungen  und  Übertragungen  vorgenommen 
werden.  Für  sich  stehen  natürlich  prov.  arsidou 
unä  j)laso,  die  Mistral  'Stall,  wo  der  Hengst  steigt', 
übersetzt.  Der  Verfasser  erklärt  das  eine  als 
bildlichen  Ausdruck,  das  andere  als  'Speziali- 
sierung einer  allgemeineren  Bedeutung'.  Das 
letztere  ist  richtig,  und  wenn  man  nun  nicht  er- 
fährt, ob  und  wie  weit  plaso^  wo  es  diese  Be- 
deutung hat,  auch  in  anderer  üblich  ist,  da 
man  sonst  ja  zu  einem  wirklichen  Verständnis 
nicht  kommt,  so  ist  das  nicht  des  Verfassers, 
sondern  Mistrals  Schuld,  der  nichts  weiter  ver- 
rät. Aber  arsidou  setzt  deutlich  ein  arsi  'in  der 
Brunst  sein",  speziell  vom  'Hengst"  voraus,  d.  h. 
also  auch  'Spezialisierung  einer  allgemeineren  Be- 
deutung" eines  Verbums,  während  das  Substan- 
tivum  den  'Ort  der  Handlung"  angibt. 

Und  nicht  weniger  macht  sich  der  Mangel  an 
Anschauung  geltend  hei  'Scheune'  und  'Heu- 
speicher und  auch  hier  verwischt  die  Anordnung 
das  Wesentliche.  Überblickt  man  das  gesamte 
Material,  wozu  noch  manches  nicht  benutzte  aus 
Gillienins  Atlas  kommt,  so  scheidet  sich  als  eine 
deutliche  Gruppe  zunächst  diejenige  aus,  die  den 
'Heulioden'  als  den  im  'oberen  Stock"  befind- 
lichen bezeichnet.  Der  untere  Stock  enthält  ent- 
weder den  Stall  oder  die  Wohnung.  Nur  z.  T. 
wird  der  Kornboden  geschieden  vom  Heuboden. 
Da  das  Korn  nicht  oder  nur  die  kurze  Zeit  bis 
zum  Dreschen  in  der  Scheune  bleibt,  das  Heu 
aber,  namentlich  auch  das  zweite  erst  nach  dem 
Korn  geschnittene,  den  ganzen  Winter  und  das 
Frühjahr  hindurch  aufbewahrt  wird,  tritt  bei  klei- 
nereu Betrieben  auch  keine  räumliche  Schwierig- 
keit ein.  In  einer  zweiten  Gruppe  besteht  ein 
besonderer  Behälter  für  das  Heu,  ein  Heuschuppen, 
der  neben  den  übrigen  Gebäulichkoiton  liest:   in 


einer  dritten  scheint  das  Heu  eingegraben  zu 
werden.  Um  das  Bild  zu  vervollständigen,  kommt 
nun  noch  die  'Tenne'  hinzu,  die  in  der  Scheune 
sein  kann,  und  zwar  zumeist  unter  dem  Heu- 
boden ,  neben  dem  Stall.  Danach  scheint  mir 
wäre  der  Stoff  zu  ordnen.  Wenn  nun  im  Loth- 
ringischen b^öi  ausdrücklich  mit  'grange  oü  Ton 
bat  les  gerbes'  übersetzt  wird,  so  heißt  das  doch 
olfenbar,,  daß  hetöi  nicht  jede  beliebige  Scheune 
bezeichnet,  sondern  eben  nur  die  mit  einer  'Tenne' 
versehene.  Man  kann  also  nicht  wohl  sagen,  es 
liege  hier  'pars  pro  tote'  vor.  Nur  wenn  der 
Ausdruck  auch  für  eine  Scheune  ohne  Tenne  ge- 
braucht wird,  ist  das  angänglich.  Und  das  kommt 
vor.  Die  meisten  Bauernhäuser  meines  Heimal- 
dorfes Dübendorf  (Kanton  Zürich)  besitzen 'Tenneu- 
scheunen',  und  'Tenne"  ist  denn  auch  die  übliche 
Bezeichnung  für  'Scheune'.  Die  meines  Vaters, 
der  nur  eine  Wiese,  kein  Ackerfeld  besaß,  hatte 
dagegen  keine  Tenne,  der  entsprechende  Raum 
wurde  als  Remise  benutzt.  Es  war  also  eine 
Scheune,  Nun  kam  es  allerdings  vor,  daß  wir 
als  Kinder  den  Ausdruck  der  Bauernkinder 
übernehmend  auch  von  unserer  'Tenne'  ge- 
sprochen haben,  oder  umgekehrt  die  'Tenne"  als 
Scheune  bezeichneten,  was  unser  Vater  uns  oft 
genug  verwiesen  hat.  Hier  liegt  also  eine  aus 
den  lokalen  Verhältnissen  erklärliche  Verscliie- 
hung  vor.  Die  umgekehrte  Verallgemeinerung 
von  'Scheune"  wurde  dadurch  erleichtert,  daß  man 
in  der  Stadt  fast  nur  den  .Ausdruck  'Scheune" 
(genauer  'Scheuer")  kannte,  wodurch  sich  für  uns 
das  Gefühl  herausbildete,  daß  dieses  das  feinere, 
Tenne  das  gröbere  Wort  sei. 

Unter  den  verscliiedenen  Ausdrücken  will  ich 
nur  Uno  hervorheben,  das  Gillieron  auf  engem 
Gebiete  in  Nievre  und  Saöne-et-Loire  belegt.  Es 
ist  deutlich  in-allo,  entspricht  also  ziemlich  genau 
dem  kärntnerischen  maiif  'Ohergemach'  (Schmel- 
1er  r-,  16;  Meringer,  Mitleil.  d.  anthrop.  Gesellsch. 
Wien,  XXX,  104  f.).  Dann  sind,  siinif,  $na,  das 
in  zusammenhängendem  Gebiete  im  Wallonischen, 
zersprengt  in  der  Pikardie  und  im  Westen  vor- 
kommt, von  wo  es  ins  Brettonische  geilrungen 
ist.i    Die  Etymologie  ist   auch  hier  klar,   es  ist 

>  Henry  hat  in  «ler  Festschrift  fiir  .-Vscoli  und  im 
l.e.T.  olym,  brot.  ilarin  eine  Enllehnunp  aus  ac-vH«»/ 
jresehen  unil.  an  sich  nicht  unjwschickt,  4tie  Loslösunp 
des  (tr  aus  Yerwechslunf   mit   dem  bret.  Artikel  er- 


■20 


Ijilrialur. 


(■oeinKiilitin.  Das  h:il  Streng  für  pik.  rlienail 
riclitig  erkannt,  liat  aber  nicht  gemerkt,  dafs  die 
anderen  Wörter  damit  idenliscii  sind,  liat  aiuli 
ofl'enliar  das  Blatt  des  Atlasses  noch  nicht  gehabt, 
wie  ihm  denn  auch  entgangen  ist,  daß  Behrens 
ebenfalls  noch  nlme  llücksicht  auf  die  Angaben  des 
Atlasses  die  richtige  Erklärung  schon  gegeben  hatte, 
Bausteine  zur  rom.  Fhil..  S.  79.  Wenn  man  nun 
an  Hand  des  Atlasses  die  Verbreitung  verfolgt,  so 
sieht  man,  dafs  sich  von  dem  östlichen  Zentrum  eine 
schmale  Linie  durch  den  Süden  der  Departement 
Seine-et-Oise,  Eure-et-Loire,  Sarthe  nach  Mayenne 
zieht,  wo  die  westliche  Mafse  beginnt.  Während 
nun  aber  entsprechend  dem,  was  man  erwartet, 
im  W^eslen  der  Vortonvokal  e  ist  bezw.  Schwindet, 
zeigt  diese  Verbindungslinie  ein  /,  das  lautlich 
nur  in  einem  Teile  der  östlichen  Mafse  berechtigt 
ist,  und  auch  das  Suffix  zeigt  nur  z.  T.  die  Form, 
die  man  aus  -arulu  erwartet.  Es  handelt  sich 
hier  also  um  ein  Wanderwort  und  es  wäre  die 
Aufgabe  weiter  Foi-schung  festzustellen,  wie  die 
Wanderung  erfolgt  ist,  bezw.  wie  das  ursprüng- 
lich wohl  über  den  größten  Teil  Nordfrankreichs 
verbreitete  coenandnui  verdrängt  worden  ist.  Die 
Tatsaclie  au  sich,  daß  der  lateinische  Ausdruck 
in  etwas  verengertem  Sini.e  hier  und  nur  hier 
geblieben  ist,  ist  nicht  ohne  Bedeutung  für  die 
Geschichte  des  römischen  Hauses.  Daß  man  nicht 
einfach  sich  bei  der  durch  den  Atlas  gegebenen 
Abgrenzung  beruhigen  kann,  daß  die  Wortgeo- 
graphie nur  dann  wirklich  fruchtbar  wird  und 
Wert  hat,  wenn  man  sie  tunlichst  zur  Wortge- 
schichte umgestaltet,  ist  von  dem  Verfasser  zu 
wenig  bedacht  worden. 

Kehren  wir  zur  Tenne  zurück.  Sie  kann 
auch  außerhalb  der  Scheune  liegen,  was  wohl 
im  Süden  häufiger  ist  als  im  Norden.  Ich  rechne 
hierher  esro,  das  im  Atlas  Linguisti(|ue  aus  dem 
Kanton  Waadl^  belegt  ist.  Mit  diesem  esro  ge- 
hört zusammen  lyon.  Hro,  ctre  'le  balcon  oü  l'on 
klärt.  Die  französischen  Diatektfornien  lassen  die 
sachlich  ohneliin  schwer  zu  vertretende  Auffassung 
sofort  als  unrichtig  erscheinen. 

'  Eine  Bitte,  die  dem  im  Sprachenkampf  Leben- 
den verziehen  werden  mag.  Wo  für  die  Schweizer 
Kantone  deutsche  Namen  vorhanden  sind,  soll  man 
sich  ihrer  in  doutsclicn  Werken  bedienen,  also  nicht 
canton  de  Vaud,  sondern  Kanton  Waadt  schreiben 
oder  nicht,  wie  ich  einmal  in  VoUmollers  .Tahresbericht 
gelesen  habe,  Grisons.  sondern  Graubünden.  —  Daß 
man  den   nur   in    dem    kleinen    deutsehen  Obenvallis 


mel  ä  secher  les  fruits,  Ic  (jerroii,  Fendroit  sous 
Fauvent;  le  porche  exterieur  d'une  eglise'  etc.; 
dann  auch  das  von  Bridel  schlecht  geschriebene 
ffro:{A\n\  t'lri))  'chalet  des  Alpes  les  plus  elevees'; 
savoy.  etra  'lieu  ofi  l'on  serre  les  feuilles  sechcs, 
le  foin,  la  paille;  ecurie".  Für  einzelne  dieser 
Wörter  vermutet  der  Verfasser  lat.  e.rtera  [pars], 
verwirft  aber  die  Vermutung  wieder,  für  andere 
gibt  er  keine  Erklärung.  Es  kann  gar  keinem 
Zweifel  unterliegen,  daß  exiera  bezw.  extern  zu- 
grunde liegt,  da  lautlich  die  Enlwickelung  völlig 
korrekt  ist  und  die  verschiedenen  Bedeutungen 
sich  aus  dem  allgemeinen  'außen  befindlich"  am 
besten  erklären.  Damit  ist  denn  auch  die  von 
Neumann  seinerzeit  gegebene  Deutung  von  al'rz. 
estres  als  die  allein  richtige  erwiesen. 

Auch  einige  Unterlassungen  erklären  sich  aus 
dem  Mangel  an  Sachkenntnis.  Fournil  wird  von 
Sachs  mit  'Bäckerei,  Waschhaus  auf  dem  Lande' 
übersetzt.  Das  Suffix  beweist  aber  für  den,  dem 
die  Suffixe  nicht  bedeutungslose  Anhängsel  sind, 
als  welche  sie  unser  Verfasser  allerdings  oft  sehr 
zu  Unrecht  behandelt,  daß  die  eigentliche  Bedeu- 
tung ist  'der  Ort,  wo  sich  der  Backofen  befindet'. 
Nun  wissen  wir,  daß  gerade  in  Frankreich  der 
Backofen  ganz  gewöhnlich  in  einem  eigenen  Bau 
neben  dem  Hause  steht  oder  gestanden  hat  (vgl. 
Meringer,  Das  deutsche  Haus,  S.  19)  und  dieser 
Bau  heißt  eben  fournil.  In  einer  Arbeit,  die  von 
fe)iU,  porcil  usw.  handelt,  verlangt  auch  fournil. 
Behandlung  und  Erklärung. 

Vor  20-  Jahren  hätte  Strongs  Untersuchung 
viel  weniger  eingeschränktes  Lob  geerntet.  Aber 
seit  mehr  als  einem  Dezennium  zeigen,  erst 
räumlich  und  geistig  getrennt,  dann  geistig  und 
räumlich  sich  nahe  gerückt  und  sich  gegenseitig 
anregend,  Meringer  und  Schuchardt,  daß  man 
die  sprachlichen  Probleme,  die  sich  an  Sachen 
knüpfen,  nur  mit  Kenntnis  der  Sachen  behandeln 
darf.  Der  Verfasser  hat  sich  leider  auf  den  alten 
Standpunkt  gestellt,  und  dadurch  eine  Arbelt  ge- 
liefert, die,  so  fleißig  sie  das  Material  zusammen- 
stellt und  so  manches  ja  natürlich  richtig  ist,  doch 
von  neuem  gemacht  werden  muß,  wenn  sie  die 
Aufgabe,  die  er  sich  gestellt  hat,  und  wenn  sie 
andere,  ebenso  wichtige  wirklich  lösen  will. 


W 


W.  Meyer -Lühke. 


bekannten  deutschen  Namen  Rotten  niclit  an  Stelle 
von  Rhone  setzen  soll,  gebe  ich  oline  weiteres  zu, 
das  ist  aber  etwas  sjanz  andiTcs. 


Das  Bauernhaus 
der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 

Von  J.  R.  Bunker  i.  Ödenburg. 


(Mit  4-7  Textribbilduiigen.) 

Im  iiidustricreichen  und  aufstrebenden  ^Farkte  Köflach.  der  in  einem  Seitenteile 
des  Kainachtales  etwa  26  kiu  direkt  westlich  von  Graz  liegt,  hat  die  fortschreitende 
Kultur  fast  jede  Spur  des  volkstümlichen  Hauses  verwischt.  Ein  einziges,  das  weiter 
unten  zur  Beschreibung  kommen  soll,  ist  noch  übriggeblieljcn.  In  den  vom  Verkehr 
abgelegenen  höheren  Regionen  der  Umgebung  von  Köflach  hat  sich  jedoch  das  Bauern- 
haus in  seiner  Ursprünglichkeit  erhalten.  Die  Gemeinde  Kemetberg  ist  es,  die  mir  in 
der  Hauptsache  das  Material  zu  meinem  Studium  in  reic  hem  Maße  lieferte.  Sie  besteht 
aus  73  numerierten  Häusern.  Hiervon  sind  55  Bauernhäuser,  13  Keuschen  und 
5  Sennhütten  oder  Oden. 

Die  Sennhütten  liegen  außerhalb  des  Bereiches  der  eigentlichen  Gemeinde  in  der 
Alpenregiou,  die  Keuschen  oder  Ausnehmerstübel  finden  sich  zumeist  in  der  Nähe  der 
Bauernhäuser,  seltener  in  größerer  Entfernung  von  denselben,  die  Bauernhäuser  selbst 
aber  liegen,  umgeben  vom  Stadel,  kleineren  Stallgebäudeu,  Schupfen  etc.,  die  mit  dem 
Wohnhause  ein  Gehöft,  den  Bauernliof,  bilden,  inmitten  des  arrondierten  Grundes,  der 
zum  Hause  gehört.  Damit  ist  schon  ausgesprochen,  daß  die  Gemeinde  Kemetberg  kein 
geschlossenes  Dorf  bildet,  sondern  daß  sie  aus  Einzelhöfen  besteht.  Das  1557  Joch 
umfas.sendc  Gebiet,  welches  der  urbar  gemachte  Teil  der  Gemeinde  einnimmt  —  die 
lu'iher  gelegenen  Alpcnwiesen  im  Umfange  von  488  Joch  sind  hierbei  nicht  eingerechnet 
—  steigt  von  der  Gemarkung  der  Gemeinde  Lankowitz  nach  WNW  iu  einer  Längen- 
ausdehnung von  zirka  (5  km  ungefähr  tiOO  m  an.  Das  Terrain  ist  also  steil  und  zudem 
von  tief  einschneidenden  Gräben  durchzogen.  Die  Größe  der  einzelnen  Bauerngüter  ist, 
wie  sich  ergeben  wird,  sehr  verschieden,  im  Durchschnitte  werden  sich  40—50  Joch 
annehmen  lassen.  Die  über  das  ganze  Ciebiet  zerstreut  liegenden  55  Gehöfte  liegen  je 
nach  der  (irül.se  des  (Jutes.  das  zu  ilnu'n  gehört,  5 — 15  Min.  weit  voneinander  entfernt. 

Zur  Zeit  der  Besieddung  dieses  Gebietes  scheint  die  ganze  Gegend  Waldland  ge- 
wesen zu  sein.  Die  ebenen  und  sanft  abfallenden  Flächen  wurden  gerodet,  die  felsigoa 
und  steilen  Hänge  jedoch  sind  als  Waldland  bis  auf  den  heutigen  Tag  belassen  worden. 
Die  urbar  gemachten,  also  die  am  besten  gelegenen  Gründe  eines  jeden  der  Bauern- 
güter sind  denn  in  der  Regel  auch  heute  noch  von  einem  Kranze  steil  sich  erhebenden 
oder  in  Gräben  abfallenden  Wäldern  umfaßt. 

Wörter  und  Sachen.    I.  16 


H^ 


3.  R.  Bunker  ■t»duiil)urg. 


Es  ist  mir  in  der  n;arizen  Geiiieiiide  Kcmetberg  mir  ein  Bauerngut  untergekommen, 
auf  dem  sich  nur  ein  einziges  Gebäude  erhebt.  Es  sehiießt  die  Wohn-  und  NN'irtschafts- 
räume  unter  einem  Dach  zusammen.  Bei  allen  anderen  Bauernbesitztümern  fand  icli 
stets  mehrere  Gebäude,  ein  Gehöfte  bildend,  beisammen.  Das  eine  Gebäude  ist  das 
Wohnhaus  und  das  zweite  der  Stadel.  Als  drittes  schließt  sich  diesen  beiden  zumeist 
noch  ein  kleines  (Jebäudc  an,  das  zum  Teil  Wohn-,  zum  Teil  Wirtschaftszwecken  dient. 
Die  Lage  dieser  drei  Gebäude  zueinander  hängt  ganz  und  gar  von  der  Beschattenlieit 
des  Terrains  ab.  Bei  der  Wahl  des  Ortes,  worauf  ein  Gehöft  angelegt  wurde,  scheinen 
liauptsächlich  drei  Bedingungen  ausschlaggebend  gewesen  zu  sein  und  zwar  vor  allem 
die  Nähe  einer  Quelle,  die  das  Brunnenwasser  liefern  mußte,  dann  eine  vor  der  herr- 
schenden Windrichtung  schützende  Lage  und  schließlich  die  Möglichkeit,  dem  Wohn- 
hause eine  günstige  Richtung  zur  Sonne  geben  zu  können.  Wie  sich  dann  die  anderen 
Gebäude  zum  Wohnhause  gruppieren  sollten,  muß  als  nebensächlich  betrachtet  worden 

sein.  Man  findet 
Wohnhaus  und 
Stadel,  die  bei- 
den Hauptge- 
bäude, parallel 
zueinander  an- 
gelegt, man  trifft 
sie  auch  im  rech- 
ten Winkel  zu- 
einander liegen, 
dann  sieht  mau 
sie   wieder    hin- 


Aljbikluiii;   1.     I'kiii  dui-  llulsUittc  vom  Kliegl-Gute. 
tereinander  angeordnet,  schließlich  können  sie  auch 


ianz  regellos  angelegt  worden  sein. 


I.  Das  Kliegl-Gut. 

Es  liegt  ungefähr  in  der  Mitte  der  Gemeinde  Kcmetberg.  Das  Wohnhaus  trägt 
die  Nummer  6S.  Zum  Kliegl-Gute  gehören  nach  dem  Besilzbogen  des  Bauern  4tJ  Kat.- 
Joch  1088  □  "  Land.  Das  Besitztum  setzt  sich  zusammen  aus  zirka  12  Joch  Äckern, 
zirka  12  Joch  Wiesen,  zirka   12  Joch  Wald,  zirka  1  Joch  Weide,  zirka  9  Joch  Alpen  wiese. 

Der  Viehstand,  den  das  Gut  ernährt,  beläuft  sich  auf:  2  Stück  Pferde,  ü  Stück 
Ochsen,  (3  Stück  Kühe,  4  Stück  Terzen  (junge  Ochsen),  2  Stück  Kalben,  5  Stück  Kälber, 
5 — 8  Schweine. 

Durch  die  Hofstätte  führt,  wie  die  Abbildung  1  ersehen  läßt,  ein  Weg,  der  den 
Verkehr  mit  den  benachbarten  Gehöften  ermöglicht.  G  ist  das  Gemüsegärtchen,  W-H 
das  Wohnhaus.  Der  Stadel,  St,  liegt  vom  Wohnhause  24  m  ab.  Das  weitschichtige 
Bauen  ist  jedenfalls  ein  Vorteil  in  Feuersgefahr.  Das  dritte  Gebäude,  K-K,  wird  die 
Knechtkammer  genannt.  Im  Erdgeschosse  dieses  Gebäudes  werden  die  Schweine  ge- 
halten.    K  deutet  ein  Kreuz  an,  vor  dem  ein  Betstuhl  steht. 

a)  Das  ^V'ohnhaus 
Abbildung  2  zeigt  die  A'orderseite,   Abbildung  3  die  Bückseite  des  Kliegl  Hauses, 
Abbildung  4  gibt  den   Grundriß   des  Erdgeschosses  und   Abbildung  5  den  des  Dach- 


Das  Baueniliaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


123 


AliliilduMj.'  -2.     I)as  Klieyl-Haus,   \ ordersei te. 


raumes  desselben  Hauses.  Wie  inau  aus  der  Ausiciit  des  Hauses,  Abbildung  2,  ersieht, 
erhebt  sich  das  Haus  auf  einem  steinerneu  Unterbau.  Dieser  zeigt  rohes  Mauerwerk 
ohne  Bewurf.  Von  der  Untermauerung  strebt  das  Zimmerwerk  empor.  Die  Balken,  aus 
denen  die  Zimmerung  besteht,  sind  aus  Fichtenstännnen  sauber  vierkantig  behauen. 
Sie  haben  eine  Stärke  von  13  und  eine  Höhe  von  20 — 25  em.  Die  untersten  drei,  be- 
ziehungsweise vier  Balken  sind  an  den  Ecken  des  Hauses  verkämmt,  d.  h.  die  Balken- 
köpfe stehen  12 — 15  cm  über  die 
Kanten  des  Hauses  vor.  Die  darauf- 
folgenden sechs  oder  sieben  Balken 
sind  an  den  Hauskanten  in  Schwal- 
benschwauzmauier  verzinkt.  Die  den 
Schwalbenschwanz  bildenden  Linien 
sind  nicht  gerade,  sondern  nach  in- 
nen gekrümmt.^  Die  obersten  vier, 
bzw.  fünf  Balken  sind  wieder  ver- 
kämrat, doch  dergestalt,  daß  die 
übereinanderliegenden  Balkeuköpfe 
sich  überkragen,  so  daß  die  obersten 
Balken  etwa  1  m  über  die  Hauswände 
vorreichen.  Die  aus  der  Stirnseite  des 
Hauses  auf  die  angegebene  Weise 
vorragenden  Balken  haben  den  die 
Zimmerung  nach  oben  abschließen- 
den balkonartigen  Gang  zu  tragen, 
während,  die  an  den  Traufsciten  des 
Hauses  vorstehenden  Balken  dem 
Dache  eine  verbreiterte  Unterlage 
bieten,  so  daß  es  auch  auf  den  Lang- 
seiten weit  ausladen  und  die  Wände 
des  Hauses  schützen  kann.  Der 
balkonartige  (!ang  weist  in  Abbil- 
dung 2  eine  Brüstung  aus  senkrecht- 
stehenden  Brettern  auf.  Mit  senk- 
rechtstelienden  Brettern  ist  auch 
jener  Teil  der  Giebelwand  verschalt. 
der    mit    der    Zimmerung    in    einer  \i,i,;i  i,,,,,.  ■•     ki;   .in.,      r    ■ 

Ebene  liegt,  ebenso  auch  jenes  oberste, 

ein  Dreieck  bildende  Drittel,  das  mit  der  Gangbrüstung  in  einer  Fläche  sich  befindet. 
Aus  dem  Dachraum  fidnt  durch  die  Bretterwand  eine  Tür  auf  den  Gang.  Rechts  und 
links  daran  sind  zwei  Löclier,  die  die  Stelle  von  Fenstern  vertreten,  ausgeschnitten.  Sie 
werden  „Gi(g(/a"'  {Guchr,  subst.  liildung   aus  (jucke»)  genannt.     Im  Giebeldreieck  sind 

'  Diese  Art  kun.^tvoller  Ycrzinkung  hat  R.  Meringer  aus  Mürzzuschlai-'.  Milteilungen  der  AnUiropol. 
Ges.  in  Wioii  (M.  A.  G.),  BJ.  XXIll,  S.  1:«),  Fiji.  tiü,  und  später  ich  selbst  aus  der  Gepend  von  Vorau, 
M.  A.G.,  Bd.  XXVII,  S.  1S7,  Fig.  1.57  u.  I.jS,  und  auili  aus  Ohorkänilen,  M.  A.G.,  Bd.  XXXII,  S.  33.  Abb.  13, 
FifT.  (!,  nachgewiesen. 


W» 


Ui 


.1.  F..  Biinkei-Üilcnl) 


Abbildung  4. 
Giuiidiili  des  Erdgeschosses  des  Klieg 


-Hauses.      I  ;  i>(«). 


vier  kleinere  Löcher  angebracht.  Sie  führen  zu  den  innerhall)  der  Bretterwand  ange- 
brachten Taubenschlägen.  Unter  den  beiden  unteren  ist  ein  Flugbrettchen  zu  ersehen. 
Das  Dach  ist  ein  Satteldach  von  mäßiger  Steilheit.  Der  Winkel,  den  die  beiden  Dach- 
flächen am  Giebel  bilden,  beträgt  unerheblich  weniger  als  90".  Diese  Steilheit  weisen  mit 
geringer  Abweichung  fast  alle  Dächer  in  der  Gegend  auf,  nur  die  Gebäude  der  am 
höchsten  gelegenen  Bauernhöfe  haben  steilere  Dächer,  um,  wie  mir  gesagt  wurde,  es 
im  Winter  dem  Schnee  leicht  zu  machen,  rasch  abrutschen  zu  können.  Das  Dach  des 
Kliegl-Hauses  hat  an  keinem  der  Giebel  eine  A))walmung.  Aus  der  iMitte  der  in  Ab- 
bildung 2  sichtbaren  Dachiläche  schiebt 
sich  über  eine  laubenartige  Vorhalle 
ein  Pultdach  vor.  Dasselbe  besteht 
aus  Schindeln.  Dieses  Schindeldach, 
welches  jedeutalls  wie  die  Vorhalle 
neueren  Ursprunges  ist,  verlängert  sich 
zwischen  der  Strohbedachung  nach 
aufwärts  bis  zur  Höhe  des  Kauch- 
schlotes  und  der  daneben  augebrachten 
Dachluke,  welche  Licht  in  das  Linere 
des  Daclnaumes  gelangen  läßt.  Die 
nördliche  DachHäche  ist  mit  Schindeln 
gedeckt. 

Aus  dem  Grundriß  Abbildung  4 
ist  zu  erkennen ,  daß  das  Ilaus  drei 
Räume  in  sich  schließt.  Von 
diesen  drei  Räumen  ist  nur  jener 
aus  Holz  aufgeführt,  der  sich  in 
Abbildung  2  dem  Beschauer  zu- 
wendet, die  anderen  beiden  Räume 
sind  durch  starkes  Mauerwerk  in 
der  Dicke  von  57  cm  eingeschlos- 
sen. Die  Mauern  bestehen  aus- 
schließlich aus  Stein.  Das  Mauer- 
werk der  Rückseite  des  Hauses  ist, 
wie  in  Abbildung  3  zu  sehen,  ver- 
putzt. Dasselbe  Aussehen  zeigt 
aucli  das  Mauerwerk  der  Nordseite  des  Hauses,  während  das  Mauerwerk  der  Südseite 
nicht  verputzt  ist.  Über  dem  IVLauerwerk  erblicken  wir  wieder  einen  balkonartigen  Gang. 
Seine  Brüstung  schmücken  zierliche  Aiisschnitte.  Im  übrigen  ist  die  Verschalung  des 
Dachraumes  in  dieser  Giebelseite  genau  so  durchgeführt  wie  in  der  vorderen  Giebel- 
wand. Oberhalb  des  Ganges  sind  Stangen  angebracht,  auf  welche  die  Wäsche  zum 
Trocknen  aufgehängt  wird  (Wtvdnclddnr/cn).  Sie  können  an  senkrechtstehenden  Achsen 
nach  auswärts  gedreht  werden,  so  daß  die  Wäsche  durch  die  Sonne  beschienen 
werden  kann. 

Die  dem  Hause  vorgelegte  Laube,  welche  wie  ein  Pfahlbau  auf  Füßen  in  der  Luft 
steht,    betritt   mau  von   der  Vorderseite   durch    eine  Holzstiege  von  5  Stufen,    von   der 


Abbildunii 


(iiundriß  des  Daehiauiiies  des  Kliegl-Hauses 
1  :  200. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  vun  Köflacli  in  Steiermark.  12.". 

Rückseite  durch  eine  steinerne  Stiege  mit  7  Stufen.  Die  Laube  ist  ringsum  mit  einer 
Brüstung  verseilen,  nur  eine  Seite,  die  dem  Winde  am  meisten  ausgesetzt  ist,  ist  ganz 
verschalt.  In  dieser  Wand  befinden  sich  zwei  quadratische  Fenster,  die  mit  Holz- 
schubein  verschlossen  werden  können.  Dieser  laubenartige  Zubau  heißt  das  I\ßya)it/l, 
weil  hier  im  Sommer  die  Mahlzeiten  eingenommen  werden.  In  einer  Ecke  steht  der 
Siieisetiseli  T.  nur  an  den  Wänden,  die  diese  Ecke  bilden,  sind  stabile  Bänke,  Ha  u.  Hai, 
angebracht.     Ein  solches  P]ßgangel  fehlt  bei  den  wenigsten  Häusern. 

Vom  Eßgangel  aus  betritt  man  den  mittleren  Teil  des  Hauses.  Er  trägt  genau 
denselben  Charakter  an  sich  wie  der  entsprechende  Raum  des  A'orauer  oder  des  Ober- 
kärntner Hauses,  welch  beide  Häuser  durch  mich  bereits  beschrieben  worden  sind.'  Er 
liat  da  wie  dort  auch  denselben  Namen  und  heißt  d' Lalim  (die  Laube).  Die  Laube  des 
Kliegl-Hauses  besitzt  ein  Pflaster  aus  unregelmäßigen  Steinplatten.  Die  Decke  besteht 
aus  zwei  Teilen  und  jeder  Teil  aus  anderem  Material.  Der  vordere,  bis  zur  punktierten 
Linie  (siehe  Abbildung  4)  reichende  Teil  besteht  aus  einer  einfachen  Bretterlage,  der 
rückwärtige  Teil  ist  ein  Tonnengewölbe  aus  Steinen.  Die  Laube  ist  wie  im  Kärntner 
und  im  Vorauer  Hause  durchgängig.  Neben  der  Eingangstür  befindet  sich  ein  kleines 
Fenster  in  der  Mauer.  Es  ist  das  einzige  des  Raumes  und  vermag  diesem  nur  spär- 
liches Licht  zuzuführen.  Um  die  Laube  genug  zu  erhellen,  muß  darum  stets  eine  der 
Türen  offen  gehalten  M'erden.  Aus  der  Laube  führt  eine  Stiege  in  den  Dachraum.  In 
der  Laube  findet  man  nur  wenige  (ierätc  untergebracht.  An  der  Stiege  steht  bei  A -St 
der  Ämstots'n,  ein  Zuber  zum  Abbrühen  der  Spreu  [Am]  für  das  Futter  der  Schweine. 
Bei  M-T  steht,  eine  Mehltruhe,  bei  K-T  die  Truhe  für  die  Kleie,  das  Kleib'mfrKjl. 
Dahinter  ist  eine  Nische  in  der  Mauer  zum  Ablegen  kleiner  Geräte.  Bei  B-T  lehnt 
ein  Backtrog,  die  l'üclininJta'  an  der  Wand. 

Von  der  Laube  führt  nach  rechts  eine  Tiu'  in  den  gi-ößten  Raum  des  Hauses,  in 
die  Bachstuh'm  (Rauchstube),  so  benannt  wie  der  gleiche  Raum  im  Oberkärntner  und 
im  Vorauer  Bauernhause. 

Die  Rauchstubc  des  Kliegl-Hauses  ist  7,1  m  lang,  G,3  m  breit  und  2,s2  m  hoch. 

Betritt  man  die  Rauchstube,  so  kommt  man  in  dem  der  Tür  zunächstgelegenen 
Teil  auf  ein  Pflaster  von  großen  unregelmäßigen  Steinplatten.  Der  übrige  Teil  der 
Rauchstube  ist  gedielt. 

Die  Decke  der  Rauchstube  ist  ein  sogenannter  Sfiicl-po(l')i,  d.  h.  sie  besteht  nicht 
aus  einer  einfachen  oder  doppelten  Bretterlage,  sondern  aus  einer  Lage  vierkantig  be- 
hauener  flacher  Balken,  die  durch  einen  mächtigen  l'nterzugbalkcn,  dem  Trtiwpaiii, 
w'elcher  33  auf  30  cm  hoch  ist,  getragen  wird.  Diejenige  Wand,  welche  die  (üebelwand 
des  Hauses  bildet,  ist  von  sechs  Fenstern  durchbrochen.  Die  drei  größten  derselben  im 
Ausmaße  von  41X45  cm  liegen,  wie  sich  am  besten  aus  Abbildung  2  ersehen  läßt,  zu 
Unterst  in  einer  Reihe,  ein  kleineres  ist  vereinsamt  nach  rechts  aufwärts  von  dem  am 
meisten  nach  links  liegenden  dieser  drei  Fenster  angebracht.  So  wie  die  drei  größeren 
ist  auch  dieses  kleinere  verglast.  Es  wurde  wahrscheinlich  erst  später  angebracht,  um 
mehr  Licht  auf  den  Tisch  gelangen  zu  lassen.  Zwei  weitere  Fenster  liegen  dann 
schließlich  noch  in  einer  zweiton  Reihe  ziemlich  hoch  über  den  bereits  besprochenen 
Fenstern.  Sie  sind  nicht  verglast,  sondern  nur  mit  Holzschubern  versehen  und  dienen 
hauptsächlich    dazu,  den   Rauch,   wenn  er  in  der  Stube    zu    lästig  wird,    entweichen    zu 

'  Vergl.  M.AA',.  Wien,  Bd.  .X.WII,  S.  Iti.V-  l<tl,  uiui  Bd.  XX.XII.  S.  li  IT. 


12G 


.1.  R.  Biiiiker-Odenburg. 


lassen.  Ihre  Größe  beträot  26X2()  em.  In  dtr  siklliclien  Wand  der  Ranchstube  sind 
zwei  Fenster  angehniclit.  Das  größere  ist  so  groß  wie  die  drei  größeren  Fenster  in  der 
Giebehvand  (41X45  em),  das  l<leinere  weist  wieder  eine  Größe  von  26X26  cm  auf.  Ein 
gleiches  kleines  Fensterchen  befindet  sich  schließlich  noch  in  der  nördlichen  Wand,  es 
ist  jedoch  jetzt  mit  einem  Brett  verschlagen.  Durch  die  fünf  noch  bestehenden  und 
mit  Glas  versehenen  Fenster  ist  die  Stube  ganz  annehmbar  beleuchtet. 

Die  Eigenheit,  daß  Fenster  in  einer  Wand  in  verschiedener  Höhe,  zumeist  in 
zwei  Reihen  angebracht  sind,  habe  ich  auch  am  Vorauer  Hause  nachgewiesen.'  In 
Kärnten  tritt  sie  .seltener  zutage,  wie  mir  scheint  nur  bei  den  ältesten  Bauten.  ^ 

In  der  Ausstattung  der  Rauchstube  bildet  der  mächtige  Herd  H  mit  dem  großen 
Backofen  ß-0,  der  sich  dem  Herd  anschließt,  das  hervorragendste  Objekt.  Beide  zu- 
sammen nehmen  sie  fast  den  vierten  Teil  der  Rauchstube  ein.      Sowohl   der  Herd  als 

auch  der  Backofen  sind  aus  Steinen 
erljaut.  Die  Abbildung  6  zeigt  den 
Herd  dieses  Hauses.  Er  kann  als 
typisch  für  die  ältere  Form  der 
Herde  in  der  Gegend  angesehen 
werden  und  gleicht  dem  Herd  des 
Hauses  um  Voran  in  auffallender 
Weise  ^,  ist  aber  auch  dem  Herd 
des  Oberkärntner  Hauses  sehr  ähn- 
lich.* Seine  Höhe  beträgt  54  cm, 
die  Breite  2,2  m  und  die  Tiefe 
90  cm.  Die  Oberfläche  des  Herdes 
bilden  Steinplatten.  Darauf  brennt 
das  Herdfeuer  frei.  Über  den  Herd 
wölbt  sich  vom  Backofen  her  das 
Hea'd-  oder  Of'ncf'wölb  (in  Kärnten 
Kof/'J).  Es  ist  ein  Feuerschirm,  der  die  aufsteigenden  Funken  niederschlägt.  Das  Gewölbe 
ist  ebenfalls  aus  Steinen  aufgebaut.  Es  ist  so  konstruiert,  daß  seine  rückwärtige  Seite 
auf  dem  Backofen  aufliegt,  die  linke  Seite  ruht  auf  der  Mauer,  die  sich  zwischen  der 
Rauchstube  und  der  Laube  bis  zur  Raiichstubentür  erstreckt.  Seine  vordere  Seite  wird 
zum  Teil  durch  eine  schmale  Aufmnuerung  getragen,  die  aus  der  eben  erwähnten 
Zwischenmauer  vorspringt  und  avif  der  vorderen  Kante  der  Herdoberfläche  stellt,  zum 
Teil  durch  eine  lange,  auf  ihre  schmale  Kante  gestellte  Steinplatte,  die  aus  der  Back- 
ofenmauer vorragt  und  gleichsam  in  dieser  verankert  ist.  Diese  Steinj)latte  trägt  die 
über  dem  Herd  schwebende  freie  Ecke  des  Herdgewölbes.  Über  dem  Herd  und  unter 
dem  Gewölbe  hängt  der  große  Wasserkessel  an  einem  drehbaren  Gestell,  der  Kcsslrcid. 
Den  Standpunkt  ihres  Fußes  zeigt  im  Plane  Abbildung  4  das  kleine  Ringelchen  bei  a. 
Bei  b  ist  eine  kleine  Nische  angebracht.  Jede  Nische  wird  in  Kemelberg  Lnafi  genannt. 
In  dieser  Nische  verwahrt  die  Bäurin  das  geriebene  Salz,  die  Nische  heißt  darum  die 
Hälzluag.     Sie  ist  in  Abbildung  6  knapp   über  der  Herdoberfläche  im  Hintergrund  des 

'  Vergl.  M.A.G.,  Bd.  X.XVII,  ¥\^.  145,   147,  150,  15:i  und  155. 

"  Vergl.  M.A.G,  Bd.  X.\.\II,  Abb.  31  und  U. 

'  Vergl.  M.A.G.,  Bd.  XXVll,  Fig.  14'.).  —  ■>  Vergl.  M.A.G.,  Bd.  XXXll,  Abb.  38. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark.  127 

Herdes  zu  erkennen.  Unter  c  ist  eine  zweite  Nische  und  zwar  in  der  Zwischenmauer 
angebracht.  Diese  Nisclie  ist  rechts,  lini<s,  ohen  und  unten  mit  Steinplatten  ausgelegt 
und  zudem  durcli  eine  solche  horizontal  in  zwei  Teile  geteilt.  Im  oberen  Teil,  der 
G'schialuag,  ist  Geschirr,  im  untern  Teil  das  Mehlschaff  untergebracht,  darum  heißt 
dieser  Teil  die  Mehlschaff' Uuag.  Zwischen  a  und  c  stehen  in  der  Ecke  die  Ofenkrücke 
und  die  Brotschaufel.  Die  Kochgeschirre  werden  einfach  an  das  Feuer  angerückt. 
Dreifüße  werden  kaum  mehr  verwendet.  Feuerroß  ist  mir  nur  ein  einziges  zu  Gesichte 
gekommen. 

Der  Backofen  wird  von  der  Herdoberlläche  aus  geheizt.  Er  faßt  20  —  22  große 
Laibe.  Die  Heize,  das  Of'nhch,  ist  gewöhnlich  durch  ein  starkes  Eisenblech  geschlossen. 
An  die  der  Stube  zugekehrten  Seite  des  Backofens  lehnt  sich  eine  treppen  förmige  Auf- 
mauerung an.  Sie  wird  of'ngred'n  (GreaiVn,  Grcd'  =  Stufe^  genannt.  Auf  den  Ab- 
stufungen der  Ofengrede  stehen  bei  d  die  kegelstumpfförmigen  Salzstöcke. 

Wie  in  der  Kärntner  und  A'orauer  Eauchstube,  so  fehlt  auch  hier  die  Hühner- 
steige nicht.     Sie  lehnt  sich  an  die  lange  freie  Seite  des  Backofens  an. 

Zur  Ausstattung  der  Rauchstube  gehören  auch  die  As'n'^  (in  Kärnten  ebenso,  in 
der  Gegend  von  Vorau  Hohprugi/  [Holzbrücke]  genannt).  Es  sind  das  Traggerüste, 
bestehend  aus  zwei  unterhalb  von  der  Decke  hängenden,  parallel  zueinander  ange- 
brachten armdicken  Stangen,  auf  die  Holzscheite  und  Späne  zum  Trocknen  gelegt 
werden.  Eine  Holzase  ist  im  Grundrisse  Abbildung  4  mit  H-A  bezeiehnet.  Eine  zweite 
Holzase,  H-A2,  zieht  sich  an  der  Nordwand  hin.  Sp-A  bezeichnet  die  ,,Span-As'n"'  (in 
Vorau  ,,Spanscbwing").  Sie  dient  auch  als  Vorrichtung  zum  Selchen  (Räuchern)  des 
Fleisches  und  der  Würste.  Die  Späne  dienen  nicht  nur  zum  Anheizen  des  Herdfeuers, 
sondern  auch  zur  Beleuchtung.    Ich  fand  noch  in  den  meisten  Häusern  Spanleuchter  vor. 

AuIScr  den  beiden  besprochenen  Feuerstellen  fällt  uns  in  der  Rauehstube  des 
Kliegl-Hauses  noch  eine  dritte  auf.  Sie  befindet  sich  unter  dem  Saufuttn-Kcssd,  SK, 
dessen  Ummauerung  die  Südwand  der  Stube  durchbricht.  Der  Rauch  entweicht  wie 
bei  den  beiden  anderen  Feuerstellen  frei  in  die  Stube.  Die  Decke  ist  denn  auch  von 
einer  glänzend  schwarzen  Rußschichte  dicht  überzogen.  Auch  die  Wände  sind  in  ihren 
oberen  Teilen  vom  Rauch  geschwärzt,  in  iliren  unteren  Teilen  aber  stark  gebräunt. 

Möbel  sind  in  Rücksicht  auf  den  alles  schwärzenden  Rauch  in  der  Rauchstube 
nur  wenige  untergebracht.  Der  Tisch,  T,  hat  eine  ö — tj  cm  starke  Platte  aus  Nußbaum- 
oder Ahornholz.  Sie  ist  1,25  m  lang  und  1,05  m  breit.  Der  Tisch  nimmt  jene  Ecke 
ein,  die  ihm  im  oberdeutschen  Hause  allgemein  zukonunt.  Es  ist  die  lichteste  Ecke  der 
Stube,  da  sich  doit  die  meisten  Fenster  vortindeu.  .Vn  den  Wänden,  die  beim  Tisch 
zusammenstoßen,  laufen  stabile  Bänke,  Ba  und  Bas,  hin.  An  den  freien  Seiten  des 
Tisches  stehen  vierfüßige  Bänke  ohne  Lehnen,  die  man  ,, Stühle"'  neimt.  St  und  8tj. 
An  sonstigen  Möbeln  befinden  sich  in  der  Rauchstube  nur  noch,  im  Tischwinkel  bei  f 
auf  den  Bänken  stehend,  ein  Eckkästchen,  das  Wink' I- Käst' l ,  mit  dreieckiger  Basis 
und  luiter  M  K  ein  .Vilrhlast'l.  Bei  g  ist  ein  Eckbrettchen,  die  ]yink'l-Sti>irn,  befestigt. 
Darauf  stehen  ein  Kruzifi.x  aus  Messing  und  ein  Lämpchen.  Bei  h  ist  an  der  Unter- 
seite des  Bankbrettes  eine  hervorziehbare  Schublade,  '.s-  lYui/.hd'l,  angebracht,  welche 
Schusterwerkzeug  enthält.     Bei  i  ist  zwischen  Bank   und   Fenster  eine   linn-  befestigt, 

'  Yergl,  Meringer,  Studien  zur  gerni.anischen  Volkskunde  I,  in  den  M.  .V.  (J.,  Bd.  .KXl.  S.  i07,  Anm.  1. 
"  Yergl.  Meringer,  Studien  zur  germanischen  Volkskunde  I,  in  den  .M.  .\.  li.,  Bd,  XXI,  S,   106,  Anm.  I. 


1-28  J.  R.  Bunker -Ödeiibuig.   _ 

liiiiter  welcher  die  Hacken  zur  Verkleinerung  des  Brennholzes  stocken  ( Hiiclni-Bon). 
Bei  k  und  1  sind  zwei  kleine  Tragbretter  ( Jicnir»)  angebracht,  auf  denen  Wetzsteine, 
Feilen  und  andere  Kleinigkeiten  Hegen.  Bei  m  und  n  sind  Lederstreifen  mit  Schuh- 
nägeln derart  locker  angenagelt,  daß  hinter  die  Streifen  die  Eßlöffel  gesteckt  werden 
können,  l'ber  o  ist  ein  Schüsselbrett,  die  ScJiiß'Isföirn.  angebracht,  auf  welche  die 
Schüsseln  gelegt  werden,  wenn  sie  auf  der  Ofengreden  trocken  geworden  sind.  Über 
i  ist  ein  gleiches  Tragbrett  für  die  Häfen,  die  Häf'nütölVn. 

Die  Türe  der  Rauchstube  ist  in  der  Mitte  horizontal  in  zwei  Teile  geteilt.  Die 
obere  Hälfte  steht,  wenn  gekocht  wird,  wenigstens  in  der  wärmeren  Hälfte  des  Jahres 
stets  offen,  die  untere  geschlossene  Hälfte  M'ehrt  den  Hühnern  und  Schweinen  den  Zu- 
tritt ab.  Über  der  Tür  befindet  sich  ein  längliches  Rauchlocb  von  etwa  50 — 60  cm 
Länge  und  20  cm  Höhe.  Das  Rauchloch  kann  mit  einem  Schuber  geschlossen  werden. 
Der  Rauch,  der  durch  das  Rauchloch  oder  den  oberen  Teil  der  Tür  entweicht,  wird 
außerhalb  der  Wand  durcli  einen  aus  Brettern  gebildeten  Rauchfang,  der  von  der  Decke 
über  den  oberen  Rand  der  Tür  herabhängt,  aufgefangen,  um  ihn  durcli  den  hölzernen 
Rauchsehlot  abzuleiten.  Es  tritt  uns  hier  also  genau  dieselbe  Einrichtung  entgegen, 
die  ich  aus  den  Kärntner  und  Wirauer  Häusern  a.  a.  O.  beschrieben  habe.^ 

Der  dritte  Raum,  den  das  Haus  in  sich  schließt,  liegt  zur  linken  Seite  iler  Laube. 
Es  ist  die  Kitchi-lsfiihe,  so  genannt  nach  dem  Kachelofen.  Die  Kachelstube  ist  unter- 
kellert. Der  Keller  wird  durch  eine  Tür  zu  ebener  Erde  von  der  Hauptfront  des  Hauses 
aus  betreten.  Obwohl  er  nur  niedrig  ist,  überragt  sein  Gewölbe  doch  das  Niveau  der 
Laube.  Die  Kachelstube  mußte  darum  45  cm  höher  angelegt  werden  als  die  Laube. 
Ihre  Höhe,  welche  2,33  m  mißt,  erreicht  die  Höhe  der  Rauchstube  (2,82  m)  nicht.  Ihr 
Inneres  ist  mit  einem  Mörtelverputz  versehen.  Der  Fußboden  ist  gedielt,  die  Decke 
stukkaturt. 

Rechts  von  der  Tür  befindet  sich  der  Kachelofen.  Er  erhebt  sich  auf  einem 
steinernen  Sockel  von  50  cm  Höhe  und  besteht  aus  topfähnlicheu  grünglasierten  Kacbeln 
von  der  Art,  die  Meringer  aus  Mürzzuschlag  in  Bd.  XXIII  der  M.  A.  G.,  S.  142,  unter 
Fig.  67  abgebildet  hat.  Die  Zahl  der  Kacheln,  aus  denen  der  Ofen  gebildet  ist,  beträgt 
69,  der  Durchschnitt  der  einzelnen  Kachel  L5  cm.  Die  Höhe  des  einem  Kugelgewölbe 
gleichenden  Kachelaufbaues  mißt  96  cm,  so  daß  der  ganze  Ofen  (Sockel  und  Kachel- 
aufbau) L46  m  hoch  ist.  In  einer  Höhe  von  52  cm  wird  der  Ofen  von  drei  Seiten 
durch  Bänke  umfangen,  die  eine  Breite  von  40  cm  aufweisen.  Von  den  Bänken  erhebt 
sich,  den  Ofen  umschließend,  ein  Geländer  (Of'ii-(ilainia'),  an  dem  im  Winter  Wäsche 
und  Kleider  getrocknet  werden.  Das  Geländer  reicht  nicht  bis  zur  Stubendecke,  da  es 
nur  1,41  ra  hoch  ist.  Der  Ofen  wird  von  der  Laube  aus  geheizt.  Der  Rauch  entweicht 
frei  in  die  Laube  und  findet  seinen  Abzug  gewöhnlich  durch  eine  der  beiden  Laubcn- 
türeu  und  durch  die  Öffnung  der  Bodenstiege.  Der  beschriebene  Ofen  gleicht  also  voll- 
kommen dem,  den  Meringer  in  Bd.  XXIII  der  M.  A.  G.,  S.  138,  Fig.  57,  abgebildet  hat. 

In  der  Stube  finden  wir  unter  T  den  Tisch  und  unter  Ba  und  Ba^,  die  Bänke  im 
Tischwinkel.     Über  a  ist  ein  Altar  angebracht. 

Unter  T  steht  ein  zweiter  kleinerer  Tisch.  B  =  Bett,  Ko  =  Kommode,  tljer  U 
hängt  eine  Uhr.  B  ist  das  gemeinsame  Bett  des  Bauern  und  der  Bäurin.  Die  Kachel- 
stube ist  das  Wohngemach  der  Besitzer  des  Hauses. 

1  Vergl.  die  Abb.  4.5  in  Bd.  XXXII  d.  M.  A.  U. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von   Ködach  in  Steiermark.  129 

Abbildiiug  j")  zeigt  den  Grundriß  des  Dachraumes.  Das  Balkcngefüge  der  Haus- 
wände erhebt  sich  44  cm  hoeli  über  das  Niveau  des  Dachbodens,  bildet  also  einen 
niederen  Kniestock.  Diesen  kniestockähnliehen  Aufbau  zeigt  jedes  Haus  der  Gegend. 
Ich  habe  diese  Eigentümlichkeit  als  typisch  auch  beim  Kärntner  Hause  nachgewiesen.* 
Der  Dachraum  des  Kliegl-Hauscs  zeigt  dieselbe  Einteilung  wie  das  Erdgeschoß.  Wenn 
man  von  der  Laube  über  die  Stiege,  St,  zum  Dachraum  emporsteigt,  so  kommt  man  auf 
den  Lah'mpoil'n  (Lauben-Boden),  rechts  davon  liegt  der  Rauchstuben-Boden,  links  der 
Kachelstuben-Boden.  Da  der  erstere  etwas  höher  liegt,  führt  zu  ihm  eine  Stufe  empor. 
Zumeist  ist  dieser  Beiden  durch  ein  Schloß  abzusperren,  er  heißt  darum  auch  häufig 
der  Sp/apod'ii  (Sperrboden).  Die  drei  Bodenräume  sind  in  ihren  untersten  Teilen,  so 
weit  nämlich  die  Hauswände  emporreichen,  durch  Balkenwände,  in  ihren  oberen  Teilen 
durch  Wände  aus  senkrechtstehenden  Brettern  geschieden. 

Ln  Lauben-Boden  geht  bei  R  der  Rauchfang  in  den  hölzernen  Schlot  über.  Neben- 
(laran  steht  ein  bottichähnliches  Gefäß,  das  mir  Sfofz'n  genannt  wurde.  Davor  steht 
eine  Truhe,  Tr.  Bei  H-Sch  steht  eine  zweite,  viel  größere  Truhe,  die  2,16  m  lang, 
1,-55  m  breit  und  1  m  hoch  ist.  Es  ist  der  Häba'-Srliraiii  (Hafer- Schrein),  in  dem  der 
Hafer   aufbewahrt  wird.     Daneben   stehen   bei  a  vier  Spinnräder  und  vier  Haspel. 

Der  Rauchstuhen-Boden  bildet  die  Vorratskammer  des  Hauses.  G-Tr  ist  eine 
Gea'scht-Trug'n,  Ko  und  K02  sind  Kommoden,  in  denen  sich  Kleider  befinden,  K-Tr 
und  K-Tr2  sind  Kleidertruhen.  Unter  Z-Tr  steht  eine  Zeugtrühe,  die  allerlei  Werkzeug 
enthält,  unter  H-Tr  und  H-Tr^  sind  Hafertruhen  aufgestellt.  G-Sch  ist  ein  großer 
Getreideschrein  ('Traw/-jS'cArai!«^,  der  in  drei  Fächer  geteilt  ist  und  ^^'eizen  und  Roggen 
enthält.  Bei  Sch-Tr  steht  schließlich  noch  eine  Schmalztruhe  und  bei  Ka  und  Kas 
stehen  zwei  Kästen.  An  den  Bindehölzern  der  Dachsparren  befestigt,  hängt  über  F-H 
eine  eigenartige  Vorrichtung.  Es  ist  ein  aus  starken  Brettern  gebildeter  Pyramiden- 
stumpf, der  wie  eine  Taucherglocke  aus  Holz  über  Manneshöhe  im  Dachraum  schwebt. 
In  dieser  Kiste,  die  nach  unten  offen,  oben  geschlossen  ist  und  den  Namen  ,, Fleisch- 
himmel" trägt,  hängen  bis  in  den  Herbst  hinein  Selchfleiscli,  Speck  und  Würste.  An 
Stangen,  die  den  Raum  quer  durchlaufen,  hängt  hier  nocli  allerlei  Gerät  und  Werk- 
zeug: Sensen,  Rechen,  Sägen,  Joche,  Schnellwagen,  Ketten,  Glocken,  Taschen,  Schuaps- 
säcke  u.  a. 

Der  Kachelstul)on  Bollen  war  s.  Z.  wenigstens  für  die  wärmere  Jahreszeit  die 
Schlaf kammer  der  Mägde.  Drei  Betten,  B-B:!,  stehen  auch  jetzt  noch  da.  zudem  unter 
Ko  ein   Koffer  und  unter  KTr  und  K-Trs  zwei  Kleidertruhen. 

Ik'trachttn  wir  uns  den  Grundriß  des  Erdgeschosses  vom  Klieglllause.  die  Ab- 
bildung 4,  nun  nociunals,  so  ersehen  wir,  daß  von  den  drei  Räumen  des  Hauses  zwei 
Feucrstclien  besitzen,  wiUu'end  der  eine  Raum  eine  solche  entbehrt.  Es  ist  die  Laube 
(oder  der  Flur),  welche  die  Mitte  des  Hauses  einnimmt,  durchgängig  ist  und  dem  Hause 
den  Charakter  eines  ,, durchgängigen  MittelHurhauses"  (von  Meringer  so  benannt)  gibt.* 
Zur  (inen  Seite  der  Laube  liegt  der  Herdraiun,  zur  anderen  der  Ofenraum.  Wir  haben 
also  im  KliegI-1  lause  ein  ..Zweifeuer  Haus"  (wieder  von  R.  Meringer  so  benannt')  mit  durch- 

•  Veigl.  die  Bostlinihiin;;  «loi-  Humplor-K;uisilie  in  R.l.  XXXII  il.-r  M..\.G.,  S.  30  (T. 
-  Vergl.  M.  .V.U.,  m.  XXlll,  S.  KU..  iMg.  t.Ml. 

'  Dr.  Rudolf  Meringer,  Die  Slellung  des  bosnischen  Hauses  und  Klyniologicn  zun\  Hausrat.  Siliungs- 
hericlde  der  kais.  Akad.  der  Wisscnsdiatlen  in  Wien.  Rd.  CXI, IV.  VI,  S.  i. 

Wörter  und  Snchoii.    1.  ** 


130 


J.  R.  Bünker-Ödenburg. 


geheiuler  feuerstellenloscr  Laube  vor  uns.  Diese  einfache  Form  des  Hauses  beherrsclit 
heute  die  Gemeinde  Kemetberg  und  wold  auch  ihre  weitere  Umgebung.  Phasen  weiterer 
Entwickelung  kommen  wohl  vor,  sie  sind  jedoch  von  geringer  Bedeutung  und  zumeist  auf 

neuzeitige  Umgestaltungen  zurück- 
zuführen. Das  Kliegl-Haus  kann 
also  als  der  vorherrschende  Tj'pus 
des  Bauernliauses  der  Umgebung 
von  Köflach  angesehen  werden. 

b.  Der  Stadel. 
Abbildung  7  gilit  ein  Bild  des 
Stadels.      Es   ist   ein   vollkommen 
freistehendes    mächtiges    üebäude 
von  23,25  m  Länge,   10,65  m  Breite 
und   13  m  Hohe  und  ül>ertrift't  das 
Wohnhaus  an  Größe  bedeutend.  Das 
Erdgeschoß  besteht  aus  94  cm  dicken 
Steinmauern,  während   die  Wände 
des  Obergeschosses,  mit  Ausnahme 
der  vorderen  Giebelseite,  die  Bretter- 
verschalung zeigt,    aus  Balken  bestehen.     Die  Giebel  des  großen  Daches  sind  ebenfalls 
mit  Brettern  verschalt.     Das  Satteldach,   welches  sich   schützend  über  das   ganze   Ge- 
bäude legt,  ist  ein  Strohdach. 

Das  Erdgeschoß  des  Stadels,  dessen  Grundriß  die  Abbildung  8  bietet,  besteht  nur 


Abbildung  7.     Stadel  beim   Kliegl-Haus. 


ibilduiig  8.     Stadel  lieiiii  Kliegl-Hause,  Enlgeschuß.     1  :  iiUU. 


aus  zwei  Räumen:  aus  dem  großen  Stall  und  einem  ihm  vorgelegten  vorhallenartigen 
Raum.  Vorhallenartig  nenne  ich  diesen  Raum  deshalb,  weil  er  nach  vorne  zum  größten 
Teil  offen,  nämlich  nur  durch  ein  Gatter  aus  Brettern  abgeschlossen,  zum  kleinereu 
Teil  mit  Brettern  obertiächlich  verschalt  ist.     Hinter  dieser  Bretterverschahmg  liegt  eine 


Das  Baueniliaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


131 


Futterkammer.  Sie  nininit  den  kleineren  Teil  des  Vorraumes  ein  und  ist  vom  größeren 
durch  eine  Bretterwand  geschieden.  In  dieser  Bretterwand  hefindet  sich  hei  a  eine 
Tür,  welche  auf  hölzernen  Rädern  steht  und  so  beiseitegeschohen  werden  kann.  In 
dieser  Futterkammer,  die  durch  einen  Bretterverschlag,  dessen  Höhe  die  Decke  jedoch 
nicht  erreicht,  in  zwei  Teile  geteilt  ist,  ist  in  der  Decke  über  b  ein  Loch  ausgespart, 
durch  welches  das  Futter  vom  Obei-geschoß  in  das  Erdgeschoß  befördert  wird.  Unter- 
halb der  Öffnung  ist  über  c  eine  breite,  aus  Brettern  gebildete  Rinne  angebracht,  die  in 
der  Richtung  des  Pfeiles  drehbar  ist.  Es  kann  also  das  Futter  durch  die  Rinne  ent- 
weder in  den  vorderen  oder  in  den  rückwärtigen  Teil  der  Futterkammer  dirigiert  wer- 
den. Die  gleiche  Einrichtung  treffen  wir  in  einer  zweiten  Futterkammer,  welche  an 
der  südlichen  Ecke  dem  Stadel  angebaut  ist;  dort  ist  d  das  Futterloch,  e  die  Rinne. 
Der  größere  Teil  des  Vorraumes  wird  Wassdhof  genannt.    Das  Vieh  wässern  heißt 


Abliililuni;  '.I.     .Stadel  beim  Kliegl-Hause,  Obergeschoß.     1:200. 


SO  viel,  als  es  zur  Tränke  führen,  es  tränkin.  «Wassa'hof»  bedeutet  demnach  Tränk- 
hof. Bei  Br  steht  in  ilemselben  der  laufende  Brunnen,  aus  dem  das  Vieh  getränkt 
wird.  Von  diesem  Vorhof  aus  fülut  ein  großes  Tor  in  den  Stall,  ein  zweites  in  der 
gegenüberliegenden  Wand  aus  dem  Stall  ins  Freie.  Der  Stall  kann  also  durchfahren 
werden.  Ein  kleinerer  Ausgang  liegt  in  der  Südwand  des  Stalles.  Er  vermittelt  den 
Verkehr  zin-  zweiten  Futterkammer.  Fenster  befinden  sich  nur  in  der  südlichen  Stall- 
wand. Alles  weitere  erklären  die  Einzeichnungen.  Bemerken  muß  ich  nur  noch,  daß 
die  Kühe  an  die  an  den  Wänden  hinlaufenden  Barren  angekettet  sind,  während  sieh  die 
Ochsen  in  ihren  Verschlagen  frei  bewegen  können.  Es  ist  dies  eine  Einrichtung,  die 
ich  auch  in  den  Stadeln  der  Gegend  von  ^'orau,  als  auch  in  jenen  Oberkärnteus  ge- 
funden halu.' 

An  die  südwestliehe  Ecke  des  Stadels  ist  unter  einem  Pultdache  ein  Schupfen  au- 
gebracht worden,  in  dem  die  Obstpresse  zur  Erzeugung  von  Birnen-  und  Apfelmost  stellt, 

'  Vergl.  M.A.i;.,  IM.  XXVll,  S.  177,  uiul  \U\.  XXXll.  S.  .">,  (U  und  rC). 

17» 


132 


l'i.  rii'inkei-Odenburg.    _ 


Der  Stadel  liegt  auf  unebenem  Terrain,  so  daß  man  in  das  Obergeschoß,  dessen 
Grundriß  die  Abbildung  9  bietet,  durch  das  große  zweiHügelige  Tor  in  der  Nordwand 
mit  Wagen  einfahren  kann,  während  das  Obergeschoß,  wenn  man  den  Stadel  von 
Süden  betrachtet,  das  Ausehen  eines  auf  das  Erdgeschoß  aufgesetzten  Stockwerkes  be- 
sitzt. Diese  Einrichtung  ist  für  Kemetberg  ortsüblich,  die  Slädel  werden  darum  immer 
auf  abschüssigem  Terrain  angelegt.  Betritt  man  nun  das  Obergeschoß  durch  das  große 
Tor,  so  gelangt  man  in  die  Tenne.  Rechts  und  links  davon  liegt  je  ein  Futterbarren, 
in  die  das  Pleu  eingelegt  wird.     Über   der  Vorhalle    des  Stalles  ist  eine  Futterkammer. 


An  der  Nordseite  ist  vor  dem 
hnksseiti^en  Futterbarren  ein  Gang 
angebracht,  der  auch  in  Abbil- 
dung 7  zu  erkennen  ist.  Auf  dem- 
selben kann  man  vom  Tennentor 
zum  Eingang  in  die  Futterkam- 
mer gelangen.  An  der  Südseite 
des  Stadels  läuft  ebenfalls  ein 
Gang  hin,  der  sich  au  der  süd- 
östlichen Stadelecke  zu  einer  zwei- 


ten Futterkammer  erweitert.  Dort 
steht  bei  F-St  der  Futterstock, 
mit  welchem  das  Mischat,  ein  Ge- 
menge von  Heu  und  Stroh,  für 
das  Pferd  geschnitten  wird;  d  stellt 
das  Futterloch  vor.  St  bezeichnet 
eine  Stiege,  die  von  der  Tür  in 
der  südlichen  Stallwand  zum  Gang 
emporführt. 

In  Abbildung  10  bringe  ich 
den  Grundriß 
des  Dachrau- 
mes. Der 
Dachraum  ist 
durchaus  un- 
geteilt und 
wird  l'aida  ge- 
nannt.' Zu 
ihm  führt  die 
rantapruch'  n, 
welche  in  Ab- 
bildung 7  als 
eine  beider- 
seits verschal- 
te und  über- 
dachte Rampe  zu  erkennen  ist,  empor.  Sie  ist  mit  einem  Doppeltor  versehen.  Aus 
Kärnten  sind  mir  Stadel  mit  solchen  Rampen  wohl  bekannt  gewesen,  ich  habe  davon 
zwei  in  Bd.  XXXII  der  M.  A.  G.  auf  Seite  54  und  64  auch  abgeiiildet  und  beschrieben, 
doch  führten  diese  Rampen  als  Tennbrücken  stets  nur  in  das  Obergeschoß  des  Stadels, 
nie  aber  in  den  Dachraum.  Die  Pantaprucke  trat  mir  in  Kemetberg  als  vollkommen 
neue  Erscheinung  entgegen.  Dort  kommt  sie  überall  vor.  Der  Raum  über  der  Tenne, 
den  ich  im  Grundrisse,  Abbildung  10,  mit  C  bezeichnet  habe,  besitzt  einen  Boden  aus 
starken  Pfosten,  der  die  Erntewagen,  die  über  die  Rampe  einfahren,  zu  tragen  hat. 
Bei  A,  B  und  D  wird  das  Getreide  aufgespeichert,  bevor  es  zum  Dreschen  kommt.  Es 
liegt  dort  nicht  auf  gedielten  Böden,  sondern  nur  auf  Stangen,  die  quer  über  die  obersten 

'  In  Kärnten  findet  man  sowohl  den  Dachraum  der  Wohnhäuäer,  als  auch  den  der  Stadel  stets  durch 
eine  Rrelterlage  Iiorizontal  in  zwei  Teile  geteilt.     Dort  heifit  dann  der  obere  Teil  des  Dachraumes  «Planta». 


Abbildung  10.     .Stadel  beim  Khegl-Hause,  Dachraum.     1:^00. 


Das  Üaueiiiliaus  der  Gegend  von  Köflacli  in  Steiermark. 


133 


Balken  der  Zwischenwäude  gelegt  werden,  wolclio  die  Höhe  des  Pfostenbodens  von  C 
erreichen.  Die  Stangenroste  werden  Tufl  genannt.  Dieser  Stadel  ist  ein  für  die  Gegend 
typischer. 

c.  Die  IvneelitkanHner. 
Abbildung  11  zeigt  das  diitte  Gebäude  des 
Kliegl-Hofes.  Es  ist  ein  kleiner  zweigeschossiger 
Bau,  wird  die  Knechtkamnier  genannt  und  dient 
sowohl  Wohn-  als  auch  Wirtschaftszwecken.  Das 
Erdgeschoß,  dessen  Grundriß  die  Abbildung  12 
bringt,  birgt  die  Schweineställe.  Durch  die  in  der 
Langwand  angebrachte  Tür  betritt  man  den  Fut- 
tergaug.  Zu  beiden  Seiten  desselben  sind  je  zwei 
Ställe  angebracht.  Abbildung  13  zeigt  den  Grund- 
riß des  Obergeschosses.  Das  Obergeschoß  bildete 
die  Wohnung  der  Knechte. 

2.  Das  Hübler-Haus. 

Abbildung  14  bringt  das  Bild  eines  zweiten 
Hauses  aus  Kemetberg.  Es  hat  die  Nummer  48. 
Während  im  Kliegl- Hause  nur  die  Kauchstube 
aus  Holz  war,  sind  hier  alle  Wohnräume  gezim- 
mert. Die  Zimmerung  ist  in  gleicher  Weise  aus- 
geführt wie  beim  Kiiegl-Hause.  Das  Zimmerwerk 
des  Hauses  ruht  auch  hier  auf  einem  Unterbau  aus 

Stein.     Balkonartige  Gänge  fehlen    hier  an  den  Giebelseiteu,  doch  ragt  der  Dachboden 
an  den  Giebelseiten  in  der  üblichen  Breite  der  Gänge,  d.  i.  etwa  1  m,  vor.    Die  Giebel- 
wände bestehen  wieder  aus  Brettern. 

Das  Dach  zeigt  an  jedem  der  Giebel  eine 
Abwalmung,  die  ungefähr  auf  ein  Drittel  der 
Dachlu)he  herabreicht.  Solche  mit  Abwalmuu- 
gen  versehene  Dächer  nennt  man  in  Kemetberg 
Pr/i'.sr/f-Dächer.  Das  Dach  auch  dieses  Hauses 
zeigt  zweierlei  Deckmaterial.  Während  die  im 
Hilde  sichtbare,  südliche  Dachfläche  aus  Schin- 
deln besteht,  weist  die  nördliche  Daehlläche 
Dachbretter  oder  Dachläden  auf.  Die  südliche 
Daehlläche  ladet  etwas  weiter  aus,  da  sie  den 
an  dieser  Seite  des  Hauses  entlanglaufenden 
Gang  zu  schützen  hat.  In  der  Mitte  des  Hauses 
erweitert  sich  der  Gang  zum  EJjijaiifll.  Über 
demselben  springt  ein  kleines  Dacli,  das  eben- 
falls eine  Abwalmung  aufweist,  aus  dem  Haupt- 
daclie  hervor.  Im  Dachboden  dieses  l^aehes  über  dem  Eßgangel  ist  ein  Taubensclilag 
untergebracht,  ('her  diesem  Dach  tritt  ein  zweites,  kleineres,  aus  dem  Hauptdache 
hervor.     Es    gehört   einer   Dachluke   an.     Auch   dort    betindet    sich    im  Daehraume  ein 


Abbildung  11.     Die  Kneelitkamnier 
beim  Kliegl-Haus. 


Unit;    I-'.     Klit^'l.   Knoiblkniiiiiicr 
(Erdgesi-holi).     1  :  1(10. 


13.i 


J.  R.  Bünker-Üdenburg. 


B 


B, 


St 


Kneclilkammer 


Dang 


[=] 


■$ 


All 


jilduiiäj:  lo.     Klieirl,  Kiiechlkamiiier 
(Obergescholi).     1  :  100. 


Taubenschlag.  Vor  der  Dachluke  ragt  aus  der  Dachttäche  des  Hauses  der  Rauchschlot 
liervor.  Über  denselben  legen  sich  schützend  wie  ein  aufgeklappter  Pultdeckel  Bretter, 
die  gleichsam  aus  der  Dachfiäche  emporgehoben  zu  sein  scheinen. 

Abbildung  15  bringt    den  Grundriß  des  Hauses.     Im  Eßgangel,  dessen  Dach  auf 

vier  Säulen  ruht,  steht  ein  Tisch,  T,  der  von 
drei  Bänken,  Ba-Ba:;,  und  einem  «Stuhl» 
umschlossen  ist.  Neben  dem  Eßgangel  führt 
eine  Stiege  hinab  in  den  Hof.  Die  Stiegen- 
öfi'nung  kann  durch  eine  Falllüre  geschlos- 
sen werden,  so  daß  man  darüberhin  an  das 
Ende  des  Ganges  gelangen  kann. 

(iegenüber  vom  Eßgangel  fiilu't  die 
Haustür  in  die  durchgängige  Laube.  Es  fällt 
hier  auf,  daß  rechts  und  links  von  der  Laube 
die  Zimmerung  aussetzt  und  durch  eine  Ver- 
schalung von  stehenden  Brettern  ersetzt  ist. 
Ich  liabe  diese  Einrichtung  nicht  nur  in 
Kärnten  gesehen',  ich  fand  sie  auch  in  Ke- 
metberg  noch  bei  einem  zweiten  Hause  und 
werde  au  zustehender  Stelle  darauf  aufmerk- 
sam machen.  Auch  diese  Laube  hat  nur 
ein  Fensterchen.  Es  ist  links  von  der  Eingangstür  angebracht,  mißt  30  cm  in  der 
Breite  und  nur  21  cm  in  der  Höhe,  hat  keine  Verglasung,  sondern  ist  nur  durch  einen 
hölzernen  Schuber  zu  schließen.  Die  Laube  des  HüblerHauses  ist  gedielt.  Ihr  Stuck- 
boden (die  Decke)  wird  von  drei  Tramen  getragen.  Von  der  Laube  führt  liei  St  eine 
hölzerne  Stiege  zum  Dachraum  hin- 
auf. Wie  in  vielen  anderen  Häusern 
befinden  sich  die  Betten  der  Mägde 
hier  nicht  wie  im  Kliegl-Hause  auf 
einem  der  Dachböden,  sondern  in 
der  Laube  und  zwar  drei  an  der 
Zahl:  B-Ba.  Im  Winter  kommen  sie 
wenigstens  zum  Teil  in  die  Rauch- 
stube. Außerdem  finden  sich  in  der 
Laube  noch  eine  Truhe,  Tr,  ein  Hack- 
stock, H-St,  und  bei  Ka  ein  Verschlag 
mit  einer  Tür,  der  mir  Kasten  ge- 
nannt wurde.  Darin  ist  allerlei  Werk- 
zeug untergebracht.  Über  der  von 
der    Laube    nach   rechts    führenden 

Tür  ist  wieder  ein  Rauchloch  zu  erblicken,  das  49  cm  lang  und  1 S  cm 
der  Rauchfang  fehlt  über  R  nicht. 

Die  Rauchstube  ist  7,44  m  lang  und  (),55  m  breit.     In  der  Gielielwand  befinden 
sich    drei    mit    Glas  versehene   Fenster  in    einer    unteren   und  zwei  mit   Holzschubern 


AbbiiduiiK  li.     Das  lliibler-llaus. 


och  ist.    Auch 


•  M.A.G.,  Bd.  XXXII,  S.  264,  Abb.  191. 


Das  Liauurnliaus  der  Gegend  von  Küflach  in  Steiermark. 


135 


ausgestattete  Rauchfenster  in  einer  oberen  Reilie.  Die  zwei  letzteren  fallen  in  Abbildung 
14  in  den  tiefen  Sehlagschatten  des  vorstehenden  Dachbodens  und  sind  deshalb  im 
Bilde  nicht  wahrzunehmen.  Die  südliche  Wand  der  Rauchstube  weist  drei  Fenster  auf. 
Davon  ist  das  der  Tür  zunächst  gelegene  kleiner  als  die  anderen  beiden,  welche  denen 
in  der  Giebelwand  an  Größe  gleichkommen  (42  cm  breit,  48  cm  hoch).  Das  kleine 
Fenster  mißt  nur  27  cm  im  Geviert.  Die  Bäurin  sagte  mir,  daß  auch  alle  anderen 
Fenster  diesem  gleich  waren,  der  Vater  hat  sie  jedoch  vergrößern  lassen. 

Jener  Teil  des  Fußbodens  der  Rauchstube,  der  vor  dem  Herde  liegt,  besteht  wieder 
aus  einem  SteinplattenpHaster,  der  übrige  Teil  ist  gedielt.  Die  Decke  ist  ein  Stuck- 
boden. H-A  und  H-A2  =  Holzasen,  über  e  ist  die  Spannsi-n.  B-0  =  Backofen, 
H  ==  Herd,  bei  a  Kesselreid,  bei  b  die  abgestufte  «Ofengrcad'n  >  mit  den  Salzstöcken. 
Ihr  ist  wieder  eine  Hü  =  Hühnersteige  vorgelegt.  S-K  =  Saufulterkessel.  Von  den 
weiteren  Einzeichuungen  erkläre  ich  luu-  kurz:  T  =  Tisch  (1,2H  m  lang,  1,22  m  breit). 
In  der  Nähe  des  Tisches  sind  bei  e  und  f  Loflchemen  angebracht.  Bei  d  steht  ein 
Eckschränkchen  auf  der  Bank 
im  Tischwinkel.  St  und  St2 
sind  «Stühle»,  Ba  und  Baa 
die  45  cm  breiten  stabilen 
Bänke.  Tr  =  Mehltruhe,  W-B 
=Wasserbank,  M-K  =  Milch- 
kasten. Br^  Brunnen.  Rauch- 
stuben mit  Brunnen  gibt  es 
auch  in  Kärnten  vielfach.* 

Jener  Teil  des  Hauses, 
welcher  vqn  der  Laube  nach 
links  liegt  und  der  im  Kliegl- 
Hause  nur  einen  Raum  um- 
schließt, ist  hier  durch  eine 
Mittelwand  in  zwei  Räume  ge- 
schieden. Eine  solche  Unterteilung  an  dieser  Stelle  des  Hauses  konnnt  in  Kemetberg 
häufig  vor.  Die  scheidende  Wand  ist  eine  Balkenwand,  deren  einzelne  Balken  exakt 
in  Schwalbenschwanz -\'erzinkuug  in  die  Plauptwände  des  Hauses  eingefügt  sind. 
Die  Errichtung  der  Kammer  neben  der  Kachelstube  ist  in  diesem  Hause  eine  ursprüng- 
liche. Darin,  daß  dieses  Haus  vier  Räume  von  verschiedenem  Charakter  umschließt. 
steht  CS  in  Hinsieht  auf  seine  Ausgestaltung  über  dem  Kliegl-Hause. 

Der  Eingang  in  die  Kachelstube  befindet  sich  der  Rauehstubenlür  schräg  gegenüber. 
Die  Kachelstube  ist  gedielt  und  hat  wie  die  anderen  Räume  des  Hauses  einen  Stuck- 
boden als  Decke.  In  der  südliehen  Wand  sind  drei  Fenster  angebracht,  wovon  zwei 
bereits  vergrül.^ert  wurden  (4:1X44  cm),  das  dritte  aber  die  ursprüngliche  Größe,  27  cm 
im  Geviert,  noch  aufweist.  In  der  westlichen  Wand  der  Stube  befinden  sicli  fünf  Fen- 
ster. Drei  davon  liegen  in  einer  unteren  Reihe,  sie  messen  27  cm  im  Geviert,  und 
zwei  in  einer  oberen  Reihe  (2ÖX25  cm).  Die  Einzeicbnungen  erkläre  ich  wie  folgt: 
0  =  Kachelofen  mit  tojifförmigen  Kacheln,  B  und  Ih  =  Betten,  Ko-Kos  =  Kommoden, 


Abbililun,!,'  1-").     Wohngeschoß  des  Hiibler-Hauses.     1  :  100. 


'  Vord.  in  1!,1,  XWIl  ,1.  .M..\,(i.  ilio  Orumlrissc  Al.h,  '.>7.   U  uiul  :>!». 


136 


J.  R.  Btitikcr-(  )(li'iibiirg.   - 


Ka  =  Kasten.     Tische  uivl    Bänke  felilcn  liier,  ein  Zeichen  dafür,  daß  die  Stul)e  nur 
als  Schlafgeniach  dient. 

Die  Kammer  ist  eine  Vorratskammer.  Tr-Tri  =  Truhen.  Licht  erhält  die  Kam- 
mer durch  drei  Fenster.  Eines  dersell:)en  liegt  in  der  nördlichen  Wand  und  zwei  in 
der  westlichen  Wand  und  zwar  auffallenderweisc  genau   senkrecht   übereinander. 

Die  Laube,  die  Kachelstube 
und  die  Kammer  sind  unterkellert. 
Die  Ein.uangstür  betindot  sich  in  der 
Hauptfront  des  Hauses. 

3.  Das  Alpenbauer-Haus. 

Das  Alpenbauer-Hans,  dessen 
Ansicht  die  Abbildung  lü  zeigt,  ist 
eines  der  am  höchsten  gelegenen 
Häuser  der  Ciemeinde  Kemctberg. 
Es  trägt  die  Nummer  62.  Das  Haus 
ist  ganz  aus  Holz  erbaut,  nur  der 
Unterbau,  der  einen  Keller  und  einen 
Schafstall  einschließt,  besteht  aus 
steinernem  Mauerwerk.  Die  Schweine 
sind  hier  außer  dem  Hause  in  einem 
kleineren  Zubau  untergebracht,  der  links  unten  in  Abbildung  16  zu  sehen  ist.  Die 
rückwärtige  Giebelwand  dieses  Hauses  ist  ganz  genau  gleich  wie  die  vordere.  An  der 
südlichen  Langwand  läuft  ein  Gang  in  der  ganzen  Länge  des  Hauses  hin.  Das  Dach 
des  Hauses  besteht  aus  Dachläden. 

Wie  aus  dem  Grundrisse,  Abb.  17,  zu  ersehen,  war  das  Haus  seinerzeit  dreizclüg. 
Es  ist  an  ihm  eine  einfache 
Veränderung  vorgenommen 
worden,  die  uns  zeigt,  wie 
Häuser,  die  einst  die  möglichst 
einfachste  Au.?gesta]tung  zeig- 
ten, zu  Häusern  von  ent- 
wickelterer Einteilung  umge- 
staltet werden  können. 

In  der  Mitte  des  Hauses 
liegt  die  durchgängige  Laube. 
Sie  ist  gedielt,  hat  eine  ein- 
fache Bretterdecke  und  erhält 


Abbildung  l(j.     Das  Alpenbauer-Haus. 


Abbildung  17.     (irundriß  des  Alpenbauer-Hauses.     1  :  200. 


durch  zwei  Fenster  (25X25  cm)  Licht.  Aus  der  Laube  führt  bei  St  die  hölzerne  Stiege 
zum  Dachboden  empor.  In  der  Laube  ist  nur  ein  Bett  B  und  eine  Truhe  Tr  unter- 
gebracht.    Bei  R  hängt  der  Rauchfang  über  der  Tür. 

Rechts  von  der  Laube  lag  ehemals  wie  in  den  bisher  besprochenen  beiden  Häu- 
sern, eine  Rauchstube.  Sie  maß  6,8  m  iu  der  Länge  und  5,95  m  in  der  Breite.  In 
der  südlichen  Wand  hatte  sie  drei  Fenster.  Das  mittlere  davon  ist  heute  vermacht. 
Die  Rauchstube  ist  vor  mehreren  Jahren  unterteilt  worden. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark.  137 

Die  Abteilung  wurde  so  vollzogen,  duß  man  die  vordere  Wand  des  Backofens, 
d.  i.  jene,  in  der  sich  das  Ileizloch  befindet,  bis  zur  Decke  der  Stube  erhöhte.  Da  der 
Backofen  im  Winter  nur  zeitweilig  geheizt  wird,  mußte  für  die  durch  die  Abgrenzung  neu- 
gewonnene Stube  ein  Ofen  errichtet  werden.  Er  wurde  an  den  Backofen  im  rechten 
Winkel  angebaut.  Jene  zwei  seiner  Wände,  die  in  den  Kochraum,  der  jetzt  «Kucliel» 
d.  i.  Küche  heißt,  hineinragen,  wurden  ebenfalls  bis  zur  Stubendecke  emporgebaut, 
ferner  auch  jenes  Stück  Mauer,  das  vom  Ofen  bis  zur  Tür  reicht,  die  die  Küche  mit 
der  neuen,  der  vorderen  Kachelslube  verbindet.  Die  Tür  selbst  befindet  sich  in  einer 
Bretterwand,  welche  den  Abschluß  der  abteilenden  f^inie  bildet.  Backofen,  B-0,  und 
Herd,  H,  nehmen  ihren  angestammten  Platz  auch  jetzt  noch  ein.  Der  Herd  hat  nur 
einen  Einschnitt  erhalten,  der  es  ermöglicht,  daß  man  aus  ihm  den  Stubenofen,  der 
ein  Kachelofen  ist,  bequem  heizen  kann.  Bei  a  steht  die  Kesselreid'.  Auch  die  Wasser- 
bauk,  WB,  und  den  Saufutterkessel,  S-K,  finden  wir  an  der  gewohnten  Stelle. 

Im  vorderen  Teile  der  ehemaligen  Rauchstube  ist  auch  alles  l)eim  alten  geblieben, 
der  Tisch,  T,  die  Bänke,  Ba  und  Baa.  Über  dem  Eckkästchen  ist  bei  A  ein  Altar  er- 
richtet worden.  Das  Bett,  B,  wird  früher,  wenigstens  im  ^\'inte^,  ebenfalls  an  derselben 
Stelle  gestanden  sein.  Der  Milchkasten,  M-K,  nimmt  aucli  seinen  alten  Platz  ein  und 
selbst  die  Hühnersteige,  Hü,  finden  wir  in  der  Stube  noch  gerade  so  vor  wie  die  «Luagi 
b  in  der  Backofenwand,  wo  die  Oluckhenne  ihre  Küchlein  ausbrütet.  Geschwunden 
aus  der  Stube  sind  nur  die  Holzasen. 

Um  die  Spuren  der  ehemaligen  Kauchstube  zu  verwischen,  ist  der  allgetrennte 
Raum  mit  Kalkmilch  geweißt  worden. 

Wie  ehedem  die  Rauchstube,  so  ist  jetzt  die  neugewonnene  Kachelstube  der 
Sammelplatz  aller  Hansbewohner.  Es  können  jetzt  hier  auch  im  Sommer  die  Mahl- 
zeiten eingenommen   werden.    Ein  Eßgangel  ist  bei  diesem  Hause  überflüssig  geworden. 

Wir  finden  hier  also  den  Teil  der  ehemaligen  Rauchstube,  der  den  Herd,  den 
Backofen  und  den  Saufutterkessel  enthält,  durch  die  Einschachtelung  der  drei  Feuer- 
stellen zur  Küche  herabgesunken.  Der  Raum  dient  nur  mehr  Kochzwecken.  Es  mag 
hier  schon  erwähnt  sein,  daß  die  Unterteilung  der  Rauchstube  in  der  besprochenen 
Weise  in  der  Gemeinde  Kemetberg  durchaus  nicht  vereinzelt  dasteht,  man  kann  sagen, 
daß  sie  in  gleicher  Weise  in  der  Mehrzahl  der  Häuser  vorgenommen  worden  ist. 

Die  ursprüngliche,  jetzt  hintere  Kachelstube  (ies  Alpenbauer-Hauses  zeigt  noch 
ihr  altes  Gepräge.  Der  Ofen,  O,  ist  ein  Kachelofen  aus  topflormigen  Kacheln.  Er  wird 
von  der  Laube  aus  geheizt.  Der  Rauch  entströmt  frei  in  die  Laube.  Mit  .Vusnahme 
des  Tisches,  T,  den  Bänken,  Ba  und  Ba.»,  und  des  «Stuhles»,  St,  sind  die  Möbel  willkür- 
lich angeordnet.  Ich  erkläre  noch:  B  und  Bs  =  Betten,  Ko-Kos  =  Kommoden,  Ka 
=  Kasten. 

4.  Das  Schriebl-Haus. 

Abbildung  18  zeigt  uns  ein  viertes  Haus  aus  Ivcnietberg,  das  Schriebl-Haus.  Seine 
Nummer  ist  35.  Parallel  zum  Wohnhause  gelegt  erhebt  sich  der  große  Stadel.  Beide 
Ciebäude  sind  durch  eine  Brücke,  welche  vom  Dachraume  des  Wohnhauses  in  das 
Obergeschoß  des  Stadels  führt,  verbunden.  Ich  beschränke  mich  hier  nur  auf  die  Be- 
schreibung des  Wohnhauses,  da  der  Stadel  jenem  beim  Kliegl  Hause  ganz  ähnlich  ist. 
Es  liegt,  wie  aus  der  Abbildung  18  zu  ersehen,  auf  abfallendem  Bodeu  und  zeigt 
darum  die  Eigentümlichkeit,  daß  es,  von  der  einen  Langseite  betrachtet,    wie  ein  ebou- 

Wurtcc  uud  Sachen.     I.  16 


138 


J.  R.  Biinkcr-Odeiiburg. 


Abbilduiiu-  18.     Das  St-hriebMIau. 


aiil 


,kl. 


erdiges,  von  der  anderen  besehen,  wie  ein  zweigeschossiges  Haus  aussieht.  Die  Woiin- 
räume  bestehen  durchwegs  aus  Holz.  Die  Unterniauerung  scliließt  einen  Jveller  und 
die  Scliweineställe  ein.  In  der  Cüebelseite  erblicken  wir  zwei  (iänge.  Der  untere  der 
beiden  setzt  sich  an  der  ganzen  Südseite  des  Hauses  fort  und  erweitert  sich  am  Ende 
des  Hauses  zu  einem  mit  Brettern  verschalten  Eßgangel.    Das  Dach  ist  ein  Strohdach, 

aus  dessen  südlicher  Fläche  sich 
der  Rauchschlot  und  eine  Dachluke 
erhel)t. 

Der  Gruudriü  des  Hauses,  Ab- 
bildung 19,  zeigt  uns  fünf  Räume. 
Denkt  man  sich  jedoch  alles  weg, 
was  nicht  urspiünglich  am  Hause 
ist,  so  bleiben  nur  drei  Räume  übrig, 
die  genau  den  drei  Räumen  im 
Kliegl- Hause  entsprechen.  Das 
Haus  kann  entweder  vom  Gang 
oder  von  der  .Stadelseite  aus  betre- 
ten werden.  Wir  gelangen  in  die 
Laube,  die  sonach  wieder  durch- 
gängig ist.  Die  Laube  ist  verhält- 
nismäßig schmal.  Sie  hat  als  Decke 
einen  Stuckboden,  als  Fußboden  ein  Steinplattenpflaster.  Darin  finden  wir  nur  bei  St 
die  Bodenstiege,  über  R  den  Rauchfang,  bei  Ba  eine  Bank  und  bei  Ka  einen  Kasten. 
Unter  dem  Rauchfang  führt  die  Tür  in  die  Rauchstibe.  Herd,  H,  und  Backofen, 
B-0,  zeigen  die  Konstruktion  der  schon  besprochenen  gleichen  Objekte,  a  =  Kessel- 
reid',  1)  ^  Herdmäuerchen,  auf  dem  der  «Muasa>  (Mörser)  steht;  e  =  «Herdgread'n» 
mit  Salzstock;  bei  d  ist  eine 
«  Luag »  in  der  Backofen- 
wandung, in  der  die  Hühner 
brüten  und  auch  die  Katze 
zu  gewisser  Zeit  ihr  «Nest» 
hat;  e  =  Holzasen,  f  = 
Fleischselch,  g  =  Schüssel- 
korb, h  =  «Hef'nstöirn», 
i  ■■=  Löffelrem,  k,  1  und  m  = 
verschlagene  Fenster.  S-K 
=  Saufutterkessel.  Daneben 
steht  das  «Kaspel»-Faß,  KF, 
Ba-Bai  =  Bänke;  Sp-K  = 
mitten  im  Sommer  ein  Bett. 

Den  von  der  Laube  links  liegenden  Raum  fand  ich  nach  dem  Muster  des  Hübler- 
Hauses  in  zwei  Teile  geteilt.  Die  Wand,  welche  die  Teilung  vornimmt,  ist  jedoch  nur 
eine  Bretterwand  und  neu.  Der  kleinere  Raum  ist  eine  Kammer,  der  größere  eine 
Kachelstube.  Letztere  konnte  ich  nicht  betreten,  da  die  Stube  in  Abwesenheit  der  Bauers- 
leute, denen  sie  als  Schlafgemach  dient,  verschlossen  war.  Es  fehlen  darin  im  Grund- 
risse die  Einzeichnungen.     Die  Stube  wird  durch  einen  eisernen  Ofen  geheizt. 


Abbildung  1'. 

Speisekasten.     Bei  B  fand  ich  in   dieser  Rauchstube  selbst 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


1  :'/.> 


In  der  Kammer  fand  ich  unter  Ka  einen  Kasten,  bei  H-St  einen  Hackstock,  bei 
B-M  eine  Backmultcr  und  unter  H-B  eine  Hobelbank  mit  allerlei  Werkzeug.  An  der 
Docke  sind  Fleischstangen  befestigt. 

Als  die  besprochene  Kachelstube  und  die  Kammer  noch  ein  Kaum  waren,  bildete 
dieser  mit  der  Laube  und  der  Rauclislube  die  drei  ursprünglichen  Räume  des  Hauses, 
oder  mit  anderen   Worten,  sie  waren  das  ursprüngliche  Haus. 

Im  Schriebl-Hause  verhalf  man  sich  in  hochinteressanter  Weise  zu  einer  zweiten 
Kachelstube  einfach  dadurcli,  daß  man  der  Rauchstube  eine  geräumige  zweite  oder 
vordere  Kacbelstube  vorbaute.  B  =  Bett,  T  =  Speisetisch,  Ba  und  Ba-  =  Bänke, 
St  und  Stä  =  « Stühle ».  Seit  die  Stube  augebaut  wurde,  steht  das  Eßgangel  verwaist. 
Der  große  Ofen,  (),  der  vorderen  Kachelstube  ist 
von  zwei  Bänken,  Ba:i  und  Ba^,  eingeschlossen. 
Er  hat  einen  steinernen  Unterbau  und  einen 
Aufbau  aus  topfförmigen  Kacheln.  Er  wird 
von  der  Rauchstube  aus  geheizt.  Unter  M-K 
steht  das  Milchkastei.  Über  U  hängt  eine  Uhr 
an  der  Wand. 

Die  Rauchstube  dieses  Hauses  hat,  wie  aus 
ihrer  Beschreibung  herv'orgeht,  das  alte  Gepräge 
wohl  noch  vollkommen  erhallen,  durch  den  Vor- 
bau der  neuen  Kachelstube  hat  sie  aber  \'iel 
von  ihrer  Wichtigkeit  eingebüßt.  Sie  ist  fast 
ganz  zur  Küche  lierabgesunken,  nur  das  Bett 
darin  erinnert  noch  an  ihre  Bewohnbarkeit. 


5.  Das  Jud-Haus. 

Es  ist  nun  nicht  ohne  Interesse,  daß  ich 
dem  alten  Schriebl-Hause  als  Parallele  ein  neues 
Haus  an  die  Seite  stellen  kann,  das  im  Crund- 
risse  von  Anfang  an  dieselbe  Einteilung  aufweist. 

zu  der  das  Schricbl-Haus  imd  mit  ihm  das  Alpenbauer- Haus  erst  allmählich  gekommen 
sind.  Es  ist  das  Jud-Haus,  Nr.  46  in  Kemetberg.  Es  wurde  im  Jahre  1843  erbaut 
und  ist  eines  der  stattlichsten  (iebäude  der  Gemeinde.  Abbildung  "JO  gibt  sein  Bild. 
Im  .Vußeren  unterscheidet  es  sich  von  den  älteren  Häusern  fast  gar  nicht.  Seine 
Hauptlront  ist  wie  bei  allen  bisher  besprochenen  Häusern  fast  ganz  genau  nach 
Süden  gerichtet  und  weist  zwei  Geschosse  auf.  Die  Nordseite  zeigt  nur  ein  Geschoß. 
Vom  ganzen  Hause  ist  nur  jener  nach  Osten  gerichtete  Raum,  der  uns  bisher  stets  als 
Rauchstube  bekannt  geworden  ist,  aus  Holz,  alles  andere  besteht  aus  steinernem  Mauer- 
werk, das  außen  keinen  Verputz  aufweist.  \'or  dem  Wohngeschoß  läuft  ein  (iang  hin, 
zu  dem  drei  Treppen  hinaufführen.  Die  Bretter  der  Gaugbrüstung  zeigen  einfache 
Ausschnitte,  die  den  Gang  und  das  ganze  Haus  sehr  zieren.  Ein  zweiter  Gang  ist  in 
Abbildung  20  an  der  Giebelseite  beim  Abschlüsse  des  Wohngeschosses  zu  sehen.  An 
der  westlichen  Giebelseite  fehlt  ein  solcher  Gang.  Das  Dach  ist  mit  S<.>hindeln  gedeckt. 
In  der  südlichen  Daehlläche  ist  eine  große  Dachluke  zu  erkennen,  aus  der  nördlichen 
ragt   ein    lu'ilzerner   Rauehschlot  empor,   der   dem  Schlot  des   Khegl-Hauses  gleicht,   im 


Abbildung  20.    Das  Jud-Haus. 


iO 


.].  R.  Bünker-Odiiiliiir; 


asui-ju 


iiOTr      g 

Vordere  Kaehelstube 
: ;       rStn 


Bilde  aber  nicht  siehtljar  ist.  Das  Dach  hat  nur  gun?.  kurze  Ahwahnungen.  In  der 
Unterniaueruno-  des  Hauses  sind  in  der  Hauptfront  drei  Türen  angebracht.  Die  eine 
befindet  sich  in  der  Mitte  des  Hauses  und  führt  in  einen  Schafstall.  Die  andere  liegt 
in  der  linken  Hälfte  und  üffnet  sich  in  einen  Schweinestall,  die  dritte,  die  nahe  der 
südöstlichen  Ecke  im  Bilde  zu  erkennen  ist,  leitet  in  einen  ebenerdigen  Keller. 

In  Abbildung  21  bringe  ich  den  Grundriß  des  Wohngeschosses.  Wenn  man  vom 
Gange  aus  durch  die  Thür  schreitet,  die  in  das  Haus  führt,  so  kommt  man  in  die 
Laube.  Sie  ist  gedielt,  nicht  geweißt  und  hat  als  Decke  einen  Stucklmden.  Aus  der 
Laube  führt  bei  St  eine  Stiege  zum  Dachboden.  Unter  B  steht  ein  Bett,  unter  Ka  ein 
Kasten,  unter  Tr  eine  Truhe  und  unter  der  Stiege  bei  S-K  ein  Saufutterkessel. 

Der  Ilerdraum,  welcher  sich  nach  rechts  an  die  Laube  anschließt,  ist  hier  das, 
was  er  im  modernen  oberdeutschen  Hause  zu  sein  pflegt,  eine  Küche.  Der  Raum 
wird  in  diesem  Hause  auch  nicht  mehr  Rauchstube,  sondern  «Kuch'L  genannt.  In 
ihr  sehen  wir    wieder    einen  Backofen  B-0  mit  dem    offenen  Herd   in  Verbindung.    Er 

ist  niclit  länglich,  son- 
dern quadratisch.  Am 
Rande  ist  er  mit  einer 
Brettereinfassung  um- 
schlossen. Seine  Ober- 
fläche bilden  Steinplat- 
ten. Es  fehlt  ihm  auch 
der  charakteristische 
Feuerhut.  Dieser  ist 
überflüssig  geworden, 
da  die  Decke  über  dem 
Herd  und  dem  Back- 
ofen ein  steinernes 
Tonnengewölbe  bildet.  Der  vordere  Teil  der  Küche  hat  einen  Stuckboden.  Ein  tiefer 
als  das  Gewölbe  heraljreicheuder  gemauerter  Bogen ,  der  im  Grundrisse  durch  zwei 
punktierte  Linien  bei  f  angedeutet  ist,  verhindert  es,  daß  der  Rauch  in  den  vorderen 
Teil  dringen  kann.  Unter  dem  Gewölbe  sammelt  sich  natürlich  auch  der  Rauch  aus 
dem  Backofen,  vom  Saufutterkessel  und  aus  dem  Stubenofen.  Der  Rauch  wird  durch 
einen  Schornstein  abgeleitet,  der  auf  dem  Gewölbe  aufsitzt.  Die  Kesselreid'  steht  hier 
nicht  vor  dem  Herd,  sondern  bei  a  auf  dem  Herd  selbst;  b  ist  die  «Of'ugread'n»,  c  der 
hinausgeschobene  Sockel  des  Backofens,  welcher  die  Höhe  des  Herdes,  nämlich  70  cm 
besitzt;  d  und  e  deuten  Schüsselremen  an,  die  über  Manneshöhe  an  den  Wänden  be- 
festigt sind;  bei  g  ist  an  der  Vorderseite  des  Bogens  eine  Ifff'nstölFit  angebracht;  h  ist 
ein  Durchschlag  in  der  Mauer,  durch  den  die  Speisen  in  die  Stube  gereicht  werden 
können.  Gegen  die  Stube  zu  ist  dieser  Durclibruch  mit  einem  Türchen  zu  schließen. 
Im  vorderen  Teil  der  Küche  steht  unter  dem  Fenster  an  der  Wand  eine  Bank. 

Von  der  Küche  nach  rechts  liegt  der  große  Wohnraum  der  Bauernfamilie,  zugleich 
der  Sammelplatz  für  das  ganze  Hausgesinde,  die  vordere  Kachelstube. 

Ihr  Fußboden  ist  gedielt.  Die  Decke  ist  ein  Stuckboden ,  getragen  von  einem 
Unterzugbalken,  der  durch  die  punktierten  Linien  angedeutet  ist.  Die  Stube  hat  fünf 
Fenster.    Kleinere  Fenster  in  einer  höheren  Reihe  fehlen  hier.    Die  Einzeichnungen  er- 


Abbildung 21.    Wohngeschoß  im  .JuJ-Hause.    1:200. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


lil 


kläre  ich  kurz,  wie  folgt:  T  =  Tisch,  St  und  Stä  =  «Stühle»,  A  =  Altar,  Ba  und  Baa 
=  Bänke,  B  und  Ba  =  Betten,  W  =  ^Wiege,  S  =  Ses.«el,  M-K  =  Milchkasten,  U  = 
Uhr,  0  =  Ofen  aus  toptartigen  Kacheln.  Er  ist  von  Bänken  umgeben:  Ba^i  und  Ba4. 
Unter  jener  Bank,  die  mit  Hü  bezeichnet  ist,  ist  eine  Hühnersteige  untergebracht.  In 
der  Mitte  der  Stube  i.st  bei  Tr  ein  durchloehtes  Brett  an  einer  senkrechtstehenden  dreh- 
baren Stange  angebracht.  Es  ist  ein  Api)arat,  in  dem  die  Kinder  «las  Gehen  erlernen 
und  heißt  Trend'l^ 

Die  hintere  Kachelstube  hat  an  Bedeutung  verloren,  da  sie  durch  die  vordere 
ersetzt  ist.  Sie  dient  zu  Zeiten  als  Ausnehmer- Wohnung.  Sie  ist  gedielt,  geweißt  und 
hat  einen  Stvickljoden.    O  =  Ofen,  B  =  Bett,  Tr  =  1'ruhe.  Ko  inid  K02  =  Kommoden. 

Die  Kammer  scheint  erst  vor  kurzer  Zeit  abgetrennt  worden  zu  sein,  die  abteilende 
Bretterwand  sielit  nämlich  noch  ganz  neu  aus.     Audi  die  Kammer  ist  gedielt  und  geweißt. 

T  =  Tisch,  M-Tr  =  Mehltruhc,  Ka 

^  Kasten,   Sch-D   =   Schmalzdosen. 

Aus  der  Beschreibung  dieses 
Hauses  hat  sich  also  ergeben,  daß  es 
als  neueres  Haus  nach  dem  Muster 
älterer  Häuser  erbaut  wurde,  in  denen 
man  durch  Unterteilung  oder  Znbau 
die  alte  Rauchstube  oder  einen  Teil 
derselben  zur  Küche  machte,  um 
durch  diese  Umwandlung  einen  wohn- 
licheren Raum  zu  gewinnen. 

6.  Das  Engelbauer-Haus. 

Das  Engelbauer -Haus,  wie  die 
bisher  besprochenen  Häuser  der  Ge- 
meinde   Kemetberg   angehörend,    hat 

die  Hausnummer  39.  Es  liegt  seiner  Länge  nach  von  Nordost  nach  Südwest.  Abbil- 
dung 22  zeigt  die  südwestliche  Giebelseite  des  Hauses.  Es  ist  dies  die  rückwärtige 
Giebelseite.  Die  vordere  ist  i!u-  übrigens  vollkommen  gleich.-  Alle  seine  Räume  sind 
von  Mauerwerk  umschlossen.  Dies  war  jedoch  früher  nicht  so.  Der  größte  Raum  des 
Hauses  war  ehedem  aus  Holz  erbaut.     Im  Jahre  1843  wurde  er  in  Stein  umgebaut. 

Der  Umstand,  wonach  beim  Engelbaner-Haus  ein  Eßgangel  fehlt,  läßt  die  Ver- 
mutung wach  werden,  daß  auch  dieses  Haus  keine  Rauchstube  mehr  besitzt.  Die  Art 
und  Weise  der  Umgestaltung  der  Rauchstube  oder  eines  Teiles  derselben  in  eine  Küche 
ist  hier  nicht  weniger  interessant  als  jene,  die  sich  im  AlpcnbauerHause  und  im  Schriebl- 
Hause  vollzogen  hat.     Es  erweist  dies  der  (trundril.*  Abbildung  23. 

Die  alte  hölzerne  Rauchstube  hatte  genau  dasselbe  Aussehen  und  dieselbe  Form 
wie  jene  des  Kliegl-Hauses.  Wo  der  jetzt  gemauerte  Raum,  die  Kachelstube,  die  ein- 
springende Ecke   aufweist,   stand   damals  der  Backofen   und   davor   der  Herd   mit  dem 

'  Kille  gleiche  Vorriclilun^,'  habe  ioli  M.  A.G.,  Bil.  .\.\V.  S.  V.V.K  au.<  Oberschülzen  Iwscliriebon  uiiil 
ilnit  unter  Fi^.  218  abgebildet.     Sie  heißt  dort  «üaiig'lwAg'n». 

-  Das  in  Abbildung  Ü  rechts  vom  Wohiiliause  ersichtliche  Gebäude  ist  ein  kleiner  Sladol.  Der  große 
Stadel  liegt  vom  Hause  ziemlich  weil  ab. 


Abbildung  ±1.     Das  Engelbaucr-Haus. 


14i> 


.1.  lt.  Büiiker-<  •dciihurg.   - 


Hcrcl"'e\v()Ibe.  Backofen  iiiul  Herd  wurden  dann  niedergerissen  und  die  Ecke,  welche 
sie  einnahmen,  durcli  neuaufgefülirte  Ahiuern  von  der  Stube  au?gesclilossen.  In  der 
Breite  dieser  Ecke  wurde  nun  die  früher  durcligängig  gewesene  Laube  durch  eine  Mauer 
al)geteilt.  So  wurde  die  Laube  zwar  fast  um  die  Hälfte  kleiner,  doch  gewann  das  Haus 
einen  neuen  Raum,  eine  eigene  Küche.  Sie  besteht  gewissermaßen  aus  zwei  Teilen : 
aus  dem,  welcher  der  Laube,  und  aus  dem,  welcher  der  Rauchstube  allgewonnen  wurde. 
Der  erstere  trägt  einen  Stuckboden  und  bat  einen  gedielten  Fußboden,  der  letztere  be- 
sitzt ein  SteinplattenjiHaster  und  ist  gewölbt.  Beide  sind  durch  einen  gemauerten  Bogen 
voneinander  geschieden,  der  den  Rauch  der  Küche  auf  den  gewölbten  Teil  einschränkt. 
Der  fast,  quadratische,  80  cm  hohe  offene  Herd,  dessen  Heizfläche  ein  alter  Mühlstein 
bildet,  ladet  nach  beiden  Seiten  aus.  Auf  diese  Ausladungen  münden  zwei  Ofenlöcher. 
In  der  Küche  finden  wir  bei  a  eine  Stellage  für  Häfen,  bei  H-A  eine  Holzase  inid  bei 
St  eine  Stiege,  die  in  den  Keller  hinabführt. 

Der  Rest  der  gewesenen  Rauchstul)e  enthält  den  Backofen,  der  dort  neu  aufgeführt 

wurde  und  von  der  Küche  aus 
zu  heizen  ist.  Vor  ihm  wurde 
dort,  wo  das  zweite  Heizloch  ge- 
gen die  Stube  führt,  ein  Kachel- 
ofen gebaut,  der  die  alte  Rauch- 
stube zu  einer  Kachelstube  machte. 
So  sehen  wir  denn,  daß  im 
Engelbauer-Hause  durch  eine  Um- 
gestaltung, welche  zwar  ganz  an- 
deren Charakters  ist  als  jene,  die 
wir  im  Alpenbauer-Hause  und  im 
Schriebl-Hause  kennengelernt  ha- 
ben, doch  derselbe  Endzweck  er- 
reicht wurde :  die  Schaffung  eines 
eigenen    Kochraumes   und   der   Gewinn    einer   zweiten    wohnlichen    Stube. 

Durch  eine  scheinbar  unwesentliche  Umänderung,  welche  in  der  Kachelstube  in 
neuester  Zeit  vorgenommen  wurde,  hat  sich  der  Charakter  dieser  Stube  wieder  geändert. 
Sie  führt  wohl  noch  immer  den  Namen  Kachelstube,  aber  der  Kachelofen  ist  aus  ihr 
geschwunden  und  hat  einem  modernen  Sparherd,  Sp-H,  Platz  gemacht.  Auf  ihm  wird 
Sommer  und  Winter  gekocht.  Der  Raum  ist  also  wieder  das  geworden,  was  er  zuerst 
war:  Arbeits-,  Wohn-,  Schlaf-  und  Kochraum.  Der  praktische  Sparherd  hat  die  gute 
Eigenscliaft,  im  Winter  die  Stelle  des  Ofens  zu  vertreten  und  die  Stube  angenehm  zu 
erwärmen.  Seit  der  Sparherd  in  der  Stube  aufgestellt  wurde,  steht  der  otieue  Herd  in 
der  Küche  unbenutzt. 

In  der  Kachelstube  steht  bei  T  der  Tisch  an  gewohnter  Stelle.  Ba  und  Ba2  = 
Bänke,  A  =  Altar,  W-B  =  Wasserbank,  K-K  und  K-K2  =  Küchenkästen,  B  =  Bett, 
a  =  Wandschränkchen,  Hü  =  Hübnersteige. 

Im  Reste  der  Laube  erblicken  wir  bei  St  die  Bodenstiege,  darunter  ragt  der  Sau- 
futterkessel, S-K,  hervor;    bei  a  hängt  ein  Schüsselkorb  an  der  Wand. 

Die  von  der  ehemals  durchgängigen  Laube  links  liegenden  beiden  Räume  bildeten 
einstmals    ein  Gelaß.     Dort,    wo    heute    der  Saufutterkessel    an    der    Wand  steht,   war 


Abbildunij  23.     üruiidrifi  c.le.s  Eiigelbauei- Hauses.     l::iil(l. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach   in  Sti-ii'rrnurk. 


m 


ehedem  eine  Ofenheize,  die  zu  einem  Kachelofen  in  die  Stube  führte.  An  seiner  Steile 
steht  jetzt  ein  Bett.  Die  Einrichtuiijjc  des  «Stübels»  i«t  recht  dürftig:  T  =  Tisch,  Ba 
und  Ba2  =  Bänke.     Bei  a  ist  ein  Wandschränkchen. 

In  der  sich  dem  Stübel  anschließenden  Kam- 
mer steht  bei  T  ein  Tisch  und  bei  Tr  eine  Truhe. 

Das  Anwesen,  das  zu  diesem  Hause  gehört, 
ist  nur  ein  kleines.  Es  umfaßt :  an  Ackern  6  Joch, 
an  Wiesen  1  Joch,  an  Hutweiden  (j  Joch,  an 
Wäldern  8  Joch,   zusammen  21   Joch. 

Der  Viclistaud  besteht  aus  3  Kühen,  2  bis 
3  Kälbern,   1  Pferd  und  4 — 5  Schweinen. 

7.  Das  Feilbauer-Haus. 
Das  Feilbauer-Haus,  dessen  Bild  ich  in  Ab- 
bildung 24  biete,  ist  eines  der  kleinsten  Bauern- 
häuser in  Kemetberg.  Es  liegt  unter  der  Num- 
mer 40  in  der  nächsten  Nachbarschaft  des  vor- 
stehend beschriebenen  Engelbauer-Hauses.  Klein 
ist  auch  das  Besitztum,  das  zum  Hause  gehört. 
Es  umfaßt  an  Ackern  G  Joch,  an  Alpenwiesen 
10  Joch,  an  Wald  4  Joch,  an  Wiesen  2  Joch,  zu- 
sammen 22  Joch. 

Das  Haus  stammt  aus  neuerer  Zeit.  Wie 
mir  sein  Besitzer,  der  das  Haus  mit  dem  Anwesen 
erst  vor  kurzer  Zeit  gekauft  hat,  mitteilte',  dürfte  es  kaum  über  50  Jahre  stehen. 

Das  ganze  Haus  ist,  wie  dies  auch  die  Abbildung  25  zeigt,  aus  Holz  erbaut,  nur 
jene  Wände,  die  den  Herdraum  einschließen,  sind  gemauert.     Kurze  Fortsetzungen  des 

Mauerwerkes  erblicken  wir  dort,  wo 
eine  Feuerstelle  der  Hauswand  nahe- 
kommt. 

Die  Abbildung  24  zeigt  die  vordere, 
der  Straße  zugekehrte  Giebelseite  des 
Hauses.  Die  rückwärtige  ist  ihr  gleich. 
Das  Haus  ruht  auf  einem  niederen 
Unterbau  aus  Stein.  Es  ist  ein  Parterre- 
haus, bei  dem  nur  die  vordere  Stube 
unterkellert  ist.  Die  Zinnnerung  der 
vorderen  Giebel  wand  ist  zum  Teil  mit 
Kalkmilch  geweißt.  Die  Fenster  der 
vorderen  Stube  messen  40  cm  in  der  Breite  und  45  cm  in  der  Höhe,  die  der  rückwär- 
tigen sind  etwas  größer,  47  cm  breit  und  50  cm  hoch. 

Das  Feilbauer-Haus  steht  nun  zu  dem  vorstehend  lieschriebenen  Xachbarhause 
in  demselben  ^'erhältnisse  wie  das  Alpenbauer-  und  das  Schriebl Haus  zum  Jud-Hause. 
Wie  im  Jud-Hause  sehen  wir  auch  im  Feilbauer-Hause  die  erst  durch  eine  Umgestal- 
tung in  einem  alten  Hause  erzielte  und  als  praktisch  erprobte  Verbesserung  der  Wohn- 


Abbildung  H.     Das  Feilbauer-Haus. 


Abbiiaun;;  -.T, 


Giuiuhiß  de.s  Feilbauin-Heiui^e^ 


I  :  -200. 


144  J.  R.  Biinker-Ödenburg.  - 

verliiiltnisse  in  ein  neues  Haus  übertragen.  Der  Erbauer  des  FeilbauerlTauses  hat  sich 
bei  der  Errichtung  seines  Hauses  offenbar  die  umgestaltete  Einteilung  des  Hauses 
seines  Nachbars  zum  Muster  genommen.  So  mag  es  gekommen  sein,  daß  das  Feilbauer- 
Haus  von  allem  Anfang  an,  ohne  spätere  Umwandlung,  fast  genau  dieselbe  Ausgestal- 
tung  erhielt,   wie   sie    das  Engclbauer-Haus  heute  zeigt. 

Das  Feilbauer-Haus  (Abbildung  25)  hat  keine  Rauchstube.  Es  verfügt  dafür  über 
eine  Küche.  Sie  erscheint  wie  im  Engelbauer-Hause  von  der  Laube  abgetrennt.  Die 
Laube  durchläuft  also  nicht  mehr  wie  in  den  typischen  alten  Häusern  von  Kemetberg 
das  ganze  Haus,  sie  ist  verkümmert.  Das  Haus  ist  aber  trotz-dem  wie  das  Eiigelbauer- 
Haus  ein  durchgängiges  geblieben,  weil  aus  der  Laube  eine  Tür  in  die  Küche  und  von 
dieser  eine  zweite  Tür  ins  Freie  führt. 

Die  Laube  ist  gedielt  und  hat  einen  Stuckboden.  Es  fällt  auf,  daß  sie  kein  Fenster 
hat.  Die  Laubentür  ist  daher  gewöhnlich  offen.  Darin  finden  wir  nur  bei  St  eine 
Bodeustiege  und  bei  K-K  einen  Küclienkasten. 

Die  mit  Steinplatten  gepflasterte  Küclie  hat  ein  Tonnengewölbe  als  Decke.  Auf 
diesem  sitzt  über  b  ein  gemauerter  Scliornstein  auf.  H  deutet  den  75  cm  hohen  Herd 
an.  Er  ist  mit  Ziegeln  gepflastert  und.  am  Rande  mit  einer  Brettereinfassung  versehen. 
Auf  den  Herd  mündet  die  Heize  zum  Backofen.  Über  a  und  d  sind  Stellagen  für 
das  Geschirr  angebracht,   bei  c  befindet  sich  eine  «Luag». 

In  der  «vorderen  Stube»  steht  bei  Sp-H  wie  im  Engelbauer-Hause  ein  Spar- 
herd. Der  Rauch  davon  wird  in  die  Küche  abgeleitet.  Früher  stand  hier  ein  Kachelofen. 
T  =  Tisch,  St  =  Stühle,  Ba  und  Baa  =  Bänke,  A  =  Altar,  B  =  Bett,  KB  == 
Kinderbett,  K-K  =  Küclienkasten,  W-B  und  W-B-j  =  Wasserbänke,  Tr  =  Truhe,  Hü 
=  Hühnersteige. 

In  der  «hinteren  Stube»  steht  unter  0  ein  Kachelofen  der  gewohnten  Form.  Er 
ist  mit  einem  Geländer  und  Ofenbänken  umgeben.  Der  Tisch,  T,  die  Bänke,  Ba  und  Bas, 
stehen  an  der  gewohnten  Stelle.     A  =  Altar. 

Es  ist  nicht  ausgeschlossen,  daß  die  eben  beschriebene  praktische  und  wohnliche 
Hausform,  welche,  wie  sich  ersehen  ließ,  aus  der  Umgestaltung  des  Hauses  mit  altge- 
wohnter Ausstattung  zu  einer  neuen  geworden  ist,  in  Kemetberg  und  seiner  weitereu 
Umgebung  allmählich  zur  Herrschaft  kommen  wird. 

8.  Das  Blüml-Jörgl-Haus. 

Das  Haus,  welches  die  Abbildung  2(J  darstellt,  hat  die  No.  47  und  gehört  ebenfalls 
der  Gemeinde  Kemetberg  an.     Das  Bild  zeigt  die  Rückseite  des  Hauses. 

Es  kann  ihm  entnommen  werden,  daß  das  Haus  in  neuerer  Zeit  einen  Zubau  er- 
halten hat.  Abgesehen  von  diesem,  zeigt  das,  was  am  Hause  ursprünglich  ist,  durchaus 
das  Gepräge  eines  alten  typischen  Hauses. 

Besieht  man  sich  den  Grundriß  des  Hauses,  Abbildung  27,  so  erkennt  man,  daß 
es  ursprünglich  nur  aus  den  drei  typischen  Räumen  :  der  durchgängigen  Laube,  der 
rechtsliegenden  Rauchstulic  und  der  wahrscheinlich  ehemals  durch  die  ganze  Tiefe  des 
Hauses  reichenden  Kachelstube  bestand.  Von  diesen  drei  Räumen  ist  nur  die  Rauch- 
stube aus  Holz  erbaut.  Diese  hat  ihre  alte  Ausgestaltung  und  Einrichtung  fast  unver- 
ändert bis  auf  den  heutigen  Tag  erhalten.  In  der  Giebelwand  weist  sie  sechs  Fenster 
auf.     Ein  siebentes  Fenster  gewahren  wir  in  der  südlichen  Wand. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köfiach  in  Steiermark. 


145 


Abbildung 


Das  Bbiinl-Jörgl-Haus. 


Eine  eigentümliche  Erscheinung  tritt  Lins  in  der  Außenseite  der  Giebehvand  dieses 
Hauses  entgegen.  Aus  dieser  Wand  ragt  nämlich  ein  hölzerner  Rauchschlot  schräg 
nach  aufwärts,  genau  so.  wie  ich  dies  bei  einem  Hause  in  der  Oststeiermark  und  zwar 
beim  Hause  No.  35  in  Tulwitz  gefunden  habe  (vgl.  Fig.  143,  S.  1G4  in  Bd.  XXVII 
d.M.  A.  G.)' 

B-0  =  Backofen,  H  =  Herd. 
Auf  dem  Herd,  der  als  Oberfläche 
ein  Ziegelpflaster  mit  Hoizumrah- 
mung  aufweist,  steht  bei  a  die  Kes- 
selreid'.  b  ^  dreifächerige  Wand- 
nische («'s  Kuch'lkast'l»),  in  der  der 
Mörser,  die  Kaffeemühle,  ein  ange- 
brochener Zuckerhut,  Flaschen  etc. 
stehen.  Darüber  ist  ein  Schüsselkorb 
augebracht,  c  und  d  =  «Luag'n» 
in  der  Backofenwandung  für  die 
Salzstöcke,  e  =  kleine  «Luag»,  in 
der  sich  Eierschalen  zum  Trocknen 
befinden,  die  zerbröckelt  den  Hüh- 
nern vorgeworfen  und  von  diesen 
mit  Gier  gefressen  werden,  f  = 
Lnag,  in  der  die  Hühner  brüten. 
Hü  =  Hühnersteige.  Eine  Ofen- 
greden  fehlt  bei  diesem  Backofen. 
S-K  =  Saufutterkessel,  T  =  Tisch, 
St  =  Stühle,  Ba  und  Ba2  =  stabile 
Bänke,  Sp-K^  Speis'kast'l,  M-K  = 
Milchkasten,  g  =  Eckschränkchen, 
über  h  =  HcfrisföW  ii,  über  i  = 
Durchzugbalken,  H-A  =  Holzasen, 
Sp-A  Spanas'n. 

Die  Laube  ist  gewölbt.  St  = 
Bodenstiege,  a  =  Nische,  B  =  Bett, 
K-K  =  Kücheukasten,  R  =  Rauch- 
fang, Tr  =  Truhe. 

Kachelstube  und  Kammer  sind 
durch  eine  Bretterwand  gescliieden. 
In  der  Kachclstube  steht  bei  O  ein 

Kachelofen,  der  von  Bänken  umgeben  ist.  T  :=  Tisch,  Ba  und  Bas  =  Bänke,  A  = 
Altar,  Ko  und  Kos  =  Kommoden,  Tr  =  Truhen,  Ko  =  KotTer,  B  =  das  Ehebett  der 
Bauersleute,  U  =  Uhr,  a  =  Wandkästchen. 

In  der  Kanuiier  fand  ich  eine  alte  Kommode  Ko,  einen  Hackstock  H-St.  eine 
Truhe  Tr,  eine  .Meliltruhe  M  Tr  und  vier  Schmalzdosen  bei  Sch-D. 

'  Ein   drittes  Haus,   das   dieselbe    aut'talleiide   Ei-sclieinuiig   zeigt,    fand   ich    in  L^uibendorf,   oberhalb 

Millstall   in  Oborkänilon:  Haus  Nr.  0,  «8a|>ler». 


Abbildung  L>7.     tirundrili  des  Blüuil-Jörgl-Hauses.     1  : -JtjO. 


Witrtcr  viiiil  Stu'hcu.    I. 


1> 


146 


J.  I-t.  Biinkci-(  Icieiilnug.    7 


P".i>]^^Trrf 


Kachelstube  und  Kamnier  sinil  unterkellert.  Die  Kellertür  befindet  .sich  in  der 
Hauptfront  des  Hauses. 

Das  «Seiteiistübel»  wurde  erst  in  neuerer  Zeit  dem  Hause  angefügt.  Sein  Fuß- 
boden liegt  mit  dem  der  Rauchstube  in  gleicher  Höhe.  Das  Stübel  wird  von  letzterer 
aus  betreten.  Unter  dem  Stübel  befinden  sich  die  Schweineställe.  Das  Stübel  bildet 
also  das  Obergeschoß  des  Zubautss.  Von  der  hochgelegenen  Hauseingangstür,  zu  der 
sechs  steinerne  Stufen  emporführeu,  legt  sich  ein  Z-förmiger  Gang  um  das  Stübel.  Ein 
zweiter  Gang  befindet  sich  an  der  Giebelseite  des  Stübels  vor  dessen  Daehraume.  Die 
Brüstung  dieses  Ganges  besteht  aus  zierlich  ausgesägten  Brettern.  Am  unteren  Gang 
ist  bei  A  der  Abort  angebracht. 

Im  Stübel  steht  bei  0  ein  Kachelofen.     Er  wird  von  der  Rauchstube  aus  geheizt. 

Der  Rauch  strömt  durch  das  Ofenloch 
in  die  Rauchstube.  B  und  B2  =  Bet- 
ten, T  =  Tisch,  St  =  «Stuhl»,  Ko  = 
Kommode. 

Im  Blüml-Jörgl-Hause  hat  man 
dem  Bedürfnis  nach  einer  zweiten  wohn- 
lichen Stube  also  dadurch  abgeholfen, 
daß  man  an  die  Rauchstube  eine  Stube 
anbaute.  Dies  geschah  hier  jedoch  nicht 
wie  beim  Schriebl-Hause  in  der  Län- 
gen-, sondern  in  der  Breitenachse  des 
Hauses.  Auch  dieser  Fall  steht,  wie 
sich  ergeben  wird,  nicht  vereinzelt  da. 
Die  Rauchstube  dieses  Hauses  ist  auch 
nicht  wie  jene  des  Schriebl-Hauses  zur 
Küche  herabgesunken,  sondern  hat 
ihren  Charakter  ungeschmälert  beibehalten.  Es  werden  in  ihr  auch  im  Sommer  die 
Mahlzeiten  eingenommen.     Ein  Eßgangel  fehlt  nämlich  bei  diesem  Hause. 

9.  Das  Ziri-Haus. 

Das  Ziri-Haus  in  Kemetberg  hat  die  Nummer  31.  Zum  Hause  gehören  zirka 
40  Joch  Grund. 

Das  Ziri-Haus  ist  eines  der  interessantesten  Häuser  der  Gemeinde  Kemetberg.  Es 
zeigt  nicht  mehr  seine  ursprüngliche  Gestalt  und  Ausgestaltung,  läßt  aber  dieselbe 
deutlich  noch  erkennen,  wenn  man  sich  alle  Neuerungen  von  demselben  wegdenkt. 
Die  Neuerungen  bestehen  in  beiden  Arten  der  Umgestaltung,  die  wir  bisher  an  anderen 
Häusern  kennen  gelernt  haben,  nämlich  sowohl  im  Zubau,  als  auch  in  einer  durchge- 
führten Unterteilung,  schließlich  tritt  dann  noch  eine  dritte  Art  der  Umgestaltung  zu 
diesen  beiden  hinzu,  von  der  alsbald  die  Rede  sein  wird.  Das  Haus  ist  ferner  auch 
deshalb  noch  sehr  interessant,  weil  es  uns  einen  Einblick  gewährt  in  die  allerälteste 
Ausgestaltung  der  Häuser  Kemetbergs  und  damit  zugleich  in  die  Wohnverhältnisse  ver- 
gangener Jahrhunderte. 

Abbildung  28  zeigt  den  Aufriß  der  Giebelseite,  Abbildung  29  den  Aufriß  der 
Hauptfront  des  Hauses,  und  Abbildung  30  bringt  den  Grundriß. 


r-^5^)ti«3f*ISy?;^^ 


-^T,.ymfi 


■¥1: 


AhliiUIuiiL'  28. 


Aufriß  der  Giebelseite  des  Zirj-Hauses. 
1 :  200. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


147 


Das  Haus  ist  in  die  Richtung  von  West  nach  Ost  gelegt.  Die  Giebelseite  richtet 
sich  nach  Osten,  die  unter  Abbildung  29  gegebene  Hauptfront  nach  Norden. 

Wie  aus  den  beiden  Aufrissen  zu  erkennen,  ruht  der  vordere  Teil  des  Hauses  auf 
einem  Unterbau  aus  rohem  Mauerwerk.  Er  .schlief.U  einen  Schafstall  und  einen  Schweine- 
stall ein.     Aus  der  Abbil- 


'lW^W:p.V^Ji 


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-^S- 


Abbildung  :29.     Aufriß  der  HaupKronl  des  Ziri-Hauses.     1  :  :JiHl. 


dung  der  Giebelseite  ersieht 
man,  daß  unter  der  geho- 
benen und  hinausgescho- 
benen linksseitigen  Dach- 
fläche ein  Zubau  angebracht 
worden  ist.  Die  beiden 
großen  Fenster  in  der  Gie- 
belseite (50X64  cm)  sind 
bedeutend  vergrößert  wor- 
den, ebenso  die  drei  gleich- 
großen Fenster  in  der 
Hauptfront.  Ursprünglich 
waren  sie  nicht  größer  als 
jenes  dritte  Fenster  in  der 
Giebelseite,  welches  mit  den 

beiden  großen  in  einer  Reihe  liegt  und  27  cm  im  Geviert  mißt.    Kleinere,  höher  gelegene 

Fensterehen  mit  Holzschubern   fallen    uns   hier   nicht  nur  in  der  Giebclwand,    sondern 

auch  in  der  Hauptfront  auf.     Sie  messen  24  cm  in  der  Breite  und  21  cm  in  der  Höhe. 

Besehen  wir  uns  die  Hauptfront,   Abbildung  29,   näher,   so  erblicken  wir   in   der 

Mitte  eine  Tür  und  daneben 
und  darüber  eine  Wand,  be- 
stehend aus  stehenden  Brettern, 
deren  Fugen  mit  Leisten  ge- 
deckt sind.  Es  ist  dies  eine 
Erscheinung,  die  uns  schon 
beim  Schriebl-Hause  entgegen- 
getreten ist  und  die  ich  wieder- 
holt auch  an  Häusern  in  Ober- 
kürnten  gesehen  habe.  Ich 
habe  es  in  meiner  Arbeit  über 
das  Bauernhaus  der  Gegend  am 
Millstätter-See  ausgesprochen. 
daß  diese  Bretterversehalungen 
dem  Flur  den  Charakter  des 
Laubenartigen  verleihen  und  in  mir  die  Vermutung,  daß  die  Laube  des  alpinen  Hauses 
Oberkärntens  aus  einer  \'orlialle  entstanden  sein  müsse,  bestärkten.'  Dieselbe  Erschei- 
nung, die  ich  aus  Oberkärnten  konstatierte,  tritt  uns  in  der  westlichen  Steiermark  also 
ganz  analog  entgegen. 

Die  Tür  in  der  Mitte  des  Hauses  führt  in  die  Laube.     Sic  ist  durchgängig.     Ihr 

»  Vergl.  S.  265  in  Bd.  XXXII  der  M.  A.  S. 


Abbildunj;  30.     (iiundiilj  des  Ziri-Hauses.     1  :  iUU. 


148  J.  R.  Büiiker-Öderiburg. 

Fußboden  besteht  aus  Steinplatten,  die  Decke  ist  ein  Stuckboden.  Wir  finden  in  ihr 
niclits  als  bei  St  eine  Stiege,  über  F-S  eine  Flei.sch.^elcli  und  über  R  den  Rauchfaug. 
a  und  b  =  Lnagri. 

Unter  dem  Rauchfang  befindet  sicli  eine  horizontal  geteilte  Tür  und  darüber  das 
Rauchloch.  Es  ist  dies  das  Zeichen  dafür,  daß  wir  uns  vor  der  Rauchstube  befinden. 
Treten  wir  aber  ein,  so  sind  wir  in  einer  schmalen  Küche,  die  nui-  durch  eine  Bretter- 
wand von  dem  davorliegenden  Raum  geschieden  ist.  Die  Bretterwand  deutet  aber 
bestimmt  darauf  hin,  daß  hier  die  Küche  auf  dieselbe  Art  der  Unterteilung  der  Rauch- 
stube in  zwei  Räume  entstand,  die  uns  zuerst  im  Hause  der  Alpenbäurin  entgegen- 
getreten 'ist  (vergl.  den  Grundriß  Abbildung  17).  Küche  und  Stube  haben  seinerzeit 
zusammen  eine  Rauchstube  gebildet. 

In  der  Küche,  die  wie  die  Stube  einen  Stuckboden  hat  und  wie  jene  gedielt  ist, 
finden  wir  im  Hintergrunde  den  Backofen  noch  so  vor,  wie  er  früher  an  derselben  Stelle 
in  der  Rauchstube  stand.  Der  Herd  hat  seinen  Feuerhut  verloren,  dafür  aber  wurde 
über  demselben  ein  Oewölbe  angebracht,  das  gegen  den  vorderen  Teil  der  Küche  auf 
einem  starken  Balken  aufliegt  und  den  Rauch  in  dem  rückwärtigen  Teil  der  Küche  zurück- 
hält. Der  Kessel,  welcher  über  dem  Herd  hängt,  ist  hier  nicht  an  einer  Reid',  sondern 
an  einer  Kette  befestigt.  Bei  a  ist  eine  «Luag»  in  der  Mauer  angebracht.  Unter  Hü 
steht  die  Hühnersteige,  unter  Sp-K  ein  niederes  Speisekästchen,  über  dem  ein  Schüssel- 
korb hängt.     S-K  =  Saufutterkessel. 

In  der  Stube  steht  bei  0  ein  Ofen,  der  an  den  Backofen  angebaut  ist  und  von 
der  Küche  aus  geheizt  wird.  T  =  Tisch,  St  =  «Stühle»,  Ba,  Ba2,  Bas  und  Bai  = 
Bänke,  A  =  Altar,  B  --=  Bett. 

Von  der  Stube  gelangt  man  durch  eine  Tür  in  das  anliegende  Stübel.  Es  ist 
jener  Raum,  den  wir  schon  aus  dem  Besehen  der  Giebelseite,  Abbildung  28,  als  neuen 
Zubau  erkannt  haben.  Das  Stübel  steht  übrigens  schon  bei  70  Jahre.  Durch  eine 
zweite  Tür  gelangt  man  aus  dem  Stübel  auf  den  Gang.  An  diesem  Gang  hängt  gleich- 
sam in  der  Luft  bei  A  der  Abort. 

Im  Stübel  steheu  drei  Betten  und  ein  Kasten.     Ein  Ofen  fehlt  hier. 

Das  Stübel  ist  also  ein  neuerer  Zuwachs  nach  der  Art  des  Seitenstübels  im  vor- 
stehend beschriebenen  Blüml-Jörgl-Haus  oder  nach  der  Art  der  der  Rauchstube  vorge- 
legten Stube  im  Schriebl -Hause. 

Die  großen  Fenster,  welche  uns  aus  dem  rechtsseitigen  Teil  der  Hauptfront  ent- 
gegenblicken, lassen  uns  erraten,  daß  hinter  denselben  auch  noch  ein  Wohnraum  liegt. 
So  ist  es  auch.  Die  Stube  war  jedoch  nicht  immer  da,  sondern  wurde  erst  vor  kurzer 
Zeit  aus  einer  «niedern,  finstern  Kemet'n»  errichtet.  Sie  ist  nicht  heizbar.  Infolge  der  Er- 
richtung dieser  Stube  mußte  das  Dach  über  derselben  um  drei  Bretterreihen  verkürzt 
werden.  Da  sich  unter  dieser  Stube,  welche  auch  die  «obere  Stube»  genannt  wird,  ein 
ebenerdiger  Keller  von  der  Höhe  der  Laube  befindet,  bildet  die  Stube  ein  Obergeschoß. 
Es  tritt  uns  sonach  bei  diesem  Hause  zum  erstenmal  in  der  später  erfolgten  Anlage 
dieser  Stube  der  Ansatz  zur  Entwickelung  eines  Obergeschosses  entgegen. 

Vor  dieser  Stube  liegt  die  Laube  des  Obergeschosses,  welche  nicht  nur  vorne, 
sondern  auch  an  der  Rückseite  eine  Bretterwand  hat.  Vor  der  Laube  liegt  der  Rauch- 
stubenboden, der  wie  bei  allen  ebenerdigen  Häusern  einen  Kniestock  bildet. 

Schälen  wir  nun  alles  ab,   was  an  diesem  Hause  neu  errichtet  wurde,   so  bleiben 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


149 


uns  nur  vier  Käuine  als  ursprünglich  übrig:  die  in  der  Mitte  liegende  durchgängige 
Laul>e  mit  der  Bretterverschalung,  die  aus  Zimmerwerk  bestehende  ehemalige  Rauch- 
stube, der  gemauerte  fensterlose  Keller  und  die  über  ihm  angebracht  gewesene  finstere 
niedrige  Kemet'n.  Von  diesen  Räumen  können  nur  zwei  als  Wohnräume  betrachtet 
werden:  die  Rauchstube  mit  dem  offen  brennenden 
Herdfeuer  als  Koch-,  Wohn-,  Schlaf-  und  Arbeits- 
raum und  die  luftige  Laube  als  Arbeits-  und  wahr- 
scheinlich als  Schlafrauin  für  die  Zeit  des  Sommers.. 
Vergleichen  wir  dieses  Haus,  hierbei  nur  seine 
ursprüngliche  Anlage  ins  Auge  gefaßt,  mit  allen 
bisher  besprochenen  älteren  Häusern,  dort  aber  auch 
stets  nur  die  ursprüngliche  Ausgestaltung  in  Betracht 
gezogen,  so  haben  wir  es  hier  wie  dort  mit  Räumen 
von  dreierlei  verschiedenem  Charakter  zu  tun.  Wäh- 
rend aber  in  allen  besprochenen  älteren  Häusern 
neben  der  Rauchstube  und  der  Laube,  welche  beiden 
Räume  auch  dem  Ziri-Hause  eigen  sind,  noch  ein 
dritter  Raum  als  Wohnraum,  nämlich  die  mit  einem 
Ofen  versehene  Kachelstube  vorkommt,  entbehrt  das 
Ziri-Haus  eine  solche.  Au  ihrer  Stelle  tritt  ein  Keller 
mit  einer  Kemet'n  auf,  denen  wir  in  anderen  Häusern 
nie  an  dieser  Stelle  begegnet  sind,  oder  mit  anderen 
Worten  gesagt,  in  allen  besprochenen  älteren  Häusern 
nimmt  jene  Stelle,  die  im  Ziri-Hause  Keller  und 
Kemet'n  'innehaben,  die  Kachelstube  ein. 

Betrachten  wir  nun  aber  das  Material,  aus  dem  die  Kachelstuben  in  jenen  Häusern 
zum  größten  Teil  erbaut  sind,  so  überrascht  es  fast,  daß  es  auch  steinernes  Mauerwerk 
ist.  Die  Fenster  jener  gemauerten  Kachelstubcn  sind  zudem  gewühnlicli  ganz  unver- 
hältnismäßig größer  als  die 
der  Rauchstuben.  Man 
kommt  hierbei  unwillkürlich 
auf  den  Gedanken,  daß  sie 
erst  in  neuerer  Zeit  eingesetzt 
wurden,  und  ein  zweiter  Ge- 
danke, der  sich  diesem  an- 
gliedert, ist  der,  daß  die 
Kachelstuben  in  allen  jenen 
Häusern,  in  denen  sie  aus 
^hluerwerk  bestellen,  aus 
ehemaligen  Kellern  (viel- 
leicht auch  Kemet'n)  i'ntstanden  sein  dinften,  daß  also  die  älteste  Hausform  der  Gegend 
von  Köflach  nur  eine  Stube  mit  otlcn  Hackerndem  Herdfeuer  und  eine  Laube  als 
Wohnräume    und   einen  gemauerten   Keller    (mit  oder  ohne  Kemet'n)    aufgewiesen    hat. 


Abbildung  31.     Das  Lange  Wegger-Hans. 


Abbildung  :i-2.     (iiundriri  des  Langen  Weggcr-Hause^.     1   :  -HyOi. 


Für    diese    Annahnu' 
stätigung  sclHi]iren. 


cönnen    wir    aus    der    Beschreibung   eines  weiteren  Hauses    Be- 


150  J.  R.  Bünker-Ödenburg. 

lo.  Das  «Lange  Wegger  »-Haus. 
Das  Haus  des  «Langen  Wegger»  war  das  einzige  wir]<iicli  zweigescliossige  Bauern- 
liaus,  das  ich  in  Kemetberg  antraf.  Es  hat  die  Nummer  44.  Das  Anwesen  war  noch 
vor  dreißig  Jahren  eine  sogenannte  <Zuhube»,  d.  h.  sie  war  das  Besitztum  eines  Ge- 
meindefremden und  gehörte  einem  Gasthofbesitzer  in  Salla.  Die  Abbildung  3L  zeigt 
die  nacii  Osten  gerichtete  Giebeiseite  und  die  nach  Norden  gekehrte  Langseite  des 
Hauses.  Die  Zimmerung  des  Hauses  ist  mit  Kalkmilch  geweißt.  Unter  Abbildung  32 
bringe  ich  den  (Grundriß  des  Erdgeschosses. 

Das  Dach  des  Hauses  ist  ein  Ziegeldach.  Seine  Form  gleicht  nicht  der  Dachturm 
der  beschriebenen  Häuser.  Es  fällt  auf,  daß  wir  nirgends  einen  Gang  erblicken.  Weiter 
befremdet  auch,  daß  die  Balken,  welche  das  Obergeschoß  bilden,  au  den  Kanten  des 
Hauses  verkämmt  sind,  während  an  den  Balken  des  Erdgeschosses  Verzinkung  wahr- 
zunehmen ist.  All  das  läßt  darauf  schließen,  daß  am  Hause  nicht  alles  ursprünglich 
ist.  Wie  mir  nun  auch  gesagt  wurde,  ist  dem  ursprünglich  ebenerdig  gewesenen  Haus 
das  Obergeschoß  erst  durch  seinen  ehemaligen  Besitzer,  den  Gastwirt  von  Salla,  auf- 
gesetzt worden. 

Als  einziges  zweigeschossiges  Haiis  vertritt  es  wohl  keinen  Typus,  ich  nahm  das 
Haus  jedoch  hauptsächlich  deshalb  auf,  weil  es  auf  das  deutlichste  zeigt,  wie  sich  das 
typische  Haus  der  Gegend  von  Köflach  auf  dem  durch  das  Ziri-Haus  angedeuteten  Weg 
zu  einem  zweigeschossigen  einfachster  Art  entwickeln  kann.  Was  mir  aber  bei  diesem 
Hause  das  wichtigste  ist,  besteht  darin,  daß  sein  Erdgeschoß  dem  des  vorstehend  be- 
schriebenen Ziri-Hauses,  nimmt  man  dessen  ursprüngliche  Anlage  in  Betracht,  voll- 
kommen gleich  ist.  Es  befanden  sich  auch  in  diesem  Hause,  solange  es  nur  ebenerdig 
war,  nur  zwei  Wohnräume,  wovon  nur  der  eine  eine  Feuerstelle  aufwies.  Mittlerweile 
hat  übrigens  selbst  auch  das  Erdgeschoß,  wie  sich  aus  Abbildung  32  erkennen  läßt, 
darin  eine  Umgestaltung  erfahren,  daß  es  jetzt  vier  Räume  besitzt,  wovon  zwei  heizbar 
sind.  Die  Umwandlung  in  vier  Räume  geschah,  was  ja  auf  den  ersten  Blick  zu  er- 
sehen, aus  der  uns  jetzt  schon  aus  mehreren  Häusern  bekannten  Abteilung  der  Rauch- 
stube durch  eine  Bretterwand  in  zwei  Räume.  Die  ursprünglichen  Wohnräume  waren 
also  die  Rauchstube  und  die  Laube.  Der  dritte  Raum  dient,  wie  das  auch  im  Ziri- 
Hause  der  Fall  ist,  auch  heute  noch  als  Keller. 

Wir  finden  darin  zu  beiden  Seiten  Fässer,  ferner  bei  KB  einen  Krautbottich  und 
schließlich  Verschlage  für  Kartoffeln  und  Rüben.  Der  Keller  ist  gewölbt.  Als  Fußboden 
hat  er  die  festgestampfte  Erde. 

Die  Laube  hat  so  wie  die  ehemalige  Rauchstube  einen  Stuckboden  und  einen 
Fußboden  aus  Steinplatten.  St  =  Stiege,  die  zum  Obergeschoß  führt.  Tr-Trs  ^ 
Truhen,  K-K  =  Küchenkästchen.  Bei  a  befindet  sich  in  einer  nischenartigen  Ver- 
tiefung eine  Bank. 

In  der  Küche  finden  wir  die  Feuerstellen  in  typischer  Anordnung  und  in  typischer 
Form.  B-0  =  Backofen,  H  =  Herd  mit  Feuerhut,  a  =  Standpunkt  der  Kesselreid', 
S-K  =  Saufntterkessel.  In  der  Küche  gewahren  wii-  weiterhin  nur  noch  bei  Hü  die 
Hühnersteige,  bei  T  einen  Tisch,  neben  demselben  bei  b  einen  Schüsselkorb,  bei  W-B 
eine  Wasserbank  und  über  Sp-A  eine  «Spanas'ii». 

In  der  Stube  steht  bei  0  der  Ofen,  daneben  ein  «Stuhl»  St2;  T  =  Tisch,  St  = 
«Stuhl»,  Ba  und  Ba2  ==  Bänke,  A  =  Altar,  Ka  =  Kasten,  B  =  Bett. 


Das  Bauernliaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Sleiermark. 


151 


l'ber  das  Obergeschoß  bemerke  ich  nur  folgendes:  Es  umfaßt  drei  Räume.  Der 
Raum  über  der  ehemaligen  Rauchstube  ist  aus  Holz.  Er  führt  den  Namen  «Menscher- 
kamnier»  und  dient  den  Mägden  als  Hchlafraum.  Es  befindet  sich  darin  ein  Sparherd, 
der  im  Winter  als  Ofen  benutzt  wird.  Der  Raum  über  der  Laube  heißt  auch  «Lab'm-. 
Es  stehen  dort  mehrere  Truhen  und  zwei  Betten.  In  letzteren  schlafen  Knechte,  wenn 
solche  im  Hause  sind.  Die  Laube  des  Obergeschosses  ist  nicht  heizbar.  Über  dem 
Keller  ist  die  Stube  der  Bauersleute.  Darin  steht  ebenfalls  ein  Sparherd,  der  jedoch 
nur  im  Winter  gebraucht  wird.     Dann  dient  er  als  Herd  und  Ofen  zugleich. 

10.    Das  Hofameser-Haus. 

Das  Haus,  welches  die  Abbildung  33  zeigt,  ist  das  größte  Bauernhaus,  das  ich  in 
der  Oegend  von  Köflach  besichtigt  habe.  Es  liegt  nicht  in  der  Gemeinde  Kemetberg, 
sondern  in  der  nördlich  daran  anstoßenden  Gemeinde  Kiichberg.  Es  trägt  die  Haus- 
nummer 53.  Die  Liegenschaften,  die  zu  diesem  Hause  gehören,  sind  beträchtlich.  Sie 
umfassen:  52  Joch  Ackerland,  5  Joch 
Wiesen,  100  Joch  Wald,  30  Joch  Al- 
penwiesen, 1 10  Joch  Alpenweide.  Zu- 
sammen 297  Joch.  Der  Viehstand 
belätift  sich  gewöhnlich  auf  2  Pferde, 
7—8  Kühe,  20  Ochsen,  7-9  Kalben, 
10 — 12  Terzen  (junge  Ochsen)  und 
30  Schweine. 

Wie  mir  der  Besitzer  des  An- 
wesens sagte,  soll  der  Amcser-Hof  in 
früherer  Zeit  zum  Schlosse  Lankowitz 
gehört  haben ,  er  befinde  sich  aber 
schon  seit  3 — 400  Jahren  im  Besitze 
seiner  Familie.  Im  Jahre  1793  brannte 
das  Haus  zum  Teil  ab.  Seit  dieser 
Zeit  steht  es  in  seiner  jetzigen  Form 

da.  Das  Haus  ist  durchaus  gemauert.  Die  l'mfiissungsmauern  sind  08  cm  stark.  Noch 
dicker  sind  jene  Mauern,  die  den  mittleren  Raum  des  Hauses,  die  Laube  einschließen. 
Sie  messen  82  cm.  Daß  Innenmauern  oft  dicker  als  Außenmauern  sind,  habe  ich  auch 
in  Kärntner  Häusern  häufig  angetroff"en,  ohne  mir  den  (irund  dafür  erklären  zu  können.' 
Das  Dach  des  Hauses  ist  ein  Ziegeldach  mit  Abwalmungen  sowohl  an  der  vorderen 
als  auch  an  der  rückwärtigen  Giebel  wand.  Am  vorderen  (Üebel  ist  ein  balkonartiger 
Gang  angebracht.  Die  äußere  Form  des  Hauses  entspricht  der  der  typischen  Bauern- 
häuser <ler  Gegend. 

Wie  aus  dem  Grundriß,  den  die  Abbildung  34  bringt,  zu  ersehen,  hält  die  Mitte 
des  Hauses  genau  so  wie  bei  all  den  bisher  besprochenen  alten  Bauernhäusern  eine 
durchgängige  Laube.  Sie  ist  in  diesem  Hause  von  beträchtlicher  Größe,  nämlich  13.25  m 
lang  und  5,(55  m  breit.  Ihren  Fußboden  bildet  ein  Steinplattenpflaster,  die  Decke  ein 
Kreuzgewölbi'.  In  der  Laube  fallen  uns  zwei  Tische  auf:  T  und  Ts.  An  ersterem 
werden  im  Sommer  die  Mahlzeiten  eingenommen.     Ts   wird  benutzt,  wenn  gelegentlich 

'  Vergl.  M.  A.  .'^.  l!il.  WXll,  S.  T.V 


Abbiiduiig  3:^     Das  Hofameser-Haus. 


152 


H.  Büiikcr-Odeiiburg. 


des  Schnittes  und  ähnlicher  Arbeit  mehr  Leute  sich  im  Hause  befinden  als  gewöhnlich. 
Tischen,  au  denen  die  Mahlzeiten  eingenommen  werden  könnten,  sind  wir  in  keiner 
Laube  der  bisher  besprochenen  Häuser  begegnet.  Dieselbe  Einrichtung,  die  uns  hier 
also  zum  erstenmal  entgegentritt,  ist  in  den  Bauernhäusern  Oberkärntens  aligemein 
üblich.'  In  der  Laube  dieses  Hauses  finden  wir  noch  bei  St  eine  Stiege,  die  zum 
Dachraum  emporführt,  bei  MK  einen  Milchkasten,  bei  MTr  und  M-Tr2  zwei  Mehl- 
truhen, bei  B-K  einen  Branntwein-Kessel,  und  bei  S-K  einen  Saufutterkessel,  die  von 
der  Rauchstube  aus  geheizt  werden  und  ihren  Rauch  in  diese  abgeben.  Über  R  hängt 
ein  aus  Steinen  gewölbter  trichterförmiger  Rauchfang. 

Die  Türe,  welche  in  die  Rauchstube    führt,  ist   horizontal   in   zwei  Flügel  geteilt. 
Die  Rauchstube  ist  fast  quadratisch.     Sie  ist  7,2  m  lang   und  7  ni  breit.     Ihre  Höhe 

beträgt  2,82  m. 
Die  Decke  ist 
stukkaturtund 
vom  Rauchge- 
schwärzt, die 
Wände  sind 
geweißt,  doch 
stark  vom 
Rauch  ge- 
bräunt. Der 
Fußboden  be- 
steht wie  ge- 
wöhnlich zum 
Teil  aus  Bret- 
tern, zum  Teil 
aus  Steinplat- 
ten. Der  Back- 
ofen steht  zur 
1 :  100.  Hälfte   in   der 

Rauchstube, 
zur  Hälfte  im  anstoßenden  Raum.  \'or  ihm  steht  der  Herd.  Er  hat  eine  cjuadratische 
Oberlläche,  welche  durch  eine  Eisenplatte  gebildet  ist,  die  ein  Holzrahmen  einfaßt. 
Im  Herdkörper  befindet  sich  eine  große  bogenförmige  Öfi'nuug,  in  der  Scheiterholz 
liegt.  Der  Feuerhut  sieht  modernisiert  aus.  Er  besteht  aus  einem  flachen  Tonnen- 
gewölbe, das  auf  einem  Holzrahmen  aufruht.  Die  freie  Ecke  des  Feuerhutes  wird  durch 
eine  Eisenstange,  welche  an  der  Decke  befestigt  ist,  emporgehalten.  In  der  Nähe  des 
Herdes  hängt  bei  Sp-A  die  «Spanas'n»  und  bei  HA  die  «IIolzas'n>/.  T  ist  ein 
kleiner  Tisch,  St  ein  «Stuhl».  An  Stelle  dieses  Tisches  steht  im  Winter  der  große 
Speisetisch,  der  sich  im  Sommer  in  der  Laube  befindet.  Ba  und  Ba2  =  stabile  Bänke, 
W-B  =  Wasserbank,  darüber  hängt  bei  d  eine  «Häf'nstöU'n».  W-Bs  =  Wasser- 
bottiche, in  die  von  einem  Brunnen,  der  außerhalb  des  Hauses  steht,  Wasser  gepumpt 
werden    kann.     K-Sch  =  Kaspelschaff.     Über    c  hängt  der  Schüsselkorb,   über  b  eine 


Aljbililuii"'  :;i.     (inuiiJnl.i  des  Hotaineser-Uauses 


'  Vergl.  im  Bd.  XXXll  d.  M.A.G.  die  Grundrisse  Abliilduiiy  ^7,  37,  50,  53,  5ü  und  59. 


Das  BaiiLTiiliaiis  der  Gegend  von  Köflacli  in  Steiermark.  153 

«riär'ndeck'lrem»,  an  der  auch  Schöpflöffel  etc.  hängen,  a  =  Standpunkt  der  Kessel- 
reid',  Hü  =  Hühnersteige,  MK  =  Milchkasten. 

Zwischen  der  Plüiinersteige  und  dem  Milchkasten  führt  eine  Tür  in  einen  Neben- 
rauni.  Zwei  Räume  auf  jener  Seite  der  Laube,  wo  sich  die  Ilauchstube  befindet,  haben 
wir  nebeneinander  in  keinem  der  besprochenen  Häuser  gefunden.  Der  Kaum  dient 
den  Mägden  des  Hauses  als  Schlafkamnier.  Er  heißt  die  Mi'nscJur-K'uiiiiicr.  Es  stehen 
darin  drei  Betten,  B-Bs,  drei  Kommoden,  Ko-Koa,  und  eine  Truhe.  0-S  ist  ein  ge- 
mauerter Sockel,  auf  dem  in  früherer  Zeit  ein  Kachelofen  stand,  der  seinen  Rauch  in 
die  Rauchstube  abführte.  Der  Ofen  ist  abgetragen  worden.  Seither  ist  die  Stube  un- 
hcizbar.  Die  Stube  war  demnach  früher  eine  Kachelstube  und  wahrschemhch  der 
Schlafraum  der  Familie  des  Bauern.  Der  kinderlose  Bauer  wohnt  mit  seiner  Frau 
in  einem  kleinen  Hause,  das  sich  auf  der  Hofstätte  erhebt. 

Aus  meiner  oft  zitierten  Arbeit  über  das  Oberkärutner  Bauernhaus  kann  man  er- 
sehen, daß  in  den  meisten  Häusern  auf  einer  Seite  der  Laube  wie  in  diesem  Hause 
zwei  Wohnräume  liegen.  Der  eine  ist  die  Rauchstube,  der  andere  die  Kachelstube. 
Dieses  Haus  kommt  also  in  seiner  Ausgestaltung  dem  Kärntner  Hause  schon  in  dieser 
Hinsicht  sehr  nahe.  Es  kommt  ihm  noch  näher  darin,  daß  auch  auf  der  anderen 
Seite  der  Laube  zwei  Räume  nebeneinander  angeordnet  sind. 

Gegenüber  der  Menscher-Kammer  ist  ein  Keller.  Er  ist  gewölbt  und  nicht  ge- 
weißt. Der  Fußboden  besteht  aus  gestampfter  Erde.  Im  Keller  steht  unter  M-T  ein 
Milchtisch,  auf  den  im  Sommer  die  Milchreinen  gestellt  werden.  Vom  Gewölbe  hängt 
bei  B-R  eine  Brotrem.     Im  Keller  stehen  viele  Fässer  und  Bottiche. 

Gegenüber  der  Rauchstube  liegt  ein  zweiter  Raum,  der  der  Rauchstube  an  Grüße 
fast  gleichkommt.  Hier  wurde  eine  Schmiedewerkstätte  eingerichtet.  Bei  E  ist  die 
Esse,  dahinter  bei  B-B  der  Blasebalg.  Im  Hintergrund  des  Raumes  stehen  die  großen 
Krautbottiche.  Auch  dieser  Raum  ist  gewölbt,  nicht  geweißt  und  hat  einen  Fußboden 
aus  gestampfter  Erde.  Wie  mir  der  Hofameser  sagte,  war  dieser  Raum  vor  dem  Brande 
im  Jahre  1793  aus  Holz  und  diente  als  Kemeton.  Beide  Räume  waren  also  Vor- 
ratsräume. 

Genau  dieselbe  Einteilung  wie  dieses  Haus  zeigen  die  meisten  größeren  Ober- 
kärntner Bauernhäuser.  Die  dem  Keller  und  der  jetzigen  Schmiede  entsprechenden 
Räume  sind  dort  auch   gewöhnlich  Keller  und  Kemeten,  also   ebenfalls  Vorratsräume. 

Während  nun  das  Hofameser-Haus  die  am  weitesten  gehende  Entwickelung  unter 
all  jenen  Bauernhäusern,  die  ich  in  der  (Segend  von  Kötlach  besucht  habe,  zeigt,  bleibt 
das  ul)erkärntn('rische  Haus  bei  diesem  Tunkte  der  Entwickelung  nicht  stehen.  Ich 
habe  in  Bd.  XXXII  d.  M.  A.  G.  mehrere  Bauernhäuser  aus  der  Gegend  des  Millstätter 
Sees  boschrieben,  die  außer  dem  fünfzolligen  Erdgeschoß  nocli  ein  Obergeschoß  besitzen, 
das  dieselbe  weitgehende  Gliederung  aufweist,  wie  sie  das  Erdgeschoß  zeigt.  Es  sind 
denmach  Häuser,  die  nicht  weniger  als  10  Räume  in  sich  schließen. 

Diesen  stattlichen  oberkärntnerischen  Bauernhäusern  scheint  in  der  Gegend  von 
Köflacb  in  bezug  auf  innere  Ausstattung  und  äußere  Form,  so  lange  es  noch  aus 
Holz  war,  nur  das  Haus  der  Bin-ger  in  kloinen  Städten  und  Märkten  gleichgekom- 
men zu  sein.  Wie  ich  schon  eingangs  erwähnt,  hat  sich  in  Köflach  nur  mehr  ein 
einziges  solches  Haus  bis  auf  den  heutigen  Tag  erhalten.  Ich  will  es  nachstehend 
beschreiben. 

Wörter  uuil  i^nchcn.    I.  '^ 


151 


J.  R.  Büiiker-Ödenburg.    , 


12.    Das  König -Wirtshaus. 

Das  König -A\'irtsliaus  ia  Ivüllach  liegt  unter  Nr.  12tj  in  der  Feldgassc.  Es  bildet 
das  Eigeutum  de.s  Johann  Stumpf.  Wie  mir  dessen  betagte  Frau  erzählte,  soll  das 
Haus  schon  300  Jahre  alt  und  einstmals  das  hervorragendste  Gasthaus  in  KöHach  ge- 
wesen sein. 

Die  Abbildung  35  zeigt  das  Bild  des  König -Wirtshauses.  Es  ist,  wie  schon  ange- 
deutet wurde,  zweigeschossig.  Sein  Äußeres  gleicht  auffallend  dem  vieler  Oberkärntner 
Häuser.'  Das  König -Wirtshaus  würde  in  seiner  äußeren  Erscheinung  den  u.  a.  Häusern 
noch  mehr  gleichkommen,  wenn  es  noch  so  dastünde,  wie  es  vor  Jahrzehnten  gestanden 
ist.  Die.  im  Bilde  ersichtliche  Zimmerung,  welche  heute  wie  aus  der  Erde  hervorzu- 
wachsen scheint,  ruht  nämlich  auf  einem  Unter- 
bau aus  Stein.  Diese  Untermauerung  ragte  früher 
50 — 00  cm  aus  der  Erde  hervor.  Durch  die  He- 
bung des  Straßenniveaus  kam  die  Untermauerung 
ganz  in  die  Erde  hinein.  Dadurch  kamen  die 
Fußböden  aller  Räume  des  Hauses  nicht  nur  50  cm 
unter  das  Niveau  der  Straße  zu  liegen,  sondern 
das  Haus  hat  auch  viel  in  seiner  Erscheinung 
eingebüßt.  Es  ruft  im  Beschauer  den  Eindruck 
wach,  als  ob  es  in  die  Erde  gesunken  oder  von 
oben  niedergedrückt  worden  wäre. 

Um  einen  Teil  des  Obergeschosses  läuft,  an 
der  Ecke  des  Hauses  im  rechten  Winkel  gebrochen, 
ein  Gang,  der  s.  Z.,  als  er  noch  intakt  war,  das 
Haus  sehr  geziert  haben  mag.  Sowohl  an  der 
Stirnseite,  als  auch  an  der  Langseite  ragt  das 
Dach  weit  vor,  um  den  Gang  zu  schützen.  Das 
Dach  ist  mit  Brettern  gedeckt. 

Wie  der  größere  Teil  der  Bauernhäuser  der 
Gegend  von  Köflach,  so  besteht  auch  das  König- 
Wirtshaus  nur  teilweise  aus  Holz.  Aus  der  Ab- 
bildung 30,  die  den  Grundriß  des  Erdgeschosses 
darbietet,  läßt  sich  erkennen,  daß  im  Erdgeschosse  nur  ein  einziger  Raum  aus  Holz 
erbaut  ist.  Im  Obergeschoß,  dessen  Grundriß  durch  Abbildung  37  veranschaulicht  ist, 
herrscht  das  Holz  vor,  doch  besteht  auch  dort  nur  eine  Stube  aus  Zimmerwerk,  denn 
der  übrige  Teil  der  hölzernen  Hauswände  weist  nur  Bretterverschalung  auf.  Auch 
diese  Eigenartigkeit  in  der  Bauweise  alpiner  Häuser  tritt  an  Oberkärntner  Häuser  nicht 
selten  auf.^ 

Der  Grundriß  Abbildung  30  weist  im  Erdgeschosse  seclis  Räume  auf.  Die  Mitte 
nimmt  die  durchgängige  Laube  ein.  Rechts  von  der  Laube  liegen  zwei  Keller,  also 
Yorratsräume,  ünks  sind  die  Wohnräume.  Wir  haben  somit  in  diesem  Hause  eine 
Einteilung,  wie  wir  sie  genau  gleich  im  Hofameser-Hause  vorgefunden  haben.  Die 
Wohnräume  zeigen  wohl  abweichenden  Charakter  und  für  sich  genommen  eine  andere 

'  Man  vergleiche  beis])ielsweise  die  AlibililuiiL,'  'V'-i  und  4;i  in  Bil.  XX.XII  der  M.  A.  G. 

-  Man  vergl.  insbesondere  die  Grundrisse  Abbildung  38  und  46  im  Bd.  XXXII  d.  M.A.G. 


Abbildung  35.     Das  König -Wirtshaus 
in  Köflach. 


Das  Bauernliaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


15Ö 


Abbililung  3«.     König-Wirlshaus  (Ei-Jj^cscholi).     1  :  riim. 


Einteilung,  die  meines  Erachtens  auf  den  Umstand  7,urückzuführen  sein  wird,  daß  das 
Haus  in  früherer  Zeit  als  (iasthaus  gedient  hat.  Der  Ilerdraum,  welcher  im  Bauern- 
hause der  Gegend  der  Hauptraum  ist,  ist  hier  zur  Küche  herabgesunken.  Da  sie  nicht 
mehr  als  Wohn-  und  Schlafrauin  dient,  konnte  sie  auf  einen  kleinen  Raum  beschränkt 
werden.  Dadurch,  daß  man  sie  ein  wenig  in  die  Laube  hiucinrückte,  konnte  man 
vor  ihr  noch  ein  einfenstriges  Stübel  anlegen.  Ich  vermute  darin  das  ehemalige  Hono- 
ratioren- oder  Herrenstübel.  Es  trägt  ein  regelmäßiges  Kreuzgewölbe  und  muß  s.  Z. 
recht  wohnlich  gewesen  sein.  Die  Tür, 
welche  das  Stübel  mit  der  großen 
Stube,  in  welcher  wir  die  ehemalige 
Gaststube  zu  erkennen  haben,  verbin- 
det, besitzt  in  ihrem  oberen  Teil  ein 
Fensterchen,  ein  Guckloch,  das  heute 
mit  einem  roten  Vorhang  verhängt  ist. 
Die  Gaststube  muß  zur  Zeit 
ihrer  eigentlichen  Bestimmung  wohl 
proper  ausgesehen  haben.  Die  Holz- 
wände sind  nämlich  durchwegs  mit 
sorgfältig  bearbeiteten,  wagrecht  an- 
gebrachten Brettern  verschalt.  Die 
Verschalung  schließt  in  Manneshöhe 
mit  einem  schönen  Gesims  ab,  auf 
dem  vor  Zeiten  die  Zinn-  und  Imnt- 
bemalten  Krüge  der  Gäste  gestanden 
sein  werden.  An  der  Verschalung  sind 
heute  noch  die  Leisten  angebracht, 
zwischen  denen  die  Fenster  ehemals 
hin-  und  her  geschoben  werden  konn- 
ten. Heute  bewegen  sich  die  Fenster 
an  Scharnieren.  In  der  (iiebelseite 
sind  die  drei  dort  sich  befindenden 
Fenster  wie  bei  den  Bauernhäusern 
in  ungleicher  Höhe  angebracht.  Die- 
sellie  l<]inriebtug  wiederholt  sich,  wie 
die  Abbildung  35  erkennen    läl.U,   im 

Obergeschoß.  Sorgfältig  ist  auch  die  Decke  der  Gaststube  hergestellt.  Sie  besteht  aus 
einer  doppelten  Bretterlage,  die  durch  einen  Unterzugbalken  getragen  wird.  Die  Kanten 
des  Balkens  sowohl,  als  auch  die  der  Bretter  sind  sauber  abgefa.st.  Bänke,  Ba-Baa.  laufen 
fast  rundum.  .Vuih  der  Ofen  ist  mit  Bänken  umschlossen,  zudem  auch  von  einem 
Ofengeländer  umfangen.  Er  ninunt  die  innerste  Ecke  des  Raumes  ein.  In  den  amlereu 
Ecken  der  Stube  werden  früher  Gasttische  gestanden  sein.  Bei  A  steht  ein  Eok- 
schränkchen,  das  wohl  noch  zur  alten  Ausstattung  der  Gaststube  gehört.  Darüber  ist 
ein  Altar  angebracht.  Eigenartig  ist  der  Ofen.  Er  ruht  auf  einem  gemauerten  Sockel, 
der  die  Höhe  der  Bänke  etwas  überragt.  Auf  dem  äußeren  Rand  des  Sockels  liegt 
rundum  ein   Kranz  von  topffürmigcn,    dunkelgrün    glasierten  Kacheln  auf.     Auf  diesen 


.\bl>ililiin^'  37.     König -VV'irtsliaus  (Obergesclioß).     1  : -liKi. 


156  .1.  n.  Riiiikei--()<lciil)iirK 

stehen  dann  in  zwei  Reihen  flache  Kacheln.  Die  obere  Kacliclreihe  schließt  mit  einem 
schönen  Gesims  ab.  Anch  das  Gesims  und  die  flaclu-n  Kaclieln  sind  glasiert  und  zeigen 
dunkelgrüne  Farbe.  Der  Ofen  wird  von  der  Küche  aus  geheizt  und  gibt  den  Rauch 
durch  das  Heizloch  dahin  ab. 

Die  ehemalige  Gaststube  dient  jetzt  dem  alten  Ehepaar  Stumpf  als  Wohn-  und 
Schlafstube.     T  und  T2  =  Truhen,  B  =  Bett,  St  =  «Stuhl»,  T-B  =  Tafelbett. 

Die  Küclie  hat  ein  Tonnengewölbe  als  Decke.  Bei  R  sitzt  auf  dem  Gewölbe  ein 
hölzerner  Rauchschlot  auf.     H  =  offener  Herd,  8-K  =  Saufutterkessel. 

Aus  der  l^aube  führt  bei  St  eine  Stiege  zum  Obergeschoß.  Bei  T  stellt  ein  Tisch. 
Die  langgestreckte  Fensternische  daran  dient  als  Sitzbank.  M-K  ^  Milchkasten,  Sp-K 
=  Speisekasten,  St  =  «Stuhl». 

Von  den  beiden  Kellern  ist  der  eine  bedeutend  größer  als  der  andere.  Der  kleinere 
hat  ein  Tonnengewölbe,  der  größere  ein  Kreuzgewölbe.  Der  Fußboden  des  großen 
Kellers  hat  gleiche  Höhe  mit  dem  der  Laube.  Seine  Tür  ist  1,3  m  breit.  Man  konnte 
durcli  sie  auch  Fässer  von  beträchtlicher  Größe  rollen.  Der  Raum  diente  jedenfalls 
als  Weinkeller. 

Der  Fußboden  des  kleinen  Kellers  liegt  37  cm  tiefer  als  der  der  Laube.  Es  sind 
darin  leere  Fässer,  Bottiche  und  allerlei  Werkzeug  untergebracht. 

Wenn  man  sich  in  der  Laube  des  Obergeschosses  befindet  und  umherblickt,  so 
gewinnt  man  den  Eindruck,  als  ob  das  Haus  nicht  vollkommen  au.sgebaut  worden  wäre. 
Man  glaubt  etwas  Unvollendetes  vor  sieh  zu  haben.  In  den  Raum,  der  über  der 
Küche  liegt,  ragt  das  nackte  Küehengewölbe  empor.  Er  ist  gegen  die  Laube  zu  offen 
und  hat  keine  Verwendung.  Um  zu  der  davorliegenden  Kammer,  die  eigentlich  nur 
ein  Bretterverschlag  ist,  gelangen  zu  können,  muß  man  über  das  holperige  steinerne 
Gewölbe  der  Küche  stolpern.     R  =  hölzerner  Rauchschlot. 

In  der  Laube  kommt  bei  St  die  Stiege  vom  Erdgeschosse  herauf.  Die  Stiegen- 
öfifnung  ist  von  zwei  Kleidertruhen  Tr  und  Tr2  eingeschlossen.  Eine  dritte  Truhe 
steht  bei  Tr:;.  Daneben  führt  bei  a  eine  Tür  auf  den  Gang.  Eine  zweite  Tür  führt 
bei  b  aus  der  Laube  auf  eine  Brücke,  die  das  Haus  mit  dem  Obergeschosse  des  zum 
Hause  rechtwinklig  stehenden  Stadels  verbindet.  Bei  St 2  leitet  eine  Stiege  in  den 
Dach  räum  des  Hauses.  Die  beiden  gemauerten  Räume  des  Obergeschosses  dürften  in 
früherer  Zeit  als  Kemeten  gedient  haben.  Der  kleinere,  welcher  gewölbt  ist,  ist  heute 
noch  eine  Kammer.  Sie  weist  ein  Ziegelpflaster  als  Fußboden  auf.  Tr  =  Getreide- 
truhe,  M-Tr  =  Mehltruhe. 

Der  zweite  Raum  scheint  erst  in  neuerer  Zeit  durch  die  Errichtung  eines  Ofens 
wohnlich  gemacht  worden  zu  sein.  Es  ist  heute  eine  Stube,  die  an  einen  Inwohner 
vermietet  ist.  Ich  konnte  sie  nicht  betreten,  da  der  Bewohner  vom  Hause  fern  und 
die  Stube  verschlossen  war.  Der  Rauch  aus  dem  Ofen  dieser  Stube  wird  durch  einen 
eigens  zu  diesem  Zweck  erbauten  neuen  Schornstein  abgeleitet. 

Wie  es  nun  scheint,  dürfte  vor  Zeiten  nur  die  gezimmerte  Stube  des  Oberge- 
schosses als  Wohnraum  gedient  haben.  Sie  ist  auch  heute  noch  Wohnraum  und  zwar 
in  der  Form  eines  Gastzimmers,  das  die  erwachsenen  Kinder  beherbergt,  wenn  sie  ab 
und  zu  aus  der  Fremde  ins  Vaterhaus  einkehren.  Es  fällt  auf,  daß  wir  in  dieser  Stube 
keinen  Ofen  antreffen.  Es  wird  darin  wohl  nie  einer  gestanden  sein,  und  die  Familie 
des  Hauses  wird,  so  lange  die  darunterliegende  Gaststube  noch  als  solclie  im  Gebrauch 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


ir.7 


war,  auch  im  Winter  im  ungeheizten  Zimmer  geschlafen  haben,  wenn  nicht  etwa  in 
der  Gaststube  selbst  vielleicht  in  der  Form  von  Tafelbetten,  wie  man  sie  auch  heute 
noch  häufig  in  biluerlichen  Wirtsstuben  findet,  Schlafstätten  vorhanden  waren,  die 
wenigstens  im  Winter  den  Hausleuten  ein  warmes  Nest  boten. 

Nachdem  ich,  in  der  Beschreibung  des  volkstümlichen  Hauses  der  Gegend  von 
Köflach  aufsteigend,  in  der  Besprechung  des  König -Wirtshauses  zu  dessen  entwickeltster 
Form  gelangt  bin,  habe  ich,  abvvärtsschreitend,  in  kurzem  noch  die  primitiven  Formen 
menschlicher  Wohnungen  der  Gegend  zu  beleuchten,  um  durch  sie  zu  den  Urformen 
zu  gelangen,  aus  denen  sich  das  Haus  der  Gegend  \'on  Köflach  zu  seinen  gegenwärtig 
bestehenden  Formen  entwickelt  hat. 


13.    Das  Steiner-Schneider-Haus. 

Das  Steiner-Hchneider-Haus  Nr.  41  in  Kernet berg.  d(S.sen  Bild  die  Abbildung  38 
darbietet,  unterscheidet  sich  von  allen  bisher  besprocheneu  Häusern  dadurch,  daß  es  die 
Wohnräume  und  die  Wirtschafts- 
räunie  unter  ein  Dach  vereinigt.  Dies 
ist  nur  bei  Häusern  möglich,  zu  denen 
ein  geringer  Besitzstand  an  Liegen- 
schaften gehört.  Der  Bauer  besitzt 
denn  auch  nicht  mehr  als:  6  Joch 
931  □»  an  Äckern,  1293  □"  Wiesen, 
207  Q«  Weide  und  4  Joch  754  □" 
Wald. 

Das  Haus  ist  zwar  immerhin 
noch  ein  Bauernhaus  von  ganz  respek- 
tablem Äußern,  in  der  Vereinigung 
der  Wohn-  und  Wirtschaftsräume 
unter  ein  Dach  gemahnt  es  jedoch 
schon  an  die  Ausgestaltung  der  Keu- 
schen, das  sind  Häuschen  von  Land- 
wirten, die  einen  nur  ganz  kleineu  Besitz  an  Liegenschaften  haben, 
auch  nur  als  Ausnehmer-Wohnungon. 

Das  Äußere  des  Steiner-Schneider-Hauses  unterscheidet  sich  von  jenem  der  anderen 
typischen  älteren  Häuser  wesentlich  nicht.  Es  hat  einen  steinernen  Unterbau,  der  in 
das  ansteigende  Erdreich  dergestalt  hineingebant  ist,  daß  mau  in  die  nordwestliche 
Langseite  des  Hauses  ebener  Erde  einfahren  kann.  Auf  dem  steinernen  Unterbau  liegt 
das  fast  durchwegs  aus  Holz  bestehende  Obergeschoß  auf.  Zwischen  beiden  Geschossen 
sehen  wir  sowohl  an  der  südwestlichen  Giebelseite,  als  auch  an  der  südöstlichen  Lang- 
seite balkonartige  Gänge.  Der  Gang  an  der  Langseite  weist  eine  Brüstung  von  ausge- 
sägten Brettern  auf.  Das  Dach  ist  ein  Strohdach,  aus  dem  zwei  Rauclischlote  hervor- 
ragen. Der  unterste  Saum  der  südöstlichen  Dachfläche,  der  sich  über  den  Gang  vorschiebt, 
besteht  aus  Dachbrettern. 

Abbildung  39  bringt  den  (!rundriß  des  Erdgeschosses  und  Abbildung  40  den  des 
Obergeschosses.  Den  größten  Teil  des  Erdgeschosses  nimmt  der  Kuhstall  ein.  Vor 
ihm   ist   der  Kälberstall,   der    einen   eigenen  Eingang    hat,    nur    durch   eine  zaunarlige 


Abbildung  38.    Sleiner-Schneider-Haus. 


Oft   dienen  sie 


1Ö8 


J.  R.  Bunker- Odenburg. 


AbliiUlung  M'.t.     Steincr-Sclinciiler-Haus  (EnIgcschuG).     1:200. 


Stangenwand  abgetrennt.  In  der  Giobelseite  des  Hauses  liegt  ein  Keller  in  der  Breite 
des  Stalles.  Der  Eingang  zum  Keller  befindet  sich  in  der  Giebelwand.  Neben  der 
Tür  ist  ein  kleines  Fenster  angebracht.  Im  Keller  sind  Mostfässer  und  Krautbottiche 
untergebracht.  Der  Raum  zwischen  Keller  und  Kuhstall  ist  nicht  ausgenutzt.  Dem 
Keller  ist  seitlich,  wie  aus  der  Abbildung  39  zu  sehen,  ein  Schweinestall  vorgelegt.  Er 
liegt  unter  der  Stiege,  die  zum  Gang  hinaufführt.  Nebenan  ist  ein  Verschlag  für 
Streu  angebracht.     Dem  Kuhstall  ist  eine  Futterkammer  vorgelegt. 

Im  Obergeschoß  nehmen  den  größten  Teil  die  Wirtschaftsräume  ein.     In  der  Mitte 

des  Hauses  liegt  die  Tenne,  in 
welche  durch  das  große  Tor  an 
der  Rückseite  des  Hauses  die 
Ernte-  und  Heuwagen  einfahren. 
Nach  rechts  schheßt  sich  der 
Tenne  der  Heubarren  an.  Über 
dem  Heubarren  befindet  sich 
keine  Decke,  sondern  nur  ein 
Rost  von  Stangen  (Taf'l).  Hier- 
her kommt  das  ausgedroschene 
Stroh.  Außerhalb  der  Rück- 
wand des  Heubarrens  ist  dem 
Hause  ein  Schupfen  angefügt, 
über  den  sich  ein  Pult- 
dach legt.  Der  Schupfen  ist 
nach  drei  Seiten  offen.  Im 
Schupfen  finden  die  Wirt- 
schaftswagen vor  dem  Re- 
gen Schutz.  Dem  Heu- 
barren ist  eine  Futterkani- 
mer  vorgelegt.  Sie  steht 
mit  ersterem  durch  eine 
Tür  in  Verbindung.  In  der 
Futterkammer  steht  bei 
FSt  ein  Futterstock.  Das 
Mischat,  welches  damit  ge- 
schnitten wird,  fällt  durch 
das  im  Fußboden  ange- 
brachte Futterloch  F-L  in 
die  darunterliegende  Futterkammer  des  Erdgeschosses.  An  den  Ileubarren  und  die 
Futterkammer  schließt  sich  nach  rechts  noch  ein  Raum  an,  der  ebenfalls  zur  Auf- 
nahme von  Heu  dient.  Zum  Unterschied  vom  Heubarren  heißt  dieser  Raum  «Futter- 
l)oden».  In  der  vorderen  Ecke  desselben  steht  das  Bett  B  des  Knechtes.  Bei  a  führt 
eine  Tür  ins  Freie.  Sowohl  die  Futterkammer,  wie  auch  der  Heuboden  sind  nach  außen 
nur  mit  Brettern  verschalt.  Die  Wände  der  Tenne  und  des  Ileubarrens  bilden  unbe- 
hauene Balken  (Rundholz),  welche  an  den  Ecken  verkämmt  sind. 

Die  Wohnräume  dieses  Hauses  beschränken  sich   auf  nur  zwei  Gelasse,    auf  eine 


Schupfen 


Heubodei 


Fullark 


amriEr 

r-L  r-st 

ni         I 


Abbildun},'  40.     Steiner-Schneider-Haus  (Obergeschofi).     1  :  ^00. 


Das  Bauernhaus  der  ücgeiiU  von  Köflach  in  Steiermark. 


109 


Küche  und  eine  Stube.  Die  Küche  Ix-tritt  man  vom  breiten  Gang  aus.  Im  Hinter- 
grunde stellt  der  offene  Herd.  Die  ihn  umfangenden  Wände  bestehen  aus  Mauerwerk. 
Sie  tragen  ein  fiaches  Tonnengewölbe,  das  einen  Feuerhut  unnötig  macht.  Der  Herd 
ist  aus  Steinen  aufgebaut,  seine  Oberfläche  bildet  ein  Ziegelpflaster,  das  ein  Holzrahmen 
einschließt.  Im  Ilerdkörper  ist  ein  Hohlraum  zur  Aufnahme  von  Hclieiterholz  au.sge- 
spart.  Über  dem  Herd  hängt  ein  Kessel.  Ein  zweiter  Kessel,  der  Saufutterkessel,  ist 
neben  dem  Herd  eingemauert :  S-K.  Auf  die  Oberfläche  des  Herdes  mündet  die  Heize 
des  Kachelofens,  der  innerhalb  der  Mauer  in  der  Stube  steht.  Über  dem  Ofenloch  ist 
ein  etwa  10  cm  im  Durchmesser  messendes  Loch,  das  (Zugloch»,  angebracht,  welches, 
wenn  das  Feuer  im  Ofen  brennt,  Gegeuzug  vermittelt.  W-B  =  Wasserbank,  K-K 
=  Kücheukasten.  Über  a  sind  zwei  Stellagen  au- 
gebracht. Auf  der  unteren  befinden  sich  Töpfe 
(Häf'nstöiriO  und  auf  der  oberen  Pfannen  (Tfann- 
sfiiU'n).  Über  R  sitzt  ein  hölzerner  Rauchschlot 
auf.  Da  der  Rauch  durch  denselben  seinen  Weg 
nur  schwer  finden  mochte  und  lieber  durch  die 
offengelassene  Küchentür  oder  durch  das  darüber 
angebrachte  Rauchloch  abzog,  wurde  über  R2  ein 
zweiter  Schlot  errichtet,  der  sich  nach  unten  in 
einen  Rauchfang  erweitert. 

Die  Stube  zeigt  das  gewohnte  Aussehen  einer 
Kachelstube.  Sie  hat  eine  einfache  Bretterdecke. 
Die  Fugen,  die  sich  bilden,  wo  zwei  Bretter  zusam- 
menstoßen, sind  von  unten  durch  Leisten  gedeckt. 
Die  Decke, wird  in  ihrer  .Mitte  von  einem  Unterzug- 
balken getragen.  Am  Balken  sind  Stellagen  an- 
gebracht. Darauf  liegen  Bücher,  Bürsten,  Werkzeug 
imd  das  Nähzeug  der  Bäurin.  Der  Fußboden  ist 
gedielt.  Der  Ofen  ist  ein  Kachelofen  aus  grün- 
glasierten topfähnlichen  Kacheln.    In  dem  Ofen  ist 

ein  kupferner  Kessel  eingemauert.  Der  Ofen  ist  von  einem  Geländer  und  Bänken  um- 
schlossen. Da  im  Hause  ein  Backofen  fehlt,  backt  die  Bäurin  das  Brot  im  Kachelofen. 
T  =  Tisch,  Ba  und  Bas  =  Bänke,  A  =  Altar.  Hü  =  Ilühnersteige,  Ka  ^  Kasten. 
U  =  Uhr.  Bei  a  und  h  iiiingen  Rosenkränze  an  der  Wand,  am  Türpfosten  ein  Weih- 
wasserkessel aus  Ton. 


Abbildung  41.    Hochbundschuh-Keusclie. 


14.  Die  Hochbundschuh-Keusche. 
Die  Abbiklung  41  bringt  das  Bild  eines  kleinen  Häuschens.  Es  steht  unter  der 
Nummer  55  etwas  abseits  von  dem  am  höchsten  gelegenen  Gehöfte  der  CJemeinde 
Kemetberg  und  gehört  zu  diesem,  dem  Hochbundschuh-Gehofte.  Das  Häuschen  diente 
ehemals  dopi>elten  Zwecken.  Es  wurde  im  Spätherbste  zum  Dörren  des  Flachses  ver- 
wendet, war  also  zu  dieser  Zeit  Brechelstube,  und  diente  sonst  entweder  dem  alten 
Besitzer  der  Hube  als  Ausnehmerwohuung  oder  sonst  einem  armen  Mieter  als  Unter- 
schlupf. Heute  steht  das  Häuschen  ganz  verwahrlost  und  dem  Verfalle  preisgegeben. 
Für  die  l^nterkunft  eines  etwa  vorhandenen  Auszüglers  ist  im  Bauernhause  duudi   ein 


IGO 


,1.  1^1.  Büiikur-Ödciibur 


zugebautes  Nclx'nstübel  gcsorot  und  als  Breclielsliibc  ist  das  Häusclicn  sclioii  lange 
außer  Gebrauch  gesetzt,  da  der  Flaclisbau  in  der  Ciegend  ganz  aufgegeben  worden  ist. 
Sowohl  die  Abbildung  41,  als  auch  der  Grundriß  des  Häuschens,  Abbildung  42,  si)rechen 
für  sich  allein  schon.     Ich  habe  wenig  zur  Erklärung  beizufügen. 

Das  Häuschen  umschließt  drei  Räume.  In  der  Mitte  liegt  die  Küche  mit  dem 
Herd  H  im  Hintergrunde.  C'ber  dem  Herd  ist  ein  Feuerhut  angebracht.  Vor  dem- 
selben befindet  sich  über  R  in  der  einfachen  ßretterdecke  ein  Loch,  durch  das  der 
Rauch  in  den  Dachraum  entweichen  kann.  Von  dort  sucht  er  sich  seinen  Ausweg 
durch  die  Lücken  in  den  Giebelwänden  oder  durch  die  Fugen  des  Daches.  St  =  Stiege. 
Links  von  der  Küche  ist  die  Stube.  Die  stabilen  Bänke,  Ba  und  Ba2,  deuten 
darauf  hin,  daß  dieser  Raum  schon  von  Anfang  an  als  Wohnraum  benutzt  worden  ist. 
T  =  Tisch,  O  =  Ofen  aus  topfförraigen  Kacheln.  Der  Ofen  ist  durch  Bänke  ein- 
geschlossen. 

Der  Raum  rechts  von  der  Küche  diente  früliei'  als  Brechelraum.  Es  ist  der  ein- 
zige Raum,  der  heute  noch  einen  Zweck  hat.  Er  dient  nämlich  den  Kälbern  als  Unter- 
standsort.    Bei  a  befindet  sich  eine  breite  Öffnung  in  der  Wand,   die   nie   durch  eine 

Tür  zu  schließen  war.     Durch  sie  gehen  die  Kälber  ein 
und  aus. 

Die  beiden  AVohnräume,  Küche  und  Stube,  erinnern 
an  die  beiden  der  Hauptsache  nach  ganz  gleich  aus- 
gestatteten Wohnräume  im  Steiner-Schneider-Hause.  Ob 
aber  das  Häuschen  immer  die  gleiche  Einteilung  gezeigt 
hat?  Ich  zweifle  daran.  Mir  will  es  scheinen,  als  ob 
die  Mauer,  welche  Küche  und  Brechelraum  trennt,  erst 
später  eingeschoben  worden  wäre,  denn  wäre  diese  Wand 
mit  dem  Häuschen  zu  gleicher  Zeit  errichtet  worden,  so  hätte  man  sie  bestimmt  aus 
Holz  hergestellt.  Der  Raum,  welcher  zuletzt  als  Brechelraum  gedient  hat,  scheint  mir 
im  Verhältnisse  zu  anderen  Brechelräumen  auch  viel  zu  klein.  Ich  glaube,  die  Küche 
und  der  Brechelraum  waren  früher  ein  Raum  und  bildeten  zusammen  den  ursprüng- 
lichen Brechelraum.  Ob  dann  ein  Herd  in  dem  Raum  stand  oder  aber  in  der  Stube 
und  diese  infolgedessen  eine  Rauchstube  war,  konnte  ich  nicht  mit  Sicherheit  feststellen. 
Die  Stube  ist  nämlich  jetzt  geweißt.  Die  neuere  Kalkschichte  verdeckt  möglicherweise 
eine  ältere  Rußschichte.  Es  kann  hier  also  an  eine  Verlegung  des  Herdes  in  die  Laube 
gedacht  werden,  wie  sie  ähnlich  im  Engelbauer-Hause  vorgenommen  wurde.  Der  Be- 
sitzer   vermochte  mir  darüber  keine  sichere  Auskunft  zu  erteilen. 

15.  Die  Reinthaler-Keusche. 

Die  Reinthaler-Keusche,  deren  Bild  die  Abbildung  43  zeigt,  gehörte  als  Ausnehmer- 
wohnung zur  Reinthaler-IIube  in  Piber  bei  Köflach.  Die  Keusche  ist  mit  der  Hube  in 
den  Besitz  der  k.  k.  Staatsdomäne  Piber  übergegangen. 

Das  Häuschen  ist  noch  kleiner  als  die  Hochbundschuh-Keusche,  ist  noch  bewohnt 
und  besteht,  wie  Abbildung  44  zeigt,  nur  aus  zwei  Räumen,  aus  Küche  und  Stube. 
In  der  Küche  steht  bei  H  ein  Sparherd.  Darüber  aber  ist  ein  Feuerhut  angebiacht,  es 
muß  daher  hier  früher  wenigstens  zeitweilig  ein  offener  Herd  gewesen  sein.  T  =  Tisch, 
W-B  =  Wasserbauk,  K-K  =  Küchenkasten. 


Alibililun;,'  i-2.     Grundriß  der 
Hoclibundscbuh-Keusclie.    1  :  200. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark. 


101 


Aljbilduiig  4:!.     Die  Reinllialer-Ütuscl 


In  der  Stube  steht  bei  0  ein  kleiner  eiserner  Ofen.  Früher  soll  an  seiner  Stelle 
ein  Kachelofen  gestanden  sein.  T  =  Tisch,  S  =  zwei  Sessel,  B  und  ßi  =  Betten, 
Ko  =  Kommode. 

Es  fällt  hier  besonders  auf,  daß  der  erste  Raum  des  Häuschens  nur  Wände  aus 
Brettern  hat.     Ich  habe  noch  nie  ein  Hau«,    imd  wäre  es  noch  so  primitiv  gebaut  ge- 
wesen, gesehen,  in  dein  die  Wände  des  Herdraumes  nur  aus  Brettern  hergestellt  waren. 
Anders  steht  dies  in   bezug  auf  die 
Laube.    Es  wurde  oben  schon  darauf 
hingewiesen,  daß  sowohl  in  der  Ge- 
gend von  KüHach,  als  auch  in  Ober- 
kärnten  sich  alte  Häuser  vorfinden, 
bei  denen  die  Außenwände  der  Lau- 
ben nur  aus  Brettern  bestehen. 

Es  brachte  mich  dies  auf  den 
Gedanken,  daß  auch  der  erste  Raum 
der  Reinthaler- Keusche  einst  nur 
eine  Laube  gewesen  sein  müsse.  Der 
zweite  Raum  mußte  dann  eine  Rauch- 
stube mit  offenem  Herd  gewesen 
sein.  Die  Vermutung  ist  um  so  lie- 
rechtigter,  als  am  Häuschen  sogar 
auch  heute  noch  ein  Rauchfang  fehlt. 
Der  Rauch  mußte  also  aus  der  Rauchstube  in  die  Laube  gedrungen  sein  und  hat  dort 
dann  leicht  durch  die  Lücken  und  Fugen  der  Bretterwände  seinen  Ausgang  ins  Freie 
gefunden.  Auch  diese  Stube  ist  jetzt  geweißt,  so  daß  sich  schwer  konstatieren  läßt,  ob 
sie  tatsächlich  früher  eine  Rauchstube  war. 

Trügt  jedoch  der  Schein  nicht,  so  hätten  wir  sowohl  in  der  Reinthaler-Keusche, 
als  auch  in  der  HochlnnidschuhKeusche  in  ihrem  ursprünglichen 
Zustande  einfache  kleine  Wohnbauten  vor  uns.  die  mit  ihren 
Rauchstuben  und  vorgelegten  Lauben  den  beiden  ursprünglichen 

2o       ^[ß  Qi .J      A\'ohnräunien  im  Ziri-Hause  und  im  langen  Wegger-Hause  voll- 

.1  rn    j^  o|    ^    Irri      kommen  entsprechen. 

Den  Schluß  in  der  Beschreibung  von  Häusern  aus  der  Ge- 
gend von  KöHach  soll  die  Besprechung  eines  Häuschens  bilden, 
das  in  der  Tat  als  Wohmäume  nichts   als  eine  Laube  und  eine 
Rauchstube  enthält  und  diese  beiden  Räume  bis   auf  den   heutigen  Tag  in  ihrem  ur- 
sprünglichen  Charakter  erhalten  hat. 

i6.  Die  Schriebl-Keusche. 
Die  Schriebl-Keusche,  deren  Bild  durch  die  Abbildung  45  wiedergegeben  ist,  gehört 
zum  oben  im  Abschnitte  4  beschriebenen  Schrii'bl-Hause,  liegt  aber  unter  H.-Xo.  34 
weit  von  diesem  enttV'rnt,  tief  unten  im  Gößnitz-Graben.  Sie  diente  früher  als  Aus- 
nehmerwohnung, seit  aber  dem  Schriebl-Hause  die  vordere  Kachelstube  vorgebaut  wurde, 
wird  die  Keusche,  wenn  sieh  Mieter  finden,  in  Pacht  gegeben.  Als  ich  sie  aufnahm, 
war  sie  unbewohnt. 


Abliililunj;  44,    Grumirir) 
der  Reinllialer-Keusche. 


Wörter  und  Sachen,    J, 


il 


162 


J.  R.  Bunker -ödenburg. 


Ihr  Äußeres  macht  den  Eindruck,  als  ob  man  ein  verkleinertes  Bauernhaus  vor 
sich  liätte.  Das  Häusehen  ist  zweigeschossig.  Abbildung  46  bringt  den  Grundriß  des 
in  das  ansteigende  Erdreich  hineingebauten  Erdgeschosses,  Abbildung  47  den  des 
Obergeschosses. 

Im  Erdgeschosse  beiludet  sich  ein  geräumiger  Rinderstall  und  ein  zweiter  Stall, 
der  einen  Kälber-,  einen  Schaf-  und  einen  Schweinestall  in  abgesonderten  Verschlagen 
vereinigt.  Au  den  Rinderstall  schließt  sich  noch  ein  mit  Bretterwänden  versehener 
Schupfen  für  Streu  an.     Die  Ställe  bestehen  aus  Mauerwerk. 

Das  Obergeschoß  besteht  aus  einer  großen  Tenne  und  den  Wohnräumen.  Die 
Tenne  hat  einen  Fußboden  aus  starken  Trambalken  und  keine  Decke.     An  Stelle   der- 


Abliililimg  4G.     Scliriebl-KeusLlie  (Enltjeh^clinl.i).      1  :  'JUÜ. 


Abbildung  45.     Die  Schriebl-Keusche. 


Abbildung  47.  Schriebl-Keusclie  (Obere^eschoß).   1  .■2(JÜ. 


selben  befindet  sich  eine  Lage  loser  Bretter,  auf  die  Getreide  geschichtet  werden  kann. 
Die  Wände  der  Tenne  bestehen  aus  runden  unbehauenen  Baumstämmen. 

An  die  Tenne  schließen  sich  die  beiden  Wohnräume  an:  die  Laube  und  die  Rauch- 
stube.    Aus  der  Laube  führt  eine  Stiege  zum  Dachraum. 

Die  Rauchstube  ist  gedielt  und  hat  einen  Stuckboden.  Die  nördliche  Wand  der 
Stube  ist  gemauert.  Wahrscheinlich  wurde  die  Wand  gemauert,  um  das  Eindringen 
des  Regenwassers  in  die  Stube  zu  verhindern.  Das  felsige  Terrain  steigt  nämlich  hinter 
dem  Häuschen  sehr  steil  an.  In  diese  Steinmauer  wurde  der  offene  Herd  eingefügt. 
Über  dem  Herd  schließt  sich  die  Mauer  zu  einem  Gewölbe,  so  daß  der  Herd  eine 
Nische  in  der  Mauer  bildet.  Vor  dem  Herd  liegt  eine  Stufe.  Der  Rauch  strömt  unter 
dem  Gewölbe  hervor  in  die  Stube.  Aus  dieser  kann  er  durch  ein  Raucbloch  über  der 
Tür  entweichen.  Außerhalb  derselben  ist  jedoch  kein  Rauchfang  angebracht.  Es  fehlt 
darum  auch  ein  Rauchschlot  in  diesem  Hause.  In  der  Rauchstube  fand  ich  bei  T  den 
Tisch,  dann  die  stabilen  Bänke,  Ba  und  Baa,  und  ein  Bett,  B.  Auch  die  Holzase  fehlte 
in  dieser  Rauchstube  nicht. 


Das  Bauernhaus  der  Gegend  von  Köflach  in  Steiermark.  163 

Der  Keller  soll  erst  in  neuerer  Zeit  in  den  felsigen  Boden  liineingegraben  und 
ausgemauert  worden  sein. 

In  der  nördlichen  DacliHäclie  ist  eine  große  Dachluke  zu  sehen,  durch  die  Heu 
auf  den  Lauljen-  und  Rauchstubenboden  gelegt  werden  kann. 

In  diesem  Zustande  habe  ich  die  Schriebl-Keusche  angetroffen.  Sie  zeigte  jedoch 
nicht  immer  dieses  Aussehen.  Die  Tenne,  der  große  Rinderstall  und  der  Streuschupfen 
sind  Zubauten.  Die  Keusche  bestand  also  ursprünglich  nur  aus  den  beiden  Wohn- 
räumen und  dem  darunterliegenden ,  in  drei  Verschlage  geteilten  Stall.  Die  beiden 
kleinen  mit  Holzschubern  versehenen  Fenster  in  jener  Wand,  die  die  angebaute  Tenne 
von  der  Laube   trennt,    stammen   noch  aus  der  Zeit  vor  dem  Anbau.     Heute    sind    sie 

zwecklos. 

*  * 

* 

Noch  vor  wenigen  Jahren  war  man  allgemein  der  Ansicht,  daß  das  ganze  große 
oberdeutsche  Gebiet  durch  eine  einzige  Hausform  beherrscht  wird,  deren  niedrigste  Ent- 
wicklungsstufe aus  zwei  Räumen  verschiedenen  Charakters  besteht:  aus  einer  Küche 
und  einer  Stube  oder  aus  einem  Herdraum  und  einem  Ofenraum.  Diese  beiden  Räume 
bilden  das  Charakteristikum  des  «oberdeutschen  Hauses».  Nun  fand  sich  aber  auf  ober- 
deutschem Gebiet  noch  eine  zweite  Hausform,  deren  primitivste  Form  aus  einer  feuer- 
stellenlosen Laube  und  einem  Herdraum  besteht,  welch  letzterer  jedoch  nicht  als  Küche 
in  oberdeutschem  Sinne  angesehen  werden  kann,  sondern  der  Koch-,  Wohn-,  Arbeits- 
und sogar  Schlafraum  in  einem  ist.  Es  ist  die  Rauchstube.  Dieses  Haus,  welches  sich 
sonach  wesentlich  vom  oberdeutschen  Hause  unterscheidet,  eingehend  zu  besprechen, 
blieb  mir  vorbehalten. ^  Ich  besehrieb  es  zuerst  aus  der  Gegend  von  Vorau,  dann  aus 
meiner  oberkärntnerischen  Heimat  und  schließlich  jetzt  auch  aus  der  Gegend  von  Kötlach. 

Von' den  sechzehn  Häusern,  die  ich  im  Vorstehenden  zur  Besprechung  brachte, 
besaß,  wie  sich  zeigte,  von  ihrem  Ursprung  an  nur  der  geringste  Teil  wirkliehe  Küchen, 
der  größere  Teil  hatte  von  Anlang  an  Rauchstubeu  oder  besitzt  sie  auch  heute  noch. 
Von  einzelnen  der  Bauernhäuser  konnte  zudem  festgestellt  werden,  daß  deren  Wohn- 
räume zur  Zeit  der  Erbauung  nur  aus  einer  Rauchstubc  und  einer  ihr  vorliegenden 
feuerstellenloseu  Laube  bestanden.  Die  Urform  dieser  Häuser  erblicken  wir  aber  in 
den  zuletzt  beschriebenen  Bauten,  in  den  Keuschen,  vor  allem  in  der  Schriebl-Keusche, 
wahrscheinlich  auch  in  der  Reiutlialer-  und  Hochbuntsclndi-Keusche,  wenn,  woran  kaum 
zu  zweifeln,  auch  deren  Stuben  einst  Rauehstuben  waren. 

Über  diese  primitivsten  Formen  des  Herdhanses  der  Gegend  von  Köflach  des 
weiteren  zu  sprechen,  ferner  die  Entwickelung  derselben  zu  den  höheren  Formen  des 
Bauernhauses  der  Gegend  von  K(iflach  eingehend  zu  l)eleuchten,  und  schließlich  die 
llausformen  dieser  Gegend  mit  denen  in  der  Umgebung  von  \'orau  und  jenen  in  Ober- 
kärnten  in  Vergleich  zu  ziehen,  wird  mir  vielleicht  durch  diese  Zeitschrift  in  nächster 
Zeit  mit  einer  ergänzenden  Arbeit  vergönnt  sein. 


'  In  seiner  Eigenart  erkainit  lial  es  zuerst  R.  Meringer,  S.U.  A.W.  Wien  144,6,  S.  ö  ff. 


Sl« 


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Rudolf  Meringer. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 

Von   Rudolf  Meringer. 


I.  Zu  den  Werkzeugen  der  ir/«.se>'<?-Reihe. 

Vergl.  oben  S.  1  ff.» 

Icli  liabe  den  Namen  des  Fußhammers,  der  Aule,  mit  mhd.  (mir  «Fußge- 
lenk, Genick»  identifiziert.  Man  kaiui  eine  Parallele  dazu  aus  dem  Griechischen  beibringen, 
welche  den  Übergang  der  Bedeutungen  in  ganz  ähnlicher  Weise  zeigt:  crqsupöv  bedeutet 
«Knöchel,  Ferse»,  crcpöpa  (aus  *crcpupm)  «Hammer,  Schlägel».  Die  beiden  Wörter  ge- 
hören zu  *spOO<'r  «mit  dem  Fuße  stoßen»,  lit.  spiriii,  ffTraipuj,  wozu  sich  aus  dem  Ger- 
manischen nocli  Spor»,  Spur,  spüren  (weiteres  bei  Torp-Falk,  Fick  IIP,  S.  5ü8  f.)  stellen. 
\\'ichtig  ist  ahd.  spurihnJ.:,  mhd.  spm-liah-  «lahm,  hinkend»  (von  Pferden)  und  bekannt 
der  Zauberspruch  de  liac  qiwd  spi<riJiah  d/cmd. 

Vielleicht  gehört   ahd.  mcJio  (Graff  I,  Sp.  346),  mhd.  enlr  (Müller,  Mhd.  AVb.  I, 
434)  hierher.    Es  wäre  denkbar,  daß  man  za*anrha  ein  ^anchio)/-  bildete,  wie  im  Gotischen 
Jca.ya  «Töpfer»  neben   J:as  «Gefäß,  Topf»,    fisj:}a  neben 
fisls  steht.  Dann  wäre  mcho  der  Mühlknecht,  nament-  (^^^i\  nfe^^^ 


Abbildung  1. 

Lettischer  Mörser. 

Nach  A.  Blelenstein 


Abbildung  2.    Lettischer  Mörser. 
Nach  A.  Bielenstein. 


Abbildung  3.     Lettischer  Mörser. 
Nach  A.  Bielenstein. 


lieh  der  bei  der  Anke  verwendete.  Daß  die  Bezeichnung  von  einem  Teil  der  Beschäf- 
tigung genommen  werden  kann,  zeigt  eine  Reihe  von  Handwerkernamen,  z.  B.  pistor, 
sidor,  Sdincidrr,  Tiscldcr,  Spoiißer,  Hafner  usw.  Das  Wort  Enl-c  findet  sich  noch  in 
Mittel-  und  Norddeutschland  und  bedeutet  «Vieh-  oder  Ackerknecht». "^  Das  wird  aber 
eine  Erweiterung  der  ursprünglichen  Bedeutung  sein,  denn  im  Parzival  119,  2  steht  ir 
hiditde  iDide  ir  rid.rn,  wobei  wohl  verschiedene  Arbeiter  gemeint  sind,  also  etwa  «ihre 
Ackerknechte  und  ihre  Mühlknechte»   zu  übersetzen  sein  wird. 

Zur  Vervollständigung  meines  Bildermaterials  stelle  ich  die  lettischen  Mörser  Cpeesta) 
nach  Bielenstein,  Die  Holzbauten  mid  Holzgeräte  der  Letten,  S.  263  f.,  hier  dar  (Ab- 

'  Ich  bitte  den  Druckfehler  S.  2ü  Z.  1.5  v.  o.  stamfl  in  xtamf  7  zu  korrigieren.  —  Mit  Dank  er- 
wähne ich,  daß  ich  die  Originalphotographie  von  Abbildung  2,  S.  5,  durch  die  gütige  Vermittlung  H.  Schraders 
dem  Entgegenkommen  des  Direktors  der  Eremitage  E.  Pridik  verdanke.   —    '  Weigand-Hirt  s.  v.  Enke. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


165 


bililuagen  1  bis  3).  Man  beachte  namentlich  die  Form  des  dritten  Mörsers  (Abbildung  3), 
die  mit  der  unseres  volkstümlichen  Stamperls  große  Ähnlichkeit  hat  (vergl.  oben  S.  8). 
Über  die  Herstellung  der  Morser  Ijerichttt  ßiolenstein  S.  2()4  folgendes:  Man  nimmt 
einen  Kiefern-  oder  Tannenklotz  und  beginnt  das  Auskratzen  mit  einem  Instrument 
aus  Eisen.  Dann  wirft  man  eine  glühend  gemachte  alte  Kanonenkugel  oder  den  «glühend 
gemacliten  Kofif  eines  Wagenbolzens»  in  che  Vertiefung  und  überläßt  diesen  das  weitere 
Ausbrennen  der  Höhlung.  Diese  Art  der  Herstellung  entsj)richt  also  ganz  der  in  Ungarn 
üblichen,  von  der  oben  H.  7  die  Rede  war. 

Zu  der  Aargauer  Slaniiife,  die  von    einem  federnden  Balken  hinaufgezogen    wird, 
und  zu  der  wotjakischen  Stampfe  (oben  S.  9)  kann    icli  nun  auch    ein  Seitenstück   aus 
dem   Lettenlande   bringen,    vergl.  Abbildung  4   (nach 
A.  Bielenstein,  a.  a.  O.,  S.  2G6f.). 

Man  beachte,  daß  die  lettischen  Keulen  noch 
heute  die  altägyptische  und  altgriechische  Form  haben. 

Die  Figur  5  ist  der  Wisla,  Bd.  XV,  Taf.  H,  ent- 
nommen. Die  Form  des  Eichenmörsers  ist  so  wie  die 
von  Abbildung  7  und  18  (oben  S.  7  und  12),  die  Form 
der  Keule  ist  die  eben  besprochene. 

In  Aljbiidung  8  bringe  ich  die  Darstellung  einer 
indischen  ßeisstampfe.  Man  sieht  drei  Anken,  wie 
die  bei  uns  gebräuchlichen,  nebeneinander  angel)racht. 
Alle  drei  haben  Holzklötze  aufgebunden,  um  beim 
Fallen  größere  Wucht  entwickeln  zu  können.  Die 
Anken  1  und  3  haben  soeben  in  die  Mörser  hinein- 
geschlageji.  Die  Anke  2  i.st  hoch  erhoben,  gar  so  hoch 
augenschehdich  bloß  deshalb,  um  ein  klareres  Bild  zu 
geben.  Vor  den  Mörsern  sind  Hache  Körbe  aufgestellt, 
welche  wohl  das  Herausspringen  der  Körner  verhin- 
dern sollen. 

2.  Zu  den  Werkzeugen  der  molere-Reihe.         Abbildung  4.    LeUische  KornsUimpfo. 

Über  die  Geschichte   der  Mühlen  vergl.  L.  Lin-  Nach  A.  Bielensiein. 

det,  Les  origines  du  moulin  ji  grains.    Revue  archeo- 
logique,    III.   SǤrie,    Tome   XXX\'   (1899).    S.    413,    und    XXXVI  (1900),  S.  17. 

In  bezug  auf  das  relative  Alter  der  verschiedenen  Mahlvorrichtuugen  sagt  Bielen- 
stein, a.  a.  O.,  S.  260:  «Ich  halte  es  für  möglich,  daß  die  hölzerne  und  steinerne  Korn- 
stampfe wegen  ihrer  Einfachheit  älter  ist  als  die  Handmühle.  Die  Erfindung  der  letzteren 
hat  ein  außerordentlich  großes  Genie  erfordert. »  Das  ist  richtig.  Ich  möchte  versuchen, 
die  Stadien  der  Kornverkleinerung  in  diesem  Schema  darzustellen: 

1.  AVurzel  *pis;  Instrumente  dieser  Technik  sind  Holzmörser  und  Holzstößel. 

2.  Wurzel  *)i('iii-iiir,  es  werden  die  Körner  mittelst  eines  Steines,  der  auf  einer 
Seite  dach  ist,  auf  einem  größeren  Ilachen  oder  leicht  vertieften  Steine  zerkratzt  und 
zerrieben. 

«Steinerne  KoHKiuetscher  hat  Schliemann.  Ilios,  S.  2(i8f.,  in  großer  Zahl  in  deu 
unteren    Schichten    der    trojanischen  .Vusgrabungen    vorgefunden,  während   sie   in   den 


ICG 


Rudolf  Meringer. 


oberen  nicht  mehr  vorkamen.»     Siehe  Benndorf  in  seinem  Aufsatz  über  alti^riecliisches 
Brot  (Eranos  Vindolionensis,  S.  376). 

Die  *^/.s-Teclinik  liat  insofern  eine  Vervollkommnung  erlangt,  als  entweder  der 
Mörser  allein  oder  Mörser  und  Keule  aus  Stein  hergestellt  wurden.  Der  Steininörser  blieb 
aber  flach,  schalenartig.  Die  Steiukeulen  scheinen  nicht  sehr  beliebt  gewesen  zu  sein,  was 
wohl  mit  der  Schwierigkeit  ihrer  Herstellung  zusammenhängt  und  auch  damit,  daß  die 
Holzkeule  genügende  Dienste  zu  leisten  imstande  war. 


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Abbildung  b.   Pohiisclie  .Stajiipfe  zur  Bereitung  der 
Gerstengraupe.     Aus  Wisla,  Bd.  ,W,  Taf.  I. 


Abbildung  11.     l'ulnisclie  Handiniilde. 
Aus  Wisla,  Bd.  XV,  Taf.  II. 


3.  Wurzel  *i)iii-iiwl-  die  Technik  kann  von  der  e1jen  beschriebenen  nicht  stark  ver- 
schieden gewesen  sein. 

4.  Eine  Entwicklung  der  *mrl-)iiol-  Technik  ist  eine  Maschine  mit  konzentrischem 
Rotieren  des  oberen  Steines  auf  dem  unteren,  die  spätere  «Handnuihle». 

Eine  einfache  Handmühle  der  Letten  stelle  ich  nach  A.  Bielenstein  in  Abbildung  7 
dar  und  verweise  did^ei  auf  die  Kwerne  bei  R.  Andree,  Braunschweiger  Volkskunde^, 
S.  260,  wo  man  auch  das  Bild  einer  Hirsestampfe  —  Mörser  und  Keule  —  findet.  Die 
Abbildung  6  ist  der  Wisla,  Bd.  XV,  Taf.  H,  entnommen. 

Es  wäre  verlockend  anzunehmen,  daß  in  unserem  Wort  3Iiildc  altes  heimisches  Sprach- 
gut vorliegt  unfl  es  zur  Wurzel  *meJ-niol  gehört.  Dann  hätte  das  Wort  ursprünglich  den 
flachen  Stein,  der  durch  die  Reibung  des  j\Ialens  in  der  Mitte  vertieft,  d.  h.  leicht 
gehöhlt  wird,  oder  den  absichtlich  schalenartig  vertieften  Stein  bedeutet. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


167 


Man  leitet  das  Wort  aber  gewöhnlifh  von  dem  aus  lat.  mulcfra  «Melkkübel»  ent- 
standenen alid.  imdhfru,  mnoltra,  mnoltcra  ((iraff  II,  Sp.  727),  mhd.  nuilt<r  ab.  Wegen  des 
belegten  Wortniaterials  kann  auf  das  DWb.  s.  v.  Mulde  und  MuUer  verwiesen  werden. 
R.  Mucli,  den  ich  um  seine  Meinung  Ijel'ragte,  glaubt  an  die  Identität  der  Wörter  nicht, 
vor  allem  deswegen,  weil  ein  Melkkübel  alles  eher  als  muldenförmig  sei.  «Er  muß  hoch 
und  darf  niciit  zu  weit  sein,  um  zwisclien  den  Beineu  gehalten  werden  zu  können. >' 
Allerdings  hat  man  nicht  immer  so  gemolken,  aber  an  einen  wirklicli  muldenförmigen 
Melkkübel  glaube  ich  auch  nicht.  Leider  sind  wir  über  die  Gestalt  der  römischen 
tmdctra  nicht  sehr  gut  unterrichtet;  im  Dictionnaire'  von  Daremberg-Saglio  wird  ge- 
sagt: c'etait  saus  doufr  unr  sorte  de  terrine  ou  de  jatte;  on  n'en  connaU  ^ws  cxadcmnd  la 
forme,  was  jedenfalls  nur  eine  mäßige  Aus- 
kunft ist. 

Ich  kenne  zwei  Bilder  der  middra.  Das 
eine  ist  auf  einem  pompejauischen  Gemälde, 
welches  A.  Rieh  s.  v.  caprunulfjus  wiedergibt: 
Ein  geflügelter  Knabe  milkt  eine  Ziege.  Er 
sitzt  hinter  ihr  und  die  Milch  fließt  in  einen 
runden  nach  oben  sich  etwas  verjüngenden 
Melkeimer,  der  ganz  die  Form  unserer  heu- 
tigen Melkkübel  hat. 

Ein  anderes  Bild  ist  aus  der  vatika- 
nischen Vergilhandschrift  von  A.  Rieh  s.  v. 
middra  wiederholt.  Hier  ist  der  Melkeimer 
ein  großes  breites  Tongefäß  mit  .s-fiirmig  ge- 
schwungenem Kontur  und  so  flach,  daß  die 
Bezeichnung  «muldenartig»  nicht  mehr  ganz 
widersinnig  ist,  aber  die  Identität  von  Maldr 
und  Midier  noch  immer  nicht  einleuchtend 
macht.  Auch  hier  sitzt  der  melkende  Mann 
hinter  der  Kuh,  nicht  neben  und  teilweise 
unter  ihr.  wie  das  jetzt  bei  uns  Brauch  ist. 

Lat.  midctni  hat  auf  deutschem  Boden  eine  Beeinflussung  von  »idlni  erfahren, 
wie  ahd.  duomllifra  multra  (iraff  II,  722  beweist.  Im  Bayrischen  flndet  sich  »irZ/^r  »Gelte 
zu  Milch,  Wasser»  (Schmeller-,  Sp.  1594).  Den  .tiirnidcliter  der  Oberwaldner  Alphüttc 
hat  ,1.  Bucher  im  Schweizerischen  Archiv  für  Volkskunde,  XI.  Jg.  (1907),  auf  der  Tafel 
nach  S.  286  (bezeichnet  mit  44)  abgebildet.  Ein  Melkkübel  ist  der  Gegenstand  aber 
weder  der  Form  nach  nocli  nach  dem  Gebrauche.  Bei  ital.  »uUra,  iviifra  haben  schon 
Äscoli  und  Salrioni  an  Beeinflussung  durch  melken  gedacht.     Körting  (.)350. 

Das  Wort  Middv  heißt  im  mnd.  moldr,  niollr,  ndd.  moll<\  was  mit  der  hochdeutschen 
Nebenform  Molde  eine  alte  Flexion  *moldö,  '^imddüns  vorauszusetzen  scheint. 

Früher  war  wohl  die  allgemeine  Annahme,  daß  Jliildc  zu  walrn  gehört,  und  icli 
finde,  daß  die  primitiven  Malgeräte  uml  die  primitive  Art  zu  malen  —  vergl.  die  .Abbildungen 
9  —  11  —  diese  Etymologie  zu  einer  sehr  einleuchtenden  machen.  Lautlich  ist  dagegen 
nichts  einzuwenden,  denn  Jfdil  zeigt,  daß  eine  <-Wurzel  vorliegt.  Das  Wort  haftet  noch 
an  einem  sehr  primitiven  Gegenstand;  im  Ostfries,  bedeutet  nämlich  molde,    molle,   mol 


Alil>il(luiig  7,    Eine  lettische  Handmühle  samt 
.Mehlkasten.     Nach  .-\.  Bielenstein. 


168 


Rudolf  Meringer. 


einen  ilachen  Trog,  der  aus  einem  Stüciv  Holz  gei'erti,i)t  ist  (J.  ten  Doornkaat  Kool- 
niann  s.  v.).  Die  Herkunft  aus  latein.  muldra  ist  iu  diesem  Falle  sprachlich  und  sach- 
lich sehr  unwahrscheinlich. 

Nun  heißt  aber  gerade  dieser  Gegenstand  bei  uns  minlti-rn.  molfrr  (Schmeller',  Sp. 
1596),  wofür  bei  Unger-Kliull  in  hochdeutsch  gemachter  Form  iiiulfrr,  multe  auge- 
geben wird.  Ich  hörte  in  Aussee  nu(ot<)ii,  vergl.  M.  A.  G.,  Wien  XXI,  S.  110;  v.  Andrian, 
Die  Altausseer,  S.  48,  schreibt  multrrn.  Schmeller,  a.a  0.,  verzeichnet  noch  fi/ch  mudfern 
«(von  Brettern)  sich  an  der  Bonne  muldenförmig  ziehen»,  ijcmwitcft  «wie  eine  Mulde 
ausgehöhlt  >. 

Danach   glaulie    ich,    daß  JMiddc   ein    heimisches  Wort    i.st,    daß    es    aber  vielfach 


Abbikhiiiy  S.     Indische  Reis^mkc 

von  dem,  mit  der  römischen  Milch-  und  Käsewirtschaft  eingedrungenen  »iidter  aus  lat. 
nmlctra  beeinflußt  worden  ist. 


3.  Die  Urbedeutung  von  got.  f/anisan,  veo^ai  usw. 

Vergl.  I  F.  XXI,  S.  3U2  f.,  S.  309  ff. 

Brugmann  sagt  Kurze  vergl.  Gramm.,  S.  199:  «veoiuai  'ich  komme  heim',  vöcttoi; 
"Heimkehr",  got.  ganisan  'davonkommen,  geheilt  werden'».  Brugmann  meint  also,  daß 
die  Bedeutung  '<geheilt  werden»  sich  aus  der  Bedeutung  «davonkommen»  entwickelte. 
Ich  halte  das  uiclit  für  ganz  richtig,  oder  aber  Brugmann  hat  sich  nicht  deutlica  genug 
ausgedrückt;  den  richtigen  Weg  hat  er  jedenfalls  geahnt. 

Bei  der  Rekonstruktion  von  Grundbedeutungen  muß  mau  immer  darauf  gefaßt  sein, 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


109 


daß  diese  nirgendwo  in  historischeu  Zeiten  mehr  erhalten  ist.'  Nur  wenn  eine  überlieferte 
Bedeutung  die  Herleitung  der  anderen  aus  ihr  gestattet,  darf  man  in  ihr  die  Grund- 
bedeutung sehen.  Dieser  letztere  Fall  scheint  mir  bei  ganimn-vi.Q\iu\  vorzuliegen.  Die 
älteste  Bedeutung  liegt  noch  ziemlich  gut  erhalten  in  veo|iai  vor,  wie  auch  F.  Soimsen, 
Berl.  phil.  Wochenschr.  1900,  8.  719  f.,  gesehen  hat. 

Prellwitz  hat  nämlich  vöcro(;  voüaoq  aus  *vöff/bq  erklärt  und  es  zu  veonai  gestellt, 
indem  er  dafür  eine  Bedeutung  wie  «Heimsuchung»  oder  «die  Heimsuchende>  als 
Mittelglied  annahm.  Das  ist  eine  typische  Art  von  fehlerhafter  Etymologie,  die  aber 
leider  häufig  genug  ist.  Man  nimmt  dabei  ohne  w'eiteres  an,  daß  ein  Bedeutungsüber- 
gang, der  sich  auf  dem  Boden  der  einen  Sprache  zugetragen  hat,  sich  auch  in  einer 
andern  ereignet  hat,  was  für  einige  Arten  ganz  annehmbar  erscheint,  für  andere  —  zu 
denen  der  vorliegende  Fall  gehört  —  aber  durchaus  nicht  einleuchtet.  F.  Soimsen 
hat  sehr  richtig  entgegnet,  daß  veoiaai  im  Griechischen  nicht  mit  ironischem  oder  bitterem 
Nebensinne  gebraucht  wird  (wie  wir 
etwa  hrhiisitcheu ,  aber  auch  heim- 
schicken, -gehen,  -sahlcH  gebrauchen). 
F.  Soimsen  sagte  dagegen,  daß  die 
Kernbedeutung  der  W.  *iies  «heimkeh- 
ren» ist  und  daß  sie  zunächst  von  dem 
aus  dem  Kriege,  von  der  See  und  dergl. 
heimkehrenden  Manne  gebraucht  wurde. 

Auch  ich  glaube,  daß  «ins  Haus 
kommen,  sich  ins  Haus  retten,  heim- 
kommen» die  Urbedeutung  ist,  denn 
bei  primitiven  Zuständen  ist  das  Haus 
der  einzige  Ort,  wo  mau  vor  wilden  Tieren 
was  den  Menschen  bedrängt,  sicher  war. 

Und  so  erklären  sich  auch  die  Bedeutungen  der  verwandten  Wörter  im 
leicht,  wie  ein  Überblick  lehrt. 

Altindisch  inisafe  <5*kommt  heim,  gesellt  sich  zu».  Am  deutlichsten  scheint  mir 
R.  V.  8,  61,  14  zu  sprechen:  te  jänata  gvcim  aiiJaam  säm  vaisdsas  »d  mäfrhhis  »litlids  nasaiita 
jämibhis  «sie  sollen  kennen  ihre  Heimstätte,  wie  Kälber  mit  ihren  Müttern  sollen  sie 
sich  vereinigen  mit  ihren  Geschwistern».  Oder  K.  V.  1.  186,  7:  tdm  im  gira.'^  jüiiayas 
Uli  pdtms  SKrahhis/üiiiaiJi  iianim  nasanfa  «zu  ihm  sollen  sich  (unsere)  Lieder  gesellen, 
wie  vermählte  Gattinnen  mit  dem  herrlichsten  der  Männer».-  Das  Haus,  das  Heim  ist  die 
Stätte  des  Sichzugesellens  und  seine  Bezeichnung  muß  deshalb  der  Ausgangspunkt  des 
Bedeutungswandels  gewesen  sein. 

Im  Awcsta  findet  sich  eine  charakteristische  Stelle  V.  lä,  21:  gö  hr  nuhaf  nasdishm 
ntnünam  uzdasta  «wer  das  (von)  ihrer  (der  Hündin)  Lagerstätte  (aus)  näcli-^tgelegene 
Haus  gebaut  hat»  (vergl.  H.  Iteichelt,  Awestisches  Elementarbuch,  S.  249,  und  Chr. 
Bartholomae,  .Vltiran.  Wb.,  Sp.  106  und  1061),  wodurch  ein  auhn  «Lagerstätte>  be- 
wiesen wird.     Daß  hierin  die  ursprünglichste  Bedeutung  vorliegt,  glaube  ich  allerdings 

'  Verfasser,  Kuhns  V.H.  XL,  S.  i>32. 

'  Leo  Meyer,  Handbuch  der  griech.  EtymoL  II,  S.  'J67.  —  Grafamann  übersetzt  die  letztere  Stelle: 
«Den  lieblichsten  der  Mainier  küssen  unsere  Gesänge  wie  den  Mann  verniählte  Krauen». 

Wörter  uud  Sachen,    l.  SS 


Abbild  iin;.' 
Ungefähr  '/s. 


lt.     H^iii^liiiuhlr  \>>n  Westergötland. 
Nach  0.  Montelius,  Kulturgeschichte 
Scliwedens,  S.  14. 


Feinden.   Wind   uud  Wetter,   kurz  allem, 

einzelnen 


170 


Rudolf  Meringer. 


nicht,  weil  der  ganze  Zusammenhaug  der  Bedeutungen  der  verwandten  Wörter  dagegen 
spriclit.  Ich  meine  vielmehr,  daß  awlia-  eine  primitive  Menschenbehausuug  bedeutete 
und  hier  auf  das  Tierlager  übertragen  erscheint,  weil  der  Mensch  schon  eine  bessere 
Hütte  besaß. 

Formen  von  veecröai  sind  bei  Homer  110 mal  belegt,  immer  im  Sinne  von  «heim- 
kehren, zurückkehren».  Das  Hubstautivuni  v60Toq  «Heimkehr,  Rückkehr»  ist  gegen 
70 mal  belegt.  Rätsel  gibt  vöaTiiaoi;  auf.  Die  «eigentliche»  Bedeutung  soll  nach  1^.  Mej'er, 
a.  a.  0.,  S.  268  sein  «mit  der  Rückkehr  versehen»,  eine  jeuer  gequälten  Konstruktionen, 
die  verschwinden  müssen.  Brugmann^  faßt  vöffriiuoq  richtig  als  «die  Heimkehr 
betreffend».  Aber  wie  ist  die  spätere  Bedeutung  «reif,  genießbar»,  von  Feld-  und  Baum- 
früchten gebraucht, 
entstanden?  Das 
Material  scheint  zur 
Beantwortung  der 
Frage  nicht  zu  ge- 
nügen. 

Zu  veo|uai  ge- 
liört  vaitu,  dasBrug- 
mann,  Griechische 
Grammatik',  S.  84, 
lautlich  zufrieden- 
stellend erklärt.  Es 
bedeutet  «wohnen, 
bewohnen », schließt 
sich  also  bestens 
nach  Gestalt  und 
Bedeutung  an  vco- 
iuai,  vöffTO?  an.  Wir 
kommen  mit  vaioi 
zu  einer  Vorstufe 
Apqpi  6e  vnöv  evaffoav 

YOUVOlOlV 


Abhilduiii,'  10.  .V- .,...:. ..L  1.'.;  ..1,1111  Korn  malend,  um  den  Toten  danjit  zu  versorgen. 
Nach  Ägyptische  und  Vorderasiatische  Altertümer  aus  den  kgl.  Museen  zu  Berlin. 

Tafel  5. 


der  Bedeutung  «heimkehren»,    nämlich  zu  «Ijauen,    ansiedeln». 

(erbauten)  döecrcpaTa  cpöX'  äv&puuirujv,  Hom.  hvmn.  Ap.  298.    Xeovxa  xov  p"  "Hpti 

Karevaffffe  (siedelte  an)  Neiaei^q,  Hes.  Th.  329.^ 

vaieirig  «Bewohner»,  lueTaväarrii;  «Fremdling». 

Daß  griech.  vioeo&ai,  viooeoöai  «gehen,  kommen»  zu  V60|aai  gehört  und  aus  *vivffouai 
hervorgegangen  ist,  glaube  auch  ich.'  Einige  Verbindungen  zeigen  noch  besonders 
klar  den  Zusammenhang  mit  veo|iai,  z  B.  TiiXeiuaxov  laeiaüaai  KaTüKT«|aev  . .  .  oi'Kabe  vicroöiaevov, 
Od.  4,  701.  Das  Wort  war  schon  zu  dem  allgemeineren  Sinne  «kommen,  gehen»  ge- 
langt, so  daß  oiKaöe  hinzugefügt  werden  mußte,  woraus  aber  keineswegs  zu  schließen 
ist,  daß  allgemein  «gehen,  kommen»  die  Urbedeutung  der  Wurzel  war,  wogegen  schon 
vaitu  Einsprache  erhebt. 

•Im  Altindischen  entspricht  njsatc  3.  Ps.  PI.  «sie  küssen»,  das  also  eine  ähnliche 
Bedeutungsentwicklung  durchgemacht  hat,  wie  wir  sie  bei  nas  konstatierten. 


1  Grundriß  II,,  S.  163.  —  ^  L.  Meyer,  a.  a.  0.,  S.  Üli.-|. 

^  Brugmann,  Griech.  Gram.  ',  S.  :^81,  wo  auch  die  Literatur  verzeichnet  ist. 


-L.  Meyer,  a.a.O.,S.270. 


Sprachlich -sachliche  Probleme. 


171 


Die  Bedeutung  «heimkommen»  ist  im  Germanischen  nicht  mehr  erhalten. 

Gotisch  gcutisan  übersetzt  crüiZieö'öai  «gerettet  werden^.  Vergl.  Matth.  9,  21:  jahai 
patainei  attelca  rasfjni  is,  (/(cnisa  ({Tuji>r^0o|Licti) ;  Mk.  10,  26:  hvas  ma;/  fianisan  (ffaiöfjvai)? 
L.  Meyer  meint,  ganisau  bedeute  eigentlich  «in  den  früheren  Zustand  zurückkommen». 
Aus  dem  ganzen  Zusammenhang  halte  ich  das  für  uninüglich,  abgesehen  davon,  daß 
diese  Bedeutung  zu  .schemenhaft,  zu  blutleer  ist.  «Gerettet  werden»  ergibt  sich  leicht 
aus  «ins  Haus  flüchten». 

So  werden  auch  die  späteren  Veränderungen  verständlich.  Ahd.  gancsan  ist  vivere, 
convalescere.'  Uuir  gmcsni  salvi  erimus,  genesint  sahi  fiunt.  Das  Verbum  -nird  mit 
dem  Genitiv  konstruiert,  der  hier  wohl  einen  alten  Ablativus  separationis  ersetzt:  «von 
irgend  etwas  weg  sieh  ins  Haus  retten».  Vergl.  ahd.  (hs  knesen  niiir  rdles.  Das  Kau- 
sativum  nerjan  bedeutet  alerc,  pascrre,  snstentare,  curare;  vergl.  f<in  todc  ncricn,  nere 
mih  forw  minen  fieudcn.  Gmurjan  ist 
servare,  pascere;  gener cta  salvabit.  Got. 
ganists,  ahd.  ganist  bedeutet  salus. 

Die  Grundbedeutung  von  mhd. 
genise  gibt  Zarncke^,  als  «gerettet 
werden»  an.  Belegt  sind  die  Bedeutun- 
gen «gesunden,  geheilt  werden,  aus 
einer  Gefahr  errettet  werden,  sich  wohl 
befinden»  u.  ä.  Mhd.  genist  bedeutet 
«Genesung,  Heilung»  u.  ä. 

Gotisch  iKtsjan,  ahd.  n.erjtü),  mhd. 
nern    hat    die    Bedeutungen     «gesund 


-'.^ivsÄ-^.? 


machen. 


heilen» 


der   Be- 


Abbildung,'  11.     Getreideinaleii  in  .Südafrika. 
Nach  O.  Müiiteliu*,   Kullurgescliichte  Schwedens,  S.  14. 


.,   retten,    heilen»    aus 

deutung    «ins    Haus   aufnehmen»    ent  •-•♦-^^s=l::^'-^rr^■:"^'^''^"^=iv^,Tr>;r- 

wickelt.     Der  ist  lirlinldoi  nnde  irneren 

«gerettet  und  in  Sicherheit»,   si  nertcn 

alle  sierhrn.     Ein   Zweifel   könnte   nur 

darüber  entstellen,  wie  die  Bedeutung  «nähreu»  sieh  einstellen  konnte,  doch  glaube  ich, 

daß    auch    sie    direkt    aus     «ins    Haus    bringen»    herzuleiten    ist.     Ahd.    nara    bedeuti't 

stipeudia,  su.stentatio,   lipiutra  victus,  alimenta;  mhd.  nar  st.  Fem.  hat  den  Sinn  von 

«Nahrung,  Unterhalt»,  aber  auch   «Rettung,  Heil». 

TT  ^  «Rettung> 

Germanisch  *nosö  «Heimkehr,    iMihrung   ins  Haus»  <C     -^  • 

■^  «JNahrung». 

Torp  Falk^  gehen  von  einem  germanischen  nrsan.  ms,  «<=shhi  aus,  das  bereits  be- 
deutet habe  «heil  hervorgehen  aus,  sich  erhalten,  sich  nähren»,  was  richtig  ist.  denn 
die  angegebenen  Bedeutungen  linden  sich  auf  verschiedeneu  Gebieten  des  germauischeu 
Sprachbodens.  Vergl.  die  Schicksale  des  germanischen  ncsta-  in  den  nordgermanischeu 
Sprachen,  wclihc  das  Wort  im  Sinne  von   «Lebensmittel,  Kost»  haben. ^ 

Al>er  hu-  nicht  ganz  richtig  halte  ich  Torp-Falks  -Vnsatz  einer  idg.  Wurzel  ncf 
«heraukonimen».  in  <ler  ich  die  Keime  der   späteren  Entwicklung  nicht  zu  finden  ver- 

^  Mild.  Wörterbuch  II,  S.  379. 


'  Graff,  Ahd.  Spiadiscliatz  11,  S.  lO'.tS  ff. 
»  Ficks,  Vergl.  Wörterbuch  III  *,  S.  296. 
•'  l''alk-l'iirii.  Xmw.-dän.  Kt.  Wb.     Deutsche  Bearb.  von  Davidscn 


V.   t\ix<c. 


asfi 


172  Rudolf  Meringer. 

möchte.'  Tin  Norweg.-däii.  Etymol.  Wb.'  sprechen  dieselben  Verfasser  der  Wz.  die  Be- 
deutung «zurückkommen,  ins  Leben  zurückkehren,  genesen»  zu,  was  also  einen  anderen 
Versuch,  der  Schwierigkeiten  Herr  zu  werden,  darstellt.  Am  bedenklichsten  wäre  es, 
den  Sinn  von  «Nahrung»  schon  in  der  idg.  Wz.  zu  suclien,  was  besonders  abgelehnt 
werden  muß,  obwohl  bis  jetzt  noch  niemand  einen  derartigen  Gedanken  geäußert  hat, 
weil  es  nicht  ausgeschlossen  ist,  daß  sich  jemand  durch  ahd.  tveganc^f  iveyenist,  aisl. 
nrst  «Reisevorrat»  zu  einem  solchen  Ansatz  verleiten  läßt.  Mich  freut  es  konstatieren 
zu  können,  daß  Falk-Torp  im  letztgenannten  Werke  s.  v.  uiatr  für  idg.  *nrs  die  Be- 
deutung «heimkehren»  annehmen,  was  sie  sonst  nicht  tun.  Das  Nomen  *nesto-  bedeutete 
«häusHche  Ausrüstung  (für  die  Fahrt)»,  nicht  «Nahrung»  überhaupt. 

Ich  habe  in  den  IF.  XVIII,  S.  2Glt,  für  die  Sippe  vto|aai,  vömoq,  ganifian  eine  Wz. 
*(>)ie.s,  eine  Technik  der  Holzgewinnung  oder  Bearbeitung  zum  Hausbau  bezeichnend, 
angenommen.  Uldenheck^  wandte  ein,  er  finde  in  der  Sippe  von  veo|uai  nicht  die  ge- 
ringste Spur  einer  Bedeutung  von  Holzbearbeitung  und  Häuserbau.  Vielleicht  ist  es 
mir  nun  gelungen  zu  zeigen,  daß  allerdings  mindestens  «Haus»  oder  «Heim»  in  der 
Grundbedeutung  enthalten  war,  worauf  auch  ai.  ästam  «Heimstätte»  hinweist.  Und 
dieses  Haus,  diese  Heimstätte,  war  ein_  Holzliaus  irgendwelcher  Konstruktion,  wie  wie- 
derum got.  uns  «Balken?  beweist.  Ich  kann  also  dabei  bleiben,  daß  *('hcs  «Bauholz, 
Holzhaus,  ins  Haus  gehen»  bedeutete.  Diese  Grundbedeutung  entspricht  allen  Anforde- 
rungen: Sie  ist  nicht  ein  abstraktes  Gebilde  ohne  jede  Realität,  ist  im  Griechischen 
noch  ziemlich  deutlich  erhalfen  und  —  was  das  Wichtigste  ist  —  alle  überlieferten  Be- 
deutungen lassen  sich  auf  dieser  Grundlage  leicht  begreifen. 

Gotisch  iiaiKisjaii,  erscheint  im  aksl.  als  (joiioz'iü  wieder  und  zwar  in  der  Bedeutung 
servare,  cröj^eiv.* 

Wichtiger  wäre  es,  wenn  ai.  nasntyii  zu  unserer  Wurzel  gehörte,  wie  Uhlenbeck 
angenommen  hat*  und  wofür  der  Sinn  wohl  zu  sprechen  scheint.  Die  Etj'mologien  der 
Inder  sind  schon  im  P\V.  mit  Recht  abgewiesen  worden,  aber  Graßmann  ist  im  Wörter- 
buch zum  Rigveda  bei  der  Erklärung  *nä  *asutyn  «nicht  trügerisch >  stehengeblieben. 
Ndsatyä,  an  erscheint  als  Beiwort  der  Akuiicn  und  diese  «eilen  ihren  Günstlingen  in 
Gefahren  zu  Hilfe,  retten  sie,  heilen  sie  in  Krankheiten,  machen  sie  wieder  jung  und 
frisch»,  was  alles  sehr  gut  zur  Grundbedeutung  von  *ik'.s  stimmen  und  eine  Parallel- 
entwicklung zu  den  V'orgängen  auf  germanischem  Boden  darstellen  würde.  Wie  ist 
aber  näsatya  entstanden,  aus  *niS)dio-'^ 

Die  Dehnstufe  *nes  finden  wir  auch  in  aisl.  nxra  «ernähren»";  daneben  erscheint 
*nrjs  in  ndra,  das  auf  ein  *nözian  zurückführt.  Warum  Torp-Falk  einmal  nxra  und 
nära  anerkennen',  das  andere  Mal  nur  nwra^,  weiß  ich  nicht. 

Der  Awe-sta  kennt  einen  Dev  Nihlia/öytt-.  Bartholomae,  Airan.Wb.,  1079,  zitiert  «the 
huslness  of  the  demon  N.  is  tliis,  tliat  hc  (jirrs  discontcnf  In  thr  rreafitres».    In  einerneuen 


'  Fick  III'',  S.  "29().  —  -  Deutsche  Bearb.  von  H.  Davidsen  s.  v.  N(ere. 

'  Vergl.  IF.  XXI,  S.  30"2. 

''  Miklosich,  Lex  pal.  s.v.  —  Uhlenbeck  in  Jagii-  Anliir  1'.  sl.  Phil.  XV,  .S.  487. 

'■  Uhlenbeck,  Et.  Wb.  d.  ai.  Spr.,  S.  147. 

"  Noreen,  Laut!.,  S.  .")4,  74.    Aisl.  und  Anorw.  Gr.,  S.  12.S. 

'  Falk-Tor]),  Norw.-dän.  Et.  Wb.     Deutsche  Bearb.  von  Davidsen  s.  v.  nxre  und  n0re. 

^  Fick  m\  S.  296. 


Sprachlich -sachliche  Probleme.  173 

Kulturschichte  ist  also  der  Geist  der  häuslichen  und  heimatlichen  Sicherheit,  des  Be- 
hagens und  der  Gesund) icit  zu  einem  Dämon  des  Unbehagens  und  der  Unzufrieden- 
heit geworden. 

Mit  got.  gansjan  Trapexeiv  «verursachen-  ist  bis  jetzt  nichts  anzufangen  gewesen. 
Zu  lies  wird  es  wohl  kaum  gehören;  wenn  docli,  dann  .sind  die  Stufen  der  Bedeutungs- 
entwicklung  erst  zu  finden. 

Eine  besondere  Bedeutuiij;sentwicklung  hat  unsere  Wurzel  in  den  nordischen 
Sprachen  durchgemacht.  Aisl.  uldrwtri  bedeutet  in  der  Poesie  «Feuer»,  eigentlich 
«Lebenserhalter».  Norw.  nm-e  bedeutet  «anzünden,-  Feuer  anmachen»,  schwed.  dial. 
nöra  dass.,  während  aisl.  nbm  «erfrischen,  ernähren»  heißt.  Dazu  das  Substantivum 
norw.  und  schwed.  diai.  unre  «Späne  oder  Reisig  zum  Feueranmachen».' 

Der  Bedeutungsübergang  scheint  über  den  Sinn  «nähren,  füttern»  vor  sich  ge- 
gangen zu  sein,  wie  wir  «dem  Feuer  Nahrung  zuführen»  sagen. 

4.    Zur  Duenos-Inschrift. 

F.  S kutsch  ist  kürzlich  auf  meine  Übersetzung  der  Duenos-Inschrift  eingegangen 
und  macht  zwei  Aussteilungen. - 

Ich  übersetzte,  im  wesentlichen  an  Thurneysens  Übertragung  festhaltend ^  «Möge 
der  Gott  Dich  unterstützen,  der  mich  schicken  wird,  wenn  das  Mädchen  gegen  Dich 
nicht  freundlich  ist!  Er  möge  uns  (noh)  beistehen,  wenn  (si)  Du  willst,  Du  werdest 
mit  Hilfe  der  Ops  mit  ihr  verbunden.  Gutmann  (duenos)  hat  mich  mit  Heilswunsche 
für  einen  guten  Mann  gemacht;  nicht  soll  mich  ein  Bösewicht  darbringen.» 

Dazu  bemerkt  nuTi  Skutsch:  «Sollte  ein  Germanismus  wie  m'dat  statt  mittas  wirk- 
lich schon  damals  möglich  gewesen  sein?»  Das  weiß  ich  natürlich  ebensowenig  als 
F.  Skutsch,  aber  mir  hegt  auch  gar  nichts  daran,  denn  ich  hätte  ebensogut  ganz  wie 
Thurneysen  übersetzen  können:  «Der  Gott  wird  den  unterstützen,  der  mich  schickt, 
wenn  etwa  das  Mädchen  gegen  Dich  nicht  freundlicli  ist  .  .  .»  Eine  Inkongruenz  bleibt 
auf  alle  Fälle. 

Zu  Opcd  sagt  Skutsch,  es  sei  eine  ihm  ganz  fremde  Ablativform.  Natürlich  weiß 
Skutsch  ebensogut  als  ich,  daß  naadrd  und  dictaiorcd  belegt  sind.  Es  handelt  sich  nur 
darum,  wie  man  ül)er  die  Inschrift  der  C'olumna  rostrata  denkt.  Gewiß  ist,  daß  die- 
selbe Inschrift  neben  diesen  Ablativen  zweimal  marid  aufweist,  wodurch  mvaled  und 
didatored  yAcM  gerade  gefestigt  werden.  Aber  eine  schwache  Mögliclikeit.  daß  die  Original- 
inschrift diesen  Wechsel  von  i  und  e  gehabt  hat.  wäre  noch  immer  nicht  ausgeschlossen. 

Das  latcin.  7  war  ein  oilenes  und  wir  linden  c  und  (  nebeneinander.  Pisaurensisch 
sind  die  Dative  Jummr,  Mafrc,  Salute,  deren  <■  auf  älteres  ei  zurückgeht,  aus  dem 
schließlich  /  wurde.  Aber  Sommer,  Handbuch,  S. 408,  hat  darauf  aufmerksam  gemacht, 
daß  auf  der  Inschrift  CIL.  I,  1110  sich  alle  drei  Formen  nebeneinander  finden:  Junone 
Seispitel  Matri.  So  könnte  *opi-d  für  "^opid  geschrieben  sein.  Auch  in  die  quaite  (für 
quarti)  könnte  eine  ähnliche  Erscheinung  vorliegen,  wenn  auch  nicht  zu  leugnen  ist, 
daß  in  diesem   Falle  (///■  mitgowirkt  haben  kann.* 

Jedenfalls  möchte  ich  an  *opal  (fiu-  *opid)  festhalten  und  zwar  aus  sachlichen 
Gründen.     Aber  ich   möchte   oped  oites   nicht   mehr   übersetzen    «mit   Hilfe  der  Ops>, 

'  Falk-Torp,  Norw.-dün.  Et.  Wb.    Deutsche  Bearb.  von  Davidsen  s.  v.  »xrf  und  »aerr. 

=  Glotta  1,  S.  415.  —  '  IF.  XVI.  S.   IM  IT.;  XXI.  S.  30ti  IT.  —  *  Sommer,  Handbuch,  S.  36S). 


174  Rudolf  Meringer. 

sondern  «mit  Hille  des  Getreideopfers».  Das  kann  ganz  wohl  die  altlateinische  Be- 
deutung von  ops  gewesen  sein,  und  um  ein  Opfer  von  dreierlei  Getreide  handelt  es  sich 
bei  unserem  Drilliugsgefäß,  wie  ich  an  anderer  Stelle  wahrscheinlich  zu  machen  suchte.' 
Ich  verwies  darauf,  daß  bis  vor  niclit  langer  Zeit  Gesichtsurnen  mit  dreierlei  (er- 
betteltem) Getreide  in  der  Kirche  geopfert  wurden,  um  Liebe  oder  um  Kindersegen 
zu  erlangen. 

Das  Getreideopfer  hat  zuerst  den  Sinn,  Fruchtbarkeit  für  die  Frau  zu  bewirken, 
und  aus  dem,  was  Sehr  ad  er  vorbringt,  ist  an  dem  hohen  Alter  dieses  Brauchs  nicht 
zu  zweifeln.^  In  Indien  streute  eine  Verwandte  Reis  auf  die  beiden  Brautleute,  aus 
Griechenland  haben  wir  ähnliche  Nachrichten  und  von  den  Balten  berichtet  Lasicius, 
daß  die'  verschleierte  Braut  an  den  verschiedenen  Türen  des  Hauses  herumgeführt 
wurde:  Ad  situjulas  fores  ciiriinispcrgifKr  tr/tlco,  sUitjinc,  avena,  luirdeo,  -pisis,  fahis, 
papavere,  sequente  uno  sponsam  cum  sarco  pileno  oninis  generis  frugiim.  Hier  ist  also  eine 
reichlichere  Fülle  aus  der,  wie  ich  meine,  ursprünglicheren  Dreiheit  der  Gaben  von 
Feldfrüchten  entstanden. 

Der  Inhalt  der  Inschrift,  der  Umstand,  daß  es  sich  um  einen  Liebeszauber  handelt, 
der  nach  Art  des  Fruchtbarkeitszaubers  mit  dreierlei  Getreide  (vergleiche  die  Drillings- 
gestalt des  Duenos-Gefäßes)  ausgeübt  wurde,  läßt  mich  daran  festhalten,  daß  oped  oites 
das  Mittel  des  Zaubers  angibt,  und  deshalb  übersetze  ich  «die  Feldfrucht  gebrauchend», 
d.  h.   «mit  diesem  Getreideopfer». 

Daß  <ips  einmal  einfach  vFeldfrucht>  bedeutet  haben  kann,  halte  ich  für  unwider- 
leglich. In  ö|aTTvii  «Nahrung,  Getreide»,  öjUTTvai  «Feldfrüchte»,  'Oja-rrvia  «Demeter»,  ömttvio(; 
«zum  Landbau  gehörig»  haben  wir  die  alte  Bedeutung  noch  vor  uns.  Ich  habe  mich 
schon  mehrfach  mit  der  Wz.  *op  beschäftigt^  und  verweise  hier  nur  auf  alid.  noho 
xcolonus»,  welches  allein  schon  beweisen  würde,  daß  *op  «den  Acker  bestellen^  bedeutet 
hat.  Lat.  opem  fern-  (dicui  bedeutet  eigentlich  «jemand  Getreide  bringen»,  dann 
«helfen»  im  allgemeinen.  Der  Plural  opes  hat  begreiflicherweise  den  Sinn  von  «Reich- 
tum, Macht,  Einfluß»  angenommen.  Das  griech.  TTriveX-ÖTreia  faßte  ich  als  «Gewebe- 
wirkerin»*,  und  wieder  finden  wir  iin  Germanischen  diese  weitere  Bedeutungsentwick- 
lung in  aisl.  cfna  «ausführen»,  cfni  «Stoft\  Zeug».  Diese  Übertragung  auf  eine  neue 
spezielle  Art  von  Arbeit  geht  davon  aus,  daß  *op  zur  allgemeinen  Bedeutung  «wirken, 
schaffen»  gekommen  war^  und  dann  wieder  in  anderen  Sprachgenossenschaften  seinen 
Sinn  einengte.  Auf  die  alte  sinnliche  Bedeutung  ackern»  führte  ich  ÖTTuieiv  «heiraten», 
das  nichts  mit  oicpeiv  zu  tun  hat,  zurück.  Ich  sagte,  *0TTuTa  *opHSi  sei  «eine,  die  ge- 
ackert hat»,  euphemistisch  für  die  nicht  mehr  Jungfräuliche.  Und  dazu  stellt  sich  nun 
got.  aha  «Mann,  Ehemann»,  aisl.  afi.  Torp-Falk"  meinen,  das  Wort  bedeute  «der 
Tätige».  Ich  denke,  es  bezeichnet  den  «Ackernden»  oder  den  «Zeugenden».  Die  Frau 
als  Saatfeld,  der  Mann  als  Ackerer,  das  sind  Vorstellungen  urwüchsiger  und  begreiflicher 
Ai-t.  Daß  der  Germane  in  die  Wurzel  den  Sinn  des  geschlechtlichen  Ackerns  legte, 
das  scheinen  mir  die  Bedeutungen  von  got.  ahrs  «stark,  heftig»,  aisl.  afl  «Kraft»,  ags. 
afol  dass.  zu  beweisen. 

•  IF.  XVI,  S.  162.  —  2  0.  Sehr  ad  er,  Reallexikon,  S.  358. 

3  IF.  XVn,  S.  127,  XVIII,  S.20S.  —  ■•  Doch  vergl.  jetzt  F.  Solmsen,  Kuhns  Zts.  XLII,  S.  232. 

*  Vergl.  die  schöne  Arbeit  von  Gen-ichiro  Yo.shioka:  A  seniantic  study  of  Ihe  verbs  of  doing 
and  niaking  in  the  indoeuropean  languages  (Dissertation  der  Universität  Chicago),  Tokio   1908,  S.  21. 

<-  Fick  III  \  S.  Vi. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


175 


Ich  habe  in  den  IF.  XVI,  S.  163,  eine  Gesichtsurne  wiederholt,  welche  einen 
Mädchenkopf  mit  einer  Erbse  im  Munde  und  Phallen  auf  den  Wangen  darstellt.  Be- 
nutzte ein  Mann  oder  ein  Mädchen  die  Urne  zum  Liebe.szauber?  Die  Erbse,  die  der 
Kopf  im  Munde  hält,  dürfte  wohl  einen  Teil  des  Inhalts  des  Gefäßes  andeuten  und 
Erbsen  spielen  im  Liebeszauber  eine  Rolle,  worüber  Wuttke,  Deutscher  Volksaber- 
glaubc  -,  S.  10.5,  zu  vergleiciien  ist. 

Zu  meiner  Freude  kann  ich  in  den  Abbildungen  12 — 14  eine  Urne  von  großem 
Interesse  darstellen.  Sie  gehört  Herrn  L.  Mattula,  Lehrer  in  Uuter-Retzljach  in  N.-Ö. 
Der  Besitzer  teilt  mir  mit,  daß  sie  in  Znaim  ca.  l*/2  m  unter  dem  Straßenniveau  gefun- 
den wurde.     Sie  ist  12,0  cm   hocli   und   hat   zwei  Henkel.     Auf  der   einen  Seite  sieht 


Abbikluiiii  1-.'. 

Phallische  Gesichtsurnc. 

Vorderseite. 


Ahbildun.tr  13. 

Phallische  Gesiehtsurne. 

Rückseite. 


Abbildung  14. 

Phallische  Gesichlsume. 

Seitenansicht 


man  ein  bärtiges  Mannsgesiclit.  Auf  der  anderen  ein  weibliches,  unter  dem  zwei  Arme 
hervorkommen,  die  ein  membrum  virile  umfas^jcn.  Der  Phallus  ist  5,5  cm  lang  und 
besitzt  deutliche  testiculi.  Auch  die  glans  ist  richtig  dargestellt,  es  fehlt  auch  die  Aus- 
HußöU'nung  nicht. 

Ich  nehnii'  an.  dal.^  aucli  dieses  Gefäß  mit  einer  Mischung  von  Getreide  gefüllt 
war.  Vielleicht  auch  von  erbetteltem.  Erbettelt  oder  gestohlen  sein  ist  oft  die  Vor- 
bedingung der  Zauberkraft  eines  Dings,  vergl.  Wuttke  -,  S.   14(3,  S.   185. 

Wiederum  erhebt  sich  die  Frage,  war  ein  Mann  oder  ein  Mädchen  die  darbrin 
gende  Person  oder  konnte  das  Gefäß  von  beiden  Geschlechtern  geopfert  werden?  Ich 
denke,  daß  gerade  die  Einzelheiten  der  Darstellung  dieses  Gefäßes  für  die  Darbringung 
des  Mädchens  sprechen.  Sie  hält  den  Gegenstand  ihres  ^\'unsches,  das  membrinn  virile, 
in  den  Händen  und  das  Bild  des  Mannes  ist  mit  dem  ihrigen  untrennbar  vei-schraolzen. 
Freilich  kann  man  auch  sagen,  das  Gefäß  stelle  derb  sinnlicli  gerade  das  dar,  wt\s  der 
Mann  von  dem  begehrten  Mädchen  sich  erhotft  und  durch  einen  Zauber  erzwingen  will. 


176 


Rudolf  Meringer. 


Die  Abbildung  15  stellt  das  Bruchstück  einer  rümischen  phallisclii'u  Gesichtsurne 
dar,  welches  in  Wien  I.  Fleischmarkt  im  Jahre  1902  ausgegraben  wurde.  Das 
Material  ist  schwarzer  Ton,  die  Größe  die  der  Zeichnung.  Das  Stück  wird  im  Museum 
Vindobonense  bewahrt,  die  Zeichnung  verdanke  ich  der  Güte  des  Direktors  Dr.  Kowalski 
de  Lilia,  für  den  sie  der  akademisciie  Maler  Herr  llol)ert  Lischka  gemacht  hat. 

Das  niUdt  der  Duenos-Inschrift  wird  gewöhnlich  mit  «senden»  übersetzt.  Das  ist 
wohl  nicht  richtig,  denn  von  einem  Senden  an  das  Mädchen  kann  jetzt  keine  Rede 
mehr  sein.  An  ein  Einschmuggeln  im  Gemach  der  nicht  willigen  Jungfrau  könnte 
man  zwar  denken,  aber  ein  Opfer  kann  nur  wirken,  wenn  es  irgendwo  geopfert,  darge- 
bracht wird.  Den  Sinn  von  g&nxe  (wie  H.  Schenkt  nach  mündl.  Mitt.  meint)  könnte  das 
Wort  dagegen  liaben,  weil  es  scheinbar  synonym  ist  mit  dem  spätem  datod  oder  statod. 
Aber  ich  glaube,  es  kann  «ausgießen»  bedeuten,  das  Getreide  ins  Opferfeuer  schütten, 
wie  man  vom  Ausgießen  der  Würfel  miffrre  sagt.     Mitferc  ist  unser  schmeißen. 


Abliildung   15.     Biufhstiick  einer  nUni.sclieii  Gesichtsurne  mit  Phallus. 

Warum  ist  nicht  «le/^a^  gesehrieben  ?  Hatte  das  Wort  ein  Aoristpräsens  *mUö  und 
ist  der  Diphthong  erst  aus  dem  .s-Aorist  *mcisai  ins  Präsens  gedrungen?  Daß  aus 
*meito  mit  diphthongischem  ei  mitto  entstanden  wäre,  mitat  also  nur  graphisch  für  mittat 
stünde,  ist  ausgeschlossen. 


Beim  dreifachen  Getreideopfer  der  Kedeni  Ko]>fln  und  dem  DriHingsgefäß  des 
Buenos,  das  man  sich  ebenfalls  mit  dreierlei  Getreide  gefüllt  denken  muß,  kommt 
einem  leicht  in  den  Sinn,  daß  die  neuere  Forschung  den  Indogermauen  die  Bekannt- 
schaft mit  drei  Getreidearten  zuschreibt,  nämlich  mit  Gerste,  Weizen,  Hirse.'  Man 
könnte  ja  immerhin  daran  denken,  daß  im  heiligen  Brauche  des  Opfers,  später  des 
Zaubers,  uralte  \'orstellungen  in  ihren  Nachwirkungen  wenigstens  lebendig  bleiben. 
Aber  au  direkten  Zusammenhang  zu  denken,  wäre  phantastisch,  denn  sonst  könnte 
man  auch  die  Redensart:  Aller  guten  Dinge  sind  drei  auf  die  drei  Getreidearten  der 
Urindogermanen  zurückführen  wollen.     Drei  ist  eine  uralte  heilige  ZahP  —  wie  sie  es 

'  J.  Hoops,  Waldbäume  und  Kulturptlanzen,  S.  377  ff.  —  Ü.  ISclirader,  Sprachvergl.  und  Urgeschichte 
P,  S.  460.  —   -  H.  Hirt,  Die  Indogermanen,  S.  537. 


Sprachlich-sachliche  Probleme.  177 

geworden,  ist  eine  g;mz  andere  Frage  —  und  sie  spielt  nicht  nur  im  Aberglauben  über- 
haupt, sondern  auch  im  Liebeszauber  eine  besondere  Kolle,  wie  auch  ein  in  den  Hessischen 
Blättern  für  Volkskunde  III  (1904),  S.  136,  von  Karl  Ebel  mitgeteilter  grotesker  Fall 
beweist. 

5.  Die  Urbedeutung  von  cmevbuj,  spondeo. 

Im  Recht  von  Gortyn  Coliitz  S.  (;.  D.  .1.  4U91  findet  sich  tTnaTTtvöuj  mehrfach  in 
der  klaren  Bedeutung     versprechen,  zusichern»,  z.  B.: 

IV  48  Ai  öe  KU  Xe  I  1  0  TTurep  booq  lov  bofiev  tu  |  50  i  oiruionevai,  boTO  Kaxa  x  a  e(pu^\it\a, 
TiXiova  be  |U€.  j  Orei«!  be  TTpoi>{>  eboKe  e  eTrecr  |  nevoe,  tuut  ekcv,  u\Ku  be  \xi.  Vi     aTToXav'Ka  vev. 

«Wenn  der  Vater  bei  Lebszeiten  geben  will  der  Verheirateten,  so  möge  er  es  tun 
nach  dem  Gesetze,  mehr  aber  nicht.  Der  er  aber  vorher  gal)  oder  zusicherte,  die  soll 
das  haben,  anderes  aber  nicht  erhalten.:.  Zu  eTreOTOVoe  macht  nun  Bücheier'  die  Be- 
merkung: «eTTecTTTevot  heilig  zusicherte,  Apopondit,  weil  einst  mit  (TTTovbii,  wie  schon  Ver- 
rius  erklärte*.  Büdieler  sucht  also  die  Urbedeutung  der  Wz.  in  CTTTovbn  «Trankopfer» 
und  kommt  erst  dadurch,  daß  die  Zusicherung  durch  ein  Trankopfer  geheiligt  wurde, 
zur  Bedeutung  «zusichern,  versprechen». 

Ich  halte  das  Umgekehrte  für  richtig.  OTrevbuj  bedeutete  «zu.-<ichern  •;,  und  weil  dazu 
die  Götter  durch  ein  Trankopfer  herbeigezogen  wurden,  nahm  ffnevbai  den  Sinn  «ein 
Trankopfer  ausgießen»  an. 

Das  Sinnesverhiiltnis  vom  Aktivum  zum  Medium  beleuchten  Stellen  wie  ^'I18 
o  b  «TTo  I  bonevo?  e  Kaiitilevq  e  em  |  20  amyamic,  xoi  irpiaiaevoi  t  Kuxuötjatvoi  e  eTTiöTrev  | 
craiaevoi  binXei  Kuxacrx«  |  oei 

d.  h.:  «. .  der,  welcher  verkauft  hat,  oder  verpfändet  hat,  oder  zugesichert  hat,  .«oll 
dem,  der  gekauft  hat,  oder  sich  hat  verpfänden  oder  sich  hat  zusichern  lassen,  das 
Doppelte  entrichten». 

eTTicTTTtvbuj  heißt  also  «zusichern»,  eTTKJTrevbeoöai  «sieh  zusichern  lassen»  und  das  ist 
meiner  Meinung  nach  der  älteste  Sinn  von  orrevbiu  und  cnrevbecröui ;  jünger  ist  der  attische 
Brauch,  airevba)  im  Sinne  von  »Trankopfer  darbringen»  und  (TTrevbecröai  im  Sinne  von  -Ver- 
trag schließen»  zu  verwenden.  Die  Wörterbücher  übersetzen  in  erster  Linie  {nrevöeiv  mit 
«spenden»  und  dieser  fatale,  scheinbar  auf  Verwandtschaft  beruhende  Zusanunenklang  wird 
wohl  mitgewirkt  haben,  die  Urbedeutung  von  cnrevbeiv  in  einer  falschen  Richtung  zu  suchen. 

L.  Meyer,  Handbuch  IV,  S.  115  f ,  sagt  bei  OTTevbeiv:  «Etwa  Zugehöriges  in  den 
verwandten  Sprachen  entzieht  sieh  unserem  Blick».  Diese  tragische  Redensart,  die  sich 
bei  L.  Meyer  öfter  am  unrechten  Platze  findet,  ist  auch  hier  nur  subjektiv  richtig,  denn 
die  anderen  zweifeln  nicht,  daß  aTTtvbuj  zu  lat.  spondeo  gehört.  Die  beiden  Wörter 
stellen  eine  sehr  wichtige,  bis  jetzt  zu  wenig  gewürdigte  Kulturgleichuug  dar. 

Die  Schwierigkeiten  beginnen  erst,  weiui  mau  für  a-aivbiu-r^pomho  nach  anderen 
Zusammenhängen  sucht.  Waide  hat  .•^ich  darüber  keine  weiteren  Gedanken  gemacht. 
Aber  ich  giaulie,  daß  eine  Wrwandtschatt  sehr  wahrscheinlich  ist,  die  mit  priuli,  prndw. 
*pciid,  ">7»('H(/.  "^'xpond  geiun  \on  dem  Aufhängen  auf  dem  Wagebalken  aus-,  woher  lat. 
pendcrc  zum  Siinie  von   «zahlen»  gekommen  ist. 

'  Fl-.  Bachelor  uiul  E.  Zitelmanii.  Das  Recht  von  Gorlyn,  t^.  -.Ti  (Rhein.  Mus.  .\.  F,  -k).  Bd.,  Er- 
jjtiin/.ungslieln.  —  -'  Ich  kann  eine  Wage  ohne  Schalen  (von  der  Sclinellwai-'o  spreche  ich  nicht)  vorläufig 
nidit  iiadiweisen,  aher  ich  denlce  mir  die  Slteste.  die  zweiarmige,  Wage  ohne  Schalen,  Dann  war  das  Wägen 
wirklich  ein  «Aufhängen». 

Wörter  und  Sachen,    I,  'S 


178  Rudolf  Meringer. 

Durch  eine  Metapher  koiniut  num  leicht  von  «wägen»,  «zuwägeu»  zu  «versprechen». 

Daß  diese  Zusammenhäoge  richtig  sind,  glaube  ich  auch  deswegen,  weil  sich  nun 
ai.  spandate  «zucki,  schlägt  aus-  (von  Tieren,  vom  Kinde  im  Mutterleib  gesagt),  .'*/?(u«f7oH(is 
«zuckend»  gut  anschließt,  denn  diese  Bewegungen  sind  bei  der  Wage  mit  dem  pcuilcn-, 
dem  Aufhängen  zum  Abwiegen,  naturgemäß  verbunden,  l^brigens  ist  jedes  Aufhängen 
mit  einem  Zucken  und  Ausschlagen  verbunden,  denn  auch  das  Pendeln  kann  man 
ganz  wohl  als  solches  auffassen. 

Ich  will  noch  auf  die  anderen  ähnlich  gebauten  \\'urzeln  eingehen,  weil  unsere 
Wörterbücher  in  diesen  Fragen  arge  Verwirrung  zeigen. 

Vorher  noch  eine  Bemerkung.  Heute  wird  noch  auf  weiten  Gebieten  jeder  Kauf- 
handel Im  Wirtshaus  reichlich  «mit  Wein  begossen  .  Bei  so  festsitzenden  Bräuchen 
ist  der  Gedanke  an  hohes  Alter  wohl  erlaubt.  Vielleicht  wird  eine  zusammenhängende 
Darstellung  ergeben,  daß  der  gemeinsame  Trunk  nach  dem  Kaufe  einmal  eine  andere  als 
eine  rein  gesellschaftliche  Bedeutung  hatte. 

Wie  aus  einem  Opfer  ein  Mahl  wird,  kann  man,  glaube  ich,  auch  aus  einem  Rechts- 
satz des  Gesetzes  von  Gortyn  ersehen. 

Die  Adoption  war  in  Gortyn  ohne  weiteres  erlaubt.  Vergl.  X,  33  ff.  AvTravcriv  e|uev 
OTTO  Ka  Ti\  \  I  ei.  AjLiTTaiveO-ai  be  kot  ayopav  |  Kaia/eXiuevov  TO|a  TToXiaxa  [  v  airo  to  \ao  o  aiTaTO- 
peuovTi.  «Adoption  möge  sein,  wo  einer  will.  Adoptieren  aber  soll  man  auf  dem  Markte, 
bei  Anwesenheit  der  Bürger,   von  dem  Steine  aus,  von  dem  herab  man  spricht.» 

Und  X,  37  ff.  bestimmt  nun  weiter:  0  be  «i-iTravaiaevo«;  öoto  xa  |  i  eraipeiai  xai  .Fai  auxo 
lape  [  lov  Ktti  TTpoKoov  ./bivo.  «Der  Adoptierende  soll  seiner  Hetairie  ein  Opferlier  und  einen 
Krug  Wein  geben.»  Dieses  Opfer  gebührte  jedenfalls  zuerst  den  Göttern,  die  dem 
Manne  zu  einem  Sohne  verholfen  haben,  nicht  der  Hetairie. 

Dieser  Dank  au  die  Götter  war  wohl  berechtigt,  denn  die  Is.  fährt  fort  X,  39  tf. : 
Kai  I  laev  KuveXexai  iravxa  xa  Kpe  ]  laaxa  Kai  |ae  ffuvvei  YvecTia  x  j  eKva,  xeXXe^  |uev  xa  Oiva  Kai 
x«  avxpoTTiva  xa  xo  aviravaiae  |  vo  KavaiXeöai,  aiirep  xoiq  y  |  veo'ioii;  efpaxxai.  «Und  wenn  er 
(der  Ado})tiei'te)  das  ganze  Vermögen  erbt  und  leililiche  Kinder  nicht  mit  da  sind,  soll 
er  erfüllen  die  göttlichen  und  die  menschlichen  Dinge  des  Adoptivvaters  und  soll  für 
sich  in  Empfang  nehmen,  wie  es  für  die  leiblichen  Kinder  bestimmt  ist.» 

Der  Adoptierte  soll  als  Erbnehmer  nicht  nur  die  menschlichen  Dinge  seines  Adoptiv- 
vaters erfüllen  (xeXXev),  sondern  auch  die  göttlichen.  Das  erstere  ist  begreiflich,  das 
letztere  schwierig.  Man  kann  an  Pflichten  des  Erblassers  an  die  Götter  oder  an  «gött- 
liche» Pflichten  gegen  ihn  denken.  Bis  jetzt  sehe  ich  nur  die  Möglichkeit,  diese  zweite 
Auffassung  zu  begründen.  Der  Adoptierte  mußte  ra  öiv«  xo  avTiavaiucvo  xeXXev,  d.  h.  er 
hatte  alles  zu  tun,  was  der  Totenkult  der  Zeit  verlaugte.  Die  Ideen,  über  die  man 
sich  bei  0.  Schrader  unterrichten  kann,  lassen  uns  zum  Verständnis  der  Stelle  ge- 
langen^; der  Animismus  war  die  erste  Ursache  der  Adoption  und  der  Hauptpflicht  des 
Adoptierten,   der  Sorge  um  das  Grab  seines  Adoptivvaters. 

Der  Ausdruck  öiva  hat  seine  Entsprechung  bei  den  Römern,  bei  denen  sämtliche 
Pflichten  der  Überlebenden  gegen  die  Abgeschiedenen  unter  dem  Begriffe  der  i/ira  dcomm 
manium  zusammengefaßt  werden. - 

^  0.  Schrader  R.-L.,  s.v.  Junggeselle.  —  Ders.,  Die  Scliwiegeriinitter  und  der  Hageslnlz.  —  Üers., 
Tütenhochzeit.  —  Im  R.-L..  S.  32,  sagt  0.  Schrader,  daß  Totenkult  und  Erbschaft  im  inni^.'.slen  Zusammen- 
hange miteinander  aultreten,    und  begründet  dies  aus  indischen,  griechischen  und  gei-manisclien  Nachrichten. 

^  G.  Wissowa,  Religion  und  Kultus  der  Römer,  S.  11)2. 


Sprachlich-sacliliche  Probleme.  179 

Hatte  aber  der  Ailoptivvator  einen  Sohn  erlangt,  der  alle  Pflichten  des  leiblichen 
auf  sich  nehmen  mußte,  dann  erscheint  die  Spende  des  Opfertiers  und  des  Weins 
in  ernsterem  Lichte.  Es  ist  kein  Freudenmal  gemeint,  sondern  ein  Dankopfer  an  die 
Götter,  bei  dem  auch  die  Hetairie  anteilnehmen  durfte. 

W.  sjiendli  «Bast»  später  «Holz». 

Wie  das  lat.  adcjjx  sowohl  den  Sinn  «Fett»  als  auch  '<Splint»  hat,  so  das  ahd. 
spinf,  das  mit  adeps  und  arvina  glossiert  wird.  Ich  glaube,  daß  man  von  der 
Bedeutung  «Splint,  Bast»  auszugehen  hat  und  Übertragung  des  Wortes,  das  die  weiche 
Holzschichte  zwischen  Rinde  und  Kernholz  bedeutete,  auf  die  Fettschichte  zwischen 
Haut  und  Fleisch  annehmen  muß.  Diese  Doppelheit  hat  sich  auch  im  Mhd.  erhalten 
und  ist  in  Spuren  noch  im  bairisclien  Dialekte  nachweisbar.  Brot,  Knödeln,  Nudeln 
sind  spindig,  wenn  sie  speckig,  käsig  sind.^ 

Das  mnd.  spinde  «Vorratskammer,  Speisekasten,  Kasten»,  ndl.  spiiuh-,  nhd.  Spind 
hält  man  für  identisch  mit  Sprnde  und  leitet  es  auf  *c.ipnida,  spnida  zurück,  wofür  spriclit, 
daß  ml.  spendu  sowie  ital.  dispcnsa,  span.  port.  desjjcnsa  «Speisekammer»  bedeuten.  (Die 
letzteren  AVörter  können  nicht  für  volkstümlich  gehalten  werden,  denn  die  Vulgär- 
latein.   Form   ist  spvsa,    die  in   unserem   S^je/se  nachlebt.) 

Aber  man  betrachtet  auch  Spund  als  Fremdwort  und  fiUirt  es  auf  lat.  piiiicta 
«Stich,  Loch,  die  Öffnung  in  einer  Röhre»  zurück.^  Das  wäre  ja  begreiflich  und  ver- 
sländlich wäre  auch.,  daß  man  (von  einem  verspunden  etwa)  zu  einem  Spund  im  Sinne 
von  «Verschlußzapfen»  gelangt  ist.  Aber  wie  kommt  Spund  zum  Sinne  von  cdickes 
Brett,  Falzbrett  j-V''  Die  richtige  Deutung  ist  nun  vielleiclit  die,  dals  Spund  das  gefalzte, 
gespundete  Brett  ist.  Die  Abbildungen  zeigen  tue  Art,  wie  man  Bretter  aneinander- 
legt,  um  eine  dichte  N'erbinduiig  herzustellen. 


^^a  GQ  Q^ 


7 


AbliiUliiiiy  IC).     Bretterverbindungen. 

Danach  wäre  die  \'erbindungslciste  als  Sjyund  gefaßt  worden  und  der  romanische 
Urs]iiung  von  Sjiiind  könnte  bestehen  bleiben.  Aber  wir  werden  gleich  sehen,  daß  die 
Wurzel  (locli  den  Sinn  «Brett?  hatte  und  deshalb  muß  man  noch  weiter  die  Möglich- 
keit im  Auge  behalten,  daß  sich  in  ''S^ntnd  ein  lat.  ''crpuncta  und  ein  germ.  S;/;«»«/«- 
gekreuzt  haben,  wie  auch  in  mhd.  bund,  nhd.  Bund,  Fund  «Band,  Fesseb  n\\at.  p  im  da 
und  deutsch   nmid  verschmolzen  zu  sein  scheinen.'' 

Wir  hätten  dann  die  Bedeutungsentwicklung  ^Bast»  (daraus  in  einer  Nebeu- 
entwicklung:  «Fett»),  ^'«Korb  aus  Bast  ,  ^«Verschlag  in  der  Küche»,  «Speisekammer», 
Auch  dir  Srhrai/I,-  war  ursprünglich  nur  ein  Holzverschlag  in  der  Küche,  hinter  dem 
N'orriite  aufbewahrt  wurden,  erst  dann  wurde  er  ein  beweglicher  Kasten,  ein  Möbel," 
Die  Bedeutungsentwicklung  wäre  also  sachlich  nicht  unmöglich.  Es  sei  noch  daran 
erinnert,  daß  der  Scheune  die  großen  F'ruchtkürbe  vorausgegangen  sind  (Verlsisser,  Das 
deutsche  Haus,  S.  104). 


•  Sohmeller-  IF,  Sp,  G77,  —  »  Kluge  s,  v,  —  ^  Schmellcr-  II,  Sp,  GTS, 

*  \\.  MüIIor  im  Mlid.   \Vb.  II',  S,  r>.")4,  —  '  Verfasser,  D;uä  deutsche  Haus.  S.  00. 

83* 


ISO 


Iliuloir  Mcriiiger. 


«      <? 


o 


Der  idg.  o- Ablaut  *sj)im(l]i  liegt  in  lat.  spondn  «Bett»,  aksl.  spnch  «modins»  vor, 
woraus  lit.  spaPf/is.  spaiif/c  «Eimer»  entlehnt  ist.  Ich  habe  nun,  weil  auch  gr.  cTTTdöi-i 
«Brett,  um  den  Einschlag  festzuschlagen  und  das  Gewebe  zu  dichten»  aus  *spiiclJia 
entstanden  sein  und  folglich  hierhergehören  kann,  für  alle  drei  Wörter  die  Bedeutung 
«Brett,  aus  Brettern  gemacht»  erschlossen.^  Aber  es  ist  mögüch,  daß  ffTräöii  zu  Spaten 
gehört  und  damit  abrückt.^  Das  Wort  S/Ja«,  das  ich  auch  hierherstellte,  hat  eine 
andere  Herkunft.^ 

Immerhin  bleiben  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  spomla  und  aks.  s2xh17,  beisammen. 
Walde  denkt  nun  an  die  Möglichkeit,  daß  spouda  zu  dem  später  zu  besprechenden 
lett.  spapda  gehört  und  eigentlich  die  gespannten  Gurten  des  Bettgestells  bezeichne. 
Dann  stünde  spadz  ganz  allein. 

Was  sjJOtida   in  historischer  Zeit    war,    müßten   uns    erst    die   Archäologen    sagen. 

Wenn  es  wirklich  ein  «Spannbett»  war,  dann  wäre 
noch  immer  zu  untersuchen,  ob  es  das  von  jeher 
war.  Ich  halte  vorläufig  dafür,  daß  es  zuerst  nichts 
anderes  gewesen  ist  als  ein  niederes  Holzpodiuui  oder 
eine  Art  flacher  Holzkiste,  wozu  die  Bedeutungsent- 
wicklung des  Wortes  in  den  romanischen  Sprachen 
(«Brustwehr,  Ufer,  Rand»)  stimmen  würde.* 

Spondii  ist  auch  ins  Deutsche  —  unbekannt  zu 
welcher  Zeit  —  eingedrungen.  In  Altaussee  heißt 
das  Bett  spivdn^;  vergl.  auch  bair.  hcttfispanM'.  Nicht 
ausgeschlossen  ist,  daß  mhd.  spcmbdtc  von  lat.  spouda 
beeinflußt  ist,  wie  die  Sache  aus  dem  (eventuell  erst 
später)  mit  Gurten  versehenen  römischen  Bettgestell 
herstammt. 

Auf  ein  idg.  *spondhno-  führe  ich  aisl.  sparm  N. 
«Eimer,  ein  Hohlmaß»,  mnd.  span,  spannen  «ein  höl- 
zernes gehenkeltes  Gefäß,  vom  Eimer,  Zuber  unter- 
schieden» zurück';  der  Dental  mußte  zwischen  den 
beiden  M  schwinden  (A.  Noreen,  Lautlehre,  S.  173). 
Dänisch-norw.  spand  wie  schwed.  spann  gehen  aus  derselben  Grundform  hervor.** 

Torp-Falk  setzen  für  Spint  ein  *spcnjiu,  spviidu  an,  das  nur  auf  ein  idg.  *spenfo 
zurückgehen  könnte.  Ich  linde  aber  keine  sichere  Spur  eines  germ.  Jj  und  ein  '^sjx'uto- 
hat  auch  nirgendwo  einen  Halt. 

Woher  kommt  das  l  von  Splint,  das  oft  für  Spint  im  Sinne  von  «Bast»  erscheint? 
Es  spielt  wohl  sjdrißen  imd  seine  Sippe  herein.'^ 

*sphend  «Strick» 
ist   ganz    verschieden    von    dem    vorhergehenden    ^sptndh.       Es    liegt   vor    in    oqpevbövii 

'  SBAW.  Wien   144.  (i,  S.  104. 
-  Torp-Falk,  Fick  111  ^  S.  .")()7,  wie  sdmn  l'r 
■*  Zu  sponda  vergl.  Gröber  ALL,  V,  S.  478.     A 
des  Beiles.     Hof.  Leben  I  ^  S.  85  f. 

'  F.  V.  Andrian,  Die  Altausseer,  S.  47,  49.  —  '^  .Schmeller  -  11,  Sp.  678. 
'  Falk-Torp,  Et.  Ordbog  .s.  v.  spand  III.  —  Torp-Falk,  Fick  III •»,  S.  .508. 
»  A.  Noreen,  Altschwed.  Gramm.,  S.  431.  —  '■•  Torp-Falk,  Fick  III,  ^  S.  518. 


Abbildung  17.    Der  letlische  Pflug  (arkls), 
Draufsicbt.     Nacb  A.  Biedenstein. 


llwilz  U.A.  —  »  Ebd.  S.  50.5. 

Scliullz  erklärt  afranz.  espondes  i'üv  die  (Juerleisicn 


Sprachlich-sachliche  Probleme.  181 

«Schleuder», "lit.  spendiiu  «lege  einen  Fallstrick»,  spandßl  «spannen»,  lett.  spanda  «Strick 
beim  Pflug».  Über  die  lettisclien  spanda  kann  man  sieb  aus  dem  herrlichen  nach- 
gelassenen Werke  von  A.  Bielenstein,  Die  Holzbauten  und  Ilolzgeräte  der  Letten  II, 
unterrichten.  Auf  S.  468  unter  d  werden  wir  belehrt,  daß  die  spanda  jetzt  aus  Eisen 
sind,  aber  einst  aus  Holz  hergestellt  waren,  wofür  wohl  besser  «Holzfaser»,  «Ilolzbänder» 
zu  sagen  sein  wird,  denn  diese  Teile  müssen  als  echte  Stricke  wirken,  können  also 
nicht  durch  Holz  ersetzt  werden.  Die  Abbildung  17  zeigt  einen  lettischen  Pflug  (arhh). 
Die  heute  eisernen  Bänder  //  heißen  spandas  (Bielenstein,  S.  474).  «Durch  die  kreuz- 
weise Lage  der  spcDidas:  wird  die  Pfluggabel  in  ihrer  Lage  so  fest  gehalten,  daß  sie  sich 
weder  rechts  uoch  links  hin  bewegen  kann.» 

Von  diesem  gebundenen  Pflug,  der  mit  dem  altägyptischen  (vergl.  das  Bild  in 
IF.  XVII,  S.  104)  eine  unverkennbare  Ähnlichkeit  hat,  fällt  Licht  auf  die  Hesychglosse 
cfTTivbeip«  [cTTTivbiipal  «poTpov  und  auf  pämir.  spniidr  «Pflug»',  welche  den  «gebundenen» 
Pflug  bedeuten,  eine  Weiterentwicklung  des  primitivsten  apoxpov  ttiiktöv,  des  zusammen- 
gesetzten Pflugs,  der  den  einfachen,  aus  Stamm  und  Ast  hergestellten  ersetzte.  Was  der 
Lette  die  spanda  nennt,  kann  man  auch  an  der  Zoche  sehen,  von  der  ich  in  den  IF. 
1904,  S.  116,  ein  Bild  gebracht  habe. 

6.  Zum  vertieften  Tische. 
Aus  dem  für  die  Geschichte  des  Tisches  so  wichtigen  Aufsatz  von  Strzygowski 
oben  S.  70  fl'.  ergeben  sich  einige  Fragen : 

1.  Wie  ist  der  halbkreisförmige  Tisch  entstanden? 

2.  Wie   erklärt   sich    die  Verwendung    des   sigmaförmiges  Tisches  als  Grabstein? 

3.  AVie  kam  man  dazu,  die  Platte  in  der  Mitte  zu  vertiefen  und  nach  der  geraden 
Seite  der  Tischplatte  hin  eine  Art  Ausflußu9"nuug  zu  machen? 

4.  Hat  sich  irgendwo  in  einer  Sprache  ein  Hinweis  auf  diese  merkwürdigen  Grab- 
tische erhalten? 

Die  Fragen  2  und  o  hat  Strzygowski  bei'eits  aufgeworfen  und  beantwortet.  Ich 
werde  einige  Bemerkungen  zu  allen  Fragen  machen,  Bemerkungen,  die  allein  den  Zweck 
haben  können,  zu  weiteren  Nachforschungen  anzuregen. 

Zu  1.  Sehr  alt  sind  schon  zwei  Typen  des  Tisches,  der  kreisförmige  und  der  vier- 
eckige. Ich  halte  den  runden  Tiseli  für  älter  als  den  viereckigen.  Um  aber  ein  Miß- 
verständnis auszuschließen,  erinnere  ich  daran,  daß  der  Tisch  anfänglich  nichts  als  eine 
Speiseplatte  ist,  und  zwar  eine  kleinere  für  jeden  Einzelnen  oder  eine  größere  für  ge- 
meinsan:e  Mahlzeiten  der  Herdgeuossen.  Später  erhielten  diese  Speisebretter  einen  hö- 
heren Untersatz  und  schließlich  verwuchs  dieser  Unterbau  mit  der  Platte,  wodurch  erst 
ein   «Tisch»  in  unserem  Sinne  entstand. 

Den  viereckigen  Tisch  unseres  Bauernhauses  denke  ich  mir  in  der  Zeit  entstanden, 
als  der  Tisch  .seinen  festen  Platz  in  der  Stubenecke  erhielt.  Da  mußte  wohl  der 
kreisförmige  Tisch  einer  Form  weichen,  die  den  in  der  Ecke  rechtwinklig  zusammen- 
stoßenden, an  der  Wand  befestigten  Bänken  sich  besser  anschloß. - 

Und  aus  dem  kreisförmigen  Tische  dürfte  auch  iler  halbkreisförmige  entstanden 
sein.     Lag  man  rings  um  einen  runden  Tisch,  so  war  der  Zugang  zum  Aufsetzen  neuer 

'  C.  C.  Uhlenbeck,  Elym.  Wfirterb.  iler  allindiscben  Sprache,  S.  349. 
-  Verfasser,  Das  deutsche  Haus,  S.  59. 


182  Rudolf  Meringer. 

Speisen,  das  Bedienen,  sehr  ersclnvert,  was  sich  namentlich  bei  besseren  Lebensverhält- 
nissen unliebsam  bemerlcbar  gemacht  haben  wird.  Der  Tisch  mußte  von  einer  Seite 
frei  bleiben  und  das  um  so  mehr,  als  die  Speiseplalte  nicht  mehr  direkt  auf  den  Fuß- 
boden gestellt  wurde  und  man  nicht  mehr  auf  dem  Fußlioden  lagerte,  sondern  der  Tisch 
selbst  sowie  das  Podium  um  ihn  erhöht  war. 

Dieser  halbrunde  Tisch  eignete  sieh  besonders  für  Refektorien  großer  Klöster 
auch  in  der  Zeit  noch,  in  der  man  bereits  zu  Tische  saß,  und  nicht  mehr  lag,  und  das 
Bild  des  Klosters  Lawra  auf  Athos  (bei  Strzygowski,  S.  74)  zeigt  ims  einen  freien  Mittel- 
gang  zwischen  den  Tischen,  von  dem  aus  die  Speisen  leicht  und  bequem  nach  allen 
Tischen  jretragen  werden  konnten. 

Man  bemerke  auch,  daß  dieses  Prinzip  der  Zugänglichkeit  der  Tische  von  einer 
Seite  auch  auf  dem  Plane  von  Skt.  Oallen  festgehalten  ist.  Sowohl  die  F-  wie  die 
U-fürmigen  Tische  haben  nur  an  einer  Seite  Bänke,  die  andere  Seite  ist  frei.  Eine 
Ausnahme  macht  bloß  Tisch  11,  der  auf  beiden  Seiten  eine  Bank  zeigt,  was  aber 
vielleicht  bloß  ein  \'^ersehen  ist,  denn  der  ebenso  gestaltete  Tisch  8  hat  nur  eine  Bank 
neben  sich. 

Daß  der  halbkreisförmige  Tisch  .und  der  halbkreisförmige  Altar  erst  eine  Folge 
der  Apsisform  des  Aufstellungsraums  ist,  halte  ich  für  ganz  unwahrscheinlich.  Eher 
scheint  mir  die  Apsis  erst  die  Folge  des  Tisches  zu  sein  als  umgekehrt:  Ein  Bau  wächst 
von  innen  nach  außen,  nicht  umgekehrt.  Doch  es  sei  diese  Frage  den  Kunstforschern 
überlassen. 

Zu  dem  podiumartigen  halbrunden  Tisch  auf  dem  Mosaik  des  Abendmahls  von 
S.  ApoUinare  uuovo  in  Ravenna  (oben  S.  78,  Abbildung  '.•)  findet  sich  das  ganzrunde 
Gegenstück  heute  noch  in  Kleinasien.  0.  Benndorf  erzählt  im  Eranos  Vindobonensis, 
S.  373,  daß  dort  in  den  wohlhabenderen  Häusern  die  Familie  «um  einen  podiumartigen 
Rundtisch  kauernd  speist».     Brotfladen  dienen  als  Teller  usw. 

Zu  2  und  3.  Hier  sei  gleich  bemerkt,  daß  nicht  nur  der  sigmaförmige  Tisch,  son- 
dern auch  der  viereckige  —  allerdings  ganz  ähnlich  mit  Vertiefung  und  Abfluß- 
öffnung ausgestaltete  —  Tisch  sich  als  Grabstein  findet,  wie  wir  gleich  seilen  werden ; 
die  Frage  ist  also  eine  allgemeinere,  die  mit  der  halbkreisförmigen  Gestalt  des  Tisches 
nicht  zusammenhängt,  was  ich  gegen  Strzygowski,  S.  78,  hervorheben  möchte. 

Die  Frage,  wie  ein  Tisch  überhaupt  zu  einem  Grabdenkmale  werden  kann,  wird 
jeder  Mann,  der  sich  mit  Volk.skunde  beschäftigt  hat,  abweichend  von  Strzygow'skis 
Deutung  in  der  Richtung  zu  lösen  suchen,  daß  er  den  Brauch  des  Totenmahls  zur  Er- 
klärung heranzieht. 

Gerade  in  Ägypten,  wohin  Strzygowskis  ßei.spiele  weisen,  ist  uns  das  Totenmahl 
aus  neuer  und  alter  Zeit  bezeugt. 

Lane,  Sitten  und  Gebräuche  der  heutigen  Ägypter,  III,  S.  161,  erzählt,  daß  bei 
dem  Begräbnisse  von  Reichen  einige  Kamelladungen  Brot  und  einige  Schläuche  Wasser 
auf  den  Begräbnisplatz  gebracht  und  dort  an  Arme  verteilt  werden.  Es  kommt  auch 
vor,  daß  ein  Büffel  geschlachtet  und  verteilt  wird.  Auch  bei  den  Bauern  ist  es  Ge- 
pflogenheit, Kuchen  oder  Brot  beim  Grabe  den  Armen  zu  spenden  (a.  a.  O.,  S.  165), 
ein  I^amm  oder  eine  Ziege    zu   schlachten    und    ein  Gastmahl  zu  veranstalten  ^S.  166). 

Das  Totenmahl  war  aber  auch  im  alten  Ägypten  eine  ganz  gebräuchliche  rituelle 
Handlung  und  hatte  zweifellos  zuerst  den  Sinn,  dem  Toten  Speise  und  Trank  zu  bieten, 


Spraclilicli-sachlicbe  Probleme. 


183 


wie  es  auch  bei  den  Indogerraanen  der  Fall  ist.^  Es  haben  sich  viele  Tisch-  oder 
Altarplatten  erhalten,  bei  denen  öfter  eine  bildliche  Darstellung  zeigt,  welchem  Zwecke 
sie  dienten,  wenn  sw  nicht  gewissermaßen  Dokumente  sein  sollten,  daß  die  Nachkom- 
men iln'er  PHicht,  liir  Speisung  und  Tränkung  des  Verstorbenen  zu  sorgen,  wirklich 
nachgekommen  sind. 

Die  Abbildung  18  stellt  eine  solche  Tischplatte  dar.^  Man  erkennt  u.  a.  Blumen, 
zwei  Stück  Geflügel  und  Brote.  Das  Wichtigste  für  unscrn  Fall  sind  die  zwei  Kannen, 
aus  deren  Schnäbeln  sich  eine  Flüssigkeit  in  die  Rinne,  die  an  drei  Seiten  der  Platte 
sich  befindet,  ergießt.  Diese  Rinne  endet  vorn  in  fine  Schnauze.  Es  war  also  beab- 
sichtigt, daß  der  Opfertrank  vorn  aus  der  Öffnung  heraljträufelte,  offenbar  auf  das  Grab. 

Über  die  weitere  Verbreitung  dieser  Opfertischrinne  zu  liandeln,  kann  meine  Sache 
nicht  sein,  man  vergl.  darüber  AV^ilkinson,  a.  a.  0.,  S.  388. 

Wilkinson  verweist  auf  I.Buch  der 
Könige  XVIII,  32  ff.  N.  Rhodokanakis 
hat  auf  meine  Bitte  die  Stelle  nachgeprüft, 
übersetzt  und  mit  einer  Bemerkung  ver- 
sehen.    Er  schreibt  mir: 

«Und  er  baute  aus  den  Steinen  einen 
Altar  .  .  .  und  machte  einen  Graben,  so 
groß,  daß  man  zwei  Sea  (l  Sea  =  l'/a  modii) 
Saat  säen  konnte  rings  um  den  Altar.  .  .  . 

34.  Und  er  sprach:  Füllet  mir  Krüge 
mit  Wasser  und  gießet  es  auf  das  Braud- 
opfer  und  auf  das  Holz  .... 

35.  Und  das  Wasser  lief  rings  um 
den  AJtar  her  und  auch  der  Graben  wurde 
voll  Wassers 

38-.  Und  es  fiel  Feuer  des  Herrn  herab 
und  verzehrte  das  ßrandopfer  und  das  Holz 
und  die  Steine  und  die  Erde  [welche  auf- 
gegraben worden  war,  um  den  Gral)en  rings 
um  den  Altar  herzustellen.    N.R.]  und  das  Wasser,  welches  im  Graben  war,  leckte  es  auf». 

Nach  Rhodokanakis  läßt  sich  aus  der  Stelle  «Und  das  Wasser  lief  rings  um 
den  Altar  her»  schließen,  daß  sich  eine  Rinne  auf  der  Altarplatte  rings  herum  zog,  von 
wo  aus  das  Wasser  sich  durch  einen  Ausfiul.N  in  den  Graben  ergoß,  der  am  Fuße  des 
Altars  ausgehoben  war.  Der  Zweck  dieses  (irabens  war,  das  ansHießende  Wasser  zn 
sammeln,  damit  es  das  Feuer  auflecke,  ohne  daß  ein  Tropfen  versprengt  würde. 

Sophus  Müller,  Urgesehichte  Europas,  S.  152  erinnert  daran,  daß  .hikob  im  Alten 
Testamente   einen  Stein    aufrichtet   und  mit  Öl  begießt,  damit  er  das  Haus  (tottes  sei. 

Im  Anschluß  daran  möchte  ich  darauf  verweisen,  daß  sich  auf  den  Deckplatten 
der  Dolmen  schalcnartige  Vertiefungen  finden,  von  denen  man  glaubt,  daß  sie  einst 
ein  Opfer  aufzunrliuien  Instimmt  waren,  O.  Montelius,  Kuhurgeschichte  Schwe- 
dens, bildet  solche  Steine  S.  44,  Fig,  73  und  S.  55,  Fig.  88  ab.     Diese  schalenartigen  Ver- 

•  ().  Schrader,  R.-L.  s.v.  Ahnonkullus,  S.  äl  ff.,  nameiiMicli  S.  30. 
-  Wilkinson,  Manners  aiul  cuslonis  11  U,  s.  ."187. 


00A00 
©0ii00 


Abbildung  18.     Eine  iigj'ptische  AlUirplalte. 
Xacb  'Wilkinson  Jlanners  and  custonis  II  H,  s.  3S7. 


184 


Rudolf  Meringer. 


tiofuiigen  finden  sicli  bei  GanjigräbiTn  und  auf  de'U  (iräbcrn  der  Steinzeit,  aucli  auf 
Denkmälern  späterer  Zeit.  In  Schweden  werden  sie  Alflivarnar  «Mühlen  der  Elfen» 
genannt.  Daß  sie  wirklich  für  Opfer  bestimmt  waren,  geht  schon  daraus  hervor,  daß 
man  heute  noch  in  solchen  «Elfenniühlen»  opfert  (Montelius,  a.  a.  0.,  S.  55).  über 
andere  teilweise  hierhcrgehürige  Erscheinungen  vergl.  Forrer,  Reallexikon  s.  v.  Schalen- 
steine, S.  ()86. 

Sicher  scheint  mir  zu  sein,  daß  die  Vertiefung  samt  der  Ausflußöffhung  der  Grab- 
steine, welche  Strzygowski  oben  zur  Darstellung  gebracht  hat,  mit  dieser  Einrichtung 
der  altägyptischen   Grabopfertische  in  Zusammenhang  stehen. 

[st  aber  Vertiefung  und  Ausfluß  eine  bezeichnende  Eigenschaft  des  Grabopfer- 
tisches, dann  muß  man  fra- 
gen, auf  welchem  Wege  solche 
Tische  in  christliche  Refek- 
torien kommen,  wie  sie  Strzy- 
gowski vom  Kloster  Lawra 
auf  Athos  S.  74  f.  zur  Darstel- 
lung bringt.  Der  heidnische 
Opfertisch  wurde  zum  ^"orbild 
des  Altars  und  dieser  zum  Vor- 
bild des  Refektoriumtisches  — 
vielleicht  war  dieses  der  Weg. 
Sehr  gut  denkbar  erscheint 
mir,  daß  gerade  die  Möglich- 
keit, die  Brosamen  sauber  vom 
Tische  zu  entfernen,  die  Ur- 
sache war,  daß  diese  iTisch- 
einrichtung,  die  ursprünglich 
einen  ganz  anderen  Sinn  hatte, 
sich  Jahrhunderte,  nachdem 
jedes  Verständnis  dafür  schon 
erloschen  war,  noch  erhalten 
konnte.  Strzygowskis  Er- 
klärung wäre  also  bis  zu  einem  gewissen  Grade  richtig,  sie  erklärt  die  Erhaltung, 
wenn  auch  nicht  die  Entstehung  dieser  Eini'ichtung. 

Als  ich  Strzygowski  diese  Gedanken  darlegte,  riet  er  mir  nachzusehen,  ob  nicht 
auch  in  den  «Ägyptischen  und  vorderasiatischen  Altertümern  aus  den  königlichen 
Museen  zu  Berlin»  sich  derartige  Opfertische  fänden.  Es  ist  dem  in  der  Tat  so  und 
ich  bringe  sie  in  den  Abbildungen  19  und  20  zur  Darstellung. 

Über  die  erste  Platte  sagt  der  erklärende  Text:  «Opferstein  des  Meri-Ptah,  Hohen- 
priesters des  Ptah;  mit  Ausflußrinne.  Eine  Opfertafel  mit  Broten  verschiedener  Art, 
zwei  Wasserkrügen,  Schale  und  Töpfen,  Napf  mit  Früchten,  einer  Gaus  und  Blumenstrauß. 
Im  Rande  Widmungsinschriften.     (Kalkstein.)» 

In  eine  sehr  viel  spätere  Zeit  führt  uns  der  zweite  Stein.  Der  erklärende  Text 
sagt:  <Opferstein  mit  griechischer  Inschrift :  Im  Jahre  10  (eines  Kaisers)  we/lifc  J'haisos 
(dieses)  der  sehr  großen    Gütlui  Isis.      Im  Mittelfelde:    Ein  Altar    mit  Broten,  Blumen, 


Abbildung  V.K    Äu-yptischer  Totentisch.   Nach  «Ägypt.  uml  vorderasiat. 
Altertümer  aus  deu  königl.  Museen  zu  Berlin»,  Tal'.  57. 


Sprachlich -sachliche  Probleme. 


1S5 


Früchten  u.  a.  Zwei  Wasserkrüge  mit  Blumensträußen  und  zwei  \'ertiefungen  in 
Form    von  Namensrinfj;en.      Vorn  in   der   Ausflußrinne  ein  Frosch.     (Schwarzer  Stein.)» 

Wie  diese  Tiscii|)latten  aulgestellt  waren,  zeigen  uns  andere  Bilder.  Die  Abbildung  22 
ist  der  Tafel  Vö  des  genannten  Werkes  entnommen.  Es  ist  der  Teil  eines  Türpfostens  aus 
dem  Grabe  des  Hapi,  (Uitcrvorstehers  und  Vorstehers  aller  Bauten  eines  Königs  des 
mittleren  Reichs  (etwa  2200 — 1800  v.  Cln-.),  Das  Material  ist  Kalkstein.  Der  erklärende 
Text  sagt:  «Der  Tote  sitzt  vor  einem  mit  Palmblättern  gedeckten  Tisch,  auf  dem 
Fleisch,  Geflügel  und  Früchte  liegen.  Über  ihm  die  übliche  Opferformel.»  Ich  )>rauche 
nicht  zu  erwähnen,  daß  die  Palmblätter  bloß  ans  zeichnerischer  Unfähigkeit  hier 
senkrecht  gestellt  sind  und  daß  deshalb  auch  die  anderen  Gegenstände  in  der  Luft 
zu  schweben  scheinen. 

Aus  dem  reichen  Material  der  Berliner  Sammlungen  führe  icli  imr  noch  Tafel  21 


Abbikliin?  '20.     Diissellie  ebendaher. 


.Vbliikhnig  21.     Bosnisihes  Baiie^fUiß. 
M.  A.  G.  Wien  X.XXIV,   ?.  ItiT.  Fif.  55. 


an,  die  ich  in  Abbildung  23  wiedergebe.  Es  ist  ein  Kelief  aus  dem  Grabe  des  Cha- 
em-het,  Vorstehers  der  Scheunen  unter  .Vmenophis  III.  (etwa  1400  v.  Chr.)  zu  Theben. 
Der  erklärende  Text  sagt:  «Er  ist  in  altertünüicher  Tracht  dargestellt,  mit  Szepter  und 
Kommandostab,  am  Halse  ein  Amulett;  vor  ihm  ein  Wasserkrug  und  Blumen,  die  ihm 
gespendet  sind  (Kalkstein)». 

Was  an  dm  Opfertischplatten  technisch  mir  am  meisten  auffiillt,  ist  die  Ausfluß- 
tiHnuiig.  Sie  scheint  mir  nicht  der  Steintechnik  entsprungen  zu  sein,  sondern  es  will 
mich  bedünken,  daß  sie  eher  der  Holzteelmik  ihre  schnauzenartige  Gestalt  verdankt. 
Und  in  der  Tat  kenne  ich  aus  Bosnien  ein  Ilolzgefäß,  das  seiner  Form  nach  an  die 
Opfertische  erinnert.  Mein  damaliger  Zeichner  R.  Lischka  hat  es  in  der  Tscharschija 
in  Sarajevo  aufgenommen  unil  ich  habe  es  M.  A.  G.  Wien  XXXIV,  S.  Ui7,  Figur  ."■•.'■>.  zur 
Darstellung  gebracht;  ich  wiederhole  die  Zeichnung  hier  in  Abbildung  21.    Leider  haben 


Wörter  uud  Suchen.    I. 


U 


186 


Rudolf  Meringer. 


wir  uns  weiter  niclits  aufgemerkt,  als  dulA  das  Holzgelaß  für  Bäder  verwendet  wird  und 
die  Kinne  im  Stiel  zur  leichteren  Entleerung  des  Wassers  dient.  Es  handelt  sich  wohl 
um  die  rituellen  Bäder  der  Moslini.  Im  (iibrauche  haV>e  ich  diese  Holzmulden  nie 
gesehen. 

Ähnlichkeit  mit  den  ägyptischen  ()i)fertisehen  (und  den  vertieften  Sigma -Tischen) 
hat  der  untere  Teil  der  Pressen.    Vergl.  z.  B.  das  allegorische  Bild  aus  dem  15.  Jahr- 

liundert  «Christus  auf  der  Kelter»  bei  Lindet, 
Les  repr^sentations  allegoriques  du  niouliu 
et  du  pressoir,  Rev.  arch.  XXXVl  (1900), 
S.  410,  Figur  1.  Ein  Zusammenhang  — 
außer  dem  rein  technischen  —  besteht  aber 
nicht.    Ich  erwälme  den  Umstand  nur,  weil 


•Afe|E/?f 


^y/MiM' 


Ahhildung  22.     Agj'ptisclies  l^elief.     Der  Tote  vor 
dein  besetzten  Tische.     A.  a.  O.,  Tat.  9ij. 


Aliliihiung- 23.    Ägyptisches  Relief.    Der  Tote  vor  dem 
Tisclie  mit  Blumen-  und  Wassergefäß. 


man  an  alle  Möglichkeiten  denken  muß  (vergl.  Abbildtmg  24). 

Der  Kultus  der  Toten  ist  auch  bei  den  Indogermanen  weit  verbreitet  und  es 
genügt  hierzu,  auf  die  Ausführungen  0.  Schraders  im  R.-L.  s.  v.  Ahneukultus  zu 
verweisen.  Speziell  auf  Schraders  Bemerkungen  zum  Leichenbegängnis  des  Patroklus 
II.  XXIII,  164,  sei  verwiesen  (a.  a.  0.,  S.  25).  Rührend  ist  das  Wort  der  ( 'ornelia,  der  Mutter 
der  Gracchen:  nbi  mortua  cro  parentahis  milii  d  invocahis  dcum  parcidcni  (Wissowa, 
Religion  und  Kultus  der  Römer,  S.  187).  Bei  den  Römern  führte  der  Brauch  des  Toten- 
mahls aber  auch  zu  großen  Gelagen  bei  den  Gräbern,  worüber  Daremberg-Saglio  s.  v. 
parentalia  zu  vergleichen  ist.  Bekannt  ist,  daß  bei  dem  triclinium  funebre  in  Pom- 
peji einige  Teilnehmer  vom  Tode  erreicht  worden  sind.'    Vollkommen  klar  liegen  d'e  animi- 


'  Das  pompejanische  Triclinium  funebre  findet  sich  bei  üverbeck,  Pomiieji  ',  S.  278,  wiedergegeben. 
Mir  steht  leider  eine  andere  Darstellung  augenblicklich  nicht  zur  Verfügung. 


Sprachlich-saclilicbe  Probleme. 


187 


stischeii  Gedanken  bei  den  Germanen  vor;  man  gibt  den  Toten  Speise  und  Trank  mit  ins 
Grab;  man  veranstaltet  Totenmahle  am  (irab,  die  zuerst  den  Seelen  der  Verstorbenen 
dargcbraeht  werden,  an  denen  aber  auch  die  Familie  teilnimmt  und  später  ein  großer 
Kreis  von  Ciästen.  Je  mehr  Gäste,  desto  mehr  Ehre  brachte  das  Mahl  dem  Abge- 
schiedenen. Nordische  Qnelien  berichten  noch  aus  christlicher  Zeit,  daß  der  Tote  zu 
seinem  Leichenschmause  erschienen  sei  und  daran  teilgenommen  habe  (E.  Mogk,  Pauls 
Grundriß  II',  S.  253). 

Und  diese  Sitte  des  Leichenmahls  lebt  in  verschiedenen  Umformungen  noch  heute 
bei  Germanen    und    Slawen   fort. 

An  so  viel  sei  hier  nur  er- 
innert, um  den  Zusammenhang 
von  Geräten  und  Gedanken  her- 
zustellen und  zu  tlera  nächsten 
Punkte  überzuleiten. 

Zu  4.  Jeder  Leser  von  Strzy- 
gowskis  Aufsatz  wird  sofort  ge- 
sehen haben,  daß  hier  Tatsachen 
von  kulturhistorischer  Wichtigkeit 
besprochen  ^verden.  Und  solche 
Tatsachen  müssen  in  der  Sprache 
irgendwelche  Spuren  hinterlassen 
haben.  Mich  freut  es,  daß  Murko 
das  Glück  gehabt  hat,  eine  von 
diesen  Spuren  sofort  zu  finden, 
wovon  fr  in  einem  später  folgen- 
den Aufsätze  bandeln  wird. 

7.  Deutsch  Brüche. 

Weil  Jlriidc  und  BirtiK  ver- 
wandt zu  sein  seheinen  und  es  auch 
sind-,  stellt  sich  wohl  mancher 
schdu  die  älteste  Brücke  als  einen 
über  das  Wasser  gespannten  Bogen  vor.  Das  ist  vollkommen  unrichtig;  solclie  Brücken 
gab  es  nicht.  Flüsse  wurden  an  Furten  überschritten,  besser  gesagt,  durchwatet.  Der 
ursprinigliche  Sinn  von  IlrürJce  ist  «Prügelweg  über  sumpfigen  oder  morastigen  Stel- 
len».^ Das  tertimn  comparationis  zwischen  liiatir  und  liriich'  ist  nicht  die  bogenRirmigo 
Gestalt,  sondern  die  parallele  Anordnung  der  Teile:  Wie  liei  der  Braue  Härchen  neben 
Härchen  liegt,  so  bei  dem  Prügel  weg  Stange  neben  Stange. 

Oder  Mast  neben  Mast  (d.  li.  lvun(i>tamm  neben  Rundstamm),  auch  Bohle  nebeu 

'  Dio  VorUigo  Villi  Aliliildiiiij.'  'Jl-  ^lalllnlt  aus  dem  liortiis  deliciarum  der  Ablissin  Herrml  ron 
Ltnidsiifi-;/  ;t  1  !'.•■")).  Icli  vcnliuike  «Icn  Narluvois  und  dio  l'li(ito;;rapliic  .F.  Strzy?owski  und  halte  dieses 
Hill!  ;;(lira(lil,  wi'il  es  iiltor  ist  als  das  vim  I.indel  repioduzioitc. 

-  Tor|i-l''alk,  l'"i(k  111  ',  S.  -JSI.dio  sich  ülior  die  l'Vasio  iiac  li  doui  Zu.si»uuiit'nlian}:i>  der  Hodouluni: 
iiidil  auslassen.  —  lliii,  Welfiand,  .■>.  .\un  ,  nennt  dio  Hedeulunpsonlwieklune  viin  Braue  und  Brücke  unklar.  - 
FalkTioii,  1).  V.  Pavidsen  s.v./«-«  und  hnjijiii:  —  .A.  Xoroen.  I.,aull.,  S.  l.'vi. 

■'  ilier  sdlilie  .Moorwe^e  11.  Hirt.  Dio  Indtigennancn  II,  »WS.  —  O.  Srlirader.  R.-L..  S.  lUf. 

W 


.Abbildung  24.     Cliiistus  auf  der  Keller.' 
Nach  dem  hortus  deliciarum  der  Heri-ad  von  Landsper^'. 


1S8 


Rudolf  Meiinger. 


Bohle.  Solclie  Holzwege  gab  es  in  iVüliereu  Zeiten  wegen  der  Boden beschaffenheit  aui' 
«Toßen  Strecken  und  an  vielen  Orten,  denn  nur  aui'  diese  Weise  waren  die  Moräste 
passierbar  zu  maehen.  Einzelne  dieser  Brücken  waren  Tausende  von  Metern  lang. 
Solche  sind  z.  B.  in  den  Torfmooren  der  ehemaligen  Herzogtümer  Bremen  X'erden  zum 
Vorschein  gekommen.'  Die  Herstellung  geschah  entweder  mit  Bohlen  oder  mit 
Kundknüppelu,   manchmal  zeigt  auch  eine  und    dieselbe  Strecke  beide  Konstruktionen. 

Kluge  hat  in  den  Engl.  Stud. 
XI,S.5]  1,  Liebermann  zugestimmt, 
der  ags.  hri/ci/ian  (siehe   unten)   mit 
einen  Bohlenweg  herstellen»  über- 
setzte. 

II)  r  ab  im  ihn  Jakub  berichtet, 
daß  er  vor  Prag  eine  Moorbrücke 
von  etwa  zwei  Meilen  Länge  i)as- 
sierle.^  Auch  eine  holländische  Ge- 
sandtschaft, welche  1(315  von  Keval 
nach  Moskau  zog,  nuißte  ihren  Weg 
über  eine  solche  Brücke  nehmen. 
Diese  bestand  aus  runden  Masten 
von  Tannenbäumen,  welche  in  Moor 
oder  in  fließendes  Wasser  gelegt 
waren.  Die  Hölzer  waren  alt,  manche 
verfault,  so  daß  Zwischenräume  vor- 
handen waren  und  die  Masten  beim 
Betreten  rotierten.  Wir  haben  auch 
ein  Bild  dieser  Brücke  und  sehen 
daraus,  daß  die  Masten  seitlich  durch 
Pflöcke  gefestigt  waren,  so  daß  das 
seitliche  Verschobenwerden  der  Höl- 
zer wenigstens  im  Anfange  verhin- 
dert war  (vergl.  Abbildung  2(')). 

Die  Frage  ist,  ob   die   ältesten 
dieser  Moorbrücken    schon   vor  den 
Römern  vorhanden  waren,   oder  ob 
sie  erst   von   den  Römern    gemacht 
wurden.     Das  Wort  Brikkc  weist  darauf  hin,  daß  die  Erfindung  eine   alte,   schon   vor- 
römische war. 

Russisch  mostavaja  bedeutet  «Pflaster».  Schrader  hat  gesehen,  daß  es  die  ur- 
sprünglich mit  Brettern  überdeckte  Straße  l)edeute,  und  verweist  auf  mosh  «Brücke», 
klruss.  pomvst  «Diele».  Aber  es  wäre  statt  Bretter  besser  Stangen  oder  Masten  zu 
sagen,    denn  mostz  gehört  ganz  gewiß  zu  Mad;   und  das,   was  eben  über  die  aus  wirk- 


Abbildung  'ih.     Ein  V,.^  Kilometer  lunger  «Prügerlvveg 
lehmigen  Boden  bei  Lannacb  in  Steiermaik. 


^  H.  Müller-Brauel,  Globus  1SÜ8,  S.  23  ff. 

2  E.  H.  L.  Krause,  Globus  1898,  S.  25  fT.  —  Die  Gescbiclitschreiber  der  deutsclien  Vorzeit,  33  ^ 
S.  149:  «Am  Ende  des  Waldes  ist  ein  Sumpf  von  ungefähr  zwei  Meilen  über  den  eine  Brücke  geschlagen 
ist  bis  an  die  Stadt  Prag». 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


189 


liehen  Masten  liergestellte  Brüeke  von  1015  in  Ingermannland  berichtet  wurde,  stimmt 
dazu  vollkonunen.  Damit  soll  die  I'Lxistenz  von  Bohlenwegen  in  Rußland  nicht  geleugnet 
werden  und  0.  Sclirader  kann  sicli  dafür  auf  Gewährsmänner  stützen.  Aber  der  Name 
mostai'dja  kommt  vom  Weg,  der  nnt  llundhölzern,  wirklichen  Masten,  belegt  war,  nicht 
von  den  Brettervvegeu. 

Ich  habe  als  15jähriger  .Junge  den  grenzenlosen  Schmutz  der  Dorfstraßen  in 
Russisch -Polen  gesehen.  Wie  oft  ist  unser  Wagen  bis  zu  den  Achsen  eingesunken! 
Ein  Prügelweg,  der  nichts  weniger  als  ein  Ideal  ist,  wäre  gegen  diese  Wege  noch  immer 
ein  Segen  gewesen.^ 

Das  aksl.  mosti,  «Brücke»  hat  O.  Schrader,  R.-L.,  S.  115,  als  Lehnwort  aus  deutsch 
Mast  erklärt,  was  möglich  und  denkbar  ist.  Aber  es  kann  auch  Urverwandtschaft  vor- 
liegen. Wenn  die  beiden  Wörter  urverwandt  sind,  dann  muß  man  3Iast  von  lat.  malus 
abtrennen,  wodurch  die  Wörter  mit  lat.  /  für  d  weiter  zusammenschrumpfen  würden-, 
wobei  ich  darauf  hinweisen  will,  daß  auch  soliimi  nicht  zu  sf'drrc,  sondern  zu  deutsch 
Sal  gehört.  Die  Sippe  mast-mosU  ist  dann  aus  *mat-sto-  entstanden  und  gehört  zu  lat. 
mateola  « Werkzeug 
zum  Einschlagen  in 
die  Erde»,  aksl.  mo- 
ii/ka,  ixgsjiKiftor«  Spitz- 
hammer», vgl.  Torp- 
Falk,  Fick  IIP,  S. 
305,  318.  Eine  mo- 
derne südslawische 
moi'ika  habe  ich  M. 
A.  CJ.  Wien  XXXIV, 
(1904),  S.'löS,  Fig.G2, 
abgebildet. 

Das  idg.  Wort  für  Braue  zeigte  einen  Ablaut  *bhreu,  *hhrü,  *hhruii.  Vergl.  ai.  bhnis, 
gr.  cxppOq,  aksl.  bnvb,  aisl.  bni,  ags.  Jtrd'ir.  ahd.  brüiva. 

Und  in  allen  seinen  Ablautgestalten  bedeutet  das  Wort  auch  «Brücken,  d.  h.  ur- 
sprünglich «Prügelweg»:  altgall.  hrtra,  aisl.  und  neunorw.  bni,  bulg.  bncb  «Brücke,  Balken, 
Klotz»,  kruat.  brr  •sBalken,  Stegbrücke».  Weiter  hierher  aksl.  hnvino  boKÖq  «Balken^. 
Über  die  slawischen  Wörter  Berneker,  EWb.  s.  v.  brui,  1   und  2. 

Das  germ.  *bni(jju,  das  klärlich  von  demselben  Worte  herstammt,  hat  nur  die  Be- 
deutung «Prügelweg,  Brücke»,  aisl.  brijggja  «Schiffsbrücke,  Kai»,  ags.  hnjcxj,  as.  hniggia, 
ahd.  brucka.  Vergl.  auch  ags.  bri/cgian,  mnd.  bruggen  «mit  Steinen  pflastern»,  eine  Be- 
deutung, die  sich  bei  der  fortschreitenden  Technik  aus  der  älteren,  welche  bloß  «mit 
Bohlen  belegen»   besagt,  entwickelte. 

Neben  der  Form  %ri«ijo,  die  im  Westgermanischen  Konsonautengemination 
entwickelte,  erscheint  eine  Form  ohne  diese  in  Schweiz,  briig'u  von  dessen  Bedeutungen 
gleich  die  Rede  sein  wird. 

'  Ich  fuhr  per  Wagen  von  Lcniberjj  bis  in  die  Nähe  von  R.idom.  süJlich  von  Warschau,  und  dann 
von  dort  wieder  per  Wagen  nach  Krakau.  Die  Chausseen  waren  in  Ru.<.<isch  -  Polen  vorzüsrlich :  was  ich 
sage,  bezieht  sich  bloß  auf  die  Doifwege.  Mit  IS  .Jahren  lernte  ich  die  siUlungarischen  We^-e  kennen. 
Über  die  vor  der  ö.-iten-eichi.-;chcn  Zeil  in  Bosnien  gemachten  Slralien  berichte  icl>  ein  auderei  Mal. 

-  l'\  Soninier,  Handbuch,  S.  liC!. 


Abliilduiig  •ii'i.     Ein  Prügehve;,'  in  Ingermannland  lül.5. 
Nach  «Globus.  1898,  S.  -m. 


190 


Rudolf  Merineer. 


Mau  stellt  mhd.  brii(jii  «Prügel»  zu  liriichc  und  die  Bedeutungen  würden  aufs 
beste  stimmen.  Doch  liaben  Falk-Torp,  Ordbog  s.x.ji^eil  und  prytji,  dagegen  geltend 
gemacht,  daß  Priigcl  durch  Dissimilation  aus  ^j^higild-  entstanden  sein  könne  und  dieses 
die  Al)lautform  von  ndd,  plnjil,  dän.  phil,  mhd.  rhyil.  aber  Ifilö  noch  phhr/fl  (siehe 
Weigand-IIirt  s.v.)  sei. 

Mir  scheint  die  Zusammenstellung  von  J'riii/'jl  mit  Jirlickr  noch  immer  die  beste 
zu  sein. 

Im  oberdeutschen  Bauernhause  hat  Brücke  noch  eine  l)csonder(!  Eiüwicklung 
durchgemacht.  Es  bedeutete  zuerst  den  Prügelweg  neben  dem  Hause,  den  man  an- 
legte, luu  trockenen  Fußes  vom  Menschenhaus  zu  Stall  und  Scheune  gelangen  zu  können, 

das,  was  sonst  in  ihrer  spä- 
teren Ausgestaltung  die  (ired 
heißt.'  Dann  erhielt  ein  Holz- 
vorbau vor  der  Eingangstür 
den  Nameu  Brücke.  Auch 
eine  horizontale  Bretterdecke 
über  dem  Ofeu,  die  von  dem 
Ofengeländer  getragen  wird, 
heißt  OfcnpniLti  und  dient 
als  Bett.  Solche  Ofenbrücken 
kommen  auch  auf  Schlos- 
sern vor. 

hn  Wigalois  74G8  heißt 
es:  frouice  Ja  fite  itf  einer 
liöheii  hyiiclce  sa^,  dajnie  deJtein 
linieke  lag  von  betten  tvart 
(jrsliclitef,  mit  tepchni  icnld  hr- 
rihtet.  Man  gibt  an,  daß  auch 
eine  Lagerstätte  neben  dem 
Ofen  Brüche  genaunt  wird, 
was  ich  nicht  gehfirt  habe.    Beachte,  daß  hier  von  einer  hnlii-n  hriiel;e  die  Rede  ist. 

Auch  die  Bi'deutung  «belege  einen  Weg  durch  Sumpfgründe  mit  Querhölzern» 
ist  im  Mbd.  nachzuweisen.-  Wigalois  (i768:  eine  sln'e^e,  diu  was  <jehrnelcet  idier 
dir^  mos.     Weiteres  bei  Schmeller  -,  Sp.  347. 

Im  >Steirischen  heißt  der  Schlachtraum  Selilatihmkn.  Über  die  ursprüngliche  Vor- 
richtung, die  diesen  Namen  begreiflich  macht,  ein  anderes  Mal. 

JJriicl-e  als  Vorbau  vor  der  Haustür.  Vergl.  das  Haus,  das  J.  Hunziker,  Das 
Schweizerhaus  III,  hrsg.  von  C  Jecklin,  S.  21ö,  P^ig.  242,  S.  2IG,  Fig.  244,  darstellt 
(1  ist  das  hriie/r/li).  Eine  solche  «Brücke»  zeigt  auch  die  Fig.  251,  S.  219,  daselbst.  Auch 
'  So  äulJfite  jcli  iiiicli  in  der  Zls.  f.  d.  öslerr.  Gymnasien  1S93,  S.  1.5.  —  Was  ich  damals  sagte,  scheint 
diuTli  den  Trakt;it  ße  yesceadwisan  yercfdii  liiebermann,  Gesetze  der  Angelsachsen  I,  S.  455, 13,  bestätigt  zu 
werden,  l'ntei-  den  Obliegenheiten  des  klugen  Amtmanns  wird  hier  besonders  genannt:  hettveox  hnsan 
hrict/an  «zwischen  Hiiusein  zu  pllastern»,  was  sich  wohl  eher  auf  Prügelwege  beziehen  dürfte  als  auf  Stein- 
pflasterung.  I<icberniaiin  entsclieidet  sich  lür  keine  der  beiden  Möglichkeiten,  aber  ihm  gebührt  das  Ver- 
dienst, iiuerst  an  I'rüi-'elwege  oder  Hoblenwege,  wie  er  meint,  gedacht  zu  haben. 
2  W.  Möller,  Mhd.  \Vb.  1,  S.  ^26ß. 


Abbildung  '21 


Ansseer  Haus  mit  «Brückl» 
Altausseer,  S.  35! 


Nach  V.  Andiiaii.  iJie 


Sprachlich -sachliche  Probleme. 


191 


die  Viehstände  des  Stalls  lieißen  hiiiffi,  a.a.O.,  S.  144,  Fig.  151  i,  S.  169,  213,  eine  Be- 
zeichnung, die  von  einem  gedielten  Boden  herstammt.  Chr.  Ilauck  berichtet',  daß 
sich  in  Api)eni'>ell  an  den  Langseiten  des  Wirtschaftsgebäudes,  das  sich  hier  an  das 
Wohidiaus  anleime,  unter  dem  vorspringenden  Dach  ein  laubenartiger  geschlossener 
Gang  hinziehe,  <'ljrii;ji '  genannt.  Wenn  Maaler  1561  Briige  flir  «Sehaubülnie»  ver- 
wendet, so  ist  das  eine  wohlbegreifliche  Übertragung  eines  volkstüniliclien  Wortes  auf 
einen  Gegenstand  höherer  Kultur. 

Über  das   ßriicid  von  Aussee  habe  ich'-  und  hat  auch    v.  Andrian  bericlitet  und 
Bilder   gebracht'   (vergl.    hier  Abbildung   27). 

Als  aus  dem  Hol/.prügelweg  ein  gepfla- 
sterter, mit  Steinen  hergestellter  entstand,  be- 
hielt dieser  den  Namen  Brücke  bei.  Vergl. 
ndd.  sfcidiriiinir  «Steinpflaster».  Die  unter 
unserem  Kultureinflusse  stehenden  Slawen 
übernahmen  dann  das  Wort  im  Sinne  von 
«Pflaster,  Straßenpflaster»:  polu.  hnik  da.ss.'; 
die  Litauer  haben  hrhlcus  nicht  nur  im  Sinne 
von  «Stein brücke»,  sondern  auch  von  Stein- 
pflaster» übernommen.  In  früherer  Zeit  ist 
hriiijis  entlehnt  wurden. 

A.  Bieleustein,  Die  Holzbauten  und 
Holzgeräte  der  Letten,  S.  85  f.,  beschreibt  das 
Fundament  einer  Riege  so:  «Das  Fundament 
besteht  aus  einzehien  größeren  Feldsteinen. 
Die  Zwischenräume  zwischen  diesen  sind  mit 


hineingewälzten  Ilolzljlöeken 


;efiillt,  die 


.Vlibililun;,'  28.  Yogeseiiholzprügelwe?.  -Nach  Buch 
iloi-  Erfinrlungeu   ISliS,  Ei-gäiizHngshaiul,  S.  17(1. 


mit  eingetriebenen  Pia! den  befestigt  und  dann 
mit  Erde  von  außen  bis  an  den  Grundbalken 
beworfen  sind.  Ein  solches  Fundament  nennt 
man  hnifjig.»  Dazu  bemerkt  er  in  einer  An- 
merkung weiter,  dieses  Wort  sei  ein  deutsches 
und  bezeichne  eigentlich  die  Knüppeldämme, 
welche  früher  durch  die  Moräste  gescblageu 
wurden,  dann  die  chanssierten  Landstraßen 
und  endlieh  auch  gepflasterte  Straßen. 

Es  gibt  noch  ein  anderes  deutsches  Wort  für  sKnüppell>rückes ,  das  Kluge  richtig 
erkaimt  hat,  nämlich  nuidd.  spnJce.  Er  setzt  es  im  Et.  Wb.  s.  v.  zu  ahd.  spali/io 
«Reisig».  Dazu  sei  lunierkt,  daß  auch  das  Reisig  bei  den  Moorbrücken  eine  Rolle 
spielt,  denn  sdion  bei  den  ältesten  linden  sich  Faschinen,  dh.  Rutenbündel,  zum  Aus- 
stopfen der  Zwiscbem-äume  verwendet.  Die  Sippe  des  ahd.  spaliho.  mhd.  sjyaclir  «dürres 
Reisholz»   macht  Schwierigkeiten,  vergl.  Torp-Falk,  Fick  111',  S.  506. 

Eine  besondere  Art  von  Prügelwegen  existiert  im  Gebirge.     Mau  legt  sie  an.  um 

"  Chr.  H:iiuk.  Kiillingosi  liu  lile  des  deutschon  Rauernhauses,  S.  ö;^. 

-  Verfasser.  M.  A.  G.  Wien  XXll,  S.  101;  XXllL  S.  l.M.  Fi?.  lU);  S.  !.");>.  fi;:.  \M :  ^.  UM.  Kii:,  HO. 

'  V.  Andrian,  Die  Allausseer,  S.  ;«— 1!7.  —  '  K.  Heriieker,  Kt.  Wb.  s.  v.  bruk;  S.  !>".». 


192  Rudolf  Meringer. 

darauf  mittelst  ydilitten  das  Hol/,  zu  Tai  zu  schaliun;  vergl.  die  AbliiUUing  ^8.  Das 
Bild  zeigt  bloß  den  Schlitten  luit  den  Personen  auf  dem  Holzwege,  die  Holzschlittcn 
außerhalb.  Das  war  aber  nicht  das  Normale:  Der  Weg  ist  für  die  Schlitten  gepflastert, 
nicht  für  die  Ausflügler.  Vergl.  Buch  der  Erfindungen  ISijS,  Ergänzung.sband,  S.  17ß, 
mit  Text  S.  ITf). 

8.  Lat.  i>ons  und  seine  Sippe. 

Was  wir  liei  Briklic  gelernt  haben,  zeigt  uns  den  Weg  für  die  Bedeutungen  der 
Sippe  von  poiiii.  Auch  die  Urbedeutung  der  darin  vorliegenden  Wurzel  ist  «Prügelweg». 
Dann  sehen  wir  sich  daraus  entwickeln  «gehen»,  «Decke  eines  Gemachs  oder  Hauses». 
Aus  der  ßeileutvuig  gehen»  entwickelt  sich  die  von  «finden».'  Zum  Verständnis  be- 
merke ich  nur  kurz,  daß  die  primitive  Herstellung  der  Decke  eines  Raumes  in  dem 
Nebeneinanderlegen  von  Prügeln,  Stangen  besteht.  Bei  uns  findet  sich  das  noch  in 
Nebengebäuden  und  es  kann  einem  z.  B.  im  Dachbodenraum  eines  Stalles  zustoßen, 
daß  man  mit  einem  Fuß  zwischen  zwei  Stangen  gerät,  wenn  nämlich  einzelne  Prügel 
durch  Alter  schadhaft  geworden  und  ausgefallen  sind. 

Ich  verweise  auf  Torp-Falk  bei  Fick  HI  ',  S.  228,  und  ordne  die  einzelnen 
Worter  nach  den  Ablautstufen  der  Wurzel. 

''■pciifh-.     Got.  fiHpun  usw.   «finden».     Air.  (■faim  dass. 

*poiitli-.  Aksl.  ;w/6«Weg»;  aus  der  Sprache  der  Schifier  mag  es  sich  herschreiben, 
daß  gr.  TTOVTO?  eine  Bezeichnung  für  «Meer»  wurde.  Hierher  wohl  auch  die  starken 
Kasus  des  ai.  pänfhcu  (Nom.  Sg.)  «Weg». 

Das  Deuominativum  davon  hat  eine  reichliche  Bedeutungsentwicklung  durchge- 
macht: ags.  fdiidiuii  «untersuchen»,  ahd.  fundini  dass.,  mhd.  vanäen  «besuchen»,  nhd. 
fiihiiilcii.  Vergl.  auch  ahd.  fcinlo  «Fußgänger»,  aisl.  fantr  «Diener,  Bote,  Strolch», 
letzteres  aus  *poiitliiiü-. 

Im  Lateinischen  bedeutet  pautcs  mit  oder  ohne  den  Zusatz  loufji  einen  Prügelweg 
in  sumpfigem  Gelände.^ 

Tac.  ann.  I,  61:  pranii/sso  ('aeciiia,  iit  ocndUi  saltnuin  scntfaretur  pontesqur  et 
agfjcres  uniido  palndnm  d  fullurlhus  cuiiipis  imponrrct ,  tiicedniü  niacstos  locos  risii/jHr  ac 
memorid  dcformix. 

Tac.  ann.  I,  63:  CarriiKi ,  (j/ii  siinm  militnu  ditcrhat,  iiioiiifns,  qiKimqnam  iiofis 
itinerihus  rcyirderefiir,  pujdes  loii(/iis  quam  mnti<rrime  sitpvnire. 

Caes.  beil.  Gall.  VIII,  14:  pont/bus  pcdndc  constrata  larfiones  traducit  cderitcrqite 
■in  SHitnnam  iilaiiHicm  iugi  perrcnit.  Hier  erscheint  also  die  Verbindung  pontihus  conster- 
nerc,  was  von  den  Prügeln  des  Moorwegs  wohl  gesagt  werden  kann.  Ebenso  erscheint 
poufihns  stcnicre  bei  Tac.  anu.  II,  6:  midtac  (sc.  naves)  iwntihna  sfratae,  super  quas 
foniwiita  rcherentur,  simul  aptac  frrmdis  ciiuis  ant  commmtni.  Es  kann  sich  hier  nur 
um  Verdecke  auf  den  Schiffen  handeln,  welche  eben  in  derselben  Weise  durch  neben- 
einandergelegte Prügel  oder  Bohlen  hergestellt  wurden  wie  die  Moorbrücken. 

Die  Prügelwege  scheint  man,  um  sie  ebener  zu  machen,  öfter  mit  Erde  bestreut 
zu  haben.  Vergl.  Liv.  XXI,  28;  B(dcm  .  .  .  a  terra  in  amncm  porrexerunt,  quam  .  .  . 
pontis  in  modum  humo  inicda  eondrarerunt. 


'  Vergl.  dazu  E.  Lewy,  V.  Br  Beiü-.  XXXII,  S.  143,  Anni.  i2. 

«  Forrer,  R.-L.,  S.  1(X);  Mitteil,  des  Vereins  für  Geschichte  und  Landesl;.  von  Osnalirüclv  r.lU8,  XXXII, 
S.  317  ff.;  Zentralblatt  f.  Anthrop.  1908,  S.  3.J'J. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


193 


J'oiilcs  wird  iiucli  von  den  Tabulata  dtr  Türme  gebraucht,  offenbar  deshalb,  weil 
ihre  Herstellung  dieselbe  war  wie  die  der  Moorbrücken  uml  die  der  \'erdecke. 

\^erg.  Aen.  IX,  530:  iurris  erat  vasto  mnspecfu  et  pontihiis  altis 
opijortuna    loco  summis  quam  viribus  omnes 
expugnare  Itali  summaque  everfere  opum  vi 
certabant,  Trocs  .  .  . 
Aen.  XIT,  C75:  funim,  roinpadis  trabihus  <niuni  cdnxerat  ipse 
sithdidcmlqne  rotas  pontisque  instraverat  (iltos. 

Zu  der  Stelle  Aen.  IX,   170  .  .  nee  no)i  trepidi  formiäine  portas 

rxphirant  pontisque  et  propugnaeula  iungunt 
bemerkt  Servius:  ponfcs.  qui  fiunt  in  muris  an- 
gustior/bus,  iif  sif  faeilior  trunKttus  ad  divisas  muri 
partes;.  Wenn  die  Mauern  allzu  eng  waren,  dann 
wurden  Brücken,  Laufgänge  an  ihnen  angebracht, 
um  alle  Stellen  leicht  zugänglich  zu  macheu.  Bei 
breiten  Mauern  war  das  überflüssig. 

Das  Lateinische  hat  zu  pons  ein  ponto  und 
pontoniuni  entwickelt,  über  welche  man  Darem- 
berg-Saglio,  Dictionnaire  vergleichen  wolle.  Nach 
der  Etymologie  müßte  das  Wort  zuerst  ein  Floß 
bedeutet  haben,  es  ist  aber  auch  möglich,  daß 
von  allem  Anfange  flache  Schiffe,  auf  welcbc  mau 
gut  eine  Brücke  legen  konnte,  so  bezeichnet  wurden. 

Als  eine  Brücke  in  unserem  Simie  aufkam, 
muß  man  sie  wühl  von  den  pontes,  den  Moor- 
brücken-,  unterschieden  haben.  So  scheint  sich 
pons  snblicius  als  Name  einer  auf  Piloten  stehen- 
den, den  Fluß  frei  übersetzenden  Brücke  zu  er- 
klären. 

Ein    germanisches    Lilnnvurt    aus    lat.    pons 
poulcni  veriiuitct  Kluge,  (Jrdr.  I  -,  S.  iUi),  in  ags. 
punt,  nnidl.  jiimte,  mnd.  piDifc    Im  ags.  bedeutet 
punt  caudex,  trabaiia,  pontonivuii  und   Schne|)i>er 
vor  ihm  A.  Pogatscher  in  QF.  (JJ,  S.  104.     .Vuch  nach  meiner  Meinung  ist  lat.  jwifo 
die  Quelle  der  germun.   Wörter. 

*piitli.  Hierher  TTÜToq  «Pfad»,  apreuß.  jtintis  v-Weg».*  A'i. pafhds  Gen.  Sg.  und  pnihi-. 
.Mul.  I'uiiden  «sich  begeben»  und  ahd.  funs  «bereitwillig»  (aus  *ym^/(,sö-),  vergl.  fher  ririsf 
giuuisso  funs  ist,  tlai.:  flrise  ist  aber  umuiahtie  T.    181,  (>. 

Die  ursprünglicbc  Flexidu  des  Xomens  war  eine  abstufende:  Ndui.  Sg.  *j)'>ntJ<0{i)s, 
Instr.  l'l.  "■■piitlii-bliis  usw.  Im  (iriecii.  wurde  *TT6v>>iuq  Gen.*  ttövto^o?  wegen  der  Erhal- 
tung des  Nominativ  .s-  in  die  maskuline  w-Deklination  überführt  (ebenso  wie  die  .\b- 
lautform  Träioq),  weil  ''npiu-^oq  gegen  die  Einführung  in  das  Schema  von  i'ipuu?  Einsprache 

'  H.  Scliiiop|)er,   Die  Niimeii  dt-r  SchilTe  mul  J^chiflsteile  im  .\lteniilischen.    Eine  kiilturgcsohichtlich- 
etynn)luj,'isflie  riilcrsiuhun{;.     Dissertation  Kiel  100^,  t^.  47. 
'  E.  Berneker,  Die  preuliisclie  Sprache,  S.  313. 

Wörter  \inO  Siu'hen.     I.  25 


.Abhiliiunj,'  -jy.  Gedeckte  Harfe  ,ius  Xölsch 
im  Gnillale  (K.irnten.) 

leitet  es  aus  pontn  her',    wie  schon 


194 


Rudolf  Meringer. 


To-tspruka 


Tenne 


erhob.     In  latein.  ponti-  liegt  eine   durchsichtige  Kontaminationsibrin  vor.     Vergl.  jetzt 
A.  ßezzenberger,  Kuhns  Zts.,  42.  Bd.,  S.  384. 

Unsere  Cruppe  könnte  mit  idg.  *pon  «Sumpf»,  das  durch  got.  faui  «Kot»,  apreuü. 
lyannean  «Moosbruch»,  viw.  an  «Wasser»  usw  '  erwiesen  wird,  zusammenhängen,  was  mit 
der  Urbedeutung  von  *p('iith-,  *ponth-  sich  leicht  vereinigen  ließe. 

Bloß  weil  man  die  Bedeutungszusammenhänge  nicht  durchschaut  hat,  ist  heute 
noch  niemand  darauf  gekommen,  daß  die  Sippe  von  aksl.  2>'jf>'0  lacunar  hierhergehört.- 
Die  im  Slawischen  überlieferten  Bedeutungen  fügen  sich  ohne  weiteres. 

So  bedeutet  slov.  jKter  «der  Dachboden  in  einer  Scheune»,  was  so  zu  erklären 
ist  wie  unser  «Boden»,  der  zuerst  auch  nur  die  Decke,  dann  den  Raum  darüber  be- 
zeichnet. ^;rf(T  ist  zunächst  aus  na  pefni 
«auf  dem  Boden»  hergeleitet.  Weiter  finden 
wir  die  Bedeutung  «Dachboden  der  Getreide- 
harfe». Der  Plural  jjrf^'t'  bedeutet  ein  Bretter- 
gerüst zur  Aufbewahrung  von  Stroh  oder 
Heu  in  Stallungen,  Scheunen  und  dergl. 

Über  die  Getreideharfen  habe  ich  in 
den  IF.  XVI,  S.  128  ff.,  gehandelt  und  ein 
einfaches  derartiges  Stangengerüst  abgebildet. 
Man  begreift  nun  ohne  weiteres,  daß  man  zwei 
solcher  Gerüste  parallel  zueinander  stellen 
und  darüber  einen  Scheunenraum  anbringen 
kann,  den  zu  tragen  die  Holz.säulen  ausreichen. 
Der  Dachboden  einer  solchen  Getreideharfe 
heißt  slov.  ^Jd«-.  Die  Abbildung  29  gibt 
davon  eine  Vorstellung,  obwohl  dieses  Objekt 
nur  ein  Dach ,  nicht  einen  geschlossenen 
Raum  zu  oberst  hat.  Sonst  bedeutet  das 
Wort  peter  noch  «eine  Stellage»  (welche?), 
ein  Gerüst  im  Stalle  oder  auf  der  Tenne. 
Im  Poln.  bedeutet  pirtrv,  pnatro  «Stockwerk,  Stufe»,  przotr  «Speicher»,  im  Russ. 
jijatcrb,  pjatra  «Balken».  Die  anderen  Bedeutungen  kann  ich  nicht  heranziehen,  weil 
mir  die  Kenntnisse  der  entsprechenden  Sachen  fehlen.  Was  für  eine  Gattung  «Gerüst» 
bezeichnet  z.  B.  tschech.  patro?  Mögen  uns  hier  die  Slawisten,  welche  nicht  bloß  Bücher- 
weisheit, sondern  auch  volkskvmdliche  Kenntnisse  besitzen,  helfen! 

Aksl.  2}ctro  konnte  deshalb  lacunar  bezeichnen,  weil  die  Decke  ganz  nach  Art  der 
Pi'ügelwege  aus   nebeneinanderliegenden  Stangen  gebildet  war. 

AV^ie  nun  J.  R.  Bunker  in  seiner  Arbeit  über  das  Köflacher  Bauernhaus  berichtet 
(was  auch  V.  v.  Geramb  bestätigt),  heißt  in  einem  Teile  der  Steiermark  der  Dachboden 
der  Scheune  pfiLi  (Neutr.). 

M.  Murko  hat  sofort  auf  die  Nachricht  von  der  Existenz  dieses  Wortes  hin  ge- 
sehen, daß  in  dem  päb  (es  wird  mit  hellem,  nasaliertem  a  gesprochen)  das  aksl.  prtro, 
slov.  peter  steckt,  von  denen  das  letztere  bis  heute  den  Dachboden,  dh.  der  Dach- 
raum bezeichnet. 


ptoU/     .r//~ _    —  — 


Abbildung  30.     Eine  Scheune  mit  einer  in  den 
Dachraum  führenden  Brücke. 


'  Torp-I<^alk,  Fick  III  \  S.  2-28.  —  -  Miklosich,  Et.  Wb.,  S.339. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


195 


Das  Wort  päh  ist  aus  mehr  als  einem  Grunde  interessant.  Vor  allem  ■wegen 
seines  Vokalisnius.  Das  slawische  Mutterwort  muß  zur  Zeit  der  Entlehnung  einen 
Nasalvokal  vom  Klange  des  französischen  in  gehaht  hahen,  denn  nur  aus  einem  so 
gesprochenen  pcter  kann  zur  Zeit,  in  der  deutsch  hain  (Bein)  zu  hä  wurde,  ein  jnVo 
entstanden  sein. 

Die  Brücke,  die  in  das  puf.i  fiilirt,  heißt  pStsprnl-n  (vergl.  die  Abbildungen  30 — .32, 
welche  ich  Herrn  Dr.  \'.  v.  (ieranib  verdanke).  Dort,  wo  die  Scheune  an  einer  Berg- 
halde hegt,  ist  es  nämlich  möglich, 
das  Getreide  mittelst  der  j  iH.)pnihi 
direkt  in  den  Dachraum  zu  bringen, 
von  wo  es  durcli  eine  Bodentür  (a 
in  Abbildung  .30)  auf  die  Tenne  zum 
Gedroschen  werden  heral)geworfen 
werden  kann. 

Die  Abliildung  30  stellt  eine 
Scheune,  StihU  genannt,  vor.  Das 
Objekt  steht  in  der  Gemeinde  Über- 
wald bei  Ligist  in  Steiermark.  Der 
Durchschnitt,  den  ich  nach  Dr.  v.  Gc- 
rambs  Skizze  gezeichnet  habe,  erklärt 
sich  von  selbst.  Der  unterste  Teil, 
der  den  Stall  beherbergt,  ist  gemauert, 
alles  andere  gezimmert,  das  Ganze 
mit  Stroh  eingedeckt.  Die  folgende 
Abbildung 31  zeigt  die  jKlf.ipriilii  von 
der  Stirnseite,  Alibildung  32  von  der 
Seite.  Auf  dem  letzteren  Bilde  sieht 
man  auch  die  Tennl)rücke  unter  der 
p(7t32^ndn. 

Im  Griech.  bedeutet  y^^P^^P" 
«Brücke».  Es  ist,  wie  böot.  ßdcpupa, 
kret.  beqpupa  beweisen,  aus  *j'iehhnriji 
entstanden  und  gehöi't  zu  aisl.  hrcfja 
«imtertauchen»' ,  ist  also  vielleicht 
auch  die  Bezeichnung  eines  Trügel- 

wegs,  denn  bei  diesem  wird  das  Holz  wirklich  ein-  und  untergetaucht.  G.  Schrader. 
K.-L.,  S.  115,  denkt  wegen  der  schwanken  Lautgestalt  von  Yt^piJpa  «'i  ^'i"  Fremdwort, 
wie  andere  vor  ihm.  Aber  ich  nuiß  sagen,  daß  mir  der  Wechsel  von  t,  ö,  ß  gerade 
auf  ein   uraltes  ertrlites  Wort  hinzuweisen  scheint. 

Wie  lat.  jiints  den  Prügelluxlen  des  Schitfsdecks  und  die  Decke  des  Turms  be- 
deutete, .so  heißt  im  Aksl.  pcint  lacunar.  So  lauge  das  griechische  Hans  mit  einer  hori- 
zontalen Decke  seinen  Abschluß  fand,  ist  auch  diese  aus  Prügeln  und  Staugen  herge- 
stellt gewesen.  Einen  Beleg  haben  wir  dafür  in  dem  olleren  Abschluß  der  mykenischeu 
göttlich  vorehrten  Säulen. 

'    Tuiii-I'alk  111   ',  .S.  tior. 


Abliililun^r  ;!1.     Die  uliove  Hriu-ko  von   vorn  ^rcselioii. 


196 


Rudolf  Meringer. 


Das  Löwentor  zeigt  über  der  Säule  vier  Prügelköpfe,  die  man  nicht  leicht  anders 
deuten  kann  denn  als  Teile  eines  Dachs  über  der  heiligen  Säule.  Auf  ein  solches 
Prügeldach  weisen  auch  andere  Darstellungen  bin,  wie  man  bei  Evans  sehen  kann.' 
Meine  Abbildung  33  hier  wiederholt  das  Bild  von  Evans,  S.  158.  Man  sieht  auf  dieser 
niykenischen  Gemme  in  der  Mitte  die  heilige  Säule,  über  ihr  neun  Prügel,  welche  die 
Decke  andeuten,  rechts  und  links  von  der  Säule  einen  Greif.  Die  Figur  40  bei  Evans, 
S.  160,  zeigt  zwei  Lagen  von  Prügeln  übereinander  angedeutet,  was  entweder  l)I()I5 
dekorative  Verteilung  ist,  oder  es  hat  auch  solche  Dächer  gegeben. 

Mit  den  Prügeln  war  aber  das  Dach  noch  nicht  fertig.  Sie  scheinen  auf  Bohlen 
gelagert  und  von  solchen  umgrenzt  gewesen  zu  sein.     Oben  mögen   nocli  Rasenstücke 

ihren  Platz  gefunden 
haben.  Man  vergleiche 
in  bezug  auf  diese 
Dachkonstruktionen 
die  Wiederherstellung 
des  lykischen  Holz- 
hauses, welcheG.Nie- 
niann  versucht  hat.- 
Das  Dach,  wel- 
ches über  den  heili- 
gen Säulen  angedeutet 
wird,  führt  zur  Frage, 
wie  denn  der  Bau, 
dessen  Decke  es  war, 

ausgesehen  haben 

mag.  Ein  Typus  dieser 

Bauten  ist  von  E  v  an  s , 

wie  mich  dünkt,  niit 

Sicherheit  erschlossen 

worden.     Wir  haben 

nämlich  Kultgeräte,  welche  solchen  Heiligtümern  nachgebildet  sind,  und  sie  zeigen  uns 

eine  offene  Halle    mit    flachem   Dach,  das   von   vier   schlanken  Ecksäulen    und   in   der 

Mitte  von  der  heiligen  Säule  getragen  wird. 

Der  eine  dieser  Gegenstände  ist  nach  Evans,  S.  114,  Fig.  7,  hier  in  Abbildung  34 
dargestellt.  In  dem  großen  diktäischen  Grabe  wurde  das  Fragment  eines  Tisches 
mit  Schalen  für  Libationen  gefunden.  Die  Abbildung  zeigt  die  plausible  Wiederher- 
stellung des  ganzen  Geräts.  Sehr  ansprechend  vermutet  Evans,  daß  die  Dreiheit  der 
Schalen  der  Dreiheit  des  Opfertranks  für  die  Toten  entspricht,  wie  es  Od.  X,  519  f.  heißt: 

TTpuJTa  |U€XiKpt'-|TUJ,  lutTeTTeiTö.  bt  i'ibei  oi'vuj 
Tö  xpiTOV  au&'  übati. 
Insofern   als   es   sich  bei   diesem   Tische  um   ein  Totentrankopfer  handelt,    tritt   er   in 
Beziehungen  zu  den  obenerwähnten  ägyptischen  Tischen. 

'  A.  J.  Evans,  Mycenaean  free  and  pillar  cult.    Hell.  stud.  XXI,  S.  158,  160. 

"  Benndorf-Niemann,  Reisen  in  Lykien  und  Karien,  S.  97,  Fig.  53,  von  mir  wiederholt  in  den  IF. 
XIX,  S.  417,  Fig.  1().  —  Bei  E.  Drerup,  Homer,  findet  man  die  Abbildung  von  bemalten  Tenakottapleilern 
aus  Knosos.     Jede  trägt  zwei  Prügel,  auf  denen  eine  Taube  sitzt. 


Abbildung  3:2.     Die  obere  Brücke  von  der  Seite.     Lntun  die  Teiinliiücke. 


Sprachlioh-sachliflie  Probleme. 


197 


Aber  seine  Gestalt  ist  die  Naclialiniunt^  eines  Säulenlioiligtums,  wie  Evans  richtig 
gesehen  hat.  Evans  stellt  noch  einen  kleinen  Kaiksteinaltar  dar,  der  ebenfalls  ein 
solches  Heihgtum  nachahmt.  Seine  Figvir  St  auf  S.  II ä  wiederhole  ich  hier  in  Ab- 
bildung 35.  Das  Objekt  ist  Sandstein  und  stammt -aus  der  Cyrenaica.  wurde  von  dem 
Konsul  Dennis  in  ßengazi  erworben  und  ist  jetzt  im  Britischen  Museum.  Die  näheren 
Fundumstände  sind  nicht  bekannt.  Auf  der  Decke  zeigt  dieser  «Altar»  ein  Behältnis  zur 
Aufnahme  eines  Opfers,  vielleicht  auch  zum  Auflegen  der  Scheiter  für  ein  Feuer.'  Auf 
weitere  Spuren  dieser  Art  Heiligtümer  hat  Evans,  S.  ]  IG,  hingewiesen.  Besonders 
wichtig  ist  seine  Abbildung  (S.  IGl,  Fig.  41)  eines-  kretischen  Steines:  Zwei  Löwen 
stützen  sich  auf  das  von  vier  Säulen  und  einem  Baelj'l  getragene  Dach  eines  solchen 
offenen  Heiligtums. 

Man  könnte  nun  die  Stelle  II.  I,  39, 
Zfiivöeö,  ei  TTOTe  toi  x«P'£vt'  tiri  viiöv  epeipa 
auf  die  beschriebenen  Prügeldächer  beziehen. 
Dagegen    ist    aber    folgendes    zu    bemerken. 

Wie  der  griechische  Handwerksaus 
druck  für  diese  Technik  des  Prügeldachs  war, 
wissen  wir  nicht:  epecpeiv  kann  es  aber  nicht 
gewesen  sein.  Zudicsemgehörtopocpn  «Decke» 
und  öpoqpoq  «Rohr».  Wegen  der  letzteren 
Bedeutung  könnte  schon  von  einem  Flach- 
dache bei  epecpeiv -öpocpn  keine  Hede  sein, 
denn  Rohr  ist  bei  einem  Flachdache  höch- 
stens zum  Dichten  zu  verwenden,  in  Ver- 
bindung mit  Moos,  Erde  und  dergl. 

Aber  auch  die  weitere  Etymologie  zeigt, 
daß   epeqpuj-öpocpii   nichts  mit  einem   Flach- 
dach zu  tun  haben,  denn  es  hängt  mit  diesen 
Wörtern  ahd.  Iiirnircla,  mhd.  Iiirnrchc  «Hirn- 
schale» zusammen  und  weiter  Hippe  und  seine  Verwandten.'-    Das  läl.it  nur  den  Gedanken 
an  ein  Satteldach  zu.     Dieses  liatte  geringe  Steigung,  wie  die  griechischen  Tempel  zeigen. 
bot  aber  trotzdem   das   Bild   einer   Schädeldecke,    wenn   die   Eindeckung  vollendet  war, 
oder,  wenn  die  Sparren  noch  freilagcn,  das  Bild  der  Rip[)en  des  Brustkorbes  dar. 

Bei  den  besprochenen  Heiligtümern  war  also  die  verehrte  Säule  oder  der  verehrte 
Strunk  auch  ein  konstruktiver  Teil  (vcrgl.  Abbildungen  34  und  3ö)  des  Baus,  nicht  bloß 
der  Kultgegenstand. 

Das  erinnert  an  die  nordischen,  heiliggehaltenen  pmhrfiissiihir,  von  deren  Doppel- 
natur R.  Much  dasselbe  (ol)en  S.  40)  sagt.  Nur  waren  diese  weiter  auf  dem  Wege 
zur  plastischen  Darstellung  der  Gottheit,  indem  in  sie  bereits  Thorbilder  eingeschnitzt 
waren.  Vergl.  IF.  XVIIl,  S.  257  Anm.,  XXI,  S.  3()1,  L.  Dietrichsen  und  H.  Muuthe, 
Die  Holzbaukunst  Norwegens,  *S.  104.  Der  ungarischen  Iiodig-mii/ii'  hat  R,  .Mucli 
oben  S.  40  schon  gedacht. 


.\l)hil.liuii; 


.Mykciii.sclie  (ifiiiiiic  i'  ii.  X:uli  Kvan-. 
S.  l.JX. 


■  Almliche  Viuiicliliiiijjon  zoiijcii  <lio  aiilikon  .Mläre  öfter. 

-  Tiirp-l'';ilk,    Fii-k  IIP,    S.  :!;)8.  —  Kalk-Torp.  El.  Oli.  s.  v.  riW«-.     Den  hier  angononimenen  Zu- 
sammenlum^'  mit  nif't  hat  Torp  in  Fiik  III,  S.  3:jS,  auffegehen. 


198 


Rudolf  Meringer. 


Es  ist  R.  Mucli  nicht  entgangen,  daß  aucli  die  sächsisciie  Irnniis/U  aus  solchen 
Zusannnenhängen  Licht  empfängt,  und  auch  in  (he  liier  thu'gelegten  weiteren  Znsammen- 
hänge gehört  sie  wohl  herein. 

Erst  nach  Abschluß  dieser  Arbeit  habe  ich  den  großen  Aufsatz  von  A.  Thümrael 
in  Paul-Braune,  Beitr.  XXXV,  S.  1  ft'.,  über  den  germanischen  Tempel  einsehen  können. 
Ich  hebe  eine  Stolle  aus  (S.  115  f.):  sEs  muß  dahingestellt  bleiben,  ob  man  sich  die 
Irmensäule  als  einen  'künstlich  aufgerichteten,  mithin  am  Fuß  verstümmelten,  ül>er  der 
Wurzel  abgehauenen  Baum,  einen  mastbaumartigen,  hölzernen  Schaft"  zu  denken  hat 
oder  als  einen  lehemlen,  an  Ort  und  Stelle  gewachsenen  Baum.  —  Diese  vielleicht  mit 
einem  Götterbild  geschmückte  Säule  erinneit  deutlich  an  die  für  den  nordischen  Tempel 

charakteristischen  ijndvcfiisxi'ihir.  Vermut- 
lich besteht  zwischen  beiden  ein  inniger 
Zusammenhang.» 

Zwei  Wörter  von  liohem  kulturi'llen 
Inhalt  hängen  mit  dem  Stamme  ^poiitJtoi- 
zusammen :  lat.  pontifcx  und  —  wie  ich 
glaube  —  griech.  TTooeiöuüv.  Wegen  des 
letzteren  verweise  ich  auf  meine  Kombi- 
nationen in  BB.  XVI,  S.  2.S2. 

Wie  Pflock-  und  Baumkultus  neben- 
einandergehen, so  finden  wir  auch  ver- 
ehrte Bäume  in  der  Mitte  von  primitiven 
Tempeln.  Radioff  berichtet  von  den 
Altai-Türken,  daß  sie,  wenn  sie  dem 
Tengri  opfern,  eine  Jurte  aufstellen,  aus 
deren  Mitte  eine  belaubte  Birke  mit  ihrem 
Wipfel  aus  dem  Rauchloche  herausschaut 
(vergl.  oben  S.  41).  R.  Much  hat  an  diese 
Nachricht  die  Frage  geknüpft,  ob  hier  der 
Baum  selbst  als  Kultobjekt  eine  Rolle 
spielt.  Ich  möchte  diese  Frage,  die  Much  wohl  selbst  bejaht,  elienfalis  so  beantworten. 
Die  mykenischen  Darstellungen  bieten  Seitenstücke  zu  dem  Brauch  der  Altai - 
Türken.  Man  vergleiche  die  Abbildung  36,  welche  Evans,  S.  177,  Fig.  53,  entnommen 
ist.  Ein  Frevler  reißt  einen  Baum  aus,  der  in  einer  tempelartigen  Umhüllung  war, 
und  in  dieser  muß  man  sich  den  Vorgang  denken.  Der  Baum  überragte  nur  mit 
seiner  Krone  das  Dach  des  Heiligtums.  Die  Frauen  entsetzen  sich  über  die  Tut  des 
Verruchten.  Die  Abbildung  38  (nacli  Evans,  S.  1S5,  Fig.  59)  zeigt  ein  ebensolches 
Heiligtum.  In  einigen  Fällen  finden  wir  aber  PHock-  und  Baumkultus  nebeneinander, 
so  schon  in  der  Abbildung  30.  Hier  erscheint  in  der  ToröiTnung  oder  zwischen  den 
offenen  Säulen  ein  verehrter  Pflock  von  mäßiger  Höhe.  In  yVbbildung  37  (nach  Evans, 
S.  182,  Fig.  55)  steht  dieser  Pflock  in  der  offenen  Halle,  augenscheinlich  unmittelbar 
vor  dem  heiligen  Baume  und  reicht  bis  zum  Dache  wie  die  Kultobjekte  der  Abbil- 
dungen 34  und  35. 

Die  Versuche,  die  mykenischen  Pflock-  und  Bauraheiligtümer  (Abbildungen  39 
und  40)  zu  rekonstruieren,   sind  von  mir  selbst   gezeichnet,   von  dem  man  leider  nicht 


Abbildung   .S4. 


tiaetyüsclier    Upfertisch.     ßesl.Tuiicrt 
Nach  Evans,  S.  114. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


199 


sagen  kann  i^ö  In'-  laiohi  condd.  Bei  der  Abbildung  39  schwebte  mir  Aljbildung  35  vor. 
Die  Ecksäulen  liabe  ich  auf  Feldsteine  gestellt  (was  ich  in  Bosnien  oft  gesehen  liabe), 
zwischen  Dach  und  Siiulcn  IimIic  icli  ein  Stück  Bohle  gelegt.  Das  Dach  besteht  aus 
Prügeln,  die  von  Bohlen  /.usainniengehalten  werden.  Oben  ist  eine  Schicht  Erde  zu 
denken.  Wegen  des  Dachs  und  der  Säulen  vergl.  das  Bauernhaus  von  Mazcndcran 
bei  Perrot-Chipiez,  Histoire  de  l'art,  Tom.  V,  S.  498.  Vergl.  auch  E.  deZichy, 
Voj'ages  au  Caucase  et  en  Asie  centrale,  I,  Taf.  LIX,  LX,  LXI,  LXIir.  Man  sieht  hier, 
wie  die  Prügel  der  Dächer  gelegentlich  durch  behauene  Balken  ersetzt  werden,  die  dann 
in  Intervallen  gelegt  werden,  was  die  nächst  höheje  Kulturstufe  bedeutet.  Wegen 
der  Säulen  mache  ich  namentlich  auf  Taf.  LXIII  aufmerksam.  Bei  Abbildung  40 
habe  ich  mich  an  Abbildung  36  gehalten. 

g.    Zum  verehrten  Pflock. 

Die  von  K.  Much  oben  S.  39  zitierte  Stelle  Hä- 
vamäl  48  (B.  49)   hat   noch   ein    anderes   Interesse    für 
sich  in  Anspruch  zu  nehmen.     Sie   lautet  vollständig: 
Uäpir  mhinr 
f/af  ck  nein  at 
tncini  frrDiiiinxjiti. 
rekJcar  Jxit  iHittia, 
er  ßeir  riß  hofpiß: 
nciss  er  noM-nlpr  l/alr. 
H.  Gering  übersetzt: 
Zwei  hölzernen  Bildern  auf  der  Heide  draußen 

weihte  ich  mein  (iewand; 
in  den  Lumpen  glichen  sie  k'il)haften  lMen.-;chen, 

der  Nackte  gilt  für  nichts. 
Dieses  Behängen  der  Holzmänner  (trcmapr)  erin- 
nert an  einen  ähnlichen  griechischen  Brauch.  Wir 
haben  Bilder  von  Hermen,  die  ebenfalls  mit  Gewändern 
behangen  erscheinen.'  Hier  wie  dort  ist  das  Bekleiden 
ein  Opfer;  einen  S])aß  zu  machen,  lag  dem  nordischen 
Fahrenden  vollkonnnen  fern,  im  Gegenteil,  die  nackte 
Säule  erscheint  ihm  miwürdig. 

Die  Ubereinstimnmng  gewinnt  dadurch  eine  gewisse  Bedeutung,  weil  die  Hermen 
den  Übergang  vom  göttlich  vereinten  Pflock  zu  einer  bildlichen  Darstellung  der  Gott- 
heit zeigen.  Vergl.  IF.  XXI,  S.  301;  XVIII,  S.  281;  XVII,  S.  lliö.  \'ielleicht  stellen 
uns  die  nordischen  \Vörter  fräiiaßr  und  shnrpgop  (geschnitzter  Götze)  verschiedene 
Stufen  der  bildnerischen  Entwicklung  vor. 

In  dem  Bestreben,  möglichst  viel  Material  zur  ganzen  Frage  zusammenzutragen, 
notiere  ich  Forrer,  Reallexikon,  S.  561,  wo  ein  prähistorisches  Bild  eines  auf  einem 
Wagen  stehenden  kegelförmigen  Götzen  von  einer  Odeuburger  \'ase  wiedergegeben  wird. 
Vergl.  auch  Forrer  s.  v.  Grabphalli. 

'  Ich  verweise  beispielshalber  auf  Forrer,  Heallexikon,  S.  35."),  wo  ein  mUii.'urit'es  S<-halenbilJ  wieder' 
gegeben  ist:  Mädchen  tanzen  und  musizieren  vor  einer  bekleideten  Dionysusberme. 


.Uihilduii^'  oö.      Ijacl) ii.sclier  .\ll;ir. 
Xach  Evans.  S.  115. 


200 


Rudolf  Meringer. 


Alibilihiiig  ;iO.     Mykeiiischer  Goklsiegelring  (^/i).     Nach  Kvans 
S.  177.,  Fie.  53. 


Icli  verwci.se  nucli  aul'  die  hölzernen  Klötze,  denen  hei  tlen  Saniojedeii  geopfert 
wird.  Vergl.  Zentralhi.  f.  Antl)r.iiioi.  (1908),  XIII,  S.  34:-5.  Aucli  der  Aufsatz  von 
Tli.  Bloch,  ('l)er  einige  hildliehe  Darstellungen- der  altindischen  Gottheiten,  ZDMG. 
(j2.  Bd.,  S.  ü48    ti'.,  ist   niciit    zu    übersehen.     Zu  seinen  Bemerkungen  über  vom  Meere 

angeschwemmte    Pfähle    vergl. 
IF.  XVIII,  S.  257  Anm. 

Zu  dem  Thema,  das  R. 
Much  speziell  behandelt  hat, 
ist  jetzt  auch  W.  Prellwitz, 
Kuhns  Zts.,  42.  Bd.,  S.  91,  zu 
vergleichen. 

Gegen  Torp-Falk,  Fick 
IIP',  S.  489,  möchte  ich  hervor- 
heben, daß  lit.  sti(fjHts,  aksl. 
sthph  keineu  Grund  zum  An- 
sätze eines  idg.  *stelp  bieten, 
sondern  aus  dem  Deutschen  ent- 
lehnt sind.  Zu  lit.  sfntpas  ver- 
gleiche noch  Bezzen berger, 
Beiträge  zur  Geschichte  der 
litauischen  Sprache,  S.  327.  Das 
alte  bodeustiindige  slawische  Wort  liegt 
in  russ.  sfulbh  vor. 

Die  Sippe  von  Sfitlj}  stülpen  bedarf 
noch  näherer  Untersuchung.  Das  Hol- 
ländische hat  ein  Fem.  stülp  sfolp,  das 
auch  «Herddeckel»  bedeutet.  Leider 
m  /  finde  ich  keine  genaue  Angabe  über 
''HQ-'  '^^6'!  Gebrauch  dieses  Gerätes,  so  daß 
mit  dem  W'orte  vorläufig  nichts  anzu- 
fangen ist.  Kluge''  s.v.  nennt  es  einen 
«Dämpf-,  Schmordeckel»,  was  der  ur- 
sprüngliche Sinn  des  Wortes  nicht  ge- 
wesen sein  kann. 

Ich  bin  in  meinen  Studien  über  den  verehrten  PHock  mehrfach  auch  auf  die 
Grabpfähle  eingegangen,  vergl.  IF.  XVII,  S.  16G;  XIX,  S.  445  f.;  XXI,  S.  298, 
Ich  kann  nun  zu  meiner  Freude  konstatieren,  daß  A.  Bezzenberger  schon  1874  in 
den  Mitteilungen  der  litauischen  literarischen  Gesellschaft  II,  S.  24  ff.,  einen  Aufsatz 
veröffentlicht  hat,  der  über  Grabkreuzformen  handelt  und  wichtige  Nachrichten  bringt. 
Bezzenberger  berichtet  zuerst,  daß  bei  den  Litauern  strichweise  die  Gräber  der 
Männer  von  denen  der  Frauen  verschieden  gekennzeichnet  werden.  Die  ersteren  er- 
halten ein  gewöhnliches  -|-,  die  letzteren  ein  Kreuz  mit  einem  Dache  ^.  Diese 
letztere  Form  ist  auch  bei  uns  sehr  häufig,  aber  mir  ist  nicht  bekannt,  da'5  sie  zur 
Charakteristik  des  Geschlechts  der  Toten  verwandt  wird. 

Auffällig  ist  auch,   daß   das    Grabkreuz   nicht   eine    feste   Stelle  hat.      Es    kommt 


.\liliilcluiij,'  :17.     Mykeiiischer  (joldsiei^elrini;:  ('/i). 
Niicli  Kvan^,  S.  IS^,  Fii,'.  Tw. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


201 


ebensowohl  zu  Häupten  wie  zu  Füßen  der  Begrabenen  vor,  was  auch  vom  Lande  der 
Letten  gilt,  worüber  A.  Bielenstein,  Die  Holzbauten  usw.,  S.  182,  berichtet.  Ob  ein 
Unterschied  der  Grabkreuzform  in  bezug  auf  die  Geschlechter  sich  bei  den  Letten  irgend- 
wo nachweisen  lasse,  konnte  A.  Bielenstein  nicht  in  Erfahrung  bringen.  Aber  für 
Westkurland  berichtet  er,  daß  dort  für  die  Grabkreuze  männlicher  Personen  Eichenholz 
genommen  wird,  für  die  Weiber  wurde  auch  anderes  für  gut  genug  gehalten  (dazu 
auch  Mitt.  der  lit.  lit.  Ges.  II,  S.  336). 

Der  Aufsatz  Bezzenbergers  regte  A.  Kurschat  an,  einige  Bilder  von  litauischen 
Grabzeichen  —  von  Kreuzen  kann  man  nicht  reden  —  zu  veröffentlichen  (a.  a.  0.,  S.  382, 
und  die  Tafel  dabei).  Besonderes  Interesse  verdienen  hier  die  kreisförmigen  Grabhölzer 
(3a,  3c),  die  in  ganz  unverkennbarer  Verwandtschaft  mit  den  bosnischen  Grabsteinen, 
welche  ich  in  den  SBAW.  Wien  144,  VI,  S.  55,  dargestellt  habe,  stehen.  Ähnliche  Grab- 
cippen  sind  aus  Pompeji  bekanntgeworden,  so  der  Hermencippus  der  TycAe  (Overbeck , 
Pompejis  S.  288),  dessen  auch  A.  Bezzenl)erger,  a.  a.  0.,  S.  27,  gedenkt,  und  die 
entsprechenden  Grabsteine  der  Familie  Ida- 
(7(//rt  (Overbeck,  a.  a.  0.,  S.  282).  Ich  werde 
auf  die  Sache  bei  Gelegenheit  ausführlicher 
eingehen. 

Es  sei  mir  im  Anschlüsse  an  diese  Be- 
merkungen erlaubt,  einen  Einfall  mitzuteilen, 
den  man  deshalb  entschuldigen  mag,  weil 
es  der  Wissenschaft  bis  jetzt  noch  nicht  ge- 
lungen ist,  in  der  Sache  irgend  etwas  Be- 
friedigendes zu  ermitteln. 

Der  zweite  Merseburger  Zauberspruch 
beginnt: 

Tlidl  riid<'   Uiiodan  vuonm  ^i  hoha. 
du  uuarf  d<nto   lialdrrcs   voloii   shi   mos 
liircnl'if. 

Über  l'hol  hat  noch  Niemand  Auskunft 
zu  geben  vermocht.  Nur  darüber  scheint 
die  Mehrzahl  der  Forscher  (vergl.  Mogk  in 
Pauls  Grundriß  IP,  S.  324)  sieh  klar  zu  sein, 
daß  l'/iol  niemand  anderer  als  der  gleich  darauf  genannte  Haider  ist. 

Von  lUdiln-  habe  ich  nun,  ob  mit  Recht  oder  Unrecht,  wegen  der  scheinbaren 
Wortzusammenliänge  angenommen,  daß  er  ursprünglich  in  PHockgestalt  verehrt  wurde 
(.IF.  X\'lll,  ö.  285)\  worüber  man  nicht  sehr  erstaunt  zu  sein  braucht,  denn  nach 
Evans  (a.  a.  0.,  S.  113)  ist  sogar  Zeus  in  Gestalt  eines  Pfahls  oder  einer  Säule  dargestellt 
und  verehrt  worden,  ein  Seitenstück  zum  .luppiter  Tigillus  (tignum  der  Balken). 


Abbildung  38.    Mykenisches  Siegel  aus  Speckstein 
('/,).    Nach  Evans,  S.  185,  Fig.  59. 


'  Yielleiclit  ist  iIms  Worl  in  seiner  urspriinylichon  Bedeulunj;  noch  in  Spuren  in  den  romanischen 
Spriiclien  erhallen.  J.  Cornu  crziihll  mir,  daß  ein  Prügel  der  Holzwege  im  Waadtlande  haudcron  g^>nallut 
wird  (aus  *buhl(ron-).  Er  verweist  mich  auch  auf  Mis'tral,  Trfeor  dou  feiihrige:  Mmli-on  boudrvii  .  .  . 
piece  de  bois  qui  supporte  uu  iSchaffaudage  de  ma(;on.  Im  Katalanischen  bedeutet  /«i/rf<!  ikwvus  pessulus, 
span.  alilabilla.  Halilö,  de  fusla  per  cantar  las  portas.  lineslras,  span.  taravilla,  obex.  Es  fuhrt  also  der 
Hülzriegel  zum  Verseldieljeii  der  Türen  und  Fenster  diesen  Xamen. 

Wörter  und  Sachen.    I.  W 


202 


Rudolf  Meringer. 


Diiuu  läge  es  nahe  zu  IVageD,  üb  l'hol  uiclit  aus  lat.  ludns  eutstandeu  sein,  alsu 
eigentlich  identisch  mit  unserui  Worte  Pfahl  sein  könnte.  Lernten  die  Römer  in  Deutsch- 
land einen  solchen  göttlich  verehrten  «Holzmann»  kennen,  daun  mußte  es  ihnen  nahe- 
liegen, ihn  ■paJus  zu  nennen,  wie  der  Pfahl  hieß,  an  dem  der  Gladiator  statt  eines 
lebendigen  Gegners  seine  Künste  übte  (vergl.  das  Phantom  auf  dem  Bilde,  das  dem 
Artikel  gladiatorrs  hei  A.  Rieh  beigegehen  ist).  Ja  es  scheint  mir  sogar  nicht  ausge- 
schlossen zu  sein,  daß  paJus  bei  den  Römern  eine  dämonische  Bedeutung  im  Volksglauben 
gehabt  hat,  worauf  die  Stelle  cxcrceamur  ad  pahtiii  (Sen.  ep.  18,  lÜ)  «wir  müssen  uns 
gegen  die  Angriffe  des  Geschickes  gefaßt  machen»  hinweisen  könnte.' 

Aber  die  Form  Fhol  ])aßt  nicht  genau  zu  pfdns.    Ist  das  Wort  sehr  früh  entlehnt 

worden  (als  altes  (7  auch 
nochgerm.  ii  war),  dann 
müßte  daraus  *J'fi(ol 
geworden  sein.  In 
späterer  Zeit  entnom- 
men, müßte  das  Wort 
so  lauten  wie  unser 
I'f'aJd ;  vevg\.raUof;,  qiios 
diclmus  phali  Stein- 
meyer, Ahd.  gl.  II, 
726  z.  26. 

J.  Grimm  hat  in 
der  Mythologie,  S.  206, 
die  Ortsuaraen  mit 
P/b?-,  FfaJ-  zusammen- 
gestellt. Vielleicht  läßt 
sich  l'hol  als  eine  dia- 
lektische Form  auffas- 
sen (vergl.  J.  Franck, 
Altfränk.  Gramm. ,§45). 
Vergl.  auch  Folgrahe 
bei  Er.  Alberus  1540 
(Kluge,  Wb.  s.v. Pfahl- 
graben). 

Ein  Fholrspiuiit 
«Pfahlsbeuud»  wäre  ein  trefflicher  Name  für  einen  Ort,  der  eine  «Beuude  des  Pfahls» 
besaß,  einen  eingehegten  Raum  mit  einem  Pfahl  in  der  Mitte. 

Daß  Fhol  in  dieser  Deutung  gut  zu  den  lit.  Pfahigötzcn  sfähai  und  zu  den  (wie 
auch  Much  oben  S.  40  annimmt)  aus  dem  Deutscheu  entlehnten  stutpal  stimmen  würde, 
versteht  sich  von  selbst.  Zu  der  Geschiclite  der  Lehnwörter  ist  es  besonders  hervorzu- 
heben, daß  die  Litauer  das  Wort  stutpal  aus  dem  Deutschen  entlehnt  haben,  obwohl  die 
Sache  ihnen  gewiß  nicht  fremd  war.  Damit  wird  auch  der  Einwand,  daß  die  Deutschen 
für  ihren  Gott  wohl  kein  Fremdwort  gebraucht  hätten,  hinfällig. 

Das  Germanische  hatte  ein  Wort,  das  nach  Form  und  Bedeutung  an  lat.  pfdus  stark 
'  Exerceamur  ad  pahim  et  ne  inipiirolos  fortuna  deprehcinlat,  fiut  nohis  /laiijx'rtan  famiUaris. 


AbljilJuiiu'  3'.).     Versuch  der  Rekonslruktion  eines  mykeiiisclien 
riUlillieiligUiiiis. 


Sprachlich-sachliche  Probleme. 


203 


anklano;  untl  das  keiner  Entlohnung  verdäclitig  ist,  vcrgl.  ndd.  fries.  ^ja?,  pall  «unbe- 
^veglich,  steif,  fest,  befestigt».  Im  Hulläiidischen  sagt  man  pal  sfaan  '^standhaft  sein», 
ieinand  pal  zetten  »einen  zum  Schweigen  bringen».  Die  Bedeutung  dieses  Adjektivums 
sowie  seine  Verwandten  ai.  häla  «Kraft,  Stärke»,  aksl.  lolijb  «größer>,  lat.  debilis  «schwach» 
weisen  auf  die  Existenz  eines  Substantivuins  von  sinnlicher  Bedeutung,  etwa  «Pfahl, 
Pfosten»,  hin.' 

Und  ein  solches  ist  im  Germanischen  auch  belegt.  So  vor  allem  in  der  Redens- 
art holl.  cn/rns  te  pal 
lomcn  «irgendwo  übel 
ankommen»,  nfries.  tu 
pul  Icem,  ndd.  sliin  to 
palle  kamen  (J.  ten 
Doornkaat  Kool- 
m  an  n ,  Wb.  der  ostfries. 
Sprache,  IT,  695).  In 
dieser  Redensart  liegt 
ganz  klar  die  Bedeu- 
tung «an  einen  Pfahl, 
Stock  anrennen»  vor. 
Spezialisiert  tiodet  sich 
das  Substantivum  im 
Sinne  « Sperrkegel  oder 
SperrhakeH  an  einer 
Schiffs-  oder  Wagen- 
winde» ,  ostfries.  pal, 
pall,  ndd.  pall.  palle; 
auf  dit'sen  Gegenstand 
ist  das  so  viel  ältere 
Wort  natürlich  erst 
später  übertragen  wor- 
den ,  seine  ursprüng- 
liche Bedeutung  muß 
eine  andere  sein. 

Vor  der  Entleh- 
nung von  pälus  hatten 
also  schon  die  Deut- 
schen ein  Substantivum 
von  nanz  ähnlicher  Ge- 
stalt inid  Bedeutung.  Es  wäre  nicht  ausgeschlossen,  daß  Phol  mit  dem  germanischen 
Worte  zusammenhängt,  aber  wir  kommen  damit  sachlich  auf  dieselbe  Erklärung  wie 
mit  der  Annahme  eines  Lehnwortes. 


Abbildung  40.    Versuch  der  Rekonstruktion  eines  mykenischen  Heiligtums 

Ptlock  und  Baum. 


mit 


»  Vergl.  Uhlenbeek,  Paul  Braune.  Beilr.  XVIII,  S. -24-i;  Walde  s.  v.  debüis;  Torp-Kalk,  Fick  IH '. 
S.  218;  Falk  und  Torp,  Norw.-däu.  clym.  Wb.  s.  v.  pal  und  ;i.W:  J.  Franc k.  El.  Woorilonlniefc  s.  v.  i>al. 
über  die  ^'crnianischcii  Refle.xe  von  palus:  alul.  pfiU,  mndl.  ;kic/,  a fries.  7*/,  ags,  päl  vergL  Kluge.  Pauls 
Grundrili  I  -,  S.  34:!. 


204  Rudolf  Meringer. 

Mit  pal  könnte  auch  anord.  ^;aZ?r  «Stufe  längs  den  Wänden-/^  (zum  Sachlichen 
Gudmundsson,  Privatboligen,  S.  180)  zusammengehören;  Falk-Torp,  Norw.-dän.  etym. 
W'b.,  meinen,  daß  es  möglicherweise  aus  dem  Russischen  entlehnt  ist  (aksl.  2>oh,  polica), 
was  mir  weniger  wahrscheinlicli  ist. 

lo.  Schlußwort. 

Ich  bin  auch  jetzt  noch  nicht  imstande,  zu  allen  Kritiken  meiner  «Wörter  und 
Sachen»  betitelten  Aufsätze  Stellung  zu  nehmen.  Nur  auf  die  Bemerkungen  eines 
Kritikers  möchte  ich  heute  schon  eingehen,  weil  sie  mich  vom  Standpunkte  der  Methode 
interessieren. 

F.  Skutsch  ist  im  Jahresber.  f.  rom.  Philol.  VllI,  I.  53,  gegen  meine  Erklärung  von 
lex  aus  legere,  also  «Bindung»  aufgetreten,  was  nach  Skutsch  zur  wirkliehen  Be- 
deutung von  lex  sehr  übel  stimmt.  Er  selbst  nimmt  an,  daß  lex  «die  Lektüre»,  «das 
Gelesene»  bedeutet. 

Für  lex  sind  zwei  Erklärungen  möglich: 

1.  Die  Annahme  der  Verwandtschaft  mit  lef/li  «liegen».  Dann  wäre  lex  «das 
Niedergelegte»,  «Festgelegte»,  ursprünglich  wohl  ein  Bauausdruck.  Aisl.  Igij  gehört  sicher 
zu  leyh.     Unerklärt  bleuet  bei  dieser  Annahme  das  -g-  von  liyis. 

2.  Die  Annahme  der  Zugehörigkeit  zu  legere  «zusammenlesen».  Der  Begriff  des 
Zusammen  ist  in  legere  genau  so  enthalten  wie  in  lesen,  das  wir  fast  ausschließlich  von 
mehreren  Dingen  oder  Teilchen,  die  vom  Boden  aufgehoben  werden,  gebrauchen. '  Da- 
nach wäre  lex  «die  Bindung».  Ob  das  äußere  Symbol  dieser  ursprünglich  privaten  Ab- 
machung der  Handschlag  oder  sonst  etwas  war,  ist  für  mich  eine  Frage  von  sekun- 
därer Bedeutung. 

Sowohl  ler/ere  wie  lesen  haben  die  Bedeutung  «Zeichen  verstehen»  angenommen. 
Beim  deutschen  lesen  ist  die  Herkunft  klar,  es  bedeutete  zuerst  einzelne  mit  Runen 
beschriebene  Stäbchen  auflesen  und  ihren  Sinn  zurechtlegen.  Man  kann  wohl  an- 
nehmen, daß  sich  der  Bedeutungsübergang  von  lat.  lego  (von  «auflesen»  zu  «Ge- 
schriebenes lesen»)  in  derselben  Weise  vollzogen  hat.  Der  Sinn  des  griech.  \tfw  ist  der 
des  Sammeins  und  dann  des  feierlichen,  gehobenen  Redens,  was  auch  aui'  einen  Brauch 
hinweist,  der  dem  Germanischen  entspricht,  denn  das  Lesen  der  Runen  geschah  in  ge- 
hobener Rede. 

Es  ist  also  nicht  richtig,  wenn  H.  Usener  in  einer  .später  noch  zu  besprechenden 
Rede  sagt:  «Nur  ein  Lobeck  konnte  in  der  Redensart  üveTXev  6  deöq  die  Tatsache 
durchfühlen,  daß  auch  für  das  Delphische  Heiligtum  das  ursprüngliche  Mittel,  den 
Willen  des  Gottes  zu  erkunden,  das  Aufheben  von  Losstäbchen  war».^  Wer  die  Be- 
deutungsübergänge richtig  besehen  gelernt  hat,  der  kann  eine  umfassendere  Antwort 
geben:  Die  Bedeutungsentwicklung,  welche  lat.  legere,  und  die,  welche  Xefeiv  durchge- 
macht hat,  beweisen,  daß  die  Latiner  und  die  Griechen  einstmals  auf  dieselbe  Weise 
den  Willen  der  Götter  erforschten,  wie  es  uns  der  große  Tacitus  von  den  Germanen 
berichtet!  Und  was  Xe-feiv  und  legere  durch  ihre  Bedeutungsentfaltimg  zeigen,  wird  durch 
Ypaqpuj,  das  unserm  kerben  entspricht,  und  durch  die  Verwandtschaft  von  scribo,  das  zu 
OKapicpäoiaai  «kratze,  ritze»  gehört,  vervollständigt. 

'  Paul,  Würterlj.  s.  v.,  sagt:  «Gemeingerm,  ist  die  Bedeutung  Zerstreutes  nacheinander  nelimen  und 
zusammenlegen».  —  -  0.  .Sclirader,  Reallexiiion  s.  v.  Los,  S.  507. 


Sprachlich-sachliche  Probleme.  205 

Doch  von  solchen  Dingen  spricht  Skutsch  gar  nicht;  ihm  ist  lex  ganz  trockene 
«Lektüre»  und  da  mache  ich  ihm  den  Vorwurf,  den  er  mir  zu  machen  sich  verpfiiclitet 
fühlt:  Er  hat  es  für  gänzlich  überflüssig  gehalten  zu  fragen,  ob  es  denn  antikem 
Brauche  entspräche,  das  Gesetz  als  das  «Gelesene»  aufzufassen. 

«Der  gemeine  Mann  wird  in  Gortyn  in  alter  Zeit  schwerlich  viel  andere 
Lektüre  gehabt  haben  als  sein  Zwölftafelgesetz.  Wird  es  in  Rom  viel  anders  gewesen 
sein?»  Ich  bin  mit  Skutsch  einverstanden.  Ich  glaube  sogar,  daß  es  in  Gortyn  wie 
auch  in  Rom  sehr  viele  Analphabeten  gegeben  haben  wird.' 

Wenn  die  Gesetze  von  sich  selbst  oder  von  anderen  Gesetzen  reden,  dann  sagen 
sie  m.  W.  nie,  «wie  Ihr  gelesen  habt»,  sie  sagen  nur,   «wie  geschrieben  ist». 

Vergl.  Is.  V.  Gortyn  VI,  14:  ak\ai  h  eTpaT[Ta]i  ai  xaöe  tu  -fpauiiaia  e-f[p«TTai]  anders 
geschrieben  steht,  als  diese  Schrift  hier  schreibt»  sagt  das  Gesetz  von  sich  und  einem 
früheren  Gesetze.  So  sagt  auch  das  Seuatusconsultum  de  ßacch.  21,  22,  utei  suprad 
scriptum  est  usw. 

«Eine  Rede  ist  keine  Schreibe»  und  «ein  Gesetz  keine  Lese».  Viel  eher  eine 
Schreibe  oder  eine  Rede:  «Geschrieben  steht»  —  dictum  i-if.  das  sind  Ausdrücke,  aus 
denen  sich  eher  ein  Name  des  Gesetzes  hätte  entwickeln  können. 

Aber  das  Prinzip,  das  Skutsch  ausspricht,  ist  nicht  richtig.  Lex  muß  durchaus 
nicht  aus  den  uns  bekannten  römischen  Verhältnissen  entstanden  sein.  Amavi  ist 
eine  spezifisch-lateinische  Form  und  kann  doch  nicht  aus  dem  Lateinischen  erklärt  werden 
(etwa  aus  *aii/a-fiii  «ich  war  im  Ijieben '),  wenigstens  nicht  aus  dem,  was  wir  Latein 
nennen,  sondern  müßte  aus  dem  erklärt  werden,  was  wohl  auch  schon  Latein  war,  aber 
uns  nicht  bekannt  geworden  ist. 

Und  so  ähnlich  verhält  es  sich  aucii  mit  lex.  Es  muß  gar  nicht  aus  historischen 
Verhältnissen  erklärt  werden,  denn  das  Gesetz  beginnt  nicht  mit  Schreiben  und  Lesen, 
die  ersten  Rechtsanschauungen  sind  völlig  unabhängig  von  diesen  späteren  Künsten. 
Die  uralte,  nur  auf  wenige  Beispiele  beschränkte  Bildung  von  lex  hätte  allein  übrigens 
schon  Skutsch  vorsichtiger  machen  sollen;  das  ist  kein  Wort,  das  entstanden  ist,  als 
die  gewöhnlichen  Leute  schon  schreiben  und  lesen  konnten.  Skutsch  kann  erwidern: 
Es  muß  ja  nicht  um  diese  Zeit  entstanden  sein,  es  braucht  bloß  um  diese  Zeit  um- 
gedeutet worden  sein.  Dann  aber  tritt  das  früher  Gesagte  in  Kraft:  Das  Gesetz  ist 
in  Rom  —  ebensowenig  als  sonstwo,  sei  nebenbei  bemerkt  —  nicht  als  «das  Gelesene, 
die  Lektüre»  aufgefaßt  worden. 

Auch  mit  Solmsens  und  meiner  Deutung  von  icstis  als  »Drittsteher»  kann  sich 
Skutsch  nicht  befreunden.  Er  bleibt  bei  seiner  Erklärung  als  «Dritter»,  die  ich  für 
formell  unmöglich  halte,  die  aber  inhaltlich  von  der  anderen  Auffassung  nicht  allzusehr 
verschieden  ist.  Dann  fährt  er  fort:  «Geringer  sagt  es  mehr  zu  (I),  darin  den  'Dritt- 
steher' zu  sehen  und  darunter  denjenigen  zu  verstehen,  der  den  Händedruck  zweier 
kontrahierenden  Parteien  'durchschlägt'».  Das  kommt  so  heraus,  als  hätte  ich  diese 
Gesten  (des  Kaufes)  auch  für  das  alte  Rom  behauptet,  was  aber  völlig  unwahr  ist.  Das 
Durchschlagen  ist  m.  W.  nur  für  Deutsche  und  Russen  bezeugt  (F.  Solmsen,  Kuhnsche 


'  Das  Schreiben  war  eine  heilige,  hing  geiieimgelialtene  Kunst  i,vergl.  got.  rii»a  m.i(m"ipiov\  natürlich 
auch  das  Lesen.  —  In  Gortyn  selbst  ist  im  ganzen  l'rozeßwege  Hisl  nichts  geschrieben  wonlen:  der  Be- 
weis, die  l'ikunde,  war  der  .uaiTup  oder  der  lavauov.  Vergl.  Zitelniann  in  seiner  und  Büchelers  Au^ral>e 
des  Rechts  von  Gortyn,   S.  50. 


206 


Rudolf  Meringer. 


Zeitschr.  37,  S.  22;  IF.  XJX,  S.  4r)2),  die  niudung  der  Hüude,  deu  IJandselilag,  nicht 
den  «Händedruck»,  wie  .Skutscli  sagt,  halte  ich  allerdings  für  cälter  und  sehe  nicht 
ein,  wie  man  seine  Existenz  in  altröniischen  Zeiten  widerlegen  könnte  (IF.  XVII,  S.  14G  f.). 
Ein  äußeres  Zeichen  war  gewiß  bei  diesen  Abmachungen  (Gebrauch  und  die  Analogie 
weist  auf  dieses.  Aber  das  ist  nebensächlich  und  beweist  nichts  für  oder  gegen  die 
eine  oder  die  andere  Erklärung  von  testis. 

Ich  habe  über  fr^tis  noch  weiter  iu  den  IF.  XVIII,  S.  290  ff.,  und  XIX,  S.  451, 
gehandelt,  wozu  Skutsch  wohl  noch  Stellung  nehmen  wird. 

Hier  will  ich  darauf  hinweisen,  daß  für  die  Erklärung  als  «Drittsteher»  noch  lat. 
sujocrstes  «Übersteher,  Zeuge»  spricht.^ 

In'  der  kürzlich  aufgefundenen  Komödie  Menanders  sehen  wir  einen  schönen  Fall 
der  Funktionen  eines  Zeugen.     Ich  zitiere  auch  die  Übertragung  H.v.  Arnims^: 


Daos:    Ciut  denn!     Laß   uns   zum  Richter 

gehn. 
Syriskos:  Wen  wählst  du? 
Daos:  Mir  ist  jeder  recht.  — 
Syriskos:  Ist  dieser  Mann  als  Richter  dir 

genehm? 
Daos:  Meint'halb. 
Syriskos:  Ich  bitte  schön.  Mein  lieber  Herr, 

schenkt  Ihr  uns  wohl  ein  wenig  Zeit? 
Sniikrines:  Hm!  Euch?  Was  habt  ihr  denn? 
Syriskos:  Wir  haben  einen  Streit. 
Smikrines:  Geht  mich  nichts  an. 


AAOZ:  ßouXo|nar  Kpivü)|uei>c(. 

lYPIIKOZ:   i\q  ouv; 

AA. :  eiuoi  jaev  ttcxc;  ikuvo?  . 

ZY:  TOÜTOV  Xußeiv  ßouXei  k()iti'-|v; 

AA.:   ÜYaOi^  Tuxt,]. 

ZY. :    TTpög    Tüüv    öeöjv,    ße\Ti(TTe,   mKpöv    «v 

axoXucraiq  fnalv  xpövov; 
ZMIKPINHI:  ü)aiv;  rrepi  Tivo(;; 
ZY. :   üivTi\eTO|iev  npäxp-ü  ti. 
ZM.:  li  ouv  e|Lioi  |ueXei. 

ZY.:  KpiTt'iv  TOÜTOu  Tivä  IiiToö^ev  Tcrov,  ei  ö(ti)     Syriskos:  Herr,  einen  Richter  suchen  wir, 
ae  laiibev  KtuXuei,  öiuXucrov  i'iM"?-  der    nicht    parteilieh    ist.      Erlaubt    es 

deine  Zeit,  so  schlichte  du  den   Streit. 

Man  sieht  hier  in  dieser  Szene,  daß  der  zufälHg  Dazukommende  zu  einem  Schieds- 
ricliter  werden  kann,  ein  Seitenstück  zu  der  Schiedsrichterrolle,  die  dem  Drittsteher,  dem 
Zeugen,  oft  zufiel.   — 

Zu  meiner  Genugtuung  kann  ich  konstatieren,  daß  die  von  mir  in  der  Aufsatzreihe 
«Wörter  und  Sachen»  (IF.  XVI,  S.  lOltf.;  XVII,  S.  100 ff.;  XVIII,  S.  204  ff.;  XIX, 
S.  401  ff'.;  XXI,  S.  277  tf.)  dargelegten  grundsätzlichen  Ansichten  und  die  darin  befolgte 
Methode  der  Etymologie  von  verschiedenen  Seiten  Zustimmung  erfahren  haben. 

Auch  bei  Uhlenbeck  finde  ich  neuerdings  eine  erfreuliche  Annäherung.  Zu 
seinem  Aufsatze  P.  Br.  Beitr.  XXXV,  S.  lülff.,  hätte  ich  mehr  zu  sagen,  als  ich  vor- 
läufig hier  unterbringen  kann.  Nur  auf  eine  Frage  Uhlenbecks  will  ich  antworten; 
U.  fragt:  «Habe  ich  denn  niemals  etwas  geleistet,  was  zugleich  neu  und  richtig  wäre?» 
Ich  habe  keineswegs  Uhlenbecks  Verdienste  geleugnet,  ich  habe  nur  seiner  etymolo- 
gischen Methode  die  Originalität  abgesprochen.  Er  führe  nicht  Klage  über  meine  Heftig- 
keit, er  vergegenwärtige  sich  nur,  in  welcher  Art  er  mich  angegriffen  hat.     Auch  jetzt 


'  Vergl.  Festu.s  eil.  Thewrewk  ile  roiinr  ■l:j{)  siijM'rstihts  lestefi  priiesentex  sit/iiificut,  cit/iis  rei 
testimoHimn    est,    qnoil    siiper.ilitiliiis  praeseni/bus    ii,    tnter  qtios    c(ȟrorersit(  est,  riudiciiin  niinierc  inbentur. 

^  Karl  Robert,  Der  neue  Menander,  p.  07,  33 fl.  Die  Übersetzung  v.  Arnims  ist  in  der  N.  Fr.  Presse, 
Nr.  15  550,  Donnerstag,  5.  Dez.  1907,  erschienen. 


Sprafitilich-sachliche  Probleme.  207 

sind  seine  Angriffe  fdnnell  nicht  einwandfrei,  aber  ich  gebe  ihm  die  ehrliche  Versicherung, 
daß  persönliche  Oeliässigkeit  mir  Irenul  ist  und  daß  icli  gern  von  ihm  lerne.  Ich 
glaube  ihm,  daß  die  Liebe  zur  Wissenschaft  iiin  bewegt;  er  habe  nur  die  Güte,  dasselbe 
auch  von  anderen  zu  glauben. 

Ein  sonderbares  Schicksal  hat  meine  Erklärung  von  Wund  aus  iviiiden  gehabt.  Als 
ich  sie  vortrug,  glaubte  sie  mir  so  gut  wie  niemand.  Seitdem  man  aber  nicht  mehr  gut 
zweifeln  kann,  kommen  meine  Vorläufer  zu  Ehren.  Warum  hat  man  sich  ihnen  denn 
nicht  schon  früher  angeschlossen??  Den  E.  Rautenberg  (Spraohgeschichtliche  Nach- 
weise zur  Kunde  des  germanischen  Altertumes)  nenne  man  aber  nicht  unter  den  Vor- 
gängern. Ihm  ist  das  Richtige  nur  von  ohngefähr  gelungen,  denn  er  war  unwissend 
genug  zu  glauben,  daß  got.  ivaddjus  von  widan  komme.  Dieser  Irrtum  gab  ihm  eine 
Parallele  des  Zusammenhangs  von  ahd.  tcanf  und  tvintan.  Seine  Rechnung  war  also 
falsch  und  deshalb  hat  man  seine  Annahme  abgewiesen,  denn  das  Verhältnis  von  Wand 
zu  winden  bedarf  der  Analogie,  wenn  es  glaubhaft  sein  soll,  und  Rautenbergs  Analogie 
war  falsch. 

Mir  war  von  allen  meinen  N'orläuleru  nichts  bekannt.  Daß  got.  tcaddjus  zur  Wz. 
*1«  «flechten»  gehört,  habe  auch  ich  immer  vorgetragen  (vergl.  Fick  IIP,  S.  301  f.;  1874), 
aber  über  das  wie?  machte  ich  mir  so  wenig  Gedanken  als  andere.  Im  Sommer  1897 
stand  ich  nun  in  Suhaja  l)ei  Ivrupa  in  Bosnien  vor  einem  sonderbaren  Häuschen.  Es 
war  ganz  aus  Korbgetlecht  hergestellt,  mit  hohem  Strohdache.  Damals  diente  es  nur 
mehr  als  Schafstall.  Ich  betrachtete  das  Ding  und  i)lützlich  rief  ich  memem  Reise- 
begleiter zu:  Iwane,  got.  tcaddjus  kommt  von  *ni  «Hechtens!  Und  der  zweite  Gedanke 
war:  Und  so  kommt  auch  Watid  von  irinden  und  bedeutet  die  gewundene  Wand.  Das 
geflochtene  Haus  hat  sich  mir  lange  verborgen,  weil  in  der  Regel  das  Flechtwerk  außen 
mit  Lehm  beworfen  und  übertüncht  ist,  so  daß  auch  ein  scharfes  Auge  keine  ungewöhn- 
liche Technik  ahnt. 

Meine  Etymologie  Wand  :  tvinden  schien  mir  schon  nach  dem,  was  ich  in  den 
Etymologien  zum  geflochtenen  Hause  vorgebracht  hatte,  erwiesen.  Vor  allem  stimmte  dazu 
an.  vandaliiis,  und  die  beiden  Stellen  Vol.  38:  sä  er  undinn  salr  onnahnji/aiitm  «der  Saal 
ist  gewunden  aus  Schlaugenrückeu»  und  Sn.  E.  1,  200:  hann  er  oJc  ofnin  allr  orniahii/gij- 
jum  sein  vandahiis  «er  ist  ganz  gewoben  aus  Schlangenrücken  wie  ein  Ruteuhaus»  gaben 
eine  anschauliche  Beschreibung  dieser  Bauart.^  Nahm  man  noch  got.  tcandus  Rute 
{ßrini  s'mpam  wanduni  Hshhir/girans  ivas  rpi?  eppaßbicr&iiv  2.  Kor.  11,  25)  dazu,  so  schien  die 
Beweiskette  geschlossen,  wie  sie  niemand  vorher  gelungen  war.  Ich  verwies  auch  auf 
russ.  plotniJco  «Zimmermann»,  das  klar  und  deutlich  zu  plcsii  «flechten»  gehört,  also 
zuerst  einen  flechtenden  Hausbauer,  dann  den  zimmernden  bezeichnete.  Aber  trotzdem 
hat  erst  die  ags.  AN'cndung  iräli  irindan  =  got.  *waddjii  *ivindan  die  Entscheidung  her- 
beigeführt. 

Durch  den  Artikel  Wand  des  DWb.  ist  jetzt  der  älteste  Beleg  für  die  Zusammen- 
stellung des  Wortes  mit  winden  nachgewiesen  worden.  Fr.  Junius  war  der  erste  Finder 
und  das  erste  Handbuch,  das  den  Zusammenhang  lehrte,  war  Job.  Georg  Wächter, 
Glossarium  Germanicum,  Leipzig  1737,  S.  1.S20.     Dort  lesen  wir: 

WAND,  paries.  Otfridus,  Lib.  L  Cap.XI,  47,  hus  enli  unenti,  donnis  et  parietes.  Lib. 
III,  Cap.  XX,  77,  ^1  mannolichrs  nnenfi  ad  omniuni  parietes.    Glossae  vet.  apud  .lunium 

■  II''.  XIX,  S.  4tS. 


208  Rudolf  Meringer. 

iu  Obst'1-vati.s  ad  Will.,  pag.  73,  imant  paries,  uuentlacluni,  hriiy/lacliau  cortina.s,  nuantlus 
ciraex.  Oi'igo  vocis  est  (eodem  iudice)  ex  uuintan  (winden)  llectere,  coutorquendo  plectere; 
antiquitus  enim  parietes  pluriniuni  fiebant  e  viniinibus  in  cratcm  quandani  coutextis 
atqiie  obductis  intrita  vel  luto  paleato  aceratove.  Morfaliuiii  qH/jipe  pruiii,  teste  Seueca 
Epistola  XC,  qiKini/ilid  virgcatn  crafeiii  tr.ntcrnnt  iiiann,  et  vili  oUcrcnint  luto;  deinde 
stipiüa  ah'iaquc  sylvrstrihns  ojoertiere  fastigimii,  et,  iühvüs  per  dmxa  lahcntibiis,  hifemcm 
transicre  securi.  Jemandes  Lib.  I  de  rebus  Geticis,  Gap.  2.  Virgeas  habltant  casas, 
commmüa  tecta  cum  jiecore,  stßracqne  Ulis  saepc  sind  domics.    Huc  usque  Jnnins  loco  citato. 

In  seinem  früheren  Werke:  Glossarium  Germanicum,  Specimen  ex  ampliore  farra- 
gine  decerptura,  Leipzig  1727,  hat  Wächter  noch  gar  keinen  Artikel  über  Wand. 

Im  Jahre  1737  ist  also  zuerst  die  richtige  Erklärung  von  Wand  propagiert  worden. 
Sie  wurde  vergessen.  In  den  letzten  Dezennien  ist  sie  von  etwa  einem  halben  Dutzend 
Gelehrten  selbständig  neu  behauptet  worden.    Möge  sie  jetzt  als  endgültig  gesichert  gelten! 

K.  V.  Bah  der  läßt  aber  im  DWb.  noch  eine  andere  Auffassung  zum  Worte  kommen. 
Er  meint,  es  läilt  sich  für  die  Annahme,  daß  Wand  einst  «Seite,  Umhüllung,  Grenze»  be- 
deutet habe,  geltend  machen,  daß  das  einfache  wintan  (wie  incintan)  die  Bedeutung 
«umkehren»  hat,    daß    ahd.  aitawanta  «versura»    heißt    wie    ahd.  giivant  «Grenze»  usw. 

Damit  kämen  wir  wieder  auf  die  schöne  Erklärung,  daß  die  Wand  ihren  Namen 
davon  hat,  daß  man  sich  l)ei  der  Wand  umdrehen  muß.  Die  Deutschen  haben  also 
immer  versucht,  mit  dem  Kopf  durch  die  Wand  zu  gehen,  und  haben,  als  sich  das  als 
undurchführbar  erwies,  die  Wand  danach  bezeichnet.  Was  beweisen  denn  anawatda, 
giwant  usw.?  Daß  man  von  der  Wurzel  auch  ein  Nomen  vom  Sinne  «Wendung» 
bildete,  und  das  ist  nicht  auffallend,  denn  jedes  Winden  ist  ein  fortwährendes  Wenden, 
Drelien.  Und  gegen  v.  Bahders  Urbedeutung  muß  man  sagen:  Die  Wand  ist  keine 
«Seite»,  keine  «Umhüllung».  Am  ehesten  noch  eine  «Grenze»,  wenn  man  an  die  Flecht- 
werkhürden denkt,  in  die  wohl  nach  uraltem  Brauche  der  Schafhirt  seine  Tiere  treibt, 
um  sie  zu  melken.'  Wenn  solche  allgemeine  Bedeutungen  von  Wand  wie  «Seite»  oder 
«Umhüllung»  sich  wirklich  fänden,  müßte  mau  sie  als  ein  Schlußglied  der  Entwicklung 
ansehen,  aber  nicht  als  ihren  Ausgangspunkt. 


Als  ich  1903  nach  einem  Titel  für  meine  Studien  suchte,  kam  ich  auf  «Wörter 
und  Sachen».  Ich  erinnerte  mich  damals  der  Stelle  bei  J.  Grimm  nicht.  Jetzt  haben 
wir  diese  als  Leitwort  unserer  Zeitschrift  vorangestellt  und  mich  freut  es  sehr,  daß  un- 
längst Fr.  Kauffmann  schrieb,  man  soll  die  Worte  Jak.  Grimms  in  unseren  Hörsälen 
und  Seminarien  von  ehernen  Tafeln  leuchten  lassen!" 

Ganz  nahe  ist  H.  Usener  an  das  Programm  von  «Wörter  und  Sachen»  heran- 
gekommen in  einer  Rede,  die  er  1893  in  Wien  gehalten  hat  mui  die  dann  iu  der  Bei- 
lage der  Münchener  Allgemeinen  Zeitung  1893,  Nr.  14S  und  150,  und  .später  —  1902  — 
wenig  verändert  in  den  Hessischen  Blättern  für  Volkskunde  I,  S.  195  ff.,  erschienen  ist 
(wonach  ich  hier  zitiere),  einer  Rede,  in  der  es  ihm  zuerst  darauf  ankam,  Mitarbeiter 


'  Verfasser,  IF.  .\X1,  S.  iiNO  urnl  tisl.  Diese  Flechlwerksliiirde  ties  Hirleii  i.'^t  natürlich  miiiJesteiis 
ebenso  all  als  die  Wand  des  Wohnhauses.  Der  Hirle  hat  lieule  nficli  oft  im  Sonnuei-  kein  anderes  Haus 
als  solche  Hürden. 

-  Zts.  f.  deutsche  Philologie,  XL,  S.  45i2. 


Sprachlich-sachliche  Probleme.  209 

für  eine  vorgleielicndc  Sitten-  und  Rcchtsgeschichte  zu  werben.  Hier  sagt  er  S.  l'Jü: 
«Der  Wortschatz  ist  das  große  Bucli,  in  dem  die  ganze  geistige  Gescliichte  des  Volkes, 
wenn  auch  niclit  von  den  frühesten,  doch  von  sehr  frühen,  um  .Jahrtausende  über  die 
bezeugte  Geschichte  zurückliegenden  Anfängen  an  bis  zur  Vollendung  eingetragen  ist. 
Wer  dies  Buch  zu  lesen  verstünde,  zu  lesen  als  geschichtliches  Denkmal,  vor  dem  läge 
die  ganze  Entwicklung  des  Volkslebens  von  dem  einfachen  Familienband  bis  zu  den 
ausgebildetsten  Formen  staatlicher  Verfassung,  der  Kultur  von  der  Nomadenstufe  der 
Viehzucht  und  der  Erfindung  des  Feuers  bis  zu  der  Höhe  eines  verfeinerten  Luxus,  des 
Geistes  von  den  ersten  tastenden  Versuchen  an  der-  Sinneuwelt  bis  zu  dem  höchsten 
Flug  nach  dem  Unendlichen.  Daß  das  teilweise  möglich  ist,  kann  seit  den  denk- 
würdigen Versuclicn  Adalbert  Kuhns  und  Jakob  Grimms,  ältere  geschichtliche  Zustände 
durch  Wortvergleichung  zu  erschließen,  nicht  bezweifelt  werden.» 

Und  auf  S.  197  fährt  er  fort:  «An  der  vergleichenden  Kulturgeschichte,  von 
welcher  vergleichende  Sitten-  und  Rechtsgeschichte  nur  ein  hervorragender  Abschnitt  ist, 
gebührt  also  der  Philologie  ein  wesentlicher  Anteil;  sie  findet  hier  ein  ungemessenes, 
fast  jungfräuliches  Feld  lohnender  Arbeit:  dreifach  lohnender  darum,  weil  die  Ergeb- 
nisse zu  vollerem  Verständnis  nicht  nur  des  schriftstellerischen  Gedankens,  nicht  nur 
der  Geschichte  des  Volkes,  sondern  auch  der  allgemeinen  Gesetze  des  Menschenwesens 
hinführen,  wohin  alle  unsere  geschichtliche  Arbeit  zielt  . 

Noch  eines  anderen  Vortrags  möchte  ich  gedenken,  der  für  unsere  Absichten  von 
Wichtigkeit  ist. 

Der  Vortrag  von  Albrecht  Dieterich:  Über  Wesen  und  Ziele  der  Volkskunde, 
der  in  den  Hessischen  Blättern  für  Volkskunde  I  (1902),  S.  1G9  ff.,  veröffentlicht  ist,  ist 
eine  wissenscluifiliche  Großtat,  w^enn  auch  der  geniale  Verfasser  im  einzelnen  tempe- 
ramentvoll danebenschlägt.  A.  Dieterich  will,  «daß  die  Kunde  vom  Denken  und 
Glauben,  von  der  Sitte  und  Sage  des  Menschen  ohne  Kultur  und  unter  der  Kultur 
den  Kern  der  Forschung  der  ^'olkskunde  bildet».  Man  versteht,  was  hier  geraeint  ist, 
aber  Menschen  ohne  Kultur  und  unter  der  Kultur  gibt's  überhaupt  nicht,  es  gibt  bloß 
verschiedene  Kulturen  und  verschiedene  Grade  derselben  Kulturreihen.  Daß  sich  die 
Volkskunde  nur  mit  den  einfacheren,  altertümlicheren  Kulturen  und  Kulturstufen  be- 
schäftigen kann,  ist  selbstverständlich.  Eine  säulicrliche  Abgrenzung  nach  oben  wird 
sich  niemals  machen  lassen.  In  praxi  ist  die  Frage  aber  leichter  zu  lösen  als  in  der 
Theorie,  wenigstens  für  den  .Augenblick.  Anderes,  wie  «Tracht  und  Hausbau,  Möbel 
inul  Schnitzwerk,  die  Anfänge  einer  Kunstül)ung»,  soll  nach  A.  Dieterich  nur  in  Be- 
tracht kommen,  «soweit  es  dieses  Volksdenken,  Volksglauben,  A'olkssagen,  Volksbrauch 
und  Volkskunst...  erklärt».  Hier  liegt  ein  großer  Irrtum  vor,  aber  er  ist  in  ehrlicher 
Klarheit  ausgcsjirochen  und  deshalb  nicht  gefährlich.  Ist  Haus  und  Hausrat  nicht 
eine  Schöpfung  des  Geistes?  Sind  Pilug  und  Webstuhl  nicht  auch  Erzeugnisse  des 
Geistes,  ebenso  gut  und  deshalb  i-benso  interessant  als  etwa  ein  Schnadahüpfel,  ein 
Juchczer  oder  ein  (Jcsjunist? 

Aber  eine  ganze  Reihe  von  Erkenntnissen  hat  A.  Dicterich  in  diesem  Vortrage 
in  guldcnon  Worten  ausgesprochen,  und  sie  würden  verdienen,  hier  alle  wiederholt  zu 
werden,  ich  muß  mich  aber  auf  einzelne  Äußerungen  beschränken.  Folklore  und  Volks- 
kunde sind  in  letzter  Linie  das  wi,<.<ensebaftliche  Ergebnis  des  britischen  Weltreichs, 
der  Herrschaft   Britanniens  über    seine  Kolonion  (S.  181).     Wie    die    gewaltigen  Erlolge 

Wörter  und  Siiclicn.    l.  'i' 


210 


Rudolf  Meringer. 


der  vergleichenden  Si)nit'hwissenscLiaft  lehren,  muß  auch  die  \'olkskunde  vergleichend 
betriehen  werden.  «Es  wird  die  Zeit  kommen,  da  auch  hier  der  Erfolg  den  Widerspruch 
verstummen  macht.  Auch  hier  kommt  alles  auf  die  Leistung  selber  an  —  dann  fragt 
niemand  mehr  nach  ihrer  prinzipiellen  Berechtigung  (S.  177).»  «Statt  immer  wieder  auf 
das  Unmethodische  und  Dilettantische  einzelner  oder  vieler  Leistungen  der  einen  herab- 
zusehen und  von  der  Zurückgebliebenheit  und  Verknöcherung  der  andern  sich  verächt- 
lich abzuwenden,  sollten  beide  wissen,  daß  soviel  gerade,  als  ihnen  felilt,  auf  der  anderen 
Seite  zu  finden  ist.  Die  Ethnologen  können  von  uns  Philologen  viel  lernen,  aber  wir 
Philologen  können  auch  von  ihnen  sehr  viel  lernen,  dessen  wir  zur  Lösung,  ja  über- 
haupt zur  Stellung  vieler  großer  Probleme  gar  nicht  entraten  können.» 

Köstlich  ist  die  Stelle,  an  der  A.  Dieterich  eines  «hochverehrten  Fachgenosseu» 
gedenkt,  der  Dieterichs  «Abfall  vom  heiligen  Geiste  der  Philologie  für  besiegelt  hielt», 
als  dieser  ihm  erzählte,  er  habe  das  Buch  von  den  Steinens,  Unter  den  Zeutral- 
völkern  Brasiliens,  gelesen!  (S.  188  f.) 

Gar  mancher  Sprachforscher  fürchtet  heute  noch  sich  mit  «den  Sachen»  zu  be- 
schäftigen, weil  er  den  Boden  unter  den  Füßen  zu  verlieren  fürchtet.  Diese  Furcht  ist 
sehr  berechtigt,  denn  die  Gefahr  des  Fehlers  wird  um  so  größer,  je  größer  das  Gebiet 
ist,  das  wir  beschreiten.  Aber  hier  nützt  alles  nichts:  «Wer  den  Weg  zur  Wahrheit 
kennt  und  geht  ihn  doch  nicht,  wenn  er  zu  dieser  W'ahrheit  will,  auch  der  ist  in  der 
Wissenschaft  ein  erbärmhcher  Wichts,  sagte  der  tapfere  A.  Dieterich  (S.  189).  Was 
schadet  der  einzelne  Irrtum  1     Es  ist  schon  vorgesorgt,  daß  er  nicht  ohne  Korrektur  bleibt! 


Prähistorische  Rinnensteine. 


Von   Rudolf  Meringer. 


Ahliilclung   I.     Sfiliisrher  Rinneiislciii. 
Milleiluii|,'en  der  Anthropologischen  Gesellscliall  Wien,  XXXIX,  S. 


KW). 


Im  letzten  Hefte  der 
M.  A.  G.  Wien,  XXXIX 
(PJOtt),  S.  165  fr.,  beschreibt 
Sima  Trojanovic  einen  in 
Serbien  gefundenen  Rinnen- 
stein, der  sich  jetzt  im  etlino- 
grapbischen  Museum  in  Bel- 
grad liefindet. 

Der  Stein  (vcrgl.  die 
Abbildung!)  ist  1  lOcm  lang, 
81  cm  breit  und  650  kg 
schwer.  Auf  der  Oberfläche 
sieht  man  zwei  konzentrisch 
herumlaufende  Rinnen,  von 
denen  ein  Teil  abgeschlagen 
ist.  Die  Rinnen  s'nd  mit- 
einander in  Verbindung  ge- 
setzt  und    derselbe  Verbin- 


Prähistorische  Rinnensteine. 


211 


dungskanal  führt  l)is  an  den  Rand  des  Steins,  so  daß  eine  Ausflußöffnung  entsteht. 
Auf  der  Fläche  befinden  sich  sechs  unregehnäßig  verteilte  Lücher.  Ein  alter  Bauer 
erzählte,  daß  der  Stein  einst  weniger  und  seichtere  Löcher  gehabt  habe.  Die  Löcher 
seien  von  Zigeunern  vertieft  und  vermehrt  worden  (?).  Auf  der  unteren  Seite  des 
Steins  sind  zwei  dreieckige  Einschnitte  ausgemeißelt,  woraus  Trojanovic  schließt,  daß 
der  Stein  einst  auf  zwei 
Pfosten  geruht  hat,  also  die 
Platte  eines  Tisches,  und 
zwar  eines  Opfertisches, 
gebildet  hat. 

Solche  Steine  sind 
auch  in  Bulgarien  gefun- 
den wonlen  (vergl.  Abbil- 
dung 2).  Der  abgebildete 
Stein  zeigt  nur  eine  Rinne 
und  sechs  Mulden.  Andere 
bulgarische  Steine  hatten 
sieben  und  acht  solcher 
Vertiefungen. 

Ich  glaube  nicht  auf 
Widerspruch  zu  stoßen , 
wenn  ich  meine,  daß  diese 
prähistorischen  Rinnen- 
steine mit  den  ägyptischen 

Grabtischen,    mit   den   christlichen    Grabsteinen    und   Alturplatten,    sowie   mit  den    Re- 
fektorientischen, über  die  Strzygowski  oben,  S.  TOff.,  gehandelt  hat,  zusammenhängen. 

Man  sieht,  Strzygowski  hat  mit  sicherem  Blick  eine  Erscheinung  als  wichtig 
erkannt,  an  der  andere  achtlos  vorübergegangen  sind.  Seine  Erklärung  konnte  nicht 
ganz  glücken,  weil  ihm  die  weiteren  Zusammenhänge  fremd  waren,  aber  er  hat  das  Ver- 
dienst, das  ich  immer  für  das  größte  halte,  er  hat  ein  Problem  gestellt. 

Jetzt  können  wir  ungefäiu-  folgendes  sagen:  Wir  erkennen  einen  uralten  Opfer- 
tisch mit  Vertiefungen,  [{innen  und  Abflußöffnung.  Er  scheint  im  Orient  zu  wurzeln. 
In  Ägypten  lebte  er  als  Grabstein  fort.  Der  Balkan  kannte  ihn  in  prähistorischer  Zeit 
noch  als  Opfertisch.  In  christlicher  Zeit  erscheint  er  als  Grabstein  und  als  Altarplatte. 
Sein  letzter  Ausläufer  ist  der  Tisch  des  Refektoriums  im  Kloster  Lawra  auf  dem  Berge 
Athos. 


Al)l)ililuiiii  '2. 


Biilgniisc  her  Rimienstein 
S.  168. 


Nach  M.  A.G.Wien,  XX.XI.X, 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 

Von  W.  Meyer-Lübke. 


Ebenso  wichtig  wie  das  Zermalmen  der  Körner  zu  Mehl  und  dieser  Tätigkeit 
vorangehend  ist  das  Entkörnen  der  .\hre  und  wie  jenes  hat  dieses  im  Wechsel  der 
Zeiten  und  \'ölki'r  mannigfaltige  Wandlungen  dnrchgemacht,  die  ihren  Xiedersehlag 
auch  in  der  Sprache  zeigen;    haben  die  Bencmunig  der  Tätigkeit  und  die  Bezeiihmmg 


212  W.  Meyer -Lübke. 

der  zugehörigen  Werkzeuge  vielfach  in  einer  Weise  gewechselt,  die  nur  durch  Kenntnis 
der  Sachen  richtig  beurteilt  werden  kann.  Davon  soll  hier  einiges  zur  Sprache  kommen. 
Nicht  die  ganze  Geschichte  des  Dreschens  und  der  Drescligeräte,  um  so  weniger,  als 
sich  mit  ihr  die  nicht  weniger  interessante  der  Tenne  und  des  Worfeins  aufs  engste 
verknüi>ft,  wenn  ein  vollständiges  Bild  gegeben  werden  soll,  nur  ein  Ausschnitt,  der  sich 
vorab  auf  die  römisch-romanischen  Verhältnisse  bezieht,  andere  im  ganzen  nur  soweit  heran- 
zieht, als  sie  für  diese  von  einer  gewissen  Wichtigkeit  sind  oder  die.se  durch  sie  Beleuch- 
tung erfahren.  Und  selbst  auf  romanischem  Gebiete  bleiben  noch  manche  Lücken.  Denn 
die  wissenschaftliche  Litej-atur  hat  sich  mit  diesen  Dingen  noch  wenig  abgegeben,  die 
Wörterbücher  versagen  oft  oder  lassen  es  an  genauen  Angaben  fehlen,  so  daß  man  viel- 
fach auf  persönliche  Auskunft  angewiesen  ist.  Solche  ist  mir  denn  auch  reichlich  zuteil 
geworden,  wie  im  einzelnen  jeweilig  erwähnt  werden  wird,  doch  darf  schon  hier  ein  für 
allemal  bemerkt  werden,  daß  es  hauptsächlich  N.  Bartoli  und  G.  Terracini  in  Turin, 
L.  Goidanich  in  Bologna  zu  verdanken  ist,  wenn  die  Zustände  im  heutigen  Italien  be- 
sonders  eingehend  zur  Darstellung  gebracht  werden  können. 

Überblicken  wir   die    verschiedenen    Arten   des   Entkörnens    bei    den    Völkern   der 
alten  Welt,  so  lassen  sich  drei  verschiedene  Formen  erkennen: 

1.  Treten, 

2.  Schleifen, 

3.  Schlagen, 

Formen,  die  keineswegs  in  einem  genetischen  Verhältnis  zueinander  stehen,  die  viel- 
mehr oft  nebeneinander  vorkommen,  wobei  entweder  die  eine  Getreideart  nach  der 
einen,  die  andere  nach  der  andern  Art  behandelt  wird,  oft  auch  die  größere  oder  geringere 
Masse  des  zu  dreschenden  Getreides  oder  aber  die  Bodenverhältnisse  ausschlaggebend 
sind.  Bei  kleineren  Betrieben  oder  im  Gebirge  ist  das  Schlagen  das  gewöhnlichere, 
uomadisiereude  Volker  ziehen  das  Austreten  vor.  Beim  Schleifen  und  Schlagen  können 
die  verwendeten  Werkzeuge  verschiedenartig  sein  und  hier  allerdings  sind  Kulturfort- 
schritte zu  bemerken. 

1.  Das  Treten.    Die  Tiere,  zumeist  Pferde  oder  Esel,  doch  auch  Rinder,  werden 
über  das  auf  eine  Tenne  ausgebreitete  Getreide  getrieben.     Das  trifft  man  seit  ältester 
Zeit  wohl  bei  allen  Völkern  im  Kulturkreis  des  Mittelmeers.    Es  ist  die  einzige  Art  im 
alten  Ägypten,  vergl.  Abbildung  1,    es  ist  noch  heute,   wenn  auch   als  das  seltenere,   in 
Syrien  gebräuchlich,   wo  sechs    bis   acht  Pferde  oder  Esel   zusammengekoppelt  werden, 
so  daß  sie  eine  Keihe   bilden ,   und    von   einer  auf  einem   der  Tiere   sitzenden  Person 
mit  großer  Schnelligkeit  über  das  Getreide  getrieben  werden  (Wetzstein,  Zeitschr.  f.  Ethno- 
logie, V,  280).     Dreschen  durch  Ochsen  Ijerichtct  Homer  Ilias  XX,  495: 
tili;  h'  öie  Tiq  leuSvj  ßöa?  u'potvaq  eiipuiueTiiiTroui; 
Tpißeiuevai  Kpi  XeuKÖv  euKTi)aevi;i  ev  üXiui], 
pijuqpa  Te  Xettt'  eTevovTO  ßoJJv  üttö  ttöö'ö''  epi|auKUJV, 
und   auch  Xeuophon  spricht  vom  Austreten  des  Getreides  durch  Tiere  (üttoCutilu),  Oek. 
18,  3,   desgleichen  Varro   r.  r.  I,   52,  6:    apud  alios   exteritur  grege  jumentorum   et  ibi 
agito  perticis    quod    ungulis  e  spica  exteruntur  grana.     Und  so  bis  heute  in  der  russi- 
schen Steppe,   Rumänien,    Bulgarien,   Banat,    Ungarn,   Slavonien,   Bosnien,    Mortenegro, 
Dalmaticn,   Italien,   Sardinien,    Spanien,    Portugal.     Für  die  große  Walachei  beschreibt 
S.  Pujcariu    den  Vorgang-  folgendermaßen:    «In  der  Mitte  der  Tenne  (anr)    wird    ein 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 


213 


Pfahl  (xtrcdjär  oder  par)  in  die  Erde  eingeschlagen,  an  den  ein  Pferd  mit  einem  längeren 
Seile  angebunden  wird.  Das  Pferd  tritt  (cäla'i)  auf  das  au.'^gebreitete  Getreide,  indem 
es  sich  in  einem  durch  das  Aufwickeln  des  Seiles  immer  kleiner  werdenden  Kreise 
bewegt.  Ist  es  auf  diese  Weise  bis  zum  Pfahle  gelangt,  so  wird  der  Kreis  in  um- 
gekehrter Weise  noch  mal  abgeschritten.  A  ajiuts  fnnic  la  par  'das  Seil  ist  bis  zum 
Pfahl  gelangt'  bedeutet  dann  es  ist  Mittagszeit'.  Dieses  Dreschen  heißt  treru  (trihulnre)-^ 
In  Italien  wird  das  Treten  durch  Tiere  angegeben  für  Casale  (Piemont),  für  das 
Mailändische,  namentlich  die  Brianza,  Varese  und  Como,  und  zwar  nur  für  das  Ent- 
körnen von  Iliise  und  Reis,  für  Ferrara,  Bologna,  -die  Marche,  die  Macerata,  Siena, 
Aquila,  Teramo,  Frossinone  und  Anagni  (Rom),  Apulien  und  Caltagiroue  (Sizilien)  und 
zwar  sind  es  zumeist  die  Pferde,  in  den  Marche,  der  Macerata  und  den  Abruzzen 
Ochsen,  in  Chieti  Pferde,  Maultiere  oder  Esel,  in  Caltagiroue  Maultiere,  die  dazu  ver- 
wendet werden.  Den  Vorgang  beschreibt  A.  Jemina,  Corso  di  d' agraria,  §471,  folgender- 
maßen :  I  cavalli  legati  a  pariglia  e  cogli  occhi  bendati  sono  spinti  coUa  frusta  a 
descrivere  al  trotto  dei  cerchi  sulla  messe  diste-sa  sull'aia.     l'na  lunga   cordicella  attac- 


Abijiklidig  1.     Urcscheiide  Ochsen  aus  All-Agypten.     Nach  Wilkinson,  Manners  and  Custonis,  I,  >S(. 

cata  alla  briglia  h  tenuta  dal  conduttore  che,  stando  nel  niezzo,  guida  ad  un  tempo  piü 
pariglie  di  cavalli  o  muli  che  descrivono  circoli  concentrici.  II  conduttore  rallentando 
o  traendo  a  se  la  cordicella  guida  i  cavalli  in  modo  che  tutti  i  punti  siano  battuti. 
Mehr  der  rumänischen  Form  gleicht  die  bologncsische,  wie  sie  namentlich  beim  Dreschen 
von  Reis  üblich  ist;  vergl.  UngarelH,  Voc.  hol.  s.  v.  J>nl  ed  caial:  treccia  di  cavalli,  tutti 
insieme  i  cavalli  che  occorrono  a  trebbiare  una  trcsca.  ^  Si  fa  girare  la  treccia  prima 
in  un  verso  per  spigär,  cioe  levare  i  grani  dei  covoni  posti  piü  in  alto  eppoi  in  un  altro 
per  for  .rä  la  tchhia,  cioö  batterc  la  trcsca,  farvi  girare  quasi  trescando  i  cavalli  in  modo 
che  a  poco  a  poco  rimanga  tutta  calpesiata  e  pcsta.  Der  Ausdruck  hal  'Tanz"  ist  wohl 
davon  zu  erklären,  daß  trcscare  im  Toskanisrhen  tanzen",  tresca  'Tanz'  bedeutet,  s.  S.  214. 
Das  hier  für  'Koppelpferde'  verwendete  treccia  'Flechte,  Strohband'  erscheint  auch  im 
Neapolitanischen  tre^zd  'tre  c  piü  paia  di  buoi  da  trarre  rocchi",  und  in  Cerignola  speziell 
für  dii>  mit  einem  Hanfstricke  zum  Dreschen  zusammengekoppelton  Pferde.    Fünf  solche 

'  Beachte  tivsca  'das  zum  Dreschoii  hinirelegle  (letreide'.  hier  speziell  'Reis'.  Die  reichsspracli- 
lichen  Wöiierbi'uhei-  vorzeichnen  diese  KedeuUiUi:  zumeist  nicht,  von  rngarelH  aber  wial  sie  ofTenhar 
als  reichssprachlich  empfunden,  da  der  holognesische  Ausdruck  lebbia  ist,  ein  Ober  die  Rom.iirna.  Emilia. 
die  listliche  Lombardei,  Venezion,  Istrieii  verbreitetes  Wort,  das  man  unbedenklich  zu  inbutait  erst  dann 
stellen  wird,  wenn  der  Schwund  des  )•  erkl.lrt  ist.  Tresai  als  Dialcktausih-uck  wird  mir  aus  Monliilto  (.Ascoli) 
mittrctollt.     Lateinisch  sayl  man  daliir  stniluni,  tosk.  sterta,  also  strata  umgestaltet  nach  ster»r>t. 


» 


214  W.  Meyer-Lübke. 

trezzc  bikleu  den  sog.  'Halbmoncr,  zehn  flen  'Mond".  Auf  großen  Tennen  kann  man 
bei  zwanzig  frcs.zc  gleichzeitig  arbeiten  sehen.  —  Das  X'erbum  für  Austreten  ist  in  den 
Märchen  und  in  den  Abruzzeu  trescd,  ebenso  in  Novara  (Alessandria)  und  in  Mailand, 
in  Aquila  imd  Anagui  iritnrc,  in  Rcsaria  bei  Ascoli  Piceno  iwstü,  Torre  Maggiore  (Foggia) 
'iitrccäi,  in  Apulien,  Kalabrien  und  Sizilien  pisarc,  in  Trapani  Im'äiri,  im  Mailänthschen 
auch  hau  a  passoii  'am  Pfahle  dreschen'. 

Nach  all  diesen  Äußerungen  ist  ein  Nacharbeiten  nicht  nötig  oder  nicht  üblich. 
Vergl.  aber  folgende  Notiz:  in  alcuni  luoghi  del  ('oraasco,  della  Brianza  e  del  Vare- 
sotto  s'usa  un  altro  modo  (nicht  das  Dreschen  oder  die  Maschine)  di  trebbiatura,  special- 
meute  per  il  miglio.  Disposto  il  grano  in  uno  strato  circolare,  alto  circa  un  palmo, 
vi  fann'o  camminare  sopra  due  o  piü  paia  di  buoi  aggiogati,  meutre  dietro  i  buoi  un 
contadino  percuote  il  grano  con  una  hata.  Bata  heißt  'Flegel',  das  Verbum  lautet  aber 
fu  f(J  l  mci  'die  Hirse  herausmachen'.    (Eine  ähnliche  Nacharbeit  beim  Dreschen  s.  S.  225.) 

Mehr  noch  als  auf  dem  italienischen  Festlande  ist  in  Sardinien  das  Austreten 
üblich,  ja  es  ist  noch  heute  das  am  meisten  vorwiegende.  Jedes  Dorf  besitzt  eine  all- 
gemein zugängliche  Tenne,  einen  möglichst  freiliegenden,  den  Winden  ausgesetzten 
Raum.  Das  Getreide  wird  darauf  durch  Tiere  entkörnt,  in  den  Bergen  und  im  Süden 
durch  Ochsen  und  Kühe,  im  Süden  häufiger  durch  Pferde  und  zwar  einfach  auf  die 
Weise,  daß  die  Rinder  durch  das  Getreide  getrieben  werden.  Bei  reichen  Bauern  im 
Süden  kommt  noch  eine  andere  Art  vor.  Mehrere  Pferde  (angeblich  bis  zwanzig)  werden 
an  eine  Leine  angespannt  und  um  einen  inmitten  der  Tenne  befindlichen  Pfahl  getrieben. 
Zur  Bedienung  sind  zwei  Knechte  nötig,  der  eine  (jiostuhidcrl)  steht  am  Pfahl,  der 
andere  (hasone  aus  lat.  a(/aso)  treibt  die  Pferde.  Das  Dreschen  heißt  triulare  (trihiilure), 
die  zweite  Art  triulare  a  cguas  (Mitteilung  von  M.  L.  Wagner.  Vergl.  noch  La  Marmora, 
Voyage  I,  411). 

Auch  prov.  caucü  (calrarc),  das  Mistral  ohne  genaue  Ortsangabe  mit  'fouler  les 
gerbes,  les  raisins,  la  terre'  wiedergibt  und  JcatiM  Punkt  888  (Alpes  Maritimes)  im  Atl. 
linguistique  580  mit  der  leider  nicht  deutlichen  Bemerkung  'fouler  les  gerbes  pour  cn 
extraire  les  grains,  pas  de  fleaux'  weist  auf  das  Austreten  hin.  Für  Portugal, 
Madeira,  Teneriffa  bezeugt  die  'marcha  dos  anirnaes  (cavallos,  eguas,  bois)  em  giro  por 
cima  das  espigas  espalhadas  na  eira'  A.  Coelho  Portugalia  I  G44,  für  Andalusien, 
Estremadura  und  Valencia  N.  Casas  Dicc.  manual  de  Agricultura  IV  246  den  pisoteo. 
In  Valencia  werden  je  drei  Pferde  zusammengespannt,  man  nennt  dieses  Gespami  coUci, 
in  Granada  bilden  je  sieben  eine  cohra,  und  bis  vier  rohra.'i  dreschen  auf  einer  Tenne. 
In  Murcia,  Ribagorza  und  um  Madrid  herum  ist  dagegen  der  pisoteo  unbekannt  (R.  Me- 
neudez  Pidal). 

Über  die  genaue  ursprüngliche  Bedeutung  des  germ.  ß'resJcan  haben  wir  keine 
direkte  Nachricht.  In  historischer  Zeit  ist  es  durchaus  das  'Schlagen',  aber  längst  hat 
man  durch  Hinweis  auf  die  romanischen  Vertreter  gelehrt,  daß  das  nicht  der  älteste 
Sinn  sein  kann.  Zu  den  oben  gegebenen  Belegen  für  /jrrsl.aii  'austreten'  kommen  hinzu 
senes.  trescare  'stampfen':  rjuando  la  terre  fe  moUe  non  bisogna  andar\a  a  trescare  (Fan- 
fani,  Voc.  dell'  uso  toscano)  und  dazu  paßt  ziemlich  genau  ireshi  'scalpitare,  calpestare', 
das  Tiraboschi  aus  bergamaskischen  Mundarten  anfidirt.  Sonst  bedeutet  afr.  oesehier, 
prov.  trescar  'tanzen',  ital.  treseare  tanzen,  herumhüpfen  und  in  weiterer  Entwicklung 
liebeln,    z.  T.  in    stark    pejorativem   Sinne,    oder  'klatschen',    endlich    'über   die   Saaten 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte.  215 

laufen  von  gpielenden  Kindern',  was  natürlich  ebensowohl  eine  alte  wie  eine  ganz  junge 
Bedeutung  sein  kann;  span.  trcscar  'mit  den  Füßen  trampeln,  Mutwillen  treiben, 
scherzen",  dann  mit  immer  weiterer  Entfernung  vom  ursprünglichen  Sinne  portg.  triscar 
'zanken,  streiten,  Verwirrung  stiften',  andrerseis  katal.  häufig  ein-  und  ausfliegen  von 
Bienen  eines  großen  Stockes'.'  Daß  ein  etwa  dem  modernen  Schuhplatteln  ähnlicher 
Tanz  nach  dem  Rliythmus  und  dem  CJeräusche  des  Dreschens  mit  dem  Flegel  benamit 
worden  sei,  wäre  nicht  gerade  unmöglich,  aber  wenig  wahrscheinlich,  und  wird  dadurch 
vollends  abgewiesen,  daß  ital.  trcscare  fast  durchweg  und  offenliar  zunächst  das  Dreschen 
mit  Tieren  bedeutet.^  Fragen  würde  sich  nur,  ob  Glicht  an  Stelle  von  Tieren  auch 
Menschen  das  Getreide  austreten  konnten,  wie  ja  noch  heute  z.  T.  in  Italien  die  Trauben 
von  Menschenfüßen  ausgetreten  werden,  wie  das  Kneten  des  Teigs  noch  vor  kurzem, 
wenn  nicht  auch  jetzt  noch,  mancherorts  durch  Menschenfüße  bewerkstelligt  wurde, 
wie  man  'Heutrampeln"  in  Süd-  und  Norddeutschland  übt.  Das  würde  'tanzen'  noch 
besser  erklären,  aber  einen  Anhaltspunkt  haben  wir  bisher  nicht  für  eine  solche 
Annahme.^ 

R.  Thurneysen  hat  got.  priskan  und  griech.  Tpißuu  unter  *trÄ(fu  vereinigt  (Zeitschr.  f. 
vergl.  Sprachf.  XXX,  352)  und  im  ganzen  Zustimmung  gefunden.  W.  Prellwitz  geht 
weiter,  er  konstruiert  ein  *tcrf(ß  'klappernd  schlagen',  das  dann  durch  -sqo  er^veitert  die 
Grundlage  für  das  germanische  und  griechische  Wort  für  'dreschen"  und  für  litt,  tarsz- 
hiii  'rasseln",  trcs^h'i  'knistern'  ai>gegeben  hätte.  Das  ist  begrifflich  unhaltbar.  Selbst 
wenn  die  Grundbedeutung  von  Tpißuu  und  ßrislaii  'die  Körner  herausschlagen'  wäre, 
so  würde  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  das  betreffende  A'erbum  einfach  'schlagen", 
allenfalls  'herausschlagen'  bedeuten.  Das  'Klappern'  beim  Dreschen  mag  dem  Städter 
auffallen  und  charakteristisch  erscheinen,  nicht  dem  Bauern,  und  nicht  was  jener  hört, 
sondern  was  dieser  tut,  ist  maßgebend  für  die  Benennung  einer  Tätigkeit,  die  nur  dieser 
übt  und  "kennt.  Wäre  'schlagen'  als  Grundbedeutung  von  *trz(fü  erwiesen,  so  könnte 
man  die  Sache  umdrehen:  schlagen,  dreschen,  klappern"  wäre  die  natürliche  Reihenfolge, 
allein  diese  Grundbedeutung  ist  nicht  nur  nicht  erwiesen,  sondern  direkt  unwahrschein- 
lich, daher  wir  das  ohnehin  nirgends  bezeugte  *terego  auf  sich  beruhen  lassen  können. 
Als  letzt  erreichbare  Form  und  Bedeutung  bekommen  wk  trzif'ö  'durch  Treten  das  Ge- 
treide entkörnen".  A\'enn  also  im  neuen  Weigand  'lärmend  mit  den  Füßen  stampfen" 
angesetzt  wird,  so  kann  ich  nur  dem  zweiten  Teile  zustimmen,  dagegen  befinde  ich  mich 
in  voller  Übereinstimnuuig  mit  Torp-Falk,  ürgerm.  Spraohsch.,  'trampeln,  treten'.  Ob 
nun  hinter  diesem  '■(rzg'o  die  Wurzel  von  griech.  Tpex^Ju,  ir.  trai;/  Fuß"  stockt  oder  die  von 

'  Vergl.  unser  tanzen  von  den  herumfliegenden  Mücken. 

*  Nur  in  Caserta  und  Gaeta  ist  trcscare  der  allgemeine  Ausdruck,  aber  das  ist  deullicli  sekundär. 

'  Die  Beweiskraft  der  romanischen  Formen  stellt  H.  Pelersson  in  Abrede.  Er  will  ein  Iristcan  zu 
trctait  zugrunde  legen  (lüg.  Forsch.  XXIV,  !l(>l).  Lautlich  ist  dagegen  nichts  einzuwenden,  begrifllich  dürfle 
es  schwer  sein  den  Wog  zu  zeigen,  auf  dem  ein  die  allgemeine  Bedeutung  'trelen'  tragendes  Yerbum  zu 
den  speziellen  Verwendungen  gelangt  ist,  die  das  rom.  trifcare  zeigt.  (Ital.  Irexcarc  'treten',  d.is  Peterssoii 
anführt,  versagen  nieinc  Uillsmiltel.)  Vor  allem  habe  ich,  da  ßrishm  lautlich  und  l>ogrimich  paGl.  Bedenken, 
aus  dem  Romani.schen  ein  germanisches  Wort  zu  erschließen,  für  das  die  so  reichlich  flicIJende  germanische 
Überlieferung  keinen  Anhaltspunkt  bietet.  Wer  den  germanischen  Bestandteil  des  romanischen  Wort- 
schatzes kennt,  wird  sich  für  s<dche  Spekulationen  kaum  begeistern  können.  Es  ließe  sich  ja  auch  folgendes 
annehmen:  Dem  germ.  ßrcshni  entsprach  lat.  *trestvri\  das  in  .\nleluuing  an  rcr.<r<vv  und  die  anderen 
Verba  auf  -istere  und  -Tsivre  zu  *tri!>cfre  oder  *trcftccre  gewonlen.  dann  in  die  -ncr-Klasse  ülwrgetroten  wäre, 
vergl.  »ii'iare  neben  meiere,  miimare  neben  miniiere  u.  a.   Aber  auch  das  wiixl  niemand  enisl  nehmen  wollen. 


216 


W.  Meyer-Lfibko. 


Aliliililuii^'  -2.     Ein  Dresclistein  (pemra)  aus  Leci-e 
(Apulien)  nach  einer  Zeichnung  von  F.  Vallese. 


ti'i-ere,  ist  licute  kaum  mehr  zu  ermitteln.  Ein  */m/7«  +  aqö  könnte  vielleicht  in  ähn- 
licher Weise  .uriech.  -ßoi  ergeben,  Avie  nach  Prellwitz  (j-sqö  zu  -ßuj  wird,  wenn  nur  vor 
sq  die  Media  aspirata  ihre  Aspiration  frühzeitig  verloren  hätte,  und  dann  wäre  die  Ab- 
leitungssilbe erklärt.  Sei  dem,  wie  ihm  wolle,  die  Bedentungsentwicklung  geht  am 
glattesten,  wenn  man  'treten'  und  nun  entweder  'heraustreten'  oder  'zertreten',  'zerreiben' 
ansetzt.  Danach  stehen  griech.  tpißiu  'dreschen'  und  xpißiju  'reiben'  nicht  in  Abhängigkeit 
zueinander,  denn  'dreschen'  ist  'heraustreten',  nicht  'zertreten'.  Außerdem  ist  aber  auch 
das  Verhältniss  von  tcro  'bohre'  zu  tcro  'reibe'  in  Betracht  zu  ziehen.  Auf  Vermischung 
und  Kreuzung  der  drei  Verba  weist  wohl  hin  möxXov  Tpiij)'  ev  öcp&aXuLu  Odyss.  9,  332, 
wo  es  sich  doch  luu'  um  bohren,  nicht  um  reiben  oder  gar  um  dreschen  handeln  kann. 

—  Zu  *(rs(/>ö  'dreschen'  gehört  noch  lat.  trio 
'Dreschochse',  aber  auch  hier  ist  vieles  un- 
klar. Daß  -zgv  über  -gv  oder  über  -zv  zu  v 
mit  Dehnung  des  vorangehenden  Vokals 
wird,  r  vor  ö  dann  fällt,  steht  im  Einklang 
mit  der  lateinischen  Sprachentwicklung,  aber 
i  macht  Schwierigkeit,  wenn  man  Kpi9r|, 
Gerste,  liordcuni,  nebeneinanderhält.  Wäre 
Niedermanns  Annahme,  daß  e  vor  drei  Kon- 
sonanten zu  i  wird,  sicherer,  als  sie  ist,  so 
wäre  etwa  eine  Flexion  trrzno  trizgn'is,  daraus 
*trciio  *triiiif:  {?),  d^nn  frio  frionis  anzusetzen. 
Bei  dem  Mangel  jeglicher  Zwischenstufen  ist  es  natürlich  nicht  möglich,  ein  reinliches 
und  überzeugendes  Resultat  zu  erreichen,  triri  hat  Thurneysen  mit  rpißuj  usw.  zusam- 
mengebracht; hält  man  am  Zusammenhang  mit  tercre  fest,  so  stellt  sich  jetzt  natürlich 
eine  Basis  tcrei  leicht  und  willig  zur  Verfügung.  Vergl.  noch  tribulum  S.  221.  —  Mit 
Schraders  Auffassung,  daß  'zerreiben'  die  Grundbedeutung  von  Hrzcfü  sei,  kann  ich  mich 
nicht  befreunden,  da  die  Körner  erst  beim  Mahlen,  nicht  beim  Dreschen  zerrieben  werden. 

2.  Das  Schleifen  bedeu- 
tet einen  großen  Fortschritt,  es 
bedingt  aber  auch  besondere 
klimatische  und  kuHurelle  Ver- 
Jiältnisse.  Die  dazu  nötigen 
Geräte  erscheinen  in  min- 
destens  drei   Formen : 

a)  Der  Dreschstein  findet  sich  heute  namentlich  in  Rumänien,  Italien,  Sardinien, 
Portugal.  In  Rumänien  bezeugt  ihn  Puscariu  aus  der  Umgebung  von  Costan^ä  und 
beschreibt  ihn  als  einen  breiten,  geglätteten,  mit  Rinnen  versehenen  Stein.  Sein  Vor- 
kommen in  Portugal  vermerkt  Coelho  (a.  a.  O.  641),  gibt  aber  keine  Beschreibung.  In 
Italien  ist  er  namentlich  im  Süden  heimisch,  dann  in  der  Emilia  bis  nach  Ferrara  hin. 
Die  Formen  sind  ziemlich  mannigfaltig,  vergl.  Abbildungen  2  und  3.  Die  üblichste  Be- 
nennung ist  petra,  so  in  Sardinien,  in  den  Abruzzen,  Molise,  Kampanien,  Basilikata, 
Kalabrien;  daneben  nach  dem  Material  tufo,  namentlich  in  der  Kapitanata,  dazu  für 
den  zusammengesetztcji  Stein  die  VV'eiterbildung  tnfogttt),  dann  pcsatorv  (zu  innsarc)  in 
Calitri   (Avellino),   hatdiir  in  Bologna,  piagna  in   Lagaro   (Bologna),  piagmn  in  Parma; 


Abbildung  3.     Ein  Dresclistein  (preda)   aus  Reggio   crEniilia   nach 
einer  Zeichnung  von  Frau  Fillira  Pasqui  in  Pontremoli. 


Zur  Gescliiclilo  der  Dreschgeräte.  217 

hiatra  in  Ciiin])ol)as8o,  piaströn  in  Modena  (piastra  'Steinplatte'),  hudon  (?)  in  Ferrara, 
ruslon  (?)  in  Vot^hera,  frii'a  in  Cosenza  {irihnla,  also  Übertragung  von  der  Tafel 
s.  S.  218),  endlich  fra£H  in  Boza,  tra>/H  in  Alghero  (Sardinien),  trwjon  in  Ferrara,  die 
sofort  ihre  Eiklärung  linden  werden.  Die  weite  Verbreitung  namentlich  in  Italien  weist 
wold  mit  Sicherheit  darauf  hin,  daß  es  sich  um  ein  in  alte  Kulturverhältnisse  zurück- 
gehendes Gerät  handelt,  das  schon  in  der  Römerzeit  vorhanden  war,  und  man  darf 
sich  wohl  fragen,  ob  die  Römer  eine  besondere  Benennung  dafür  hatten. 

Da  bietet  sich  denn  nur  traka,  eine  Bezeichinnig,  über  die  ins  klare  zu  kommen 
bisher  nicht  möglich  gewesen  ist.  Was  Geoi'ges  und  Rieh  bieten,  ist  nicht  genügend, 
z.  T.  nicht  richtig;  Blümner,  Terminol.  und  Techuol.  I,  7,  sagt  mit  Recht,  daß  die  Kon- 
struktion nicht  deutlich  sei,  ebenso  Olak  bei  Pauly-Wissowa  'Dreschen'.  Es  verlohnt 
sich,  zunächst  zusammenzustellen,  was  die  Überlieferinig  bietet. 

Aus  Vergil  Georgica  I,  161,  trihidaquc  fraheaeque  et  iniquo  pondere  rastri  geht  nur 
hervor,  daß  die  trahen  ein  landwirtschaftliches,  bei.  dei-  Ernte  verwendetes  Gerät  ist, 
und  wenn  Servins  dazu  bemerkt:  fraheae  vehicola  sine  rotis,  quae  vulgo  frahas  dicunt,  so 
beleint  uns  das  über  das  Verhältnis  von  tniJia  und  frihnla  nicht.  Columella  stellt 
trihula  und  traha  so  nebeneinander,  daß  man  in  fyaha  eine  Dreschtafel  zu  sehen  ge- 
neigt sein  könnte,  klärt  aber  über  die  spezielle  Form  auch  nicht  auf.  Unter  den 
Glossen  hängen  traltac  sunt  rrliinda  G.  Gl.  L.  III,  624,  32,  paiöiov  traha  III,  362,  31,  und 
tralias  quidam  putant  esse  quibus  in  area  colligitur  pabulum,  Donatus  voro  dicit  rrlii- 
cula  esse  trahas  sine  rotis  im  Liber  Glossarum  (C.  Gl.  L.  V,  250,  14;  C.  Gl.  E.  360) 
deutlich  mit  Servius  zusammen,  außerdem  zeigt  die  letzte  Stelle,  daß  der  in  Spanien 
lebende  Verf.  des  Liber  Glossarum  von  der  Sache  genau  so  viel  wußte  wie  wir  heute. 
Ausführlicher  ist  trahea  TUKÜvri  mc,  ßujXouq  dcpaviJoucra  C.  (^d.  L.  V.  350,  14.  Würde  tukövii 
auf  eine  Dreschtafel  hinweisen  (S.  221),  so  zeigt  doch  der  Zusatz,  daß  es  sich  vielmehr 
um  eine  "Egge  handelt,  womit  die  Glosse  für  uns  wertlos  wird.  Auch  nichts  anzu- 
fangen ist  mit  xomouXköi;  traliea  C.  Gl.  L.  II,  475,  21,  da  das  griechische  nur  aus  Pollux 
bekannte  Wort  eine  Maschine  um  Schiffe  ans  Land  zu  ziehen  bezeichnet,  was  trahea 
etymologisch  ja  auch  sein  kann.  Endlich  ist  noch  anzuführen,  daß  Varro  tragida  als 
gleichbedeutend  mit  traha  anführte,  leider  keine  Erklärung,  sondern  nur  eine  Etymologie 
gebend:  'ab  eo  quod  trahitur  per  terram'.  Etwas  mehr  Auskunft  geben  moderne  Formen. 
Neap.  frarolo,  lomb.  travol,  frol  jiassen,  vom  Geschlechte  abgesehen,  genau  zu  iragiila, 
mit  trahea  hat  schon  Diez  tosk.  free/f/ia  zusammenge.'itelU,  dazu  noch  hol.  tnizsa.  abruzz. 
treya}  Die  Bedeutung  all  dieser  Wörter  ist  Schlitten  namentlich  zur  Beförderung  von 
Heu,  Erde,  Steinen  über  Schnee,  Eis,  Schlamm'.  Südsard.  traifu,  das  ebenfalls  auf  *tra- 
[inln  beruht,  bezeichnet  außerdem  auch  die  Egge',  bestätigt  also  die  eine  der  lateinisch- 
griechischen  Glossen.  Im  Zentralsardinischen  wird  '^'trafiuht  zu  trazu  (vgl.  hi^u  aus 
rO(((ii(lio)i),  in  Ferrara  würde  es  zu  trar,  also  das  oben  angeführte  trazu,  traijo»  für 
'Dreschstein'.  Da  nun  Varro  traha  und  tra<iida  für  gleichbedeutend  erklärt,  glaube  ich 
den  Schluß  ziehen  zu  dürfen,  daß  traha  als  Dreschwerkzeug  den  Dreschstein  bezeichnet. 
Daneben  benennt  es,   wie   die  Glossen  imd   die   neuen  Ketlexe  beweisen,   noch   andere 

'  Der     Vokal     macht    freilich    Schwierigkeit.  (Jleichhedeuleiul    i.«l  reggia,    il:\s    d.inchen    auch    die 

'Knlirc'   hezeiclinel    mul   wohl   osk.  tri«  wicdeniiht.  Oh  ;ihei-   das  r  des  oskischeii   Wortes   ohne   weiteres 

mit  (1cm  (j^  von  v^'gf.'i;i  vereinigt   wenlcii   kiinn,   h'ilit  sich   schwer   sagen  :  wenn  ja.   so  wird  trtiigia  sein  t 
daher  haben. 

Wörter  und  Saclioii.    I.  -JS 


218 


W.  Meyer -Lübke. 


Geräte,    vgl.  außer  deu    angeführten    span.  irallla  'Straßenwalze',   (nüllar    das   Erdreich 
ebnen,  um  es  zur  Bewässerung  vorzubereiten'. 

b)  Die  nächste  Entwicklung  ist  die  Dreschtafel,  das  trihnluni  der  Römer,  wie 
wir  es  zunächst  aus  dei'  Beschreibung  Varros  keuuen,  r.  r.  I,  52:  e  spicis  in  area 
excuti  grana.  Quod  tit  apud  alios  jumentis  junctis  ac  tribulo.  Id  fit  e  tabula  lapi- 
dibus  aut  ferro  asperata  quo  imposito  auriga  aut  pondere  grandi  trahitur  jumentis 
ut  discutiat  e  spica  grana.'  Man  hat  damit  schon  längst  die  semitische  Dreschtafcl 
verglichen,  die  schon  Jesaias  28,  28  erwähnt  wird  und  die  noch  heute  über  den  ganzen 
Orient  bis  zu  den  Quellen  des  Euphrat  und  zum  persischen  Golfe'  verbreitet  ist.    Vergl. 

Abbildung  4.  J.  G.  Wetzstein  gibt  a.  a.  0., 
270  ff.,  folgende  Beschreibung.  «Die  Tafel  be- 
steht aus  zweizölligen  Bohlen  von  Nußbaum 
oder  Eiche,  welche  mit  den  l^ängsseiten  ver- 
bunden ein  Rechteck  von  sieben  Fuß  Länge 
und  drei  Fuß  Bieite  bilden.  Dieses  Rechteck 
ist  an  dem  einen  Ende  etwas  aufwärtsgebogeu 
und  nimmt  dort  allmählich  an  Dicke  ab.  Zu- 
sammengehalten werden  beide  Bohlen  durch 
zwei  Querhölzer,  welche  mittelst  starker  eiserner 
Nägel  befestigt  und  bei  besseren  Fabrikaten 
auch  eingesetzt  sind.  Das  vordere  dieser  Quer- 
hölzer, welches  da  angebracht  ist,  wo  die  Bie- 
gung der  Tafel  beginnt,  hat  an  den  beiden 
iimmax-^if  "iwu  nur  w  irairii  Seiten  und  in  der  Mitte  eiserne  Ringe  zum 
1^0^*^% '^^^^'IW  i  '  ^^  MU'll*' ^  llf  l1  Anbinden  der  Stange  des  Geschirrs.  Die  Bie- 
gung bezweckt,  daß  die  Tafel  unbehindert  über 
die  Halmenlagen  hinweggleitet.  Die  untere 
Fläche  der  Tafel  ist  in  drei  ungleiche  Teile 
geteilt.  Ist  sie  sieben  Fuß  lang,  so  kommen 
zwei  Fuß  auf  das  vordere  Feld,  welches  der 
Biegung  entspricht,  vier  Fuß  auf  das  mittlere 
und  ein  Fuß  auf  das  hintere,  welches  dem 
Räume  entspricht,  der  auf  der  oberen  Fläche 
hinter  dem  zweiten  Querholz  liegt.  Das  mitt- 
lere Feld  enthält  einen  Reib-  und  Schneide- 
apparat, bestehend  aus  vierundzwanzig  schrägen  Reihen-  harter  und  scharfkantiger  Steine. 
Die  in  die  Bohlen  eingemeißelten  Löcher,  in  welchen  die  Steine  sitzen,  sind  einen  Quadrat- 
zoll weit,  einen  reichlichen  Zoll  tief  und  in  der  Tiefe  um  ein  Merkliches  weiter  als  oben. 
Bei  einem  neuen  Apparate  ragen  die  Steine  l'/a  Zoll  aus  der  Tafel.  —  Zum  Dreschen  wird 
das  Getreide  auf  der  Tenne  auf  eineu  Haufen  geworfen,  der  an  seinem  Fuße  kreisrund  ist. 


Al)bililuiij;  A.  Syrische  Dreschtafel  aus  Ale])po 
nach  J.  Eviins,  The  Ancieiit  Slone  Implemetils, 
Weapons  aml  Ornaments  of  Great  Britain,  S.  Kio. 


'  Nicht  aber,  soweit  die  Denkmäler  leinen,  im  älteren  A;:yi)len.  Der  ägyptische  'Dreschschlitten',  ilcn 
Rieh  s.  V.  traha  abbildet,  ist  nach  Mitteilung  von  H.  Junker  vielmehr  ein  ganz  gewöhnlicher  Lastschliltcn. 
Die  Bezoiclmung  'Drescbsclilitten'  hat  hier  wie  anderswo  zu  Irrtümern  verleitet.  Die  ägyptisclie  Bezeichnung 
des  Dreschwagens  noreg  ist   allerilings  identisch  Jiiil  syr.   mot-ag  'DreschtafeP,  besagt  aber  nichts,  s.  S.  "Hh. 

^  So  die  von  Wetzstein  gesehenen,  während  die  i.'3  Reihen  an  der  Tafel  von  Aleppo  gerade  sind. 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 


219 


AliljiKluiig  .").     Dreschstein  aus  S.  Marco  in   Lancis.     A  Dresclistein, 

H  Haken  mit  Kelte,  G  Brustriemen  der  I'ferde,  U  Wage,  E  ein  Stein 

mit   Kette   in   iler   Mitte,    F  Ansitlil    des   einen   Steines    von    unten, 

G  eine  Reilie  zum  Austauschen. 


Beginnt  das  Drcsclien,  t^o  bildet  man  rings  nm  den  Fuß  eines  solchen  Haufens  aus  einem 
Teile  seines  Bestandes  eine  Halmenlage  von  zirka  sieben  Fuß  Tiefe.  Auf  dieser  Lage 
beginnt  die  Schleife  ihren  einförmigen  Kreislauf  Die  Bespannung  besteht  aus  einem 
Pferde  oder  einem  oder  zwei  Stieren.  Geleitet  wird  das  (Jespann  in  der  Regel  von 
einem  Knaben,  der  für  die  übrigen  Arbeiten  der  Tenne  noch  zu  schwach  ist.  Er  steht 
in  der  Mitte  der  Tafel.-  Soweit 
Wetzstein,  dem  icli  noch  die  ^'  ""^^^-^-^  D 
Eingangsworte  entnehme:  «Dii' 
syrische  Tafel  Ijesitzt  ganz  die 
selben  Eigenschaften,  welche  bei 
allen  V'arietäten  dieser  Dresch- 
maschine die  wesentlichen  sind; 
wenigstens  in  Ägypten,  in 
Arabien  und  Andalusien,  des- 
gleichen in  Kleinasien  und  auf 
Cypern  habe  ich  in  der  Form 
nvu'  ganz  nebensächliche,  in 
der  Anwendung  gar  keine  Ab- 
weichungen von  der  syrischen 
entdecken  können».  Die  Ver- 
hreitung  der  Dreschtafel  ist,  wie 
schon  bemerkt,  außerordentlich 

groß.  Das  armenische  hon,  das  Ter  Mowse.sjanz  in  den  Mitteil,  der  Anthropol.  Gesellsch.  in 
Wien,  XXn,  155,  abbildet,  stinnnt  ganz  zu  der  syrischen,  westlich  begegnet  sie  in 
Griechenland,  in  Mazedonien,  Bulgarien,  in  Italien,  Spanien  und  Portugal.  In  Italien 
allerdings  scheint  die  Tafel  selten  zu  sein.  In  Salerno  besteht  'una  specie  di  erpice  a 
deuti  tissi  con  grossi  chiodi  Inno  e  l'altro  in  legno  che  chiamano 
ni(ingano\  Der  Name  ist  auffällig,  da  er  eher  auf  eine  Walze  schließen 
ließe,  die  Beschreibung  nicht  allzugenau,  aber  doch  so,  daß  man 
an  die  Tafel  denken  kann.  Eine  eigentümliche  Weiterbildung  findet 
sich  in  der  Kapitanata.  Der  tufo  in  S.  Marco  in  Lancis  (am  Monte 
(iargano)  wird  folgendermaßen  beschrieben:  pezzo  massiccio  di  leguo, 
per  lo  piü  di  castano,  foderato,  al  die  sotto,  di  lamiera  bucherellata. 
Vergl.  Abbiklung  5.  Die  Entwicklung  ist  verständlich.  Statt  der 
einzel  einzuschlagenden,  dem  Ausfallen  ausgesetzten  Zähne  erscheint 
eine  Metallplatte,  die  durch  ausgeschlagene  Löcher  die  zum  Entkörnen 
nötigen  Zähne  bekommt,  dadurch  wesentlich  solider  wird  und  außer- 
dem ausgewechselt  werden  kann,  wenn  sie  durch  angehäugte  Stroh- 
halme und  dergleichen  an  der  Funktion  gehindert  werden  sollte. 
Der  Name  fitfo  scheint  allerdings  darauf  hinzuweisen,  daß  eine  Verschmelzung  der  allen 
Ilolztafel  mit  einer  Form  vorliegt,  wie  sie  unter  den  Namen  (jrattiudsi'  (wörtlich  Käse- 
reibe) in  S.  Giovanni  Rotondo  (Kapitanata)  vorkommt  (Abbildung  G):  trapezio,  di  rame 
bucherellato,  incastrato  in  due  assi  di  legno  laterali,  pesante  un  venti  chili.  su  cui.  per 
rendcrlo  piü  pesante,  accavalcano  delle  pietre.  h  tirato  da  buoi,  cavalli  od  asini.  — 
Auffällig  ist  auch   der  rabas  in  Matti   tanavese  (Piemont),    den  G.  Terracini   folgender- 


AlilHlilun;.'  i;. 
üer  Urattiicnse  aus 
S.  Giovanni  Botondo. 


220 


W.  Meyer -Liibke. 


griTnirTirT>,.,.j.^,r>^,n 


xMiliililung  7.     Di-esclitafol  aus  Brapanza  uacli  Cnellio,  l'ortiiijalia,  (141. 


maßen  beschreibt:  coiista  semplicemenk'  di  alcuiii  assi  congiunti  insieiue,  su  cui  si  pon- 
gono  grosse  pietie  o  si  fanno  salire  i  bimbi  per  far  peso,  esso  vicne  trasciiiato  sul  grano 
(hl  un  paio  tli  biioi.  Also  eine  Tafel  ohne  Spitzen?  In  dem  triUio  von  Bragauza  aber 
treuen  wir  wieder  die  alte  Form.  Er  setzt  sicli  aus  drei  Hauptstücken  zusammen:  dem 
i'igentiichen  tr'dho,  dem  i)cote,  der  eine  mehr  oder  weniger  vertikal  eingesteckte  Stange 
ist,  und  dem  timöcscllo,  der  Deichsel,  an  der  die  Zugtiere  (Ochsen  oder  Esel)  angebunden 

wenlen.  Der  eigent- 
liche irillio  besteht 
aus  einer  fast  recht- 
eckigen Tafel,  die 
oben  (Uu'ch  Quer- 
stücke fester  ge- 
macht ist.  Die  un- 
lere Seite  ist  mit 
Kieselsteinen  und 
Nägeln  besetzt,  die 

in  das  Holz  eingelassen  sind.  Um  das  Gewicht  zu  verstärken,  stellt  sich  der  Treiber 
aufden/«7/;o  und  hält  sich  um  jieofc  (A.  C'oelho,  Portugalia  I,  641).  Vergl.  Abbildung  7. 
Fast  alle  (hese  Tafeln  sind  mit  Steinen  beschlagen,  die  Eisenstücke,  von  denen  Varro 
spricht,  hat  aber  z.  B.  der  //  illio  von  Granada.    Sonst  bestellt  eine  Verschiedenheit  haupt- 

sächhch  darin,  daß  neben 

den  üblichen  zweibrettigen 
auch  einbrettige  und  drei- 
brettige  vorkommen.  Ein- 
brettig  ist  z.  B.  außer  der 
eben  beschriebenen  nord- 
portugiesischen die  cypri- 
sehe,  wie  sie  Unger  dar- 
stellt (Abbildung  8),  wäh- 
rend Frauenberger  (Glo- 
bus XX,  192)  ebenfalls  in 
Gypern  zweiteilige  gesehen 
liat,  dann  die  poKÜvri  in 
Böotien  (Pauly-WissowaV, 
1001),  das  kh'äicri  bei  den 
Grusieren,  das  Ter  Mowses- 
jauz  a.  a.  O.  folgender- 
maßen beschreibt:  «Man  hat  ein  Brett  aus  einem  Stück  harten  Holzes,  sechs  Fuß  lang, 
an  einem  Ende  zweieinhalb  Fuß  breit,  am  andern  zugespitzt,  etwa  zwei  Zoll  dick  und 
mit  der  zugespitzten  Hälfte  aufwärtsgeljogen.  Die  ebene  Fläche  hat  von  der  Spitze 
an  eine  Rippe  über  das  ganze  Brett  und  diese  ist  mit  einer  Öffnung  zum  Durchziehen 
eines  starken  lederneu  Strickes  oder  einer  gedrehten  Weide  versehen,  woran  zwei  Ochsen 
oder  Büffel  gespannt  sind.»  Dagegen  wird  die  valenzianisch-katalanische  Drjschtafel 
ausdrücklich  als  dreiteilig  bezeichnet,  vergl.  z.  B.  Labernia,  Dicc.  de  la  lengua  catalana 
trill  'Instrument  compost  d'un   taulö   de   tres  trossos  uuits,   ple  de  forats,   en  los  quals 


Abbildung  8.     Dreschtafel  aus  Cypern  nach  F.  Unger  und  Th.  Kotschy, 
Die  Insel  Cypeni,  S.  441. 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte.  221 

s'encastan  comuncinent  pedras  fogueras'.'  Meist  steht,  wie  schon  hemerkt,  ein  Knahe 
auf  (leiu  Brett,  der  auch  die  Tiere  führt,  doch  hat  Levier  (A  travers  le  Caucase  156)  iui 
Kaukasus  geseheu,  wie  der  führende  Knabe  neben  dem  Tiere  geht  und  auf  dem  Brette 
zwei  Frauen  stehen,  die  sicli  an  den  Schuhern  halten.  In  Cypern  steht  ein  Mann  auf 
der  Tafel  oder  es  wird  ein  Stuld  auf  die  Tafel  gestellt,  auf  die  sicli  ein  Mann  oder  eine 
Frau  setzt,  wie  Frauenberger  auch  ausdrücklich  bemerkt.-     N'ergl.  Abbildung  8. 

Der  griechische  Name  der  Dreschtafel  ist  luKÖvri,  in  den  Glossen  auch  tpiKOvri, 
Tpufavri,  puKaviT  geschrieben,  letzteres,  durch  böot.  poKÜvr)  bestätigt,  eigentlich  ein  ganz 
anderes  Wort:  puKävi-|  'Hobel',  die  xp- Formen  eine  Verschmelzung  der  beiden  Wörter. 
Die  Belege  s.  Corp.  Gloss.  em.  s.  v.  Trihuhm.  Die  Etj-mologie  ist  hier  nicht  charak- 
teristisch. Eusthatius  erklärt  üttö  toü  tükou,  epTaXeiou  oiKobo|aiKoO  und  in  der  Tat  sind 
TÜKog  'das  Werkzeug,  mit  dem  der  Steinmetz  die  Steine  behaut",  tukiIuj  'Steine  Ijear- 
beiten',  TÜKiaiaa  steinerne  Mauer"  die  nächsten  Verwandten  innerhall)  des  Griechischen. 
Dazu  kommt  dann  iiTucTKoiaai  'herrichten',  also  ein  Verbum  allgemeiner  Bedeutung, 
daher  die  dazugehörigen  Nomina  je  nach  der  Umgebung,  in  der  sie  geschaffen  und 
gebraucht  werden,  ganz  verschiedenartige  Werkzeuge  oder  Geräte  bezeichnen  können. 
Zu  den  Glossen  kommen  die  heutigen  Formen.  Konstantinides  schreibt  xuKävri  r\  öp-favov 
iL  dXiücTiv,  äXiuviffTiKiT  oavii;,  KOivuüg  bouKÜvii  ii  pouKÜvr),  bei  den  Griechen  im  Kaukasus 
tuclian.  Aus  dem  Griechischen  stammt  bulg.  dthnntja.  Daneben  steht  TpißoXa  oder  -oq, 
doch  übersetzt  ßlachos  TpißoXoq,  rpißöXi  mit  'lierse\  also  'Egge".  Wenn,  wie  es  den  An- 
schein hat,  diese  Benennung  jünger  ist  und  der  späteren  und  heutigen  Sprache  fehlt, 
so  wird  man  mit  der  Annahme  kaum  fehlgehen,  daß  sie  dem  Lateinischen  entlehnt 
sei,  wobei  der  Anklang  an  ipißuj  und  xpißoXoq  'Fußangel"  die  Entlehnung  erleichtern 
konnte.  Freilich  der  Grund  dafür,  daß  die  Griechen  für  ein  ihnen  geläufiges  Acker- 
gerät einen  römischen  Namen  verwendeten,  bleibt  noch  zu  suchen. 

Auch  lat.  frlhnjunt  bietet  einige  sprachliche  Schwierigkeiten.  Das  /  ist  lang,  wie 
die  S.  217  angeführte  Stelle  ans  Vergil  beweist.  Dazu  pal.U  ital.  trihhh,  span.  triUo, 
portug.  trilho  und  damit  ist  der  Anschluß  an  trkl  tritum  gegeben.  Suffix  wäre  dsis 
Werkzeuge  bezeichnende  -liiihiin.  Aber  auffällig  ist  zunächst  die  Form  trirohini  bei 
Varro  de  lingua  latina  \',  71,  dann  noch  mehr  trcblae  bei  Cato,  das  in  Lucanieu  zu  Hause 
sein  soll  und  dem  nun  it.  trclihiare  entspricht,  eine  Form,  die  heute  nicht  nur  dem 
Süden,  sondern  auch  dem  größeren  Teil  der  Toskana  angehört.  Lassen  sich  lat.  i  und 
osk.  (■  leicht  unter  ri  vereinigen,  so  müßte  doch  ein  urital.  '^firihhloi»  im  Oskisdien  zu 
trrflom  werden,  vergl.  rrcfrat:  crihrat  C.  gl.  L.  V,  854,  1.  Setzt  mau  dagegen  ein  tresffohin 
an,  mit  demselben  Suffix,  das  z.  B.  in  agohim  von  mjirc  vorliegt,  so  hätte  man  damit 
ziemlich  genau  die  Entsprechung  von  germ.  "^prcskUs.  Das  i  im  Lateinischen  wäre  dann 
zu  erklären  wie  das  in  trio  (S.  216).-'  Einfacher  ist  vielleicht  aber  anzunehmen,  daß  dieses 
*tresgolom  oder  -a  (vergl.  auch  auf  germanischem  Gebiet  österr.  'die  Drischel")  an  tni-  an- 


'  Ein  aus  einer  irrdljen  Tafel  bestellendes  Gerät,  das  aus  drei  Stücken  zusammengeselzt  und  voller 
Li'ieher  ist,  in  die  Feuei-steine  eingelassen  sind. 

^  Diese  Bequemlichkeit,  die  sich  auch  in  Ägypten  findet,  s.  Ahbilduns:  10,  scheint  in  Kleinasien  un- 
bekannt zu  sein,  wenigstens  wird  sie  von  Naumann,  Vom  goldenen  Hörn  zu  den  Quellen  des  Kuphrat. 
S7  Anni.,  direkt  in  .\brede  gestellt. 

■'  Vergl.  auch  .\.  Ernoult,  Los  clcinenl.s  dialeclaux  du  vocabulairo  laiin  i;{!i,  dessen  Beurteilung  des 
Verhältnisses  von  <■  und  t  ich  nicht  folgen  kann. 


222  W.  Meyer-Lübke. 

geleimt  worden  ist,  so  daß  nun  aus  einer  Vermiscliung,  deren  Stadien  im  einzelnen 
festzustellen  wieder  nicht  möglich  ist,  irrhla  und  frivola  entstanden  sind.  Das  übliche 
trihxJa,  -um  zeigt  Anlehnung  des  Ausganges  an  das  Suffix  -hhun.  Während  nun  auf  der 
iberischen  Halliinsel  die  lateinische  Form  herrscht,  stehen  in  Italien  die  lateinische 
und  die  italisclie  nebeneinander.  Derartige  Fälle  kommen  auch  sonst  vor,  vergl.  sard. 
il/(/c  aus  lat.  ikx,  eli(/c,  ital.  clre  aus  *elrx  Grundr.  f.  rum.  Phil.  P,  445. 

Von  größter  Wichtigkeit  ist  nun  die  Frage,  ob  die  Dreschtafel  auf  das  Kultur- 
gebiet des  Mittelmeers  beschränkt  sei  oder  ob  sie  auch  die  Germanen  gekannt  haben. 
Im  ersteren  Falle  darf  man  wohl  annehmen,  daß  ein  in  seiner  Form  so  gleichmäßiges 
Feldgerät  nicht  an  verschiedenen  Punkten  konstruiert  worden,  sondern  daß  der  Kultur- 
gegensta'nd  von  Land  zu  Land  gewandert  sei.  Da  nun  Italien  den  Dreschstein  kannte, 
wird  die  Tafel  hier  importiert  sein.  Dann  bleibt,  da  eine  Wandei'ung  von  der  Iberischen 
Halbinsel  nach  dem  Osten  allem  zuwiderläuft,  was  wir  sonst  wissen,  nur  Griechenland 
oder  Kleinasien  übrig.  Für  letzteres  spricht  das  frühe  Vorkommen  und  der  Lfmstand,  daß 
Kulturelemente  gerade  in  der  ältesten  Zeit  von  Kleinasiaten  (Semiten)  zu  Griechen  ge- 
kommen sind,  nicht  umgekehrt.  Die  Römer  dürften  ihr  tribidum  übrigens  kaum  von 
den  Griechen  bekommen  haben,  da  in  diesem  Fall  wohl  der  griechische  Name  geblieben 
wäre.  Ganz  anders  verhält  es  sich,  wenn  die  Dreschtafel  auch  germanisch  war. 
Iv.  Meringer  wirft  die  Frage  auf,  Idg.  Forsch.  XIX,  420.  Anord.  prcsliuldr,  ahd.  driscuvili, 
ags.  picscwold  'Schwelle'  scheinen  deutlich  zu  'dreschen'  zu  gehören.  «Wenn  dreschen 
eigentlich  treten  bedeutete,  köimte  man  unser  Wort  als  Trittholz  oder  ähnlich  erklären. 
Aber  aucli  das  ist  mir  keineswegs  einleuchtend.  Die  Scliwelle  steht  meist  hervor,  sie 
ist  der  unterste  horizontale  Balken,  der  Erwachsene  tritt  durchaus  nicht  auf  sie  .  .  .  — 
So  bleibt  wohl  nur  übrig,  das  Wort  als  'Dreschholz'  zu  fassen  und  das  ergäbe  einen 
Sinn,  wenn  die  Schwelle  einstmals  schlittenkufig  gebogen  war;  denn  Schlitten  waren 
wirklich  Dreschhölzer.»  Ich  halte  das  nicht  für  richtig,  glaul)e  auch,  daß  hier  wie  an- 
derswo (vergl.  Wetzstein,  a.  a.  0.  272,  oben  S.  218)  der  Ausdruck  'Schlitten'  wie  'Schlitten- 
kufe' falsche  Vorstellungen  wachgerufen  hat.  Man  sehe  sich  Abbildung  4  an,  ver- 
gegenwärtige sich  die  Maße:  wie  soll  da  eine  Schwelle  aussehen,  damit  man  sie  Dresch- 
brett nennen  konnte?  In  dem  Lungauer  Hause,  dessen  Grundriß  v.  Rhamm,  Vorzeitliche 
Bauernhöfe  I,  134,  bringt,  ist  der  Dreschbel  ein  'eingelegter  Balken  von  etwa  -jr,  Fuß, 
gerade  um  den  Fuß  zu  heben'.  Nach  Rhamm,  S.  600  (dessen  sprachliche  Analyse  aller- 
dings nicht  geht;  annehmbar  ist,  was  v.  Grienberger,  Untersuchungen  zur  gotischen 
Wortkuude,  196,  vorschlägt),  kommt  die  Hochschwelle  auch  bei  der  alten  skandinavischen 
Dreschtenne  vor.  Ob  freilich  die  Annahme,  daß  sie  von  da  auf  das  Haus  übertragen 
und  nach  Süden  gewandert  sei,  sich  überzeugend  wahrscheinlich  machen  läßt  und  ob 
eine  Hochschwelle  vor  der  Dreschtenne  wirklich  'Dreschbalken'  genannt  worden  wäre? 
Eine  andere  Erklärung  wird  S.  298  vorgeschlagen  werden.  Das  aber  ist  wohl  sicher, 
daß  für  unsern  Zweck  das  Wort  nicht  verwendbar  ist. 

Danach  ist  die  Dreschtafel  eine  auf  den  Süden  beschränkte  Erfindung.  Ihre  Ver- 
wendung setzt  voraus,  daß  das  Getreide  im  Freien  liegen  bleiben  kann,  d.  h.  also,  sie 
ist  gebunden  an  ein  Klima,  das  auch  nach  dem  Schnitt  noch  genügend  trockene  Tage 
bringt.  Wo  die  Witterungsverhältnisse  das  nicht  erlauben,  wo  das  Getreide  n.öglichst 
rasch  in  die  geschlossene  Scheune  gebracht  und  dann  auf  mehr  oder  weniger  geschützter 
Tenne  entkörnt  wird,  fehlt  der  Raum,  der  für  die  Verwendung  einer  so  großen  Maschine 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräle. 


223 


nötig  ist.  KuUurentwicklung,  negative  und  positive,  steht  oft  genug  in  engster  Wechsel- 
wirkung mit  den  klimatischen  und,  wie  wir  noch  sehen  werden,  mit  den  Bodenver- 
hältnissen. 

Ich  schließe  hier  den  emilianischen  haüitoio   an  (Abbildung   9).     Außer    in   Imola 
kommt  er  auch  in  Bologna,  Ferrara  und  vermutlich  überhaupt  in  der  Emilia  vor.   Die 


Aljliikluii},'  '.(.     Der  hattituiu  aus  Imola. 


Platte  wird  mit  Steinen  beschwert.  Neben  hafdnr  soll  in  Ferrara  auch  der  Name  traim 
vorkommen,  was  zu  fraf/idu  (8.  217)  gehören  könnte.  Der  Name  paßt  nur  insofern  zur 
Sache,  als  hatten:  hier  der  allgemeine  Ausdruck  für  dreschen  ist,  ohne  Rücksicht  auf 
die  Art  und  Weise  des  Entkörnens.  Daraus  kötmte  man  schließen,  daß  es  sich  um 
eine  selbständige  i-elativ  junge 


Erliuduug  handle.  Eine  Ent- 
wicklung aus  der  Walze  scheint 
mir  ausgeschlossen ,  dagegen 
wäre  es  wohl  nicht  unmöglich, 
daß  die  Dreschtafel  in  der  \'er- 
bindung  mit  dem  PHug  diese 
Form  angenonimen  hätte.  Denn, 
wie  Berti  richat  331  lehrt,  ist 
es  die  Protze  des  Pfluges,  auf 
die  die  Deichsel  des  Inütitoio 
aufgelegt  wird. 

c)  Der  Dreschwagen. 
In  der  schon  angeführten  Stelle, 

an  der  Varro  von  den  Drescharten  sprach,  erwähnt  er  nach  dem  Brett  [trihiiluni  fit]  ex 
assihus  (Iciitatis  cum  orbiculi:^  nuod  vocaiif  plostcllum  jiiiiiiciim.  In  eis  qiiis  srdiat  rl  a;fHd 
quae  irahaiit,  ut  in  Hispania  citcriorc  et  aliis  loeis  faciitnt.  Ganz  riclitig  erklärt  das  Blümuer, 
Terminologie  und  Technologie  I,  6,  als  'aus  mehreren  mit  eisernen  Spitzen  versehenen  Hollen 
oder  Wal/.en  bestehend'.  Und  wiederum  trilVt  man  den  Dreschwagen  bei  Jesaia  'JS,-28 
erwähnt.  Was  sein  heuliges  Vorkouuncn  betritft,  so  bemerkt  Wetzstein,  a.  a.  O.  2S0,  daß 


.AliliiMuiij;  10.     Ätryptisdicr  Dreschwagen.    Nach  Wilkiiisoii, 
.Maimors  aiul  Customs  of  tlie  Ancienl  Ej.'ypliaiis.  II,  S.  l'.K). 


224 


W.  Meyer -Lübke. 


«derSchneideappanu  aus  neun  scheibenförmio-en  Sägeblättern  besteht,  die  a>if  bewegliebfii 
hölzernen  Walzen  (je  drei  Blätter  auf  einer  Walze)  befestigt  sind.  Der  Wagen,  in  Syrien 
selten,  hat  in  Ägypten  die  Tafel  so  verdrängt,  daß  ihr  früherer  Name  nomi  dort  auf 
denselben  übergegangen  ist»  (Abbildung  10).  Der  armenisehe  Ureschwagen  ist  in  Mitt.  d. 
Anthrop.  (iesellsch.,  XXII,  156,  beschrieben.  «Die  rarcar  genannte  Dreschmaschine  ist  ein 
zweiräderiger  AVagen,    dessen    Räder   aus  je   einem    ganzen   Stück    Brett  von    2^h    Zoll 


Ahliilcluiig   11.     Dreschwagen  aus  Onluiia  (Siulitalien), 

Durchmesser  bestehen;  auf  seinen  Achsen  sind  kleine,  schaufelartige,  scharfe  Eisen  an- 
gebracht, und  zwar  so,  daß  die  scharfen  Spitzen  nacli  imien  laufen.  Ein  Paar  Ochsen 
oder  Pferde  werden  an  diesem  Geräte  angespainit.  Beim  Drehen  der  Achsen  zerscluieiden 
die  scharfen  Spitzen   das  Stroh   in    kleine  Stücke.     Die  Aclisen    sind    selbstverstäiidlicli 


Abliilclung  \-l.     Piemontcsischer  Ureschwagen  nai;-]i  Rorti-Pichnf,  S.  329. 

an  den  Rädern  befestigt.»  In  Italien  ist  etwa  die  luuch'nia  aus  Ordona  (Kapitanata)  an- 
zuführen (Abbildung  11).  A  ist  die  Walze,  die  zur  leichteren  Beweglichkeit  und  wohl 
auch  zum  ersten  Zusannnendrücken  des  Getreides  dient,  die  Zahnräder  B  C  besorgen 
das  eigentliche  Entkörnen,  der  Lenker  der  Pferde  sitzt  auf  der  Bank  D,  an  den  Haken  E 
werden  die  Seile  befestigt,  an  die  die  Pferde  gespannt  werden.  —  Einen  ähnlichen 
Wagen  beschreibt  Berti-Pichat  329:  «Quattro  minori  rotoli  (über  den  rotolo  s.  u.)  uniti 
trascinali  da  due  cavalli  il  cui  conduttore  preme  col  suo  peso  suU'arnese  medesirno. 
Ogni  spigolo  di  tali  rotoli  esercita  un  colpo  seguito  da  conipressione  e  per  quanto  vidi 
io  nel  Piemonte,  quando  si  e  tribolato  ben  bene  cavalli  o  manzi  in  tale  penosissimo  lavoro, 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 


225 


conviene  poi  compicre  la  trobbietura  col  coraggiato.  Vergl.  Alibildnng  12.  (Zu  dieser 
Nacharbeit  vergl.  S.  214.)  Der  genetische  Zusammenhang  zwischen  den  verschiedenen 
Formen  ist  nicht  deutlich.  An  Varros  Angabe,  daß  ein  punisches  Werkzeug  vorliege, 
zu  zweifeln,  liegt  ein  Grund  nicht  vor  und  da  der  Wagen  in  Sj'rien  selten,  im  neueren 
Ägypten  gewöhnlich,  die  Dreschtafel  umgekehrt  hier  selten,  dort  gewöhnlich  ist,  so  liegt 
der  Gedanke  nahe,  daß  der  Wagen  in  Ägj'pteu  aus  dem  Westen  stamme  und  sein 
ägj'ptischer  Name  norcfi  panisch  sei.  Ob  aber  die  zwei  italienischen  Formen  alt  sind, 
ist  mehr  als  fraglich,  sie  köimten  ebensowohl  jüngere  Zusammensetzungen  von  Walzen 

-  sein.  Daß  der  Wagen  sich  aus 
der  Tafel  entwickelt  habe,  scheint 
mir  technisch  nicht  wohl  mög- 
lich, eher  könnten  auch  bei  den 


Alil)ilcluii„'   13.    Italienische  Dre.sch\valze  nach 
Berti-Pifhal. 


Alil)ililiuit;  lö.     l'rolil  iIcs  i)iciiionlesi.«chen  riibiit  nacli 
einer  Zoichnuiif  von  (i.  Teiiacini. 


Abbildung  14.     Dreschwalze  [rödsfl)  aus 

Resijrio-Emilia  nach  einer  ZeichnunjT  von 

Frau  Fillira  Piisqui  in  Ponlrenioli. 


runiorn  einlache  Walzen  vorangegangen  sein.  Bemerkenswert  ist  etwa  noch  in  Rouchi 
'ploutrc  cylindre,  (pii  sert  :\  ploutrer,  jtloiitrcr  passer  un  cylindre  sur  la  terre  pour  la 
rendre  unie.  Cette  Operation  sc  fait  egalement  sur  le  ble.  lorsqu'il  est  trop  fort  pour  en 
retarder  la  v<^getation'  (Hecart).  Also  eine  Walze.  Lautlich  paßt  als  Ftymon  plaiistnnii 
oder  genauer  phistniiii.  Die  Bedeutungsentwicklung  ließe  sich  allenfall.*  so  denken,  dalJ 
das  i'laiistrum  ein  Wagen  mit  Scheibenrädern,  nicht  mit  SpeichenrÄdern  gewesen  ist. 
Wahrscheinlicher  scheint  mir  ai>er,  daß  vom  Dresohwagen  auszugehen  ist.  dessen  Be- 
nennung auch  auf  die  Dreschwal/.e,  daiui  auf  andere  Walzen  übergegangen  ist.    riiK<tra 


Wörter  utid  Suchen.    I. 


t» 


226 


W.  Meyer-Lübke. 


Al)l)iklung  1(). 

I'nitil  der  alessiuidrinischen 

nibäld  nach  einer  Zeiclinuiig 

von  G.  'l'erraciiii. 


'Dresclnvagen'  liegt  lateinisch  an  der  schon  angeführten  Stelle  aus  C'ato  vor:  Sucssac  d 
in  Lucanis  pJostra:  trchlac  alhar} 

d)  Die  Dreschwalze  ist  ans  alter  Zeit  nicht  bezeugt,  findet  sich  aber  heute  in 
Italien,  Südtrankreich  und  Spanien.  Genau  beschreibt  sie  Jeraiua,  S.  175:  'i  ridli  sono 
cilindri  di  pietra  calcarea  a  superficie  uuita  della  lunghezza  di  un  metro  e  del  diametrn 
di  80  a  90  cm,  oppure  sono  di  legno  di  qucrcia  a  superficie  scanalata  e  cogli  spigoli 
armati  di  spranghe  di  ferro'.  Berti-Pichat  unterscheidet  den  roioJo  die  kannelierte  und 
den  näh  die  glatte  Walze,  vergl.  für  den  rotolo  Abbildung  13.  Das  Hauptgebiet  ist  ein- 
mal Piemont,  Mailand,  Keggio  in  Emilia  (Abbildung  14),  dann 
aber  auch  Foggia  und  Cerignola  (Kapitanata),  wo  die  beiden 
von  Jemina  genannten  Formen  üblich  sind.  Der  Name  rullo, 
im  Mailändischen  cilindro,  könnte  gegen  hohes  Alter  sprechen, 
aber  daß  der  Name  jünger  ist  als  das  Werkzeug  und  vielleicht 
einen  anderen  verdrängt  hat,  beweist  wohl  die  Übereinstim- 
mung zwischen  regg.  röchrl  und  cerign.  r/iovolo.  Im  Piemuut 
heißt  die  Walze  riibaf,  monf.  rahdta,  Ableitungen  von  riihatr, 
rahatr  'rollen',  nach  Nigra  (Rom.  XXVI,  5.Ö9)  zu  orUs,  was 
nicht  recht  überzeugt.  Auf  die  einstige  Verwendung  einer 
Walze  im  Süden  weist  vielleicht  auch  maixjano  'Dreschtafel' 
(S.  219)  und  manganidlo  'Dreschflegel"  (S.  238). 

In  Südfrankreich  ist  die  Walze  dem  unteren  Rhonegebiete 
eigen  (vergl.  die  Karte  S.  243),  und  zwar  steht  sie  hier  ganz  an 
Stelle  des  Flegels  (Abbildung  17).  Der  Name  ist  hariUairc,  eine  korrekte  Ableitung  von 
bariild  'rollen'  oder  roidcn,  das  dem  franz.  roidcau  entspricht,  daneben  mala  im  Dep. 
Boiiches-du-Rhone,  das  wie  eine  Entlehnung  aus  franz.  7)ic>de  'Mühlstein'  aussieht.  Üb 
ein  Zusammenhang  mit  dem  piem.  riiliat  besteht,  vermag  ich  nicht  zu  sagen,  da  die 
Kulturbeziehungen  zwischen  Piemont  und  dem  untern  Rhonetal  entweder  durch  den 
Delphinat  oder  über  Genua,  Nizza  gehen 
müßten,  auf  diesen  weiten  Strecken  mir 
aber  vorläufig  nur  der  Flegel  bekannt  ist, 
doch  fehlen  vor  allen  Dingen  genauere 
Mitteilungen. 

Die  im  Dicc.  enciclopedico  hispano- 
americ.  XXI,  544  abgebildete  Dreschwalze 
{niJo  oder  roddia)  entspricht  vollkommen 
Abbildung  13.     Auch  hier  ist  sowohl  die  glatte  als  die  kannelierte  üblich. 

Endlich  mag  der  Vollständigkeit  wegen  noch  erwähnt  werden,  daß  man  im  nörd- 
lichen Schweden  eine  Dreschwalze  verwendet,  die  mit  Holzzwecken  beschlagen  ist.  Sie 
soll  von  Schweden,  die  mit  Karl  XII.  von  den  Türken  gefangen  genommen  wurden, 
aus  Bulgarien  gekommen  sein  (Krünitz,  Okon.  Enzyklopädie,  IX,  öKi;  Riiamm,  a.  a.  O., 
994).  Wir  haben  keinen  triftigen  Grund,  an  der  Richtigkeit  dieser  Überlieferung,  wo- 
nach also  die  Walze  aus  dem  Süden  importiert  ist,  zu  zweifeln. 

3.    Das  Schlagen.     Auch   hier  sind  sehr  verschiedene  Arten    und  entsprechend 
verschiedene  Werkzeuge  anzuführen. 
'  Beiläufitt :  was  heißt  hier  albae? 


Ahbildung  17.     Provenzalische  Dreschwalze  nach  dem 
Nouveau  Larousse  illustre  s.  v.  rouleur. 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 


yo 


■It 


a)  Das  Dreschbrett.  W.  S.  Hamilton,  Rei.se  durch  Kleiiia.sien,  Pontus  uiifl 
Armenien,  II,  213,  dtr  deutschen  Übersetzung,  erzählt:  «Auf  dem  Rückweg  nach  Ak 
Serais  fand  ich  eine  eigentümliche  Art,  das  Korn  auszudreschen,  durch  welche  man 
zugleich  das  Stroh  unversehrt  behält.  Eine  Fi-au  hielt  nämlich  eine  kleine  Garbe  oder 
eine  Handvoll  Korn  über  eine  Art  von  Ambos,  während  zwei  Männer  (he  Ähren  mit 
flachen  Keulen,  ähnlich  unseren  Waschschlägeln,  ausschlugen.»  Dazu  vergl.  man  Ratzel, 
Völkerkunde  IP,  442:  «In  Abessinien  ist  das  Pflügen  die  Sache  der  Männer,  die  Mädchen 
und  Weiber  aber  ernten  und  dreschen,  mühsam  pflücken  sie  das  reife  Getreide  und 
klopfen  CS  dann  mit  kleinen  Stöcken  auf  der  Tenne- aus >..  Man  kann  darhi  wohl  die 
allerprimitivste  Art  sehen,  die  kleine  Betriebe  und  denkbar  geringe  Wertung  der 
Arbeitskräfte  voraussetzt.  Sie  mag  auch  z.  B.  in 
Ägypten  dem  Austreten  (S.  212)  vorausgegangen 
sein,  denn  das  Verbum  hi  'dreschen'  bedeutet 
eigentlich  'schlagen'.  Bemerkenswerterweise  be- 
gegnet man  auch  dieser  Form  in  Italien  und 
weiterhin  noch  lieute.  P.  Canevazzi  Vocabolario 
di  agricultura  142  s.  v.  hanca  gibt  die  folgende 
Beschreibung:  «Batitre  a  hanco  ä  un  modo  penoso 
e  lungo,  usato  specialmente  nel  Fiorentino.  I  grani 
dcbbano  essere  stati  tagliati  a  terra,  cioe  con 
paglia  lunga.  In  mezzo  all'  aia  portasi  un  largo 
tavolo,  un  uscio  levato  dai  suoi  arjiioni  e  si  colloca 
a  piano  inclinato  sopra  due  panche.  Uno  o  piü 
uomini  stanno  davanti  a  questo  apparecchio,  su 
cui  battono  a  varie  riprese  i  covoni  del  grano 
tagliato  a  terra.  Alcuni  ragazzi  o  donne  riprendono 
i  covoni  via  via  che  gli  uomini  li  gettano  da  parte  e 
con  ]>icco]i  bastoncelli  o  colJe  mani  finiscono  di 
sgranare  le  spighe  rimaste. »  Auch  außerhalb  des 
florentinischen  Gebietes  kommt  das  vor.  Pirona 
gibt  für  das  Friaulische  an  scomd  'battere  a  banco, 

batterc  le  spiche  del  frumento  o  della  segola  sopra  una  tavola  o  sopra  una  pertica, 
per  consorvarc  piü  che  possibile  la  paglia".  .ähnliches  war  oder  ist  bei  kleinem  Betriebe 
im  Nonstal  üblich,  dami  weiter  wei^tlicli  im  Wallis  nach  .leanjaquet  (Bull,  du  gIos.<aire 
des  patoisde  la  Suisse  romande,  IV,  34):  «on  usc  aussi  dun  procedt?  qui  eonsiste  ü  frapper 
les  gerbes  contre  les  parois  de  la  grange  ou  sur  un  billot,  et  ä  achevcr  ensuite  l'egre- 
nage  en  battant  d'une  inain,  ä  l'aide  dun  bäton  courbe,  le  ble  pris  successivement  par 
poignees».  An  Friaul  schließt  sich  Steiermark  an,  wo  M.  Murko  mitteilt,  daß  iu  seiner 
Heimat  Pettau  das  Getreide  auf  einem  Brett  oder  Faß  geschlagen  und  erst  danacli  aus- 
gedropchen  werde.  Murko  verweist  noch  auf  Bartos,  Dialeklologia  Moravaskä,  II,  43S, 
wo  fiu'  Mähren  ein  ähnlicher  Vorgang  beschrieben  wird.  —  Handelt  es  sich  hier  um 
das  Entkörnen  zum  Mahlen,  so  wird  dagegen  in  Graubünden  der  Roggen  gegen  die 
Tennenwand  geschlagen,  wobei  nur  die  obersten  Kiirner  herausfallen,  die  man  als 
Samen  verwendet,  dann  werden  die  übrigen  zum  Mahlen  bestimmten  ausgedrosehen. 
(R.  V.  Planta.) 

2S» 


AbliilJuni,'  IS.   Die  trihliietta  in  Luco  nei  Mars! 
iiacli  cinor  Zeichnunjr  von  M.  Palma. 


228  W.  Meyer-Lübke. 

Eine  Vei'besseruug  dieses  Dresehbrettcs  scheint  die  trihbidta  in  Lueo  nei  Marsi 
(Abbildung  18)  zu  sein.  Sie  ist  80  cm  lang,  40  cm  breit  und  mit  gekrümmten  Eisen- 
zacken ausgeschlagen,  auf  welchen  das  Getreide  ausgedrosehen  wird.  Man  könnte  auch 
annehmen,  daß  es  sich  um  ein  'Handexemplar'  der  S.  219  beschriebenen  Tafel  handle 
oder  daß  die  Tafel  aus  diesem  Brette  entstanden  sei. 

Wie  in  Steiermark,  so  M'ird  auch  in  ItaHen  neben  dem  Brette  ein  Faß  verwendet. 
Canevazzi,  a.  a.  0.,  und  Berti-Pichat,  S.  322,  beschreiben  das  «hattcrc  a  hotte  sul  canlone  di 
una  botte  stesa  per  terra.  II  lavoratore  dinanzi  ad  essa  ne  hatte  l'orlo  con  grosso  ma- 
nipolo  siuo  a  che  ne  sia  sgranellata  la  maggior  parte  delle  spichc.  Toscia  bisogna  che 
le  faccia  passare  per  un  pettiue  ossia  rastrello  con  denti  di  ferro  o  di  legno  per  estrarne 
tutti  i  g'rani  residui». 

Sollte  sich  vielleicht  das  germ.  *J/res]iwalpH.:  Schwelle  (S.  222)  aus  einem  ähnliclien 
Brauche  erklären,  d.  h.  sollte  man  die  Ähren  auf  der  Schwelle  der  Tenne  in  ähnlicher 
Weise  ausgeklopft  haben,  wie  man  es  hier  auf  einem  großen  Brette  tut?  Noch  ver- 
ständlicher wäre  das,  wenn  man  die  graubündnerische  Zweiteilung  des  Dreschens  je 
nach  der  Verwendung  der  Körner  in  die  germanische  Urzeit  projizieren  könnte.^  Viel- 
leicht führen  weitere  Nachforschungen  auf  germanischem  Gebiete,  die  vorzunehmen  icli 
nicht  in  der  Lage  bin,  zu  einer  Klärung.  Was  Strabo  IV,  21  nach  Pytheas  aus  Bri- 
tannien berichtet,  ist  leider  nicht  deutlich  genug:  töv  be  öItov  ev  oikoi^  ^e-f«\oi5  kött- 
Touffiv,  ffuYKO|aicröevTUJv  beöpov  tojv  OTaxütwv.  Man  entnimmt  daraus  nur  das  eine,  daß 
Getreideschevnien,  vielleicht  mit  gedeckten  Tennen,  bestanden  und  daß  das  (ietreide 
'geschlagen'  wurde.  Aus  Diodor  V,  2,  erfahren  wir  außerdem,  daß  die  Ähren  erst  ab- 
geschnitten wurden,  was  nicht  zu  der  italienischen  Art  paßt,  wo  ausdrücklich  gesagt 
wird,  daß  die  ganzen  Halme  genommen  werden. 

b)  Der  Dreschstock.  Plinius  XVIII,  .30,  schreibt:  «messis  ipsaahbi  tribulis  in  area, 
alibi  ecjuarum  gressibus  exteritur,  alibi  perticis  tiagellatur».  Für  das  letztere  sagt  Co- 
lumella  haculis  excuti.  Weder  über  die  pertica  noch  ül:)er  das  haculum  erfahren  wir 
etwas  Näheres  und  auch  die  verwendeten  Verba  besagen  nichts.  Die  verschiedenen 
Arten  des  Dreschens  scheinen  regional  (alihi)  verschieden  gewesen  zu  sein,  wogegen 
bei  den  alten  Israeliten  Stöcke  und  Ruten  speziell  für  das  Entkörnen  von  Dill  und 
Kümmel  üblich  waren,  Jesaias  28,  27.  Nicht  ganz  klai-  ist,  was  Ruth  2,  17  gemeint 
ist:  «und  sie  klopfte  aus,  was  sie  aufgeklaubt  hatte»,  und  Richter  4,  11:  «und  sein 
Sohn  Gideon  drosch  Weizen  in  der  Kelter».  Man  möchte  fast  meinen,  es  handle  sich 
liier  um  ein  Verfahren,  das  dem  unter  a)  aus  Abessinien  mitgeteilten  entspräche.  Auch 
aus  Griechenland  haben  wir  keine  sicheren  Nachrichten.  Da  äXuudv  auch  TÜTTieiv  be- 
deutet ÜTTÖ  Ttüv  KOTTTÖVTUJV  Toüi;  oiaxpac,,  schließt  Blümner,  a.  a.  0.,  7,  Anm.  5,  wohl  mit 
Recht  auf  ein  Ausschlagen.  Aber  auch  hier  dürfte  es  sich  um  etwas  Selteneres, 
nicht  um  das  Gewohnheitsmäßige  handeln,  namentlich  müßte  man  erst  wissen,  in 
welchen  Gegenden  äXujuv  die  Doppelliedeutung  liekommen  hat,  die  ja  auch  deutschem 
'dreschen"  eignet.  Sonst  fehlen  bisher  Anhaltspunkte  für  die  Verbreitung  des  Dresch- 
stocks in  Griechenland. 


'  H.  Petersson  stellt  jetzt  (Ir!^'.  Fnrsch.  XXIV,  'iftV)  das  germanische  Wort  zu  russ.  tresho  'Stange, 
Stock',  trennt  es  also  vfillig  von  frishtni.  Dagegen  wäre  nichts  einzuwenden,  wenn  nicht  gleichzeitig  da- 
mit die  Verzichtleistung  auf  eine  Erklärung  des  zweiten  Teils  ausgesprochen  würde.  Eine  Deutung,  die 
Anspruch  auf  Anerkennung  machen  will,  muß  das  Wort  als  ganzes  erklären. 


Zur  Geschichlft  der  Dreschgeräte. 


229 


docl 


Sinti  wir   über  die  Form   der  röiuiselien   pertim   nicht  unterrichtet,    so    darf  man 
mit  ziciiiliciier  Sicherheit  amu-hiiien,  daß  sie  dein  Drcsciistock   entspricht,    wie   er 


heute  uocii  in  Uom,  in  den  Abruzx.en, 
der  französischen  Schweiz  voricommt. 
Für  Sant'Angelo  (Avelüno,  Kampanien) 
sclu'eibt  Bartoh :  'il  m<iz.:(üitro  e  dun 
pezzo  solo  piegato  in  due  cioe  ritorto  a 
fuoco',  die  mazzd  in  Piazza  Arinerina 
(Sizilien)  ist  ein  gekrünnnter,  an  dem 
Ende,  au  dem  er  gehalten  wird,  dünner 
Stock;  ebenso  ist  <i.\e pertica  in  Trapani 
gekrümmt.  A.  Lindström  erklärt  den 
tnrrivi'lu  von  Subiaco  als  'bastone  torto 
che  si  adopera  per  battere  il  grauo' 
(Studi  romanzi  V,  297),  wie  ja  auch 
der  Name  auf  einen  gebogeneu  Stock 
weist;  der  Abbildung  l'J  soll  der  dal- 
matinische Dreschstock  genau  ent- 
sprechen. Für  Norditalieu  habe  ich 
nur  aus  Morazzone  (Lombardei)  die 
Notiz:  'qualche  volta  e  un  bastone  solo 
che  si  va  allargando  e  faccendo  piatto 
all'estremitif.  Wir  haben  also  nament- 
lich im  Süden  neben  dem  Dreschstein 
ein  weitverbreitetes  Werkzeug,  das  sich 
in   der  Verwendung 


in  ganz  Süditalien   und  Sizilien,   dann  auch  in 


Abbildung    r,l.     Cbuaton  a 
liaftic  (Iresse  la  [Jüigiiee  eil 

baut  Longueur   environ 

1  111  ilü.  MontmoUin  (Val-de- 

Ruzl,  Canton  de  Neuchälel. 

,Iuiii   niO'.l.     l'botogr.  von 

■1.  Joanjaciuel. 


Abbildung  ilu. 

Maniemenl  du  chuaton. 

Montinullin    (Val-de-Ruzl, 

Canton  de  Neucliätel. 

•Juin  \\W.\. 

I'hotogr.  von  .J.  .Icanjaijucl. 


von  diesem   z.  T. 

unterscheidet,  so  dient  die  ma.:,ia  in 
den  Abruzzen  speziell  ftu'  das  Entkör- 
nen von  Mais.  Ein  anderer  Name  ist 
noch  mafigyoldd  in  Altamura  (Bari)  zu 

mnJleus.  —  Soihuui  auf  ganz  anderem  Gebiete  im  liernt'r  und  Neuenburger  Jura  (s.  Jean- 
jaquet,  a.  a.  ().,  ö4),   in  der  anstoßenden  Freigrafschaft,  vergl.  Grauimont,  Le  patois  de  la 

Franche-Montagne  s. 
^^^^;5j^  ^  V.  picui    rieau   d'uue 

seulepi^ce".  DieForm 
geben  Abbild.  V^  u.  20. 
Das  eben  genannte 
pliln  ist  identisch  mit 
ployoti,  plioti,  das  in 
der  Mundart  der  for«>t 

Abbililuiii;  ■2\.     t;bualun  aus  Loysin.     Nai b  einer  Zeicbnung  von  Fil.  tiaucbal.    de    C'lairvnux    erklärt 

wird  als  'perche  qui 
sert  comme  de  levier  pour  temhe  une  corde  ou  uue  chaine  de  voitiu-e  de  nianiere  i\ 
serrer  et  ii  maintenir  la  charge\  also  'Packstock'.  Im  Jura  heißt  der  Dreschstcnk 
cliiiutoii,    das   von   dem   liier  z.  T.    noch   lebenden    Wrtreter  von    ital.   sono   'Strick"  ab- 


230 


W.  Meyer-Lübke. 


~3SS3j  "t-sci" 


geleitet  ist  und  in  den  ül)rigen  Teilen  der  rranzüsisclien  Schweiz  auch  in  der  Tat 
'Packstock'  heißt.  Vergl.  Abbildung  21,  wozu  L.  CJauchat  schreibt:  «la  partie  platte  ä  droite 
(oü  se  trouve  la  cliaine)  servait  autrefois  ti  battre  le  ble,  non  pas  dans  cet  cxemplaire, 
niais  dans  d'autres  analogues».  Eine  dritte,  in  Neuenburg  und  in  der  Freigrafscbaft 
vorkommende  Bezeichnung:  varacö,  ist  mir  etymologisch  unklar.  Noch  mag  bemerkt 
werden,  daß  der  in  Abbildung  20  verewigte  Besitzer  des  chuaton  sich  dahin  äußerte, 
daß  das  Stroh  damit  mehr  geschont  werde  als  mit  dem  Flegel,  daß  man  ihn  namentlich 
beim  Dreschen  von  Roggen  verwende,  da  sicli  das  Roggenstroh  zum  Anbinden  der 
Weinstöcke  vorzüglich  eigne. 

Auf  deutschem  Gebiete  kommt  namentlich  Tirol  in  Betracht,  doch  sind  meine 
Informationen  weder  vollständig  noch  durchweg  genau.  Auf  dem  rechten  Ufer  des 
Stubaibachs  kennt  man  die  l'ritschcn,  d.  h.  Wurzelstauden  der  Äste,  mit  denen  man 
Roggen  und  (Jerste  ausschlägt,  wogegen  auf  dem  linken  der  Flegel  üblich  ist.  Der 
Pritschen  entspricht  im  Zillcrtal  der  Schmirrcr  oder  die  lirütschcn,  d.  h.  ein  langer  Stecken, 

mit  dem  man  kniend  die  bereits 
ausgedroschenen  Garben  noch- 
mals ausschlägt.  Früher  war  auch 
ein  ßengel  üblich,  der  vorn  vor- 
dickt war  und  im  ganzen  die 
Gestalt  des  romanischen  Stockes 
zeigt.  Häufig  dient  ein  passend 
gewachsener  Ast  einer  Buche. 
Ihm  entspricht  die  Zocken  im 
Pitztal,  der  Knlttl  im  Pustertal. 
(Nach  Mitteilungen  von  L.  v.  Hör- 
mann,  vergl.  auch  dessen  Tiroler 
Bauernjahr,  66  ff.) 

Für  Spanien  ist  hier  aus  dem 
Dicc.  enciclop.  hispano-americano, 
XXI,  544,  die  Notiz  anzuführen, 
daß  man  statt  der  Flegel  einfache  Eschenruten  verwende,  ähnUch  denen,  mit  welchen 
die  Tapezierer  die  Wolle  ausklopfen. 

Eine  Vervollkommnung  war  im  oberösterreichischen  Innviertel  im  Gebrauch.  «In 
früheren  Zeiten  zogen  Gesellschaften  von  Dreschern,  Wied-  oder  Steckadresclicr  genannt, 
von  Haus  zu  Haus,  um  gegen  entsprechende  Belohnung  den  Bauern  das  Getreide  zu 
dreschen.  Sie  bedienten  sich  eines  einteiligen  Dreschflegels,  der  aus  einem  Krummholz 
bestand,  dessen  oberer  Teil,  die  Handhabe,  rund  geschnitten  und  am  Ende  mit  einem 
Knopfe  versehen  war,  während  der  untere  Teil,  der  auf  das  Getreide  aufschlug,  breit 
und  wuchtig,  mit  einer  Eisenschiene  und  eisernen  Ringen  beschlagen  war.»  (J.  Parzer 
in  Siegharting  O.-Ö.  nach  Mitteilungen  eines  alten  Mannes ) 

Hier  sei  noch  zweierlei  erwähnt.  Prov.  lato  'Latte'  erklärt  Mistral  ohne  nähere 
Ortsangabe  als  'longue  perche,  gaule  pour  battre  le  ble',  sie  ist  wohl  identisch  mit  den 
Ixisproeheuen  Formen.  Dazu  vergl.  in  Aveyron  (Atlas  ling.  Punkt  TSf))  lato  'sorte  Je  fleau 
forme  de  quatre  ou  cinq  longs  bätons  lies  ensemble  et  un  peu  tordus'.  Ich  weiß  nicht 
genau,  wie  das  zu  denken  ist,  will  aber  noch  darauf  hinweisen,  daß  man  früher  in  Jesi 


■25-30  cm. y 


AlihiUluii-  ±1. 


Die  Mazzd  aus  Trnpani.     Naih  einer  /.eii  limine: 
von  Herrn  Prof.  N.  Passal;iciiua. 


Zur  Geschichte  der  Dieschgeräte.  231 

(Ancona)  niitRutcnl)ünde]ii  droscli  (rhtnni  infn-ccMi),  vcrgl.  dazu,  daß  man  in  Montenegro, 
wenn  das  Roggenstioli  benutzt  werden  soll,  die  Körner  mit  verzweigtem  Reisig  oder 
langen  Ruten  ausschlägt  (P.  A.  Rovinskij  Cernogorija,  II,  1,  596).    S.  noch  S.  241. 

Neben  dem  Stock  kommt  auch  eine  Art  Walze  zum  Schlagen  vor.     Prof.  N.  Pas- 
salacqua  in  Trapani  schreibt,  daß  neben  der  schon  genannten  pcrtica  auch  namentlich 


Al)l)iiaung  53.     Zillerlalcr  Bengcl.     Nach  einer       Abbildung  24.    Der  eiigadiin.^.l.c  prl.    Nach  einer 
Zeichnung  von  Frau  Primarius  M.  Büdinger.  Zeichnung  von  Herrn  IMarrer  rallioppi. 

von  den  Ährenleserinnen  die  iiiaz^a  verwendet  werde,  ein  hölzerner  Zylinder  oder  Halb- 
zylinder mit  Stiel,  der  übrigens  auch  zum  Schlagen  des  Hanfes   dient  (s.  Abbildung  22). 

Ähnlich  ist  der  Zillertaler  ßengel.     «Das  ist  eine  etwa  einen  Meter   lange  Walze, 
Bengel  oder  Tremel  genannt,  mit  einem  Loch  am  hinteren  Ende,  in  dem  ein  andert- 
halb Meter  langer  Stiel  steckt,  und  zwar  entweder  ein  starrer  senkrecht  eingefügter  und 
nur  am  obersten  Ende  etwas  umgebogener  oder  ein  biegsamer  schief  eingesetzter. 
Erstere  Art  kenne  ich  nur  aus  dem  vorderen  Zillertal,   letztere  kommt  auch  in 
der  Gerlds,  Krimml,  Obcr-Pinzgau,    ebenso  im  Brixental  und  Mitschönau  vor.> 
(Ij.  V.  Hürmann;  vergl.  Abbildung  23.)     Dieser  letzteren  entspricht  ganz  genau 
der  engadinische  ^JrZ   (pcdns),  s.  Abbildung  24,   obw.  pal  oder   hrcgal  (Prügel).  l' 

Während  hier  der  alte  einteilige  Flegel  ganz   unbekannt  ist,  kommt  neuerdings      ^ 
der  pel  sehr  iu  Aufnahme  (R.  v.  Planta).     Nimmt  man   dazu   die  Bezeichnung        ^,^ 
hrcfial,   so  wird   man  mit  der  Annahme  nicht  fehlgehen,  daß  es  sich  hier  um     i.ii.iuug 
einen  jungen  Import  aus  Österreich  handelt.  -i"'- 

Kcnmte  man  schon  in  einzelnen  dieser  Formen  den  Ül:»ergang  zum  Flegel       ^'•''•-•*- 

linden,    so    scheint   er   noch   deutlicher   vorzuliegen   in    dem    //•«.</,•  (/.um  \\  orte       /'"* 

?^lrona 
s.  S.  238)  aus  Strona  (Novara),  einem  laugen,  etwas  über  der  Mitte  umgebogenen       ^^.^^ 

Stock,  wie  ihn  Abbildung  25  zeigt.  van). 

c)  Endlich  der  zweiteilige  Flegel,  der  im  Gegensatz  zum  Dreschstock 
im  folgenden  kurzweg  'Fleger  gi'uannt  werden  soll,  ist  ganz  eigentlich  das  Dreschwerk- 
zeug Mitteleuropas.  Uonianen,  Germanen,  Slaveu  kennen  ihn;  ob  auch  die  Griechen, 
bleibt  noch  zu  untersuchen,  .lannaraki»  gibt  cppaTTtXiov  und  Komtvoi;  für  Flegel;  Blachos 
übersetzt  Komtvo^,  das  zunächst  Keule'  bedeutet,  ganz  allgemein  mit  batte,  battoir'. 
(ppcxTTt^iov  ist  ein  altes  Ijchnwort  aus  flagclhtm  in  der  Bedeutung  Peitsche,  Geißel 
(G.  Meyer,  Neugr.  Stud.  III.  72),  so  daß,  wenn  es  wirklieh  den  Flegel  bezeichnet,  wohl 
.\nlehnung  an  Ih'an  vorliegt  zur  Bezeichnung  eines  ganz  jungen  Werkzeuges.  Ich  gebe 
zunächst  die  mir  bekannten  Formen,     (.\bbildungen  26—38.) 


232  W.  Meyer -Lübke. 

Ich  lial)e  vt-rsuclit,  diu  Fornieu  so  anzuordnen,  wie  sie  sicli  auseinander  entwickelt 
haben  können.  Dabei  möchte  ich  glauben,  daß  die  russische,  auch  in  Galizien  übliche, 
von  den  andern  ganz  unabhängig  ist.  Der  Lederstreifen  wird  liier  in  den  Stiel  hinein- 
gezogen, und  der  Schwengel  durch  den  Stift  an  das  heraushängende  Stück  des  Leder- 
streifens befestigt.  Natürlich  bedarf  es  aber  noch  weiterer  genauerer  Mitteilungen  über 
die  verschiedenen    slavischen  Flegel,   bevor  man   darüber   entscheidend    urteilen    kann. 

Die  einfachste  Verknüpfung  ist.  offenbar  die  engadinische  (26),  an  die  sich  die 
wallisische  und  die  piemontesische  ohne  weiteres  anschließen.  Dann  scheint  eine 
festere  Verknüpfung  in  der  Art  eingetreten  zu  sein,  daß  die  Verbindung  durch 
zwei  ineinander  verschlungene  Hinge  hergestellt  wurde,  die  ihrerseits  am  Stiel  und  am 
Schwengel  in  verschiedener  Weise,  aber  stets  durch  Anbinden  und  Umwinden,  nicht 
durch  Einlassen  verfestigt  war.  Diese  Ringe  sind  aus  Leder,  Riemen  oder  auch  aus  Eisen 
hergestellt.  Alle  drei  Arten  werden  mir  z.  B.  aus  Porto  Recanati  (Macerata)  angegeben. 
Dieser  Typus  ist  der  in  Deutschland  und  Frankreich  am  allgemeinsten  verbreitete  und 
auch  in  Italien  vielfach  verwendete,  sogar  im  Süden  in  Ordona.  Ein  gewisser  Fort- 
schritt, d.  h.  eine  leichtere  Beweglichkeit  des  Schwengels  wird  erzielt,  wenn  die  zwei 
an  den  beiden  Bestandteilen  angebrachten,  festen  Ringe  ihrerseits  durch  einen  dritten 
verbunden  werden,  wie  in  S.  Pol  oder  in  Mecklenburg  (Abbildungen  32,  33).  Auch  aus 
Isera  (Trentino)  liegt  mir  eine  Zeichnung  mit  drei  Ringen  vor,  aus  Varese  die  Be- 
schreibung: un  anello  di  ferro  che  attraversa  i  due  rispettivi  anelli  fissi  all'  estremitä 
dei  bastoni. 

Nach  einer  anderen  Richtung  bewegt  sich  die  Entwicklung  in  den  in  Abbil- 
dungen 34  —  36  dargestellten  Typen.  In  den  Stiel  ist  ein  Nagel  mit  großem  Kopfe  ein- 
gelassen, der  Stielring  abgeplattet,  so  zwar,  daß  der  Nagel  durch  den  platten  Teil  hin- 
durchgeht und  nun  der  Ring  und  infolgedessen  der  Schwengel  sich  rund  herumdrehen 
kann.  Im  einzelnen  sind  auch  hier  Verschiedenheiten  teils  des  iMaterials,  teils  der 
einzelnen  Teile  zu  beobachten,  wie  man  schon  aus  den  Bildern  sieht.  So  ist  in  34 
A.  ein  Eisenring,  B.  ein  Lederriemen ;  in  36  ist  der  Nagel  aus  Holz,  die  sich  um  ihn 
drehende  Kappe  aus  Leder.  Als  Verbreitungsgebiet  kann  ich  vorderhand  Genf, 
Piemont,  Engadin  (nach  einer  Photographie  R.  von  Plantas,  der  die  in  Abbildung  26 
wiedei'gegebene  Form  nicht  kennt),  Nonstal,  Bozen,  Gröden,  Suganatal  angeben. 

Eine  dritte  Entwicklung  ist  der  langriemige.  Außer  dem  abgebildeten  Exemplar 
(Abbildung  37)  ist  er  mit  Sicherheit  bezeugt  für  Toskana,  Avezzano  (Aquila),  Chicti, 
wo  der  Strick  funicel  einem  Drittel  der  Länge  des  Stiels  entspricht,  und  Gaeta.  Es  scheint 
also  hauptsächlich  die  Form  des  Südens  zu  sein.  Leider  sind  in  sehr  vielen  Fällen 
die  Angaben  und  die  Zeichnungen  so  ungenau,  daß  eine  Verteilung  und,  was  wichtiger 
wäre,  eine  Abgrenzung  der  verschiedenen  Typen  nicht  möglich  ist. 

Über  die  Form  des  Schwengels,  über  die  Längeverhältnisse  der  beiden  Teile  wäre 
auch  mancherlei  zu  sagen,  floch  hisse  ich  das  jetzt  beiseite.  Nur  eines  will  ich  er- 
wähnen. Die  spcuxa  in  Finale  Emilia  ist,  wie  auch  der  Name  spacca  zu  spaccare  'spalten" 
zeigt,  ein  Flegel  mit  einem  in  der  Längsrichtung  gespaltenen,  also  einem  zweiteiligen 
Schwengel;  ein  Doppelschwengel  an  einem  Stiel  wird  mir  aus  Monsampetrangeli  (Fermo) 
mitgeteilt. 

Zu  den  beiden  Mosaiken  ist  nur  zu  bemerken,  daß  das  aus  Aosta  dem  XII.,  das  aus 
Pritz   dem  XIII.  .lahrhundert  angehört.    So  undeutlich  die  Zeichnung  (oder  die  Wieder- 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte.  233 

gilbe?)  des  ersten  ist,  so  läßt  doch  die  verschiedene  Färbung  erkennen,  daü  der  Drescher 
einen  Flegel  in  der  Hand  hält.  In  dem  zweiten  fällt  die  geringe  Verschiedenheit  zwischen 
Ktiel  und  Schwengel  auf,  doch  braucht  das  nicht  Ungenauigkeit  des  Zeichners  zu  sein, 
da  z.  B.  in  der  Provinz  Massa  Carrara  noch  jetzt  beide  Teile  gleich  lang  sind. 

Der  älteste  Beleg  für  den  Flegel  ist  die  oft  zitierte  Äußerung  von  Hieronynius  zu 
Jesaias  28,  27:  «sed  virga  excutinetur  et  baculo  quae  vulgo  flagella  dicuntur».  Daß 
darunter  tatsächlich  der  Flegel  gemeint  ist,  wie  z.  B.  Heyne  'Das  deutsche  Nahrungs- 
wesen' 57,  annimmt,  nicht  der  Stock,  ergibt  sich  einmal  daraus,  daß  heute  flafjdlum,  bzw. 
also  dessen  Vertreter  ausnahmslos  den  Flegel,  nie  den  Stock  bezeichnen ;  sodann  dar- 
aus, daß  flagcllum  'Geißel'  zwar  auf  die  Form  des  Flegels,  nicht  aber  auf  die  des  Stockes 
paßt.  Das  Gemeinsame  dabei  ist  freilich  nicht  'das  gemeinsame  Stück  Riemenwerk', 
wie  Heyne  andeutet,  sondern  der  Umstand,  daß  das  schlagende  Stück  nicht  mit  dem 
Stiele  verwachsen,  sondern  am  Stocke  lose  befestigt  und  infolge<lessen  beweglich  ist. 
Endlich  beachte  man,  daß  Hieronymus  nicht  sagt,  man  hätte  mit  virga  oder  haculum  ge- 
droschen, das  'sowohl  mit  virga  als  mit  hacidian  auch  nicht  recht  einleuchtet,  da  man 
im  allgemeinen  nicht  für  dasselbe  Getreide  die  zwei  verschiedenen  Formen  verwendet, 
daß  man  dagegen  einen  völlig  befriedigenden  Sinn  bekommt,  wenn  man  erklärt,  mit 
einem  aus  virga  und  bdcithiin  bestehenden  Werkzeug,  das  ßagdlum  heißt. 

Der  Ausdruck  /lagclbon  ist  nun  keineswegs  gemciuromanisch.  Das  Verbreitungs- 
gebiet ist  Frankreich,  die  Alpenmuudarten  bis  in  die  Ostalpen,  Bergamo,  Venczien,  die 
Marken  bis  in  die  Abruzzen  hinein.  Emilia,  Lombardei,  Toskana,  der  ganze  Süden 
Italiens,  die  Iberische  Halbinsel  und  Rumänien  kennen  das  Wort  nicht.  Für  Frank- 
reich gibt  die  Kartenskizze  S.  243,  die  dem  Atlas  linguistique  580  entnommen  ist, 
eine  Auskunft,  die  zunächst  keiner  Erklärung  bedarf.  Dann  also  schließt  sich  das  Rhein- 
tal an:  obw.  /lid'i,  llmli,  und  Tirol:  gredn.  fiel,  Buchenstein,  Ampezzo  frei,  Oberfassa 
frad,  Suganatal  //er,  ('anal  d'Agordo  /V/v/e/.  Damit  ist  die  Ostgrenze  erreiclit.'  Dann 
trifft  man  am  Abhang  der  Alpen  Vertreter  von  fragcllum  in  Tessin,  Oomo,  Bergamo, 
Brcscia,  Nonstal,  in  Orema  (•?//'/).  Die  strenge  Kontinuität  nach  dem  Südosten  liin  fehlt 
mir  wnhl  nur  zufällig:  in  den  Marken,  namentlich  in  der  Provinz  Ascoü  ist  fraydlu 
wieder  allgemein  üblich,  dann  in  den  Abruzzen  namentlich  in  der  Provinz  Teramo. 
frai/ellf  in  Cittä  S.  Aiigelo,  (A)ntrogucrra.  Der  südlichste  Punkt  ist  das  Plurale  tantura 
ßaicili  in  Rieti.  Belege  findet  man  zvun  Teil  l)ei  Mussafia,  Beitrag  zur  Kunde  der  alt- 
norditalienischen  Mundarten,  128;  Salvioni,  Postille  al  lessico  latino-romanzo  s.  v. 
flagdlam;  Neumann-Spallart,  Weitere  Beiträge  zur  Charakteristik  des  Dialekts  dor  Marchc. 
05.  —  Ganz  vereinzelt  steht  frezial  in  Veglia,  es  ist  aber  fraglich,  ob  das  Wort  boden- 
ständig ist,  Bartoli  (Das  Dalmatiuischc,  II,  370)  denkt  an  Entlehnung  aus  dem  Vene- 
zianischen, wo  heute  freilich  ßagdlum  bis  jetzt  nicht  nachgewiesen  ist.  Von  Nord- 
Ciallicn,  bzw.  Nordfrankreich  aus  ist  das  Wort  westlich  gewandert:  kymr.  frrirgU  ist 
in  einer  älteren,  mittelbret.  fraiill,  neubret.  frvll  in  einer  jüngeren  Zeit  entlehnt  worden. 


'  Es  liej-'t  iialio,  von  IViaul.  frculir  'Stiel  des  Droschlleiiels'  auf  die  einstige  Existenz  von  fi-aiel  auch  in 
Kiiinil,  \vi)  man  lieute  batali  sajjl  (S.  238^,  zu  schliefjen.  Aber  wie  dieses  fretüir  nur  in  Gröden  eine  Enl- 
s|ire<lnuiL;  liat  (S.  -liO),  .«o  l)il(Ien  aucli  grcd.  rfinlln  und  friaul.  n-ri/iile  'Scliwenpel'  ein  Taar.  d;is  •„'am 
veroiiizoll  steht.  Man  n\ulj  also  daniil  roiluicn,  dali  die  IViaul.  lHil<ili.-<  aus  den»  Westen  l>ezo):<-^n  wurden, 
daher  liir  die  neslandloilo  die  westlichen  Namen  fddlih  waren  oder  wurden.  Diesbezügliche  Krkundigun^'vii 
über  die  heulifc'en  Verlialtnisse  haben  bisher  zu  keinem  Ergebnisse  gerührt. 

Wörter  und  Sacheu.    I.  *• 


234 


W.  Moycr-Lfibke. 


AhbilduiiL'  Uli. 


Aliliilduiig  27. 


AIiIhIlIuiil'  29. 


AhliilduiiK  ü(i. 

AMiilduiig  27. 

Abhililun-  2S. 

Abliil.luiis,'  2!». 

Al)l>ilclung  :i(i. 

Abliililuiig  ;)i. 

Abbildung  32. 

AbbilduM},'  33. 


Abbildulm-  32. 


Engadinisdiei"  Flegel  iimli  einer  Zeicbnuni,'  von   llemi  l'lhrrer  r.illiu|i|ii. 

Piemontesiscber  Klegol  uacli  einer  Zeiehnuiig  von  G.  Terracini. 

Walliser  Flegel  nacli  Uull.  pat.  .Suisse  nun.  IV,  40. 

'Fninlii'  aus  Porlorecanati,  nacb  einer  Zeichnung  von  Ci.  I'auri. 

Freiburger  Flegel  nach  Bull.  pal.  Suisse  rom.  IV,  31). 

Braunschweiglscher  Flegel  nach  Audree,  Braunsehweiger  Volkskun  le.  p.  181. 

Flegel    aus   S.  Pol  (Pikardie)   naeh    einer  Zeicbiunig  von  Ed.  Edmoiii,  lie.\i(|iie 

Saint-Polois,  p.  2.")U. 
Mecklenburgischer  Flegel. 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte. 


235 


Abbililunj;  SO. 


Ahbildunu'  :U. 


AlibiMun;,' 
AliliiMunii 
Abbildum; 
Abbildung 


•J8. 


Abbildung  38. 
Flegel  aus   Fondo   im    Xonstal,   Zeichnung  von  G.  Batlisli.    A.    ist   ein   Eisenring. 

Slriik  aus  Leder.  C  ein  tief  eingelassener  Nagel. 
Pienionlesischer  Flegel. 

Genfer  Flegel  nach  Bull.  pal.  Suisse  roin.  IV.   ii». 

Die  M<K:afrH.-<lo  aus  Luco  nei  Marsi.  nach  einer  Zeichnung  von  M.  I  aln.a. 
Russischer  Drescbflegel.     1.  SÜel.    d.  Schwengel.  ^ 


B.  ein 


236  W.  Meyer -Lübke. 

Gegenüber  der  skizzierten  Verbreitung  des  Wortes  wird  mau  die  von  Heyne,  Khi<;e, 
Schrader  vertretene  Auffassung,  Sache  und  Wort  seien  aus  Italien  nach  Deutscidand 
gekommen,  nicht  mehr  aufrechthalten  können,  um  so  weniger  als  der  bayeriscli- öster- 
reichische Ausdruck  jetzt  und,  wie  es  scheint,  schon  im  Mittelalter  ürischel  war,  eine 
Entlehnung  aus  den  Ostalpengegendeu  also  auch  darum  ausgeschlossen  ist.  Wenn  ahd. 
Flegel  lateinischen  Ursprungs  ist,  dann  kann  es  nur  von  Nordgallien  ausgegangen  sein, 
wie  in  diesem  Falle  aus  NordgalHen  (nicht  aus  Nordfrankreich)  engl,  flail  stammt.  Aber 
die  Sache  ist  gar  nicht  so  einfach.  Schon  Kluge  hat  auf  ndd.  (bei  den  Angeln)  2J%''^ 
aufmerksam  gemacht,  dessen  ^;  nicht  zu  fl(igeUi(m  passen  will.  Dieses  p  ist  nun  wesent- 
lich weiter  verbreitet,  vergl.  dän.  plril,  schwed.  ])l(ignl,  wobei  ich  allerdings  nicht  zu 
beurteilen  vermag,  wieweit  etwa  die  nordischen  Wörter  einfach  Entlehnungen  aus  dem 
Niederdeutschen  seien.  Aber  dem  jj  entspricht  2>f  i"  der  Schweiz,  im  Elsaß,  zum  Teil 
in  Schwaben,  mau  sehe  das  Schweizerische  Idiotikon,  Martin  für  Elsaß,  Fischer  für 
Schwaben,  welch  letzterer  die  genaue  Grenze  zwischen  der  p-  und  der  pf-Fovm  in 
seinem  Gebiete  angibt.  Auf  bayerisch-österreichischem  Gebiet  scheint  nur  Flegel  vor- 
zukommen, es  ist  aber  der  Ausdruck  der  Schriftsprache,  bodenständig  ist  wie  gesagt 
DriscJirl.  Nach  Kluge  ist  flri/cl  altsächsisch ;  was  es  mit  brem.  fhim/cr,  mnd.  rla/icr 
für  eine  Bewandtnis  hat,  weiß  ich  nicht.  Die  p-,  ^'/'-Formen  haben  .Johannsen  ver- 
anlaßt, plagil  als  altgermanisch  und  Flegel  und  engl,  /lail  als  Lehnwörter  aus  flagellnm 
zu  betrachten,  und  Falk-Torp,  Norw. -dän.  etym.  Wb.  pleil,  setzen  eine  idg.  Wurzel 
hlel:  'schlagen"  an  mit  der  Variante  plel;.:  zu  jener  gehöre  i>leil  usw.,  zu  dieser  ßegil, 
flagellnm  habe  seine  mittellateinische^  Bedeutung  durch  Einfluß  des  Germanischen  be- 
kommen. Diese  letzte  Auffassung  nun  ist  ganz  unwahrscheinlich.  Einmal  vom  histo- 
rischen Standpunkt  aus,  da  flagellum  'Flegel'  doch  schon  dem  4.  Jahrhundert  angehört, 
dann  vom  formellen.  Ein  germ.  *flagils  hätte  im  Lateinischen  flagilus  oder  ähnlich 
gelautet  und  wäre  nicht  zu  flagellnm  umgestaltet  worden,  wie  ja  auch  gall.  hrogilus 
margila,  germ.  tumpils  nicht  zu  *hrogellus,  *margeUa,  *tumpelhis  geworden  sind.  So- 
lange aber  *flägils  'Flegel'  und  flagellum  'Peitsche'  nebeneinanderstanden,  lag  auch 
keine  so  große  begriffliche  Verwandtschaft  vor,  daß  die  Umbildung  daraus  erklärlich 
wäre.  Die  Sachen  liegen  vielmehr  so:  Wir  haben  1.  lat.  flagellum,  nach  seiner  Be- 
deutung vorzüglich  geeignet,  den  Flegel  im  Gegensatz  zum  Stock  zu  benennen  ;  2.  germ. 
*2>lagils  vorausgesetzt  von  alemannischen  und  niederdeutschen  Formen,  das  an  schwed. 
plagg  'Schläge'  angeknüpft  werden  kann,  sonst  aber  isoliert  ist,  da  bisher  eine  idg. 
Wurzel  blek  anderweitig  nicht  belegt  ist.  Dieses  *plagils  kann  zunächst  nur  'Schläger' 
bedeuten,  ist  also  nicht  charakteristisch  für  den  'Flegel';  3.  germ.  flagils,  gefordert  von 
sächsischen  und  englischen  Formen,  entweder  entlehnt  aus  flagellum  oder  zu  der  Wurzel 
gehörig,  die  in  litt.  ^j^aÄ«  'sich  schlagen',  abulg.  plahati  'sich  auf  die  Brust  schlagen', 
ir.  Im  'Wehklage'  vorliegt,  in  diesem  Fall  auch  wieder  nicht  charakteristisch  für  den 
Flegel.^     Für  die  Entscheidung  wird  es  in  erster  Linie  nötig  sein,  zu  untersuchen,  ob 

*  Wieder  hat  oberflächliche  Benützung  Du  Ganges  Unheil  gestiftet.  Weil  fiageUum  'Flegel'  in  dem 
Vocabularium  mediae  et  infimae  latinitatis  angefülirt  wird,  ist  die  Bedeutung  'Mittellateinisch'.  Und  doch 
zitiert  Du  Gange  Hieronymus.  Wenn  man  also  sein  Zitat  berücksichtigt,  sieht  man  sofort,  daö  es  sicli 
nicht  um  etwas  erst  'Mitteliateinisches'  handelt. 

'^  Nur  in  einer  Anmerkung  soll  folgender  Einfall  vermerkt  werden.  Der  Plural  zu  de  flegel  lautet  im 
alem.  pfiegel,  d.i  die  zu  d,  d  aber  folgendem  Konsonanten  angeglichen  wird  (pfreud  'die  Freude',  pmüder 
'die  Muller'  usw.).    Da  nun  das  Wort  oft  pluralisch  ist,  vergl.  S.  238,   so  wäre  zu  einem  vorwiegend  plura- 


Zur  Geschiclite  der  Dreschgeräte.  2'M 

und  wieweit  andere  Formen  als  der  Flegel  zum  Ausschlagen  des  Getreides  auf  ger- 
nianiscliem  Gebiete  vori<onnnen  und  M'ie  da,  wo  ^preslils  und  *Jlai)Us  oder  ^plaf/ils 
nebeneinandcrsteheu,  wie  z.  B.  im  Altenglischen,  ihr  sachliches  Verhältnis  ist.'  Natürlich 
ist  auch  hier  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  daß  wie  bei  stube-Huve  das  Zusammenklingen 
germanischer  und  romanischer  Form  für  denselben  Gegenstand  auf  Zufall  beruht. 

Sehen  wir  uns  weiter  nacli  den  ßeneimungen  des  Flegels  um,  so  treflen  wir  ähn- 
Hch  wie  in  Frankreich  und  wie  im  Germanischen  auch  im  Slavischcn  im  ganzen  große 
Einheithchkeit:  cejn,  in  allen  slavischen  Sprachen,  polnisch,  sorbisch,  polabisch  als 
Pluraletantum,  was  nach  Berneker,  Slav.-etym.  Wb.,  125,  'auf  die  Kombination  von 
zwei  Stöcken,  des  Klöpfels  und  des  Knittels',  weist.  Sonst  bedeutet  slov.  ccp  'Spalte, 
Pfropfen',  das  slavische  Verbum.  zu  dem  cep  gehört,  'spalten',  so  daß  das  Substantiv 
zunächst  'Scheit,  Stab'  heißen  würde.  Die  Sache  bedarf  noch  genauerer  Untersuchung. 
Dazu  kommt  nun  aber  russ.  molotvilo,  moutencgr.,  bosn.  vilatac  zu  Dilatiti  'schkrgen, 
dreschen'. 

Dagegen  zeigt  nun  das  Romanische  eine  ungemeine  Mannigfaltigkeit  der  Benen- 
nungen. In  Frankreich  ist  zunächst  sehr  merkwürdig  das  wa;T/(^'«>--Gebiet  (s.  die  Karte 
S.  243),  dazu  marrher  "dreschen".  So  wenig  es  einem  Zweifel  unterliegen  kann,  daß  es  sich 
wirklich  um  den  Flegel  handelt  (vergl.  außer  dem  Atlas  lingu.  die  Wbb.,  z.  B.  Roussey 
für  Bournois:  mcrcu  'fleau  servant  ä  battre  le  grain',  mor!  battre  du  grain  au  fleau), 
so  klar  ist  es,  daß  niarihrr  zunächst  nur  vom  Austreten  gesagt  werden  kann.  Das 
Verbum  wäre  dann  beibehalten  worden,  als  man  mit  Werkzeugen  drosch,  und  wäre 
auch  der  Benennung  des  Werkzeuges,  wie  immer  es  beschaffen  war,  zugrunde  gelegt 
worden.  Also  die  Umkehrung  dessen,  was  wir  im  Ägyptischen  (S.  227)  und  beim  emilia- 
nischen  hatfitoio  (S.  223)  sehen.  Daraus  würde  folgen,  daß  hier  in  Nordostfrankreich 
das  Austreten  durch  Tiere,  wie  es  bei  Germanen  Brauch  war,  nicht  wie  in  Italien  (S.  214) 
mit  dem  germanischeu  \'erbum  für  dreschen,  sondern  mit  dem  zwar  auch  germanischen, 
wahrscheinlich  aber  schon  viel  früher  aus  der  Militärsprache  übernommenen  mardur 
bezeichnet  worden  wäre.  Oder  soll  die  Doppelbedeutung  von  germ.  *prcsl;an,  wie  sie  ja 
namentlich  in  afr.  treschier  neben  ital.  trescare  erscheint,  auf  marchcr  übertragen  und 
dem  *prrsl;iJA  entsprechend  ein  marclmJur  gebildet  worden  sein?  Oder  ist  der  marrhrur 
ursprünglich  eine  WalzeV 

Ein  zweiter  Ausdruck  ist  ecousseur  zu  afr.  escourrc,  lat.  c.rcutcrc,  das  ja  schon  im 
Lateinischen  'dreschen"  l)edcutet.  Die  Bedeutung  ist  auch  hier  durchaus  Tiegel",  aber 
es  fällt  auf,  daß  mitten  unter  diesen  ecousseur  zweimal  vrrgc  erscheint,  mit  der  leider  un- 
klaren Bemerkung  'pas  de  fleau".  Welcher  Art  Ruten  das  sind,  bleibt  festzustellen, 
jedenfalls  sind  wir  offenbar  nicht  im  alten  //wit-Gebiete.  Vielleicht  ist  also  der  icoHnsciir 
ursprünglich  ein  anderes  Werkzeug  gewesen.  Da  es  nun  weiter  nicht  unmöglich  ist, 
daß  (las  Diarchnir-Gchiet  und  das  ä-0((.s.-;(?«)-Gebiet  ursprünglich  zusammenhingen,  so  er- 
scheint auch  iiiiurlirur  in  neuem  Lichte.  Daß  flraii,  das  Wort  und  damit  vermutlich 
die  Sache,  gewandert  ist,  läßt  sich  auch  sonst  nachweisen.  Freilich  die  Schicksale  vou 
//  einerseits,  von  -rUu  andererseits  gehören  zu  den  allerschwierigsten  der  französischen 
Dialektgeschichte,  weil  störende  Einflüsse  mehr  als  irgendwo  sonst  die  Entwicklung  und 
also   für  uns  die  Einsicht  trüben.    Aber  wenn   in  Punkt  51   (Waadt)  fhic  als  fya,  fla- 

lisclion  jitlci/il   ein  iieuoi-  Singular   «iii  pfliyel  oilor  de  i>flvgfl  gcschalTon  worden,    was  dann   auf  der  Grenze 
VDii  nioilordeutschein  p-  und  oberdeulschem  jf-Gcbiel  in  niederdeulschcni  Munde  zu  j'Ifgtl  pewonlen  wäre. 


238 


W.  Meyer-Liibke. 


ridhon  als  flo  erscheint,  so  liegt  es  auf  der  Hand,  daß  ßo  ein  Eindringling  aus  der 
Heiclissprac'he  ist,  und  chleyi  neben  Jilori  (florii-r)  Punkt  70  ist  zum  mindesten  verdächtig. 
Man  sieht  hier  und  anch  z.  T.  in  Savoyen  und  im  französischen  Piemont,  wie  sich  das 
flagrllii))i-('xe\m{  alluiählich  ausbreitet,  so  daß  man  vielleicht  eine  Zeit  voraussetzen  kann, 
in  der  Nord-  und  M'estfrankreich  den  Flegel  besaß,  auch  z.  T.  die  südöstlichen  Berg- 
gegenden, wogegen  im  Rhonegebiet  bis  hinauf  nach  Haute-Saone  die  Walze,  im  Jura 
und  im  schweizerischen  Flachland  der  Stock  üblich  war.  Von  vereinzelten  Ausdrücken 
ist  noch  Ixtt  (Fem.),  im  Dep.  Nord,  zu  nennen,  sonst  die  Bezeichnung  des  Scliwengels 
(S.  241),  dann  hatul  (Alpes  Maritimes)  mit  nicht  ganz  klarem  Suffix,  vergl.  katal.  hafolla. 
Noch  verschiedenartiger  sind  die  italienischen  Ausdrücke.  Zunächst  haben  wir 
Ableiuiugen  von  hattcrr:  friaul.  hatnli,  hat,  hafa  in  der  Brianza,  hafaija  in  Busto 
Arsizio  (Cherubini,  Voc.  milanese  s.  v.  reri/a),  haUmro   in  Padua,  Chioggia,    hatlura   in 

Como,  vattetorf  in  Roccafluvioui,  Chieti  und 
Lanciano  (Abruzzeu)  und  in  Castellamare  Ad- 
riatico,  hatfinja  in  Cairate,  Morazzone  (Lom- 
bardei), hatoii  in  Rivalto  Borraida,  hatiynm 
in  Mongrande  (Novara),  waitarelo  in  Subiaco. 
Dann  Aljleitungen  von  frcscare:  trcsh  nament- 
lich in  Pavia,  Monferrat,  Canavese,  so  in 
Asiago  (Mailand),  Varese,  Bobbio,  Novara, 
ßiella,  und  die  Weiterbildung  taslcun  in  Ales- 
sandria und  im  Canavese,  dann  das  eigen- 
tümliche fiiasnm  in  Borge  d'Ala  (Vercelli). 
Namentlich  lombardisch  ist  daneben  virj/a 
und  Ableitungen:  verf/a  in  Mailand,  Pavia, 
Voghera,  venUrlJa  in  Rovigo,  Mantua,  Ferrara, 
Tortoua,  Genua,  crijada  in  Treviglio.  Wie 
fhujellum,  so  zeigt  den  Vergleich  mit  der 
Peitsche  fnisfa,  mazzafru^ita,  seltener  niazza 
Massaferrara,  Moutelupone,  Portorecanati, 
Urbino  (wo  heute  der  Ringverschluß  üblich  ist),  also  im  ganzen  im  Anschluß  an  das  öst- 
liche fl((tjclJi(iii-Geh\et.  Das  Pluraletantum  haskmi  in  Fermo,  Cittä  di  Castello,  Siena,  rJ 
sfangrt  (tosk.  le  stanghette)  in  Imola  erinnert  einerseits  an  den  polnischen  Plural  (S.  237), 
andererseits  gibt  es  die  Erklärung  für  das  tosk.  perug.  correggtato,  das  also  ganz  eigentlich 
heißt  'der  mit  einem  Riemen  versehene  Stock'  und  für  das  emilianische  serca  'Ring', 
eigentlich  wohl  hastun  (i  serca  'der  mit  dem  Ring  versehene',  wobei  also  etwa  die  in  Abbil- 
dung 34  dargestellte  Verbindung  zugrunde  liegt,  vergl.  noch  ftarcella  in  S.  Agostino  (Fer- 
rara), während  sonst  in  Ferrara  verzeJa  üblich  ist.  Diese  Ausdrücke  sind  wohl  ein  direkter 
Beweis  für  den  Dreschstock,  der  danach  einfach  haston  geheißen  hätte.  Ohne  weiteres  ver- 
ständlich sind  noch  mngye  (malkus)  in  Bari,  maszillc  in  Schiavi  (Chieti)  zu  mazza  'Keule', 
curzd  (Ableitung  von  corrigia)  und  lazel  (zu  laqucus)  in  Lagaro  (Bologna).  Schwieriger 
sind  andere  Ausdrücke.  Manganiello  in  Avellino  gehört  zu  dem  aus  Salerno  angeführten 
mnngano  (S.  219)  und  deckt  sich  formell  mit  neap.  manganieUe  'Winde,'  dazu  paßt  weiter 
neap.  linnele,  das  Bartoli  als  Benennung  des  Flegels  angegeben  wurde,  während  es  D'Ambra 
mit  'Garnwinde,  Haspel'  übersetzt.     Also  eigentlich   'Dreschwalze',   wogegen  raffiii,  was 


Abbildun.:;   'M.    JIus;iik  aus  liii    k..|.tilL    i.iii  Prilz 

bei  Laval  (Mayenne).    Nach  Heyne,  Fünf  Bücher 

deutscher  Hausalterlflmer,   n.  56. 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte.  239 

D'Ambra  anfülirt,  zunäclist  'Pfropfreis'  heißt  (lat.  fjmjihixm  C.  Gl.  L.,  VII,  7,  22,  vergl. 
Wiener  Studien,  XXV,  US,  frz.  greife),  also  wohl  den  'Stock'  bezeichnet.  Trotz  der 
Übereinstimmung  mit  dem  Slovenischen  (vergl.  S.  237)  kann  ich  mir  keine  rechte  Vor- 
stellung davon  maclien.  Ein  weiterer  neapolitanischer  Ausdruck  ist  veville,  das  an  siz. 
liririUi(  erinnert,  allertlini;s  sicii  nicht  völlig  deckt,  da  dorn  neap.  //  im  Siz.  (/(/  entsprechen 
sollte  und  auch  das  plus  oder  minus  des  r  in  Betracht  zu  ziehen  ist.  Vergleicht  man 
neap.  j^ere  aus  lat.  pejus,  so  liegt  der  Gedanke  an  ein  Deminutivum  des  osk.  veia  (S.  217) 
nahe,  dann  läge  Übergang  von  der  Dreschtafel  auf  den  Flegel  vor.  Oder  soll  man 
an  verhdliim  von  vorher  denken?  —  Begrifflich  klar,  aber  etymologisch  dunkel  ist  karcdya 
in  Chieri,  Pinerolo,  Asli,  Alessandria,  kamira  in  Ormea,  daneben  auch  kavaria,  kar- 
vaia,  in  Maisette  und  Robi  (Piemont)  auch  kavahjiin,  im  Tale  der  Dora  Riparia  auch 
lldJdvi/a.  ])assell)P  Wort  bezeichnet  auch  das  Werkzeug,  mit  dem  der  Tapezierer  die 
Wolle  ausklopft,  und  ist  offenbar  identisch  mit  dem  ravidea  Teitsche"  der  Turinor  Predigten 
(Rom.  Studien  V,  89).  Keinen  Zusammenhang  mit  diesem  piemontesischen  Worte  dürfte 
kavcujoun  in  Sautarcangelo  di  Romagna  haben,  das  auch  Getreideschober,  Garbe  bedeutet. 
In  letzterem  Sinne  kann  man  an  eine  Ableitung  von  cdballus  denken,  aber  was  hat  der 
Dreschflegel  damit  zu  tun?  Noch  dunkler  sind  halandra  in  Acqui  (Piemont;  Terraciiii 
erinnert  au  hahmdrone  'herumtanzen');  loka  in  Pinerolo,  hattcrc  a  tokkii  und  chhahjU 
in  Rom;  letzteres  klingt  an  vhjlio,  oviglio  in  Gaeta  an,  doch  dürfte  der  Anklang  trü- 
gerisch sein,  i-KjJio  zu  ital.  VigJatre  'worfeln'  gehören  und  ursprünglich  ein  Ruteft- 
büschel  sein. 

Mitten  im  rätischen  flagellifm-Gehiei  steht  oberengad.  sqt(af:suoir,  unterengad.  scrasi^uoh; 
bei  Carisch  auch  scJilassuoh;  das  offenbar  durch  Ferndissimilatiou  von  r-r  zu  l-r  entstanden 
ist.  Ein  obw.  shissiiir  wird  von  Conradi,  nicht  aber  von  Carisch  und  Carigiet  ange- 
führt, nach  R.  v.  Planta  reicht  der  engadinische  Ausdruck  auch  ins  Albulagebiet 
nach  Bergün  und  Fili.'^ur  hinüber.  Durch  die  ungenaue  Schreibung  scrasuoir  bei 
Carisch  verleitet,  hat  A.scoli  (Arch.  (jlott.  I,  179)  an  Zusannnenhang  mit  frz.  eeraser 
gedacht.  Es  handelt  sich  natürlich  um  excussorium  mit  einem  r,  das  vielleicht  von 
scroler  'schütteln'  stammt.  Weiter  verbreitet  als  das  Nomen  instrumcnti  ist  das  Verbum 
und  das  Nomen  actoris.  ('arisch  gibt  srucJer  'dreschen',  scitdader  'Drescher'  als  die 
einzige  Form  auch  des  Rheintals,  erst  im  Mün.stertal  erscheint  habr.  Mau  fragt  sich 
natürlich,  ob  ein  Zusammenhang  mit  dem  f.rciissoriMMi-Gebiet  des  Rhonetals  (S.  237)  be- 
stehe, wird  aber  die  Frage  vorneinen  niü.«son.  und  zwar  aus  folgenden  Gründen.  Wir 
sehen  mehrfach,  dal.^  Nord-  und  Ostfrankreich,  Delphinat,  oberes  Rhonctal  und  Grau- 
bünden im  Wortschatz  zusammengehen  und  im  Gegensatz  stehen  zu  Südfrankreich. 
Wenn  nun  excussorium  in  Engadin  einst  auch  dem  Rhein-  und  Rhonetal  eignete,  so 
läge  eine  ganz  ungewöhnliche  Übereinstimmung  vor.  Oder  wenn  man  das  für  eine 
sehr  alte  Zeit  annehmen  und  dann  folgern  wollte,  daCJ  ihigdlum  ins  schweizerische 
Flachland  dringend  weiter  rhoneaufwärts  und  rheinabwärts  gewandert  sei,  so  wSre  die 
weitere  Folge  dieser  A'oraussetzung.  daß  das  tirolisch-italienische  fJugcllHm-Vich'wi  völlig 
unabhiüigig  wäre  von  dem  französischen.  Bei  aller  Mannigfaltigkeit  der  Benennuugeu 
des  Flegels  in  Italien  treffen  wir  aber  sonst  nirgends  an  verschiedenen  Punkten  gleicli- 
mäßigc  Bezeichnungen,  vielmehr  hat  joder  Ausdruck  nur  ein,  soweit  wir  urteilen  könneu, 
in  sich  abgeschlossenes  (Jebiet.  Daher  spricht  die  allgemeine  Wahrsciieinlichkeit  eher 
dafür,   daß  das  engad.  sqitassimir  ein  Eindringling  sei.    der  das  //(/</<7/(//((-Gebict    durch- 


21(1  W.  Meyer -Lühko. 

brochen  hat,  und  dazu  stimmen  denn  auch  die  verschiedenen  Umgestaltungen  der  ersten 
Silbe,  die  sich  bei  einem  Wanderwort  eher  erklären  als  bei  einem  bodenständigen. 
Exciissorium  treffen  wir  aber  als  Bezeichnung  des  Schwengels  in  Norditalien  (S.  241). 
Noch  ist  aus  dem  Rheingebiet  sc/dcr/cl  also  das  deutsche  Wort  zu  nennen,  das  zunächst 
aber  wohl  nur  den  schlagenden  Teil  bezeichnet. 

Auf  der  Iberischen  Halbinsel  zeigt  span.  fr/llo,  wenn  es  wirklieh  den  Flegel  be- 
zeichnet, Übertragung  von  der  Dreschtafel,  portg.  malho  aus  nwllens  ist  indifferent,  mamjoal, 
zuspnn.  inaiif/dl  'Streitkolben' aus  lat.  ituwiiali.';  gehörig,  könnte  ursprünglich  den  Typus  des 
niehitciligcn  Flegels  (S.  232)  bezeichnet  haben,  doch  sagt  Coellio  nichts  von  einer  solchen 
Form.  Span.  lafitjo  oder  laf/go  trillndor  heißt  eigentlich  Peitsche,  Dreschpeitsche,  mazor- 
ciidor  gehört  zu  maza,  mazorca  'Keule',  astur,  garrofe  ist  'Stock'.  Ob  die  überraschende 
Ärmlichkeit  gegenüber  dem  Reichtum  in  Italien  auf  der  Mangelhaftigkeit  der  Informa- 
tion oder  auf  tatsächlichen   Verhältnissen  beruht,  muß  ich  dahingestellt  sein  lassen. 

Das  rumänische  imbläciü  ist  slavischen  Ursprungs. 

Überblicken  wir  diese  ganze  Nomenklatur,  so  bestätigt  sie,  was  S.  236  ausgesprochen 
worden  ist.  Charakteristisch  für  den 'Flegef  sind  die  Namen,  die  auf  Peitsche  beruhen : 
unter  diesen  umiußt  flageUii in  allein  ein,  weites  Gebiet,  ist  also  wohl  das  älteste,  wie  es 
denn  auch  am  frühesten  belegt  ist.  Für  den  Ausgangs|)unkt  dieser  wichtigen  und 
lebenskräftigen  Erfindung  gibt  uns  die  Überlieferung  keinen  Anhaltspunkt.  Hierouymus 
slammt  aus  Dalmatien,  aber  vegl.  frcsiel  ist  wahrscheinlich  nicht  alt  (S.  233) ;  er  war  ein 
weitgereister  Mann,  so  daß  wir  nicht  wissen,  wo  er  das  flagellmn  gesehen  hat.  Die 
heutige  Verbreitung  des  Wortes  aber  weist  nach  Nord  frank  reich.  Also  gallisch?  Die  Gallier 
haben  ja  auch  den  Räderpfiug  (carriicci,  frz.  cJnirr/ie),  die  Mergeldüngung  (mar(/ilu,  frz. 
mann)  und  sonst  manches  andere  in  die  Landwirtschaft  der  Römer  gebracht,  freilich  damit 
auch  die  Terminologie.  Ich  halte  die  Frage  noch  nicht  für  spruchreif.  Die  Grenzen 
von  Kulturwellen  dürfen  sich  nicht  auf  einen  einzelnen  Gegenstand  aufbauen.  Die  ganze 
Geschichte,  nicht  nur  der  landwirtschaftlichen  Geräte,  sondern  auch  der  Landwirtschaft 
selber,  namentlich  auch  das,  was  in  Norddeutschland  als  'Sachsengängerei'  bezeichnet 
wird,  das  Wandern  der  landwirtschaftlichen  Arbeitskräfte,  müßte  untersucht  werden. 

Schließlich  will  ich  noch,  wiedei'um  und  noch  ausscliließliciier  luir  auf  dem  mir 
vertrauten  romanischen  Gebiete  zusammenstellen,  was  ich  über  die  einzelnen  Teile  des 
Flegels  zu  sagen  habe. 

Der  Stiel  wird  zumeist  mit  den  üblichen  Ausdrücken  für  Stiel  benannt:  iiiauchc  in 
Nordfrankreich,  margiie  in  Südfrankreich,  mani,  manio  und  dgl.  im  Rätoromanischen, 
in  Norditalieu,  in  Lucca,  Livorno,  Siena,  niango  in  Portugal.  Auch  portg.  ccdio  (caput) 
ist  nicht  weiter  auffällig,  da  calo  'Griff,  Stiel'  bedeutet,  gen.  maiicä  ist  niuiinale,  rum. 
därjea  gehört  zu  bulg.  drhzalo  'Stiel'.  Vereinzelt  steht  graubündnerisch  astu.  —  In  Italien 
sagt  man  Auch  iicdulc  und  dem  entspricht  in  Val  di  Scalve  (Bergamo) /;ese?,  diis  zu  haais 
gehört.  Krem,  fralm,  gredn.  frclh;  friaul.  frculir  sind  Ableitungen  von  frai,  frei  mit  Suffix 
-um  bezw.  -ariii,  desgleichen  portg.  mangoaciru  von  manguul.  Daran  klingt  langued. 
manciräl  an  und  bezeugt  vielleicht  ein  *inanicr  'Flegel'.  Etwas  schwieriger  sind  andere 
Ausdrücke.  Veltl.  manavrill,  val.  ser.  manavril,  manafi'd  hat  Salvioni  zu  tosk.  manfmdlc 
gestellt,  bemerkt  aber,  d.iß  auch  maiiuhrinni  in  Betracht  gezogen  werden  könne  (Po- 
stille s.  V.  DKuifar).  Terracini  bringt  nun  noch  piemontesische  und  genuesische  Formen : 
nianeord  Val  di   Susa,  manivral   in  Usseglio,    Viü    und   Santhiä,    maidvrel   iu  Pinerolo, 


Zur  Geschichte  der  Dreschgeräte.  241 

tnanebrä  in  Porto  Maurizio,  nianavril  in  Sugria,  die  deutlich  für  nianuhrhnn  sprechen. 
Man  darf  wohl  annehmen,  daß  ein  Zusammenhang  mit  dem  Velthn  bestand  oder  noch 
besteht.  Nicht  mit  Sicherheit  zu  ermitlehi  ist,  wie  tosk.  manfa,  manfano,  »mnfmiUe 
dazu  kommt,  speziell  den  Flegelstiel  zu  lienennen.  Die  Wörter  gehen  mit  manfero 
'Griff',  Handhabe,  Kurbel'  in  letzter  Instanz  auf  lat.  mamphur  'Kurbel,  Drehholz'  zurück 
(vergl.  für  die  formellen  ^'erhältnisse  Phil.  Abhandl.,  )Schweizer-Sidler  gewidmet,  S.  24 tt'.). 
—  Pik.  lotr.  maintien  gibt  genau  deutsch  Handhabe  wieder,  das  z.  B.  im  Braunschwei- 
gischen in  demselben  Sinne  verwendet  wird  (Andree,  Brannschweigische  Volkskunde, 
181),  es  ist  eine  Zusammensetzung  von  nunn  und  tlem  Stamme  von  trnlr,  hat  also 
mit  frz.  mai)ifien    Haltunp,"  postverb.  zu  mainfenir  nichts  gemein. 

Unverständlich  sind  mir  parni.  antolenna,  berg.  lacur,  gen.  accofi;  saiutong.  (ulö, 
rouerg.  tudü,  tedii,  die  offenbar  zusammengehören  und  auf  *tefuUu,  tiäuUu  hinweisen, 
aber  nicht  wohl  zu  iudes  geboren  können,  weil  d  im  Rouergat  zu  z  wird;  genf.  li/uiUeine, 
jur.  niesd,  Schweiz,  asii,  obw.  bidi,  bad'i  (kaum  hacellum),  eng.  haif. 

Der  Schwengel  wird  entweder  nach  seiner  Form  benannt  oder  nach  seiner  Funk- 
tion. Ersteres  in  südwestfrz.,  südostfrz.  verr/c,  prov.,  piem.  rerga,  piem.  auch  fer(/ä  (-at't); 
friaul.  vergüte,  gredn.  värdla;  parm.  verdzil;  dann  tosk.  vctta  Gerte",  berg.  hakcfa 
'Stock';  lucc.  kuloJdi/a,  emil.  hdocca isi  eigentlich  'Pfahl  zum  Aufbinden  des  Weinstockes"; 
portg.  rara  oder  iwiiiga.  Auffällig  ist  seu.  dma  'Gipfel'.  Man  könnte  natürlich  den 
Schwengel  als  den  oberen  Teil  des  Flegels  betrachten,  es  scheint  mir  aber  wahrschein- 
licher, daß  die  Doppelbedeutung  von  Hör.  veüa  'Gerte'  und  'Gipfel'  zu  einer  Verwendung 
von  cima  geführt  hat,  die  in  diesem  Zusammenhang  sonst  nicht  üblich  ist. 

Mit  r'nnc  in  Piemont,  hrCds  (brauche)  in  Lavaux  (Waadt)  ist  vielleicht  scopd  in  Elba 
zusammenzuhalten,  doch  schreii)t  der  Gewährsmann  il  corregiato  b  poco  in  uso.  Mio 
padre  si  riconla  di  averlo  visto  in  case  dei  contadini  i  quali,  non  sa  bene  se  per  ischerzo 
o  adoperando  invece  la  parola  nel  suo  usuale  significato,  chiamavano  manico  il  manfanile 
e  srojm  la  vctta.'     Im  übrigen  vergl.  auch  S.  231. 

Auf  die  Funktion  weist  der  über  ganz  Nordfrankreich  verbreitete  Ausdruck  la  hatte 
oder  andere  Ableitungen  von  Imttcre  wie  hatä  in  Malmedy,  hatc  im  Jura,  hatur  in  Loth- 
ringen, hatar  in  Como,  dann  skisüre  in  \'alle  S.  Martino  (Bergamo),  t^hiissiira  im  west- 
lichen Komaskischen,  gegen  Varese  zu,  aus  cxcitssoria.  Dieselbe  Bedeutung  hat  eng. 
scassuoir  usw.  (S.  239).  Unverständlich  ist  mir  laöm,  lacm  in  den  bergamaskisehen  Alpeu- 
tälern;  mazora  in  Mercallo  (Como)  ist  wohl  von  mazza  abgeleitet. 

Rum.  hüdäroff  ist  insofern  bemerkenswert,  als  es,  zu  magy.  Iiadarö  gehörig,  in 
einer  sonst  ganz  slavischen  'Perminolugie  einen  magyarischen  Ausdruck  zeigt. 

Der  Verbindungsriemen,  zumeist  aus  Leder  bestehend,  heißt  waadtl.  koragf, 
piem.  kureija,  eng.  kuraza,  portug.  corrcia  (lat.  corrigia)  oder  Schweiz.,  saintoug.  korzü,  i>av. 
kordzci  (corrigia  +  one  bczw.  in»),  dann  lucc.  kogo  (coriititi),  piem.  korani  (coramcn),  vergl. 
noch  angiida  in  Usseglio,  weil  er  zumeist  aus  der  Haut  des  Aals  hergestellt  wird, 
berg.  moskadrs  'Lederriemen".  Sonst  dienen  allgemeinere  Ausdrücke  wie  berg.  hissoi, 
lassaritl,  laxsrf  zu  hvinrus:,  tosk.  gouddno.  abr.  pastora  (it.  pastoia),  friaul.  prdia  (pcdica), 
Schweiz,  apatzc  (^ullachc)  und  entsprecliend  canav.  taka;  pik.  akiijtliir  {zu  <iccoiipIer),  schweir. 
elrelgu  (*cidrclieur).  Portug.  med,  gal.  iitcuit,  astur,  »liniiu  stimmen  zu  niiyann  in  Chieri, 
Rivoli  und  Alba  (Piemont)  und  zu  Mittelband  im  Innviertel.  Auch  eng.  nicrfs  und 
galiz.   .viigo    (Juguiii)    sind    verständlich.      Portug.   cnccdouro  (Revista  Lusitana  lU,    (58), 

Wörter  uud  Suchen.    I.  31 


212 


W.  Meyer -Lübke. 


sedoiro  (K.  Michaelis)  stellt  lautlich  insHorinm  dar,  könnte  auch  zu  sda  gehören,  beides 
nicht  verständlich.  Parm.  regg.  kapUt  wird  zwar  ausdrücklich  als  'quel  cuoio  con  cui 
si  congiunge  la  vetta  col  manfanile'  erklärt,  heil.sl  al)er  eigentlich  'Hütchen'.  Ganz  dunkel 
bleiben  gen.  sfralh'a  l;'stmh'ure  'binden'?),  val.  sug.  rrscm,  Breccia  (Conio)  sJciijan. 

Die  Kappe  heißt  in  ganz  Frankreich  chappr,  nur  im  Wallis  z.  T.  cif<crpa  (rcharpr), 
was  fast  wie  ein  mißverstandenes  dsup  aussieht,  in  l'iomont  kajilüt,  haplit.  Portug.  ca- 
sitla  ist  ein  scherzhafter  Ausdruck,  da  casnla  ja  eigentlich  das  Meßgewand  der  Priester 
ist.  Auffälliger  ist  eng.  l-nlöfs  ('Hals').  Der  Name  setzt  eine  etwas  andere  Form  vor- 
aus, wie  sie  heute  noch  im  Münstertal  üblich  ist.  'Die  Dreschflegelstauge  hat  dort 
am  vorderen  Ende  einen  ringsherunigehenden  Einschnitt  und  dieser  heißt  hilots  (R. 
V.  Planta).  Darauf  paßt  ja  in  der  Tat  die  Bezeichnung  'Hals'.  Rum.  oglagi  ist  slavisch, 
vergl.  z.B.  ohtavcJc  'die  Kappe  des  Flegels'  im  östlichen  Mähren  (Bartos  H,  438). 

Andere  Bestandteile,  wie  z.  B.  die  Ringe,  tragen,  soweit 
ich  berichtet  bin,  keine  spezifischen  Namen. 

Endlich  das  Verbum  für  Dreschen.  Lat.  iribuJare 
hat  sich  erhalten  in  Rumänien,  Sardinien,  Kampauien,  sofern 
es  sich  um  Dreschen  mit  Tieren  handelt,  in  der  Kapitanata 
für  riillo  und  machhm ;  es  ist  der  Ausdruck  der  italienischen 
Reichssprache  für  jedes  Dreschen,  in  Siena  neben  battcrr,  so 
zwar,  daß  dieses  nur  für  Ausschlagen  dient,  dann  der  Aus- 
druck der  iberischen  Halbinsel.  Für  das  Ausschlagen  hat 
sich  lat.  rxcntcre,  wie  schon  (S.  237,  239)  bemerkt,  in  der  Frei- 
srafschaft,  in  der  französischen  Schweiz  und  im  Rheintal 
und  Engadin  gehalten.  Sonst  ist  batterc  gebräuchlich  in  ganz 
Frankreich,  im  Münstertal,  Tirol,  z.  T.  in  Friaul,  in  ganz 
Norditalien,  selbst  in  Piemont,  wo  der  rühat  (S.  226)  üblich 
ist,  in  den  Marken,  dann  in  Toskana,  z.  B.  in  Serra  Pistoiese 
(S.  244),  '\''al  d'Elsa,  Figline  (Yal  d'Arno)  und  auch  in  Rom 
und  Neapel.  Daß  Ursnvc  in  den  Abruzzen  für  das  Austreten  gesagt,  daß  dies  in  Gaeta 
und  Neapel  zum  allgemeinen  Verbum  wird,  wurde  S.  215  bemerkt,  auch  für  Varese 
(Lombardei)  wird  tresbi  angegeben,  und  daß  dies  weiter  verbreitet  war,  erhellt  aus  S.  238. 
In  der  Basilikata,  in  Apulien,  Kalabrien,  Sizilien  dient  p/sare  für  die  Anwendung  des 
Dreschsteins,  vom  'Zerreiben'  ist  mau  also  hier  zum  'Ausreiben'  gelangt.  Mau  unter- 
scheidet dabei  ganz  scharf  zwischen  pcsarc  IcoJla  prda  neben  ramazsare  JcolJe  masze  in 
Potenza,  pisare  Tcolla  pdra  neben  ammallarc  oder  vattire  IcoUa  pn'rtehi  in  C'atanzaro, 
2nsare  holla  tn'li/a  aber  amniaJchire  IwUa  mazsa  in  Cosenza  und  Sizilien.  Vergl.  noch  S.  214. 
In  Benevent  und  Aviano,  auch  im  Gebiete  des  Dreschsteins,  sagt  mau  slcunurc, 
was  ursprünglich  eine  ganz  andere  Manipulation  bezeichnet.  D'Ambra  erklärt  neap. 
scogtmre  'torre  i  cunei  delle  biche  coniche  dei  grani  e  sgranare  le  spighe  col  coreg- 
giato  soll'  aia'.  Dazu  cuyno:  colraine  delle  buche  (1.  biche)  di  grano  a  forma  cilindrica. 
Friaul.  slzomc  ist  speziell  das  battere  a  bauco  (S.  227),  es  gehört  zu  coma,  vergl. 
uoch  scomä  'percuotere  le  frondi  degli  alberi  e  farne  cadere  le  frutta',  während  friaul. 
tsoliä  vom  Austreten  gesagt  wird,  vergl.  isoh  'Klotz',  also  wohl  zunächst  'stampien'. 

Vereinzelt  stehen  gredn.  //e/c  bad.  ficht,  die  nicht  direkt  auf  flagcllarc  zurückzugehen 
brauchen,  sondern  Neubildung  von  fiel  sein  können,  vergl.  rercjd  in  Novate  (Mailand)  und 
im  Komaskiscben,  span.  apalear,  astur,  (jarrotiar. 


Abbildung  40.    Mosaik  aus  der 

Kathedia  von  Aosta  nach  Di- 

dron  Aine,   Annales  archeolo- 

giques  XV,  p.  ii()4. 


Zur  Gesclilclite  der  Drescli gerate. 


243 


n 


'1. 


töicdOr 


■^. 

D.ubs         / 

J„r. 

P".'-iie  Domo 


VP'S  Mariilma 


l)io  Vcrteilimt,'  der  Ausdriii'ke  ITir   FIfi/il  in  Kraiikroicli   iiaih   liiliicroii-E<lmoiU. 

Alias  liiij;iiisli(iiu>  do  la   Kianco  /l)\iii.     I.  inairhcur,   -2.  i'coiissfui;    X  tvryi-,  +.  die 

Dreschwalzc.    Üherall  sonst  ist  flAiH  rtlilicli. 


St* 


244  W.  Meyer-Lübke. 

Rum.  hnUaü  'mit  dem  Flegel  dreschen'  ist  slav.  mlatiti. 

Alle  die  geschilderten  Arten  des  Dreschens  werden  im  romanischen  und  germani- 
schen Em-opa  bald  nur  noch  der  Vergangenheit  angehören.  Das  bezeugt  Jeaujaquet 
für  die  französische  Schweiz,  das  habe  ich  vor  dreißig  und  mehr  Jahren  in  der  deutschen 
beobachtet,  das  gilt  nach  Pufcariu  für  Rumänien,  das  schreibt  die  Mehrzahl  der 
italienischen  Korrespondenten.  'In  oggi  la  trebbialura  meccanica  e  universalizzata  anche 
nelle  piü  piccole  fatture  e  nelle  regioui  piü  montuose  usando,  ben  inteso,  macchine  dl 
differente  potenzialitä  (Macerata);  tranne  che  per  qualche  caso  eccezionalissimo,  ormai 
h  diffusa  in  tutta  la  provincia  la  trebbiatura  a  macchina  (Padua);  oggi  si  trebbiano  i 
cereali  esolusivamente  con  trebbiatrici  a  vapore  (Apulien)'  usw.  Wie  denn  auch  in  Padua 
und  anderswo  nuicrhinare  il  frumcnto  gesagt  wird.  Dazu  steht  als  Ausnahme  Serra 
Pisloiese  hatten'  für  Dreschen  mit  dem  Zusatz  'non  si  usa  trebbiare,  perche  sconosciute 
le  macchine  per  trebbiare'.  Vor  allem  aber  Sardinien  nach  M.  L.  Wagner:  'Dresch- 
mascliinen  sind  erst  in  jüngster  Zeit  eingeführt  worden,  aber  so  selten,  daß  ich  auf 
meinen  Reisen  nie  eine  zu  Gesicht  bekommen  habe'. 

Die  Geschichte  der  Dreschmaschine  und  ihre  Kämpfe  mit  den  älteren  Geräten 
zu  schreiben,  wäre  auch  der  Mühe  wert.  Dabei  käme  noch  mehr  als  sonst  auch  in 
Betracht,  wie  sich  die  Cerealieu  und  Leguminosen  und  die  Dreschwerkzeuge  zuein- 
ander verhalten.  Mehrfach  dient  in  Italien  der  Flegel  speziell  zum  Enthülsen  der 
Bohnen,  während  für  das  Getreide  die  Walze,  die  Tafel,  die  Maschine  verwendet  wird. 
Daneben  sind  aber  gerade  für  die  Bohnen  noch  ganz  andere  Werkzeuge  in  Gebrauch. 
Davon  vielleicht  ein  andei-mal. 


-O- 


Wörterverzeichnis. 

Von  Fr.  Pogatscher. 


Ui'-Iiidoierorinaniscli. 

*(ir  64 
*l,lel-  236 
*W,'/,"  105 
*huOhr()  42 
*hhar  61 
*bh,eH  189 
*bh)a  1S9 
*W(;-HH   189 
"hhulk  105 
»rfe»»  SB 
*(leiii-fipoli  88 
*r/fö///io  106 
*(/(•«  62 
^tncs  172 
Vtetf  100 
*;/elak-  100 
*(/eupä  107 
*(/nnlih  40 
*ij>iai/h  46 
*^'-'ebhnria  195 
*«•  62 
*i<;M  97 
»i«  85 
•i-«  62 
*2"e/-ä  26 

*il-H«/6'   97 

*/«7/7!  204 
*(»nr  64 
*  1)1(1  ri  64 
"mat-sto  189 
*/»e/  166 
•»«;%  100 
*»/<•%  100 
*melf:/  100 
*/H<-/f(/    100  f. 

'inelek  100 
•»lo/ffc"  100 
*)itehio)»   100 
•m<'7(/  102 
*»»('»•  6 
*m-e  68 


*'i»ems-[ä]  95 
*//i/i-<  100 
*»iw/  166 
*iiiurs  6 
*«ä«  23,  105 
*H(;s  169,  171  ff. 
"ms  172 
'  nennt  io  172 
*»<'.s-?o   172 
*/iä>-  172 
*«M  23,  165 
"oß  174 
^ojmxi  174 
>■»(?  177 
>.'/i//t  192,  194 
>•»•  165  f. 
*phi!<Ioiii  6 
*^;/.fc  236 
*/m/;j  193 
*jmtln-hlus  193 
>H/7(«<;  193 
Vo/i  194 
*ponth  192,  194 
*I>onthnö  192 
*li(itiHi(ii  198 
"ponthuCO"  193 
*po?/  88 
",s-(A-  64 

*.s-/;w»-ix  103 

'■sk(h)ed  103 
•,<i^<;«rf  177 
•sj)«)»//*  179  f. 
*«i)c'»/o  180 
*spwlh,l  180 
*xpiinil  177 
*spomlh   180 
*spontllino  180 
•s;>/i.'(irf  180 
•,s7)C/<;.-r  164 
'stuhCh)  21 
*>/.//)  21 
V.'6f/(;  21 


*«<<;?/)  200 
*istemb(h)  21 
*ste(m)b(h)  22 
*s/)H/yp  20 
"stümbo  20 
*.s.>ts«  106 
*^'rc.9ö  215 
*/o  62 

*lreffh  -\-  sqö  216 
*<rj  —  sto  91 
nritios  91 
*/;■//<;«  91 
*/r2//'ö  215  f. 
»/ör  99 
*7Mfc  97  f. 
^tuöroyhoa  97 
*tuör)ghos  97 
•/Moros  97 
*(■}  80,  *h/  207 
V  62. 

.Vltiiuliscli. 
aA-M<{s  22 
aüj  22 
(5»((/a  22 
ayas  27 
arbhaküs  98 
ürhhagas  98 
alqkaris)}i'i  80 
Avalokitesrara  83 
*ns<//i/«  172 
ästam  172 
Indra  83 
Vpt-ndia  83 
kafi/a  82 
A'/f/m  82 
i-i'iajn  82 
</ai-a(ta  81 
ffiiriifla  81 
yanit  81 
giirütmiiul  80  f. 
giräti  81 


gravan  26 
(•«  ca-Te-h  68 
Jagannätha  82 
iiV'?i(!  80  f. 
tririh-a  81 
trisüla  83 
rfow  88 
näK}?  23 
Namlin  83 
ntisiiie  169 
näsatya  172 
njsate  170 
jxithd.i  193 
;)n^/i/  193 
jxinthäs  192 
/>«SM  104.  107 

i'iV/-  82 
phwsli  26 
piftäm  26 
pVämbara  82 

hadhirä  42 

M/a  203 

Brhaspati  64 

W»i(,s-  189 

mnrjati  100 

niärjiti   100 

»ir>V/  100 

iiirsäti  100 

i/rijj  97 

ifoHin  82 

»•!((/,  ruditi  83 

nidrä  83 

Kiidra-Sira  83  f. 

/iu(/(i  83 

Lokesrara  83 

rä/mtid  83 

ri-  80 

ri7(»ii  81 

T'i,s(ii(  SO  IT. 

snmitihTädhiräsa  82 

Sliiyn  8*2 

gkh.i.l.ilf  103 


246 


Wörterverzeichnis. 


stabhnätl  21 
stabhnuti  21 
stamhä  21 
stoiiihai/hauä  21 
stambha  21 
spandate  178 
spandands  178 

&•»«■  81,  83  f. 
hiiijumuhha  81 
haijasirah  81  f. 
hiirihatja  81 
lir}lkes(i  82. 

Iranisch. 

flw?ir(  av.  169  f. 
/«»•*■  av.  96,  98 
tüirya  av.  96 
^las»  av.  104 
pdsimiän  airan.  107 
/«(«Htt  jgav.  107 
NaKhaiiit/n  av.  172 
f/oos  av.  85 
sjmnilr  paniir.  181 
itihün  npers.  107. 

Armeiiiscil. 

erhan  26 
Um  219 

carcar  224 
maJem  26. 

Griecbiscil. 

äßiip  116 
"Abpaßai  4.5 
äXwäv  228 
äpeX-feiv  110 
äStJuv  14 
äöTEiaqjrii;  21 

'•ßdara  .34 

ßaaTareiv29,  32,  34f.,38r. 
ßaöTciZo?  ngr.  38 
ßaöTciKTrii;  38 
ßdöTaH  29,  35,  38  f. 
ßdöTOV  34,  38 

ßuOTOV    IC    38 

ß^qiupa  böot.  195 
ßouXi'i  87 
ßoitTupov  97 
ßpoKciv  100 
ßÜLiKoc;  116 

■fd\a  100 
Te  68 


Ytq)upa  195 
y6|j<P0(;  43  f. 
Ypdcpeiv  204 
TÜTtn  107 

beiKvuvui  87 
biXeap  91 
beöTTÖTri?  88 
b^tpupa  kret.  195 
biKdZeiv  34 
biKeiv  87 
bkn  34,  87 
boKÖ;  189 
böio  34 
botdt€iv  34 
böno?  88 
bouKuvii  221 

^YTi"!  90 
^YT>J'1öi<;  90 
^Ttaqpi'i  93 
itiiOTtevae.  177 
iu\o-!xivhe\v  177 
^iriOTitvbeööai  177 
^pTdZ;ec!aai  34 
^pYov  34 
ipirpeiv  197 

^pKO?  41 

ZeuYvuvai  85 
ZuYÜc;  71 

*r\pwJ^o<;  193 
fipoK;  193 
iiauxiu  116 

ö^m?  86  f. 
O^Hiuöc  87 


lYbil  4 
i'Ybi?  4, 


21 


"KdlJUKTOV   38 

KdnoE  38 
*KU|aaxTOv  38 
Kdiaßoi  45 
Kdunoi  45 
KXr|povönO(;  90 
KXfipo?  90 
Kobopeiov  5 
Kobopeüetv  5 
KüTravo?  231 

KÖHTEIV   5 

Kpiöii  216 


Kpiveiv  87 
Kuavo?  45 

Xi^Yeiv  204 
XenlJeiv  5 
Xipa  34 
Xi|.iuZeiv  34 

laaOeiv  87 
Hddn  87 
(aaiTup  ffivL  205 

).ldpTIT£lV    100 
Htv  68 
(.leöiTTi?  93 
Hdao?  93 
jJtTavuaxri;  170 
pvanov  gort.  205 
püXf|  26 
nOXo?  26 
(auarripiov  205 

vaidni?  170 
vaieiv  170 
v^eadai  168  IT.,  172 
VEKpoßdOTaE  39 
\iiitiv  87,  90 
■'vivoopai  170 
viaeoOai  170 
viaaeoöai  170 
vöno?  87 
''voaJcK;  169 
vöao?  169 

iepd  vöao?  93 
vöaxifioi;  170 
vöoTO?  168,  170,  172 
voOaoi;  169 

touTidvoi;  njjr.  108 
SupiT  97 

oiKabe  170 
oiK^Tr|i;  89 
oIko?  89 
oi'cpeiv  174 
ßXno(;  14 
öjiTTvai  174 

ÖILITTVII    174 

"OnTtvIu  174 
ö|LiTrviO(;  174 
ötüYttXa  102 
*ÖTtuia  174 
önuieiv  174 
öp^Y^iv  85 


öpo<pri  197 
öpocpo?  197 
Ouvvoi  45 
öqjpO?  189 

TTOÖetv  87 
•ildöti  87 
Ttapexeiv  173 
Tidpöevoi;  44 
TTdpiaai  45 
Tidroc;  193 
TTrivcXöireia  174 
*Ttüvau)i;  193 
VövToio?  193 

TTÖVTO?    192 

TToaeibiüv  198 
uTiaaeiv  5,  26 
UTÖpSoi;  44 

()OKdvn  220 
poKdvri  böot.  221 
fjouKuvri  221 
fiuKuvri  221 
{)dj|aii  116 

ödY^ct  33  f. 
odiTeiv  33  f. 
0Kapiq)decr9ai  204 
OKcbavvüvai  103 
öKibvaööai  103 
andbr]  180 
atraipeiv  164 
öTT^vbeiv  177 
oit^vbeaöai  177 
önivbeipa  181 
cmvbfipa  181 
aiiovbii  177 
öToXa  34 
axaXdliiv  34 
OT^pßeiv  21 
OT^IncpuXov  21 
OToßdleiv  21 
öToßeiv  21 
aulvfia  85 
auvi^vai  100 
aepevbövti  180 
a90pa  14,  164 
*oqpupja  164 
atpupöv  164 
ax^bn  103 
öujceaOai  171 
aihpuKOc,  97  f. 
öuupö?  97 


Wörterverzeichnis. 


247 


rä\\c,  44,  47 
Te  68 

*T.Fd)paKO<;  97 
tZöko?  106 
TiO^vai  80 
TiTuöKtaOai  221 
■zopLT]  97 

Tp^q)6iv  (-faXa)  97 
Tp^X^iv  215 
Tpißeiv  5,  215  f.,  221 
TpißoXa  221 
Tpißo\o(;  221 
TpiKavr)  221 
TpoqpaXi'i;  97 
Tpufavri  221 
TiJO|inTdvii(;  ngr.  108 
TOOTidvii^  ngr.  lOS 
Tooudvo?  ngr.  108 
tiichait  knukas.  gl'.  221 
TUKdvn  217,  221 
TUKiZeiv  221 
TUKiana  221 
TÜK05  221 
Tuvdvri  221 
TÜitxeiv  228 
Tupoc;  96  IT. 

ÜTiepoi;  4,   14 

(pdilana  lesl).  34 
qpdvTUYIita  "34 
«ppaTr^^'ov  231 
qipiiTCiv  5 
q)pUY€Tpov  5 
qjiÜYCVOV  5 
fpÜJYfiv  5 

XapuKiov  38 
Xnpo;  89 
Xnpwtni'ii;  89 

i|i((itiv  .%. 

Albancsiscli. 

hii-c  97 
iiiief  "Kt 
l)ri(<ii'  105 
lifK!/   KT). 

Liitciiiiscli-Komaniscli. 

nbastd  iipiov.  Xi 
iihiila  al'iz.-ji'nl.  3!ä 
(iMli-  atV/,.-jiiil.  34 
acnmcinre  il.il.  :!0 
(H'A)rt  goi).  '.'11 


accoiqiler  frz.  241 
(Kieps  lat.   179 
(ipatze  Schweiz.  241 
(iviiulUis  lat.  86 
"CS-  lal.  ^7 
iilJidije  frz.   1 1 5 
(ilfivr  frz.   1 1.") 
(ii/iiso  liit.  '214 
(ii/cre  lat.  'iii 
(ii/uliiiti  lat.  241 
ni/ufi  eng.  115 
nkupliir  pik.  241 
allir/nre  lat. 

nllif/arc  pecitniam  90 
*aniii-fiu  lat.  205 
(imiiv!  lat.  205 
nmm((kK-<ire  ital.  ilial.  242 
fiHchii)  ital.  22 
<i Ileus  lal.  22 
(iiif/nilii  ital.  ilial.  241 
«/(o  frz.  1 1 9 
iiiitiileiiiia  panii.  241 
iipiili'fir  Span.  242 
Ajiii/lii  lat.  64 
*(itttif!ciire  lat.   1 15 
(»7;(7c/-  lat.  92 
iiyhltriitin  lat.  92 
((/•c//  al'rz.-jiid.  32 
or/»  ilal.  :!l 
iirruiiic  IVz.   I  16 
iirsciKil  frz.  1  19 
fo-iv'  frz.   1 19 
arsidou  prov.   1 19 
osta  Schweiz.  240 
rts»  Schweiz.  241 
atiiint  nun.   1 1 1  f. 
*atteii<irc  lal.   1 1 1 
*attenorarc  lat.   1 1 1 
iizzettnrc  cal.  iic.iii.    114 

hacfhi'ii  ital.  38 

((/  hacchio  38 
hucdlitm  lat.  241 
*liia-sfii>ii  lat.  38 
tmailiiiii  lal.  38,  228,  233 
/««/'/  oliw.  241 
/«k/  eng.  241 
bakrrot  frz.   1 16 
/«/A-c/n  herg.  241 
/«»^  ilal.  213 
hiiliiin/iii  ilal.  ilial.  2:>9 
/)«/./.;  kalal.  201 
liditcii  ilal.  227 

bullere  (I  biiiieo  227 


iffrc«  ilal.  118 
barkessa  ital.  dial.  US 
harilld  südfrz.  226 
btirülnire  südfrz.  226 
b(ii£  zenlralfrz.  lls 
bas  breton.  33 
basi's  lat.  240 
basone  sard.  214 
bast  28  ff. 

bast  afrz.  33 

6«.?«  prov.  28,  33 

hast  span.  33 

hast  kat.  33 

i«.s-;  ilal.  34 

hite  de  bast  frz.  37 

enfant  tic  hast  frz.  37 

ßls  de  bast  afrz.  36 

(fils  de  bns)  afiz.  36 

fils  de  bast  frz.  37 
*basta  30,  35 

/;«.s7ft  prov.  34 

hasta  span.  portg.  30  f. 

basta  ital.  30  f.,  33  f. 
*bastachiare  29 
bastai/a  ital.  35 
bastaye  aragon.  valenc.  38 
bastar/io  ital.  29,  38 

baatagio  tosk.  38 
bastai  aprov.  prov.  kalal. 

29,  39 
bnstais  aprov.  38 
bastäu  portg.  29,  37 
bastar  aprov.  30 

bastar  prov.  28,  32 

bastar  span.  28,  32  f. 

bastar  poilg.  28,  32 
bastard  fiz.  37 
bastardo  spaii.porlg.2S,  36 

bastardo  ital.  28,  36  f. 
bastare  ilal.  28,  31  f. 
bastart  prov.  28,  36  f. 

bastart  kat.  36 
*basiassare  29 
bastats  mallork.  38 
baslaj-  lat.  39 

basta.r  kat.  29.  38 
baslaxiit  sard.  38 
baslazo  von.  38  f. 
basta^ii  39 
6n.>7c  afrz.  30 

iHtsle  aragon.  33 
baslear  span.  portg.  30 
bastecer  span.  33 
basier  agaliz.  30 


haslerna  lal.  29,  34  f. 
Hasterna  37 
basti  ilal.  29 
6r(.s7/  prov.  30  f. 

basti  nprov.  30 

hast'i  aslur.  31 

basti  ilal.  32 
bastia  ilal.  30  f. 

baslia  florent.  30 
bastida  prov.  30  f. 

hastida  aspan.  30 
bastido  portg.  29 
baslidor  span.  portg.  29 
bastle  afrz.  30 
*basti;/a  35 

biistif/a  span.  38 
bastimen  prov.  31 
basliniento  ilal.  31 
bastln  ilal. 

bastln  da  fachin  I  34 
ha.stione  ilal.  30 
6n.s/i>  prov.  28,  30  f. 

/«(s/ir  span.  28,  33 

ba.slir  porig.  28  f. 

i[(rt*7/>  kat.  30  f. 

Än.s-^/r  ilal.  29 
hastlre  30,  32 

baslire  ailal.  30  f. 

i«,7i»e  iUl.  28,  31 
basilta  ital.  30 
*baslo  30 

ft(j.<to  nprov.  30 

basto  span.  28,  32  f. 

basto  portg.  32 

6(w^.  ilal.  28.  33  f. 
baslii  adj.  span.  39 
baxton  span.  29.  37 

baston  ital.  238 

baslon  nun.  29 
baslön  prov.  29 
*basltine  38 

ft((.s7.»i<-  ital.  29,  31.  37  f. 
bastoni  ilal.  dial.  2.38 
bostrece  allp«rug.  35 
bästreija  .'ireL  3.5 
Mstrica  ilal.  3-5 
hastrii/a  ilal.  35 
&(».</!(  span.  39 
*b<uitiii»  'Xi,  ;ö 

ba~itiim  laL  37  f, 

ba.iliim  s\v\\\.  34 
fxi.s-^K.s-  lat.  37 

An.«/».«  nilal.  32 
&<i/  frz.  dial.  2;lS 


248 


Wörterverzeicli  iiis. 


bat  ilnl.  dial.  238 

Mt  frz.  28,  4:? 

lala  ital.  2Ii.  2:iS,  241 

k'ttu  IVz.  dial.  241 

bafali  friaul.  233 

fcdfncrf  Irz.  28.  36 

batauro  ital.  dial.  237 

hatai/n  ital.  dial.  238 

hatdiir  ital.  dial.  216,  223 

bafe  rum.  38 

6n<e  jur.  241 

bater  239 

balh/ran  ital.  dial.  238 

bälimeiit  frz.  .31 

M^r  frz.  28  IT. 
J(!/;V  afrz.  30 

batolla  katal.  238 

baton  ital.  dial.  238 

irf^<»  frz.  2!l,  37 

batschhiiDia  ital. dial.  1 14 f. 

biitt  II  pas.son  niail.  214 

hiifle  frz.  24() 

battirc  lat.  238,    241 
—  ital.  223.  242 
buttere  a  banco  'iil 
baltere  a  bolte  228 
batlere  a  tokku  239 

battiloio  ital.  dial.  237 

battitnio  ital.  dial.  223 

battiiere  lat.  38 

batul  frz.  dial.  238 

batur  lolhr.  241 

J««»)-«  ital.  dial.  238 

battuija  ital.  dial.  238 

biiuderon  waadtl.  201 

bcscl  ital.  dial.  240 

bQtüi  lothr.   119 

biculiin  loml).  piem.   114 

biciliin  loiiih.  pieiii.   114 

biciolan  ital.  dial.   Il.j 

biWi  ol)w.  241 

bifolco  ital.  105 

W.S  lat.  10.5 

biscineula  ital.  dial.   114 

bisiihhia  ital.   114 

bit.iehalö  eng.   1 1 4 

boiplä  bresc.  114 

boi^oU'in  mant.  114 

bodina  nilat.  42 

bonum  lat.  89 

bniionim  jmsscxsio  89 
ioyi/s  interdlcere  89 

bondroH  frz.  201 

bozzilan  parm.  114 


boz:olao  ven.  114 
irfi^s  Schweiz.  241 
hriyiil  eng.  231 
l/riiilln  siz.  239 
brnder  fiz.  29 
*brni/vlli(s  lat.  2,36 
brnidar  prov.  29 
brosliir  aspan.  portp.  29 
briistare  ital.  29 
biibiilciis  lat.  105 
/«»•/o«  ital.  dial.  217 
hiitschald  eng.  1 14 
biilscheUfi  eng.   1 14 

aihiiUiis  lat.  239 
(■«6o  portg.  240 
cnlcare  lat.  214 
camailare  .senes.  38 
cum  dt  o  ital.  38 
Ciiiiibns  lat.  45 
ciindei'o  ver.  1 15 
caprinmlgus  lat.  167 
(•«/>«/  lat.  240 
cnr^t/  ital.  dial.  238 
(■".w  ital.  1 18 
caseiis  lat.  97,  99 
casiila  porig.  242 
caitrii  prov.  214 
ciinrilea  miat.  239 
rriidiimo  ver.  11.5 
ehappe  frz.  242 
r7(nc  afrz. 

/lAs  rfc  c/jrt)'  37 
ihnrnie  frz.  240 
cheniiil  pik.   120 
chiliis  poilev.   1 16 
chiniiyli  ital.  dial.  239 
chiiisir  frz.  30 
(•7»)/.r  frz.  30 
i-liHiitnn  frz.  dial.  229 
Cliuiiui  lat.  45 
ciliiidro  niail.  226 
(•(■»(«  sene.s.  241 
diiHsnm  lat.  116 
ciirir/iihim  lat.  217 
coir«  span.  214 
coenaculum  lat.   120 
t'p/n  lomb.  pieni.   1 14 
co^/rt  span.  214 
(»Jim  ital.  242 
commercium  lat.  90 
como  ital.  35 
conJHijiiun  lat.  85 
consilium  lat.  86  f. 


consid  lat.  92 
coramen  lat.  241 
cnriiim  lat.  241 
correyijliito  ital.  dial.  238 
fiirreio  portg.  241 
ciirriffia  lat.  241 
cDi-rigia  ilal.  238 
cremnre  lat.  65 
crexcere  lat.  215 
ciii/no  neap.  242 
c'iiWn  lomb.  1 14 
currus  lat.   103 

(/«(•<;  lat.  89 
därjea  rum.  240 
rfn<od  lat.  176 
rfeij7is  lat.  203 
decimare  lat.  62 
despensa  span.  ]iortg.  179 
dictatored  lat.   173 
dispensa  ital.   179 
f/o?«,s'  lat.  91 
dimiHS  l.it.  88 
ditbitare  lat.  62 
rf»o  lat.  62 
*du-oi\a  lat.  89 

echiihis  frz.  38 
cchiirpe  frz.  242 
icousseur  frz.  237 
fo(  frz.   117 
i'niric  frz.   117 
c/re  ital.  222 
*e;cj-  lat.  222, 
emiinripatio  lat.  88 
ciiibasta  prov.  34 
enredonrii  jiortg.  241 
enjalmar  span.  35  f. 
enxaJmo  portg.  34,  36 
o-r/ffr/rt  ital.  dial.  238 
erigere  lat.  85 
cncharas  afrz.  38 
escourre  afrz.  237 
iscraser  frz.  239 
escK  afrz.  117 
escnier  afrz.   1 1 7 
csciirie  afrz.   117 
cspondes  afrz.  ISO 
psro  Schweiz.  115,  12(1 
estampar  span.  liorlg.  21 
extampe  frz.  21 
cstampcr  fiz.  21 
«»■/re  afrz.   115 
estres  afrz.   120 


äampe  frz.  21 
c/rn  savoy.  120 
(7rt'  lyon.   120 
i'lreli/ii  scinvoiz.  241 
fVro  lydii.    12(1 
(7/-o^  frz.   120 
t7.w;)  242 
i'tserpii  wall.  242 
*e.rciirlHs  lat.  48 
excnssorinm  lat.  239  f. 

excusnoria  241 
excutere  lat.  237,  242 
*exiienda  lal.   179 
*e.rpundii  lat.   179 
c.(7f/-rt  lat.   120 

/■»»i/Ym  lat.  89 
fiiiitaiima  prov.  34 
finilüme  frz.  34 
/"".s'  lat.  8.5 
/"..''"'^  frz.  120 
A';-(/rf  ilal.  dial.  233 
^d/eZ?/'  ital.  dial.  233 
fistiila  lat.  6 
piiilcUiire  lat.  242 
fliii/ellum    lat.    233,    236, 

238  ff. 
"fliigilus  lat.  236 
/?cV)t  frz.  231,  237 
//l'/  gi-edn.  233 
//c/c  gredn.  242 
^CT-  ital.  dial.  233 
/?(7/e  frz.  dial.  238 
flid!  obw.  233  ' 

flu  frz.  dial.  237 
///(f//  obw.  233 
forma  lat.  97 
foniiiidiiU  mlat.  97 
f'onniiggio  ital.  97 
forniafiriim  lat.  97 
fvniiaticHs  lat.   97 
founiil  frz.    120 
/•;■<«■/  ital.  dial.  233 
friigellum  lal.  231,  233 
/'rr(//»  krem.  240 
friilerniU  frz.  00 
friiyelle  ital.  dial.  233 
frin/ellii  ital.  dial.  233 
/Vr/  ital.  dial.  233 
fr(7/'r  gredn.  240 
/■/■i'/(///-  friaul.  233,  240 
frezial  ital.  dial.  233 
frczicl  ilal.  dial.  240 
froiiKigc  frz.  97 


Wörterverzeichnis. 


240 


frwsto  ital.  238 
fulcire  lat.  105 
funilel  ital.  dial.  232 

fll«  frz.  tlial.  237 

(/alavija  ital.  dial.  23'.) 
ynnuich  prov.  38 
giinmUo  aven.  38 
giirce  frz.  4fi 
(/(ir(;(iii  frz.  4(j 
gavrote  astur.  240 
garrotiuv  astur.  242 
^'a*'«  frz.  46 
ffomhhifi  tosk.  241 
l/riiphiiini  lat.  23il 
(/iviftahiscio  ital.  210 
.(/(■(.'//"e  frz.  239 
(juccidatu  siz.  1 14 
f/notld  ital.  dial.   1  lö 
;/»(•